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Exklusiv Interviews

24.01.2013 Man kann Kreativität nicht erzwingen, aber fördern

GFDK - Marie Allnoch

Patrick Salmen, Meister des deutschsprachigen Poetry Slams, hatte sich Ende Dezember mit mir in einem kleinen Lokal in Dortmunds Szeneviertel verabredet. Auf meinem Weg zum vereinbarten Treffen mit dem Wortakrobaten brachte mich die weihnachtliche Stadt zum Nachdenken:

Scharen Minderjähriger quälten dreistimmig ihre hölzernen Blasinstrumente in den gefrorenen Gassen, und nicht gerade die Mehrheit dieser Musiker sah beflügelt und künstlerisch berührt aus.

Sicher, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und ach, was waren diese genervten Rabauken bezaubernd. Erinnerungen aus Kindertagen drangen an die Oberfläche und verweigerten mir den Genuss dieses Schauspiels. Waren diese Kinder zum Erbringen der von ihnen erwarteten Leistung verdammt? Sieht so der Beginn kreativen Handelns aus oder erstickt eine solche Szene jegliche schöpferische Mobilität?

Wo fängt künstlerische Freiheit an und wo liegen ihre Grenzen? Kann Kunst auf Kommando kreativ sein? Vielleicht kann mein ausgewachsener Interviewpartner, der sich mit genau dieser mir so wichtig erscheinenden Kombination aus überzeugender Darbietung, Werk und stets in Bewegung bleibendem Geist verdient gemacht hat, eine Antwort darauf finden.

Als ich im Lokal eintreffe erwartet mich Patrick Salmen bereits beim Kaffee, nach einer herzlichen Begrüßung kommen wir zur Sache. Noch recht frisch ist meine Mitgliedschaft in der schreibenden Zunft, und genau wie mein Gegenüber bei seinen ersten Schritten in die Welt der Poesie damals, befinde ich mich noch mitten im Studium.

Ganz so mutig wie Patrick Salmen, der sein Lehramtsstudium für seine Leidenschaft auf Eis gelegt hat, bin ich allerdings nicht.

Was ihn zum Schritt weg von der voraussichtlich sicheren Beamtenzukunft und hin zum Künstlerberuf motiviert hat möchte ich von ihm wissen.

Patrik Salmen lacht bescheiden. „Ach, das klingt ja immer so abenteuerlich wenn man sagt man ist Künstler, aber im Endeffekt hat man auch einfach einen Beruf dem man nachgeht.“  Das Risiko sei nicht sehr groß gewesen, zumal er plane seine Hochschulausbildung in naher Zukunft fortzusetzen und abzuschließen. Gänzlich überzeugt mich das nicht vom Glanz des Künstlerlebens. Sicher scheint sicher.

Die große Leidenschaft des Poeten war aber schon immer das Schreiben, und auch wenn es wie einer Hollywood-Produktion entsprungen anmutet, im Fall Salmen scheinen tatsächlich Leidenschaft und Talent ausgereicht zu haben, um im zeitweise ungemütlich wirkenden Kulturbetrieb zu überzeugen.

Als der Stein erst einmal ins Rollen gebracht war habe sich alles irgendwie gefügt,  jeder Schritt den nächsten einfacher gemacht, sagt er mir. Sympathisches Tiefstapeln oder tatsächlich das große Glück? Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Im Jahr 2010 ist Patrick Salmen zum deutschsprachigen Meister im Poetry Slam gekürt worden.

Ein großer Titel.  Auch auf der Sonnenseite hilft ein kühler Kopf.

Mit einer Auszeichnung wie dieser wachsen nicht nur Selbstvertrauen und Künstlerglück, auch steigender Erwartungsdruck begleitet den Erfolg. „Auf der einen Seite hat es mir natürlich sehr viel gebracht, weil ich mir einen Namen gemacht habe, ich hatte was in der Hand.“

Der Titel sei sehr überraschend gekommen, erinnert sich Patrick Salmen, besonders weil er zuvor über eher dürftige Bühnenerfahrung verfügt habe. „Deshalb hatte ich danach schon ein bisschen Erwartungsdruck.

Ich dachte oh Gott, jetzt wirst du immer dementsprechend angekündigt, die Leute erwarten irgendwelche ganz abgefahrenen Sachen von dir, und im Endeffekt stehst du dann nur da und liest eine Geschichte vor.“ Der Humorist zeigt sich ein erstes schüchternes Mal: „Ich möchte bitte deswegen aber nicht den Titel zurückgeben, das war schon alles gut so.“

Man kann Kreativität nicht erzwingen, aber fördern.

Wer Salmen einmal beim „abgefahrenen“ Vorlesen seiner Geschichten gelauscht oder eins seiner Bücher aufgeschlagen hat, der ist sich der Qualität seiner Phantasie sicher. Wie aber ist es um die Quantität bestellt? Auf Kommando kreativ sein, dass schreit nach einem Widerspruch in sich.

Doch der Slammer und Autor hat sich Techniken angeeignet, die er in Workshops weitergibt. „Grade an Schulen kommt das kreative Schreiben leider häufig viel zu kurz“ sagt Salmen mir, deshalb möchte er motivieren und die ersten Schritte leichter machen.

„Trotzdem hat jeder seinen eigenen Stil und da möchte ich natürlich nicht reinpfuschen.“ Ein guter Autor sei auch immer ein großer Leser, mit der Zeit entwickle man auch auf diesem Weg ein Gefühl für Sprache. So hegt er für einen Autor ganz besonders große Bewunderung:

Peter Bichsel. Dem Kurzgeschichtenschreiber sei es möglich, mit wenigen einfachen Worten ganze Welten zu schaffen, ohne dabei den Raum für die Phantasie des Lesers zu beschneiden. Der Deutsche Meister verneigt sich.

 Und wie steht es um die Selbstmotivation? Eine erste Antwort scheint meiner Desillusionierung zu dienen. „Ich habe mir angewöhnt, auch wenn ich von zu Hause aus arbeite, zu simulieren ich würde zur Arbeit gehen. Ich stehe wirklich früh auf, setzte mich zu bestimmten Zeiten an den Schreibtisch. Ich bin morgens am produktivsten, und in einem anderen Job müsste ich auch früh aufstehen.“ Stechkartenpause, Spaziergang, Spätschicht.

Dann die erhoffte Ergänzung: „Ich höre viel Musik beim Schreiben, meistens instrumentale. Das klingt so klischeehaft nach dem einsamen traurigen Dichter, stimmt aber. Ich brauche einen Soundteppich weil ich immer sehr bildhaft schreibe, das hilft mir mich in Situationen zu versetzen. Ich rauche leider wie ein Schlot. Kaffee.“ Der Rechtfertigung meines persönlichen Nikotin- und Koffeinmissbrauchs steht nichts mehr im Weg, ein Gefühl der Bestätigung macht sich breit.

Die Programmatik lautet: keine Programmatik haben.

Was aber, wenn dem Autor das Papier zu weiß erscheint? Auch einem Ausnahmetalent erstarren von Zeit zu Zeit ohne diagnostische Vorwarnung die Fingerglieder, und nicht immer zeigt sich die Welt so komisch oder tragisch wie der Plot es grade verlangt. Im Kampf gegen Schreibblockaden ist Salmen simpel und doch wirksam bewaffnet: Flexibilität heißt das Schlüsselwort.

Momentan schreibt der Autor an drei Büchern gleichzeitig.  Neben Kurzgeschichten sind Zwei Romane und ein Kinderbuch in Arbeit, mal sind sie lustig, mal kommen sie überraschend ernst und tiefgründig daher.

Sie erzählen auch von Moral und Würde, von simulierten Realitäten, der Kunstszene. Das Alter spielt eine große Rolle, und während Salmen seine Gedanken verlautet entdecke ich ihn doch, den nachdenklichen Dichter. „Ich möchte immer über Dinge schreiben die bewegen, über die kleinen Helden des Alltags, Dinge die man täglich sieht aber vielleicht nicht wahrnimmt.

Heutzutage versuchen immer alle Kitsch zu vermeiden, aber ich glaube ich mag Kitsch manchmal. Dinge denen vermeintlich etwas Poetisches anhaftet, kleine grüne Gießkannen, alter Männer die Saxophon spielen.“

Diese Zerstreuung sei ein großer Vorteil, so könne er je nach Stimmung an entsprechenden Texten schreiben. Sich auf ein Genre fokussieren zu müssen würde ihn schnell langweilen, vermutet er. Freiheit ist dem Autor wichtig, sie zu halten nicht einfach.

„Als Autor wird man natürlich mit einem Genre assoziiert, und  irgendwann bist du der Kriminalroman-Autor oder der Fantasyroman-Autor, aber da möchte ich nicht hin. Nur weil ein Tischler jahrelang Tische gefertigt hat, heißt das ja nicht, dass er kein Stühle bauen kann.“ Mir präsentiert sich die von der Bühne bekannte Stimme in verschmitzt-altklugem Ton: „Das gilt es im Keim zu ersticken!“.

Genau hier setzt die aktuelle Debatte über Poetry Slam an. Eine Kritik in der Süddeutschen Zeitung hat das Fehlen einer Programmatik beanstandet, Poetry Slam sei nicht rebellisch und innovativ, sondern durchweg gesellschaftskonform und würde sich mit Ulk vor gesellschaftlichen Umbrüchen wegducken.

Wie beurteilt Salmen die Situation? „Durch Körpersprache und Stimme kann man einen Text in Bewegung versetzen, und ich finde es toll dass die Menschen sich wieder mehr für das gesprochene Wort begeistern, sich Geschichten anhören, ob sie albern sind oder nicht.

Auch in der Albernheit liegt manchmal so viel Tiefsinniges, vielleicht sogar mehr als in manchem Text der den Anspruch hat tiefsinnig zu sein. Mit Humor kann so vieles erzählt werden, vielleicht wirkt es clownhaft wenn die Zuschauer lachen, na und? Alle haben was davon. Für verhältnismäßig wenig Geld bekommt der Zuschauer viele Auftritte geboten, und Spaßvögel werden genauso erhört wie wahre Literaten.

Es wird vorgeworfen, die Szene hätte keine Programmatik, aber genau das ist doch das Faszinierende am deutschen Poetry Slam.“ Der Autor sieht die Charakteristik des Slams in grade dieser Vielfältigkeit. Fazit: „Eben keine Programmatik zu haben ist die Programmatik. Das Prinzip Poetry Slam funktioniert, und wenn etwas Mainstream wird weil es den Leuten gefällt, ohne dass wir uns dafür verstellen müssen, sehe ich kein Problem darin.“

Ob Kafka Bartträger war, geht niemanden etwas an.

So rückt der deutsche Poetry Slam in diesen Tagen mehr und mehr ins Bewusstsein der kulturbegeisterten Bevölkerungsgruppe. Unausweichliche Begleiterscheinungen des Interesses an einem Werk waren schon immer Rezeption, Analyse und Interpretation. Meist geschieht dies jedoch ohne verwertbaren Hinweis des Autors, nicht selten posthum, die Intention des Künstlers verkommt zum Spekulationsroulette.

Durch glückliche Umstände trennen die Geburtsstunde des Deutschen Poetry Slam-Meisters und meine eigene Existenz keine Jahrhunderte, nicht einmal eine ganze Dekade steht zwischen uns, und so bin ich in der vorteilhaften Situation ihn nach seinen Belangen zu befragen. Wie viel Salmen steckt wirklich in seinen Texten? Auf welche Rezeption zielt er ab? So erklärt er mir:

„Themen über die ich schreibe beschäftigen mich natürlich irgendwie persönlich. Grade das Alter, Erinnerungen, Vergessen. Ich finde es aber unschön alles biographisch zu analysieren, natürlich sind politische und sozialhistorische Aspekte interessant, aber das Privatleben der Autoren sollte privat bleiben.“

Kein Kafka also. Nein, Max Brod habe trotz des hohen Stellenwerts, den Kafkas Literatur inzwischen einnimmt, im Endeffekt doch seinen Freund verraten. „Ich versuche immer mit eher einfachen Worten zu arbeiten, Bilder und Atmosphären zu schaffen, der Leser soll aus einem Werk etwas für sich herausziehen, statt etwas über den Autoren zu erfahren.“ Als Beispiel fällt seine Hommage an den Bart, „Rostrotkupferbraun fast Bronze“.

Salmen schmunzelt, erzählt mir, dieser fiktive Brief sei ursprünglich als alberne Geschichte über Männlichkeit gedacht gewesen, nun ist er der erste Treffer für Poetry Slam auf Youtube. Er hat wohl den Nerv der Zeit getroffen, jetzt, da Hipstertum und Chic den Bart wieder salonfähig gemacht haben.

Mit „Lyrik und Luftflottenkriege“ hat Salmen dieses Rollenbild gefestigt, um es dann, nicht ohne diebische Freude, wieder aufzubrechen. Das Spiel mit Interpretationsdrang und Klischeementalität der Gesellschaft bereitet ihm sichtlich Freude.

Zukunftsvisionen mit Bodenhaftung

Deutscher Meister. Zwei veröffentlichte Bücher, drei in Arbeit. Workshops. Lesungen. Euphorie! Euphorie! Salmens erfolgsbringende Mixtur aus Phantastik und Feinsinn lässt große Pläne vermuten. Doch weit gefehlt - auf die Frage nach Zukunftswünschen bekomme ich eine ebenso bodenständige wie sympathisch Antwort: „Ich würde gerne eine reine Altersheim-Lesungsreihe machen.

Da schwirren mir grade ein paar grobe Pläne durch den Kopf. Ich finde Senioren werden viel zu wenig in die Gesellschaft mit einbezogen. Das Alter ist wertvoll und ältere Menschen verdienen mehr Beachtung und Beschäftigung als sie beim Bingospielen bekommen.“

Der Deutsche Meister scheint seinen Weg gefunden zu haben, gänzlich ohne sich zu verstellen. Trotz des stetig wachsenden Erfolgs hat er sich als bodenständiger Poet erwiesen, der seine Umwelt wahrnimmt, mal realistisch, mal herrlich phantasievoll, aber immer mit offenen Augen und respektvollem Blick.

Marie Allnoch ist Redakteurin der Gesellschaft Freunde der Künste und zuständig für Literatur, Kino, und TV-Tipp

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11.12.2012 “Also obrigkeitshörig war ich nicht“

GFDK - Christopher Lesko

Sein Facebook-Profil trägt präzise Rollenbeschreibungen: “Niveaubestatter, Cosmoprolet und Zotenorgel“. Micky Beisenherz, 35, ist TV-Autor und Moderator. In Hamburg traf BVB-Fan, “Leute, Leute“-Head-Autor und “Dschungelcamp“-Wortfrickler Beisenherz Christopher Lesko, um in einem zweiteiligen Interview über Leben, Entwicklung und das Fernsehen zu sprechen. Ein Weg von Castrop-Rauxel bis in den RTL-“Dschungel“ Australiens: “Ich bin aufgewachsen wie die Waltons – nur mit besseren Sprüchen.“

Micky Beisenherz, wir sind ja das, was man Facebook-Freunde nennt. Wir lesen voneinander, finden uns witzig oder nervig, streiten uns über Markus Lanz, und wir duzen uns seit schlappen 2 Jahren, ohne uns wirklich zu kennen. Ich fände es schräg, wenn wir uns im offiziellen Meedia-Interview-Kontext plötzlich siezten.


Das ist richtig, ich bin auch dafür! Ich habe ja indirekt auch schon für Waldis Club gearbeitet, insofern ist mir das Duzen durchaus geläufig. Indirekt. Ich bestehe auf: indirekt!

Matze Knop?


Ja. Atze war auch schon da.

Jetzt sind wir am Anfang unseres Gespräches und mich interessiert, womit genau Du in den nächsten beiden Stunden rechnest.


Oh Gott. Wir sitzen ja hier zunächst draußen bei gefühlten 5 Grad, und ich rechne damit, dass es nicht entscheidend kälter wird. Das könnte sich auf meine Haltung in unserem Interview auswirken. Bitte meine verschränkten Arme nicht als Abwehrgeste deuten, das wird ja auch immer wieder gerne gemacht. Bei diesen Temperaturen ist meine Haltung vorteilhaft. Ich bin ja nur so ein Hemd.

Ach, wahre Kälte kommt doch stets von innen.


Wenn Du dann doch irgendwann mit Markus Lanz zusammen sitzt und der gerade wieder aus Grönland zurückkommt, kannst Du ja mit ihm darüber sprechen.

Ansonsten wird hier mit nichts gerechnet?


Doch! Ich verspreche mir von diesem Interview die unmittelbare Lanz-Nachfolge zur Sendung 3. Ich möchte gerne, dass TV-Produzenten das lesen und mich häufiger in die Green-Box einladen, wo ich dann neben Claudia Effenberg und Ross Anthony die lustigsten Naturkatastrophen Deutschlands kommentiere. Das ist quasi mein Nahziel.

Wer Claudia Effenberg und Ross neben sich weiß, hat einen sehr direkten Kontakt zu Naturkatastrophen.


Das ist allerdings richtig. Sehr schön, Daumen hoch! Ich habe Claudia Effenberg ja unlängst als Facebook-Freundin verloren.

Nein!


Doch! Umso trauriger, das mein Autoren-Kollege und Kumpel Oli Haas sie noch als Freundin hat, obwohl ich gegen seinen Willen in seiner Abwesenheit seinen Account genutzt habe, um bei ihr anzufragen. Er hat sie noch, und ich habe sie verloren! Jetzt kommst Du!

Ich muss erst die Tragik dieses emotionalen Tsunamis bewältigen. Das ist jetzt nicht leicht für mich. Du sitzt nicht in einem schwarzgelben Dress vor mir. Warum?


Schwarzgelb trage ich erst am Wochenende wieder, wenn ich am Sonntag in Altona auf der Wiese Fußball spiele. Du meinst doch als BVB-Anhänger, oder meinst Du, ich würde nebenberuflich bei der Post arbeiten? Als Autor hat man ja doch ein wenig Zeit nebenbei.

Die nehmen ja nur Zuverlässige. Erzähle mir drei doch kurze Geschichten über Dich. Eine davon muss gelogen sein.


Au! Drei? Ach Du Scheiße. Da fängst Du aber gut an, Du. Also die erste Geschichte: Ich bin einmal bei ProSieben zur besten Sendezeit nackt auf einem Pferd durch die Eifel geritten. Die zweite ist, dass mein Bruder und ich uns jahrelang gegenseitig die Pornokiste geklaut haben. Und die dritte: Mein Onkel ist Bürgermeister von Castrop-Rauxel.

Haben wir denn gar nichts Gelogenes am Lager?


Ach ja, gelogen.. Ich hab was machen lassen. Mit Mitte Dreißig muss man sich ja ranhalten.

Wir können hier über Penis-Verlängerungen nicht sprechen. MEEDIA ist seriös.


Absolut. Einigen wir doch darauf, dass ich die Lüge noch an anderen Stellen einbaue, wo ich sie dringender brauche.

Micky, beschreibe mir doch in einigen Sätzen, wer genau hier vor mir sitzt.


Vor Dir sitzt jemand, der relativ früh festgestellt hat, dass er mit einer gewissen Verhaltensauffälligkeit immer wieder Szenenapplaus erheischen kann. Und dankenswerter Weise gab es Menschen, die mich dabei unterstützten, diese Fähigkeit zum Beruf zu machen. Wer jemals gesehen hat, was ich im Handwerk anstelle, weiß, dass es niemals für die Miete gereicht hätte. Und sonst bin ich vielleicht jemand, der ganz gut Assoziationsketten bilden kann.

Was noch: Bist Du Autist oder liebevoller Familienvater, konzentriert oder verhuscht, penibel oder von Menschen gelangweilt?


Wenn wir in diesen Dimensionen reden, bin ich wahrscheinlich künftig ein liebevoller Familienvater. Ich bin sozial kompatibel und interessiere mich für meine Mitmenschen. Auch in meiner Ehe. Ich tue viel dafür, dass sich alles in einem vernünftigen Gleichgewicht bewegen kann. Schon in Schulzeugnissen wurde mir früh eine anständige soziale Kompetenz bescheinigt, und ich hoffe sehr, dass sich dies in den nächsten Jahren nicht ändert.

Passt das denn Deiner Meinung nach gut zusammen: TV und soziale Kompetenz?


Ja, das finde ich schon. Entgegen der langläufigen Meinung habe ich bisher mit wahnsinnig vielen, netten Leuten in der Medienbranche zu tun gehabt und habe es noch. Und denjenigen, die ich für Arschlöcher halte, gehe ich aus dem Weg. Meine Frau überrascht das häufig, und sie sagt: “Du findest ja alle immer nett.“ Stimmt gar nicht. Aber die, die ich für bescheuert halte, schließe ich schnell aus und habe fortan nichts mehr mit ihnen zu tun.

Du bist im Pott auf die Welt gekommen. Erzähle mir von Deinem Start ins Leben und Deinem Weg.


Ich wurde in Castrop-Rauxel sozialisiert, einer Stadt mit damals 80.000, jetzt etwa 78.000 Menschen. Die 2.000, sagt mein Onkel, habe er als Bürgermeister schon verbrannt. Das ist ein Aufwachsen im Mikrokosmos der Provinz, wo alles ein wenig näher an Dich heranrückt als in der Großstadt. Es ist ja viel cooler in Großstädten auszuwachsen, in Kleinstädten aber erlebst Du vieles unmittelbarer: Die Oberen, die Unteren, Neureiche und Parallelgesellschaften. Man hat mit allem viel direkter zu tun, und eigentlich ist das auch viel spannender.

Ich bin die ersten 25 Jahre meines Lebens aufgewachsen wie die Waltons – nur mit besseren Sprüchen. Drei Generationen unter einem Dach: Omma, Oppa , Eltern, Bruder. Mittlerweile wohnen sie mit vier Generationen unter einem Dach. Ich bin der einzige, der ausgeschert ist, aber immer wieder gerne zurückkommt. Da hattest Du natürlich jeden Abend schon ein Publikum. Obwohl ich Beachtung nicht hinterherlief, stellte ich fest, immer wenn ich in Ommas altes Korsett etwas aufführte oder alte Lumpen anzog und etwas darstellte, gab es Applaus und alle hatten Spaß. Irgendwie entstand so ein gewisser Mitteilungsdrang. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Was haben Deine Eltern denn beruflich gemacht?


Die sind im Handwerk tätig und haben immer noch einen mittelständischen Handwerksbetrieb. Im Grunde genommen komme ich aus einem Klempner-Haushalt.

Gas-Wasser-Scheiße, wie wir Berliner sagen.


Genau. Seit ich fünfzehn war, ging es In den Ferien ab auf den Bau. Da habe ich in relativ kurzer Zeit ganz gut Geld verdient und festgestellt: Geld zu verdienen macht aber ganz schön Laune. Es ist schön, wenn man bei Saturn ist und den CD-Stapel, den man sich gerade angehört hat, komplett  mitnehmen kann. Das ist einfach geil.

Was hat Dir denn in das Aufwachsen in Deiner Großfamilie für Dein späteres Leben mitgeben können?


Na ja, als erstes soziale Kompetenzen. Du lernst halt auch Respekt gegenüber älteren Generationen. Wenn Du einen gewissen Familiensinn erlebt hast, lernst Du auch, mit unterschiedlichen Personen, mit Großeltern, Onkels oder Tanten eben auch unterschiedlich zu agieren. Und wenn Du einen sechs Jahre älteren Bruder hast, lernst Du schnell, dass es nicht immer gerecht zugeht und Du auch mal auf die Fresse bekommst. Man lernt, sich auf verschiedenste Charaktere ganz gut einzustellen. Das hat sicher dabei geholfen, mich heute auf verschiedenste Zuschauer, Zuhörer oder Leser möglicherweise ganz gut einstellen zu können.

Was warst Du denn für ein Kind?


Ich war ein ganz lieber Kerl. Allerdings musste man mir im Gegensatz zu meinem älteren Bruder Entscheidungen oder Regeln immer erklären. Ich bin nur gerne gefolgt, wenn ich verstanden habe, wozu. Also obrigkeitshörig war ich nicht.

Warst Du beim Bund?


Nee! Zivildienstleistender. Das war eine fantastische Zeit. Ich habe nicht einen einzigen Tag gefehlt. Das war super, weil Du im Zivildienst, wie in anderen Funktionen Jahre später, erstmalig die Gelegenheit hattest, in andere Lebenswirklichkeiten reinzuschnuppern. Man kümmerte sich um sozial Bedürftige und vermeintlich “Asoziale“, Kranke und Alte. Wir haben Buden entrümpelt von Menschen, die damals noch nicht “Messies“ sondern “Asis“ genannt wurden. Eine Super-Zeit, mit zehn anderen Zivildienstleistenden in Castrop-Rauxel: Das war 'ne Super-Truppe.

Ich habe ja damals viel gezeichnet. Und die Menschen, die wir damals betreut haben, waren in der Kleinstadt quasi die Prominenten des kleinen Mannes. Wenn Du also bei Omma Jaksch warst, wusste jeder von der Truppe, wie sie drauf war. Und wenn Du bei Oppa Dingenskirchen warst, konntest Du von ihm erzählen: Du saßt in Deinem Zivi-Büro mit der Dienststelleleiterin und hast gegeiert. Ich habe dazu den Themen und Begegnungen gezeichnet, und irgendwann hing das ganze Büro voll von Zeichnungen über die Arbeit und die Personen. Als dann der Ober-Bezirksleiter kam, mussten wir sie wieder abhängen. Da gab es Ärger.

Wie ist denn-über Zeichnen hinaus- Dein Zugang zum Umgang mit Sprache gewachsen? Irgendwann ging das ja los.


Ich weiß auch nicht. Wenn ich mit Freunden zusammen war, begann es mit dem klassischen Prinzip der Hitparade. Das taucht ja in der Vita von vielen auf, die in unserem Bereich tätig sind. Zusätzlich hatte ich mit meinen beiden Cousins noch einen “Verlag“: Wir zeichneten Comic-Bücher und Hefte und verkauften sie. Wir nahmen nach Kassensturz damals die stolze Summe von 120 D-Mark ein. Also: Ich war schon sehr früh Publizist, und bin schon mit sechs Jahren mit einem Kassettenrekorder durchs Dorf gelaufen. Man muss wissen; Ich habe ja nicht in Castrop-Rauxel gewohnt, sondern in einem Vorort von Castrop-Rauxel.

In der Provinz der Provinz, den Outskirts von Castrop-Rauxel. Dort habe ich also den lokalen Pfarrer in Augstein'scher Mentalität ausgequetscht, ob er einen verurteilten Mörder bei sich wohnen lassen würde. Ich glaube, der hatte auch mit einer anderen Frage gerechnet, als da ein Siebenjähriger mit einem Kassettenrekorder auf ihn zulief. Ich habe ihn zum Aufwärmen zuerst nach dem Wetter gefragt. Aber dann habe ich ihn gegrillt. Wer weiß, was ich ihn mit dem Kenntnisstand von heute noch alles gefragt hätte.

Dann hast Du Abi gemacht?


Mit einem Jahr Verzögerung ja.

Und, wie man Deiner Vita entnehmen darf, nach einem Jahr “erfolgreich das Studium abgebrochen“.


Ja. Nach einem Semester.

Das allerdings hast Du durchgezogen ohne Pause.


Ja! Ich habe exakt so lange studiert, bis ich mit meiner damaligen Freundin und Fahrgemeinschaft zusammenkam: Ich habe sie so häufig zur Uni gefahren, bis ich fest mit ihr zusammen war. Danach konnte ich mich aus dem Studium zurückziehen. Ich hatte ja Sozialwissenschaften studiert, insofern habe ich quasi an ihr meinen Schein gemacht und konnte sie danach wieder alleine zur Uni fahren lassen.

Dein Start in die putzige Welt der Medien begann dann im Radio.


Ja. Nachdem ich das eine Semester Sozialwissenschaften zumindest zur Hälfte hinter mich brachte, musste ich dann irgendwann einmal Farbe bekennen und mir selbst eingestehen, dass ich doch auch eines dieser oberflächlichen Medien-Arschlöchern werden wollte. Wenn man aus einem Handwerker-Haushalt kommt, begegnet man diesem Berufsfeld ja doch gleichzeitig mit einer gewissen Scheu und Abscheu: Alles wirkte dubios oder irgendwie habschwul. Irgendwann war mir klar, wie stark meine Grund-Affinität war. Also schnappte ich mir das Medien-Handbuch, diesen dicken Wälzer, und ich schrieb endlos Bewerbungen. Das dauerte alles ewig, also arbeitete ich ein ganzes Jahr auf dem Bau. Da zu sitzen und gar nichts zu tun kam überhaupt nicht in Frage.

Anfang 2000 ging ich einfach zum lokalen Radiosender in Herne, um ein Praktikum zu machen. Das Irre ist: Um ein Praktikum zu bekommen, musst Du erst einmal ein Praktikum vorweisen. Komplett behämmert: Ohne Praktikum bekommst Du kein Praktikum. So also wollte ich eigentlich das Lokalradio-Praktikum nur machen, um woanders ein Praktikum vorweisen zu können. Im besten Falle natürlich beim Fernsehen. Dann hat das so einen Spaß gemacht, so gut gewuppt und gefluppt, dass ich ein ganzes Jahr geblieben bin. Die damalige Unterhaltungschefin vom Mutterschiff, Radio NRW, hatte mich dann dorthin gezogen. Glücksache, sie wohnte damals in Herne und hatte mich gehört. Vielleicht wäre ich ohne diesen Zufall immer noch glücklicher Lokalradio-Moderator. Oder auch Ballermann-Sänger.

Bist Du es denn jetzt: glücklich?


Wie klügere Menschen es ja schon formuliert haben: Glücklich zu sein, ist ja eher jene Spitze, die ab und zu aus der Zufriedenheit herausragt. Und zufrieden bin ich auf jeden Fall. Und glücklich bin ich häufig genug. Mehr vielleicht als so manch anderer.

Du verleihst  ja vielen Comedians Sprache...


...das klingt so nach Augsburger Puppenkiste…

…ich baggere mich schnell noch zur eigentlichen Frage vor: Die Liste ist lang und reicht von Atze Schröder über Dieter Nuhr, Hans Werner Olm, Rüdiger Hoffmann, Oliver Polak bis zu Monika Gruber oder Matze Knop. Wie genau näherst Du Dich denn den jeweiligen Aufgaben?


Das hängt natürlich stark davon ab, für welche Produktion ich arbeite. Bei Dieter Nuhr und dem Comedy Preis gerade etwa gab es gar keine großen Berührungspunkte. Man trifft sich zwei-, dreimal und Björn Mannel, der andere Autor des Comedy-Preises und ich liefern zu allen Themenkomplexen lines. Dieter nimmt dann im besten Fall ein paar lines, steuert seine Dinge bei und macht ansonsten vieles einfach aus dem Programm. Wenn wir etwa für Atzes Bühnenprogramm schreiben, dann sind wir wie eine Band. Und Atze ist unser Lead-Sänger. Wir sitzen zusammen, spinnen einfach rum, unterhalten uns über Gott und die Welt und hauen raus. Arbeite ich für Rüdiger Hoffmann, ist es so: Ich telefoniere mit ihm, frage, zu welchem Thema er gerne etwas erzählen würde, schreibe etwas und schicke es ihm.

Mit wieder anderen wie Olli Polack sitze ich zusammen, wir unterhalten uns über Themen und schauen, was dabei rauskommt. Also, es ist bei allen unterschiedlich.

 

Wie wichtig oder nebensächlich ist die Qualität von Beziehung zu den Künstlern?


Ich halte die für sehr wichtig, weil ich keine Lust habe, mit Arschlöchern zusammen zu arbeiten. Und, wenn ich -über Arschlöcher hinaus- die Person zwar für ganz nett halte, aber die Zusammenarbeit fürchterlich zäh wird, ist das auch nicht lustig. Ich habe schon mit Humoristen oder Humoristinnen zusammen gesessen, die überhaupt nicht wussten, was sie erzählen wollten. Das finde ich dann so zäh, dass ich denke: An dem Tag kannst Du auch besser etwas anderes machen. Dann lasse ich es lieber. Ich möchte schon mit Menschen zusammen arbeiten, die auch wissen, was sie erzählen wollen.

Gerade aufgrund der Tatsache, dass zwei, drei Leute mit ihren Fähigkeiten Stadien füllten, schießen plötzlich alle möglichen Leute wie Pilze aus dem Boden und  sagen: Du bist doch Autor, schreib mir doch mal was. Sie erwarten, dass ich ihnen dabei helfe, in ein paar Tagen vor 10.000 Menschen auftreten. Schräg! Ich muss doch als Künstler selber das Gefühl haben, Zuschauern etwas so zu erzählen, dass sie sagen: Deubelschlag, so hat mir das aber noch keiner erzählt! Aber bei einigen scheint irgendwie inzwischen der Geschäftssinn mehr im Vordergrund zu stehen, als Fähigkeiten und Inhalte. Ich bin jetzt etwas abgeschweift.

Da kommt uns ein wenig zugute, dass ich mich noch an meine Frage erinnere. Der eine Pol des Spektrums verbände Deine Fähigkeiten mit Deiner Beziehung zum Künstler. Der gegenüberliegende Pol sähe Dich zu Themen schreiben - annähernd unabhängig von der Frage, für wen Du schriebest: Content-Haus Beisenherz quasi.


Theoretisch könnte ich auch jemanden für einen Idioten halten und könnte trotzdem ein Stand Up für eine Sendung schreiben. Ich muss auch zugeben: Ich habe auch schon mal jemanden für einen Idioten gehalten und dennoch mit ihm zusammen gearbeitet. Es ist ja auch Handwerk, bei dem Du möglichst kunstfertig von A über B nach C leitest. Da könnte derjenige, der es auf Bühnen oder in TV-Sendungen erzählt, ein Trottel oder ein totaler Honk sein: Man könnte trotzdem für ihn arbeiten. Ich arbeite lieber mit jemandem, als für jemanden arbeiten zu dürfen.

Vielleicht ein männliches Attribut, dieser Wunsch danach, wirkliche Augenhöhe zueinander zu haben. Dass jemand Hof hält, und Du darfst ihm ein paar Pointen anreichen, die er Dir im Zweifel in bester Kinski-Manier um die Ohren haut, das macht man wahrscheinlich eher am Anfang einer Karriere als in der Mitte.  Das hat viel mit Selbstachtung zu tun, und die andere Variante macht auch einfach mehr Spaß.

Du bist in der Mitte jetzt? In Deiner und in der Deiner Karriere?


(Lachend) Ja, ich bin in der Mitte.

Wenn wir schnell mal über ein paar Medienfiguren lästern wollten, was wir ja keinesfalls wollen: Welche Figuren wären das, über die wir keinesfalls lästern wollen?


Ich werde bestimmt keine Namen nennen.

Ach?


Das mache ich nur bei Facebook.

Und welche Namen sind das, die Du nicht nennen wirst?


Sagen wir es so: Das sind exakt die Figuren, bei denen man sich die Frage stellt: Waren das schon arrogante Pfeifen, bevor sie erfolgreich geworden sind, oder sind sie es erst durch ihren Erfolg geworden. Von diesen Typen gibt es ja zwei, drei. Die typischen, unzuverlässigen, grenzschizophrenen Figuren, die auch in ihrem privaten und erweiterten Bekanntenkreis nur noch ihre Jubelperser dulden und Lichttechniker, Tontechniker oder Maskenbildner wie Dreck behandeln. Da muss man sich die Frage stellen, ob man in diesen Zusammenhängen arbeiten will.

Ein paar Menschen tun dies. Und, wenn ich das jetzt so offen sage, mache ich dies auch aus der Arroganz heraus, dass ich es mir zumindest bis zu einem gewissen Grad aussuchen kann, mit wem ich arbeite. Und ich bin halt sehr dankbar, dass es in der Branche -komisches Wort eigentlich: Branche- viele Leute gibt, mit denen es Spaß macht zu arbeiten, und mit denen man ein ganzes Jahr füllen kann.

Branche klingt immer ein wenig nach Rotlicht und Milieu.


Finde ich auch. Nach Halbwelt und Rotlicht.

Bissige Autoren können ja aus der Distanz aggressive Impulse ironisch platzieren, ohne sich wirklich der Gefahr eines ernsten Konfliktes aussetzen zu müssen.


Mit dieser Formulierung versuchst Du doch, mich aufs Glatteies zu führen!

Ich will ja nicht unangemessen stören, könnte aber theoretisch meine belanglose Frage noch anschließen.


Um Gotteswillen – jederzeit.

Welchen Zugang hast Du denn zur eigenen Aggressivität?


Du meinst zu dem Furor, der in mir wütet?

Ich fühle mich verstanden.


Ach, ich lasse das schon raus. Diejenigen, die es angeht, bekommen dies schon zu hören oder zu lesen. Ich neige nicht dazu, mich einerseits über andere aufzuregen und es ihnen andererseits nicht zu sagen. Und sonst rege ich mich über Bahnverspätungen ebenso auf wie über andere Dinge, über die sich Menschen aufregen. Beruflich regt es mich manchmal auf, wenn 60er-Jahre-Sachen als preiswürdige Oberknaller betrachtet werden, ich daneben sitze und denke: wow! Ich will nicht sagen, dass mich da die blanke Wut packt, aber zumindest spüre ich ein gewisses Unverständnis.

Es nerven auch Situationen, in denen, was Du geschrieben hast, mit abenteuerlichen Begründungen von der Produktionsleitung, Redaktion oder Sender nicht umgesetzt wird. Das ist so die Nummer “Das versteht der Zuschauer nicht“. Manchmal entstehen solche Begründungen auch, weil man vielleicht nicht so viel Geld in die Hand nehmen möchte, um umzusetzen, wie es gedacht war. Das ist dann schon ärgerlich, und manchmal bekomme ich das Kotzen. Das allerdings kann ich auch nur deshalb bekommen, weil ich sehr gerne mache, was ist gut finde.

Das letzte, was ich will ist, etwas zu schreiben, es dann auf dem Schirm zu sehen und den Menschen die es gucken sagen zu müssen: Freunde, das war ursprünglich ja ganz anders geschrieben. Alle Bekannten schön zur Sendezeit zum Essen einzuladen, wenn der Sendetermin bevorsteht – Hauptsache sie sehen diese Sendung nie – ist ja auch keine Lösung. Das ist ja nicht mein Ansinnen, wenn ich an einer Sendung beteiligt bin. Ich möchte ein gutes und präsentables Ergebnis und ärgere mich natürlich, wenn es am Ende die totale Scheiße wird, obwohl es eigentlich besser hätte werden können.

Das kommt schon vor?


Ja, das kommt schon vor: dankenswerterweise immer weniger, weil es immer mehr Sender und Redakteure gibt, die sich mehr trauen, die Humor mehr zulassen und dem Zuschauer auch mehr zumuten. Insgesamt wird meines Erachtens die Situation für Autoren besser. Dass heute bei Sendern mehr möglich ist, sieht man etwa beim ZDF mit der “heute show“ oder “Leute, Leute“ oder auch bei RTL mit dem Dschungel. Der Dschungel ist eben auch deshalb so viel gefeiert, weil wir im Dschungel mit Markus Küttner, RTL, zusammensitzen und der  sagt: Macht Ihr mal! Und bei Stephan Denzer im ZDF ist es genauso.

Mehr über den Autor Christopher Lesko unter 

www.leadership-academy.de

www.pferdeakademie-berlin.de

meedia.de


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06.12.2012 “Angst spielt schon eine große Rolle“

GFDK - Christopher Lesko

Im zweiten Teil des Gespräches mit Christopher Lesko spricht Max Giermann über Erfahrungen der Parallelwelt Schauspielschule und den tragischen Tod seines Freundes Georgo Peugot. Er erzählt von Angst und Lampenfieber, vom Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Loslassen, und er beschreibt Glücksmomente und Anstrengungen seines Berufes. Fernsehen selbst schaut Führerscheinbesitzer Giermann eher "aus beruflicher Neugier": "Ich brauche nicht mehr so lange, bis ich vor dem Fernseher einschlafe."

Clown zu sein hat ja sehr etwas spontan Operatives. Schauspielschulen sind ein ganz anderes Feld.


Absolut.

Erzählen Sie, wie es Ihnen dort ergangen ist.


Über den Stempel habe ich ja schon gesprochen. Als ich anfing, dachte ich, ich würde die Schauspielschule für mein Clown-Sein nutzen. Oder ich würde Regisseur werden, das hat mich damals sehr interessiert. Dann allerdings hat es mich schnell gepackt. Rückblickend war das eine ganz seltsame Zeit. Wie ein sehr intensives Insel-Dasein. Es war genauso, wie man sich eine Schauspielschule vorstellt: Man hat sich drei, vier Jahre eingeschlossen und sich praktisch selbst erforscht. Nie wieder habe ich so intensiv gearbeitet: An mir und an Rollen.

Für Außenstehende ist das schwer nachvollziehbar: Man ist ja sein eigenes Instrument und beschäftigt sich sehr mit sich. Jeder musste dort durch tiefe Täler, auch bei mir war das so. Wir wurden dort mit unseren Schwächen konfrontiert. Ich habe das zwischenzeitlich sehr gehasst und eine Münze geworfen, ob ich bleiben soll.

Die ist dann fürs Weitermachen gefallen.


Ja, die ist fürs Weitermachen gefallen.

Mit welchen Ihrer Schwächen sind Sie denn konfrontiert worden?


Die Hochschule für Schauspiel Ernst Busch in Berlin ist dafür bekannt, relativ viel mit Disziplin und Druck zu arbeiten. Es gab beispielsweise ein Fähnchen-System: Rollen- oder Szenen-Studien von jeweils etwa sechs Wochen endeten mit einem Vorspiel vor den Dozenten. Bestand man dies nicht, bekam man ein Fähnchen. Bei drei Fähnchen wurde man exmatrikuliert. Dieses System, war natürlich nicht unbedingt förderlich, um junge Leute dazu zu bewegen, ihre Ängste zu überwinden und aus sich heraus zu gehen. Das verlieh gerade Menschen, die schon zwei Fähnchen hatten,  zusätzlich zum Druck, den man ohnehin schon hatte, weiteren Druck. Sie verklemmten noch schneller, machten zu und konnten gar nicht mehr frei spielen.


Es gibt ein schönes Zitat meines Intendanten aus Essen, der als Regieanweisung aus Spaß immer aus vollem Hals brüllte: "Locker!!! Locker!!" Das beschreibt es. Also,  die Schule hat schon mit seltsamen Methoden gearbeitet, der Druck war für alle groß. Ich hatte aber zum Glück nie ein Fähnchen.
Sie haben ja nach meinen Schwächen und damaligen Tälern gefragt. Anfangs musste ich hart lernen, das Clowneske vom normalen Spiel zu trennen. Und häufig habe ich gedacht, ich könne das alles nicht, oder ich sei nicht durchlässig, ein typisches Schauspielschulen-Wort. Ich bin ohnehin anfällig für Kritik, und da bekam man auch genug. Und: Es war einfach auch wahnsinnig viel Arbeit.

Da wurde von früh bis spät malocht, und man wurde ganz schön rangenommen. Das hat jeden auch psychisch ein wenig in die Mangel genommen. Man sagt ja, Schauspielschule sei in etwa das, was im Theater die Endprobenphase ist, in der es richtig zur Sache geht. Das war in der Schauspielschule die gesamte Zeit so: jahrelange Endprobenphase.

Ein drastisches Gegenmodell zum Komfort der Freiburger Kindheit und der freiheitlichen Haltung von Georgo Peugot.


Das war ein absolutes Gegenmodell. Auch das hat mir aber andererseits gefallen. Ich vermisste schon die Clownerie und war immer froh, in den Sommerferien wieder frei von der Leber weg Clown sein zu können. Aber, so hart es war: Die Disziplin, das genaue Arbeiten, das Nicht-Nachgeben, auch dieses Offen-Und-Ehrlich-Sein hat mir gefallen. Das ist das Schöne an dem, was ich jetzt machen darf: Beide Aspekte fließen ein. Einerseits der komische Wahnsinn und auf der anderen Seite die Disziplin. Man muss beim Parodieren schon auch seinem Affen immer wieder Zucker geben, und auf der anderen Seite braucht es Vorbereitung, Handwerk. Es ist sehr schön, dass sich beide Extreme verbinden. Schauspielschule war rückblickend eine andere Welt. Diese Welt  hatte nicht viel Bezug zur Realität, nicht einmal wirklich viel Bezug zum Theater-Leben.

Wo haben Sie denn danach fähnchenlos auf der Welt herumgelümmelt?


Ach, danach dachte ich: Jetzt aber schon Deutsches Theater Berlin oder Berliner Ensemble. Was heraussprang, war ein Vorsprechen bei den Münchner Kammerspielen. Das war auch erstmal in Ordnung, hat aber nicht geklappt. Dann kam die Ernüchterung: Was übrig blieb, war das Schauspiel Essen. Da dachte ich damals als arroganter Schnösel-Student, das sei nun irgendwie nicht so dolle.

Sie waren arrogant?


Nee, aber ein wenig realitätsfremd. Ich war ein erfolgreicher Student und habe geglaubt, das ginge einfach am Theater so weiter. Und das war nicht so.

Ach gar.


Dann war es halt das Theater Essen. Bodenständiges, normales Stadttheater, wo fürs Abo-Publikum solide inszeniert wurde. Das war neu für mich, hat mich zunächst ein wenig abgestoßen. Ich wollte große Kunst machen. Ich saß da in Essen, konnte mich mit der Stadt überhaupt nicht anfreunden und habe relativ schnell entschieden, die Zelte nach einem Jahr wieder anzubrechen. Ich ging zurück nach Freiburg und zur Clownerie, durfte aber in Essen noch gastieren. Ich habe fünf Jahre lang noch zwei, drei Stücke im Jahr gemacht. Ich konnte mir die Rollen auch aussuchen, eigentlich eine tolle Zeit mit Clownerie und Theater. Später kamen parallel auch die ersten Fernsehangebote.


In Freiburg wollte ich mit Georgo Peugot zusammen ein Clowns-Duo gründen. Wenn man ehrlich ist, ein extrem unrealistisches Unterfangen, aber wir wollten das unbedingt versuchen. Das übrigens war das erste Mal, dass meine Eltern Widerspruch hatten: Ein festes Engagement am Theater zu kündigen um Clown zu sein, fanden sie nicht so berauschend. Und dann ist in diesem Sommer, fünf Wochen nach meiner Rückkehr, Georgo bei einem Autounfall gestorben. Ich musste alles neu sortieren und entschied mich dafür, erst recht dabei zu bleiben. Ich hätte auch ans Theater zurück gehen können, habe aber dann seine Sachen weitergeführt.

Wie ist er denn gestorben?


Er ist mit seinem Auto in der Schweiz an einem unbeschrankten Bahnübergang von einem Zug erfasst worden. Ein Schock. Ich bin mit seiner damaligen Lebensgefährtin heute noch eng befreundet. Auch mit seinem damaligen Partner Jack Millet, mit dem ich nach Georgos Tod lange zusammen gespielt habe. Sein Tod war für mich noch einmal eine nächste Stufe des Erwachsen-Werdens. In einem Leben, in dem alles immer eher logisch aufeinander aufgebaut war und weiter lief: Plötzlich war irgendwie Schluss, aber es war in diesem Moment egal. Man denkt nicht an die eigene Karriere in Situationen wie diesen damals.

So hat Ihr Mentor Georgo Peugot Ihren Start ins Fernsehen nicht mehr erlebt?


Nein, er hat das nicht erlebt. Ich glaube, er wäre sehr, sehr stolz gewesen. Nein: Ich weiß es. Noch heute vor großen Auftritten denke ich an ihn und versuche, von seinem Spirit etwas mitzunehmen.

Glauben Sie an Gott?


Nein, leider nicht. Ich beneide immer Leute, die das tun. Ab und an habe ich das Gefühl, so etwas wie der Geist von Georgo sei im Raum, dann fühle ich mich ihm nahe. Das wird seltener, der Unfall ist ja zehn Jahre her. Nach seinem Tod habe ich anfangs viel von ihm geträumt, habe mich in Situationen häufig gefragt, was er wohl getan oder mir geraten hätte. Das wird weniger.

Sich derartige Fragen im inneren Dialog zu stellen, ist Beleg für Bindung und Beziehung. Diejenigen, die Schalter ausknipsen, kann man eh vergessen. Übrigens: Stolz – sind Ihre Eltern eigentlich stolz auf Sie?


Ja. Es gab diese erwähnte Phase, in der es schwierig war: Meine Eltern waren im weiteren Sinn zwar Künstler, aber sie sind eben auch Beamte gewesen. Da überwog die Sicherheits-Komponente. Meinem Vater geht es heute noch so: Er hat immer Angst, wie es für mich jetzt weiter geht. Selbstständige gewöhnen sich ja an eine gewisse Ungewissheit. Und es tut mir durchaus auch gut, nicht zu wissen, was ich in zwei Jahren mache. Doch, meine Eltern sind stolz. Mein Vater hat dies in einer wunderbaren Hochzeitsrede auch gesagt, und das freut mich sehr.

Ihr Leben unterscheidet sich ja in einigen Aspekten von dem eines Beamten. Sie sind, so hoffe ich, mehr in Bewegung. Was bedeutet dies für Anzahl und Qualität von Bindungen? Haben Sie viele wirkliche Freunde?


Also, ich habe wenig gute Freunde. Ich glaube, das hat weniger mit dem Beruf zu tun als mit meinem Wesen.

Die Berufswahl selbst hat auch mit dem Wesen zu tun. Was ist denn schnell nochmal mit Ihrem Wesen?


Ich tue mich schwer damit, Bindungen zu pflegen. Eigentlich mag ich es auch nicht so, wenn man in Erinnerungen schwelgt.

Für dieses Gespräch kommt die Information ein wenig spät.


Nein, hier ist das ganz angenehm Aber sonst so im Alltag… ich habe zum Beispiel nur noch einen Freund aus der Schulzeit. Und es liegt bestimmt auch an mir. Ich glaube, ich bin nicht so treu. Und ich tue mich schwer, künstlich Brief- oder Mailverkehr aufrecht zu erhalten. Also, ich habe wenig gute Freunde und die wenigen, die ich habe, sind auch wirklich gute Freunde, auf die ich zählen kann. Eine Handvolll, wenn es hochkommt. Dann gibt es viele gute Bekanntschaften: Auch Menschen, mit denen ich arbeite und denen ich in Projekten sehr nahe komme, und die ich wirklich kennen lerne. Und dann: Ich bin auch gerne allein. Viele Bekannte und auch gute Freunde von mir sind sehr unternehmungslustig und müssen immer etwas erleben. Mir geht das anders. Ich sitze lieber auch mal auf der Couch.

Wie gut treffen Sie denn Sie denn die Balance zwischen der Beanspruchung beruflicher Ressourcen und dem Auffüllen Ihres Akkus?


Ich habe glücklicherweise nicht den Wahn, unbedingt in allen wichtigen Formaten auftauchen zu müssen, und ich habe auch kein Problem damit, etwas abzusagen. Wenn ich etwas mache, mache ich es richtig. Und das bedeutet schon manchmal, dass ich Probleme habe, es zu dosieren. Wenn es richtig viel Arbeit ist, kann ich nicht sagen, ich lasse es einfach mal bleiben und gehe morgen unvorbereitet ans Set. Aktuell hatten wir bei “Switch“ mit 18 Folgen eine sehr lange Staffel und ein halbes Jahr ohne Wochenende. Da hatte ich natürlich das Gefühl, ich könne die Balance nicht halten. Da fragst Du Dich schon, wie Du das machen würdest, wenn Du Familie hättest. Das ist ein wenig ein Gewissenskonflikt: Wie weit willst Du Dich aufopfern? Ich will es dann halt auch nicht halb machen.

Das eine ist ja zu entscheiden, das andere, überhaupt zu merken, wenn es droht zu viel zu werden.


Ach, das merke ich vielleicht sogar ein wenig zu gut, ich bin da eher hypochondrisch veranlagt. Ich hatte mal ein richtiges Tief, fühlte mich ausgebrannt. Es fiel mir schwer, morgens aufzustehen, die Kraft war weg. Ich bin dann zu einem Fachmann gegangen, habe ihm allerdings am Ende der ersten Sitzung schon gesagt, ich bekäme das schon alleine hin. So war es dann auch. Nein, ich habe ein gutes und präzises, inneres Frühwarnsystem. Damals war es, so glaube ich, nur der Punkt zu erkennen: Achtung, komm mal runter.

Sagen Sie mir doch schnell mal aus dem Bauch die aktuell ödeste TV-Sendung, die Ihnen einfällt.


Ich wundere mich, dass “Wetten, dass…?“ so ein Erfolg ist. Ich finde es sterbenslangweilig. Ich fand es übrigens schon als Kind nicht besonders spannend. Alle sind damit groß geworden - ich nicht. Ich war noch nie ein großer “Wetten, dass…?“-Fan.

Tom Hanks hatte schon nicht ganz unrecht.


Nein, er hatte total Recht. Ich verstehe auch nicht, warum sich alle so über seine Äußerung echauffiert haben. Mittlerweise ist Fernsehen insgesamt für mich auch schwierig. Ich schaue viele Sachen lieber gezielt auf dem Rechner. Wenn ich Sachen parodiere oder nach möglichen Themen für Parodien suche, muss ich mir die Dinge ohnehin mehrfach anschauen. Und meine Fernseh- Schmerzgrenze sinkt natürlich: Ich brauche nicht mehr so lange, bis ich vor dem Fernseher einschlafe. Meine Frau bleibt übrigens genau bei den Sachen hängen, die wir immer verarschen. Ich sitze dann nebendran und schaue eher aus beruflicher Neugier mit. Aber vieles halte ich mittlerweile immer schlechter aus.

In jenem Teil von Medienkultur, der von Schleim, Anpassung und Oberflächen bestimmt ist: Wie navigieren Sie denn so, dass Sie selbst noch heil bleiben?


Ach, das ist schwierig. Ich habe kein Rezept dafür, dieser ganze Zirkus ist schon schwierig. Gerade wegen der Extreme: Einerseits ist beim Spielen Ernst und Authentizität gefordert, auf der anderen Seite gibt es jede Menge Politik. Ich bin ja nun auch in einer Situation, in der es darauf ankommt Formate zu verkaufen, in der ich viel mit Geschäftsführern oder Senderchefs am Tisch sitze. Das zu dürfen, ist ein Privileg. Aber, man macht da sehr viel mehr mit: Man ist nicht mehr einfach nur Akteur und Darsteller. Das ist schon echt nicht so einfach, da durch zu schiffen. Ich bin immer froh, wenn die Kamera läuft.

Ich habe in diesem Jahr viel Spaß beim Drehen gehabt. Um auf Georgo Peugot zurück zu kommen: Man muss sich immer wieder neu klar machen, warum man das alles tut. Und wenn es nur ein paar Tage im Jahr gibt, von denen man sagen kann, es habe richtig Spaß gemacht: Es ist so wichtig, diese Tage auch zu haben. Viele haben das wahrscheinlich kaum. Am Set mit dem Team zu arbeiten, ist ein tolles Gefühl: Man hat diese gesunde Aufregung, kann aus sich herausgehen, lacht auch viel. Das sind Glücksmomente, die man wahrnehmen muss und aus denen man nicht so schnell wieder heraus hetzen sollte.

Was ist denn für Sie das Schwierigste an Ihrem Beruf?


Dass man zu allem sofort ein Feedback bekommt. Dass jeder sich sofort zu allem, was Du tust, eine Meinung bildet. Manchmal möchte man irgendwie auch gerne im stillen Kämmerchen arbeiten. Am liebsten würde ich im Ausland arbeiten oder leben. Man arbeitet und fährt nachhause woanders hin. Diese Trennung ist heute sehr schwierig, gerade in Facebook-Zeiten. Jeder gibt zu allem seinen Senf dazu. Gerade, wenn man ein wenig zarter besaitet ist -ich bin ja nicht so gut im Einstecken- liegt man schon mal nachts wach und grübelt, weil jemand etwas Blödes geschrieben hat. Man weiß zwar, man sollte das nicht tun, aber es geschieht dennoch.

Wissen reicht nicht: Die Fähigkeit zu emotionaler Distanz ist halt keine rationale Frage. Der lausigste Weg ist, über Jahre einzustecken und irgendwann stumpfer zu werden. Ich befürchte aber, dies ist der Weg, den viele gehen.


Das glaube ich auch, das geht vielen Kollegen so.

Eine Handvoll Freunde haben Sie, und: Wenigstens einen anständigen Feind?


Ich glaube nicht. Keinen, von dem ich weiß. Es kann natürlich sein, dass etwa ein Daniel Kreibich oder ein Reinhold Beckmann mir insgeheim wegen der Parodie Böses wünschen. Ehrlich gesagt, ich fände es überhaupt nicht schlimm. Ich lege es nicht darauf an, aber wenn, ist es auch in Ordnung. Es wundert mich ohnehin, dass alle Parodierten die Parodien immer so toll finden, wir versuchen ja durchaus, schon auch mal böse zu sein.

Welche Ihrer Stärken ist Ihnen die relativ angenehmste, welche Ihre Schwächen die relativ unangenehmste?


In beiden Fällen ist es das, was mit dem Begriff Perfektionismus auch ein wenig blöde beschrieben ist. Nicht loslassen, Kontrolle ausüben wollen sind Stärken, weil ich dadurch immer gut vorbereitet bin. Aber es ist für mich auch unangenehm, weil es manchmal besser wäre, einfach loszulassen. Frei sein zu können, Kontrolle abzulegen, ist mitunter für den Beruf wichtig, und für einen selber erst recht.

Wann sind Sie denn das letzte Mal richtig ausgerastet?


Ich habe mich über mich gewundert, als ich letzten Sommer meinen Produktionsleiter angeschrien habe. Das kam einfach aus dem Bauch. Muss auch mal sein. Sonst ist das überhaupt nicht meine Art.

Kennen Sie Angst?


Ja. Klar, kennt doch jeder. Die Angst zu sterben treibt mich täglich um. Natürlich habe ich gelernt, dem nicht nachzugeben. Oder die Angst, jemanden zu verlieren. Auch Lampenfieber ist eine besondere Form von Angst. Sehr abgemildert, aber auf jeden Fall eine Form von Angst. Das habe ich in meinem Job oft: Was andere mit Prüfungsangst haben, habe ich an jedem Drehtag: Angst zu versagen, Angst, dass es nicht gut ist, was ich mache. Mir ist auch klar, dass es Unsinn ist. Aber das Herz bummert und man schwitzt. Es ist, wie ein bisschen zu schnell eine Skipiste herunter zu fahren. Einerseits hat man Angst und andererseits ist es auch toll. Ich bin kein Adrenalin-Junkie, aber Angst spielt schon eine große Rolle.

Wie möchten Sie denn alt werden? Nicht ob, sondern: wie?


Vielleicht in dem Haus, was ich hoffentlich bald mal finde. Wie in diesem Lied von Peter Fox „Haus am See“. Mit meiner Frau und Enkelkindern, Weihnachten und allem. Aber ich möchte auch so lange wie möglich arbeiten.

Vor die Gnade der Enkelkinder hat der Herrgott, an den Sie nicht glauben, erst einmal die Kinder gesetzt.


Genau. Das ist mir bewusst.

Sind Sie denn da ganz anständig unterwegs?


Noch nicht, aber es steht sozusagen auf der Agenda.

Das haben Sie gefühlvoll formuliert.


Danke. Jetzt wissen Sie ja alles, was auf meiner Agenda steht: Haus, Garten, Kinder- Führerschein Klasse 3 hab ich ja schon.

Max Giermann, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.


www.leadership-academy.de

www.pferdeakademie-berlin.de

meedia.de

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05.12.2012 “Ich wäre ein schlechter Giermann-Darsteller“

GFDK - Christopher Lesko

Wenn Bohlen oder Beckmann, Lagerfeld, Lanz oder Lafer in Spiegel schauen möchten, bietet er bei “Switch Reloaded“ Alternativen: Max Giermann, 37, parodiert bis in den inneren Kern der Person mit erschütternder Präzision TV-Größen. In Köln sprach Giermann in einem zweiteiligen Interview mit Christopher Lesko über Stationen seines Weges. Im ersten Teil des Gespräches spricht Giermann über die Jugend in Freiburg und die zentrale Bedeutung seiner Beziehung zu Freund und Mentor Georgo Peugot.

Max Giermann, können Sie mir drei kurze Geschichten über sich erzählen? Eine davon muss gelogen sein.


Die Antwort wäre: Nein. Ich kann nicht gut lügen. Es wäre schon schwierig, die beiden wahren Geschichten aus dem Hut zu zaubern.

Echt?


Vielleicht fallen mir im Laufe des Gespräches noch welche ein.

Gut, belügen wollen Sie mich nicht, das ist aggressiv. Können Sie mir in ein paar Sätzen beschreiben wer genau hier vor mir sitzt


(Lachend) Ich dachte, es wäre jetzt Ihre Aufgabe, das rauszufinden. Damit wir danach beide klüger sind.

Das Bild, welches man von sich selbst hat, ist doch nicht nur langweilig. Ich kann es ja anreichern, wenn mir unterhalb der Ebene gesprochener Worte etwas auffällt.


Ich glaube, das ist mit die schwierigste Frage, sich selbst innerhalb einer Antwort zusammen zu fassen: Ich denke, ich bin ein relativ bodenständiger, normaler Typ, der aus Freiburg kommt und in sehr behüteten Verhältnissen aufgewachsen ist. So, wie man sich das eigentlich erträumt. Der als Kind mit Freunden im Wald spielen konnte. Der einen eigentlich sehr geradlinigen Lebenslauf hat, der nicht einmal drei Geschichten hergibt. Das ist nicht kokett gemeint: Ich bin ein normaler Typ, dem es wichtig ist, ein ganz normales Leben zu führen. Das ganze Drumherum, das der Job mit sich bringt, ist letztlich nicht so wertvoll.

Nun hält man möglicherweise in Frauengefängnissen andere Dinge für normal, als in Kölner Hotels. Obwohl, wenn ich mich hier so umschaue…


(Lachend) Da gibt es bestimmt Überschneidungen…

 …wenn Sie also den Blick auf sich richten, was finden Sie? Sind Sie Börsenfanatiker, Mountainbiker, Vieltrinker, Familienvater, ein aggressiver oder gründlicher Mensch?


Sie merken ja, dass ich mich sehr schwer tue. Mich selbst zu betrachten, finde ich unangenehm. Was bin ich? Ich könnte Ihnen jetzt ein paar Hobbies aufzählen…

Eigene?


Ja, aber das ist es dann auch nicht. Wäre ich Familienvater, würde ich sagen, ich sei in erster Linie Familienvater, weil das sicher jedem Familienvater so geht. Bei mir wäre das auch der Fall, aber soweit ist es ja noch nicht. Hmmhh: Ich bin frisch verheiratet.

Seit heute?


Nein, wir haben im Juli geheiratet.

Darf ich noch gratulieren, oder hat die Ehe schon gelitten?


Nein, die Gratulation nehme ich gerne an.

Herzlichen Glückwunsch, ich wünsche Ihnen beiden ein gutes Leben miteinander.


Vielen Dank. Es war eine tolle Hochzeit, und es fühlt sich gut an. Man fragt sich ja vorher: Ändert eine Heirat überhaupt irgendetwas? Nein, es ist schön, ich kann es nur empfehlen. Auch ein blöder Spruch.

Natürlich ändert Heirat etwas.


Ja, das gibt mir schon mehr das Gefühl, irgendwo hin zu gehören. Das klingt vielleicht auch wieder banal, aber an diesem sprichwörtlichen Hafen ist etwas dran. Man bekennt sich in anderer Art dazu, und es ist nicht mehr so austauschbar, wie es vielleicht vorher hätte sein können. Das ist sehr schön. Ansonsten bin ich ein relativ genervter, verzweifelter Haussuchender. Sie merken, es geht alles mehr in Richtung Sesshaftigkeit.

Warum genervt?


Weil wir nichts finden hier in Köln. Ich bin auch nicht der ganz große Köln-Liebhaber, aber ich habe mich hier langsam nach dreieinhalb Jahren eingelebt. Köln ist schwierig für Haussuchende: Entweder schweineteuer, oder uns fehlt der Garten, der schon dabei sein sollte. Zwei, drei Jahre, so Bekannte, muss man suchen. Es ist nicht so einfach, hier etwas Schönes zu finden.

MEEDIA als Brot-und-Butter-Portal für medienaffine Hausbesitzer und Immobilienmakler könnte den entscheidenden Schritt einleiten. Vielleicht wird ja unser Gespräch entsetzlich öde, aber Sie können sich auf der anderen Seite vor Häusern mit Garten oder gar Gartenhäusern nicht mehr retten.


Och ja,  gerne. Ja, und sonst bin ich ein Mensch, der sich auch sehr über seinen Beruf definiert. Ein Beruf, der mich sehr umtreibt: Kein normaler Bürojob, bei dem man abends und am Wochenende einfach so abschalten kann. Vieles arbeitet sehr in mir weiter, und immer wieder muss ich mich als Schauspieler neu orientieren.

Kommt Ihre Frau aus dem phantastischen Umfeld der TV-Medien?


Nein. Sie steht dem Ganzen auch relativ kühl gegenüber. Sie hat eine vernünftige Distanz und ist beispielsweise niemand, der gerne auf roten Teppichen umhergeht. Fassadenhaftes interessiert sie nicht so. Sie mag von den Kollegen auch jene besonders, die natürlich und mit den Füßen auf dem Boden geblieben sind.

Klingt so, als hätten Sie es gut getroffen. Wenn Sie nicht aufpassen, hält die Ehe.


Ich hoffe! Ich war auch schon zusammen mit Frauen, die meinen Beruf ausübten, das war immer schwierig.  Man tritt schnell ungewollt in ein Konkurrenzverhältnis: Einer bekommt ein Engagement beim Theater, der andere nicht, das kann anstrengend werden. Meine Frau hat auch überhaupt keine Ahnung von meinem Beruf, dadurch ist sie mir immer die liebste Kritikerin. Eigentlich die einzige, die im Vorfeld etwas zu meinen Sachen sagen darf, und es ist sehr angenehm, jemanden an seiner Seite zu haben, der abends im Fernsehen einfach nur die Serie sehen will. Ohne diesen komischen Blick, den man als Teil der Medien nur noch schwer ablegen kann.

Welche Frage sollte ich Ihnen innerhalb dieses Gespräches auf gar keinen Fall stellen?


Bitte nicht die Frage, die in jedem Interview gestellt wird, wie denn die Opfer auf meine Parodien reagieren.

Opfer?


Ein Ausdruck, den Journalisten geprägt hatten, und den die Parodie-Szene ein wenig übernommen hat. Stimmt, da schwingt etwas Schräges mit. Ich gehe nie mit dem Anspruch an die Arbeit, andere zu zerfleischen.

Die Frage nach Opfer-Reaktionen interessiert mich nicht. Im Gegensatz zu den von Ihnen Parodierten wären Sie dafür ohnehin der falsche Ansprechpartner. Ich will Sie zu Ihren Parodien übrigens gar nichts fragen.


Das gefällt mir. Diese Frage jedenfalls wurde bis jetzt in jedem Interview gestellt. Interessant, dass andere als Erstes interessiert, wie Parodierte auf Parodien reagieren. Eigentlich richtig: Bei einer guten Parodie sollte man nicht über den Parodisten, sondern den Parodierten sprechen.

Soll ich Ihnen die Frage doch noch stellen?


Nein - stimmt: Jetzt rede ich so darüber, als hätte ich die Frage gerne gehabt.

Wie schaffe ich es denn, mir innerhalb unseres Gespräches schnell Ihren größtmöglichen Ärger zuzuziehen?


Sie müssten unhöflich werden. Aufgesetzt provokant sein und Provokation als Technik benutzen. Ich mag generell eher Harmonie, auch beim Arbeiten und nicht, wenn man sich so anstachelt.

Ihr Management hat mir freundlicherweise vorab Ihre Vita geschickt. Waren Sie einer der Autoren?


Ich habe da auf jeden Fall drübergeguckt.

Mir ist außerordentlich positiv aufgefallen, dass vermerkt ist, Sie hätten den Führerschein Klasse 3. Der Hinweis darauf befindet sich in der Rubrik "Fähigkeiten" neben  Fechten; Akrobatik; Pantomime; Clownerie. Allerdings an letzter Stelle. Das hat mich misstrauisch gemacht.


(Lachend) Ich bin nicht so ein guter Autofahrer, das stimmt. Deshalb steht es am Schluss. Ich bin noch unfallfrei, aber ich habe auch keinen eigenen Wagen. So gesehen ist das keine Kunst. Auf diesen Setcards müssen diese Dinge angegeben werden. Also eine Rolle als Taxifahrer können Sie ohne Pappe abschreiben.

Sie teilen Ihren Geburtstag mit Kevin Cline…


Au! Nicht schlecht.

…Christoph Schlingensief, Bill Wyman und Mickey Rooney, aber auch mit Hippolyte Mège-Mouriès, dem Erfinder der Margarine und Schneemann Christoph Daum, dem mit den Augen. So für eine Woche Urlaub zu zweit auf den Bahamas, was wären Ihre Top 3?


Das mit der Margarine finde ich super!

Weil die Schmierfähigkeit gut zur TV-Kultur passt?


Nein: Margarine ist gesund. Gegen Margarine kann man eigentlich nicht viel Schlechtes sagen. Außer, dass sie nicht so gut schmeckt wie Butter. Sie taugt zum Backen und ist immer streichzart.

Ein in Urlauben weitgehend tabuisiertes Thema.


In der Tat. Ansonsten,  Mit Christoph Schlingensief würde ich es mir allein deswegen wünschen, um ihm diesen Tag zu vergönnen. Kevin Cline würde ich in jedem Fall nehmen, den finde ich großartig. Man hofft ja immer, dass Kollegen, die vor dem Bildschirm sehr lustig sind, auch privat lustig sind. Das haben Sie wahrscheinlich auch gehofft.

Ich hätte jederzeit gerne mit Ihnen über das eine oder andere Thema zusammen geschwiegen. Auch das verbindet. So ganz tief innen drin. Glaube ich.


Ich käme nie auf die Idee, mich selbst als unglaublich geselligen Typen zu bezeichnen. Das entwickelt sich im Gespräch. Ich bin eher ein wenig scheuer. Das wird von Journalisten gerne mal so dargestellt, als hätte ich auf Partys nie Spaß gehabt. Manchmal wird man ja, wenn man nicht jede Party rockt, schnell mal als Sanostol-Kind, das in der Schule nie Spaß hatte, abgestempelt. Das stimmt nicht. Aber ich habe zum Glück nicht diesen Drang, mich immerzu selbst darzustellen. Ich habe das auch bei meinem Bühnenprogramm gesehen: Dieses Gen: Leute, ich bin der Lustigste, hört mir mal alle zu, das habe ich gar nicht. Ich denke dann eher, na ja, behalt es mal lieber für Dich. Ich kenne viele Schauspieler, die eher ein wenig zurückgezogen, selbstreflektierend oder sogar ein wenig selbstzweifelnd unterwegs sind. Bei Comedians ist dies oft umgekehrt.

Sich mit Parodien oder Schauspiel den Raum einer Rolle, eines anderen zu eigen zu machen und ihn zu füllen, bindet ja immer wieder neu viel kreative Energie und fordert ganz besondere Fähigkeiten der Identifikation. Dies privat nicht ebenso zu gestalten, finde ich eher naheliegend. Das ist wie bei zwei Seiten einer Münze, die ebenso zusammengehören, wie sie sich voneinander unterscheiden.


Ja, das stimmt: Privat in Talks-Shows zu sitzen oder in Foto-Shootings finde ich als Teil des Berufes viel schwieriger, als eine Rolle zu spielen. In Rollen geht es nicht vordringlich um mich selbst. Ich genieße es schon, beruflich etwas zu machen, wo man weit von sich selbst weg geht. Ich wäre ein schlechter Max-Giermann-Darsteller. Ich bin ein besserer Lanz-Darsteller glaube ich.

Das verbindet Sie beide. Lanz ist auch ein schlechter Lanz-Darsteller. Switch: Sie sind in Freiburg geboren und aufgewachsen. Wie lief denn Ihr Start ins Leben?


Es war nicht so, dass ich es schwer hatte als Kind, und ich mir eigene Wege durchkämpfen musste. Ich hatte eine sehr straighte und behütete Kindheit, Es war alles schön, ich war sogar ein guter Schüler. Ich hatte Freunde, und meine Eltern hatten wenig Stress mit mir.

Was haben Ihre Eltern denn beruflich gemacht?


Sie waren beide Lehrer – Kunsterzieher, so bin ich mit der bildenden Kunst früh in Berührung gekommen. Ich habe schon als kleines Kind viel gezeichnet und gemalt. Seit dem Studium mache ich das nicht mehr so viel. Eigentlich war das der vorgezeichnete Weg, ich hatte sogar einen Studienplatz für Medienkunst am ZKM in Karlsruhe bekommen. Aber irgendwie dachte ich, jetzt versuchst Du doch noch die Schauspielschule.

Haben Sie über Malen hinaus irgendetwas von Ihren Eltern gelernt, dass Ihnen für Ihr späteres Leben geholfen hat?


Na ja, das mit dem Malen war schon deutlich mehr. Meine Eltern haben das ja hobbymäßig gemacht, meine Mutter hat abstrakt gemalt. Dieser Blick hat mir dabei geholfen, generell zu abstrahieren. Mit künstlerischen Themen frei umzugehen. Meine Eltern haben viel zugelassen, mich meine Wege suchen und finden lassen und mich nie zu etwas gezwungen. Manchmal finde ich es im Nachhinein etwas schade, dass sie mich nicht zwangen, etwa ein Musikinstrument zu lernen. Aber als Kind war es toll, weil ich frei war. So hatte ich später auch keine Schwierigkeiten, einen künstlerischen Beruf einzuschlagen. Ich glaube, meine Eltern hätten es eher problematisch gefunden, wenn ich hätte Jura studieren wollen. Da hätten sie wahrscheinlich gesagt: Oh, muss das sein, das ist doch langweilig. Es war immer alles sehr einfach für mich.

Was waren Sie denn für ein Kind: Lebendig, still, reflexiv? Haben Sie Fußball gespielt oder Autos der Nachbarn angezündet?


Ein gewisses Quantum an Rebellion hatte ich schon auch in mir. Autos habe ich zwar nicht angezündet, aber ich hatte meine Heavy-Metal-Phase: Lautes Musik-Hören in Guns ´n Roses T-Shirts. Später dann die Hip-Hopper-Phase, in der ich mir jede Woche eine andere Haarfarbe zulegte und mit weiten Hosen in die Schule ging. Und, wenn es um Streiche in der Klasse ging, war ich immer weit vorne. Aber ich konnte es mir auch leisten. Wir haben es teilweise schon bunt getrieben.

Gibt es denn irgendeinen Streich, den Sie jungen Menschen heute empfehlen könnten?


Wir haben z.B. mal eine Lehrerin im Klassenzimmer eingeschlossen, die Klasse ist aber draußen geblieben. Einerseits war ich ein ordentlicher Schüler, und andererseits habe ich viel Unsinn gemacht. Unsinn ist mir ja später auf besondere Art zum Beruf geworden.

Wie genau ist denn Ihr Bezug zu Clownerie, Schaupiel und Rollen gewachsen?


Meine ältere Schwester war Mitglied der Theater AG unserer Schule. Sie wollte, dass ich dort mitmache, aber ich habe mich gewehrt. Ich war dafür zu schüchtern damals. Sie hat mich solange beackert, bis ich es gemacht habe. Dort bin ich in einer Improvisation total aus mir herausgegangen, was super funktionierte und auch viel Beachtung fand: Der Adrenalin-Kick, meine eigene Angst überwunden zu haben, setzte Positives frei. Alle haben gelacht, und von da an war ich total begeistert.

Das wurde dann mein liebstes Hobby. Und so ist es heute noch: Ich habe auch heute noch fürchterliches Lampenfieber. Dieser Kick, die eigene Angst überwunden zu haben, fühlt sich einfach gut an. Das ist dieses Fallschirmspringer-Feeling. Kurz vorher denkst Du: Warum mache ich das hier eigentlich alles? Und wenn es dann gut geklappt hat, ist es ein Hochgefühl. Wie gesagt: Bis heute neige ich sehr zu Lampenfieber, gerade im Fernsehen vor großem Publikum. Das gehört dazu.

Lassen Sie uns noch einmal zurück zu Ihrer Entwicklung gehen. Theater AG, dann haben Sie irgendwann Abi gemacht. Wahrscheinlich gut, oder?


Ja. So zwischen Eins und Zwei.

Geht es noch ein wenig abstrakter – “zwischen Eins und Zwei“? Ach, Sie lächeln…


Ja, es ist so blöde…natürlich weiß ich es. Ich tue jetzt so, als wüsste ich es nicht…: 1,6.

Ja, Sie machen das schauspielerisch geschickt. 1,6 – nicht schlecht!


(Lachend) Ja! Hätte ich mir schenken können. Mensch, mich hat noch nie jemand danach gefragt, Sie sind der Erste.

Skandal, erschütternder. Wie war nochmal Ihre Abitur-Note? Und wie ging es dann weiter?


Eins-Sechs. Nicht schlecht, oder? Im Ernst: Der entscheidende Grund für meine spätere Berufswahl war die Begegnung mit Georgo Peugot. Er war ein amerikanisch-stämmiger Clown, der in Freiburg lebte und arbeitete. Er gab damals im Schultheater-Rahmen Workshops. Ich nahm teil und war total begeistert von ihm als Mensch und von dieser Arbeit. Vorher fand ich Clowns immer schrecklich. Ich wurde eines Besseren belehrt. Er hat mir dann später angeboten, mit ihm zusammen eine Gruppe für junge Nachwuchstalente zu gründen.

Das fand ich total reizvoll. Wir haben das gemacht. Mit dem Ergebnis, dass ich zehn Jahre lang Clownerie betrieben habe. Man durfte so viel machen, was man im echten Leben nie machen durfte: Wir sind mit unserer Truppe zu Straßen-Festivals gefahren, man ging in die Menge, konnte die Passanten hochheben und ihnen die Taschen wegnehmen. Das war schön und hatte zugleich so ein bisschen einen therapeutischen Effekt, glaube ich. Während meines Studiums habe ich das weitergemacht und mir ein wenig damit dazuverdient. Ich habe später für die Clownerie sogar beim Theater gekündigt und bin zurück zu Georgo.

Den wahren Bezug Thema gewinnt man ja nicht alleine durch das Thema. Lebendig werden Themen ja durch die Personen, die das Thema repräsentieren. Was war denn Georgo Peugot damals für ein Mensch, als Sie ihm begegneten?


Georgo konnte toll mit jungen Menschen umgehen, weil er sie auf eine sympathische Art ernst nahm: Nicht so aufgesetzt, er war selbst noch ein wenig jung geblieben. Das ist natürlich toll, in einer eigentlich blödsinnigen Sache so ernst genommen zu werden: Man macht sich da zum Affen, macht lustige Übungen mit roten Nasen. Wir alle fanden diese Mischung aus Leichtigkeit und Ernst toll, die er ausstrahlte. Professionell, aber mit wahnsinnig viel Spaß. Mit Georgo hatte man immer Spaß, er war ein so positiver Mensch. Er kannte keinen Neid. Sah er jemanden, der erfolgreicher war als er, hat er ihn eher bewundert. Von ihm konnte man sich viel abschneiden. Ich habe mir wahrscheinlich gar nicht genug abgeschnitten.

Er ist gestorben?


Ja, er ist später gestorben. Rückblickend fand ich das Tollste: Er wollte einfach nur spielen. Wenn wir einen Gig hatten, und es gab Ärger mit dem Auftraggeber, dem Vertrag oder der Kohle, sagte er: “Komm, ich habe keine Lust mehr auf den ganzen Quatsch. Lass uns spielen.“ Dann ging er raus und spielte. Wir sind oft auf dem Berliner Gauklerfest aufgetreten, und das war wirklich anstrengend. Das ging über viele Tage. Man spielte viermal für eine halbe Stunde und  improvisierte in der Menge. Jeden Tag, über den ganzen Tag verteilt. Das war wirklich anstrengend und kraftraubend, auch psychisch. Wir hatten nichts, woran wir uns festhalten konnten und mussten immer wieder völlig frei Neues erfinden. Ich erinnere mich gut: Wir waren alle kaputt und hielten uns relativ strikt an unsere Zeiten. In einer Pause kam uns Georg entgegen:

Er hatte so eine blöde Mr. Bean-Plastikmaske in der Hand und sagte: “Bean is gonna show them how to dance!“ Wir alle waren froh Pause zu haben, und er ging in seiner Pause Mr. Bean spielen. Er war Clown seit über dreißig Jahren, und er ging in seiner Pause spielen. Ich fand es großartig, dass Spielfreude so überwiegen kann bei allem anderen, was da mitschwingt. George hat auf eine ganz direkte Art alle, die mit ihm arbeiteten, beeinflusst. Er war kein intellektueller Mensch, alles kam aus dem Herzen.

Er war wirklich ein ganz großer Clown, war gut in dem, was er tat und tat es aus dem Herzen. Anders geht es auch nicht: Clown zu sein, ist wirklich kein leichter Beruf, das habe ich damals noch nicht so gesehen. Heute weiß ich das: Immer alleine bei irgendwelchen Hochzeits-Gigs den Comedy-Kellner zu geben, ist nicht immer nur schön. Ich habe Georgo immer als ebenbürtigen Freund verstanden, obwohl er älter war. Er war so etwas wie ein Mentor für mich.

Das ist wirklich schön. Sie hatten Glück.


Absolut. Wäre er nicht gewesen, hätte ich wahrscheinlich meinen Beruf nie ergriffen. George hat immer gesagt: „Mensch, geh doch zur Schauspielschule, dann wirst Du auch als Clown noch besser. Das bringt uns bestimmt auch etwas!“ Ich glaube, hätte er das nicht vertreten, hätte ich es bestimmt nicht getan. Und am Anfang der Schauspielschule war das für mich auch immer ein wenig ein Stempel – dass ich Clown war. Ich wurde oft kritisiert deswegen.

Der zweite Teil des Gesprächs kommt hier in 2 Tagen:

 www.leadership-academy.de

www.pferdeakademie-berlin.de

meedia.de



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07.10.2012 Vom Boyband-Star bis zum Solo-Künstler

GFDK - Peter Göbel - 6 Bilder

Jordan Knight steht schon mehr als die Hälfte seines Lebens auf der Bühne und im Rampenlicht. Er ist 14 Jahre jung als er mit New Kids On The Block aktiv wird und nur 4 Jahre später sich und seiner Band als Leadsänger einen weltweiten Namen macht.

Zehn Jahre lang reiste er mit der Band um den Globus und verbuchte Welt-Hits wie „Step By Step“, „Hangin Tough“ oder „You Got It“. Bis heute zählt man über 80 Millionen verkaufte Tonträger, doch als sich die Bandmitglieder 1994 dazu entschließen getrennte Wege zu gehen, beginnt Jordan Knight seine Karriere als Solo-Künstler und erlangt so ebenfalls große Erfolge in den Charts.

Seitdem die New Kids On The Block 2007 wieder musikalisch zueinander fanden, ist Jordan Knight mehr als je zuvor on the road und lebt seinen Traum. Das Comeback-Album „The Block“ eroberte die weltweiten Fanmassen im Sturm und führte die Billboard Pop Album Charts auf #1 an.

Vom Boyband-Star bis zum erfolgreichen Solo-Künstler und Songwriter erlebte Jordan Knight auf seinem Weg ein buntes und ereignisreiches Leben. Neben all den Ups and Downs, die ein solches Leben im Musik-Business bereithält, ist Jordan sich selbst immer treu geblieben und geht seinen eigenen Weg ohne seinen Optimismus oder seine Träume aus den Augen zu verlieren.

Mit „Unfinished“, seinem ersten Solo Album nach 5 Jahren, versprüht Jordan Knight immer noch Lebensfreude pur und sieht genauso erfreut und aufgeregt in die Zukunft wie damals als junges Mitglied in einer der erfolgreichsten Bands der Pop-Geschichte.

Die Single und Album Opener „Let’s Go Higher“ ist ein perfekter Einstieg, wirkt ansteckend und reißt jeden mit bzw. hoch: Der Name ist Programm. Der Song wurde mitproduziert vom Erfolgsproduzenten Colby O’Donis (u.a. Lady Gaga, Akon) und steht für Jordans Lebensmotto.

Auch andere bekannte Namen ließen es sich nicht nehmen mit Jordan Knight an seinem neuen Album zu arbeiten, darunter z.B. auch Nasri Atweh (u.a. Justin Bieber, Chris Brown, Vanessa Hudgens) für „One More Night“ oder Mike Krompass (u.a. Nelly Furtado, Natasha Bedingfield) und Kasia Livingston (Britney Spears, Pussycat Dolls).

Die Melodien und Texte entstanden in einer entspannten und freundschaftlichen Atmosphäre und so klingen sie auch, sodass Songs wie „Like A Wave“, Rockstar“ oder „Kiss It Away“ mit einem eingängigen Mix aus R&B und Pop schnell im Gehör bleiben.

Und auch Freund und Bandkollege Donnie Wahlberg arbeitete mit ihm an dem Album und so entstand der gefühlvolle und groovende Pop-Song „Stingy“, zu dem auch ein Video gedreht wurde.

Zusammen mit seinen Bandkollegen von New Kids On The Block, dem Urgestein aller Boybands, und den befreundeten Backstreet Boys geht es seit 2011 auf große Welttournee und so machen sie auch Stopp in Europa im Frühling 2012 um mit ihren Fans zu feiern.

Nicht nur auf der Bühne sondern auch auf seinem neuen Album zeigt Jordan Knight seine ganze Leidenschaft und Power und reiß jeden Fan mit.

Mit „Unfinished“, seinem ersten Solo Album nach 5 Jahren, versprüht Jordan Knight immer noch Lebensfreude pur und sieht genauso erfreut und aufgeregt in die Zukunft wie damals als junges Mitglied in einer der erfolgreichsten Bands der Pop-Geschichte.

Zusammen mit seinen Bandkollegen von New Kids On The Block, dem Urgestein aller Boybands, und den befreundeten Backstreet Boys ist Jordan auf großer Welttournee und so geben im Frühling 2012 auch in Europa Konzerte, um mit ihren Fans zu feiern.

Nicht nur auf der Bühne sondern auch auf seinem neuen Album zeigt Jordan Knight seine ganze Leidenschaft und Power und reiß jeden Fan mit.

VÖ Daten

04.05.2012 Album: "Unfinished"

http://www.jordanknight.com/

Peter Goebel
PR Beratung & Promotion
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06.10.2012 „Kunst muß die spirituelle Stimmung der Musik verstärken“

GFDK - Liane Bednarz

Zu Ihrem Gesamteindruck der nun vor Publikum aufgeführten "Via Crucis" – gab es noch einmal Überraschungen für Sie?

Bei der Kunst läßt sich nie alles „vorausberechnen“, es gibt immer Überraschungen, vor allem bei Premieren. Hier war es zunächst das Publikumsverhalten. Im ersten Teil der Veranstaltung, dem Begehen der installativen Arbeiten der Studenten, staute sich der Besucherstrom plötzlich vor dem Eingang zur eigentlichen „Via Crucis“ in der Viehauktionshalle. Jedermann kramte nach seinen Eintrittskarten. Das verzögerte den Ablauf. In der Halle wiederum begann die Vorstellung zu spät, technische Pannen im Hintergrund waren schuld.

Das war freilich nicht weiter gravierend, da die Besucher sich ohnehin an das Ambiente gewöhnen sollten. Dann lief die Vorstellung programmgemäß. Überraschend im positiven Sinn war die Stille im Publikum nach dem Ende der Musik und der Bilder. Es rührte sich lang keine Hand, erst langsam begann der Applaus. Diese Reaktion schien mir richtig und plausibel nach dem Erleben einer ergreifenden Passionsgeschichte. 

Robert Wilson hatte im Vorfeld der Premiere gesagt, dass Religion nicht auf die Bühne gehöre und sich deshalb stattdessen für das jetzige Konzept entschieden. Inwieweit hat dieses aus Ihrer Sicht die Religiosität bzw. den spirituellen Inhalt des Stücks zum Ausdruck gebracht?

Religion gehört in die Kirche bzw. in die Innerlichkeit der Menschen. Auch wenn sich die Kunst zur Dienerin religiöser Inhalte macht, tritt auf der Bühne immer ein fremdes, die Imagination in Bilder pressendes Moment hinzu. Damit muß man umgehen. Kunst muß auf eigene Weise bewegen und die spirituelle Stimmung, die durch die Musik hervorgerufen wird, verstärken.

Das Problem besteht dann aber darin, daß die geistigen Inhalte nicht durch Bilder verdoppelt werden sollte; das wäre banal. Wilsons abstrakte Bildersprache erfüllt diese schwierige Aufgabe meiner Meinung nach wunderbar. Daß nur zum Kreuzestod Christi ein konkretes Bild gezeigt wird, das langsame Sterben eines Tieres, hebt die Situation ins Allgemein-Kreatürliche, beweist auch eine gewisse Schamhaftigkeit gegenüber der überbordenden Ikonographie von Christi Kreuzestod durch die Jahrhunderte.

Daß wir zuerst durch die medienkünstlerische Hölle unserer Tage wie durch ein „Purgatorium“ hindurch müssen, steigert die Wirkung der Stille im eigentlichen Raum und die Konzentration auf das Wesentliche des Oratoriums.

Liszt war als Komponist epochenbildend, wies u.a. mit seiner "sinfonischen Dichtung" weit in die musikalische Zukunft. Inwieweit ist die Inszenierung der "Via Crucis" eine Werbung für Liszt im postmodernen 21. Jahrhundert?

Liszts „Via Crucis“ wurde erst langsam als musikalisch ungewöhnliches Kunstwerk anerkannt. Man hat nicht verstanden, daß es gerade die Collage von heterogenem musikalischen Material war, die die Modernität dieses Stückes ausmacht.

In welchem geistlichen Werk fände man eine solch kühne Mischung von Gregorianik, protestantischen Chorälen, Worten von Pilatus und Jesus, und einer Musik, die „das Verschwinden“ auf so sparsame, bewegende Weise darstellt? Erst die postmoderne Sensibilität weiß solche Techniken zu schätzen. Deshalb mache ich mit der „Via Crucis“ gern einmal in großem Maßstab „Werbung“ für Franz Liszt.

Dr. Nike Wagner, aufgewachsen in Bayreuth, ist Ururenkelin des Komponisten Franz Liszt, Urenkelin von Richard Wagner und Tochter Wieland Wagners.

Sie studierte Musik-, Theater- und Literaturwissenschaft in Berlin, Chicago, Paris und Wien.

Seit 1975 arbeitet Nike Wagner als freiberufliche Kulturwissenschaftlerin und wirkt an internationalen Symposien und Kolloquien mit. Als Autorin wurde sie bekannt durch ihre Arbeiten zur Kultur- und Geistesgeschichte der europäischen Jahrhundertwende, als Kritikerin und Essayistin durch ihre Auseinandersetzung mit Richard Wagner und Bayreuth. Wagners Werk im Kontext der deutschen Zeitgeschichte sowie die Verflechtung von Familien-, Werk- und Kulturgeschichte sind Thema ihrer Publikationen »Wagnertheater« (1982) und »Traumtheater« (2001).

Nike Wagner war zwischen 1985 und 1987 Mitglied des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Ab 1999 war sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, seit Oktober 2011 ist sie deren Vizepräsidentin. 2003 wurde sie zur Sachverständigen der Enquête-Kommission »Kultur in Deutschland« des Deutschen Bundestags gewählt.

Seit 2004 ist Nike Wagner künstlerische Leiterin von »pèlerinages« Kunstfest Weimar.

Das Interview führte Dr. Liane Bednarz für die Gesellschaft Freunde der Künste.

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06.10.2012 mehr eine Herzensangelegenheit als ein Geschäft

ACT/GFDK Team - mit 12 Bildern

ACT zu leiten ist mehr eine Herzensangelegenheit als ein Geschäft. An erster Stelle steht für mich die Musik, und ich bin dankbar dafür, dass es mir seit über 18 Jahren möglich ist, interessante und anspruchsvolle Musik zu produzieren und meinen Enthusiasmus mit anderen Musikliebhabern weltweit zu teilen. Siggi Loch

ACT, 1992 durch Musikproduzent und Verleger Siegfried "Siggi" Loch gegründet, wird international als herausragendes Independent Label des Jazz geschätzt. Mit der Veröffentlichung von Jazzpaña, die zwei amerikanische Grammy Nominierungen sowie den German Jazz Award erhielt, gelang ein fulminanter Einstieg und die Erfolgsstory von ACT entwickelte schnell eine eigene Dynamik.

2010 wählen Deutschlands Jazzfans ACT zum "Jazzlabel des Jahres", welches mit dem ECHO Jazz gewürdigt wird.

Das Label bietet heute einigen der spannendsten, eigenständigsten und erfolgreichsten internationalen Künstlern des Jazz ein Zuhause, und kann auf einen sehr breit gefächerten Katalog mit über 250 Veröffentlichungen zurückblicken, die mit zahlreichen Auszeichnungen für kommerzielle Erfolge und künstlerische Verdienste bedacht wurden.

ACT wird für seine innovativen und qualitativ hochwertigen Jazz- und World-Jazz-Produktionen international geschätzt und gilt als einer der führenden Anbieter in Europa.

Im Corporate Design von ACT schlägt sich Lochs ausgeprägtes Interesse für bildende Kunst sichtbar nieder. Seit mehr als 30 Jahren ein begeisterter Kunstsammler, hat Loch immer wieder Brücken zwischen Musik und bildender Kunst geschlagen und viele Werke seiner Sammlung werden für die Covergestaltung der Veröffentlichungen des Labels herangezogen.

"Etwa die Hälfte aller Alben wurden von mir selbst produziert. Ich entwickle ein Konzept und suche dann dafür den richtigen Künstler. So entstand auch Jazzpaña, meine erste neue Produktion für das Label, die im Juli 1992 mit Arif Mardin, Vince Mendoza, Michael Brecker, Carles Benavent und Perico Sambeat aufgenommen wurde“, erinnert sich Loch.

„Es folgten Projekte wie Blue Corner mit Jasper van't Hof (musikalische Hommagen an elf zeitgenössische Maler und ihre "blauen" Werke), Round about Bartók mit Richie Beirach, Europeana mit Michael Gibbs und Joachim Kühn, Swedish Folk Modern mit Nils Landgren und Esbjörn Svensson oder ganz aktuell IF (BLUE) THEN (BLUE) mit Heinz Sauer, Joachim Kühn und Michael Wollny.

Die andere Hälfte des ACT-Kataloges sind in Eigenregie produzierte Aufnahmen von Musikern, deren Vision ich teile und unterstütze.

Einer der Label-Schwerpunkte liegt auf Künstlern aus Skandinavien. Mit Musikern wie Nils Landgren, e.s.t. – Esbjörn Svensson Trio, Ulf Wakenius, Lars Danielsson oder den Sängerinnen Viktoria Tolstoy und Rigmor Gustafsson, ist ACT der erfolgreichste Produzent schwedischer Jazzmusiker.

Für seine Verdienste für die schwedische Kultur in Deutschland wird Siggi Loch im Jahre 2010 zum Ritter 1. Klasse des Nordsternordens ernannt.
Aber auch andere international führende Jazzmusiker wie Nguyên Lê, Vijay Iyer und Yaron Herman finden bei ACT ihr musikalisches Zuhause.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden deutsche Künstler, mit einem besonderen Augenmerk auf die Nachwuchsszene. In der Tat ist eines von Lochs erklärten Zielen die Entdeckung und Unterstützung neuer Talente. Eine seiner erfolgreichsten Unternehmungen der letzten Jahre ist die Reihe Young German Jazz, die im Januar 2005 startete.

„Als ich den jungen Pianisten Michael Wollny zum ersten Mal spielen hörte, entschied ich mich, der jungen deutschen Jazzszene eine ganze Reihe zu widmen."

Siegfried Loch zählt zu den erfolgreichsten Managern des internationalen Musik-Business. Bis Ende der 80er Jahre war er im Major-Geschäft tätig und gilt als Entdecker und Produzent so berühmter Namen wie Klaus Doldinger, The Rattles, Katja Ebstein, Amon Düül, Can, Heinz Rudolf Kunze, Marius Müller-Westernhagen oder Al Jarreau – um nur einige zu nennen.

Für sein Lebenswerk erhielt Loch 1998 den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Entzündet wurde seine Jazz-Leidenschaft durch ein Konzert von Sidney Bechet, das er als Teenager in Hannover erlebte.

Im Alter von 19 Jahren machte er seine ersten Schritte in der Musikindustrie, wurde mit 25 Jahren Deutschlands jüngster Schallplattenchef (Liberty/United Artists), daraufhin Geschäftsführer der WEA Deutschland (1971) und schließlich Präsident von WEA (Warner) - Europe (1982). Doch all die Jahre über hegte er den Wunsch, eines Tages sein eigenes Label zu gründen.

"Als ich mich entschied, den Traum vom eigenen Label in die Tat umzusetzen und all meine Erfahrung und finanziellen Mittel in den Dienst dieser Idee zu stellen, war es von großem Vorteil, dass ich drei Jahrzehnte lang erfolgreich in internationalen Musikkonzernen tätig gewesen war“, sagt Loch.

„Nun bin ich allein auf mich gestellt, immer auf der Suche nach neuen, viel versprechenden Talenten, deren Karriere ich mit all meinen Möglichkeiten fördere und unterstütze. Das ist ein großartiges Gefühl.“

 

Mehr Infos unter www.actmusic.com

 

Bilder:

1) Siegfried Loch, © ACT / CF Wesenberg

2) The first recording session with Klaus Doldinger, Hamburg 1962, © Archiv Siggi Loch

3) Mick Jagger and Siggi Loch, 1974, © Archiv Siggi Loch

4) Britt Ekland, Siggi Loch and Rod Stewart, Hamburg 1975, © Archiv Siggi Loch

5) Pat Rains, Al Jarreau and Siggi Loch, Montreux 1976, © Archiv Siggi Loch

6) Appointment to the president of WEA Europe, Nesuhi Ertegun and Siggi Loch, 1983 © Archiv Siggi Loch

7) Gold Record for "Das Boot": Siggi Loch and Klaus Doldinger, 1996, © Archiv Siggi Loch

8) German Jazz Award Gold ("Layers Of Light") and Platin ("Sentimental Journey") for Nils Landgren © ACT

9) German Jazz Platin Award for e.s.t. "Viaticum" © ACT / M. Kretzer

10) Siggi Loch receives Swedish knighthood: Ruth Jacoby (ambassador) and Siggi Loch © Anja Grabert

11) Nils Landgren Funk Unit with Dirk Mahlstedt & Michael Salamon (edel:kultur) and the ACT team © Rainer Haarmann

12) ECHO Jazz 2010: Siegfried Loch © BVMI/Monique Wüstenhagen

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01.10.2012 Sie schöpft inspiration aus ihrer heimat estland

GFDK/ UWE KERKAU - 3 Bilder

I met Ingrid for the first time at the great Willisau Jazz Festival. She and her friend were volunteers, driving and helping artists. Just at the end of the festival, Ingrid told me she was doing music of her own. I wanted to hear it, and after sending me some tracks, I was really blown away by her talent.
Ingrid is Estonian and bases her music on the beautiful Estonian musical traditions, haunting, extremely lyrical and melodic.

Using that background, along with her Swiss influences, mixing jazz and even some pop elements into her music, Ingrid manages to create a unique and personal atmosphere.That, together with an exceptionally clear voice and strong expression of thoughtful lyrics makes her one of the most promising young European vocalists today. Ingrid and her band sound fantastic in concert, and this new album, her second release, produced by Icelandic producer Valgeir Sigurdsson (Bjørk) is a wonderful step up for Ingrid’s music and will surely gain her the reputation she deserves.

Oslo, June 2011 Bugge Wesseltoft


«We Need to Repeat» hiess das (bei Ronin Rhythm Records erschienene) Debüt von Ingrid Lukas. In ironischem Widerspruch dazu ist das neue Album der estnischen Musikerin, Sängerin und Komponistin, die seit Jahren in der Schweiz lebt, alles andere als eine Wiederholung: An die Stelle des bewusst minimalistischen Konzepts tritt mit SILVER SECRETS ein vielschichtiges Werk mit üppigeren Arrangements und gefühlvollen Songs – eine abwechslungsreiche Fülle an Klängen, Stilen und Gefühlen.


Vergleiche mit Künstlerinnen wie Tori Amos, Björk, Regina Spektor und Joanna Newsom drängen sich auf, doch sie erzählen nur die halbe Geschichte: Ingrid Lukas hat eigene Vorstellungen, eine eigene Haltung und einen eigenständigen Sound. Sie schöpft ihre Inspiration aus verschiedenen Quellen – besonders wichtig ist die Gesangstradition ihrer Heimat Estland – und hat auf ihrem künstlerischen
Weg zu einer unverwechselbaren Ausdrucksweise gefunden.

Ihre musikalische Sprache ist überraschend und bleibt dennoch zugänglich. Sie bewegt sich anmutig und selbstsicher zwischen intimen Singer-Songwriter-Stücken und gefühlvollem Post–Rock, wie man ihn etwa von Sigur Rós oder Sweet Billy Pilgrim kennt.


Der norwegische Komponist, Pianist und Produzent Bugge Wesseltoft, der an der Entstehung des neuen Albums beteiligt war, sagt über Ingrid Lukas und SILVER SECRETS: «Ingrid Lukas gelingt es, eine einzigartige und persönliche Atmosphäre zu schaffen. Zusammen mit ihrer ausserordentlich klaren Stimme und ausdrucksstarken, tiefgründigen Texten macht sie dies zu einer der
meistversprechenden jungen Sängerinnen Europas.

» Produziert wurde das Album von Valgeir Sigurdsson, der für den Sound vieler Björk-Alben verantwortlich ist. Auch Bands wie Múm, The Magic Numbers, Coco Rosie und vielen andere wurden von ihm produziert. Mit seiner Handschrift bringt er auch die feinsten Nuancen des Albums zur Geltung und verleiht ihm einen meisterhaften Schliff.


Das Album eröffnet mit Blue Black White, einem eindrücklichen Bekenntnis, das kindliche Unschuld dem Sich-Zurechtfinden in einer verwirrenden modernen Welt gegenüberstellt. Eingebettet ist es in eine Musik, die sich zu beinahe hymnischen Höhen aufschwingt, zugunsten ungekünstelter Ausgelassenheit jedoch auf Bombast verzichtet.


Eine ähnliche Paarung des Kindlichen mit den bitteren Einsichten des Erwachsenwerdens schildert Unexpected, wobei der Ansatz hier ein völlig anderer ist. Der Song verkündet eines der prägenden Themen des Albums: Mach, was du willst, aber mach es richtig. Zu voller Entfaltung kommt dieses Lebensgefühl im anschliessenden Do WhateverYou Do (But Do It Right): Es gipfelt in einem
ungestümen Refrain voller ansteckender positiver Energie.


Der Titelsong Silver Secrets nimmt einen mit auf eine wunderschöne melodische Reise voller Sehnsucht, die gestillt wird – und die doch nach mehr verlangen lässt.
Veripunane ist ein estnisches Revolutionslied («veripunane» bedeutet blutrot), erzählt aus der Sicht einer jungen Frau, die ihren Verlobten auf dem Schlachtfeld verloren hat. Ein kraftvolles Lied, das Ingrid Lukas kammermusikalisch intim bearbeitet hat, ohne es seiner wortgewaltigen Eindringlichkeit zu berauben.


Paper Boat, ein hinreissend einfaches Lied, betrachtet nochmals kindliche Unschuld von der Warte des Erwachsenen aus; es ist eine grossartige Interpretation des Originals der französischen Band Cocoon.Running zeigt erneut Ingrid Lukas' Fähigkeit, sich leichtfüssig von nahezu epischen Motiven zu persönlichen Momenten bewegen zu können. Dabei beweist sie, dass das musikalische Verarbeiten persönlicher Erfahrungen nicht notwendigerweise von Furcht und Grübelei geprägt sein muss.

Der Song ist erhebend, ohne zu missionieren. Er markiert den vielleicht leichtesten Moment des Albums, wobei auch hier die Einfachheit der Musik nicht über die Komplexität des Texts hinwegtäuschen sollte; er erforscht die unbedingte Präsenz der Hoffnung auch in den dunkelsten Momenten.


Laula ist randvoll mit scheinbaren Widersprüchen. «Sing» heisst der Name übersetzt, im Zentrum des Lieds steht aber der Tod. Dieser wiederum bietet nicht Anlass zu Melancholie, sondern wird dargestellt als der einzige Grund, mit freudigem Singen aufzuhören. Greener Lands fängt das Gefühl der Erlösung ein, das Musik und Stille geben können. Für Ingrid Lukas sind es zwei Seiten der selben Medaille, denn beide bieten Raum zum Nachdenken.

Ein sehr persönlicher Song, dessen Themen dennoch universell und für jeden fassbar sind. Das eindringliche But zeigt, wie Ingrid Lukas übliche Zugänge zu Songwriting und Komposition zu erweitern und zu überwinden vermag. Ein atmosphärischer, zauberhafter Song, der von Hoffnung ebenso durchdrungen ist wie von Dunkelheit. Moonglow schliesst das Album mit einer ergreifenden Note ab. Es ist ein Lied über die Sehnsucht nach einer Sehnsucht, die sich durch sich selbst stillt. «Sweetness only the heart can know» – mit dieser Zeile schliesst SILVER SECRETS. Treffender lässt sich das Album kaum in Worte fassen.


Ingrid Lukas hat sich zu einer Künstlerin entwickelt, die sich mit dem Stillen und Ernsthaften ebenso auskennt wie mit dem Wunderlichen, Fröhlichen und Überschwenglichen. Ihre einzigartige Stimme bewegt sich durch all die Stimmungen und Strukturen ihrer wunderschönen Songs mit vollkommener Leichtigkeit, immer wieder überraschend und nie den Klang des Vertrauten verlierend. Ingrid Lukas ist
eine Künstlerin, deren Karriere zweifellos mit aussergewöhnlichen Momenten erfüllt sein wird. SILVER SECRETS ist einer davon. Und es ist erst der Anfang.


Text: Nathan Dunn Jr. Band:
Ingrid Lukas: vocals, grand piano, reed organ
Gregor Frei: saxophone, bass clarinet, contra bass clarinet
Valentin Dietrich: electric bass
Patrik Zosso: drums, electronics, toys
Michel Gsell: violin
Deborah Morat: viola
Céline-Giulia Voser: cello
Ingrid Lukas choir:
Priscilla Zürcher, Sandro Schnurrenberger, Tilmann Silber, Philipp Lüscher,
Franziska Brücker, Leili Lukas, Daphné Scotoni, Benjamin Sunarjo, Andrina Bollinger, Nuria Thie, Fabienne Brunner, Max Lauber, Lhakpa Tsepa, Laurence Landert, Caroline Schlüter, Zora Brändle, Blanca Bengoechea, Hannah Ifrah-Girot, Sabine Riess, Martina Gemassmer, Tobey Lucas, Rahel Werren

 

UWE KERKAU PROMOTION | Hammermühle 34 | D-51491 Overath | www.uwe-kerkau-promotion.de
fon +49 (0)2206 80 00 7 | fax +49 (0)2206 80 77 6 | e-mail: info@remove-this.uk-promotion.de
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01.09.2012 hr-Journal / Gesellschaft - Zu Hause bei den „Von“ und „Zus“

Daniella Baumeister

„Hessische Hoheiten“: In neuen Adelsporträts kommt Holger Weinert den Blaublütigen ganz nah. Sie öffnen ihm ihre Burgen und Schlösser und gewähren ihm Einblicke in ihr Leben. Dabei begegnet dem Society-Experten so Überraschendes wie ein Freiherr im Schlamm, Motten im Brokatsofa und eine leibhaftige Königin als Überraschungsgast.

Daniella Baumeister - Herr Weinert, was kann man erleben, wenn man bei einem hessischen Schloss oder einer hessischen Burg ans Tor klopft?


Holger Weinert: Ich war mal bei der Hochzeit einer Nichte des Landgrafen von Hessen, dessen Adelshaus zu den drei bedeutendsten in Deutschland zählt. Die sind verwandt mit dem englischen Königshaus und mit dem spanischen. Auf einmal ging die Autotür des landgräflichen Gefährts auf - und die Königin Sofía von Spanien stand vor mir. Ich war sprachlos. Aber als wir uns dann das dritte Mal zufällig getroffen haben, war‘s schon fast normal … (lacht)

Die Hoheiten sind also nicht schwierig, unnahbar oder vornehm distanziert?


Nein, die sind alle ganz normal. Mit einigen bin ich tatsächlich inzwischen befreundet. Mit Karl Graf zu Solms-Laubach zum Beispiel duze ich mich. Sie haben in der Regel alle eine ganz besondere Bildung und Eleganz. Je unabhängiger ein Aristokrat ist, desto freier und offener ist er im Gespräch. Und es gibt diesen ganz speziellen aristokratischen Humor, der ist toll.

Und wie sprechen Sie die Adligen an, wenn Sie sich nicht duzen?


Herr, Freiherr, Graf, Fürst oder Prinz. Durchlaucht sage ich nie, königliche Hoheit auch nicht. Das ist passé. Allerdings habe ich jetzt beim Dreh für „Höchstpersönlich“ im Ersten mit Gloria von Thurn und Taxis erlebt, dass alle sie „bei Hofe“ alle nur mit Durchlaucht ansprachen.

 

Wie fühlen Sie sich mitten unter den Reichen und Schönen, mitten in der „Society“?


Protz und Schickimicki kenne ich in Hessen überhaupt nicht. Der hessische Adel ist ein ordentlich verwurzelter Landadel: Der älteste Sohn ist Erbe und hat die Pflicht, das Schloss oder die Burg für die Familie zu erhalten. Das Geld dafür einzutreiben durch Konzerte, Tage der offenen Tür oder anderes ist an sich schon ein Beruf. Wenn dies nicht reicht, arbeiten die meisten Hoheiten noch etwas Bürgerliches.

Opernsänger werden zu wollen, wie mein Freund Karl sich das wünschte, das ging in den Kreisen natürlich nicht. Ich bin von diesen Menschen beeindruckt und auch vom Überfluss an schönen Dingen. Was in Hessen an prunkvollen Behausungen so rumsteht, da kannst du nur staunen! Man sieht es auch gern, es ist eine optische Bereicherung. Wenn in einer hessischen Kleinstadt ein Schloss oder eine Burg steht, ist auch die ganze übrige Bausubstanz besser, das färbt ab.

Natürlich wollten die Patrizier früher auch, dass es bei ihnen etwas schlossig aussah. Die adlige Wohnkultur wurde vom Bürgertum kopiert, das sieht man zum Beispiel in den Altbauwohnungen der hessischen Großstädte - die hohen Decken, der Stuck, die Flügeltüren, die durchgehenden Zimmer, das ist Schlossarchitektur. Für mich als Journalist ist ganz wichtig: Das Feedback aus den Adelskreisen auf meine Porträts ist gut, alle fühlen sich verstanden. Und ich finde es toll, was man da erlebt.

Und wenn‘s mal nicht so toll aussieht?


Na ja, ein paar wollen nicht porträtiert werden, sie haben Angst, dass sie mit Ihresgleichen nicht mithalten können. Und bei einer Lesung, die wir mal gefilmt haben, kam uns aus dem Sofa ein Schwarm Motten entgegen. Für fünf Minuten war der ganze Raum voller Motten! Leider hatten wir die Kamera nicht an ... aber ich bin mir ohnehin nicht sicher, ob ich die Bilder tatsächlich verwendet hätte, denn das war schon ein Sinnbild für Verfall.

Am 16. Oktober starten vier neue Folgen von „Hessische Hoheiten“ über Freiherr von Dörnberg und die Burg Herzberg - da haben Sie auch während des legendären Herzberg-Festivals, einem ausgewiesenen Hippiefestival, gedreht. Macht der Freiherr so was mit?


Der geht da hin! Die ganze Familie. Der Freiherr war die ganze Zeit auf dem schlammigen Acker unterwegs. Für eine Adelsserie ist das etwas ganz Besonderes, wie er mit mir durch den Schlamm watet und wir Spaß dabei haben.

Würde es Ihnen Spaß machen, selbst ein „Von und Zu“ zu sein?


Inzwischen habe ich die ersten Angebote, adoptiert oder geheiratet zu werden. Ich sage dann immer aus Quatsch: Unter Prinz mache ich es nicht! (schmunzelt) Freiherr wäre ich so schon längst geworden. Ich hätte nichts dagegen, wenn es sich durch eine Eheschließung ergeben hätte. Und wenn man geschieden wird, führt man den Titel weiter, so was gibt man nicht wieder her. Das täte ich auch nicht. [Interview: Daniella Baumeister]

Hessische Hoheiten", vier neue Folgen, hr-fernsehen, Di, 21 Uhr: Freiherr von Dörnberg zu Herzberg und die Burg Herzberg (16 Okt.), Baron zu Knyphausen und sein Weingut im Rheingau (23. Okt.), Hubertus und Sabine von Savigny in Freigericht (30. Okt), Philipp Baron Wambolt von Umstadt im Odenwald (6. Nov.)

Höchstpersönlich: Gloria von Thurn und Taxis“, das Erste, Sa, 8. Sept., 15 Uhr

hr-Journal / Gesellschaft

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31.08.2012 Michaela Merz hat das Internet in Deutschland mit aufgebaut

GFDK - Andreas Stein

Mit dem Kabinettsbeschluss zum so genannten Leistungs-schutzrecht ist eine Debatte losgetreten worden, bei der sowohl die Befürworter als auch die Kritiker mit (zum Teil) viel Polemik aufeinender losgehen. In diesem Artikel wollen wir versuchen, die Diskussion auf den Kern zurückzuführen. Dazu haben wir die ausgewiesene Internet-Spezialistin Michaela Merz gebeten, die wesentlichen Fragen zu beantworten.

Michaela Merz hat das Internet in Deutschland mit aufgebaut, wesentliche Erfindungen und Entwicklungen zur Entwicklung des Internets beigetragen (z.B. die Internet-Telephonie), arbeitet weder für Google, noch für Verlage und betreibt auch kein Blog oder eine andere Dienstleistung, die in irgendeiner Weise vom Leistungsschutzrecht berührt würde. Michaela Merz ist also durchweg ‘neutral’.

Andreas Stein: Michaela – wie findest Du Google?

Michaela Merz: Ich bin kein Google-Fan und betrachte Google’s Einfluss zunehmend kritisch. Mit einem Marktanteil von mehr als 90% in Deutschland bestimmt Google immer mehr, was wir im Internet sehen, finden oder zur Kenntnis nehmen.

Andreas Stein: Dann ist das Leistungsschutzrecht doch vielleicht eine Möglichkeit, Google in die Schranken zu weisen.

Michaela Merz: Das Leistungsschutzrecht bewirkt genau das Gegenteil. Google wird durch dieses Gesetz zu einer Art “Verteidiger des Internets” und macht das auch ganz geschickt. Google wird aus dieser Sache wohl gestärkt hervorgehen.

Andreas Stein: Zum Leistungsschutzrecht – was wollen die Verlage?

Michaela Merz: Die Verlage wollen verständlicherweise ihre Inhalte schützen. Die Verlage wollen aber auch im Internet gefunden werden. Sie brauchen die Klicks, damit Artikel – und natürlich die Werbung zu den Artikeln, angesehen werden. Dazu werden von den Verlagen so genannte “Snipplets”, also kleine Textauszüge, bereitgestellt, die von den Suchmaschinen gefunden, angezeigt und mit dem Artikel verlinkt werden.

Andreas Stein: Die Verlage stellen diese Kurzinfos, also Anreisser, selbst zur Verfügung? Die Suchmaschinen bedienen sich also nicht einfach so am Inhalt einer Webseite?

Michaela Merz: Wie alle anderen Firmen geben sich auch die Verlage die Mühe, diese Snipplets so zu formulieren, dass sie auch möglichst oft angeklickt werden. Das ist ein Bestandteil der SEO –  “Search Engine Optimization” also Suchmaschinen-Optimierung.

Andreas Stein: Und wie hängt das jetzt mit dem Leistungsschutzrecht zusammen?

Michaela Merz: Die Verleger möchten, dass die Suchmaschinen für diese Snipplets nun bezahlen. Mit anderen Worten: Sie möchten von den Suchmaschinen gefunden werden und von den Suchmaschinen bezahlt werden, wenn die Suchmaschinen diese Snipplets anzeigen. Das macht die Sache ja so .. sagen wir .. schwierig.

Andreas Stein: Damit wir das richtig verstehen: Die Suchmaschinen sollen dafür bezahlen, dass sie die Besucher auf die Seiten der Zeitungen weiterleiten?

Michaela Merz: So erscheint es – ja.

Andreas Stein: Wenn die Verlagen nicht wollen, dass die Kurztexte oder Snipplets bei Suchmaschinen auftauchen – wie könnten sie sich denn ohne ein Gesetz wehren?


Michaela Merz: In dem sie die Snipplets nicht mehr bereitstellen. Zusätzlich könnten sie die weltweiten Internet-Regeln nutzen, um Suchmaschinen explizit den Abruf Ihrer Seiten zu verbietet. Quasi ein “Zutritt verboten” Schild für Google&Co.

Andreas Stein: Aber dann würden die Zeitungen doch auch nicht mehr bei den Suchmaschinen gefunden?

Michaela Merz: Das ist korrekt. Deshalb dieses Gesetz. Verleger wollen gefunden werden und zusätzlich dafür Geld erhalten.

Andreas Stein: Und nun?

Michaela Merz: Schwierig. Denn die Implikationen sind deutlich komplexer und betreffen nicht nur die Suchmaschinen, sondern auch andere ‘gewerbliche’ Nutzer. Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, dass einen Zeitungsartikel auf Facebook teilt. Oder einen kleinen Blogger, der zwar mit seinen Werbebannern nur ein paar Euro verdient, aber möglicherweise schon als ‘gewerblich’ gilt.

Auch andere Internet-Dienste, die in irgendeiner Form auf die Daten anderer Webseiten zugreifen, z.B. Presivergleichsportale, oder META-Jobbörsen müssen ihr Geschäftsmodell überprüfen. Kompliziert wird es auch dadurch, dass automatische Systeme gar nicht erkennen können, welche Webseite nun gefunden und zitiert werden will und welche nicht.

Heute will die Webseite “A” zitiert werden, morgen schicken die vielleicht eine Abmahnung. Es gibt nichts, keinen Standard, an dem automatische Systeme das erkennen könnten.

Andreas Stein: Wie werden sich die Suchmaschinen wohl verhalten? Wird Google Geld bezahlen?

Michaela Merz: Google hat schon, mehr oder weniger deutlich, zum Ausdruck gebracht, dass sie das nicht machen werden. In Belgien haben die Verleger ja schon ähnliches Versucht – Google hat daraufhin die betreffenden Verlage aus dem Suchindex geworfen. Die Verlegen haben dann per Klage erreicht, dass sie wieder gelistet werden. Und alles ist, wie es vorher war.

Andreas Stein: Zum Abschluss: Kann man ein Leistungsschutzrecht machen, was alle Seiten zufrieden stellt?

Michaela Merz: Man muss klar sagen, dass man es nicht billigen kann, wenn automatisierte Systeme die internationalen Regeln des Internets missachten oder auf Daten zugreifen, die klar nicht für automatisierte Systeme bestimmt sind. Das könnte man in Form eines Leistungsschutzrechtes machen. Wer aber im Internet gefunden werden will, muss damit leben, dass die Suchmaschinen eben auch etwas zum Link stellen.

Text-Snipplets sind im Prinzip mit kleinen Bildchen – sogenannte “Thumps” vergleichbar. Muss eine Suchmaschine für das Verlinken einer Webseite mit einem “Thump” eine Urheberrechtsabgabe zahlen? Diese wurde bereits durch das Landgericht Erfurt klar mit “NEIN” beantwortet.(Aktenzeichen 3 O 1108/05)  Im Urteil heisst es:

In dem zu dieser Homepage gehörenden Quellcode (vgl. Anlage B 9) sind die Befehle in der so genannten „robots.txt-Datei”, die ein Auffinden der gesamten Webseite bzw. von Teilen davon durch Suchmaschinen verhindern, nicht aktiviert.

Die Kammer vertritt daher die Ansicht, dass ein Berechtigter, der ein Werk im Rahmen seines Internet-Auftritts allgemein und kostenlos zugänglich macht, stillschweigend sein Einverständnis mit Vervielfältigungen erklärt, die mit dem Abruf des Werkes notwendig verbunden sind (vgl. Berberich, MMR 2005 147).

Wenn er so viele Zugriffe wie möglich erzielen und die Aufmerksamkeit für seine Seite erhöhen möchte, muss er als Anbieter der Webseite mit Handlungen zum Zwecke des Zugriffs stillschweigend einverstanden sein. Ist er das nicht, kann er insbesondere den Zugriff durch die Suchmaschine der Beklagten zu 2) durch entsprechende Befehle im Quellcode leicht verhindern.

Andreas Stein:

Michaela, ich bedanke mich herzlich für dieses informative Gespräch und wünsche Dir für Deine weitere Arbeit – besonders auch bei www.liberalebasis.de – viel Erfolg!

Michaela Merz (* 3. Januar 1960) ist eine deutsche Software-Entwicklerin, Netzpionierin und Unternehmerin.

http://de.wikipedia.org/wiki/Michaela_Merz

http://www.freies-europa.eu/?page_id=29

Bruno Kramm kritisiert Bundesregierung und Verlage scharf - PIRATEN fordern Absage an das Leistungsschutzrecht

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/galerien/einzelansicht/article/bruno_kramm_kritisiert_bundesregierung_und_verlage_scharf_piraten_fordern_absage_an_das_leistungss.html

 

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