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Exklusiv Interviews

14.02.2019 michaela boland trifft...

GFDK - Michaela Boland

Erstveröffentlichung am 10.02.2016 - Was kann schon eine Scherbe? Die meisten Leute werfen sie schlichtweg achtlos weg. Wird doch der Wert einer Sache regelmäßig an deren Tauglichkeit, der Neuheit, ihrer Funktionalität und vor allem ihrer Schönheit gemessen. Perfektion lautet die Devise.

Zerbrechlichkeit oder gar Zerbrochenes kommt eigentlich nicht in die Tüte. Ein Schlingel, wer dabei Übles denkt und auf die Idee kommt, diese Betrachtungsweise könne womöglich gleichsam für die Bewertung von Menschen gelten. Oder vielleicht doch?

Pari Moradi sieht in den Trümmerstücken einst schön anzusehender Tongefäße weitaus mehr als wertlosen Müll. Die Künstlerin nimmt sich der Einzigartigkeit jener Restbestände an und mehr noch: In ihnen sieht sie eine Metapher für den Menschen. Und? Ist diese Sichtweise wirklich so weit von der Realität entfernt?

Wie einzelne Scherben andere stützen, sehr wohl Wertigkeit besitzen und Kraft haben, hat die gebürtige Perserin in ihren Werken umgesetzt.

Im Rahmen der aktuellen AusstellungBerge begegnen sich nicht – Sechs iranische KünstlerInnen“ können die sehenswerten Bilder noch bis zum 20. März in den Räumlichkeiten der Michael Horbach Stiftung in Köln betrachtet werden. Dabei sollte man nicht vergessen: Scherben bringen Glück.

Michaela Boland: Die AusstellungBerge begegnen sich nicht“ ist noch bis zum 20. März 2016 in den Kölner Räumlichkeiten der Michael Horbach Stiftung in der Wormser Straße 23 zu sehen und besteht aus Exponaten der Künstler Mahssa Askari, Bahar Batvant, Gila Abutalebi, Linda Nadji, Reza Nadji und Ihnen, Pari Moradi. Gibt es abgesehen vom iranischen Hintergrund noch weitere Gemeinsamkeiten mit den anderen Künstlern dieses Projekts?

Pari Moradi: Nein, überhaupt nicht. Zwei der Künstler kannte ich zuvor noch nicht. Sie waren eine Empfehlung des Kurators. Die drei anderen kannte ich bereits durch Michael Horbach, einen davon hatte er nämlich früher bei seinem Projekt unterstützt. Daraufhin haben wir dann auch dessen Schwester kennengelernt. Eine weitere Künstlerin war eine Bekannte von Michael.

Michaela Boland: Wie ist die Idee zu dieser Gemeinschaftsausstellung entstanden?

Pari Moradi: Die Idee war zu zeigen wie Künstler, die selbst im Iran geboren oder iranischer Abstammung sind, sich in Europa weiterentwickelt haben. Welche Kunst machen sie unter dem Einfluss europäischer Kunst? Wären wir im Iran geblieben, würden wir heute bestimmt andere Kunst machen.

Michaela Boland: Haben Sie die Werke im Hinblick auf dieses Projekt erst geschaffen, oder gab es sie bereits und wurden nun alle lediglich zusammengestellt?

Pari Moradi: Die Scherben male ich seit zwei Jahren, da war diese Ausstellung noch nicht geplant. Dann entstand aber die Idee hierzu und das passte natürlich, weil ich eben auch iranischer Abstammung bin. Aber speziell für dieses Projekt waren die Bilder nicht geplant.

Michaela Boland: Bei dem Ausspruch „Berge begegnen sich nicht“ (Menschen schon) soll es sich um eine persische Redensart bzw. Weisheit handeln. Was ist damit gemeint und wie findet sie sich konkret in Ihrer Gemeinschaftsausstellung wieder?

Pari Moradi: Es bedeutet, dass sich entfernte Freunde oder Bekannte immer nochmal an einem neutralen Ort treffen. So ist die Redensart zu interpretieren. Bei uns Künstlern ist es auch so, dass wir uns vorher quasi gar nicht kannten. Die Gemeinsamkeit zwischen uns besteht aber darin, dass wir aus dem Iran kommen und dann treffen wir uns eben hier in dieser Galerie in der Südstadt und stellen alle zusammen aus.

Michaela Boland: Wurde denn von einem der insgesamt sechs beteiligten Künstler dieses Thema des Ausstellungstitels, also das iranische Wiedertreffen an neutraler Stelle, nochmal in irgendeiner Weise umgesetzt?

Pari Moradi: Nein.

Michaela Boland: Sie selbst sind Perserin und 1977 in Teheran geboren, haben auch einige Zeit dort gelebt. Was bedeutet es heute in Deutschland als Gegenwartskünstlerin mit Migrationshintergrund zu arbeiten?

Pari Moradi: Schwierige Frage. Also, die Kunst, die ich mache, ist unabhängig von meiner Kultur oder meinem Land. Auch versuche ich neutrale Kunst zu machen, denn ich sage immer, „wir wurden zufällig irgendwo geboren und das ist alles“. Da, wo wir gerade sind, da gehören wir hin. So ist das auch in meiner Kunst. Diese ist überhaupt nicht persisch, sondern das bin ich einfach. Ich bin zwar im Iran geboren und aufgewachsen und seit 14 Jahren in Deutschland, aber, ich mache Kunst, die zu mir, also zu meiner Person passt.

Michaela Boland: Anlässlich Ihrer Gemeinschaftsausstellung war im offiziellen Pressetext auf der Seite der Michael Horbach Stiftung zu lesen, dass alle beteiligten Künstler Pate stünden für eine junge bis mittlere Generation deutscher Gegenwartskünstler mit Migrationshintergründen. Was sollte dieser Hinweis insoweit zum Ausdruck bringen?

Pari Moradi: Ich denke, man sieht das. Das, was unser Land und unsere Kultur ausmacht, kommt irgendwie auch in unserer Kunst rüber. Vielleicht manchmal nur anhand von Kleinigkeiten.

Michaela Boland: Was würden sie als Beispiel benennen?

Pari Moradi: Zum Beispiel bei Gila Abutalebi. Ihre Arbeiten sind sehr persisch. Sie arbeitet mit Buchstaben. Diese sind zwar nicht persisch, da sie gar nicht persisch schreiben kann, denn das hat sie nicht gelernt, weil sie hier aufgewachsen ist. Aber die Art wie sie arbeitet, daran sieht man, dass es persisch ist. Oder auch die Arbeiten von Reza. Seine Bilder handeln von Teheran.

Michaela Boland: Sie zeichnen Sich dadurch aus, vorwiegend in Serien zu arbeiten mit immer wiederkehrenden Themenkomplexen. Jetzt haben Sie Tonscherben gemalt. Was hat es damit auf sich?

Pari Moradi: Die Tonscherben sind für mich eine Metapher für Menschen. Keine zwei Scherben sind gleich. Ebenso wie wir Menschen. Wir sind alle einzigartig. Gemeint sind eher schwächere Menschen. Und das sind wir alle. Wir haben alle immer mal eine oder mehrere Phasen im Leben, in denen wir schwach sind. Doch auch in der Schwäche haben wir sehr viele Stärken.

Ältere oder kranke Menschen sehe ich genauso als Scherben. Genau die habe ich in der Mitte meiner Bilder positioniert, um zu zeigen, die haben auch ihre Werte. Ich habe sie sogar erhoben. Normalerweise ist eine Scherbe ja etwas, das du wegschmeißt. Dadurch jedoch, dass ich sie als Objekt in die Mitte meiner Bilder genommen haben, habe ich ihnen einen Wert gegeben. Es ist doch so: egal wie alt, wie groß, wie reich oder wie schön wir sind, oder gar krank, wir haben alle unsere Stärken und Werte.

Michaela Boland: Also Tongefäßscherben als Metapher für Menschen – Wie ist die Ursprungsidee dazu entstanden? Sie beschäftigen sich ja seit Jahren beinahe ausschließlich mit jener Thematik.

Pari Moradi: Das kam so: Wir sind ja im Sommer immer auf Mallorca und die Serie, die ich vor den Scherben hatte, waren die Vasen. Die habe ich erst auf Mallorca gesehen, denn dort gibt es in allen Häusern und auf Fincas immer sehr schöne Vasen. Damals habe ich die Vasen-Serie auch als Metapher für Menschen gesehen. Stichwort: Zerbrechlichkeit.

Eine Vase kann schließlich sehr schnell hinfallen. Aber: Sie kann wieder zusammengesetzt und restauriert werden. So wie wir Menschen alle Narben und Verletzungen aus der Vergangenheit tragen, so sind auch die alten Vasen. Auf diese Weise hat es also vor vier Jahren auf Mallorca angefangen. Nach dieser Serie habe ich dann quasi nochmal reduziert und sozusagen die Scherben aus den Vasen umgesetzt. Danach sogar erneut reduziert und einzelne Scherben nochmals als Metapher für Menschen herangezogen.

Michaela Boland: Sozusagen eine logische Weiterführung der Thematik?

Pari Moradi: Genau, eine Fortsetzung der Vasen.

Michaela Boland: Was könnte danach kommen?

Pari Moradi: Ich weiß es noch nicht.

Michaela Boland: Die Inspiration kam Ihnen auf Mallorca. Erinnern Sie Sich auch an besondere Momente, in denen Ihnen Ideen zu speziellen Bildern kamen?

Pari Moradi: Meistens ist es so, dass ich male, was ich denke und was ich gerade fühle. Als ich die Vasen-Serie begonnen habe, war eine schwierige Zeit. Als ich eine kaputte und anschließend wieder zusammengeflickte Vase auf der Finca gesehen habe, dachte ich, „ja, das bin ich“. In der Vase, die so viele Narben und Brüche hatte, habe ich mich gesehen.

So habe ich das erste Bild gemalt und dann wurde auch schon eine Serie daraus. Genauso war es mit den Scherben. Es sind für mich Menschen und Gefühle. Manchmal hält eine kleine Scherbe eine große. Hin und wieder können wir, obwohl wir schwächer sind, trotzdem Stärkeren Halt geben. Auch Kinder können Eltern oder Erwachsenen Halt geben. Bei zwei oder drei Scherben auf einem Bild sind meistens die Beziehungen zwischen den Menschen gemeint.

Michaela Boland: Wie gehen Sie technisch am liebsten bei der Anfertigung Ihrer Bilder vor?

Pari Moradi: Ich habe Bleistift-Zeichnungen auf Büttenpapier und Acryl auf Leinwand-Gemälde bei dieser Serie.

Michaela Boland: Sind das grundsätzlich Ihre präferierten Materialien oder könnten Sie Sich beispielsweise auch Öl vorstellen?

Pari Moradi: Nein, mit Öl möchte ich nicht arbeiten. Öl riecht auch sehr stark. Ich habe bereits damit gearbeitet, habe es ausprobiert und ein paar Bilder damit gemacht, doch es war nicht meins. Damit fühle ich mich nicht wohl. Da passt Acryl besser zu mir. Noch lieber als mit Acryl auf Leinwand zu arbeiten, zeichne ich übrigens. Zeichnen ist für mich intimer, zerbrechlicher und sinnlicher.

Michaela Boland: In welcher Preisspanne bewegen sich Ihre Bilder?

Pari Moradi: Ich habe die Preise nicht so genau im Kopf, aber zwischen 600/800,- bis zweieinhalb Tausend Euro.

Michaela Boland: Als Kurator für die “Berge begegnen sich nicht“ – Ausstellung konnten Sie den früheren Christie`s-Mitarbeiter und später geschassten Art Cologne – Chef, Gérard A. Goodrow, gewinnen. Wie verlief die Zusammenarbeit mit dem promovierten Kunsthistoriker, der jetzt als freier Kurator tätig ist?

Pari Moradi: Er hat bereits häufiger mit Michael Horbach gearbeitet und Projekte gemacht. Er hat die Künstler zusammengebracht und hat dies auch sehr gut gemacht. Auch der Titel der Ausstellung, “Berge begegnen sich nicht“ wurde von ihm beigesteuert.

Ich war zwar sehr überrascht, dass er als Amerikaner, der seit 30 Jahren in Köln lebt, dieses persische Sprichwort kannte. Es war seine Idee und wir waren alle sofort begeistert davon, denn es passt super. Immerhin ist es nicht erklärend, sondern es macht neugierig. Insofern war es wirklich eine sehr schöne Zusammenarbeit.

Michaela Boland: Wie entspannt ist man, wenn ein Gérard Goodrow, der bereits beim traditionsreichen Auktionshaus Christie`s in London die Abteilung für zeitgenössische Kunst geleitet und mit Gemälden von Malern mit Weltruhm gehandelt hat, die eigenen Bilder unter die Lupe nimmt?

Pari Moradi: Also, ich bin entspannt und ich bin immer dankbar, wenn er mir Tipps gibt. Ich schätze seine Meinung sehr und es ist immer schön, wenn er diese über meine Bilder kundtut. Auch ist es toll, wann immer ich Fragen oder neue Ideen habe, mit ihm zu reden.

Michaela Boland: Sie befassen Sich auch mit Themen wie Traum und Realität und geben Ihren Exponaten durch eine farbliche Unterscheidung verschiedener Realitätsebenen oftmals eine melancholische Wirkung. Als wie melancholisch würden Sie Sich selbst beschreiben?

Pari Moradi: Traum und Realität war vor ungefähr fünf Jahren meine erste Serie. Seither habe ich die Farben immer mehr reduziert. Es wird immer weniger. Bei den Vasen gab es nur noch Tonfarbe und jetzt bei den Scherben ebenfalls. Ich selbst bin nicht jemand, der immer so lachen kann und fröhlich ist. Ich bin eher zurückhaltend und ruhig und sicherlich auch ein bisschen melancholisch.

Michaela Boland: Sie erwähnten, seit 14 Jahren hier in Deutschland zu wohnen. Wie ist Ihr Leben zuvor im Iran verlaufen?

Pari Moradi: Ich bin ganz normal zur Schule gegangen und dann habe ich mein Studium gemacht. Wenn ich zurückblicke, war das alles sehr schön. Ich könnte mir heute zwar nicht mehr vorstellen, nochmal dort zu leben, da ich mich verändert habe. Damals war ich auch nicht mit allem zufrieden, weil es sehr viele Einschränkungen gegeben hat. Wenn man dort wohnt, gewöhnt man sich zwar daran, da man weiß, wie man damit umzugehen hat. Trotz aller Verbote hast du auch deinen Spaß. Man hat Freunde und, was man da nicht alles machen kann. Also, es war schön, aber leben möchte ich dort nicht mehr.

Michaela Boland: Wie häufig sind Sie noch vor Ort?

Pari Moradi: Innerhalb der letzten 14 Jahre war ich einmal dort, im Jahre 2010, und musste feststellen, dass sich vieles geändert hat. Oder ich habe mich sehr verändert. In jedem Fall war es nicht mehr mein Zuhause.

Michaela Boland: Hat sich das Leben für Ihre Familie nach der Revolution und dem Krieg im Iran damals extrem verändert?

Pari Moradi: Ja, sehr. Ich war zwei Jahre alt, als die Revolution kam und zwei Jahre später begann der Krieg zwischen dem Iran und Irak. Als Kind bekommst du zwar nicht viel mit, es kann sogar manchmal abenteuerlich sein, aber es war nicht einfach. Die Schulen waren einige Zeit geschlossen und man musste dann zu Hause lernen, lediglich die Prüfungen in der Lehranstalt ablegen. Mehrmals am Tag haben wir dann in der Schule die Sirenen gehört und mussten in den Keller gehen.

Jedes Mal wurde natürlich der Unterricht unterbrochen. Auch haben die Eltern selbstverständlich aus Angst um die Kinder sehr gelitten. Das spürt man als Kind. Es ist immer so eine traurige Stimmung gewesen. Es gab Zeiten, in denen es ruhiger war, aber auch solche Zeiten, in denen Teheran jeden Abend bombardiert wurde. Wenn man drin steckt, muss man sich damit abfinden, aber im Nachhinein frage ich mich manchmal, wenn ich zurückdenke, „oh Gott, wie haben wir gelebt und wie haben wir das nur alles ausgehalten“?

Michaela Boland: Wie verarbeitet man solche Erlebnisse?

Pari Moradi: Ich habe manchmal immer noch Alpträume, in denen ich vom Krieg oder den Sirenen träume. Dann stehe ich vor lauter Angst auf und denke schließlich, „o.k., ich bin sicher“. Das ist insofern interessant, da ich inzwischen 38 Jahre alt bin, aber diese Angst und Unsicherheit noch immer in mir ist.

Michaela Boland: Haben Sie jetzt noch Familie im Iran?

Pari Moradi: Ich habe meine Eltern noch dort. Sie bleiben auch dort.

Michaela Boland: Was machen bzw. haben Ihre Eltern beruflich gemacht? Haben sie ebenfalls mit Kunst zu tun?

Pari Moradi: Überhaupt nicht. Meine Mutter war Hausfrau und mein Papa war Geschäftsmann. Er hatte mehrere Schreibwarenläden. Darüber hinaus habe ich noch einen Bruder, der Kurzfilme macht und in Kanada lebt. Ein weiterer Bruder, der jüngste von uns, er ist 30, lebt ebenfalls in Deutschland und studiert Musik in Münster.

Michaela Boland: Was war Ihr konkreter Beweggrund im Alter von 24 Jahren nach Deutschland zu kommen?

Pari Moradi: Ich habe mein Studium in Teheran gemacht und wollte gerne noch ein weiteres anhängen. Sehr gerne hätte ich Kunst studiert. In Teheran habe ich es nicht geschafft, da ich leider die sehr schwierige Aufnahmeprüfung nicht bestanden hatte. Diese sog. Konkur-Prüfung hatte ich für Sprachen bestanden, für Kunst bedauerlicher Weise nicht.

So habe ich dann Englisch studiert und wollte gerne ein weiteres Studium machen. Ich hatte meinen Bruder bereits hier Deutschland und der sagte, „Ich helfe Dir“. So war er mir dann beim Zulassungsantrag behilflich. Auch habe ich es hier dann noch einmal mit der Aufnahme eines Kunststudiums probiert, aber es war nicht so einfach, weil ich ja eben zuvor nicht schon Kunst studiert hatte und weil es hier, noch dazu in einer anderen Sprache, auch recht schwierig ist. Also habe ich dann Indogermanistik in Münster studiert.

Michaela Boland: Konnten Sie denn schon Deutsch sprechen, bevor sie hierher kamen?

Pari Moradi: Überhaupt nicht. Ich habe erst in Münster angefangen an der Uni einen Kurs zu machen. Allerdings musste man hierfür bereits ein gewisses Mindestlevel beherrschen. Also, habe ich nur Kontakt zu Deutschen, und extra keinen zu den Iranern, gehabt, um ausschließlich Deutsch sprechen zu müssen und nicht in die Versuchung zu geraten, es mir leicht zu machen und es einfach auf Persisch zu sagen.

Insgesamt habe ich wirklich sehr viel Glück gehabt und viele Leute kennengelernt, die mir geholfen haben. Eine Zeitlang habe ich sogar bei einer älteren Dame gewohnt, die ich betreut habe und mit ihr musste ich ohnehin den ganzen Tag Deutsch sprechen. Das war perfekt. Auch für sie.

Michaela Boland: Sie haben Englisch und Indogermanistik studiert. Haben Sie beides abgeschlossen?

Pari Moradi: Englisch ja, Indogermanistik nicht. Indogermanistik habe ich vier Jahre in Münster studiert und dann habe ich abgebrochen, um nur noch Kunst zu machen.

Michaela Boland: Die Malerei haben Sie als Autodidaktin begonnen. Wie hat sich das entwickelt?

Pari Moradi: Ich habe schon als Kind gezeichnet. Es war also immer schon ein Hobby und ich wollte es ja auch studieren, aber das ging nicht, doch trotzdem habe ich immer weiter gezeichnet. Früher waren es zuerst Figuren aus Comic-Cartoons oder auch alles, was ich mir als Kind gewünscht habe. Irgendwann später begann ich dann mit Porträts, da ich in der Schule immer wieder darum gebeten wurde, welche von meinen Schulkameradinnen anzufertigen.

Also, in Porträts, so kann ich sagen, bin ich dadurch wirklich gut. Auch Hände zeichnete ich früher häufig. Nachdem ich mein Studium in Münster abgebrochen hatte, habe ich mit Serien begonnen und damit angefangen in Acryl zu malen, aber gezeichnet habe ich schon immer.

Michaela Boland: In Teheran steht das bedeutendste Museum für zeitgenössische Kunst im Iran (Museum of Contemporary Art/ TMoCA) und beherbergt die größte Sammlung zeitgenössischer Kunst außerhalb Europas und den USA . Haben Sie dort womöglich auch in Ihrer Jugend Zeit verbracht?

Pari Moradi: Ja, Galeriebesuche und kleine Ausstellungen gab es. Als ich studiert habe, habe ich mit meinen Freunden oft Galerien besucht. In Teheran gibt es ja auch viele. Allerdings trifft die iranische Kunst, die im Iran gemacht wird, heute nicht mehr meinen Geschmack. Das, was die dort machen, ist eher figurativ. Früher fand ich das toll, heute nicht mehr. Einerseits denke ich, dass sich der Geschmack mit der Zeit ändert, andererseits glaube ich, dass es einen schon beeinflusst, wenn man viele Jahre hier ist und ständig europäische Kunst erfährt.

Michaela Boland: Ist das, was Sie als figurativ bezeichnen, der entscheidendste Unterschied zwischen iranischer Kunst und dem, was hier geschaffen wird? Oder gibt es darüber hinaus noch weitere typische Unterscheidungskriterien?

Pari Moradi: Zwar gibt es in den letzten Jahren auch recht viele abstrakte Bilder, aber meistens ist die Kunst, die im Iran gemacht und auch vom Volk dort sehr gemocht wird, eher figurativ und sehr viel mehr traditionell. In den Bildern ist also sehr viel Kultur und Tradition enthalten und auch sehr viele Farben. Vor allem persische, orientalische Farben.

Michaela Boland: Sie waren die erste Stipendiatin der Michael Horbach Stiftung. Die Auswahlkommission bei der Vergabe der Stipendien für junge ausländische Künstlerinnen ist eine Ein-Mann-Jury, wie der Kölner Stadt-Anzeiger schon 2013 berichtete. Nämlich einzig Michael Horbach. Mit ihm sind Sie seit einigen Jahren auch privat liiert. Wirkt sich das auf die Anerkennung Ihrer autodidaktischen Malerei in irgendeiner Form aus?

Pari Moradi: Ich muss sagen, in der Kunst ist es immer schön, wenn du Unterstützung hast. Ich habe diese von Michael. Aber, er ist auch sehr kritisch, genauso wie seine Freunde. Wenn wir Leute einladen, die etwas mit Kunst zu tun haben, dann hält er sich sehr oft zurück, damit sie wirklich ihre ehrliche Meinung sagen.

Ich möchte das auch so, weil ich nicht einfach nur deshalb Lob hören möchte, weil ich die Freundin von Michael bin. Mit Michael kann ich aber auch sehr gut über meine Kunst und meine Entwicklung reden. Er beeinflusst mich und wartet immer mit seiner ehrlichen Meinung auf. Das hilft mir sehr.

Michaela Boland: Ist er womöglich noch kritischer, als es unter Umständen ein herkömmlicher Lebenspartner wäre?

Pari Moradi: Ja, das ist er. Ich sehe, dass er bei den anderen Künstlern vorsichtig ist, wenn er seine Meinung abgibt. Bei mir ist er ehrlicher. Er kennt mich, weiß wie ich arbeite und was ich damit sagen will. In meiner Arbeit ist er irgendwie drin, er weiß mehr darüber und kann dementsprechend auch mehr kritisieren. Ich profitiere einfach von seiner Erfahrung.

Michaela Boland: Michael Horbach war lange Zeit als ausgesprochen erfolgreicher Unternehmer tätig – millionenschwer. Als Kunst-Förderer und –Sammler ist er ebenfalls seit vielen Jahren renommiert. Inwieweit profitieren Sie als Künstlerin auch davon?

Pari Moradi: Sehr viel. Er weiß sehr viel über Kunst und in vielerlei Hinsicht mehr als ich, auch wegen seines Alters. Wir sprechen abends sehr oft über Kunst, wenn wir essen gehen. Wenn ich über einen Künstler mehr wissen will, drucke ich aus dem Internet einen Artikel aus, wir lesen ihn gemeinsam und dann sprechen wir darüber. Über den Künstler, über seine Arbeiten. Es hilft mir immer wieder sehr zu sehen, wie Michael das sieht oder wie er es interpretiert. Manchmal stellt er auch Vergleiche meiner Arbeiten mit der von anderen Künstlern an, erzählt mir von anderen, die auch Autodidakten waren, so wie ich. Michael ist wie ein Lehrer für mich.

Michaela Boland: Wie sieht es in puncto Kontakte, die Ihr Lebensgefährte hat, aus? Ist das förderlich?

Pari Moradi: Ja, klar. Er unterstützt sehr bei den Ausstellungen. Aber umgekehrt hat er durch mich auch viele Leute aus der Kunstszene auf Mallorca kennengelernt, die er vorher nicht kannte. Er hatte zuvor bereits 14 oder 15 Jahre auf Mallorca gelebt, aber nicht viele Leute kennengelernt, die mit Kunst zu tun hatten.

Weil er versucht, mich zu fördern, fragt er eben nach: „Welche Galerie würde zu Pari passen? Wo könnte sie ausstellen? Ist sie schon so weit, in dieser oder jener Galerie auszustellen oder noch nicht?“ Dadurch, das sagt er selbst, habe er viele Menschen getroffen, die mit Kunst zu tun haben.

Michaela Boland: Die Welt befindet sich in Aufruhr – nicht zuletzt auch durch den Iran. Im Zusammenhang mit dem Atomprogramm des Landes waren Wirtschaftssanktionen gegen die islamische Republik verhängt worden. Erst im Januar wurden diese Einschränkungen aufgehoben. Der Iran war Ihre Heimat und darauf, dass Sie Sich noch mit ihm verbunden fühlen, weist bereits der Untertitel Ihrer aktuellen Ausstellung hin, der da lautet: “Sechs iranische KünstlerInnen“. Wie wirken sich solche Geschehnisse auf Sie und Ihre künstlerische Arbeit aus? Hat all dies überhaupt in irgendeiner Weise Einfluss auf Sie?

Pari Moradi: Einfluss auf mich insofern, als dass ich mich dafür interessiere, weil meine Familie dort ist. Ich lese auch viel darüber. Jedoch können die Leute, die vor Ort leben mehr Wahrheit berichten, als das, was man so über die Medien mitbekommt. Das ist immer so. Wenn wir allerdings telefonieren, versuche ich nicht darüber zu reden, denn das könnte für meine Familie vielleicht gefährlich sein. Aber auf meine Kunst, so muss ich sagen, hat das keinen Einfluss. Der Einfluss ist die ganze Umwelt, das, was man mitbekommt. Mein Leben ist eher hier. Was mit mir als Person privat passiert, das sieht man in der Kunst. Was ich mitbekomme von der Welt, ist auch mehr hier, denn meine Welt ist einfach mehr hier. So hat das, was derzeit im Iran passiert, wenig oder eigentlich gar keine Auswirkungen auf meine Kunst.

Michaela Boland: Der Untertitel Ihrer Ausstellung, bei dem das Iranische hervorgehoben wird, hat sozusagen in keiner Weise künstlerische Bewandtnis?

Pari Moradi: Überhaupt nicht. Was wir gemeinsam haben, ist wirklich nur, dass wir fast alle im Iran geboren wurden.

Michaela Boland: Was wissen Sie über den Kunstmarkt im Iran? Hatten die Sanktionen auf dem Wirtschafts- und Finanzsektor möglicherweise auch immense Auswirkungen innerhalb der Kunst?

Pari Moradi: Darüber kann ich nichts sagen, denn ich weiß darüber wirklich nicht allzu viel. Ich bekomme diesbezüglich nicht viel mit. Wenn ich mit meinen Eltern telefoniere, dann sprechen wir nur über ganz herkömmliche Sachen. Nicht über Politik. Ich weiß nur, dass selbst ganz normale Menschen durch Sanktionen sehr gelitten haben, weil sie beispielsweise Medikamente, die sie dringend benötigt haben, nicht bekommen konnten. Wie sich das jedoch in der Kunst vollzogen hat, kann ich nicht sagen, da meine Familie ja nichts mit Kunst zu tun hat.

Michaela Boland: Sie selbst unterhalten auch keinerlei Kontakte zu iranischen Künstlern in der alten Heimat?

Pari Moradi: Nein, überhaupt nicht.

Michaela Boland: Im Februar letzten Jahres startete die Ausstellung des ZERO-Künstlers, Max Piene, im TMoCA (Museum für zeitgenössische Künste in Teheran). Der Museumsleiter, Madschid Mollanorusi, bezeichnete die Ausstellung damals als Brücke des kulturellen Austauschs zwischen dem Iran und Deutschland. Kennen Sie weitere ähnliche Projekte?

Pari Moradi: Gerade in letzter Zeit habe ich häufiger gelesen, dass iranische Künstler für eine kurze Zeit hierher kommen, beispielsweise im Rahmen eines Stipendiums, um europäische Kunst zu sehen. Wenn sie dann zurückgehen, hat das Auswirkungen auf ihre Arbeit, was ich sehr gut finde. Dies war damals nicht möglich. Aber seit dem neuen Präsidenten ist jetzt vieles offener geworden.

Das finde ich sehr wichtig, dass man voneinander lernt. Wenn ein Land ganz zu ist, hat man keinerlei Austausch mit den anderen. Dass sich Künstler bewegen können, auch iranische, halte ich für ausgesprochen wichtig. Dass sie auch mal nach Europa oder Amerika können. Das ist in letzter Zeit, Gott sei Dank, auch für Schauspieler immer mehr möglich.

Michaela Boland: Könnten Sie Sich auch vorstellen, im Iran auszustellen?

Pari Moradi: Ja, das kann ich mir vorstellen. Es wäre auch interessant für mich zu sehen, wie die Iraner auf meine Kunst reagieren. Immerhin ist es für mich weder iranische, noch europäische Kunst, sondern einfach neutrale.

Michaela Boland: Was sind Ihre nächsten Projekte oder gibt es jetzt erst mal eine Babypause, da Sie und Michael Horbach in wenigen Wochen Ihr erstes gemeinsames Kind erwarten?

Pari Moradi: Also, Babypause möchte ich eigentlich nicht unbedingt machen, aber ich glaube, in nächster Zeit muss ich. Da werde ich nicht viel malen können. Ich würde sagen, es kommt darauf an, wann mir die nächste Idee kommt. Dann würde ich sofort anfangen. Ich denke auch trotz des Babys. Auch glaube ich, es würde mir sehr fehlen, wenn ich eine lange Zeit nicht zeichnen könnte.

Michaela Boland: Liebe Pari Moradi. Herzlichen Dank für das ausführliche Interview und für die bevorstehende Geburt sowie alle künftigen Projekte alles Gute.

 

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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14.02.2019 Zweiergespräch mit Iris Boss

GFDK - Marion Wagner

Marion Wagner sprach mit der Berliner Schaupielerin Iris Boss anläßlich der Berlinale über den Beruf der Schaupielerei. Marion Wagner spricht in ihrem Blog mit Kunst und Kulturschaffenden in Berlin und leitet den "Verlag für Kurzes " einen unabhängigen Verlag für kurze Texte.

Iris Boss lebt in Berlin und arbeitet als Schauspielerin und Sprecherin.

Roter Teppich, Glamour, hohe Gagen? Wie sieht die Lebenswirklichkeit eines Schauspielers tatsächlich aus?

Iris Boss hat es Marion Wagner in ihrem Zweiergespräch erzählt.

Viele Schauspieler sagen, sie hätten schon immer gewusst, dass sie nichts anderes werden wollen. War es bei dir auch so?

Schon immer nicht, aber schon sehr früh. Weihnachtsmann, Tierärztin, Piratin und Clownin waren die Berufswünsche davor. Als ich etwa acht war, wurde mir klar, dass ich alles zusammen werden könnte, wenn ich Schauspielerin werde.

Wie hast du dir das Leben als Schauspielerin vorgestellt?

Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen, vielleicht kam deswegen in meiner Vorstellung die Arbeit vor der Kamera gar nicht vor. Ich habe mich schon sehr früh, sehr ernsthaft mit dem Beruf befasst, habe alle Informationen gesammelt, die ich kriegen konnte. Über die Ausbildung, die Berufsanforderungen, den Arbeitsalltag am Theater usw. und habe einen dicken Ordner angelegt, in dem ich das alles archiviert habe.

Auch praktische Bühnenerfahrung habe ich schon sehr früh gesammelt, ich wusste also, was es bedeutet, eine Rolle zu erarbeiten. Ich habe mir vorgestellt, dass ich nur für diesen Beruf leben würde und in meinen Rollen ganz aufgehe.

Die Sprache war auch schon früh sehr wichtig für mich. Ich liebte die Vorstellung, mich ein Leben lang mit Sprache beschäftigen zu können.

Die Liebe zur Sprache kann ich sehr gut nachvollziehen … Bei Schauspielern denken ja viele an rote Teppiche und hohe Gagen. Die Wirklichkeit sieht für die große Masse aber nicht so aus, oder?

Nein. Sonst würden wir ja auch nicht die ständig gleichen Nasen über den roten Teppich laufen sehen, sondern die in Deutschland zum Beispiel, grob geschätzt, 25.000 Menschen, die sich hier als Schauspieler bezeichnen.

Was die hohen Gagen betrifft, ist es im Gegenteil so, dass Schauspieler froh sein müssen, wenn sie überhaupt eine kriegen. „Leider keine Gage, dafür lecker Catering“ ist eine gängige Formulierung in Stellenanzeigen unserer Branche. Wer würde darauf kommen, einen Anwalt, einen Klempner oder wen auch immer auf derart ungehörige Weise zu rekrutieren?

Aber es muss ja Schauspieler geben, die das mitmachen, sonst könnte eine solche Dreistigkeit nicht funktionieren.

Dass so etwas funktioniert, hat verschiedene Gründe. Einer davon ist sicher, dass man als Schauspieler schnell ins Abseits gerät, wenn die Vita Lücken aufweist. Wer länger nicht gespielt hat, wird nicht mehr besetzt. Ein Teufelskreis. Also lieber unbezahlt irgendeinen Scheiß machen als gar nichts.

Da jedes Jahr ca. 200 Absolventen von staatlichen und ca. 400 von privaten Schulen, dazu ungezählte Quereinsteiger – da „Schauspieler“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist, kann sich jeder so nennen – neu auf den Markt kommen, die bezahlten Jobs durch Streichung von Subventionen, Reality-Formate mit Laien usw. immer weniger werden, wird man als Schauspieler immer erpressbarer.

Auch die soziale Absicherung ist schwierig. Meistens ist man gezwungen, als Selbständiger zu arbeiten oder die Festanstellungszeiten beschränken sich auf wenige Tage oder Wochen. Sich so einen Anspruch auf Arbeitslosengeld zu erarbeiten, ist für die meisten schwierig bis unmöglich.

In Deutschland können gerade mal zwei Prozent der Schauspieler von ihrem Beruf leben. Die Arbeitslosenquote liegt bei 25 Prozent. Mit einer hohen Dunkelziffer. Manchmal denke ich, der Beruf ist überhaupt nur noch als Hobby für Kinder reicher Eltern machbar. Aber – (lacht) – ich bin ja der Beweis dafür, dass es nicht so ist.

Wie ist es bei dir?

Ich lebe seit elf Jahren von meinem Beruf. Über rote Teppiche gehe ich selten.

Was gehört eigentlich noch zur Arbeit eines Schauspielers, außer dem Spielen selbst?

Für einen Drehtag oder eine Theaterproduktion arbeitet man natürlich viel mehr als die reine Anwesenheitszeit: Allein um überhaupt an den Job zu kommen, muss ein Schauspieler, der keinen Namen hat, viel Zeit für Netzwerkpflege, Bewerbungen und Vorbereitung für Vorsprechen oder Castings aufbringen.

Jeder Schauspieler braucht aktuelle Fotos, Demomaterial und muss seine Webpräsenz pflegen. Seit Neustem wird sogar verlangt, dass er bei sogenannten e-Castings eine vorgegebene Szene einreicht. Er braucht also jemanden, der ihn filmt, ihm die Szene schneidet usw., nur um sich mit hunderten anderen zu bewerben. Auch sein Instrument, also seinen Körper, seine Stimme, seine Konzentrationsfähigkeit muss er in Zeiten ohne Engagement in Schuss halten.

Wenn man zynisch sein will, könnte man sagen, er könne ja froh sein, unbezahlt arbeiten zu dürfen, so spare er sich wenigstens die Kosten für Maßnahmen, für die er sonst bezahlen müsste. Eine ganze Branche lebt inzwischen von arbeitslosen Schauspielern: Workshops, Coaches, Demobandproduzenten …

Hat er dann eine Rolle bekommen, beginnt die Vorbereitung, das Textlernen, die Proben und parallel dazu schon wieder die „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ für die Zeit danach.

Wie sieht dein Alltag aus?

Wenn ich in einer Produktion bin, probe ich von 10-14 Uhr und von 18-22 Uhr, wenn ich „frei“ bin, also verschiedene kleinere Sachen mache, ist jeder Tag anders. Da laufen dann viele Dinge parallel. Die einzigen Konstanten in dieser Zeit sind Büroarbeiten, die ich wie jeder Selbständige machen muss. Und Sport.

Die festen Zeiten sind ja nicht sehr familienfreundlich.

Natürlich bringt es der Beruf mit sich, dass wir gerade dann arbeiten, wenn alle anderen frei haben. Wochenenden, Weihnachten, Silvester … Familie oder ein “normales” Sozialleben ist da schwierig. Kinder sind, würde ich behaupten, ohne Partner, der sehr flexibel ist und zudem den Großteil des Geldes ranschafft, unmöglich.

Du warst gerade drei Monate mit dem Stück Frau Müller auf Tournee. Habt ihr jeden Abend gespielt?

Mit Ausnahme von zwei spielfreien Abenden, ja.

Wie ist das, wenn man so lange auf Tournee ist? Schaltest du beim Spielen irgendwann auf Autopilot?

Es ist ja ein Teil des Berufs, Dinge, die man schon hunderte Male gemacht hat, immer wieder frisch und neu zu machen. Natürlich bekommt man mit der Berufserfahrung auch eine gewisse Routine, geht bei der 50. Vorstellung nicht mehr mit riesigem Lampenfieber auf die Bühne. Anders geht das kräftemäßig auch gar nicht, wenn man den Beruf länger machen will.

Aber schlussendlich ist das ja alles Lebenszeit: Die des Publikums, meiner Mitspieler und nicht zuletzt die meine. Die möchte ich möglichst interessant und, wenn möglich, mit Spaß verbunden verbringen. Schon deshalb ist Autopilot keine Option für mich.

Und wie ist es hinter den Kulissen? Jeden Tag in einer anderen Stadt zu sein, mit denselben Leuten …

Ich mag das Unterwegssein, auch wenn es nach einigen Wochen ganz schön auf die Nerven gehen kann. Ich versuche mir jede Stadt anzusehen, in der ich spiele und habe gemerkt, dass meine Aufmerksamkeit für Skurrilität und Schönheit in diesen Mikrokosmen eine andere ist als zuhause in Berlin. Ich fühle mich auf Tournee immer ein bisschen wie eine Forscherin.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Gar nicht, da gibt es mich ja noch überhaupt nicht.

Was ist dein größter beruflicher Wunsch?

Ich liebe meinen Beruf, würde mir aber wünschen, mich mehr auf das Eigentliche, also das Spielen konzentrieren zu dürfen und weniger um die Organisation des Ganzen.

Ich bin ja aus gutem Grund nicht Buchhalterin oder Managerin, sondern Schauspielerin geworden. Berühmtsein interessiert mich nur in dem Sinn, dass ich mehr Wahlfreiheit hätte. Was will ich machen? Was nicht? Warum? Nachdenken, ausprobieren, scheitern dürfen. Das alles gehört für mich zu einem künstlerischen Prozess. Alles andere ist Dienstleistung.

Irgendjemand hat mal gesagt: „Schauspieler sind Philosophen des Handelns.“ Ich empfinde als Schauspielerin eine gesellschaftliche Verantwortung und habe das Glück, immer wieder Dinge machen zu dürfen, in denen ich das Gefühl habe, diese wahrnehmen zu können. Doch noch sind diese Dinge Luxus.

Ich wünsche mir, mich öfter für sie entscheiden zu dürfen. Ich wünsche mir, immer wieder mit guten Leuten, Kollegen und Regisseuren arbeiten zu dürfen. Mit Künstlern, die ihr Handwerk beherrschen, die mich inspirieren und sich von mir inspirieren lassen, die was zu sagen haben und das auf ihre ganz eigene Art tun. Ich bin idealistisch geblieben.

Liebe Iris, vielen Dank für das Gespräch.

Anmerkung der Redaktion:

Sibylle Berg hat erst am 9. Februar zu diesem Thema in S.P.O.N. auf Spiegel Online geschrieben

Der Geiz hinter der Goldkante

"Menschen brauchen Kunst, damit sie sich nicht aus dem Fenster stürzen. Warum werden Künstler dann so schlecht bezahlt? Politiker missbrauchen Oper und Theater als Spielfläche - und lassen zu, dass die Gelder in der Verwaltung versickern".

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14.02.2019 Unterschiede zwischen Stadt -und Landkindern

GFDK - Eva Horstick-Schmitt

Was meine Person betrifft, stellte ich mich der Thematik „Töchter“ ausgehend von der Zeit, da ich meinen Mann kennenlernte und er eine Tochter und einen Sohn mit in die Ehe brachte. Ich selbst habe einen Sohn und somit waren wir nun 5 Personen.

Allerdings lebte die Tochter meines Mannes noch weitgehend bei seiner Exfrau. Seine Tochter besuchte uns regelmässig und wir verbrachten auch etliche gemeinsame Urlaube zusammen. Ich versuchte  einen Schwerpunkt zu setzen als emotionale Augenzeugin heranwachsender Kinder in meiner Seele als Frau und Fotografin.

Seit den 90er Jahren fotografierte ich schon die Töchterserie als meine persönliche Reise in neue Welten, denn ich selbst bin bzw. war Tochter eines super emotionalen Vaters und einer eher Verstand gesteuerten Mutter, aber ich war nun auch eine Art Stiefmutter mit neuen Aufgaben.

Töchter sind emotionaler als Söhne meinte ich, was aber keineswegs in unserem Fall passte. Mein Sohn war genauso emotional wie ich und die Tochter meines Mannes konnte eher mit ihren Emotionen umgehen und diese verheimlichen.

Portraits des Monats

Somit ist Herkunft und „Erbe „ der Gene nach meiner Ansicht ausschlaggebend. Es ist also wichtig, in welchen Umfeld jemand aufwächst und wie die Eltern als Vorbild agieren. 

Es gibt auch grosse Unterschiede zwischen Stadt und Landkindern.

Während der Arbeit tauchten neue Ausdrucksformen auf und ich hatte das Bedürfnis in 2011 die „Töchter“ ebenso zu interviewen zum Thema Zukunft. Dieses behalte ich bis heute bei. Ich führte die Bilderreihe der Portraits aus und betonte die Profile noch zusätzlich durch Interviews. 

Ich hatte den Eindruck, dass ich während der Schaffung dieser Portraits eine Erkenntnis hatte, nämlich die, dass sie zu meinen eigenen Wünschen damals als „Tochter“ im Alter von 16 Jahren zu heute nicht viel geändert hat.

Auch ich hatte z.B. Angst davor, dass die Umwelt weiter zerstört wird. Zudem hatte ich allerdings nicht den Drang zu heiraten und Kinder zu bekommen. Heute wollen 90 Prozent der von mir befragten Mädchen Kinder und auch heiraten.

Das Werk konnte und kann für sich selber sprechen.

Isabella 18 Jahre aus Essen

Ich bin 18 Jahre alt und lebe in Essen. Vor kurzem habe ich meine Fachhochschulreife mit dem Schwerpunkt Gestaltung am Hugo-Kükelhaus Berufskolleg erworben und stehe vor der Frage: „Was nun?“. Ich habe ständig neue Ideen, wie Sozialwissenschaften oder Wirtschaftspsychologie  zu studieren, jedoch träume ich oft davon Schauspielerin zu werden. 
Tanzen, Singen und Theaterspielen waren schon seit ich zurückdenken kann immer meine größten Leidenschaften.

Zusätzlich bestände für mich auch die Möglichkeit mein Abitur an meinem jetztigen Berufkolleg zu erwerben. 
Meine Eltern hatten ganz andere Berufsvorstellungen. Mein Vater ist Resource Manager und meine Mutter gelernte Industriekauffrau, arbeitet zurzeit allerdings als Fitnesstrainerin.
 Später will ich heiraten und mit meinem Mann dann zwei Kinder bekommen.

Im besten Fall erst einen Jungen und dann ein Mädchen und in einem Haus wohnen. Ich interessiere mich sehr für den Umweltschutz und bin froh dass es bei all dem Dreck, den wir in die Luft pumpen, den Tieren die vorm Aussterben bedroht sind und den verlorenen Urwäldern es zumindest noch teilweise auf der Welt Organisationen wie Greenpeace gibt.

Leonie W. 14 Jahre aus Dortmund

Ich denke, dass die Natur in 10 Jahren nicht mehr dieselbe sein wird wie heute. Es wird ständige Hitzewellen geben und generell wärmere Sommer und Winter. Vielleicht wird es irgendwann keinen Schnee mehr hier geben. Die Eisbären werden auch immer weniger werden und die Gletscher werden weiter geschmolzen sein. Die Gefahr für Hochwasser und Überschwemmungen wird steigen. Es werden andere Tierarten hier leben und woanders aussterben.

Mein Name ist Sonja Lauhof und ich bin 14 Jahre alt.

Wie wird die Welt in zehn Jahren aussehen? Wenn man das nur wüsste. Ich glaube vieles wird größer und vieles kleiner werden. Die Wälder werden noch mehr schrumpfen als jetzt schon und sie werden nur noch dort sein wo Holz benötigt wird. Die Regenwälder wird man absperrren und zu einer Art Museum umbauen um den Touristen zu zeigen wie die Welt einst aussah. Ich glaube viele Tiere werden aussterben, die wir früher für normal befunden haben.

Andere werden mehr werden, wie Tauben und Ratten und überall in den Städten wird die Luft verpestet sein vom Mief hunderter Autos. Um ein reines Gewissen zu haben wird die Regierung in einigen Ländern die Atomkraftwerke abschalten, aber sie wird die Energie aus anderen Quellen beziehen, die genauso schädlich sind wie die Atomkraft. Welche? Ich habe keine Ahnung. Ich glaube, dass die Sommer heißer und die Winter kälter werden.

Der Herbst und der Frühling wird entweder trocken wie in einer Dürre oder in den Fluten von hunderten Stürmen ertrinken. Aber ich glaube die nächsten zehn Jahre werden nicht nur schlechtes bringen. Ich glaube nämlich dass die Menschen diese zehn Jahre brauchen um zu begreifen, dass die Erde einzigartig ist und das man sie schützen muss. Vielleicht gibt es dann auch neue Technologien, welche die die Luft nicht verpessten und keinen Müll hinterlassen, der noch tausende Jahre alt ist. 

Ich heiße Linda Schmid / Dortmund und bin 13 Jahre alt.

Ich möchte später in New York wohnen und viel Geld als Bankkauffrau verdienen. Ich möchte dort in einer Villa mit einem großen Pool  und einer Katze leben. Ich hoffe einen tollen Mann zu finden. der viel Geld hat.

Ich könnte mir auch vorstellen einmal zu heiraten. Kinder möchte ich nicht, weil sie ständig nerven und anstrengend sind. Ich hoffe dies alles in 15 Jahren zu schaffen. Ich hoffe das meine Familie bis dahin noch gesund und munter ist und ich hoffe das sie mich dann oft in New York besuchen.

Rebecca  aus Dortmund 

Ich wünsche mir einen Beruf, 2-3 Kinder und einen Freund/Mann, der nicht arbeitslos ist. Auch wünsche ich mir, dass die Umwelt nicht weiter belastet wird und wir noch einmal so etwas erleben wie Fukoschima. Es wäre besser die Atomkraft zu stoppen. Gern hätte ich auch ein Haustier, wie z.B. eine Katze. Echte Freunde sind wichtiger als oberflächliche Freunde und dieses zu sehen, finde ich wichtig. Ich würde gern reisen, um andere Menschen und Länder zu sehen. In Dortmund möchte ich weiterhin leben.

xyyx

Franzi  13 Jahre alt, 2012 aus Gescher

Mein Name ist Franziska , genannt Franzi und ich lebe in Gescher.

Ich möchte gerne Innenarchitektur studieren und in dem Beruf auch weiter arbeiten. Später möchte ich in einer Grosstadt ziehen, nach Köln oder Berlin. Freunde sind mit sehr wichtig und meine Familie auch. Ich habe 2 Schwestern und bin schon Tante  geworden. Meine älteste Schwester hat letztes Jahr ein Baby bekommen. Mit 28 Jahren möchte ich selbst auch Kinder haben. Für die Umwelt wünsche ich mir, dass es Elektroautos gibt und keine PKWs mehr, die die Umwelt so verschmutzen.

Maria (13 Jahre aus Essen

Hallo Eva, Ich freue mich sehr, dass ich an deinem Projekt teilnehmen darf. Meine Zukunft stelle ich mir so vor: Ich möchte erstmal gerne eine WG mit meinen besten Freundinnen gründen. Eine Ehe kann ich mir zurzeit noch nicht vorstellen, wobei ich schon gerne Kinder hätte. Das müssen aber nicht unbedingt meine eigenen sein. Ich würde auch ein Kind adoptieren. Da ich Kinder sehr mag, möchte ich später beruflich etwas mit Kindern machen.

Ich kann mir aber auch einen Beruf mit Tieren vorstellen oder etwas künstlerisches. Ich bin gerne kreativ und tanze, male, bastele oder nähe etwas. Mit meinem iPod habe ich auch schon Tanz-Videos gemacht.


Ich mag die Natur und fotografiere sie gern. Daher hoffe ich, dass die  Menschen den Umweltschutz mehr ernst nehmen, dass Solar- und Windenergie mehr genutzt werden. Zukunftsängste habe ich nicht. Meine Gesundheit und die meiner Familie sind mir wichtig. Daher wünsche ich mir schon lange, dass mein Vater das Rauchen aufgibt. Meine Mutter arbeitet übrigens bei der Stadtverwaltung Essen, mein Vater bei einer Bank.

Ein Projekt von Eva Horstick-Schmitt

 

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08.02.2019 Ein Haus prall gefüllt mit Kunst

GFDK - Interview und Portraits

Auch das ist nun lange her. Schon beachtlich, was der Kunstverein „Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf – Berlin“ da in Oberkassel unter der Leitung, von Gottfried Böhmer, mit Sponsorenhilfe auf die Beine gestellt hat. Auf 4 Etagen sind die Arbeiten von 4 bemerkenswerten Künstlerinnen ausgebreitet – ein ganzes Haus, prall gefüllt mit Kunst.

Beinahe ist es so wie mit dem Adventskalender, den Katja Prewozny in Kleinmädchen-Manier kitschig – schön mit Flausch und Plüsch ausgepolstert hat. Man fragt sich nämlich beim Rundgang durchs Haus, welch Überraschung wohl hinter der nächsten Tür lauert.

Beispielsweise die skurile Chaosgruppe der in Keramikmäntel gehüllten Eierkopf-Figuren (aus Ton und Eierschalen), mit der Christina Assmann sämtliche Kitsch- und Buntheits Tabus vom Tisch fegt. Spannender wird es hinter der nächsten Tür.


Da präsentiert die Foto-Künstlerin Katharina Mayer einen Querschnitt ihrer sehenswerten Frauenporträts aus ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Mal westliche – stilvoll und ästhetisch als „verlorene Profile“ vor monochromen Hintergrundflächen; mal „getürkt“ (so der Titel der Serie) vor farbenfroh gemusterten Folklore–Stoffen.

Hier gelang es der Fotografin einer Reihe von herben Balkan–Schönheiten die Scheu vor der Kamera zu nehmen oder fernöstlich: Asiatinnen wurden in identischer Kleidung und Pose abgelichtet. Auf diesen Bildern muss man die individuellen Freiheiten aus den Gesichtern herauslesen.

Ebenfalls Porträts – nun in Öl auf Leinwand – gibt es von Pia Dehne im nächsten Stockwerk zu sehen. Die Lüpertz–Schülerin ist nach 2 Jahren in New York mal wieder in Düsseldorf präsent.

Rheinische Post, Donnerstag 28. Dezember 2000

Eine Gemeinschaftsausstellung des Kunstverein Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf – Berlin ist derzeit im Gebäude Oberkassel 1 in Düsseldorf zu sehen. Christina Assmann, Pia Dehne, Katharina Mayer und Katja Prewozny präsentieren auf 1.300 m2 eine Auswahl ihrer Werke.

Die Ausstellung wurde ermöglicht durch Dieter Kotulla, der das Gebäude zur Verfügung stellte. Die Laudatio anlässlich der Vernissage hielt die Düsseldorfer Kunsthistorikerin Souris Roja Kassimi.

Welt am Sonntag, 24. Dezember 2000

Arbeiten von Christina Assmann, Pia Dehne, Katharina Mayer und Katja Prewozny.

Von Heide-Ines Willner

Noch bis zum 31. Januar – eventuell sogar länger – sind die Arbeiten von Christina Assmann, Pia Dehne, Katharina Mayer und Katja Prewozny in einer Gemeinschaftsausstellung mit dem Titel „The Exhibition OK 1“ ausgestellt. Öffnungszeit: täglich 17 bis 21 Uhr.


Im Erdgeschoß hat Katja Prewozny sich mit Geburt, Tod, Auferstehung auseinandergesetzt. Über die Wege des Lebens, von der Brutkiste bis zum Sarg, wird der Betrachter in einen farbig opulenten Lebenskreislauf geführt. Alles Kalte ist warm in Fell, Flausch und Plüsch verpackt.


Pia Dehne, Meisterschülerin bei Professor Markus Lüpertz, präsentiert im nächsten Stockwerk großformatige Acryl- und Ölmalereien. Ihr Thema sind Menschen, die auf den ersten Blick durch ihren schönen Schein faszinieren. Die Künstlerin lebt und arbeitet in New York und war bei der Ausstellungseröffnung in Düsseldorf dabei.


Frauenporträts aus unterschiedlichen Kulturen zeigt die Fotokünstlerin Katharina Mayer auf der nächsten Etage. Besonders eindrucksvoll die türkischen Frauen, die in blumigen Folklorestoffen ernst in die Kamera blicken.
Christina Assmann hat im Stockwerk darüber ihre Osterhasenfamilie in Ton und Eierschalen aufgebaut.

An den Wänden karikierte Fotos, deren Gesichter aber noch zu erkennen sind. Und dann sind da noch die großformatigen Aquarelle der Hüppi-Meisterschülerin. Bauernstuben, Jägerklausen, Hirschgeweihe an den Wänden, mit biederem Mobiliar in brauner Farbe drängen dem Betrachter die deutsche Gemütlichkeit geradezu auf.

Rheinische Post, 22. Dezember 2000

Motto der Ausstellung: „The Exhibition OK1 – 2000“. Der Kunstverein „Gesellschaft Freund der Künste Düsseldorf – Berlin“ lädt zu seiner letzten Vernissage in diesem Jahr an den Luegplatz 1 ein. Gezeigt werden über 200 Bilder, Foto-Werke & Installationen der Düsseldorfer Künstlerinnen Pia Dehne, Christina Assmann, Katharina Mayer & Katja Prewozny.

Die Laudatio hält die Düsseldorfer Kunsthistorikerin Souris Roja Kassimi. Zu sehen gibt es die Ausstellung noch bis Mitte Mai. The Exhibition OK1, ein Projekt der Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf – Berlin.

Bild-Zeitung, 16. Dezember 2000

 

 

 

 

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08.02.2019 Standards des Vocal Jazz

GFDK - Interview und Portraits

Bettina Pohle wurde in West-Berlin als älteste von drei Töchtern in eine Arztfamilie  (Vater Internist, Mutter Tierärztin) geboren. Da die Mutter eine sehr gute Pianistin war, war der  Klavierunterricht aller drei Töchter so normal, wie regelmäßige Hauskonzerte vor geladenem Publikum.

Bettina Pohle erhielt eine Ausbildung in Klavier, Querflöte und Gesang und war viele Jahre Mitglied im Jugend- & Hauptchor des Berliner Konzert Chores unter der Leitung von Fritz Weisse.

Nach dem Abitur am Musischen Gymnasium Erich-Hoepner in Berlin, Studium der Germanistik/Anglistik an der Freien Universität Berlin und 1986 Weggang in die USA. Studium Literatur und Gesang an der University of Georgia, Athens, GA. 2. Platz student auditions Wettbewerb NATS. Umzug nach Kalifornien.

Bis 1994 Literaturstudium an der University of California at Berkeley in Berkeley, Kalifornien, USA. Promotion „Kunstwerk Frau: Inszenierungen von Weiblichkeit in der Moderne“, als Buch 1998 im Fischer TB Verlag veröffentlicht, gilt es mittlerweile als Standardwerk deutscher Genderstudies Programme.

Während ihrer Studienzeit in Kalifornien arbeitete Bettina Pohle als Dozentin für u.a. Deutsch und Literatur an verschiedenen Colleges und Universitäten und war darüber hinaus eine gesuchte Synchronsprecherin & Synchronregisseurin in englisch-deutschen Werbeproduktionen in der San Francisco Bay Area.

Zeitgleich sang Bettina Pohle als Sopran in klassischen  Kammerensembles, darunter Anthony Pasqua’s Perfect Fifth und Robert Geary’s The San Francisco Chamber Singers, und unternahm dann einen Wechsel zum Jazz. Unterricht bei  Ellen Hoffmann (p), workshop mit Mark Murphy (voc).

1993 Tour mit Bill Ganz’s UC Vocal Jazz Ensemble in Hawaii. „University of California Chorale Ensembles Award for Greatest Musical Achievement, 1993-1994“, Arbeit als Asst. Prof. in den  Humanities am San Francisco Conservatory of Music in San Francisco 1995-1997.

Nach 12 Jahren USA, Rückkehr nach Deutschland und Berlin. 10 Jahre Salonière des Berliner Zukunftssalons (www.berlinerzukunftssalon.de). 2001 & 2004 Geburt der Töchter Morghan und Avril. Bis heute Tätigkeit als Dozentin für US-amerikanische Universitäten in Berlin.

2008-2010 vocal jazz coaching bei dem Lehrer-/Jazzmusikerpaar Connie Moore (voc) & Reggie Moore (p) und seit 2008 Zusammenarbeit mit dem Schweizer Jazzpianisten, Schlagzeuger und Komponisten Ralf Ruh. Bettina Pohle lebt mit Ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Berlin.

Teilnahme an:

2008  Intensivworkshop Gesang mit Esther Kaiser /CD Bandorf
2009  jazz vocal master class mit Ines Reiger/Jörg Seidel in Österreich
2010  master class “Jazz Improvisation and Beyond” mit Céline Rudolph
2010  25. Berliner Jazztreff
2011  Intensivkurs Vokale Improvisation mit Daniel Oertel-Mattar/Nicolai Thärichen

Discographie:
the san fransico chamber singers, Robert A. Geary, Artistic Director, “Island in Space”, © 1996
Bettina Pohle/Ralf Ruh, Time And Again, 2011, 7Jazz/NMD
Bettina Pohle & Ralf Ruh Trio, Just [b] , 2012, Octason Records

Publikationen:

Kunstwerk Frau: Inszenierungen von Weiblichkeit in der Moderne,

Fischer Tb. Verlag, Frankfurt am Main, Februar 1998

„Authentic Material for German Language Instruction“, Arbeitsbuch & Video, McGraw-Hill Publishing House, San Francisco, USA, 1995

"Namenlose Furcht. Weiblichkeitsentwürfe zwischen Abscheu und Wollust", in: Frauen - Körper - Kunst. Inszenierungen weiblicher Sexualität in der Literatur, Karin Tebben (Hg.), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, September 2000

„Berlin before and after the Wall“, Vorträge für Arthur Andersen Executive Program, Berlin, 1999

contact: info@bettinapohle.com

Weiterführende Links:
http://www.bettinapohle.com/

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06.02.2019 neue Herausforderung

GFDK - Gottfried Böhmer und Adolf H. Kerkhoff

Von Gottfried Böhmer und Adolf H. Kerkhoff

Pia Dehne studiert bis 1993 bei Markus Lüpertz und so sind ihre frühesten Bilder aus den späten 80iger Jahren Befreiung von dessen damaliger mythologischer Malerei. 1994 ging sie nach Berlin. Hier gelang ihr der Durchbruch als anerkannte Künstlerin.

Die Medien haben ihre Arbeit anerkennend begleitet. Aussagen wie: „die Entdeckung des Monats“, „die beste Malerin der Stadt“, „der bemerkenswerteste Beitrag stammt von Pia Dehne“, „eine schöne Blonde, selbstverständlich in Pastell“, und zum guten Schluss titelt die Bild-Zeitung ganzseitig: „Pia Dehne – Atelierbesuche bei Deutschlands größten Künstlern“.


Hier war der Zeitpunkt gekommen, die Zelte in Berlin abzubrechen und sich einer neuen Herausforderung zu stellen. 1999 begann für Pia das große Abenteuer New York, wo sie seither lebt und arbeitet.

Die amorphen Bilder von Pia Dehne führen weg von jeder fremden Sinngebung, also auch der des Lehrers und hin zu Farbe und Blickführung, zu Form und Volumenspiel, zu etwas, dass an etwas erinnert ohne dieses etwas zu sein.


Dass die sogenannte Kraft des Malerischen kein Gespenst ist, sondern eine wieder und wieder zu vollbringende Tat der Malerin, wie des Betrachters, will die Künstlerin zum Ausdruck bringen. Zur Tat der Malerin gehört der Entschluss, und auch dieser will wieder und wieder getroffen werden. Hierin liegt aber auch die Erklärung des Wechsels.

Pia Dehne hat des öfteren sowohl ihre Themen als auch ihre Malweise – das eine mehr, das andere weniger – gewechselt. Die so entstandenen Zyklen wurden daher zum wichtigen Bestandteil ihrer Malerei.

Das trifft auch auf die erotischen Bilder zu, bei denen es sich mehr um anonyme Aktbilder handelt, die sich mit der Fantasie einer überfluteten Nacktheit unserer Bilderwelt auseinandersetzt.

Diese erschafft die Künstlerin zeichnend wieder und umkreist sie malend, ähnlich wie der Betrachter suchend. Aber die Befriedigung, die der Betrachter des Nacktbildes sucht, die findet erst die Malerin, in der Erfüllung aus dem Unsinn der fremden Bilder neuen eigenen Sinn zu schöpfen, in dem sie durch Über- und Vermalung etwas neues, etwas jenseitigen erschafft.

Gleiches gilt auch für den Zyklus „Zoon Politikon“, eine ehrenwerte Gesellschaft. Diese Gangsterporträts sind auch unter der Bezeichnung eine „ehrenwerte Gesellschaft“ bekannt geworden. Und obwohl – oder gerade – weil es sich bei den dargestellten um Männer handelt, liegt es für die Betrachter nah, Rückschlüsse auf die Künstlerin zu ziehen, als einerseits ehrenwerte, aber andererseits als gnadenlose Vertreterin der Kunst.


Pia Dehne zeigt die Ehre als innere personelle Reflektion äußerer sozialer Anerkennung – und den Zynismus der Vorführung dieser Ehre als tödlichen Witz. Und dies in beinahe psychedelischen Farben, die mehr an den Dschungel der Gesellschaft denken lassen, als an ihre Altäre.

Das ist nichts für Fanclubs, sondern etwas für die Liebhaberei von Malerei, denn die Vergangenheit wird nicht glorifiziert, sondern nutzbar gemacht für die Kunst der Jetztzeit. Die vom fremden schwarz-weiß Foto vorgegebene Form wird mit der eigenen malerischen Farbigkeit aufgeladen bis ein neues, selbständiges Kunstwerk entstanden ist.

Diese Nutzbarmachung der Vergangenheit für die Gegenwart wurde plausibler bei der Reihe „Ich und Du (Der Künstler und Ich)“.

Hier porträtiert Pia Dehne bekannte und weniger bekannte Dichter und Maler, Künstler eben, die eine solche Bedeutung für die Künstlerin und ihr eigenes Werk haben, dass die Malerin sich zusammen mit ihnen selbst darstellte. Obwohl diese Inszenierungen eine größere Zugänglichkeit der Werke für die Betrachter implizieren, ist dies nicht zwangsläufig der Fall.


Die neuen Bilder aus New York sind noch vielschichtiger. Dass Dinge unklar sind, ist für Pia Dehne ein Merkmal unserer Zeit, und das muss gezeigt werden. Präsentierte sie früher ihre Bildgeschichten in aller Genauigkeit, so verschleiert sie jetzt.

Die Schleier sind wie Schlieren, alles ist noch da, aber abstrahiert durch die weiße Farbe, die über das Gemalte geschüttet wird und es versteckt, um dann wieder abgeschmirgelt zu werden.

Darunter kommt ein neues Bild hervor, es haben sich abstrakte Formen gebildet, das Bild scheint ein anderes geworden zu sein, und es ist doch nur verzaubert/verwandelt, dem magischen Zufall überlassen.

Das Bild vermittelt einen Traumzustand. Allerdings ist der Traum im Entschwinden, man hat noch diesen Schleier vor Augen, nichts ist ganz klar, nichts tritt mehr deutlich hervor, der Betrachter muss sich anstrengen und selbst das Bild zurückholen.


Aber diese Arbeiten wären nicht Kunst, wenn aus der Implosion der Bedeutung (und der Worte) nicht eine Explosion der Malerei erwachsen würde. Explosion allerdings nicht im Sinne einer Zerstörung, sondern einer Exploration des Bildraumes.


Pia Dehnes Bilder fesseln den Betrachter durch ihre Beharrlichkeit ebenso, wie durch ihre Unberechenbarkeit und lassen ihm (und sich) keine Ausflüchte in eine extreme Farbigkeit oder in die Tiefe eines imaginären Bildraumes.

Diese Malerei kämpft nicht für eine Ideologie (den Schein innerer Wahrheit), nicht gegen einen Naturalismus (den Anschein äußerer Richtigkeit), sondern um den Blick des Betrachters. In New York begegnen ihr die Frauen des neuen Jahrtausends.

Sie haben gerade ihren Weg eingeschlagen und ihre Zielstrebigkeit inspiriert sie. Eine neue weibliche Kraft ist im Entstehen, man sieht sie bereits in gewissen Gesichtern auf großen Leinwände bannt und die Abstraktion mit ins Bild einfließen lässt.


Pia Dehne hat dem alten Kontinent nicht ganz den Rücken gekehrt. Im Jahr 1999 war sie bei mehreren großen Ausstellungsprojekten vertreten. Im Jahr 2000 waren ihre Stationen in Berlin, Wiesbaden, Turin, Düsseldorf und Innsbruck. Für das Jahr 2001 sind zwei Projekte in Deutschland geplant.

Projekte mit der GFDK - Gesellschaft Freude der Künste

1998 "Eine ehrenwerte Gesellschaft - Zoon Politicon" - Berufskiller aus den dreißiger Jahren

1999 Goethe Festival - Künstlerinen sehen Goethe - 250 Jahre Goethe

2001 The Exhibition OK 1

2004 Goethe Festival - Künstlerinen sehen Goethe - 255 Jahre Goethe

Messemagazin, Ausgabe 4/2000

 

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06.02.2019 Gesellschaft Freunde der Künste

GFDK - Interview und Portraits

Meine Güte: Auch das ist nun 20 Jahre her - Am Vorabend des ersten Kongreßtages war die Ausstellungen „Künstlerinnen sehen Goethe“ zu eröffnen. Die Gesellschaft Freunde der Künste Düsseldorf – Berlin hatte unter Federführung von Gottfried Böhmer und Michael Selbach das Projekt ausgeschrieben und die Institutionen für die Realisierung gewonnen.

Einige der Werke waren schon im März zur „InCom, einem an der Heine-Universität mit rund 20.000 Besuchern aus Forschung und Industrie durchgeführten naturwissenschaftlichen Kongress zu sehen.

Nirgendwo sonst bei den bundes- und weltweiten Jubiläumsfeierlichkeiten gab es einen spezifisch weiblichen Blick auf den Dichter, obwohl dessen Frauenbeziehungen dieses doch gerade herausfordern. Hier also sind Variationen dieser Sichtweise zu begutachten.

Rheinische Post, 22. Juni 1999

„Das ist die Kunst, das ist die Welt, das eins ums andere gefällt“. Johann Wolfgang Goethe hat Geburtstag und Düsseldorf feiert mit: Die Mega-Gala zum 250. des Dichters & Denkers steigt morgen ab 18 Uhr im Malkasten. „Über 2000 Gäste haben schon zugesagt“, freuen sich die Initiatoren der Freunde der Künste.

Bild, 27. August 1999

„So voll habe ich noch kein Sommerfest erlebt“. Im Malkasten gaben sich rund 2000 Besucher, viele davon in historischen Kostümen dem Jubelfest des Dichterfürsten hin. Das hatte der Kunstverein Gesellschaft der Freunde Düsseldorf - Berlin auf die Beine gestellt. Schauspielerin Rose Keller rezitierte Texte des Dichters und im Saal gab es von der Tanz- Performance bis zum Zuheimer Quartett ein buntes Programm.

Westdeutsche Zeitung 30. August 1999

Sie fegten über die Bühne des Theatersaals des Malkasten wie vom Wirbelwind angepustet. Shannon Moreno, Eriko Yamashiro und Cécile Tuzii - alle 3 Mitglieder des Ballettensembles der Deutschen Oper am Rhein – tanzten eine Choreographie von Leon Kjellsson zu Joachim Beckers „Erlkönig 99“.

Ein Highlight der Goethe – Geburtstagsfeier im Malkasten am Samstagabend, zu der nach und nach mehr als 2000 Besucher strömten. Neben Regierungspräsident Jürgen Büssow und Schauspieler Peter Kern auch dabei: Ballettmanager Oliver Königsfeld, der mit seiner frischangetrauten Eva Zamazalavá Werbung für die nächste Vorstellung des Sommernacht-traum machte. Der Lehrstuhl hatte das Fest gemeinsam mit Gottfried Böhmer, Gesellschaft Freunde der Künste organisiert.

Rheinische Post, 30. August 1999

Goethe lässt grüssen. Unter dem Motto „Wahlverwandtschaften und mehr“ stand eine ungewöhnliche Ausstellung mit Werken von Mantalina Psoma. Als Ort hatten sich die „Freunde der Künste Düsseldorf – Berlin“ das ehemalige Zollamt am Derendorfer Güterbahnhof ausgeguckt.

Die Veranstalter überraschten als Deko-Genies. An den Wänden die Werke der griechischen Malerin Psoma, illuminiert mit tausenden von Kerzen, Tische so groß wie höfische Tafeln, ein riesiges vegetarisches Büffet. Höhepunkt des Abends:

Miniaturen der Musikgeschichte, von der 25-jährigen Konzertpianistin Marta Maria Giorgia Tarnea. Die bildhübsche Rumänin wurde übrigens in einer kleinen Stadt in Transilvanien geboren. Die Ansprache hielt der Generalkonsul von Griechenland Karl Gadis und die Laudatio, die Kunsthistorikerin Christina Wendenburg.

Presseauszug aus dem Express, 8. November 1999

 

 

 

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08.12.2018 Christina Ager im Interview

GFDK - Exklusiv Interviews - Gregor Staltmaier

Sie selbst bezeichnet sich als „Mädel von der Alm“, die Medien nennen sie respektvoll „Sensation von der Alm“. Auf die Söller Ski-Rennläuferin Christina Ager, 23, trifft beides zu. Aufgewachsen auf der Stöcklalm inmitten der SkiWelt Wilder Kaiser-Brixental, startete sie bereits mit 18 Jahren im Ski-Weltcup.

Mittlerweile gehört sie zu den besten Super-G-Läuferinnen weltweit und hat für die folgende Saison große Pläne: „Für mich ist die Vorbereitung ganz hervorragend gelaufen. Jetzt kann der Winter kommen. Ich möchte 2018/19 im Weltcup endgültig Fuß fassen“.

Mehr als 250 Tage ist die Österreicherin pro Jahr in den Bergen unterwegs und kennt die größten und renommiertesten Skigebiete zwischen den Alpen und Aspen/Colorado. Im Folgenden verrät Christina Ager, was ihre Heimat für sie so außergewöhnlich macht und welche Abfahrten sie Anfängern oder Könnern empfiehlt.

Was macht den Wilden Kaiser für Sie so besonders?

Christina Ager: Allein schon der Anblick auf dieses unglaublich markante Bergmassiv. Wenn ich nach einem Weltcuprennen von Kufstein kommend Richtung Söll fahre, steht auf einmal der Wilde Kaiser vor mir. Das ist für mich der Moment, in dem ich merke, dass ich zu Hause bin und nirgendwo anders leben möchte. Dieses Gebirge ist magisch und erscheint jeden Tag in einem anderen Licht.

Wie viele Tage sind Sie pro Jahr am Wilden Kaiser?

Ich bin jedes Jahr etwa 250 Tage unterwegs und demnach nur ganz wenig daheim. Speziell im Winter kann ich nur zwischendurch mal einen Tag freimachen. Dann gehe ich mit Freunden und Familie selbstverständlich zum Skifahren.

Beschreiben Sie Ihren perfekten Skitag am Wilden Kaiser …

Wenn frühmorgens um acht Uhr die Lifte öffnen, ist die SkiWelt Wilder Kaiser-Brixental für mich besonders reizvoll. Dann sind die Pisten frisch gewalzt wie ein Teppich und die Luft ist besonders klar. Von der Söller Mittelstation mit der Stöcklalm, die meine Eltern bewirtschaften, fahre ich mit der Gondel zur Hohen Salve auf 1.800 Meter.

Dort genieße ich zuerst den Blick vom Gipfel auf den gegenüber liegenden Wilden Kaiser und gönne mir dann einige Talabfahrten nach Söll, zwischendurch immer wieder eine Kaffeepause. Die Talabfahrten sind morgens schon sonnig, der Schnee aber noch schön hart und nicht sulzig. Dies gilt auch für die Talabfahrten zu den anderen Skiorten der SkiWelt, speziell für Ellmau und Brixen.

Mittags folgt dann der große Einkehrschwung?

Ganz genau. Meine erste große Verschnaufpause lege ich spätestens gegen 12 Uhr ein und zwar bei Tiroler Hausmannskost. Am liebsten esse ich Ofenkartoffel mit Gemüse und Sauerrahm, danach natürlich Kaiserschmarrn, beides von meiner Mama auf unserer Stöcklalm zubereitet.

Und nachmittags geht‘s frisch gestärkt auf die Nordhänge?

Korrekt, zum Beispiel nach Scheffau. Dort ist der Schnee auch am Nachmittag besonders pulvrig und griffig. Begeistert bin ich von der Moderer-Skiroute, die vom Brandstadl aus in Richtung Talstation Scheffau führt. Sie ist ziemlich steil – und nicht präpariert, also ideal für wirklich erfahrene Wintersportler.

Falls dann noch Zeit bleibt, liftle ich nach Going ganz im Osten der Region. Rund um den Astberg lässt sich wunderbar entschleunigt Skifahren: perfekt für Familien und alle, die sonnige Hänge schätzen. Und obendrein hat man einen super Blick bis zum Kitzbüheler Horn.

Ausruhen ist aber auch mal erlaubt?

Nachmittags bei schönem Wetter schnappe ich mir statt Carving-Ski auch mal einen Liegestuhl und trinke vielleicht einen Spritzer, wie wir in Österreich sagen. Ein freier Skitag soll sich ja auch ein bisschen wie Urlaub anfühlen. 

Wie lange stehen Sie schon auf Skiern?

Seit meinem zweiten Lebensjahr. Das ist aber kein Wunder, wenn man auf einer Alm direkt an der Skipiste aufwächst. Ich musste ja nur vor die Tür gehen und stand schon im tiefsten Schnee. Meine Eltern hatten zwar nie viel Zeit für mich, haben den Skisport aber immer gefördert. Daher war ich schon früh Mitglied im Skiclub Söll. Später bin ich dann sogar auf Ski in die Schule gefahren.

Gibt es einen besonders „kaiserlichen“ Moment, der Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Auf jeden Fall. Im Oktober bin ich frühmorgens auf die Ellmauer Halt am Wilden Kaiser gestiegen und habe den Sonnenaufgang beobachtet. Dieser Augenblick wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Wenn ich daran denke, komme ich innerlich zur Ruhe, selbst wenn ich am Start vor einem Rennen im Stress bin. Dann besinne ich mich darauf zurück, wie schön ich es daheim habe.

Wann ist die beste Zeit für Wintersport am Wilden Kaiser?

Eigentlich ist der Januar ein super Monat zum Skifahren. Der Schnee ist toll, sprich die Verhältnisse bestens, eben richtiger Winter. Nicht umsonst haben wir dann auch die meisten Rennen.

Ihr Plädoyer: Warum sollen Kinder Skifahren lernen?

Schon allein deshalb, weil es auf jedem Niveau Spaß macht, selbst wenn man gerade angefangen hat. Spaß ist dabei für mich der entscheidende Faktor. Wir müssen die richtigen Hänge wählen, dürfen die Kids keinesfalls überfordern.

Ich würde die Kleinen auch nicht bei schlechtem Wetter zum Skifahren schicken, sonst kann die anfängliche Begeisterung ganz schnell wieder vorbei sein. Wenn Kinder länger brauchen, bis sie den Skisport beherrschen, ist das halt so.

Finden Sie es schade, dass in der SkiWelt Wilder Kaiser-Brixental keine Weltcup-Rennen stattfinden

Es wäre natürlich schon toll, einen Bewerb vor heimischem Publikum zu fahren, zumal es früher eine Abfahrt an der Hohen Salve gab.  Aber ich weiß, wie viel Zeit und Geld man für die Austragung investieren muss. Daher kann ich es total verstehen, dass es bei uns keine internationalen Rennen gibt.

Interview: Gregor Staltmaier, Angelika Hermann-Meier PR

 

 



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31.10.2018 Make it matter

GFDK - Exklusiv Interviews

Zuletzt haben wir geschrieben: AMBILETICS ist für Frauen die keine halben Sachen machen. Nun stellt sich uns die Frau vor, die keine halben Sachen macht.

Giulia Becker ist nicht zu verwechseln mit der, Fernsehmoderatorin und Musikerin aus der Fernsehsendung Neo Magazin Royale, von Jan Böhmermann.

Make it matter - drei Worte, die die Welt der Activewear letzten Sommer ein stückweit besser gemacht haben. Ein Leitsatz, der uns sowohl beim Sport, als auch in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit inspiriert und der die Werte der Hauptfigur in der folgenden Geschichte widerspiegelt.

 
Giulia Becker launchte im Juni 2018 die erste Kollektion ihres nachhaltigen Activewear Labels AMBILETICS und eroberte damit schnell die Herzen vieler ambitionierter, aktiver Frauen.

Doch was ist es, das die junge Marke aus Berlin so besonders macht? Wie sportlich und nachhaltig ist sie wirklich? Und wer genau ist eigentlich die Frau, die dahinter steht? Wir haben die Antworten.

Erzähl uns etwas über dich und deine Beweggründe für AMBILETICS.


Mein Name ist Giulia Becker. Ich bin studierte Betriebswirtin und seit ich denken kann, ein absoluter Bewegungsmensch. Nach einiger Zeit im Ausland und während eines Jobs in einer Berliner Kreativagentur als Markenstrategin festigte sich irgendwann mein Wunsch, etwas eigenes zu machen.

Ich war frustriert von dem knappen Angebot an fairer, aber gleichzeitig cooler Activewear. Denn das Thema Nachhaltigkeit wurde zunehmend wichtiger für mich.

Ich wollte etwas bewegen und die moderne Frau von heute zu einem bewussten Lebensstil inspirieren. Also gründete ich AMBILETICS und machte damit eine Herzensangelegenheit zu meinem ganz eigenen Projekt.
 
Was bedeutet „make it matter“ für dich? Inwiefern inspirieren dich diese drei Worte im täglichen Leben?


„Make it matter“ ist mein Leitsatz in Bezug auf Nachhaltigkeit, aber auch beim Sport. Wenn ich da etwas anpacke, dann richtig. Diese Einstellung verkörpert auch AMBILETICS.

Auf der Suche nach stylisher Activewear sollte man sich selbst viel öfter an der Nase nehmen und bewusst zu nachhaltigen Produkten greifen. AMBILETICS Produkte werden unter fairsten Bedingungen, besonders ressourcenschonend und zu 100 % vegan hergestellt.

Auf diese Weise leisten wir unseren Beitrag zu einer nachhaltigeren Welt und zu mehr stylisher Activewear für die bewusste Frau.
 
Wie sieht die faire Produktion von AMBILETICS Produkten aus?


Unsere Leggings und Sport-Bras werden aus recycelten PET-Flaschen hergestellt. Der nachhaltige Umgang mit Ressourcen ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Indem wir bereits existierende Rohstoffe upcyceln, müssen weniger Wasser und Erdöl verbraucht werden.

Abgesehen davon ist AMBILETICS PETA zertifiziert und durch und durch bemüht, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten. Vom ersten Zuschnitt bis zum fertigen Produkt.
 
Ein paar Worte zu deiner Kollektion?


Die Kollektion besteht aus Leggings, Sport-Bras, Shirts, Tank-Tops, Sweatern und einem Fitness Handtuch. Die drei Materialien, die dafür verwendet wurden, sind recyceltes Polyester, Bio-Baumwolle und Bambus.

Die Schnitte wurden so gewählt, dass sie sich besonders gut für schweißtreibende und hochintensive Workouts eignen. Eine Eigenschaft, die für mich als Tennisspielerin, beim Laufen oder Crossfit unverzichtbar ist.

Die Muster wurden individuell und von Hand von einer Pattern Designerin entworfen. Jedes Muster ist ein Unikat. Und jedes AMBILETICS Teil eine Art modisches Abbild meiner Vision.

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28.09.2018 50 Jahre Grupotel

GFDK - Exklusiv Interviews

Als Kind wollte er Torero werden, heute ist er einer der erfolgreichsten Hotelunternehmer Spaniens. Miguel Ramis (77), Gründer und Präsident der familiengeführten, mallorquinischen Unternehmenskette Grupotel Hotels & Resorts, spricht zum 50-jährigen Firmenjubiläum im Interview über die Anfänge des Tourismus auf der Sonneninsel, unerschütterlichen Pioniergeist, Beharrlichkeit und Gäste, die zu Freunden wurden.

1968 legten Sie den Grundstein für ihr erstes Hotel: das Grupotel Farrutx in Can Picafort. Ein halbes Jahrhundert später managen Sie 35 Drei- bis Fünf-Sterne-Anlagen auf Mallorca, Menorca, Ibiza und in Barcelona. Was wollten Sie als Kind werden?

Natürlich Feuerwehrmann oder Stierkämpfer, wie alle kleinen Jungs damals. Doch stattdessen studierte ich Handelswesen, um eine Grundlage zu haben und arbeitete anschließend 15 Jahre bei der Bank La Caixa.

Sie gelten als Vorreiter auf den Balearen. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Hotel zu bauen?

1966/1967 begann der Tourismus-Boom auf Mallorca. Mein Bruder Rafael und ich ließen zuerst eine Minigolfanlage mit Bar bauen, später machten wir uns zusammen mit zwei Schwagern an die Planung einer 64-Zimmer-Unterkunft.

1967 gab es in Can Picafort drei oder vier Hotels. Schon ein Jahr später, als wir im Grupotel Farrutx erste Urlauber empfingen, wurden vier oder fünf weitere eröffnet. Ich bin ein ruheloser Mensch, muss immer irgendein Vorhaben am Laufen haben.

Sie bauten das Haus selbst?

In der Tat. Einer meiner Verwandten war Maurer, ein anderer Vorarbeiter. Wir wurden einen Monat früher fertig als geplant! In den ersten zwei, drei Wochen hatten wir nur einen Gast, eine Frau. Ihr stand die ganze Unterkunft samt Personal zur Verfügung.

Haben Sie in dieser Zeit manchmal den Mut verloren?

Es gab immer mal wieder Momente, da haben wir aus mancherlei Gründen den Mut verloren. Aber damals gab es keinen Anlass dafür, ganz im Gegenteil.

Wie haben Sie anfangs Gäste angeworben?

Genauso wie heute auch. Ich schloss einen Vertrag mit TUI sowie einigen Reisebüros, die später unter anderem zu Scharnow oder Hummel Touropa fusionierten. Unsere Gäste kamen aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich.

Das Internet existierte ja noch nicht. Darüber hinaus hatten wir einige Direktbuchungen, die jedoch nur einen kleinen Teil ausmachten.

Wie sah Mallorca in den 1960er-Jahren aus?

Die Insel war ganz anders, noch nicht voll erschlossen. Und Mallorca verfügte nicht über die guten Flug- und Verkehrsverbindungen wie heute.

Dennoch entschieden Sie sich, weiterzumachen …

Als ich sah, dass das Farrutx gut funktionierte, schlug ich 14 Freunden vor, ein zweites Hotel in Angriff zu nehmen: das Grupotel Montecarlo. Das war 1972. Gemeinsam kauften wir ein im Bau befindliches Gebäude und schlossen das Projekt ab. Übrigens sind wir heute noch dieselbe Gruppe von Freunden! Eins kam zum anderen, und so folgten 1978 das Grupotel Amapola, 1980 das Grupotel Gran Vista und so ist es immer weitergegangen.

Haben Sie beruflich je etwas bereut?

Ich war mein ganzes Leben in dieser Branche tätig, habe Hotels gebaut, ge- und verkauft. Dabei sind Gemeinschaftssinn und Beharrlichkeit unabdingbar. Ich habe versucht, ein guter Mensch zu sein. Das ist etwas, was mich zufrieden sein lässt.

Aber es gibt natürlich immer Dinge, die man später anders machen würde. Ich bedaure zum Beispiel die Veräußerung einiger Häuser. Obwohl wir ein interessantes Geschäft dabei gemacht haben, bleibt der Käufer doch immer der Gewinner.

Welcher Unterschied besteht zwischen den Touristen vor 50 Jahren und heute?

Früher wussten die Gäste viel weniger über Mallorca. Sie waren fröhlicher, begnügten sich mit einfachen Dingen, alles war eine Überraschung für sie. Das war eine tolle Zeit, die Urlauber und wir Mallorquiner haben uns prima verstanden. Die Inselbewohner waren begierig, andere Kulturen zu entdecken.                                                                             

Wenn Sie auf ein halbes Jahrhundert Grupotel zurückblicken: Wie lautet Ihr Fazit?

Natürlich sind wir stolz auf unsere Firmengeschichte, auch wenn es Phasen gab, die alles andere als einfach waren – aber so ist das Leben. Wir sind jedoch dankbar, dass wir uns nach wie vor mit Leidenschaft einem Geschäftsfeld widmen dürfen, das wir lieben. Und aus so manchen Mitarbeitern und Gästen sind im Laufe der Jahre Freunde geworden.

Und wie geht‘s weiter?

Unsere Herausforderung ist und wird sein, jeden Tag ein bisschen besser zu werden, und zwar in allen Bereichen. Damit die Gäste uns weiterhin ihr Vertrauen schenken, wir in Umfragen gute Bewertungen bekommen und unsere Hotels auch in Zukunft jedes Jahr Auszeichnungen erhalten.

 

 

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