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Exklusiv Interviews

13.11.2010 Exklusivinterview für freundederkuenste.de

GFDK - Michaela Boland

Ob er selbst mit 75 noch gerne „Achterbahn“ fährt, ist ungewiss. Im gleichnamigen Theaterstück jedoch lässt Schauspieler Volker Brandt zu, dass seine Gefühle einige Runden auf dem imposanten Fahrgeschäft drehen.

Als „Pierre“ nämlich, einem Midlifecrisis-gefährdeten, verheirateten Geschäftsmann, dessen Frau und Sohn sich gerade im Urlaub befinden, nimmt der attraktive Charmeur die soeben in einer Bar kennen gelernte junge Schönheit Juliette mit zu sich nach Hause.

Statt schnell „zur Sache“ zu kommen, verwirrt das Objekt der Begierde den älteren Herrn jedoch immer wieder aufs Neue. So ziert sie sich zunächst wie eine wohlerzogene, sittsame, junge Dame aus gutem Hause, um im nächsten Moment die eigentlich „Professionelle“ herauszukehren.

Der Verwirrung nicht genug, gesteht sie wenig später, eigentlich eine Freundin der Gemahlin zu sein, welche dem Gatten während der Abwesenheit in puncto ehelicher Treue einmal gehörig auf den Zahn fühlen solle, um dann jedoch schon kurz darauf eine Journalistin zu geben, die über das Seitensprungverhalten von Männern recherchiere, und treibt den irritierten Pierre damit immer wieder an den Rand der Verzweiflung.

Wer die geheimnisvolle junge Frau tatsächlich ist, und warum sie ihr „grausames“ Spiel mit dem ahnungslosen Pierre treibt, konnten die zahlreichen Zuschauer zwischen 26. August und siebten November jetzt im Kölner Theater am Dom herausfinden. Mit „Achterbahn“ von Eric Assous gelang Theaterchef René Heinersdorff ein richtiggehend großer Coup.

Insgesamt 25.000 Menschen sollen das Stück bis zum letzten Spieltag gesehen und es somit zu einem der erfolgreichsten Gastspiele der letzten Zeit im Theater am Dom gemacht haben. Grund zur Freude: Schon im nächsten Jahr geht die Erfolgskomödie ab 11.05. bis zum 26.06.2011 im Düsseldorfer Theater an der KÖ weiter.

Als Protagonisten des Stücks konnten Alexandra Kamp und vor allem Schauspielstar Volker Brandt ihr begeistertes Publikum überzeugen. Bereits seit den 1970er-Jahren ist der beliebte Mime, der Anfang der Achtziger den Berliner Tatort-Kommisssar Walther gab und regelmäßig in den TV- Quoten-Rennern „Schwarzwaldklinik“ und „Traumschiff“ mitspielte, vor allem durch seine Stimme bekannt.

Schon in der erfolgreichen US-Serie „Die Straßen von San Francisco“ nämlich, lieh Brandt Weltstar Michael Douglas seine Stimme und tut dies bis heute nach wie vor recht erfolgreich.

So kommt es denn auch, dass es im Café unserer Wahl, unweit der Kölner Mauritiuskirche, ganz schnell mucksmäuschenstill wird als Volker Brandt hereinkommt und mich begrüßt. Kaum kommt man umhin, zu bemerken, dass die Café-Gäste aufhorchen, weil ihnen diese Stimme fast zwangsläufig bekannt vorkommen muss.

Jugendlich frisch erscheint Brandt im feschen Herbstmantel mit lässig um den Hals geworfenen Künstlerschal. Dass er bereits 75 Lenze zählt, sieht man dem in Leipzig geborenen Sohn eines Chemikers nicht im geringsten an.

Im Gegenteil, mit seinem vollen welligen Haar und dem nach wie vor jungenhaft spitzbübischen Gesicht sieht er kaum älter als Mitte Fünfzig aus, sprudelt nahezu vor Vitalität und Gedankenreichtum, obgleich der vorangegangene Abend, an welchem wie üblich Vorstellung war, nicht gerade früh geendet hat.

Einziger Wermutstropfen an diesem Vormittag: Freundin Susanne Meikl (46) aus München hatte kurz zuvor angerufen und sich über die Art der Berichterstattung verschiedener Medien bei Lebensgefährten Brandt, der in Berlin noch eine Ehefrau hat, beklagt. Offensichtlich sei nämlich zu ihrem Ärgernis der Eindruck entstanden, dass Brandt sie aushalte.

So hatte beispielsweise auch bz-berlin.de vom 27.08 2010 in der Tat mit „Volker Brandt: Ich liebe zwei Frauen “ getitelt und den Schauspieler so zitiert: „Zwei Frauen sind ganz schön teuer. Ich zahle zweimal Miete, zweimal Unterhalt, zweimal Verpflegung.“

Volker Brandt nimmts gelassen. Der souveräne Mime steht mitten im Leben und unangenehme Berichterstattung wirft ihn wohl kaum aus der Bahn. Die Prioritäten des ausgesprochen sympathischen Schauspielers liegen woanders. Seinen Job versteht er.

Auf der Bühne lebt er seine Figur, gibt ihr nicht nur Physis, sondern haucht ihr durch die ihm eigene Mimik und Gestik derart authentisch Leben ein, dass man den Eindruck gewinnt, jenen Charakter doch von irgendwoher schon zu kennen.

Witzig, traurig, tragisch, glücklich, entsetzt und erleichtert, jenes Dauerwechselbad der Gefühle vermag Volker Brandt einfach gekonnt zu transportieren. Beeindruckend: Zwei Stunden Spiel mit nur einer Partnerin und nahezu durchgehendem Text. Das Besondere: Es gibt keine Souffleuse.

Michaela Boland:

Wie hilft man sich gegenseitig, wenn man auf der Bühne während des Spielens mal einen Texthänger hat, so ganz ohne Souffleuse?

Volker Brandt:

Ja, dass man sich hilft, wenn mal irgend etwas ist, ist ja am Theater immer so. Gerade, wenn keine Souffleuse da ist. An Privattheatern ist das ja schon mal so. Ich war 20 Jahre am Staatstheater und da hatten wir immer zwischen drei und fünf Souffleusen.

Ich habe ja bei Gründgens gespielt und der hatte eine rechts und eine links hingestellt. Und dann hat er in der Mitte gehangen und beide haben etwas gerufen, doch er hat es nicht verstanden, weil es völlig durcheinander ging. Da hat er sie beide ausgeschimpft. Normalerweise ist dieses kleine Muschelding, was da unten immer ist, auf einer richtigen Bühne natürlich immer schön. Leider gibt es das aber nicht mehr.

Das ist alles abgeschafft. Die setzten jetzt manchmal die Souffleuse in die erste Reihe und die ruft das dann hoch und blättert unten mit einem kleinen Lämpchen mit. Das ist natürlich höchst blamabel, wenn man dann hängt.

Michaela Boland:

Ist das eigentlich ein typisch weiblicher Job? Von Souffleuren hört man ja nicht all zu häufig?

Volker Brandt:

Souffleure gibt es auch, bei der Oper mehr. Aber der Beruf der Souffleuse ist eigentlich etwas hochsensibles, der meist von älteren Schauspielerdamen gemacht wird, was für uns sehr hilfreich ist.

Ganz entscheidend ist ja, dass sie die Schauspieler kennen und wissen, machen die gerade eine kleine Pause oder hängen sie? Wenn zum Beispiel unten jemand hustet, der Schauspieler deshalb eine kurze Pause macht und die Souffleuse denkt, er hängt, dann gibt sie es ihm vor und dann ärgert er sich.

Michaela Boland:

Für das zweistündige Stück „Achterbahn“, in welchem Ihnen ja nur eine Partnerin gegenüberstand, mussten Sie eine riesige Menge Text lernen. Wie kann man das am besten schaffen?

Volker Brandt:

Bei der Frage, wie man es lernt, hat jeder seine eigenen Prinzipien. Manche haben da ein Tonband und hören es sich dauernd an, was ich ganz falsch und ganz schlecht finde, weil es einen dann natürlich festlegt.

Wenn die erste Probe stattfindet, muss man ja, wenn möglich, schon ein bisschen Text können und dann aber hören, wie der andere ist, damit man auch antwortet und nicht dauernd seinen eigenen Ton drauf hat.

Ich habe mal so ein Zwei-Personen-Stück mit Anita Kupsch gespielt und die kannte alle ihre Sätze hintereinander, aber sie wusste gar nicht, wann ich etwas zu sagen hatte.

Die war auf Nummer sicher, hatte alles fleißig gelernt und fleißig ist sie ja nun mal. Und dann hat sie aber nicht gewusst, wann ich einen Satz hatte. Ich sagte dann immer: „Hallo, Anita, ich habe da auch noch einen Satz. Kannst du mal einen Augenblick auf mich warten?“

Michaela Boland:

Begeben wir uns einmal zurück in Ihre Kindheit. Sie sind in Leipzig geboren und in Hannover aufgewachsen. Verbindet Sie heute noch viel mit diesen Städten?

Volker Brandt:

Also, mit Leipzig verbindet mich außer, dass ich weiß, dass da Bombenangriffe waren, wir im Keller waren und dass wir dann nach Pommern geflohen sind, nichts. Von Pommern aus, wo ich zwölf Mal die Schule gewechselt habe, gen Westen, weil mein Vater immer nachts von der Front gekommen ist und gesagt hat, dass wir sofort weg müssten, weil die Russen kämen, zogen wir weiter.

Und dann sind wir irgendwann in Celle gelandet, wo uns die Engländer überrollt haben. Da höre ich noch heute die Panzer. Dort gab es sowohl Bombenangriffe als auch Überrollungen der Besatzung.

Das war 1945, ich war damals zehn Jahre alt. Dann sind wir über verschiedene Orte wie Sulingen, Nienburg, alles Orte, wo ich heute gastiere, nach Hannover gekommen, wo mein Vater dann eine Farbenfabrik neu aufgebaut hat. Er hatte ja schon früher in Leipzig eine Farbenfabrik von meinem Großvater.

Michaela Boland:

Wie hat sich dieses Leben in früher Kindheit auf Sie ausgewirkt?

Volker Brandt:

Die Schule in Hannover funktionierte für mich nicht. Da habe ich dann gewechselt und ging fortan auf die Waldorfschule.

Michaela Boland:

Wie lange gibt es diese Schulform bereits?

Volker Brandt:

Die gibt’s schon viel länger als mich. Es stammt ursprünglich von der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik aus Stuttgart. Und in Stuttgart war Rudolf Steiner als anthroposophischer Lehrer und Professor und der wurde von den Chefs der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik beauftragt, für die Kinder der Firma eine Schule zu eröffnen.

Und das war die Waldorf Schule. Er hat daraufhin die Anthroposophie in dieses Schulsystem eingebracht, was sich dann in die ganze Welt verbreitet hat.

Michaela Boland:

Haben Sie Ihre Kinder, Ihrem Beispiel folgend, auch in der Waldorfschule eingeschult?

Volker Brandt:

Ich habe auch ein Kind von meinen vier Kindern dort untergebracht, denn ich dachte mir, bei meiner Umzieherei ist es gut, wenn ich ein Waldorfschulkind habe, weil es dort einen einheitlichen Lehrplan gibt. Während ich es ja in meiner Kindheit zunächst so erlebt hatte, dass überall, wo ich hinkam, alle schon mehr wussten als ich und ich noch gar nichts wusste. Hinzu kam natürlich, dass ja damals noch Krieg war.

Michaela Boland:

Welche Vorteile hat Ihnen die Waldorfschule gebracht?

Volker Brandt:

Ich bin durch die Waldorfschule dahingehend infiziert, was das Musische betrifft. Ich kann beispielsweise Cello spielen, ich kann Klarinette spielen. Ich kann jetzt sogar auch Saxophon spielen, weil ich das neulich noch gelernt habe. Ich habe eigentlich auch erst in der Waldorfschule für mich entdeckt, dass ich das gerne mache und dass es mir richtig Spaß macht.

Ich wollte sogar Musiker werden, habe es dann jedoch gelassen, weil meine Hand für das Cello zu klein ist. Für die Klarinette ist es gerade richtig, aber da gibt es nicht viel Literatur. Nur ein paar Klassiker von Mozart und Weber. Es gibt auch Jazz, aber das war es.

Kurzzeitig hatte ich mir dann sogar überlegt, zu malen. Dann habe ich gemalt und gemerkt, ja gut, das ist ein einsamer Job. Schreiben konnte ich auch. Ich hatte in Deutsch immer gute Noten, aber ich konnte halt keine Grammatik, übrigens genauso wenig wie Mathematik.

Das alles war mir fremd. Doch bevor ich mich deswegen nun wieder hätte zurückstufen lassen, hat die Waldorfschule eben gesagt, „nein, der ist so und so alt, dann kommt er eben in diese und jene Klasse und muss halt ein bisschen was nebenbei lernen.

Latein zum Beispiel. Das habe ich dann eben nebenbei gemacht. Aber das Wesentliche waren für mich eben die Instrumente. Die wurden erst mal zur Verfügung gestellt, nachher habe ich dann mein eigenes Cello gehabt.

Michaela Boland:

Ist das musikalische Talent beruflich auch schon zum Einsatz gelangt?

Volker Brandt:

Zum Tragen ist dies eigentlich sehr häufig gekommen. So habe ich zum Beispiel in München, als ich da noch auf der Schauspielschule war, schon als Klarinettist und Sprecher am Staatstheater mitgewirkt. Das konnten die Klarinettisten nicht, die konnten nicht spielen und sprechen.

Ich konnte beides, deshalb hat mein Lehrer mich da schön eingesetzt. Es gab 30,- Mark pro Abend. Statisterie durften wir auch machen. Die Otto Falckenberg Schule, zu der ich dann nach München gegangen bin, nachdem ich meinen Abschluss auf der Waldorfschule in Hannover gemacht hatte, war ja die einzige Schule im deutschsprachigen Gebiet, die einen Kontakt zum Theater hatte.

Ansonsten sind die nämlich in Deutschland alle extra. Da sind zwar überall Lehrer und Professoren, selbst die Buschschule, diese berühmte Berliner Akademie da im Osten, die sind alle separat. Aber ich wollte zunächst ja nur mal wissen, ob das Ganze überhaupt etwas für mich ist.  

Michaela Boland:

Wie verlief der Weg von Hannover nach München?

Volker Brandt:

Ich habe mit einigen Leuten in Hannover ein paar Vorsprechrollen erarbeitet, sie aber für mich alleine gelernt, also, ich hatte keinen Unterricht oder dergleichen, und bin zu dieser Aufnahmeprüfung nach München gefahren. Es war schönes Wetter, Föhn.

Ich hatte gute Stimmung und bin die ganze Nacht über gefahren. Dann habe ich das da gemacht und bin wieder nach Hause gekommen. Und dann kam eine Bewilligung an und ich habe mir gesagt, also, bevor ich jetzt lange fackle, mache ich das. Dann habe ich das zwei Jahre lang gemacht. Es war toll, dann zeitgleich schon richtig beim Theater reinriechen zu können.

Michaela Boland:

Sie haben ja auch mal eine Gärtnerlehre gemacht. Wann war das denn?

Volker Brandt:

Das mit der Gärtnerlehre ist in der Kriegszeit gewesen. Ich bin ja Geburtsjahr 1935.

Von München aus bin ich jedenfalls dann nach Hamburg zum Schauspielhaus, denn bei Gustav Gründgens war eine Stelle frei. Da konnte ich den jugendlichen Liebhaber spielen. Der Uwe Friedrichsen war einer, der Charlie Brauer war einer und ich war einer. Die drei Liebhaber.

Der eine hatte schon eine Glatze, Charlie Brauer. Der andere war blond und frech, das ist der Uwe Friedrichsen gewesen. Und ich war lockig und schlank und ein typischer jugendlicher Liebhaber.

Das habe ich dann sechs Jahre gemacht. Außerdem auch schöne große Rollen und dann bin ich nach Frankfurt gegangen, weil da eine kleine Bühne war. Von Frankfurt aus ging ich nach Wien, was sehr richtig und wichtig war.

Michaela Boland:

Aus welchem Grund?

Volker Brandt:

Ich war immer der Meinung, ich muss etwas lernen. Die österreichischen Schauspieler und die Theater in der Josefstadt waren sehr lehrreich. Ich war nicht ängstlich in puncto Geldverdienen. Ich wollte einfach wieder umziehen mit Kind und Kegel.

Da hatte ich übrigens schon zwei Kinder und bin dann anschließend nach Berlin gezogen und ans Schillertheater gegangen. Mit Martin Held zu spielen, ist natürlich schon was. Nach fünf Jahren habe ich das Theater dann auch verlassen. Das ist auch eine lange Zeit für so ein Staatstheater.

Dann reicht es einem aber auch, berühmte Leute hin oder her. Ich habe dann einfach Tschüss gesagt und bin nach Karlsruhe gegangen, ans badische Staatstheater. Ein Drei-Sparten-Theater mit Oper und mit Ballett. Das hat mich sehr interessiert.

Ich wollte endlich mal abends in der Kantine mit den Ballettmädchen flirten.(Lacht). (Anm. d. Red.: Die zweite Ehefrau ist übrigens Tänzerin). Dann bin ich ab 1977 freischaffend geworden. Ab 1977 habe ich dann Fernsehen, gemacht, Synchron, was ich vorher noch nie gemacht hatte.

Doch, in Berlin habe ich mit Synchron angefangen, da hatte der Michael Douglas damals schon „Die Straßen von San Francisco“. Da haben sie einen neuen Sprecher gesucht und haben gesagt, „och, der ist da am Staatstheater“. Doch ich wusste gar nicht, wie das geht und es war ganz neu und dann habe ich das doch Jahrzehnte gemacht.

Michaela Boland:

Stichwort Synchron. Wie bekommt man es eigentlich hin, immer lippensynchron zu landen, wenn man jemandem in einer anderen Sprache seine Stimme leiht?

Volker Brandt:

Es werden einzelne Takes herausgesucht, die einem vorgespielt werden. Die sind ein Satz oder zwei Sätze lang. Manchmal sind es fünf Sätze, das ist schon sehr schwer. Fünf Zeilen sind sehr schwer. Ein Stöhner geht schnell. Man muss nur aufpassen, die Stimmung des Darstellenden und einigermaßen das Timing zu erwischen. Da ist ja vorher eine Pause und plötzlich stöhnt er oder plötzlich schreit er los oder sonst irgendwas.

Michaela Boland:

Gab es in Sachen Synchronarbeit eine besondere Herausforderung für Sie?

Volker Brandt:

Besonders schwer war der Film „Falling down“. Ich kenne ja Michael Douglas selber und das ist auch sein Lieblingsfilm. Für mich war das Sauarbeit, weil der hat da ohne schauspielerische Vorbereitung gespielt. So verrückt, dass man immer sehr schreien musste, wild in der Gegend herum. Mit Theaterstimme ist da nichts zu machen.

Ich war dann auch immer heiser und er auch. Und wir waren uns eigentlich einig, das ist ein toller Film, aber eben einer aus dem Bauch und für einen Synchronsprecher fürchterlich. Dann gibt’s aber Filme von ihm, die sind ganz anders. Also, „Die Straßen von San Francisco“ waren eigentlich nicht schwer, weil er den Assistenten von Karl Malden spielt.

Da hatte ich auch immer einen sehr guten Sprecher neben mir. Den Friedel Bauschulte. Der ist auch schon gestorben und der hat mir auch manches beigebracht. Aber es ist eben ein Job, den man wirklich üben muss, üben, üben, üben.

Michaela Boland:

Gibt es heutzutage denn noch ausreichend Möglichkeiten, den Job zu üben?

Volker Brandt:

Heute bekommen junge Leute nicht die Gelegenheit dazu, weil die Produktionszahlen so hoch sind. Es waren früher mal achtzig Takes auf dem Programm oder schon mal hundert für den ganzen Tag. Von neun oder zehn Uhr morgens an bis um fünf hundert Takes.

Jetzt sind dreihundertfünfzig drauf. Und heute sind Sie auch ganz alleine. Sie haben nicht mal einen Partner. Wenn ich ins Studio komme, wie jetzt neulich bei „Wall Street“, da waren dreihundert Takes auf der Liste, immer nur ich.

Gut, ich habe aber Szenen gehabt mit einer jungen Dame, mit älteren Herren, mit meiner Frau, was weiß ich. Und ich musste aber alles alleine machen und hatte keinen Partner. Früher war das so, dass man die Frau auch hatte, man konnte mit ihr reden, man konnte sie anfassen, man konnte sie sogar kennen lernen.

Wir hatten immer viel Zeit zwischen den Takes. Heute ist sofort der nächste Take da, sofort geht es weiter. Das ist sehr effektiv, aber eben sehr anstrengend. Das macht keinen Spaß mehr in dem Sinne, dass man sich eben auch eine Mittagspause gönnt oder, dass Leute sich, wie früher beim Synchron, gegenseitig lieben- und kennen gelernt haben.

Das ging alles wunderbar. Oben war der Mitarbeiter, der ein Filmröllchen reingelegt hat, wie im Kino, dann gespielt, dann Röllchen wieder heraus und das dauerte eben.

Michaela Boland:

Macht Ihnen das Synchronsprechen mehr Spaß als die Schauspielerei?

Volker Brandt:

Nein, nein, nein. Synchron ist wirklich eine Fron. Ich hasse das und würde auch nie „Hosianna“ sagen, wenn, sagen wir mal, wieder so eine große Serie kommt, sondern dann sage ich, „ach Du meine Güte, das wird hart“. Und es ist hart. Sie sind nur im Dunkeln. Da haben sich früher die Leute umgebracht, erschossen, weil sie gar kein Licht mehr hatten. Oder sie sind Säufer geworden. Alles schwere Alkoholiker in dem Job.

Heute ist alles nicht mehr so. Früher haben wir ja auch beim Theater gesoffen. Da waren abends immer Flaschen mit Wein leer. Als ich in Wien war, da kam man nachmittags zur Vorstellung, samstags und sonntags, und eine Flasche Rosnerwein, zwei Liter, die war nach der ersten Vorstellung leer.

Dann haben wir noch eine zweite geleert und dazwischen sind wir in der Pause noch zum Heurigen gegangen. Wie wir das gemacht haben, weiß ich nicht mehr. Und da waren alle ernsthaften Leute dabei. Es war jetzt nicht so, dass da bloß die Säufer dabei gewesen wären.

Heute geht das so: Wir spielen von fünf bis sieben dieses Stück, dann haue ich mich aber so schnell wie es geht, aufs Sofa. Wenn ich Glück habe, bin ich auch weggetaucht. Dreiviertelsieben (Anm. d. Red.: Viertel vor acht) ziehe ich mir das Hemd um und dann ist bis zehn Uhr Vorstellung und dann gehen wir nach Hause.

Dann haben wir vier Stunden gespielt mit diesem Stück, das ist dann schon ein ganz schönes Ding. Wie ich dann dazwischen noch Wein trinken sollte oder schon während der Vorstellung, das ist mir schleierhaft. 

Michaela Boland:

Selbst wenn Sie in Hörspielrollen weniger nette Zeitgenossen darstellen, hat Ihre Stimme dennoch immer noch etwas Sympathisches. Woran liegt das?

Volker Brandt:

Das ist auch ein bisschen mein Job. Ich habe ja auch in der Schwarzwaldklinik einen Liebhaber gespielt, der fünf Frauen nebenher hatte (Anm. d. Red.: Spielte Dr. Werner Schübel). Das war immer so der Sympath, der aber gleichzeitig noch ein ziemlicher Schlawiner war. Damit das Gegengewicht stimmte, hat man mir immer gesagt, „ Dafür bist Du aber ein sehr guter Operateur“.

Michaela Boland:

Ist Volker Brandt auch ein Schlawiner?

Volker Brandt:

Nein, überhaupt nicht. Ach, ich bin viel zu schüchtern.

Michaela Boland:

(Lacht)

Volker Brandt:

Ich hätte nie jemals die Idee gehabt, mir jetzt mit Alexandra zum Beispiel (Anm. d. Red.: Schauspielpartnerin Alexandra Kamp) irgendetwas vorzustellen. Ich stelle es mir einfach gar nicht erst vor. Es gibt manchmal Partnerinnen, wie meine jetzige Lebensgefährtin, die ist aber jetzt schon zehn Jahre, nein zwölf Jahre, mit mir zusammen. Wir haben uns auf der Bühne verliebt, das gibt es schon.

Michaela Boland:

Bei welchem Stück hat es gefunkt?

Volker Brandt:

Das war das Stück „Mein Vater der Junggeselle“ in München. Und die Frau davor, mit der ich jetzt schon dreißig Jahre zusammen bin, soviel zu meinem sogenannten Doppelleben,

(Anm. d. Red.: Bezieht sich auf die eingangs erwähnte Medienberichterstattung, nach welcher er ein „offenes Doppelleben“ führe/ unterhaltung-t-online.de/volker-brandt-fuehrt-offenes-doppelleben vom 02.08.2010 und mit Ehefrau Donna (59) in Berlin lebe, während er mit Freundin Susanne außerdem noch eine Wohnung in München habe),

eine Tänzerin, die habe ich kennen gelernt bei „Anatevka . Da habe ich nämlich als Freischaffender am Theater des Westens gesungen, getanzt, alles. Da habe ich sie kennen gelernt. Und die Frau davor, von der ich einen Sohn, der jetzt auch schon 50 wird und eine Tochter, die über 40 ist, habe, die habe ich auch auf der Bühne kennen gelernt.

Michaela Boland:

Klingt so, als geschehe es fast schon zwangsläufig, dass man seine Partner in der Branche ausschließlich auf der Bühne trifft.  

Volker Brandt:

Ja, aber man hat ja x Partnerinnen und es passiert überhaupt nichts. Aber manchmal kann es sein, dass einen die Liebe überkommt. Wie auch immer, wenn die Gelegenheit gut ist. Also, das sind auch keine kurzen Sachen, die sind auch richtig gut dann.

Michaela Boland:

Haben Sie bei den gespielten Liebesszenen immer etwas empfunden oder nicht?

Volker Brandt:

Kann ich Ihnen etwas zu sagen, weil Michael Douglas, der ja ein großer Liebesszenenspieler war, hat gesagt, da sind erst mal 30 Leute im Raum, zweitens wird das technisch vorher ausgeixt, Motto: Kuss, Kuss, Kuss, Klatsch Peng, richtiger Kuss, wie lange, wieder zurück, wieder hin, wieder her, Klappe, fertig. Das muss so verabredet werden und muss dann echt gefüllt werden, klar.

Michaela Boland:

Sie selbst haben doch auch schon etliche Liebesszenen gedreht.

Volker Brandt:

Aber ja. Das haben wir dann auch ausgeixt. Das muss ja aussehen und da müssen wir auch ernst bleiben. Vor allen Dingen die Frauen haben es da ja mit den Männern schwer. Meine Freundin hatte immer Partner, die ihr nicht gefielen. Günther Schramm zum Beispiel oder Ilja Richter. Das waren alles so Partner, die wollte sie eigentlich nicht küssen. Und da hat sie sich immer ein bisschen überwinden müssen.

Michaela Boland:

Wie sehr sind Sie persönlich von dem Schicksal des Michael Douglas betroffen?

Volker Brandt:

Da haben sie mich alle angerufen und haben gesagt, Volker, was machst denn du jetzt? Da gibt es ja zwei Filme oder einen Film im Jahr, oder alle zwei Jahre einen Film. Neulich habe ich einen Film gemacht, der ist gerade mal eine Woche gelaufen, der hieß „The king of California“. Da war er fast nur dran, da habe ich 600 Takes gehabt.

Da war ich fast über eine Woche, jeden Tag. Wir haben immer bis mittags gemacht und dann haben wir Schluss gemacht. Man kann nicht den ganzen Tag Synchron machen und ich war natürlich auch wieder alleine. Den Film „Wall Street“ haben wir in Berlin gemacht. Da habe ich drei Tage gebraucht, mehr nicht.

Michaela Boland:

Nun, in jedem Fall wollen wir hoffen und Michael Douglas von ganzem Herzen wünschen, dass er bald wieder genesen wird. Wie haben Sie einander das erste Mal kennen gelernt?

Volker Brandt:

Wir haben uns mehrmals getroffen. Gerade hier in Köln. Da hat uns einmal RTL engagiert, da sollte er ein Stückchen von einem Film von mir synchronisieren, auf Englisch. Ich habe das Deutsch gesprochen, man hatte ihm den englischen Text gegeben und er musste das dann machen und hat es auch gemacht.

Hollywood ist für uns immer so das, wo du aufstehst, wenn jemand reinkommt. Aber Hollywood ist auch so, dass der reinkommt und er setzt sich dann neben mich und sagt, „Hallo Volker“. Das ist auch wieder ganz nüchtern und ganz natürlich. 

Michaela Boland:

Muss man sich die Schauspielerarbeit grundsätzlich so vorstellen? Nüchtern und natürlich?

Volker Brandt:

Ja, denn so ist es beim Arbeiten auch. Ich habe zwar noch nicht mit Hollywood gearbeitet, aber ich habe mal in Frankreich, in Paris einen Film gedreht mit lauter guten Leuten. Ich habe da nachts in Paris einen deutschen Immigranten gespielt, der aber Französisch sprechen musste.

Da waren die ganz großen Leute und ich musste nur aufpassen, dass ich meinen Text schnell genug sagte, denn die Franzosen sprechen sehr schnell. Das war für mich als Fremdsprachler insofern schon ein bisschen schwierig.

Allerdings ist es ein großes Geschenk, in Frankreich zu drehen. Die Franzosen sind ein Kinovolk, wie es im Buche steht. Wie da vorbereitet wird, alles ineinander greift und die mit Schauspielern umgehen, das ist einfach wunderbar. Anders als hier.

Michaela Boland:

Inwieweit?

Volker Brandt:

Wie ich es hier wieder gesehen habe, auf unserem Platz war gestern wieder ein Dreh. Ja, da frösteln alle herum, „ich will nicht früh um vier oder um fünf in einem Schminkwagen in einer Garage sitzen“, wie übrigens Frau Elsner zum Beispiel, wo ich das zuletzt gesehen habe.

Da habe ich in einem Film mit ihr mitgespielt, einem Krimi, da war sie Kommissarin. Und ich dachte mir, die arme Frau, jetzt komme ich hier um halb sechs hin, denn um neun war Drehbeginn. Da sitzt sie da schon eine Stunde, man sieht es ihr an, dass sie nicht ausgeschlafen ist.

Das sieht doch nicht aus, die Frau, also das kann man nicht machen. Aber das ist Alltag. Aber nicht in Frankreich, da wollen sie, dass die Frauen ausgeschlafen aussehen. Die schicken sie aber abends auch ins Bett. Es ist nicht so, dass die dann abends noch Highlife machen. Ebenso in Hollywood.

Wenn eine Marilyn Monroe nicht pünktlich da war, dann wurde sie rausgeschmissen. Ist ja passiert. Hohe Disziplin. Wo es ums Geld geht, wo Produzenten sind und wo genau geguckt wird, ob das auch gut gespielt ist, da herrscht eiserne Disziplin. 

Michaela Boland:

Ist es das, was den Beruf hautsächlich ausmacht?

Volker Brandt

Von dem Schauspielberuf denken viele Leute immer, dass er so lax ist. Die Schauspieler stellen sich auch immer so blöd dar. Vor allen Dingen die, die nichts sind und die auch so ein bisschen Filmleute sind, die machen immer so das Partyleben.

Ich kenne kaum Leute und ich gehe auch abends lieber nach Hause, weil ich dann auch Fernsehen gucke oder mir noch etwas zu essen mache und dann gehe ich vor halb zwei sowieso nicht ins Bett. Da ist halt noch der Abend ein bisschen drin. Man geht ja nicht aus dem Theater und ist dann nicht mehr.

Michaela Boland:

Hat man eigentlich mit 75 Jahren noch so viel Spaß an der Arbeit, dass man gerne noch weiter auf der Bühne steht oder muss man noch weiter auf der Bühne stehen? 

Volker Brandt:

Sagen wir mal so, ich will natürlich nicht, bevor ich es nicht muss, meinen Job aufgeben. Was heißt Job, das ist ja so ein neues Wort. Ich meine, Beruf aufgeben, denn das ist ja mein Beruf. Ob ich jetzt Gärtner wäre oder Musiker, das würde ich weiter machen.

Solange ich das Cello greifen kann, die Klarinette blasen kann, solange würde ich das weiter machen. Das hat gar nichts mit dem Alter bei mir zu tun. Und das ist mit dem Theaterspielen auch so. Wenn ein Schauspieler älter wird, wird er erstens mal besser und zweitens wird er ernsthafter und er legt auch mehr Wert darauf, dass sein Beruf noch funktioniert.

Viele Kollegen, die ich jetzt so in meinem Alter treffe, zum Teil auch ein wenig jünger, die sagen, „Du ich kann es nicht mehr, mit meinem Gedächtnis geht es nicht mehr. Ich habe da mal gehangen, da habe ich nichts mehr gesehen und gehört. Dem setze ich mich nicht mehr aus“.

Also haben sie ihren Beruf aufgegeben. Und ich denke, die spinnen. Wenn Du hängst, musst Du wissen, worum es jetzt geht, den Sinn kennen und dann musst Du etwas frei sagen und dann kommst Du wieder drauf. Wenn ich hänge, dann weiß ich aber genau, um was es geht. Aber das ist selten und ich kann das noch verantworten.

Michaela Boland:

Hin und wieder beobachtet man bei Schauspielern, dass diese, dann, wenn sie plötzlich ohne vorgegebene Rolle frei sprechen müssen, ein wenig unsicher werden. Bei Ihnen kann man sich kaum vorstellen, dass Sie um ein Wort verlegen sein könnten.

Volker Brandt:

Ich habe sehr viel gelernt bei Talkshows. In dem Augenblick, wo ich freischaffend und dann Tatort-Kommissar in Berlin war, war ich ja plötzlich mit zwanzig Millionen Zuschauern pro Folge, als es noch keine Privaten gab, hatte man ja noch solche Einschaltquoten, vom einen zum anderen Abend bekannt.

Ich habe das sieben Jahre lang gemacht. Mit Wolfgang Staute, oder ich habe auch mal einen Tatort mit Armin Mueller-Stahl gemacht. Das waren immer sehr gute Leute.

Es ist aber so, dass wenn Sie dann bekannt sind, Sie zu Talkshows gehen müssen. Da können Sie nicht einfach nur so da sitzen, wie die Schauspieler, und dann nicht wissen, was Sie sagen sollen. Sie müssen dann schon ein bisserl reden.

Oder auch bei einer öffentlichen Veranstaltung wie bei Carmen Nebel, wo ich neulich mal war. Zur Weihnachtszeit habe ich da einen Weihnachtsmann gespielt. Oder jetzt gehe ich hier zu Bernd Stelter (NRW Duell). Auch war ich allein fünf Mal bei Herrn Alsmann, übrigens auch mit dem Instrument.

(Anm. d. Red.: In der WDR Produktion „Einfach Alsmann“ mit Götz Alsmann konnten Prominente ihre Fertigkeiten in Sachen Musizieren mit ihren Instrumenten unter Beweis stellen).

Nachdem ich fast dreißig Jahre keine Klarinette gespielt hatte, das Ding lag irgendwo zu Hause, habe ich mir eine geliehen, habe Unterricht genommen und habe Summertime gespielt.

Mit ihm und seiner Band. Außerdem waren noch Hugo Egon Balder und Kim Fischer dabei. Und weil mein Lehrer auch Unterricht in Saxophon gegeben hat, habe ich mir gedacht, „hey“, habe mir sodann erst ein Saxophon geliehen, anschließend gekauft, um dann anzufangen, Saxophon zu spielen. 

Michaela Boland:

Was für ein Saxophon spielen Sie jetzt? 

Volker Brandt:

Ein Alt-Saxophon. Ich mag es sehr gerne, aber das ganze letzte Jahr war ich nur unterwegs und ich kann das Saxophon leider nicht mitnehmen.

Michaela Boland:

Was tun Sie, wenn Sie zu Hause sind? Ist zu Hause eigentlich bei Ihrer Familie in Berlin oder bei der Freundin in München?

Volker Brandt:

Ja, jetzt kommen Sie damit an. Mein Doppelleben ist tatsächlich ein Doppelleben. Ich bin aber auch noch hier, weil mein Sohn hier ist.

 (Anm. d. Red. Der erstgeborene Sohn von Volker Brandt, Borris Brandt, war bis 2008 Geschäftsführer von Endemol Deutschland und führt seit 2009 die ENTERTAINIA Unterhaltungsgesellschaft mbH in Köln)

Der hat schon angefragt, „was machst Du Weihnachten?“ Er ist freier Produzent und zieht auch nach Hamburg. Im letzten Jahr zur Weihnachtszeit als ich genau dieses Stück (Anm. d. Red.: „Achterbahn“) mit einer anderen Partnerin gespielt habe (Anm. d. Red.: In Bonn spielte Brandt mit Kollegin Kim Langner), wollte ich nach Berlin, weil die Kinder, große Kinder, 28 und 20, wollten mit mir, wie immer in Berlin feiern. Papa nimmt den Baum, Papa schmückt, Geschenke werden besorgt, miteinander, wir gehen auf den Weihnachtsmarkt, wir machen dies, wir machen das.

Aber das konnte ich nicht machen, weil die Schneelage so unsicher war. Dann musste ich kurzfristig absagen, obwohl ich das Ticket bereits hatte und bin dann hier zum Sohn gegangen. Das war auch sehr schön. Der hat mich abgeholt, ich hatte aber zwei Tage hinterher Vorstellung. Also am ersten und am zweiten Weihnachtsfeiertag.

Es war nur der 24. und das hätte ich dann als zu hektisch empfunden, um nach Berlin zu fahren. Ich habe sogar noch am 22.gespielt, hatte also tatsächlich nur den 24. früh und am 25. mittags ging es zurück. Jetzt fragt mein Sohn, ob ich wieder komme, aber diesmal bin ich wieder in Berlin, denn die Wohnung bezahle ich noch, die Wohnung ist unsere Wohnung. Das ist sozusagen der Familientreff.

Michaela Boland:

Kommen denn da alle zusammen?

Volker Brandt:

Nein, da kommen nicht alle zusammen. Also meine erste Frau, die verträgt sich mit meiner zweiten Frau gut. Es kann sein, dass die da mal vorbei kommt. Es kann sein, dass ich zu der Tochter gehe, die neulich hier war, weil das aus dieser Ehe zwei Kinder sind. Dieses Jahr habe ich Zeit und kann schon am 18. nach Berlin fliegen. Meine andere Tochter kommt aus New York, sie studiert nämlich Schauspielerei in New York.

Michaela Boland:

Es bleibt also in der Familie. 

Volker Brandt:

Ja, allerdings weiß ich nicht, ob ich darüber glücklich oder irgend etwas sein soll.

Michaela Boland:

Warum?

Volker Brandt:

Ja, man weiß es nicht, ob so ein armes Töchterlein, was dann Schauspielerin ist, na ja. Sie hat eine gute Schule und die ersten zwei Semester schon hinter sich, sie haben sie behalten und nicht rausgeschmissen.

Michaela Boland:

Auf welcher Schule ist sie?

Volker Brandt:

Ich weiß jetzt nicht, wie sie heißt, aber es ist eine richtig gute Schule. Nun gibt es bei denen ja keine staatliche Schulen mit staatlichem Geld oder angeschlossen, wie die Falckenberg Schule und die Münchner Kammerspiele. Mein Vater hat ja damals nur hundert Mark bezahlt. Ich bekam hundert Mark zum Leben inklusive Miete und hundert Mark für die Schule, zwei Jahre lang.

Michaela Boland:

Das heißt, dass Ihr Vater, der Chemiker, das Unterfangen Schauspielerei in jedem Fall bei Ihnen unterstützt hat.

Volker Brandt:

Der hat gesagt, Du kannst das machen, aber komm nicht , wenn Du es fertig hast, und sag, Du würdest kein Geld haben. Meine Mutter mochte das sehr, weil sie eine Theaterfrau gewesen ist. Die liebte Oper, die liebte Schauspiel. Die hat mich auch mal ab und zu in die Oper mitgenommen, das mochte ich gar nicht. Aber das Theater. Vielleicht habe ich da irgendwie ein bisschen was mitgekriegt.

So und dieses ganze Gemisch von Wohnungen und hin und her und dann kommt Weihnachten, und dann wird hier gespielt und da gespielt.

Ja, Bonn, ich liebe Bonn, ich liebe Köln, ich liebe Stuttgart, ich bin in Berlin zu Hause, ich bin in München zu Hause. Das kenne ich nun schon über 50 Jahre. In Frankfurt habe ich gelebt, war drei Jahre im Theater dort.

Auch ist da eines meiner Kinder zur Welt gekommen. Das ist einfach dann mein Zuhause, bis heute. Ich kenne mich da aus, weil ich auch Fußgänger bin. Sie können mich blind im Flughafen in Frankfurt aussetzten oder im Hauptbahnhof und ich gehe blind die Stationen ab und weiß genau, wo ich bin.

Michaela Boland:

Kommen wir noch mal zurück auf das Weihnachtsfest.

Volker Brandt:

Da muss ich noch etwas dazu sagen. Meine Schauspiellehrer in München haben gesagt, wenn Du Schauspieler wirst, musst Du bereit sein, aus dem Koffer zu leben. Da habe ich gedacht, wer lebt hier aus dem Koffer? Die haben alle feste Engagements.

Aber als ich freischaffend wurde, bin ich sehr viel umgezogen. Meine Kinder sind dann immer gekommen zum Dreh, weil ich immer unterwegs war, um zu drehen. Schwarzwaldklinik, stundenlang im Schwarzwald, oder ich habe eine Serie gedreht, „Glückliche Reise“, das waren 32 Länder. Da war ich in Island, Afrika, Neuseeland, Grönland, Venedig. Da haben wir gedreht, gedreht, gedreht.

Und das war eigentlich eine Zeit, wo dann die Kinder eben zu mir gekommen sind. Teilweise haben sie sogar mitgedreht, die habe ich dann immer gleich mit eingebaut. Und jetzt ist es so, dass ich die Frau habe, die Susanne, und die ist jetzt mit mir zusammen auf Tournee.

Hier war sie jetzt zwei Mal, weil sie nicht mitspielt. Aber, wenn Tournee ist, fährt sie ja mit, spielt auch mit. Wir haben das unendliche Glück, dass wir eben schon seit zwölf Jahren immer zusammen spielen. Also, wenn ein älterer Herr und eine junge Frau drin ist, dann gibt es auch meistens was in den Stücken. Ob das jetzt die Boulevardstücke sind oder die ernsthaften Stücke sind.

Michaela Boland:

Werden Sie auch immer schon direkt als Paar gebucht?

Volker Brandt:

Die ist immer schon dabei, ja.

Michaela Boland:

Susanne Meikl spricht ja auch in Hörspielen, wie beispielsweise „Die größten Fälle von Scottland Yard – Bittere Kristalle“ mit, in denen Sie, Herr Brandt, häufig Rollen übernehmen. Bringen Sie Ihre Lebensgefährtin bei solchen Gelegenheiten auch unter?

Volker Brandt:

Da spielt die Susanne auch manchmal mit. Die tue ich dann ins Hörbuch rein, dann macht sie auch ein bisschen was. Oder ich mache Pater Brown und da ist immer irgendwas zu sprechen drin.

Aber, sie ist sehr attraktiv und wir haben sie, immer wenn es irgendwie geht, zum Beispiel habe ich ja auch „Der zerbrochene Krug“ gespielt, von Heinrich von Kleist, und da spielt sie dann eine Magd oder Frau Brigitte, am Schluss kommt doch die Frau Brigitte, die alles ahnt und weiß.

Michaela Boland:

Zusammen leben und überwiegend zusammen arbeiten ist ja schon ein Privileg.

Volker Brandt:

Mehr als bei allen anderen Schauspielern. Auch die Andrea Sawatzki mit dem Christian Berkel, die haben nicht so viel zu tun. Und die treten auch in Talkshows nicht zusammen auf. Ich versuche, sie auch immer mit in die Talkshows zu bringen.

Michaela Boland:

Im Theaterstück „Achterbahn“ versuchen Sie als „Pierre“ bei einer wesentlich jüngeren Frau zum Zuge zu kommen. Im Privatleben haben Sie auch eine wesentlich jüngere Frau an Ihrer Seite. Sie sind 75, Frau Meikl ist 46 Jahre alt. Läuft da immer alles reibungslos ab?

Volker Brandt:

Also, wesentlich jünger, das ist nur, was den Pass betrifft. Bei uns teilt sich das Kindische genauso auf, wie der Erwachsenenteil. Manchmal ist sie erwachsener als ich, manchmal bin ich erwachsener als sie.

Zum Beispiel heute, wo ich sie dann trösten musste und sagte, denke mal an Fälle wie bei dem Sittler, (Anm. d. Red.: Schauspieler Walter Sittler, der im Zuge seines Einsatzes im Streit um „Stuttgart 21“ durch CDU-Generalsekretär Thomas Strobl beleidigt wurde, nachdem Strobl in diesem Zusammenhang eine Anspielung auf die NS-Vergangenheit von Sittlers Vater machte) wo dann plötzlich die Nazi-Vergangenheit des Vaters thematisiert wird.

Das ist doch nicht schön, das ist doch grausig und da sind wir doch ein Popel dagegen mit unserer blöden Geschichte. Aber wenn wir auf Tournee sind, dann müssen wir natürlich gut zusammenhalten, denn wir haben das gleiche Zimmer, die gleiche Garderobe und stehen zusammen auf der Bühne.

Da sagen viele, wie macht ihr das? Man muss doch mal weg sein von seiner Frau. Nein, muss man nicht, das machen wir ganz gut. Das gelingt auch nicht mit jedem.  

Michaela Boland:

Wie ist die Arbeitsaufteilung?

Volker Brandt

Bei Computern und Waschmaschinen ist sie die Chefin. Kochen, das mache ich, weil ich es besser kann und ich gehe auch einkaufen.

Michaela Boland:

Wem gehören denn all die Teddybären und sonstigen Stofftiere, die man bei einer Homestory zuhauf in Ihrer Münchener Wohnung zu sehen bekommt?

Volker Brandt:

Teddy kann sie. Sie näht das sehr gut. Sie hat ein wunderbares Gefühl für Ausdruck und wie die Teddys aussehen. Sie hat ja auch schon sehr viele gemacht. Aber als Beruf wäre das Quatsch.

Sie ist halt manchmal ein bisschen unglücklich, dass sie, nicht so wie Alexandra, dann eben einfach sehr viel zu tun hat .Also, die hat ja im Augenblick eine gute Strähne. Sie würde zum Beispiel dann nicht diesen ganzen Öffentlichkeitskram machen. Das hasst sie wieder.

Michaela Boland:

Dafür bekommt man aber bei Homestories wie der, die Sie zusammen mit www.perfect4all.de gemacht haben, doch schon den einen oder anderen Einblick in Ihren gemeinschaftlichen Privatbereich.

Volker Brandt:

Also Homestories, das machen wir manchmal, weil mein Produzent Rademann gesagt hat, „pass mal auf, wenn wir hier Schwarzwaldklinik drehen, kommen die Reporter auf Dich zu, um mal ein paar Bilder von Dir zu Hause zu haben.

Du kannst det auch machen, det is doch gar nich schlimm, denn da is dann die Quote auch richtich jut. Und det musste schon machen, sonst kann ick Dir nich engagieren“. Und da habe ich gesagt, wenn die das anständig machen, und ich das vorher lesen kann so ein paar Fotos in der Stube, dann ist das o.k.

Michaela Boland:

Wie haben Sie hier in den letzten Wochen Ihre Freizeit verbracht?

Volker Brandt:

Ich habe ja hier in Köln auch eine Wohnung. Ich statte ja meine Wohnungen immer mit allem Möglichen aus. Ich kaufe Pflanzen, die ich dann aber auch mit nach Hause nehme. Ich habe hier gewaltig Schmetterlinge gekauft. Außerdem Käfer und Grillen. 

Michaela Boland:

Was für Käfer?

Volker Brandt:

Tolle Käfer aus Guatemala und aus Thailand. Da sind welche dabei, die haben riesige Hörner, so Fühler, die bis nach unten reichen Da gibt es eine Farm in Frankreich, wo sie gezüchtet werden. In einem Kölner Gartengeschäft, da hatten die jetzt diese wunderbaren Schmetterlinge ausgestellt. Die sind in so Glaskästchen drin, stinkteuer, aber so schön.

Und davon habe ich 15. Also mindestens fünf Käfer, verschiedenster Art. Gestern habe ich grade noch einen gekauft. Also, die haben Farben, unglaublich. Einer heißt „Longi Mani“, der hat riesige Hände.

Ein anderer ist wie so ein Mistkäfer, der schillert grünlich, das ganze Ding schillert, also so was Schönes. Manche haben türkise Streifen. Und vom Bauch her sehen sie wieder ganz anders aus. Die habe ich alle in Köln, schicke aber jetzt alles nach München, genau wie meinen kompletten Küchenhaushalt. Ich habe schon gepackt.

Michaela Boland:

Was kochen Sie eigentlich so?

Volker Brandt:

Heute gibt es zum Beispiel Lachs mit schwarzen Nudeln. Und dann habe ich noch so eine angebrochene Tomatensauce, das tue ich da rein und dann ist es fertig. Das geht innerhalb von zehn Minuten. Am 13. 11. bin ich eingeladen bei „Lichter Lafer Lecker“.

Erst mal mache ich hier den Bernd Stelter, dann geht es nach München, dann fahre ich nach Hamburg zu Lichter Lafer Lecker und dann fahre ich mit Susanne zur Lesung. Lesungen, das ist auch eine Sache von uns beiden.

Wir haben alles dabei, Klassiker, auch bunt, Morgenstern, Ringelnatz und auch ganz moderne, z.B. Dieter Hüsch über Weihnachten. Also, es ist ein ganzes Weihnachtsprogramm. Es geht mit der Bibel los und soll zwei mal 45 Minuten dauern, oben in Hasenfeld bei Buxtehude. 

Michaela Boland:

Sie haben Ihre Termine alle ganz gut parat. Benötigen Sie überhaut ein Management?

Volker Brandt:

Nein, nein, das weiß ich einfach.

Michaela Boland:

Sie befinden sich seit Jahrzehnten immer wieder regelmäßig auf Tournee. Welche regionalen Unterschiede kann man beim Publikum ausmachen? 

Volker Brandt:

Es gibt ja 5000 Tourneeorte . Wenn Sie in die Schweiz kommen, da ist ein sehr gutes Publikum. Sie können in Basel spielen oder Sie spielen in Frauenfeld, das ist alles sehr aufregend. Außerdem, in Österreich zu spielen, da kommen Sie ins klassische Urland des Theaters.

Da gibt es kleine Theater aus der Barockzeit, kleine süße Schatztheater, die noch vom Fürsten gebaut sind und wo man jetzt spielt und das ist ein großer Vorteil in Österreich.

Die Österreicher sind sehr musisch und theaterfreudig. Das habe ich insbesondere in der Josefstadt, in Wien. Wie versessen die Wiener auf ihr Theater sind, das ist ein Heiligtum, auch das Burgtheater. Das Publikum ist zwar auch kritisch, aber Sie müssen unterhalten.

Meine Freundin ist ja auch Österreicherin, die kommt aus Salzburg. Ich freue mich aber auch immer, in Norddeutschland zu sein. Was glauben Sie, wie schön das ist, wenn ich nach Heide in Holstein komme oder nach Buxtehude bis hoch an die Grenze. Auch auf Sylt können Sie spielen.

Im Sommer, da ist dann Bädertheater. Da kommen Leute, die am Strand liegen, dann abends hin. Das Publikum ist da total anders. Also um München herum: tote Hose. Um Köln herum: tote Hose.

In Köln sehr gut. In Stuttgart: bürgerlich. Um Stuttgart herum: ganz gut. Alles, was oberhalb des Mains liegt: sehr gut. Je höher der Norden, desto besser die Leute. Da oben im Norden zu spielen, ist ein Genuss. 

Michaela Boland:

Inwieweit?

Volker Brandt:

Wenn Sie das um München herum spielen, dann merken Sie, das ist nicht so ihr Bier.

Michaela Boland:

Heißt es klischeehaft nicht häufig, dass die Mentalität der Norddeutschen im Vergleich zur restlichen Bevölkerung eher unterkühlt wirke?

Volker Brandt:

Nicht, was das Theater betrifft und nicht, was die Intelligenz betrifft. Die sind einfach gescheiter. Die denken anders. Die denken einmal um die Ecke. Wenn Sie mit einem schönen englischen Comedy-Stück kommen, das verstehen nur die da oben. In München ist das verloren.

Michaela Boland:

Sie haben in einem Interview bemerkt, dass die Menschen heutzutage allzu lässig gekleidet ins Theater kommen. 

Volker Brandt.

Das ist ja eine Tatsache. Die sitzen ja heute mit Jeans und Sporthemd und Turnschuhen da.

Michaela Boland:

Muss man heutzutage eigentlich schon dankbar sein, wenn überhaupt noch Leute kommen?

Volker Brandt:

Ja, das ist richtig. Ich habe Aufführungen gesehen von Ingolf Lück in Berlin, da bin ich vorbei gegangen, weil ich mit dem Theater auch verbunden bin. Da habe ich gesagt, „habt Ihr eine ne Karte für mich heute Abend, ich will mal gucken“. Da haben Sie gesagt: „ Herr Brandt, wollen Sie Liegesitze oder mit 20.000 Leuten kommen?“ Da waren hundert Leute im Achthundert Leute-Haus.

Michaela Boland:

Was ist da los gewesen?

Volker Brandt:

Ingolf Lück zieht nicht, das Stück zieht nicht. Aber wenn dieses Stück, was im Keller spielt, „Männerhort“ gespielt wird, und da kommen die Komiker aus dem Fernsehen, dann ist es voll. Aber nun ist der Ingolf Lück auch kein schlechter Schauspieler.

Hat 39 Stufen gespielt, einfach leer. Sie kämpfen nicht in Hamburg, da ist es gut verkauft. In Berlin ist es ganz schwer, weil auch so viel los ist. In Stuttgart gibt es eine gute gesetzte Abonnement-Gruppe, die kommen immer. Hier in Köln kommen sie auch immer.

Früher hatten Sie hier 50.000 Abonnenten, ja. Das ist jetzt nur noch die Hälfte. Deswegen sind da jetzt links und rechts immer so Streifen frei, weil die will dann keiner haben. Früher war alles voll.

Michaela Boland:

Muss man irgendwann objektiv auch Angst davor haben, dass einem das Publikum ausstirbt? Betrachtet man beispielsweise das Besucher- Durchschnittsalter der gestrigen Vorstellung des Stücks „Achterbahn“ verwundert es, dass es bei mindestens 65 Jahren lag.

Volker Brandt:

Das ist bei den ganzen Boulevardtheatern leider der Fall, dass es die älteren Damen mehr interessiert als die jungen Leute. Die jungen Leute kaufen gerne mal flott direkt am Tagesticket-Schalter. Aber eigentlich gehen die jungen Leute mehr ins Musical.

Das gab es ja früher auch nicht. Im Boulevardtheater, da haben sie ja die Schauspieler gesehen, die konnten alle singen und tanzen. Das nehmen uns heute die großen Dome-Ereignisse, z.B. hier, Herr Ochsenknecht mit dem „Hairspray“. Wie das auch sein mag, aber da gehen die lieber hin als in die Theater, wo die vielen älteren Leute sind.

Es ist ja bei Konzerten nicht viel anders. Also, wenn ich in der Berliner Philharmonie bin, erstens mal ist es da mit der Kleidung auch nicht so, die Berliner interessiert das gar nicht, und die Altersgruppe ist auch eher höher angesiedelt. Auch in München, im Resi-Theater oder in den Kammerspielen.

Ja, oder wenn Sie dann die Schaubühne sehen, och Gott, in Berlin die Schaubühne. Da sind die 40-Jährigen und 50-Jährigen, die Intellektuellen sozusagen. Die haben ihre Schaubühne. Gehen Sie in den Boulevard, sind lauter weiss gekrögelte Omas da.

Ins Theater des Westens geht auch der Bankbeamte mit seiner Freundin hin. Da ist dann irgendein Musical. In München ist das ja auch. Im Resi. Ich möchte nicht im Resi spielen. Da sind lauter eingebildete Rotweintrinker. Die lesen auch die Süddeutsche, sind alle sehr hochnäsig.

Und wenn da ein richtig wildes Stück ist, wie das, was ich da gesehen habe, und die lachen alle nicht, das war ganz öde. Das war so ein anarchistisches Stück und das haben die überhaupt nicht geschnallt. Da ist es schwer, Theater zu machen und gerade für die Schauspieler auch nicht sehr dankbar.

Michaela Boland:

Machen Sie lieber Boulevard oder klassisches Theater?

Volker Brandt:

Das kann ich mir nicht aussuchen, weil ich ja nicht fest engagiert sein will. Ich habe 20 Jahre Staatstheater gemacht und bin an allen großen Staatstheatern gewesen. Das ist gut. Jetzt bin ich freischaffend, das heißt, auch so etwas spielen. Ich spiele auf Tournee auch Klassiker.

Es ist ja nicht so, dass ich nur in Dörfern spiele, es sind ja viele Theater in Großstädten dabei. Wenn Sie „Der zerbrochene Krug“ spielen, von Kleist, dann haben Sie aber wirklich auch das anspruchsvolle Gefühl.

Selbst, wenn Sie es jeden Tag spielen müssen und nicht so wie am Staatstheater, zweimal in der Woche oder einmal oder alle 14 Tage. Es ist Kleist und wir spielen das auch wörtlich, nicht so wie Herr Gosch in Hamburg, wo die Hälfte des Textes von Herrn Gosch oder von den Schauspielern war ,oder so. Es war einfach ganz schrecklich. Da waren 300 Leute im Schauspielhaus. Da passen über tausend Leute hinein.

Michaela Boland:

Stehen Sie neueren Interpretationen kritisch gegenüber?

Volker Brandt:

Nein, nein. Es muss stimmen. Ich habe schon Aufführungen gesehen, das ging los mit Peter Brook, der „Ein Sommernachtstraum“ gemacht hat. Das ist jetzt auch schon dreißig Jahre her. Das war so modern und so gut, da war nichts von zopfigem Max-Reinhardt-Theater.

Also Elfen-Rumhüpfen oder so was. Ich habe bei Gründgens gespielt „Der Sturm“. Er hat den Prospero gespielt, ich habe den Ariel gespielt. Wir waren ganz modern, also wirklich, moderner geht`s nimmer.

Aber wenn Sie den „Sturm“ natürlich jetzt umwandeln, dass den Prospero eine Frau spielt, Hildegard Schmahl, wenn Sie das Ganze in einer Bar spielen lassen und wenn das Ganze mit Ausziehen versehen ist und sich hier dann auch schon wieder welche wälzen, in einem Baustück, wo Schlamm ist und Wasser, mag das ja aufgehen.

Die Kritiken waren sensationell. Ich habe Fotos gesehen, weil ich da abends immer entlang gehe und es sieht alles ganz sensationell aus, auch sehr gut fotografiert. Ich würde da schon rein gehen, kann aber leider nicht, weil ich selbst Vorstellung habe.

Michaela Boland:

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Volker Brandt:

Ich? Also, wenn ich meine Schmetterlinge angucke und Käfer, dann kann ich Ihnen nur eins sagen: Wer diese Tiere geschöpft und geschaffen hat, der muss ein genialer Hund sein (lacht). Weil so schön kann das selbst ein Modeschöpfer nicht erfinden.

Michaela Boland:

Lieber Herr Brandt, herzlichen Dank für dieses interessante Gespräch. Für die Zukunft noch viele wunderbare Theaterstücke, schöne Filme und vor allem jede Menge weitere Michael Douglas-Synchronarbeiten.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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22.10.2010 Eine aparte junge Frau, die sich nicht in den Mittelpunkt drängt

GFDK - Warner Music Group - mit 7 Bildern

Sie spielt Geige wie andere Leute Gitarre. Quer vor dem Bauch, ohne den Bogen. Dass das ungewöhnlich ist, fällt ihr vermutlich gar nicht auf, es passt zu ihr. Graziella Schazad ist ein wandelnder Widerspruch.

Eine klassisch ausgebildete Musikerin, die ihre von klein auf studierten Instrumente Klavier, Violine und Gitarre ganz in den Dienst ihrer Stimme stellt und ihre Songs gelegentlich vokalakrobatisch mit Beat-Box unterlegt.

Eine Singer-Songwriterin, die Beastie Boys oder Jungle Brothers zu ihren Lieblingen zählt und die man, ganz gegen die Genre-Gewohnheiten, nie eineinhalb Stunden am Stück mit akustischer Gitarre auf der Bühne sehen wird. Vermutlich würde ihr dann auch langweilig. Es steckt zu vieles in ihr, an Talenten, aber auch an Geschichten.
 
„Ich habe den Drang, auf der Bühne zu stehen. Ich mache das, seit ich denken kann, und ich will das unbedingt. Ich gehöre da hin.” Wenn Graziella Schazad das sagt, klingt es nicht anmaßend, eher fast ein wenig leise, ohne dabei jedoch an Überzeugungskraft zu verlieren.

Sie ist einer dieser Menschen, denen man sofort sein Herz öffnen möchte: gewinnend freundlich, mit wachen Augen und offenen Ohren für sein Gegenüber.

Eine aparte junge Frau, die sich nicht in den Mittelpunkt drängt und scheinbar trotzdem weiß, was sie will und kann. Zumindest auf den ersten Blick. Doch bei Graziella Schazad steckt immer mehr dahinter, als das Auge sieht. Etwa, wenn sie entwaffnend direkt sagt:

„Ich halte mich und meine Sicht der Dinge für ziemlich naiv”, und laut darüber lacht – um dann sehr überlegt nachzuschieben:

„Ich weiß nicht, woher dieser starke Wunsch kommt, im Mittelpunkt zu stehen und mit meiner Musik Erfolg zu haben – aber ich will es auch nicht wissen. Ich bin mir ziemlich sicher: Würde ich den Grund entdecken, würde ich die Musik sofort hinschmeißen.”
 
Das wäre ein Verlust. Die 26-Jährige hat die seltene Gabe, Ohrwürmer zu schreiben, die sich beim ersten Hören sanft in den Gehörgang schleichen und dort für lange Zeit verweilen – ohne je auch nur eine Sekunde zu nerven. Eine erste Kostprobe von Graziellas Können war ihr Song „Look at me”, 2009 ein veritabler Sommerhit in Deutschland, Polen und der Schweiz.

Irgendwie mädchenhaft, federleicht, bezaubernd – und irgendwie auch gerade nicht: Graziellas Stimme ist nicht einfach schön, sie ist eigen. Sie hat nicht die Fülle einer Soul-Diva, nicht die Energie einer Rockröhre, sie ist nicht so fröhlich und süß wie die anderer Singer-Songwriterinnen; die Stimme transportiert vor allem sehr subtil die Doppelbödigkeit und manchmal fast ausweglose Melancholie von Graziellas Texten.

Denn in ihren tiefen, dunklen Augen liegen nicht nur Kraft und Bestimmtheit. Sondern auch das jeweilige Gegenteil. Wenn Graziella Schazad von ihrer Vergangenheit spricht, dann kann sie auf einmal ganz weit weg sein vom Hier und Jetzt. Und ihre zarte Gestalt erscheint dann nicht mehr nur eigenwillig elegant, sondern ganz sicher auch zerbrechlich.
 

I’m the day without the light

 

I’m a lighthouse in the night

 
Das Spiel der Gegensätze in Graziellas Leben beginnt schon mit ihrer Geburt: Ihr Vater ist Afghane, die Mutter Polin, ihr Vorname italienisch, der Geburtsort Berlin. Die weiteren Angehörigen sind über den halben Globus verstreut. Schwierige Familienverhältnisse für ein Kind, die ständigen Konflikte zu Hause sind Graziella noch immer sehr präsent.

Aber oft ist sie auch selbst nicht zu Hause, in ihrer unsteten Kindheit ist Graziella viel unterwegs. New York, wo ein Teil ihrer Familie lebt, wird zu einer zweiten Heimat und Englisch zur zweiten Muttersprache. Sie kommt überall durch, doch diese Zeit hat Narben hinterlassen, ein tiefes Gefühl von Unsicherheit und Heimatlosigkeit.


Eine der wenigen Konstanten wird schnell die Musik, an die Graziella eher zufällig gerät. Schon im Alter von drei Jahren ist ihr sehnlichster Wunsch ein Klavier, nur ist das leider weder mit dem Geldbeutel noch mit den Nachbarn zu vereinbaren.

Doch als Graziellas Mutter gerade für ihr Patenkind eine Spielzeuggitarre kaufen will, stößt sie auf den Aushang „Gitarre lernen ab drei” – und steckt ihre Tochter kurzerhand in den Gitarrenunterricht. Wie der Zufall so spielt, ist die Frau des Gitarrenlehrers ihrerseits Geigenlehrerin, und so kommt mit vier Jahren die Violine hinzu.

Im Alter von neun gibt es endlich das lang ersehnte Klavier, und es folgen weitere Instrumente. Erst vor Kurzem eignete sich Graziella die Ukulele an, Djembe spielt sie ohnehin, Saxophon nur deshalb nicht mehr, weil sie sich durch zu hartnäckiges Üben eine chronische Entzündung der Sehnenscheiden zuzog.
 
Graziellas Talent wird früh erkannt und auf dem ehrwürdigen Berliner Bach-Gymnasium gefördert, einem Musikgymnasium mit ausgewachsener Aufnahmeprüfung, dessen Schüler parallel an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler studieren.

Von nun an sind die Instrumente keine Spielerei mehr, sondern bedeuten vor allem eines: Druck. Dabei ist die Musik eigentlich Graziellas Weg, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, sich Träumen hinzugeben. „Meine Vision mit 13 war es, irgendwann einmal die Berliner Waldbühne zu füllen.”

Und so stiehlt sie sich gemeinsam mit ihrer besten Freundin an konzertfreien Tagen immer wieder über Zäune und Mauern, um auf der großen Bühne Konzerte zu geben – und davon zu träumen, das menschenleere Rund sei voll jubelnder Menschen. Bis sie einmal erwischt werden. Dann beginnen die beiden, ihren Traum zu verwirklichen, bilden ein Duo und spielen, wo immer es sich anbietet. Am liebsten eigene Songs.


„Als ich das erste Mal einen Song geschrieben habe, hat es ,klick’ gemacht, das war für mich Erfüllung”, sagt Graziella rückblickend. „Heute weiß ich: Ich bin nicht zur klassischen Interpretin geboren. Es ist schon okay, mich über ein Instrument auszudrücken, aber wenn es ein anderer Komponist ist, der seine eigene Geschichte erzählen will, dann fühle ich mich oft fehl am Platz.

Nur wenn ich mich selbst ausdrücken kann, bin ich in der Musik zu Hause.”
Die logische Konsequenz ist, das auf instrumentale Fertigkeiten konzentrierte Gymnasium zu schmeißen – und das tut sie. Mit 17, kurz vor dem Abi, nach harten Kämpfen mit ihren Eltern.
 
Doch auch das Leben als freischaffende Musikerin ist alles andere als ein Spaziergang. Nach drei wechselvollen Jahren steht Graziella kurz davor, aufzugeben. Doch die Resignation währt nur kurz, ohne Musik geht es einfach nicht.

Also wagt sie den Neuanfang in einer anderen Stadt, in Hamburg. Doch dieser kostet Geld: Um ihren Traum finanzieren zu können, kellnert sie, jobbt in der Marktforschung und macht schließlich sogar eine Ausbildung zur Stewardess. Nach 26 Flügen ist erst einmal genug Geld beisammen für die Freiheit, nur noch Musik zu machen.

Allein 2008 spielt Graziella über 70 Konzerte, die sie alle selbst organisiert. Darunter Jobs für den Lebensunterhalt genauso wie credible Gigs auf Song-Slams, Festivals oder in Clubs. Einen besonderen Stellenwert haben die Auftritte in Kinderheimen, Hospizen oder auch im Hochsicherheitstrakt von „Santa Fu”, der JVA Hamburg-Fuhlsbüttel.

„Bei Konzerten dreht sich oft vieles um Gagen und Bekanntheit, darum, dass einen möglichst viele Leute sehen und man im nächsten Monat seine Miete zahlen kann. Das ist auch in Ordnung, aber für mich bedeutet live spielen vor allem, Menschen zu berühren und selbst berührt zu werden.

Am liebsten würde ich nur in Kinder- oder Asylantenheimen spielen. Ich weiß, dass ich die Welt nicht ändern kann, aber Musik kann zumindest Hoffnung geben, zum Träumen anregen. Und ohne Hoffnung, ohne Träume ist man tot.”
 
Graziellas Umtriebigkeit weckt das Interesse der Hamburger Szene, und das trägt Früchte: Als ihre heutige Plattenfirma lose bei ihr wegen eines Demo anfragt,  packt sie entschlossen ihre Instrumente und macht sich mit Bus und Bahn auf den Weg – eine unpersönliche Studioaufnahme ist ihr zu unsicher, sie präsentiert sich lieber live.

Während ihres Spontankonzerts in der Lounge des Musikkonzerns öffnen sich schnell alle Bürotüren der verwunderten Mitarbeiter. Wenig später hat Graziella den Plattenvertrag in der Tasche, ihre Single „Look at me” wird der erste Testballon. Und nach über einem Jahr intensiver Arbeit liegt nun auch das Debütalbum vor.
 
Looking just at me is looking right through me ...
 
Die Songs auf „Feel who I am” haben internationales Format, und zumindest das ist ausnahmsweise mal kein Widerspruch, sowohl mit Blick auf Graziellas Herkunft als auch auf die am Album beteiligten Co-Autoren:

Einige Titel komponierte Graziella in Zusammenarbeit mit Songwritern wie Chris Braide, der unter anderem für James Morrison schreibt, dem eng mit Paolo Nutini verbandelten Duo Matty Benbrook und Jim Duguid oder der britischen Musiklegende Russ Ballard.


„Jeder von ihnen hatte unterschiedliche Wege und Kniffe, meine Musik zu bereichern”, so Graziella. „Gemein haben sie alle ein unglaubliches Wissen über Songs – und die Tatsache, dass sie völlig anders arbeiten als ich: Ich kann schreiben, nicht planen.

Ein Song kündigt sich an wie eine Grippe, und irgendwann ist er da. Diesen Moment muss ich abpassen, bevor er vorbeizieht. Das fühlt sich an wie das Ruckeln eines Flugzeugs auf der Startbahn – ich muss es einfach starten lassen und kann nichts forcieren.”
 
Entstanden sind auf diese Weise ausnahmslos Ohrwürmer, mal ruhig, mal lebhaft, oft mit hörbarem Folk-Einschlag, manchmal mit souligen Anklängen. Gemeinsam mit ihren Produzenten Henrik Menzel und Tommy Peters hat Graziella daraus kleine Pop-Perlen geformt.

Ihre Violine, ob gezupft oder gestrichen, zieht sich als Markenzeichen durch alle Titel. Entspannte Drums, Sitar- und Akkordeon-Klänge, Glockenspiel und Bläser ergänzen Graziellas instrumentale Vielfalt punktuell. Doch die gesamte Produktion unterstreicht vor allem sehr gefühlvoll die Melodiebögen und Texte, in denen Graziella ihr Innerstes nach außen kehrt. Bildreich, platitüdenfrei und umwerfend treffend formuliert.

„Vielleicht ein Song von 40 handelt nicht von meinem Innenleben”, so Graziella, „es ist einfach das Thema, das raus will. Nur in Momenten, in denen ich Sicherheit in mir finde, kann ich auch mehr auf die Welt außerhalb schauen.”
Inner Peace“ e“  twa, ein unruhiger, treibender Song, ist in jeder Zeile ein Ausdruck innerer Zerrissenheit.

Und die Klavierballade Leave me alone scheint nur wie ein gesungener Schlussstrich unter einer Beziehung, tatsächlich ist sie das Zwiegespräch mit einer inneren Stimme, einem nagenden Gedanken, der Graziella immer wieder übermannt.


Viele Songs sind eine Affirmation, eine Aufforderung Graziellas an sich selbst, eine Leuchtkugel, der sie folgen möchte. So wie Breathe and reboot, adressiert an sich selbst, an das Kind in ihr: „Ich bewundere Leute, die es schaffen, einfach glücklich ihr Leben zu leben.

Ich kann das nicht, ich habe immer einen Fluchttrieb. Doch ich kann mich auch nicht ewig verstecken. Ich muss mir in manchen Situationen gut zureden. Und wenn nichts mehr geht: durchatmen. Neu starten.”


Doch Graziella kann durchaus auch gute Laune haben und positiv nach vorn schauen, das hört man Stücken wie Everybody an, einer schwungvollen, fast Bluegrass-artigen Nummer mit hymnenhaftem Refrain. Oder aber Take on me, der ersten Single ihres fertigen Albums – einem für Graziella ungewöhnlichen Stück, denn Coverversionen finden sich nur selten in ihrem Programm.

„Der Stil des Originalsongs ist nicht meine Welt, und vermutlich gibt es 100 weitere Bearbeitungen, die nicht zu mir passen würden. Aber eine Version, die ich zufällig gehört habe, die hat mich berührt. Genau wie die Aussage des Songs, diese Doppeldeutigkeit aus ,nimm es mit mir auf’ und ,gib mich nicht auf’.”

Dass die spontane Idee, dieses Stück einzuspielen, so gut funktioniert und ihr schließlich sogar eine hitverdächtige Single beschert, ist auch für Graziella eine Überraschung. Doch es passt einfach. Der Song klingt nicht mehr nach einem Cover, er ist wie ein Abbild von Graziella selbst:

federleicht und trotzdem tiefgründig, ernsthaft und verschmitzt, relaxed und voller Spannung. Rastlos, aber auch zu Hause. Nichts dazwischen, sondern alles zugleich, und immer zu 100 Prozent. Für den Verstand mag das verrückt erscheinen. Aber es klingt nicht so.
 
... Close your eyes and feel who I am

 

Erschien am 15.10.2010 bei Warner www.warnermusic.de 

Warner Music Group Germany Holding GmbH
Alter Wandrahm 14
20457 Hamburg

e-mail:  anfrage@remove-this.warnermusic.com
Telefon:  0049-40-30339-0
Fax 0049-40-30339-0

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15.09.2010 Seit 2008 leitet er die Geschicke des Unternehmens

GFDK - Michaela Boland

Nach zehnjähriger Residenz im prestigeträchtigen Kölner MediaPark ist das Musiktraditionsunternehmen EMI Music Germany jetzt umgezogen. Mit der neuen Adresse an der Vogelsangerstraße im Kölner Bezirk Ehrenfeld begibt sich die 1925 gegründete (Entstehungsjahr der EMI-Tochter Electrola) Plattenfirma jetzt wieder ganz in die Nähe ihrer Ursprünge am Maarweg.

Seit 2008 leitet er die Geschicke des Unternehmens: Wolfgang Hanebrink. Wer der Mann, der das Major Label in eine glorreiche Zukunft führen will ist, und wie das neue „Heim“ der Mitarbeiter aussieht, wollte Michaela Boland gerne herausfinden und traf sich mit dem sympathischen Manager im nagelneuen Firmendomizil.

Ein Musik-Riese ist offenkundig nicht nur sein Arbeitgeber. Mit stolzen 2,03 m Körpergröße zählt er selbst wohl auch nicht gerade zu den kleinsten Zeitgenossen. In Geseke geboren, zeigt sich der Label-Geschäftsführer als ausgesprochen aufmerksamer und charmanter Gastgeber.

Daher lässt er es sich später auch nicht nehmen, höchstpersönlich durch die freundlichen Räumlichkeiten zu führen, welche die Kölner EMI-Belegschaft nunmehr ihr neues Zuhause nennt. Sichtlich stolz ist der deutsche EMI-Boss, auf den jungen Firmensitz.

Highlight der alten Wagenfabrik: Der Markt-Platz als Kommunikationsmittelpunkt der Mitarbeiter und integrierter Permanentbühne für kleine Live Konzerte der EMI-Schäfchen.  

Michaela Boland:

Sie sind seit 2005 im Unternehmen und haben als Vice President Commercial begonnen und innerhalb der letzten fünf Jahre eine recht beachtliche Karriere zu verzeichnen. War der Chefsessel schon immer Ihr heimliches Ziel?

Wolfgang Hanebrink:

Eigentlich war es witzigerweise so, dass ich bei meinem vorherigen Arbeitgeber diesen Job angepeilt hatte. (Anm. d. Red.: Epson) Dann ergab sich jedoch die Möglichkeit, nach ziemlich genau zwanzig Jahren, die ich in der IT-Branche gearbeitet hatte, mal in einen neuen Markt zu gehen.

Da hatte ich dann überhaupt nicht die Ambitionen, Geschäftsführer zu werden. Ganz im Gegenteil, ich wollte eigentlich meinen vertrieblichen Erfahrungsschatz erweitern. Ich kannte zwar schon die Partner, mit denen hatte ich zuvor bei Epson auch zu tun. Das Geschäft ist natürlich jetzt auch ein ganz anderes.

Michaela Boland:

Was hat Sie als augenscheinlichen Vollblutvertriebler an der Plattenindustrie gereizt?

Wolfgang Hanebrink:

Dass man keinen Einfluss auf die Endkundenpreise hat, das Retouren-Thema, also, dass man Ware auch wieder zurücknimmt, die nicht verkauft worden ist. Und natürlich auch eine ganz andere Planbarkeit oder Nicht-Planbarkeit von Releases (Anm. d. Redaktion: Veröffentlichungen).

Wann sie kommen, wie sie kommen, ob sie kommen und ob sie durchschlagend sind. Wie die Verkaufszahlen sich entwickeln, Chartpositionen und so weiter. All das waren Sachen, die ich nicht kannte. Das war eigentlich damals der entscheidende Grund, warum ich in diese Branche wollte. Natürlich auch, weil es ein schwieriges Marktumfeld war oder ist.

Denn der Markt ist physisch rückläufig und im Wandel. Gerade im Hinblick auf die Digitalität und verschiedene Vertriebsmodelle. All das fand ich eben sehr spannend. Ich war damals gerade 42 und dachte, „das kann noch nicht alles gewesen sein“. 

Michaela Boland:

Was treibt Sie an?  

Wolfgang Hanebrink:

Ich möchte mich immer noch gerne an Aufgaben messen und immer noch etwas dazulernen. Das motiviert mich. Das habe ich hier zur Genüge gefunden.

Michaela Boland:

Wie waren Ihre Anfänge hier bei der EMI?

Wolfgang Hanebrink:

Ich habe ja als Vice President Commercial begonnen. Das heißt, der Ursprungsgedanke der EMI war, jemanden zu holen, der nicht aus der Musikbranche kam, um den Vertrieb neu zu organisieren und auch den einen oder anderen neuen Vertriebsweg einzuschlagen.

Für mich sprach, dass ich die Kanäle kannte, also jene Partner, die auch in der Musikbranche eine Rolle spielen. Man hatte sich erhofft, dass ich durch meine Erfahrungen im Bereich Fast Moving Consumer Goods, die ich bei Epson sammeln konnte, neue Ideen und Inspirationen einbringe.

Ich habe auch in den Jahren, in denen ich hier bin, innerhalb des Vertriebs wirklich andere Schwerpunkte gesetzt. Das bringt aber auch die Marktentwicklung mit sich.

Man muss einfach auch rechts und links des Wegesrandes gucken, was sich für Möglichkeiten auftun, wo sich Musik vermarkten lässt und wo man das beste Servicepaket auch für den Künstler anbieten kann. Das macht man ständig und das ist auch die Herausforderung, denn der Markt ist so im Wandel, dass man sich ständig anpassen muss, sonst greift die Evolution.

Michaela Boland:

Wie hat sich dann Ihr Aufstieg hier dargestellt?

Wolfgang Hanebrink

Ich habe als Vice Presindent Commercial angefangen, dann war ich COO (Anm. d.Red: Chief Operating Officer – Manager, der das operative Geschäft leitet bzw. betreut, also Führung, Steuerung und Organisation der gesamten Betriebsprozesse außer der strategischen Planung.)

Und jetzt bin ich halt CEO (Anm. d. Red: Chief Executive Officer – Geschäftsführer) oder Chairman oder Geschäftsführer, was immer sie sagen wollen.

Michaela Boland:

Wenn man innerhalb einer Firma gleich mehrere unterschiedliche verantwortungsvolle Posten bekleidet hat, mutet es fast so an, als würde man einfach alles können. Inwieweit haben sich die Jobs inhaltlich voneinander unterschieden?

Wolfgang Hanebrink:

Ich war ja zunächst mal ein völliges Greenhorn, ein Newcomer. Ich hatte keine Ahnung von der Branche außer der CD-Sammlung, die ich schon hatte, bevor ich zur EMI gekommen bin.

Michaela Boland:

Welche Künstler haben Sie damals bevorzugt gehört? 

Wolfgang Hanebrink:

Interessanterweise musste ich dann feststellen, dass ich sehr viele EMI-Künstler zu Hause hatte. Ich bin zum Beispiel schon immer ein Fan von Herbert Grönemeyer gewesen. Und es war natürlich für mich eine große Ehre, dass ich ihn jetzt persönlich kennenlernen durfte und auch regelmäßig mit ihm zu tun habe.

Aber ich hatte auch alle Queen-Scheiben und alle Beatles-Scheiben. Ich war schon so ein Mainstream-Hörer. Auch war und bin ich immer noch sehr stark beeinflussbar durch Sachen, die im Radio gespielt werden. Jetzt komme ich natürlich mit viel mehr Musik in Kontakt und habe mein Genre erweitert.

Das heißt, was früher nicht so sehr zu meinen Favoriten gehörte, waren Klassik und Jazz oder Schlagermusik. Aber durch die Nähe zur Musik habe ich da mein Spektrum jetzt extrem erweitert. Und das finde ich alles spannend. 

Michaela Boland:

Manchmal entdeckt man ja gerade die Liebe zu Klassik oder Jazz, wenn man ein wenig reifer wird.

Wolfgang Hanebrink

Genau, man hat aber auch mehr Insides. Also, wenn ich mit einer Gabriela Montero spreche, ist das natürlich etwas anderes. Dann versteht man, was die Künstlerin ausdrücken will, dann hört man das einfach. Das ist eine Erfahrung, die ich nach den ersten sechs oder sieben Monaten als ich hier angefangen hatte, gemacht habe: Man fängt an, Musik anders zu hören.

Man hört sie bewusster. Selbst, wenn man in ein Kaufhaus kommt und dort eine Musikbeschallung stattfindet, hört man bewusster hin. Auch im Flugzeug achtet man darauf, was gespielt wird.

Das ist dann auch so ein Stressmomentum, weil man es nicht mehr nur noch einfach so an sich vorüber gehen lässt, sondern entwickelt dabei bestimmte Gedanken. Man fragt sich zum Beispiel, warum ist das so und so, warum ist das nicht ein Künstler oder eine Künstlerin von uns?

Da musste ich erst mal mit umgehen lernen. Aber das hat viel dazu beigetragen, dass ich musikalisch, auch sehr stark vom eignen Interesse getrieben, meinen Horizont erweitert habe.

Und um auf ihre Eingangsfrage zurückzukommen, ich würde es eigentlich eher als Glück bezeichnen, dass ich hier bei der EMI erst mal mit einem Ressort beauftragt worden bin, in dem ich mich auskannte. Ich habe ja jahrelang Vertrieb gemacht und trotz der ganzen Neuheiten, die diese neue Branche mit sich brachte, hatte ich doch meine Konstanten, die halt immer funktionieren.

Es gibt da bestimmte Vertriebsregeln, die gelten in jeder Branche. Ich hatte auch Glück, dass wir gerade eine gute Phase mit guten Releases hatten, so dass man da relativ schnell reingekommen ist. Ich bin sowieso jemand, der immer an realen Projekten das Neue erlernen kann.

Michaela Boland:

Genießen Sie den Job des CEO auch?

Wolfgang Hanebrink:

Jetzt habe ich viel mehr direkten Kontakt zu den Künstlern und zu den Managern, was noch mal eine neue und sehr wichtige Facette ist und sehr viel Erfahrungswerte mitbringt. Das genieße ich sehr, weil ich mit sehr vielen interessanten Menschen zusammen komme. Hier hat man Problemstellungen oder Herausforderungen, die man nur gemeinsam lösen kann. Das finde ich gut. 

Michaela Boland:

Wie kann ich mir einen typischen Arbeitstag im Leben von Wolfgang Hanebrink vorstellen?

Wolfgang Hanbrink:

Ich bin nur noch in wenigen Bereichen im operativen Geschäft. Dafür gibt es wirklich auch erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die das machen. Aber natürlich, wenn Künstler für Promotion oder Besprechungen von Releases im Haus sind, nutze ich natürlich die Chance, die auch zu treffen, um mich mit ihnen zu unterhalten und überhaupt noch einmal ein Stimmungsbild zu bekommen mit dem entsprechenden Management dazu.

Gestern hatten wir zum Beispiel ein ziemlich langes Meeting mit einem Künstler, wo wir das neue Album besprochen haben. Der war zum ersten Mal im neuen Gebäude. Da war ich natürlich auch bei dem Meeting dabei.

Da interessierte mich auch, was meine Kolleginnen und Kollegen da vorbereitet hatten. Und wir haben dann Sachen diskutiert. Also ich möchte schon den Kontakt zum operativen Geschäft halten. Grundsätzlich ist der Job eines Geschäftsführers hier dem sehr ähnlich von anderen Unternehmungen.

Man muss sich eben um die einzelnen Bereichen wie Finanzen, Rechtsabteilung, Vertrieb, Marketing kümmern. Man unterhält sich mit den entsprechenden Mitgliedern des Managementteams, schaut sich die Kennzahlen an, wie sind die Entwicklungen, was muss gegengesteuert werden.

Was kann man daraus ziehen, was haben wir da gut gemacht, was haben wir da nicht so gut gemacht, wie können wir das verbessern. Der Vorteil ist, dass all dies sehr abwechslungsreich ist. Das Produkt ist natürlich hoch emotional. Wir haben sehr viel Feedback von dem Endverbraucher.

Wir führen auch sehr viele Befragungen von Fans und Konsumenten durch, das heißt, wir bekommen auch sehr viele Informationen zurück vom Markt. Ich habe aufgrund meiner langjährigen Vertriebstätigkeiten auch noch einen sehr guten Kontakt zum Handel.

So habe ich da auch immer ein Feedback, was draußen passiert. Also es ist schon so ein Allrounder-Job, ein Generalisten-Job. Ich verstehe mich da so ein bisschen als Motivator und Mediator zwischen den einzelnen Bereichen, damit das alles gut zusammen funktioniert. Denn heutzutage kommt es darauf an, dass alle Unternehmensbereiche auf dem Punkt am Start sind. 

Michaela Boland:

Wie kommt der Künstler an Sie, beziehungsweise Sie an den Künstler?

Wolfgang Hanebrink:

Das Procedere ist so, dass wir eine Abteilung haben, die sich A & R nennt, also Artist and Repertoire. Das sind Kolleginnen und Kollegen, die Umschau halten nach potentiellen neuen Künstlern, dann sondieren, ob dieser Künstler, diese Künstlerin oder diese Band in unser bestehendes Künstlerportfolio passt, also in unser Artist Roster, so wie wir es nennen.

Und ob wir auch die Kapazitäten haben, das entsprechend durchzuführen. Denn man muss, wenn man ein Vertragsverhältnis mit einem Künstler eingeht, ja auch die Erwartungshaltung des Künstlers erfüllen. Wir haben ja nicht nur eine Erwartungshaltung an den Künstler, sondern dieser berechtigterweise auch an uns.

Und wenn das vollzogen und man sich handelseinig ist und den Künstler sozusagen „gesigned“ hat, wie das im Fachjargon heißt, also unter Vertrag genommen hat, dann wäre es bei Newcomern beispielsweise so, das man dann anfängt, ein Konzept zu entwickeln, wie man die Aufmerksamkeit von Fans auf diesen neuen Künstler projezieren kann.

Man bekommt erste Reaktionen und setzt erste Promotiontermine an und denkt vielleicht darüber nach, ihn möglicherweise als Supportact (Vorgruppe) bei einem anderen Künstler auftreten zu lassen, um so Stimmungen und Informationen und Rückmeldungen von Fans zu bekommen.

Dann fängt man klassischer weise mit der ersten Single an, die man dann ins Radio gibt oder an bestimmte andere Plattformen, wie jetzt gerade auch in diesem Zeitalter vor allen Dingen ins Internet. Dann erhält man dort wieder Rückmeldung.

Im besten Fall zielt es darauf ab, dass die Fangemeinde sich vermehrt und mehr und mehr Leute diesen Künstler interessant finden und Musik von ihm hören wollen. Dann kommt der nächste Schritt, ein Album.  

Michaela Boland:

Inwieweit sind Sie persönlich in diese Prozesse mit involviert?

Wolfgang Hanebrink:

Wenn wir Künstler in die EMI-Familie aufnehmen wollen, oder Künstler auch zu uns wollen, dann haben wir ein Gremium, wo ich dann auch beteiligt bin und sage, was habt ihr vor, wo wollt ihr das positionieren, haben wir die Kapazitäten dafür, wann soll das kommen und was soll wann wie passieren?

Das möchte ich schon wissen und ich möchte natürlich den Künstler vorher mal kennen gelernt haben. Da geht es um viel, sowohl für uns als auch für den Künstler. Wir verstehen uns als Dienstleister für den Künstler.

Michaela Boland:

Betrachtet man ihren Werdegang fällt auf, dass Sie nahezu im regelmäßigen paar-Jahres Rhythmus neue berufliche Herausforderungen bei unterschiedlichen Firmen angenommen haben. So waren Sie von `88 bis `90 als Produktleiter der Nixdorf Computer AG tätig.

Anschließend von `90 - `92 Projektmanager für Selbstbedienungsanwendungen in Paderborn. Dann wurden Sie Assistant Manager bei Sony European Computer Services in Düsseldorf, um 1994 bereits als Gebietsverkaufsleiter und später als Leiter Vertrieb Computer Products zu Panasonic nach Hamburg zu gehen.

Schon einige Zeit darauf bekleideten Sie sodann die Position des Senior Sales Managers bei der Epson Deutschland GmbH. Das mutet nahezu an wie ein Zugvogel. Werden Sie Ihren beruflichen „Lebensabend“ denn nun hier bei der EMI verbringen, oder lockt dann irgendwann doch wieder der Ruf nach neuen Herausforderungen?

Wolfgang Hanebrink:

Das ist eine gute Frage. Das hat immer etwas damit zu tun, wie lange die Herausforderung da ist, und solange ich das Gefühl habe, dass ich noch etwas lerne und mich weiter entwickle, habe ich keinen Grund, zu wechseln.

Und im Moment kann ich Ihnen sagen, dass wir noch einiges vor der Brust haben, dass wir noch vieles erreichen wollen und das dauert bestimmt noch einige Jahre. Also, wenn man mich hier lässt, ich habe noch Lust und habe noch einiges vor. Solange ich noch Spaß habe, gibt es keinen Grund zu wechseln.

Michaela Boland

Sie sind gerade mit ihrem Unternehmen und 150 Mitarbeitern umgezogen. Von der schicken Adresse im Kölner MediaPark mitten im Zentrum, die ja auch ein gewisses Image verkörperte, in die Umgebung rund um die Vogelsanger Straße, die eher trashig als schick ist. Was im übrigen auch besser zu einer trendigen Musik-Marke passt mit der entsprechenden "down to earth mentality".

Sie haben es sich sehr schön hier gemacht, aber hatte der Umzug auch einen finanziellen Aspekt, mit anderen Worten, ist die Miete hier günstiger?

Wolfgang Hanebrink:

Es ging mir nicht um die schicke Adresse. Wir hatten einen Zehn-Jahres-Vertrag dort im MediaPark. Ich habe ja fünf Jahre davon auch dort verbracht. Und das war sicherlich eine gute Adresse, wir hatten ein tolles Umfeld, was auch gerade die Nachbarn anging.

Aber im Endeffekt ging es mir darum, dass wir ein neues Gebäude finden, da der Mietvertrag ausgelaufen ist. Wir wollten definitiv in Köln bleiben, also ein ganz klares Commitment auch zum Standort Köln, weil wir zu den Institutionen vor Ort auch ein sehr gutes Verhältnis haben.

Auch für die Mitarbeiter, denn die wollten wir nicht verlieren. Wir haben eigentlich nach einem Objekt gesucht, was einen optimalen Match bietet für die Ansprüche, die wir hatten. Wir haben im MediaPark auf acht Etagen gearbeitet und hatten 110 Einzelbüros.

Luxus, aber wir hatten auch einen internen E-Mail-Traffic, der seines Zeichens suchte und es fand eigentlich keine Kommunikation mehr zwischen den Mitarbeitern statt. Viele Mitarbeiter haben sich manchmal sogar nur einmal im Jahr auf der Weihnachtsfeier getroffen.

Es ist unfassbar. Deshalb war für mich die Intention, wenn wir umziehen, dann will ich nicht mehr über mehrere Etagen tätig sein, denn die Musik- und Entertainmentbranche lebt von der Kommunikation und ich wollte ein Gebäude, wo wir eben fast alle auf einer Eben sitzen, was uns hier gelungen ist.

Wir haben nur halb eingezogene Galerien, die aber auch offen sind. Einer der wichtigsten Punkte war insoweit, dass wir die interne Kommunikation stärken. Das heißt aber auch, dass wir eine Quasi-Großraumbüro-Situation erzielen wollten.

Und das war das Gute an dieser alten Wagenfabrik. Sie bietet uns die Möglichkeit, denn wir haben jetzt nur noch zehn Büros und nicht mehr 110. Der Rest sitzt in offenen, sehr freundlichen, hellen Bereichen. Wir haben natürlich auch teilweise neues Mobiliar angeschafft, dass zu den neuen Räumlichkeiten passt.

Michaela Boland:

Sie haben aber auch eins der zehn Büros für sich allein.

Wolfgang Hanebrink:

Ja, aber die Büros für die Mitarbeiter sind jetzt offener, freundlicher und viel heller. Wir haben außerdem einen eigenen Innenhof, der uns zur Verfügung steht und überall W-LAN, das heißt, die Mitarbeiter können auch mit ihren Notebooks rausgehen, wenn es schön ist und arbeiten.

Sie haben dort volle Connectivity. Und: Wir haben einen Marktplatz, der zu normalen Bürozeiten dazu genutzt wird, dass sich Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen treffen können. Sie nehmen dort beispielsweise ihr Mittagessen ein.

Da ist auch eine Kaffeemaschine und es gibt einfach Möglichkeiten, sich zu unterhalten. Dieser Raum kann außerdem mit relativ einfachen und schnellen Handgriffen umgebaut werden und dann kann dort ein Eventbereich entstehen, wo unsere Künstler auch auftreten können.

Wir haben eine feste Bühne dort installiert, wo der Künstler im Idealfall eigentlich nur mit seiner Gitarre kommen, sich connecten muss und schon loslegen kann. Das ist eine Situation, da freue ich mich sehr drauf. Der Raum ist zwar gerade noch in der Fertigstellung, aber wenn wir dort das erste Einführungskonzert haben, wird das bestimmt toll. 

Michaela Boland:

Wie viel Zeit hat der Umzug in Anspruch genommen?

Wolfgang Hanebrink:

Wie haben die Mitarbeiter im alten Gebäude an einem Donnerstag Mittag nach Hause geschickt und dann konnten sie am darauffolgenden Montag morgen um halb zehn im neuen Gebäude wieder anfangen. Was nicht Mitarbeiter bezogen war, ist schon vorher umgezogen.

Michaela Boland:

Die Wirtschaftskrise soll hinter uns liegen, dennoch spüren die einen oder anderen womöglich noch deren Auswirkungen. Zum Teil muss bei manchen noch gespart werden. Sparen Sie nun eigentlich Miete hier?

Wolfgang Hanebrink:

Witzigerweise ist es so, dass wir im MediaPark deutlich mehr Quadratmeter zur Verfügung hatten, allerdings konnten wir die nicht nutzen. Das waren Treppenhäuser, Foyers und eine Unzahl von Meetingräumen, die wir alle nicht brauchten. Und wir haben jetzt von der Nutzfläche her eigentlich die ideale Größe gefunden. Und es ist, was die finanzielle Seite betrifft, von der Miete her günstiger. 

Michaela Boland:

Inwieweit ist die EMI ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Köln?

Wolfgang Hanebrink:

Ich weiß nicht, ob wir so ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind, aber wir sind ein Traditionsunternehmen, was seit über hundert Jahren aktiv ist, in Köln etwas über fünfzig Jahre. Wir verstehen uns auch so ein bisschen wie mit einem Kulturauftrag versehen, denn wir sind in Köln einer der letzten vier Majors, die in Deutschland verblieben sind.

Einer sitzt in Berlin, einer sitzt in München, einer in Hamburg und wir sind halt hier in Köln. Ich denke, dass wir eine wichtige Farbe in das Rheinland bringen. Ich bin froh, dass wir hier sind .

Wir bieten in Köln einen guten Standort und Anlaufplatz für Künstler , Produzenten und Komponisten. Diese Position nehmen wir gerne ein. Wir fühlen uns auf jeden Fall wohl hier.

Michaela Boland:

Stichwort Musikpiraterie im Internet. Wie geht man bei der EMI dagegen vor?

Wolfgang Hanebrink:

Wir werden die Piraterie nicht stoppen können mit einem einfachen Hebelumlegen. Aber wir können dafür sorgen, dass sobald Musik gehört und konsumiert werden kann, wir ein legales Produkt anbieten.

Deshalb sind wir von der EMI große Verfechter davon, dass wenn wir ein neues Stück im Radio spielen, dass dann der Zuhörer oder Fan auch die Möglichkeit hat, ein legales Produkt zu kaufen. Wir hoffen, dass das ein Trend ist, der sich durchsetzt und dass man auch eine gewisse Wertschätzung gegenüber dem Künstler und dem Song entwickelt. 

Michaela Boland:

Haben Sie Familie und sind verheiratet?

Wolfgang Hanebrink:

Ich bin nicht verheiratet, aber lebe schon seit mehreren Jahren mit einer Partnerin zusammen. Ich selbst habe keine Kinder, aber meine Lebensgefährtin hat eine Tochter und mittlerweile schon zwei Enkelkinder. Ich bin sozusagen Stiefopa.

Michaela Boland:

Gibt es etwas, das Sie zum Ausgleich zur täglichen Arbeit machen?

Wolfgang Hanebrink:

Da komme ich relativ selten zu. Ich nutze vor allem die Fahrt nach Hause um neue Musik zu hören, was ich hier im Büro nicht machen kann. (Schmunzelt) Weil ich bin ja ein Mann, ich kann mich ja immer nur auf eine Sache konzentrieren. Also Musik hören und arbeiten geht schlecht, daher muss ich das immer getrennt machen. 

Michaela Boland:

Gleichzeitig Autofahren und Musik hören klappt aber hoffentlich problemlos?

Wolfgang Hanebrink:

(lacht) Nee, das geht, das geht, das geht. Wobei ich feststellen muss, dass wenn ich gute Sachen höre, auf einmal die Abfahrt verpasse, weil ich dann doch schon zu sehr in Gedanken bin und mir überlege, wie wir das Produkt vermarkten können.

Michaela Boland:

Gibt es außer dem Musikhören auf der Heimfahrt noch andere Freizeitbeschäftigungen?

Wolfgang Hanebrink:

Das Häuschen und der Garten nehmen eine gewisse Zeit in Anspruch.

Michaela Boland:

Gehören Sie auch zu den Menschen mit „grünem Daumen“?

Wolfgang Hanebrink:

Ja, so mittlerweile. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn habe, aber, doch. Es ist ganz gut.

Michaela Boland:                                                                 

Bauen Sie auch selbst Obst und Gemüse an?

Wolfgang Hanebrink:

Nein, das machen wir nicht. Ich habe so einen kleinen Kräutergarten, denn eins meiner Hobbys ist Kochen. Das mache ich auch, denn das ist ebenfalls eine Sache, bei der man komplett abschalten muss. Dann muss ich mich aufs Kochen konzentrieren und kann an nichts anderes denken.

Und was wir beide, also meine Freundin und ich, auch sehr gerne tun, ist Golf spielen. Da kommen wir leider quasi nur im Urlaub zu. Aber das ist so ein Hobby, das ich habe. Früher spielte ich Basketball, aber das machen die Knochen heutzutage nicht mehr mit. 

Michaela Boland:

Was man im Volksmund scherzhaft über das Golfspielen sagt, wissen Sie auch?

Wolfgang Hanebrink:

Wenn Sie das ansprechen, dann kann ich Ihnen sagen, dass seitdem ich Golf spiele, das andere Thema deutlich besser geworden ist. (lacht herzhaft) Weil der Sport lehrt einen doch, devot zu sein. 

Michaela Boland:

Zurück zum Kochen. Was gibt es denn, wenn Sie kochen? 

Wolfgang Hanebrink:

Was ich liebe, ist die italienische Küche. Ich experimentiere aber auch sehr viel im asiatischen Bereich herum. Und was ich bevorzugt mache, ist, wenn ich irgendwo etwas Leckeres gegessen habe, versuche ich das nachzukochen.  

Michaela Boland:

Aus der Erinnerung heraus?

Wolfgang Hanebrink:

Ja, denn meistens sind die Köche nicht dazu bereit, das Rezept freiwillig herauszugeben. Ich habe, glaube ich, ein halbes Jahr daran herumgedoktort, einen Salat mit Honig-Thymian-Dressing hinzubekommen. Und ich habe wirklich ein halbes Jahr gebraucht, aber jetzt habe ich ihn und es ist besser als das, was ich gegessen habe.

Michaela Boland:

Konsequenterweise mit Thymian aus dem eigenen Bestand im Garten?

Wolfgang Hanebrink:

Genau, aus dem eigenen Kräutergarten. 

Michaela Boland:

In diesem Sinne auf viele weiter schmackhafte Gerichte aus eigener Hand. Lieber Wolfgang Hanebrink, das war ein ausgesprochen schönes und interessantes Gespräch. Vielen Dank hierfür und die exklusive Hausführung. Für die Zukunft die allerbesten Wünsche und weiterhin viel Erfolg.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

 

 

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12.09.2010 bemerkenswert

EMI Music Germany - mit 6 Bildern

Eine alltägliche Szene in einer deutschen Innenstadt. Samuel Harfst hat sich mit seiner Akustikgitarre in der Fußgängerzone postiert. Neben ihm sitzen sein Bruder Dave mit einem Cajon und Dirk Menger mit einem Cello.

Das Trio, das sich wie sein Sänger, Gitarrist und Songwriter Samuel Harfst nennt, spielt Songs, die einen krassen Gegensatz bilden zu der um die drei Musiker herum herrschenden Hektik. Nicht immer gelingt es ihnen, dieser Hektik Einhalt zu gebieten. Aber oft wirken ihre Songs Wunder.

Menschen bleiben stehen und lassen sich von dem poetischen Zauber, von der Seelenruhe, die ihre Songs ausstrahlen, in den Bann schlagen. Inmitten des Trubels ist eine Insel der Ruhe entstanden. „Musik hat ja sehr oft einen direkten und spürbaren Einfluss auf ihre Umgebung.

Immer wieder kommen Geschäftsbesitzer aus den Läden, um zu schauen, was da draußen los ist, weil ihre Kunden und die Einkaufsstraße plötzlich so ruhig und verändert scheinen, und auch den einheimischen Passanten ist es oft aufgefallen, dass sich die komplette Atmosphäre in ihrer Fußgängerzone positiv verändert hat.“

Samuel Harfst weiß, wovon er redet. Der blonde Musiker mit der leicht rauchigen Stimme mag zwar erst 24 Jahre alt sein, verfügt aber als Straßenmusiker über einen enormen Erfahrungsschatz. Nach dem Abitur zog es ihn wie zuvor schon seinen älteren Bruder Dave nach Australien, um in Sydney zu studieren.

Sein Studium finanzierte er mit Straßenmusik, wollte er doch schon früh ganz auf eigenen Beinen stehen. Die ersten eigenen Lieder schrieb er in englischer Sprache und erwies sich damals schon als nachdenklicher Songwriter, der in seinen Songs nach Antworten auf die typischen Sinnfragen eines Heranwachsenden sucht.

Gemeinsam mit seinem Bruder nahm er 2006 in Deutschland mit „Simply For You“ eine erste CD auf, die sich so prächtig verkaufte, dass in den nächsten zwei Jahren drei weitere CD-Produktionen folgten, zuletzt „Day And Night Recordings“.

Auf den beiden Vorgängern „Crossroads“ und „Audiotagebuch“ sind auch die ersten deutschsprachigen Songs von Samuel Harfst zu finden. Mittlerweile hat er sage und schreibe 25.000 CDs auf Straßenkonzerten und Festivalauftritten verkauft.

Das Lied „Alles Gute zum Alltag“ begleitet Samuel Harfst – den Musiker und seine gleichnamige Band – wie ein guter Stern. In jüngster Zeit hat dieser Song der Band Tür und Tor geöffnet und er ist auf dem besten Weg, einer der ungewöhnlichsten Hits dieses Jahres zu werden.

„Eine kleine Melodie hab ich geschrieben, schenk sie dir, komm pack sie aus und nimm sie mit, ganz egal, wohin du gehst, sie geht mit dir…“ So schlicht und ergreifend beginnt „Alles Gute zum Alltag“, dieses ganz und gar nicht alltägliche Lied, mit dem sich Samuel Harfst bereits in die Herzen einer rasant wachsenden Hörerschaft gesungen hat.

Es ist eines dieser Lieder, die gleich aufhorchen lassen. Dessen Botschaft, das Leben jeden Tag zu genießen, so wunderbar mit der eindringlich klaren Melodie korrespondiert. Ein Lied, das den Alltag schlichtweg ein wenig verschönert.  

Im letzten Jahr schaffte es „Alles Gute zum Alltag“ in die Finalrunde eines Newcomer-Wettbewerbs bei MTV Unplugged, nachdem ein Freund von Samuel Harfst das Lied ohne Wissen der Band dort eingereicht hatte. Noch größere Aufmerksamkeit wurde dem Lied zuteil, als es jüngst einen Werbespot fürs iPhone untermalte.

Die Band Samuel Harfst, die nun auch schon einige Jahre zusammen ist, hat in all der Zeit zweifellos ihre Kreise immer größer gezogen. Längst organisieren sie auch schon selbst Konzerte. Zuletzt waren sie im Vorprogramm der norwegischen Popsängerin Marit Larsen in großen Clubs und Hallen zu sehen.

„Alles Gute zum Alltag“ ist ein wunderbarer Einstand für einen jungen Künstler, der mit dieser außergewöhnlichen musikalischen Visitenkarte nun sein vielversprechendes Major-Debüt bei der EMI gibt und der mit dem gleichnamigen Album die durch dieses Lied geweckten Erwartungen galant zu übertreffen versteht.

Samuel Harfst schreibt seine Songs im viel zitierten stillen Kämmerlein. Musik ist für ihn der absolute Rückzugspunkt, ein Tor zur Seele. Entsprechend sind seine Balladen, die für das Album „Alles Gute zum Alltag“ höchst atmosphärisch von Produzent Ralf Mayer (Fanta 4, Clueso) in Szene gesetzt wurden, Musterbeispiele musikalischer Kontemplation.

Hier singt ein Künstler mit dem Gottvertrauen, dass alles gut wird. Es sind Lieder der Ermutigung, Lieder über eine Welt, in der Glaube, Liebe, Hoffnung die treibenden Kräfte sind, die das Leben bestimmen. In den meisten Fällen wurde genau jener Take für das Album ausgewählt, der die Atmosphäre des Songs am Besten widerspiegelt.

Die Basis der Songs bildet nicht selten ein Pianomotiv, das begleitet wird von Akustikgitarre, sanftem Bass und zurückhaltender Percussion, und das bisweilen in feine Ambient-Sounds getaucht ist. So darf man sich die Songs gerne als deutsches Pendant zu Coldplay unplugged vorstellen. Ein Hauch von Erhabenheit umgibt diese wunderschön melodischen Songs, die betören, ergreifen und zum Innehalten fordern.

Während Songs wie „Ohne Dich fehlt das Gefühl“ geprägt sind von akribischer Dramaturgie, wirken andere wiederum, wie etwa „Schön bei Dir zu sein“, wie melancholisch gefärbte Gemälde. Die alles andere als alltägliche Songästhetik durchzieht das komplette Album. Samuels Lieder wirken nicht von ungefähr wie der innere Monolog eines Sinnsuchenden.

Ein Bewusstseinsstrom in Moll. In „Seiltänzer“ entwirft dieser rastlose Geist, dieser musikalische Globetrotter, das Porträt eines Künstlers, in dem sich auch seine eigene Geschichte zu reflektieren scheint. Für die Leichtigkeit des Seins findet er ebenso klare und schöne Bilder wie für die Komplexität von Beziehungen.

Raumgreifende Songs wie „Wenn Berge untergehen“ oder „Längst noch nicht am Ziel“ sind Musterbeispiele für das Talent von Samuel Harfst, große Gefühle grandios zu vertonen. Manchmal feiert er auch nur einfach die Stille, die Nähe, die Geborgenheit – und natürlich die Liebe.

Er überlässt es dem Zuhörer, seine Texte mit den eigenen, persönlichen Erfahrungen und Geschichten zu füllen. Vielleicht hören ihm deswegen die Menschen so aufmerksam zu.

Samuel Harfst ist nicht nur ein ungewöhnlicher Künstler, weil seine eigene Geschichte so ungewöhnlich ist. Auch die Band ist alles andere als gewöhnlich. Während das Trio mit Gitarre, Cajon und Cello den Kern bei allen Straßenkonzerten bildet, wird bei allen Bühnenkonzerten das Instrumentarium um Piano, Bass, Rhodes und Schlagzeug erweitert und je nach Situation die Band personell um den Cellisten Dominik Schweiger ergänzt.

Die Band Samuel Harfst gibt es dementsprechend auf vielen unterschiedlichen Klang- und Erlebnisebenen. Ihren besonderen Charme hat sie allerorten etliche Male unter Beweis gestellt. Wenn das Album „Alles Gute zum Alltag“ ein Erfolg wird – und alle Anzeichen und ersten Reaktionen sprechen dafür – dann geht für die Jungs von Samuel Harfst ein Traum in Erfüllung:

„Auf der Straße Konzerte zu geben und gleichzeitig einen Top-Hit in den Charts zu haben. Das wäre doch was.“ Straßenmusik als große Kunst, die uns für Momente aller Sorgen entledigen kann. Das ist fürwahr alles andere als alltäglich. Eher ein kleines Wunder.

Am 10. September ist sein Majordebütalbum „Alles Gute zum Alltag“ erschienen, das den derzeit wohl bekanntesten deutschen Straßenmusiker nun auch zum erfolgreichsten machen könnte. Alles Gute für die Charts!

Weitere Infos: www.samuelharfst.de

EMI Music Germany GmbH & Co. KG
Im MediaPark 8a
50670 Köln
Tel.: +49 (0)221 - 49 02-0
Fax: +49 (0)221 - 49 02-100
www.emimusic.de
info@remove-this.emimusic.de

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01.09.2010 Exklusivinterview für freundederkuenste

Michaela Boland

Seine Stimme vermag nicht nur zu beeindrucken, wenn er singt. Auch wenn er spricht, verleiht ihr sonorer Klang dem Besitzer, womöglich nicht zuletzt auch durch den kleinen irischen Akzent, eine besonders charmante Note.

Ein toller Kerl, liebender Ehemann und Vater, hervorragender Sänger, exzellenter Songwriter und Komponist und vor allem: Er ist einfach natürlich geblieben, nett und hilft sogar tüchtig im Haushalt.

Was will man mehr? Die Rede ist von Rea Garvey, Frontmann und Gründer der deutschen Rockband REAMONN, die schon im Jahre 2000 mit ihrem Top-Ten-Hit „Supergirl“ einen Megaerfolg verbuchte.

Gerade als sich Reamonn auf sommerlicher Open Air Tour zwischen Heidenheim und Halle/ Westfalen befindet, und wie gewohnt schwer begeistertes Publikum hinterlässt, schlägt die Nachricht vom angeblichen Ende der Band-Epoche Ende August ein wie eine Bombe.

Worauf sich die Bandmitglieder Uwe Bossert (E-Gitarre), Sebastian Padotzke (Saxophon, Keyboard), Philipp Rauenbusch (E-Bass) und Mike „Gomezz“ Gommeringer rund um den irischen Sänger Rea Garvey tatsächlich verständigt haben, warum dieser keine Wäsche sortiert und wie er sich in seine Frau verliebte, verrät der Frontmann, der hervorragend Deutsch spricht, Journalistin Michaela Boland im Gespräch. 

Michaela Boland:

Denkst du eigentlich vornehmlich auf Deutsch oder auf Englisch.

Rea Garvey:

Ich würde sagen, auf Englisch.

Michaela Boland:

Auch noch nach zwölf Jahren in Deutschland?

Rea Garvey:

Ja, absolut. Ich bin in dem Sinne immer noch irisch. Ich versuche auf jeden Fall, den Teil zu behalten. Ich glaube, wenn es in die Träume und Gedanken gehen würde, wäre das schon irgendwie so von Anfang bis zum Ende. Aber es ist noch nicht soweit.

Michaela Boland:

Du sollst 1998 mit 50,- DM Startkapital und einer Demo-CD von Irland hierher gekommen sein. Was machte für dich den Reiz an Deutschland aus, so dass du unbedingt hierher kommen wolltest?

Rea Garvey:

Ich war mit einer irischen Band unterwegs, wir hatten sogar einen Plattenvertrag mit einer Plattenfirma in Deutschland. Dann haben wir zwei drei Jahre eine Tournee hier gemacht. Da habe ich einfach gemerkt, dass die Leute nett sind und eine sehr große Liebe zur Musik haben und auch, dass ich eine ganz große Liebe zu Deutschland hatte. Das hat sich eigentlich bis jetzt nicht geändert.

Michaela Boland:

Hast du die Sprache erst hier gelernt oder bereits in Irland Deutschstunden genommen? 

Rea Garvey:

Nee, ich habe blöderweise Französisch studiert. Das habe ich seit dem leider irgendwie alles vergessen. Ich glaube Männer an sich, können irgendwie nicht drei Sprachen auf einmal beherrschen. Also ich auf jeden Fall nicht. Und Deutsch habe ich nach einem bis anderthalb Jahren ziemlich gut drauf gehabt. Da habe ich auch meinen ersten Streit gehabt 

Michaela Boland:

Worum ging es dabei?

Rea Garvey:

Es betraf eine Werkstatt. Der Mechaniker wollte mich für dumm verkaufen. Ich habe dann mit ihm gestritten, ich glaube, jeder geht da irgendwann einmal durch.

Und ich habe gewonnen. Und ich habe immer gesagt, wenn ich einen Streit in Deutschland gewinnen kann, dann habe ich die Sprache auf jeden Fall gut genug drauf.

Michaela Boland:

Was war damals deine erste Anlaufstelle hier nachdem du in Irland alles aufgegeben hattest?

Rea Garvey:

Ich habe vorab mit meiner alten Plattenfirma, bei der ich früher mit meiner alten Band war, einen Job klar gemacht. Da habe ich dann Merchandising auf einer Tournee gemacht und einfach T-Shirts verkauft. Einen Monat lang. Das war genial, das war so die Luxus-Ankunft, weil ich natürlich mit Bussen und Hotels versorgt war.

Dann am Ende der Tournee war es dann so ein bisschen wie die einsame Fahrt nach Süden, denn ich habe bei Freunden in der Nähe von Ravensburg gewohnt und hatte dann mein Erwachen dahingehend, dass ich jetzt allein auf mich gestellt in der Welt sein würde.

Das war nach der Studentenzeit so das Härteste. Ich glaube, da merkt man schon, dass man in der Realität angekommen ist. Und da muss man für sich selber jagen.

Michaela Boland:

Bringt es dir auch heute als Pop-/Rockstar noch etwas, dass du dich früher einmal regelrecht durchkämpfen musstest?

Rea Garvey:

Ja, denn das Leben hat sich eigentlich, wenn ich ehrlich bin, nicht geändert. Das Leben ist irgendwie immer noch ein Kampf. Ich bin nicht verbissen ehrgeizig, aber ich setze mir schon große Ziele vor und genieße halt den Kampf dorthin. Ich weiß zwar nicht, wo ich das her habe, aber ich genieße das einfach.

Ich liebe es schon, wenn jemand sagt, „ich glaube nicht, dass das und das machbar ist“. Das ist für mich wie eine große Ansage, denn dann kämpfe ich sogar noch härter. So bin ich schon seit ich Teenager bin und kann mich genau an den Moment erinnern, wann es angefangen hat.

Man muss das Leben spüren. Wenn es irgendwie langweilig ist, macht es keinen Sinn. In meinem Leben gibt es keine Zeit zum Zurücklehnen. Bevor ich nach Deutschland kam, gab es mit der anderen Band so einen Kampf, davor mit mir selbst. Das ging, glaube ich, schon mein ganzes Leben lang so. Ich mag das schon so. 

Michaela Boland:

Erklärt sich so auch die Tatsache, dass die erste Scheibe von Reamonn in null Komma nichts herausgebracht war? Immerhin hat sich eure Band aufgrund deiner geschalteten Zeitungsannonce im Stockacher Anzeiger „Sänger sucht Band für Platte und Tour““ im November 1998 bereits gefunden, obwohl du ja erst Anfang des Jahres ins Land gekommen warst? Das ging ja alles ratz-fatz.

Rea Garrvey:

Es ging ratz-fatz, aber ich meine, der Weg dahin ist immer so unerzählt. Mit meiner anderen, irischen Band war ich ja auch fünf Jahre auf Tournee. Da gibt es also auch schon eine Geschichte davor. Nun, aber ratz-fatz ging es mit Reamonn auf jeden Fall. Unglaublich.

Und ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob wir weiter gemacht hätten, wenn wir nicht sofort Erfolg gehabt hätten. Denn wir alle waren in mehreren Bands. Ich glaube zwar, wir haben alle sehr an Reamonn geglaubt, manche mehr als andere. Das war einfach unglaublich.

Der erste Chart-Einstieg auf Platz 74 (Anm. d. Red.: „Supergirl“) war für mich das größte Ereignis aller Zeiten und steht bei mir immer noch ganz vorne, denn so gut in den deutschen Charts anzukommen, das war als Musiker in Irland nicht vorstellbar.

Und das dann zu erleben, da habe ich alle in Irland angerufen und vor Freude laut geschrienen, es genossen und gefeiert. Bislang habe ich kein Chart-Entry mehr so gefeiert, muss ich sagen, denn das war einfach der Moment. Ich glaube, wenn man das erreicht hat, dann geht man einfach weiter, dann sind andere Sachen wichtig.

Michaela Boland:

Hätte dir ein solcher Erfolg in Irland nicht gelingen können?

Rea Garvey:

Ich glaube, der Weg ist so wie er ist. Man sollte nicht unbedingt versuchen, ihn umzuschreiben oder sich zu fragen, ob alles auch irgendwie anders funktioniert hätte. Das ist so wie diese blöde Frage, „was hättest du gemacht, wenn du nicht Musiker geworden wärst“.

Ich meine, im Endeffekt ist man Musiker, deswegen kann man es sich auch nicht anders vorstellen. Und ich habe das nicht als Beruf ausgewählt, sondern ich bin einfach Musiker und dann war es eben auf einmal das, was ich mache. Ich finde, das ist auch gut so.

Die Überlegung „was wäre wenn“ ist Quatsch, weil es ist so wie es ist und man muss mehr Zeit mit diesen Gedanken verbringen als mit der Überlegung, was wäre, wenn es anders wäre.

Michaela Boland:

Hast du nach deinem Erfolg hier denn tatsächlich niemals mit dem Gedanken gespielt, es noch mal in Irland zu versuchen, nachdem du deiner Heimat ja irgendwo schon noch verbunden bist? Hast du niemals soviel Heimweh gehabt, dass dich das gereizt hätte?

Rea Garvey:

Oh, wir haben dort schon mehrmals gespielt. Wir hatten sogar ganz guten Erfolg in Irland, in dem Sinne, dass wir Radio-Erfolg hatten. Und in dem Club, in dem ich es geliebt habe zu spielen, damals im Whelan`s , da haben die Leute zeitweilig schon die ganze Straße entlang Schlange gestanden.

Das war für mich wirklich etwas ganz Besonderes, so etwas zu erleben. Ich liebe es auch, dahin zu gehen. Aber es ist einfach nur so, dass wir ja jetzt alle drei Jahre so eine Europa weite Tour gemacht haben und Irland war immer dabei.

Aber man kommt natürlich nicht immer genau dahin, wo man will, weil man ja in mehreren Ländern unterschiedliche Erfolge hat. Natürlich geht man dorthin, wo man größere Shows spielen kann, das hat Priorität.

Dann spielt man in den anderen Ländern, wo man eine gewissen Erfolg hat aber vielleicht nicht so groß. Ich mag die Entwicklung, denn beispielsweise in Griechenland haben wir es erlebt, dass wir vor zwei Jahren die größte internationale Band waren.

Da kommt man halt an und das ist einfach ein Wahnsinnsgefühl. Davor war es ähnlich in Portugal, und davor hatten wir großen Erfolg in Holland, es ist immer so staffelweise. Da macht es wahnsinnig viel Laune, in diese Länder zu reisen und zu spielen.

In Portugal haben wir beispielsweise zwei Shows mit Robbie Williams gespielt und dann waren wir auf einmal Nummer Eins mit „Star“. Das hätten wir uns niemals träumen lassen.

Michaela Boland:

Hast du dein Studium zu Ende gebracht? 

Rea Garvey:

Das ist so witzig. Wenn ich sage, dass ich studiert habe, fragt jeder nach, ob ich es zu Ende gebracht habe. Ich glaube, das ist die Erwartung, die man von Musikern, oder vielleicht auch nur von mir hat, dass es nicht zu Ende gebracht worden sein könnte.

Aber, ja, ich habe das zu Ende studiert. Ich habe Marketing, Administration und Französisch studiert. Ich habe wegen meiner Eltern zu Ende studiert, weil es denen wichtig war. In meinem letzten Jahr bin ich bei der Abschlussprüfung durchgefallen.

Ich habe nämlich für drei ein halb Jahre die meiste Zeit über im Kulturreferat gearbeitet, denn ich habe gerne Partys organisiert und gefeiert. Und dann habe ich dieses Jahr außerhalb der Universität noch mal absitzen müssen.

Da habe ich gleichzeitig Tourneen gebucht und studiert, und nach diesem Jahr hat es dann geklappt und ich habe das Studium erfolgreich zu Ende gebracht.

Michaela Boland:

Wie hast du die Studienzeit empfunden?

Rea Garvey:

Das war eine wahnsinnig tolle Zeit. Besonders die ersten Erlebnisse als Student, da war alles dabei. Wenn jemand mich fragt, ob ich irgendetwas ändern würde, sage ich immer, in der Angst, dass, etwas ändern zu wollen, bedeuten würde, auch etwas von jener Zeit zu missen, würde ich nichts ändern. Ich habe diese Zeit echt geliebt, das war, glaube ich, die tollste Zeit. Gut, dass es so war.

Michaela Boland:

Trägst du eigentlich schon immer den Vollbart?

Rea Garvey:

Nee, das ist in letzter Zeit einfach irgendwie so zugewachsen.

Michaela Boland:

Aber zwischenzeitlich schon beinahe zum Markenzeichen geworden.

Rea Garvey:

Also ich bin auf jeden Fall kein Model und denke gar nicht an solche Sachen. Ich mache immer so das, was mir passt. Lange Haare habe ich, weil es meiner Frau gefällt und was ihr gefällt, tut mir gut. Das sind dann immer ziemlich einfache Entscheidungen. Als ich den Bart wachsen lassen habe, fand sie es auch gut. Und dann war er halt da.

Michaela Boland:

Gibt es an dir Dinge, die typisch irisch sind und mittlerweile auch solche, die typisch deutsch sind?

Rea Garvey:

Typisch deutsch? Nein (hält inne), das heißt, ich bin sehr zielstrebig, das sagen zumindest manche Leute. Ich sehe das bei mir selber nicht immer so. Ich feiere gerne, das ist etwas, was irgendwie von Iren erwartet wird. Und Melancholie ist auch eine Sache, die in mir steckt.

Das, was ich aber an Deutschland liebe, ist, dass wenn du hier etwas erreichen willst, dann kannst du es auch. Man steht sich höchstens selbst im Weg. Ich fand eine Sache recht witzig: Wir haben eine Nummer gemacht, die heißt „In Zaire“.

Dafür hatten wir einen Sänger aus Kamerun dabei, der einen Text gesungen hat, von dem wir ihn gefragt haben, was er eigentlich bedeute. Da hieß es nämlich immer „De Jama de Gama“ oder so ähnlich. Es bedeutete dann , „so stark wie ein deutscher Schrank“.

In Kamerun ist man der Auffassung, dass alles, was aus Deutschland kommt, für immer sei, also für die Ewigkeit, stabil und solide. Und die Wege sind ja auch so. Ich wusste ja beispielsweise nicht, was für ein Musiker ich sein würde, ob ich erfolgreich sein würde.

Ich habe ja auch Musiker gesehen, die vielleicht nicht in den Charts sind, aber trotzdem ihren Erfolg haben und davon leben. Und das war für mich als Ziel in Deutschland auf jeden Fall viel mehr machbar.

Das ist insoweit etwas, das mir sehr passt, ob das in mir steckt, weiß ich nicht. In jedem Fall mag ich an der deutschen Kultur, dass man darauf bauen kann. Und was das Irische anbelangt, da glaube ich, ist noch viel in mir, was typisch irisch ist.

Michaela Boland:

Was ist denn typisch irisch?

Rea Garvey:

Die Liebe zum Leben, dieser Esprit. Dass man nicht immer unbedingt an der Regel festhält und manchmal einfach neue Regeln schreibt. Das Feiern, das Aufwachen und manchmal einfach zu sagen, „Scheiße, aber, ach komm, weiter“. Diese Art ist auf jeden Fall irisch, glaube ich.

Michaela Boland:

Und Riverdance und Co?

Rea Garvey:

Also Irish-Dance haben wir eigentlich alle in der Schule gelernt.

Michaela Boland:

Kannst du es noch?

Rea Garvey:

Ja. Du musst dir vorstellen, als Teenager haben wir keine Diskotheken, da haben wir nur Ceiles (Anm. d. Red.: Sprich: „Kälies“) gehabt. Und Ceile ist halt das irische Wort für Zusammenkommen. Und dann haben wir getanzt. Das war halt ein Weg, wie Jungs Mädels kennen lernen konnten, gerade, wenn man schüchtern war.

Da hat man getanzt, das war eine tolle Zeit und sehr witzig. Natürlich waren wir Teenager und hatten nur blöde Sprüche und unsere schicken Klamotten. Aber es hat viel Spaß gemacht.

Michaela Boland:

Und dabei hattet ihr auch diese Metallplättchen an den Schuhen wie die Tänzer von Riverdance und Lord of the dance?

Rea Garvey:

Also das ist natürlich ein bisschen übertrieben. Bei denen ist es ja so, dass da dieses ganze Crescendo drin sein muss. Wir waren viel entspannter damit als wir das gemacht haben. Es gibt für den irischen Tanz zwei Arten von Schuhen. Da gibt es Hartschuhe und Softschuhe.

Du kannst es mit beiden machen. Es war natürlich nicht so, dass bei uns jeder diese Hartschuhe mit den Metallteilen vorne dran hatte. Manche hatten Clogs und da ist eben so ein richtiges Stück Holz vorne.

Ich habe es leider nicht weiter gemacht, aber ich fand es immer ziemlich geil, denen zu zuschauen, die weitergemacht haben. Man ist auf einmal nationalistisch und denkt sich, „Wow, ich bin stolz, Ire zu sein“. 

Michaela Boland:

Ist deine Ehefrau auch Irin?

Rea Garvey:

Nein, sie ist Rumänin.

Michaela Boland:

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Rea Garvey:

Über das Telefon. Es war keine Sexnummer (lacht). Ihr Partner war am Anfang unser Manager. Nach einem Monat hat sie übernommen. Wir haben häufig am Telefon miteinander gesprochen und ich war total verzaubert von ihrer Stimme. Schon da habe ich mich ziemlich heftig in sie verliebt und fand sie extrem cool. Danach haben wir „Josephine“ geschrieben, wobei ich sie nie kennen gelernt habe und das Lied beschreibt sie ziemlich gut.

Michaela Boland:

Josephine ist somit ihr Vorname?

Rea Garvey:

Ja, sie heißt Josephine.

Michaela Boland:

Hilfst du eigentlich auch im Haushalt? 

Rea Garvey:

Ja.

Michaela Boland:

Was machst du da?

Rea Garvey:

Alles mögliche. Ich habe schließlich auch mal fünf Jahre allein gewohnt und wenn man das nicht macht, wird es natürlich problematisch. Mit 17 bin ich von zu Hause weggezogen. Ich kann ziemlich alles, aber, was ich nicht kann, ist, Klamotten sortieren zum Waschen.

Das ist für mich so wie am pm (Anm. d. Red.: 2-mal-12-Stunden-Zählung). Das sind kleine Sachen, die ich gar nicht so rein kriege. Auch das Klamotten waschen ist irgendwie so eine Art Magie für mich. Ich schaffe es nicht. Aber Kochen liebe ich.

Michaela Boland:

Was kochst du bevorzugt?  

Rea Garvey:

Alles mögliche. Aber ich liebe auf jeden Fall Hähnchen, das kommt bei mir öfter vor. Gerne auch einfach traditionelles irisches Essen, so mit Rose Chicken, Rose Potatoes, Sauce und Vegetables. Das wäre so ein ganz typisches Sonntagsessen bei uns zu Hause.

Also ich koche ganz gerne und ich glaube, ich koche sehr gut. Ich bin wahrscheinlich im Haus viel mehr wert als am Auto. Wenn nämlich beispielsweise ein Auto auseinander fällt, weiß ich gar nichts. Keine Ahnung, ob es nun ein Rasenmäher ist oder ein Auto, da bin ich ziemlich verloren. 

Michaela Boland:

Deine häuslichen Fertigkeiten kommen zumindest doch deiner Frau sehr zugute.

Rea Garvey:

Ja, weil sie auch extrem viel arbeitet. Deswegen helfe ich auch so gerne, denn das entlastet sie. Sie ist eben seit elf Jahren unsere Managerin und erzieht ja auch unsere Tochter. Ich merke halt, wie viel sie zu tun hat. Sie macht das auch super und ich bin ein großer Fan von ihr.

Wenn ich dann zu Hause bin, ist es einfacher zu sagen, „ich mach`s“, so dass sie auch ein bisschen das Leben genießen kann. Ich habe einfach das Gefühl, dass die Rollen heutzutage einfach nicht mehr so sind, wie zu Zeiten meiner Oma und meines Opas, die getrennt von der Familie gegessen haben und deren Rollen geschlechtsspezifisch aufgeteilt gewesen sind.

Diese Zeiten sind vorbei. Es kann sich niemand leisten zu sagen, der eine muss alles machen und der andere gar nichts. Erstens sind Frauen heutzutage ja viel aktiver in der Welt.

Früher wollten viele dies bestimmt auch sein, durften aber nicht. Mit insgesamt sieben Schwestern bin ich auch der größte Fan davon. Ich liebe es einfach, wenn eine Frau etwas drauf hat und sie selber etwas schafft.

Michaela Boland:

Bist du der einzige Junge unter den Geschwistern?

Rea Garvey:

Ja. Ich bin der Drittgeborene. Nun, jedenfalls sehe ich das eben auch an meiner Mutter. Wobei sie eine Hausfrau war, allerdings war sie auch Lehrerin, wenn sie Bock hatte, zu arbeiten, einfach um ihr Gehirn frisch zu halten.

Es ist ja recht anstrengend, Kinder zu erziehen und dann gleich acht auf einmal. Eine sehr intelligente Frau, die brauchte halt den Reiz und hat einfach gerne zwischen den Schwangerschaften gearbeitet. Und meine Schwestern sind auch ziemlich erfolgreich in dem, was sie machen.

Michaela Boland:

Hat eine von ihnen ebenfalls etwas mit der Musikbranche zu tun?

Rea Garvey:

Nein, bis jetzt nicht. Sie machen alles Mögliche. Zum Teil sind sie Geschäftsfrauen, die wahnsinnig machtvoll und erfolgreich sind, die auf einmal aufgegeben und gesagt haben, „nee, jetzt will ich Kinder haben. In jedem Fall haben alle gezeigt, dass sie etwas drauf haben. Ich habe schon das Gefühl, dass sie zum größten Teil auch glücklich sind.

Michaela Boland:

Gerade hast du kurz deine Tochter erwähnt. War sie auch Inspiration zu eurem wunderschönen Erfolgstitel „Through the eyes of a child“? 

Rea Garvey:

Witzigerweise war es sogar das Kind von jemand anderem, das mich sehr beeindruckt hatte. Ich war in Miami. Der Sohn des Produzenten, mit dem ich das geschrieben habe, hat Textvorschläge gemacht, die ich zwar nicht genutzt habe, aber ich fand es sehr reizend, dass so ein Junge, Alejandro, der, glaube ich, damals 10 Jahre alt war, sich einfach vorgenommen hatte, mir ein paar Texte zu schreiben.

Dann hat er die hingelegt und sogar noch ein Buch geschrieben. Ein unglaublicher Junge. Was ich geliebt habe, war, dass mich die Texte inspiriert haben, obwohl ich sie nicht genutzt habe. Aber, wie er die Welt gesehen hat, das fand ich sehr beeindruckend.

Ich denke, das Lied passt eben zu jedem Kind. So wie meine Tochter auch die Welt sieht, das liebe ich einfach. Man kann auch wirklich Zeit damit verbringen, indem man einfach nur zuhört und erfährt, wie Kinder Sachen sehen. Dann ist man auf einmal total entspannt und alles andere ist nur noch halb so schlimm.

Michaela Boland:

Ich kann nicht festmachen aus welchem Grund das so war, aber mich hat der Titel „Through the eyes of a child“ bei erstmaligem Hören auf eine außergewöhnliche Art und Weise berührt. Ist das etwas, das du häufig hörst?

Rea Garvey:

Ja, ich glaube, da ist eine gewisse Ehrlichkeit in unserer Musik und wenn es deine Geschichte ist, dann betrifft es dich auch. Es geht ja nicht darum, meine Geschichte zu erzählen. Ich finde, beim Texten schreibe ich was und verstehe es danach.

Ich versuche nicht immer, mich so extrem darauf zu verlassen, dass ich es jetzt sofort selber verstehe, denn ich denke, manchmal kommen Wörter und Sinn nach. „Through the eyes of a child“ habe ich der Frau eines sehr guten Freundes von mir zunächst vorgespielt und sie hat angefangen zu weinen.

Sie war die erste, die es gehört hat und ich fand es sehr beeindruckend, das ein Lied so etwas kann. Das ist mir Gott sei Dank mehrmals mit verschiedener Musik passiert, aber ich habe es geliebt, dass es das für sie gemacht hat. Irgendwie hat es die richtige Taste erwischt. Ich finde, wenn Musik eine solche Wirkung haben kann, das ist echt cool.

Michaela Boland:

In den letzten 48 Stunden gab es große Aufregung in den Medien. Da hieß es, ihr wollt euch bald trennen. Das, was als Sommer Open Air Tour begann, soll nun plötzlich eine Art Abschiedstour sein.

Du sollst zwar geäußert haben, dass die Luft bei Reamonn raus sei, aber dennoch stellt sich bei dieser doch recht unerwarteten Meldung die Frage, ob etwas zwischen Euch Bandmitgliedern vorgefallen ist?

Rea Garvey:

Ganz ehrlich gesagt, hat keiner von uns angekündigt, dass wir uns trennen. Wir haben nur mitgeteilt, wir wollen eine Pause machen. Wir haben das auch so gesagt und dann wird so etwas dann halt anders bearbeitet. Die Luft ist auch raus, glaube ich.

Wir haben nicht die Lust, jetzt einfach nur irgendwie weiterzumachen, um es dann irgendwann zu töten. Wir sind elf Jahre zusammen. Bestimmt hat das auch irgendwie so eine Wirkung auf uns, dass wir viel nachgedacht und viel gesehen haben, und dann denkst du halt irgendwann, och, wir sind noch jung, lasst uns noch irgend etwas anderes machen für eine Weile.

Es gibt eben diese Momente im Leben, die man nicht wahrnimmt und ist dann irgendwann traurig darüber, dass man sich nicht die Zeit genommen hat. Ich will auf jeden Fall anders leben. Natürlich liebe ich es, in dieser Band zu sein. Das hat mir elf Jahre lang wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Aber ich bin an dem Punkt, an dem ich einfach nicht mehr dazu bereit bin, ins Studio zu gehen und eine Platte zu schreiben oder aufzunehmen, weil ich glaube, ich würde es hassen. Und der Standard, den wir uns selber vorgeben, ist hoch und das dann niederfallen zu lassen, wäre falsch.

Deswegen, lieber warten bis wir wirklich wahnsinnig viel Bock haben, das wieder zu machen. Und die Pause ist eigentlich so gedacht haben, wenn es denn noch mal die richtige Zeit ist, dann machen wir es halt. 

Michaela Boland:

Also ein offenes Ende der Pause? 

Rea Garvey:

Ja, genau.

Michaela Boland:

Und ich las, Du würdest dich nunmehr sehr für das selber Herstellen von Möbeln interessieren. Was ist da dran?

Rea Garvey:

Das war ein Spruch. Jemand hat mich gefragt, was ich mir für die Rente vorstellen könnte. Und das war meine Antwort. Aber das wird dann natürlich mit allem möglichen anderen verknüpft.

Ich liebe in der Tat auch mit Holz zu arbeiten, das mache ich wirklich gerne, aber es ist nicht so, dass ich jetzt vor hätte, eine Schreinerei zu eröffnen. Ich interessiere mich für extrem viele Sachen und gucke auch gerne, ob ich das kann oder nicht.

Michaela Boland:

Hast du denn derzeit schon eine konkrete Vorstellung davon, was du in der Reamonn-Pause tun möchtest?

Rea Garvey:

Ich habe auf jeden Fall eine konkrete Vorstellung, aber finde, im Namen der Band soll jeder auch sein eigenes Ding vorstellen können. Jetzt machen wir zunächst mal bis Ende des Jahres REAMONN und danach wird jeder bestimmt auch sein eigenes Projekt vorstellen.

Michaela Boland:

Ihr habt ja schon die unterschiedlichsten Musikprojekte durchgeführt, u.a. auch schon Musik für Film und Fernsehen geschrieben. Hat man da theoretisch finanziell schon ausgesorgt und könnte sich, wenn man denn wollte, fortan bequem zurücklehnen?

Rea Garvey:

Nö, ich glaube das kann wohl kaum jemand heutzutage, außer vielleicht derjenige, der wahnsinnig viel Geld geerbt hat. Das Leben ändert sich so oft und meine Frau und ich haben am Anfang sowieso beschlossen, wir genießen das Leben. Wir geben das Geld gerne aus.

Ich bin nicht jemand, der das Geld für spätere Zeiten lagert. Ich glaube, weil ich aus einer zehnköpfigen Familie komme, war Reichtum nie so mein Ziel. Wir haben gut gelebt, aber wir haben nie Geld gehabt. Wir können gut mit dem Leben umgehen und wir wohnen schön, da bin ich sehr dankbar und haben den einen oder anderen Luxus, den ich auch schön finde für mich.

Michaela Boland:

Autos? 

Rea Garvey :

Nein, nicht unbedingt. Also, witzigerweise ist es nicht so ein Ding für mich. Ich mag es schon, schöne Autos zu fahren, ich fahre auch ein schönes Auto, gar keine Frage, aber das ist auch kein großes Ziel für mich. Aber, Wohnen, nach Hause kommen, das ist für mich das, was wichtig ist.

Wir haben nie in Aktien oder Fonds und Trallala investiert , das war alles immer mehr für andere, denn ich habe es einfach nie kapiert, ganz ehrlich gesagt und Geld verstehe ich auch nicht so ganz. Da ist meine Frau einfach um ein Vielfaches besser als ich.

Aber wir wohnen schön und wenn wir Urlaub machen, dann machen wir einen schönen Urlaub. Denn wir haben nicht zu viel Zeit und daher genießen wir das dann eben. Und da geht das meiste Geld, das ich verdiene halt hin.

Außerdem habe ich ja eine große Familie, ich sorge für die, wenn ich kann auch. Natürlich nicht im großen Stil, denn die haben ja auch alle ihr eigens Leben. Aber wenn es mir gut geht, dann soll es meinen Leuten und meiner Familie auch gut gehen.

Denn so funktioniere ich. Das heißt natürlich, dass man sich nicht zurücklehnen kann und einfach nichts machen, aber ehrlich gesagt, wer will das machen? Das ist extrem langweilig, glaube ich.

Michaela Boland:

Ihr engagiert euch auch sozial im Rahmen eurer selbst gegründeten Stiftung „Saving an Angel“, die sich für Kinder einsetzt. Auf euer Homepage ist zu lesen, dass der Grund dafür der gewesen sei, dass nach Beteiligung an anderen Hilfsprojekten im Nachhinein ein flaues Gefühl geblieben sei, dass die gesammelten Gelder nicht wirklich den jeweiligen Projekten zu Gute kämen.

Nun wart ihr 2001 zur Unterstützung von Unesco-Botschafterin Ute-Henriette Ohoven in Minsk für ein Kinderkrebskrankenhaus im Einsatz. Ohoven war zeitweilig öffentlich ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, nachdem Behauptungen von angeblich nicht ordentlich eingesetzten Spendengeldern aufkamen.

So soll Starkoch Tim Mälzer 51.000 Euro für ihre Stiftung gespendet haben, die nie bei Bedürftigen angekommen sein sollen, wie Bild.de vom 02.08.2006 berichtet. Steht euer Entschluss, lieber selbst eine Stiftung zu gründen, damit in irgendeinem Zusammenhang?

Rea Garvey:

Nein, das sind so die Themen, da habe ich keinen Kommentar, weil ich erstens nicht viel darüber weiß und zweitens, wenn ich nicht irgendwie voll informiert bin, dann will ich natürlich keine Meinung dazu haben. Unsere Stiftung haben wir aus ganz einfachen Gründen gegründet.

Wir wurden so oft gefragt, aber immer waren es Dinge, die wir nicht in unseren Händen hatten. Immer haben unsere Fans uns unterstützt. Und da haben wir beschlossen, o.k., lass uns gucken, dass wir das ganze selber führen können.

Und das machen wir schon seit langem und es ist ein großer Erfolg, denn wir haben schon Millionen Euro in die Wege geleitet an Organisationen, die wir gut finden und unterstützen wollen. Es ist eine Wahnsinnsarbeit, die mich persönlich sehr stolz macht.

Es ist im Vergleich zum Musikmachen eine sehr harte Arbeit, weil wir natürlich alles, was wir unterstützen, recherchieren und ansehen wollen. Manchmal steckt man in Äthiopien oder in die Arche in Berlin oder München, oder in ein Krebskrankenhaus beziehungsweise ein Haus für missbrauchte Kinder.

Und da bist du echt eigentlich nichts, du bist echt so die kleinste Schraube in der ganzen Maschinerie. Da musst du halt wahnsinnig kämpfen, damit das funktioniert, damit die Menschen, die die Arbeit leisten, auch tatsächlich weiter arbeiten können und auch dass die Kinder die Hilfe bekommen, die sie verdient haben. Das macht mich stolzer als alles andere, was ich mache. 

Michaela Boland:

Das heißt, die Arbeit der Stiftung wird schon weitergehen, auch wenn ihr eine Pause macht.

Rea Garvey:

Absolut. Ja, das werde ich weiter führen.  

Michaela Boland:

Du setzt dich für Kinder ein, hast bisher selbst eine Tochter, die 2005 geboren wurde. Ist dahingehend vielleicht noch weiterer Familienzuwachs geplant? 

Rea Garvey:

(Lacht).Das geht dich gar nichts an .(lacht erneut herzhaft) Ganz klar gesagt.

Michaela Boland:

O.k., ich hoffe, du sprichst über deinen Vater, denn der ist ja heute hier und beim Konzert in Köln dabei. Ist das eine Premiere?

Rea Garvey:

Nein. Er ist schon häufiger dabei gewesen. Ich mag es sehr, wenn er dabei ist. Wir verstehen uns blendend. Und der wollte rüber kommen und hat seinen Koffer mitgebracht. Gestern haben wir so schön und lange miteinander gesprochen.

Ich glaube immer, ich spiegele halt ein Leben wider, wovon er geträumt hat, deswegen macht es ihm total Spaß. Er hat auch selbst bisher ein großes Leben geführt, von dem ich viel abgeguckt habe. Ja, wir haben unseren Spaß, wenn wir zusammen unterwegs sind.

Michaela Boland:

Wie alt ist dein Dad?

Rea Garvey:

Keine Ahnung, weiß ich nicht.

Michaela Boland:

Offensichtlich ist er jedenfalls recht unternehmungslustig. In diesem Sinne wünsche ich euch eine gute Show und Resttour. Für die Zukunft alles Gute für alle Reamonn-Mitglieder .

In der Hoffnung, dass wir euch nach einer für euch alle ausreichenden Pause in alter Form mit vielen schönen neuen Stücken wieder auf den Bühnen dieser Welt begrüßen dürfen, bedanke mich recht herzlich für dieses schöne Interview. 

Reamonn:

ist eine deutsche Rockband um den irischen Sänger Rea Garvey (Raymond Michael Garvey), dem ehemaligen Sänger und Gitaristen der Reckless Pedestrians. Bekannt wurde Reamonn insbesondere durch ihren Hit „Supergirl“, der im Jahr 2000 bis auf Platz 4 der deutschen Charts kletterte.

Die Band trat bereits im Vorprogramm der Guano Apes, HIM und Robbie Williams auf. Nach ihrem Debütalbum „Tuesday“ errreichten die beiden nachfolgenden Alben „Dream No 7“ und „Beautiful Sky“ Gold- und Platinstatus.

2001 hatte Reamonn einen Gastauftritt in den deutschen Kinofilm „Mondscheintarif“ nach dem Bestseller von Ildikó von Kürthy, zu welchem sie die Single „Weep“ beisteuerten. Die Band arbeitete ebenfalls mit Jam & Spoon sowie Xavier Naidoo zusammen und trat in dessen Vorprogramm auf.

2002  lieferte Reamonn die Titelmusik für die Pro7-TV-Produktion „Fort Boyard“ ab. Im Jahr 2006 erschien ihr Album „Wish“, 2008 das erfolgreiche Album „Reamonn“. Die erste Singleauskopplung daraus „Through the eyes of a child“ erreichte Platz sechs der deutschen Charts.

Ein Best-of-Album mit dem Titel „Eleven“ auf dem auch drei neue Songs enthalten sein werden, wird das vor der auf unbestimmte Zeit angekündigten Pause vorerst letzte Album der Gruppe sein.

Infos unter:

http://www.reamonn.com/

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

 

 

 

 

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20.08.2010 Die beste Carmen kommt aus Riga!

klassikakzente - mit 3 Bildern

Elīna Garanča besitzt einfach alles: Musikalität, Technik, Stimme, Selbstvertrauen, Intelligenz, Wandlungsfähigkeit und das Aussehen eines Filmstars. Der Erfolg scheint ihr sicher. Und ihr erster Auftritt an der Met Samstagabend war ein Erfolg . . .

New York Sun

Elīna Garanča wurde 1976 in Riga als Kind einer musikalischen Familie geboren. 1996 ging sie an die Lettische Musikakademie in ihrer Heimatstadt. Noch während ihres Studiums hatte sie 1998 ein entscheidendes Erlebnis:

Nach nur zehn Tagen Vorbe­reitungszeit sang sie die Rolle der Giovanna Seymour in Anna Bolena und entdeckte eine tiefe Affinität zum Belcanto-Repertoire. Nach dem Examen wurde sie in Deutschland ans Staatstheater Meiningen engagiert, wo sie u. a. Octavian im Rosen­kavalier sang.

1999 trat sie außerdem beim Savonlinna-Opernfestival als Maddalena in Verdis Rigoletto auf und gewann den Mirjam-Helin-Gesangswettbewerb in Finnland.

Seither tritt sie in den großen internationalen Opernhäusern und Konzertsälen auf und gehört inzwischen dank ihrer wundervollen Stimme, Musikalität und überzeugenden Bühnen­präsenz zu den neuen Stars der Musikwelt.

2006 erhielt sie den Europäischen Kulturpreis für Musik bei einer vom deutschen Fernsehen übertragenen Gala in der Dresdner Frauenkirche; 2007 wurde sie mit einem Echo-Preis für Aria cantilena – ihr erstes Solo-Album bei Deutsche Grammophon – und dem lettischen Drei-Sterne-Orden ausgezeichnet.

2000 Gewinnt den Großen Musikpreis Lettlands. Geht an die Oper in Frankfurt und singt dort in ihrer ersten Spielzeit u. a. die Zweite Dame in der Zauberflöte, Hänsel in Hänsel und Gretel und Rosina in Il barbiere di Siviglia 2001 Finalistin in BBC’s Cardiff Singer of the World Competition.

Erste Solo­auf­nahme: ein Programm mit Opernarien 2003 An der Wiener Staatsoper: Lola in Cavalleria rusticana, Orlofsky in der Fleder­maus, Meg Page in einer Neuinszenierung von Falstaff und Rosina in Il barbiere di Sivi­glia.

Debüt bei den Salzburger Festspielen als Annio in La clemenza di Tito. Singt Dorabella in Così fan tutte in Frankfurt. Auftritte als Rosina und als Solistin im Stabat Mater beim Rossini-Festival der Oper Helsinki. Nicklausse und die Muse in Les Contes d’Hoffmann in Tokio.

Gastauftritt für Deutsche Grammophon, als sie mit Anna Netrebko in einer Szene und Kavatine aus Lucia di Lammermoor in Netrebkos Debütalbum Opera Arias zu hören ist 2004 Dorabella, Meg Page und Rosina an der Wiener Staatsoper. Dorabella bei den Salzburger Festspielen.

Bellinis Adalgisa (mit Edita Gruberova als Norma) in Baden-Baden. Rossinis Cenerentola in Paris am Théâtre des Champs-Élysées. Singt Alban Bergs Sieben frühe Lieder unter Philippe Jordan im Wiener Konzerthaus 2005 An der Wiener Staatsoper: Debüt als Charlotte in Werther sowie Rosina und Meg Page.

Dorabella in Aix-en-Provence und bei ihrem Debüt an der Pariser Opéra im Palais Garnier. Konzerte in Luzern und Graz 2006 Triumphiert als Octavian an der Wiener Staatsoper und als Sesto in La cle­menza di Tito am Theater an der Wien.

Weitere Auftritte als Octavian, Rosina, Cherubino, Dorabella, Sesto und Charlotte in Wien; Sesto in Paris. Bei den Salzburger Festspielen zwei Konzerte mit Mozart-Arien unter Sir Roger Norrington und ein Konzert mit geistlicher Musik von Mozart unter Riccardo Muti; Beethovens Missa solemnis mit dem Orchestre national de France unter Kurt Masur.

Recitals bei der Schubertiade in Schwarzenberg. Mitwirkung beim Mozart-Album mit neuen Aufnahmen von Mozart-Arien, vorgetragen von den Gesangsstars der Deut­schen Grammophon wie Anna Netrebko, Thomas Quasthoff, René Pape und Bryn Terfel und zur Eröffnung der Salzburger Festspiele veröffentlicht.

2007 Zu Elīna Garančas Verpflichtungen zählen Auftritte als Rosina, Cherubino, Dorabella, Octavian, Charlotte und Adalgisa an der Wiener Staatsoper; Debüts an der Berliner Staatsoper als Sesto, am Royal Opera House, Covent Garden, als Dorabella, und das Rollendebüt als Carmen an der Lettischen Nationaloper in ihrem heimatlichen Riga.

Unternimmt eine Tournee mit dem Concertgebouw Orkest unter der Leitung von Mariss Jansons in Ams­ter­dam, London, Paris und Wien; auf dem Programm stehen Berios Folk Songs.

Drei Galakonzerte mit Anna Netrebko, Ramón Vargas, Ludovic Tézier und dem SWR Sinfonieorchester unter Marco Armiliato – das dritte Galakonzert wird im deutschen Fernsehen vor über 2 Millionen Zuschauern ausgestrahlt und für die Audio- und Video-Veröffentlichung auf Deutsche Grammophon mitgeschnitten (The Opera Gala – Live from Baden-Baden).

Ihre erste Soloaufnahme für Deutsche Grammophon Aria cantilena (mit der Staats­kapelle Dresden unter der Leitung von Fabio Luisi) präsentiert Höhepunkte aus einigen ihrer schönsten Opernrollen und erhält den Echo-Preis 2007; die Veröffentlichung des Albums wird begleitet von einer Deutschland-Tournee mit diesem Repertoire zusammen mit den Münchner Symphonikern unter Heiko Mathias Förster.

Elīna Garanča wird vom lettischen Staat mit einem Drei-Sterne-Orden ausgezeichnet 2008 Das Jahr beginnt mit Elīna Garančas sensationellem Debüt an der New Yorker Met als Rosina in Il barbiere di Sivi­glia. Sie gibt ihr Rollendebüt als Romeo in konzertanten Aufführungen von Bellinis I Capuleti e i Montecchi in Riga und wiederholt die Rolle in Wien an der Seite von Anna Netrebko mit den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Fabio Luisi (Mitschnitt Deutsche Grammophon zur Veröffentlichung 2009).

Sie singt Octavian an der Deutschen Oper Berlin, Adalgisa bei ihrem Debüt an Münchens Bayerischer Staatsoper, wo sie auch als Charlotte auftritt, und debütiert als Marguerite in Berlioz’ Damnation de Faust in Genfs Grand Théâtre.

Konzertauftritte in Mahlers Dritter Symphonie im Wiener Musikverein, Berios Folk Songs mit den Berliner Philharmonikern unter Mariss Jansons in der Philharmonie, Ravels Shéhérazade mit dem Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Abbado und Berlioz’ Les Nuits d’été mit den Wiener Philharmonikern wiederum unter der Leitung von Mariss Jansons bei den Salzburger Festspielen. Singt beim Konzert »Weltstars der Oper« im Wiener Naturstadion Hohe Warte.

2009 Auf Garančas erstes erfolgreiches Solo-Album folgt unter dem Titel Bel Canto eine Sammlung von Arien und Ensembles, und in der neuen Aufnahme von Bellinis I Capuleti e i Montecchi singt sie die Partie des Romeo an der Seite von Anna Netrebko als Julia – beide Einspielungen erscheinen Anfang des Jahres.

Zu Garančas Verpflichtungen gehören Octavian im Rosenkavalier an der Wiener Staatsoper, Romeo an der Seite von Anna Netrebko in Bellinis I Capuleti e i Montecchi und Carmen am Covent Garden, Angelina in Rossinis La Cenerentola an der Met sowie Charlotte in Massenets Werther in Wien und Baden-Baden mit Rolando Villazón. Sie unternimmt eine Europa-Tournee mit dem Kammer­orchester Basel und eine Deutschland-Tournee mit der Neuen Philharmonie Westfalen 1/2009

Habanera
Elīna Garanča, Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai, Karel Mark Chichon

Format: CD Audio | CD | Album | 0028947787761 Label: Deutsche Grammophon Erscheinungsdatum: 20.08.2010

Die beste Carmen kommt aus Riga! Auf dem neuen Album von Elina Garanca "Habanera" dreht sich alles um die Themen "Spanien, Zigeuner und Carmen" in der vielfältigen Weltsprache Musik.

Angefangen bei Bizets erster Fassung der berühmten "Habanera" durchmisst Garanca ein musikalisches Spektrum, das von Lehárs Operette "Zigeunerliebe", über Ravels populärer "Vocalise en forme de Habanera" und Barbieris Zarzuela bis hin zu Leonard Bernsteins "Candide" sowie Liedern von de Falla und anderen spanischen Komponisten.

Einen der Gründe für ihre intensive Beziehung zum spanischen Kolorit erklärt die Mezzosopranistin so: "Mein Mann kommt aus Gibraltar, er ist also in unmittelbarer Nähe zu Spanien aufgewachsen. Er hat mir diese Gattung nahe gebracht und mir einige bekannte Stücke daraus gezeigt."

Tourneetermine:

23.9.2010 Düsseldorf, Tonhalle
26.9.2010 München, Philharmonie
28.9.2010 Hamburg, Laeiszhalle
1.10.2010 Baden-Baden, Festspielhaus
4.10.2010 Frankfurt am Main, Alte Oper

 

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21.07.2010 Ragna Schirmers Debüt-CD erschien im Mai 2000

Hasko Witte - Berlin Classics - mit 2 Bildern

Ragna Schirmer gilt als eine der interessantesten Künstlerinnen der jungen Generation. Ihr Repertoire ist äußerst umfassend und reicht von Bachs Goldbergvariationen bis zur Musik der Gegenwart.


Ragna Schirmer erhielt ihre Ausbildung bei Prof. Karl-Heinz Kämmerling in Hannover und bei Prof. Bernard Ringeissen in Paris. Sie schloss sämtliche Studien mit Bestnoten ab.

Bei nationalen und internationalen Klavierwettbewerben gewann sie fünfzehn erste Preise und Sonderpreise, darunter so bedeutende wie UNISA in Pretoria, Südafrika und Senigallia, Italien.

Mit fünfzehn war sie die jüngste Finalistin in der Geschichte des Busoni-Wettbewerbs, mit siebzehn gewann sie den Sonderpreis beim Wettbewerb des Deutschen Musikrates.

Besondere Aufmerksamkeit erregte sie beim Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb in Leipzig, den sie sowohl 1992 als auch 1998 für sich entscheiden konnte. Sie erhielt damit zweimal den Titel „Bachpreisträgerin“, was bisher noch keinem Pianisten gelungen ist.

Mit 28 Jahren wurde Ragna Schirmer auf eine Professur an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Mannheim berufen.


Ragna Schirmer trat mit den Münchner Philharmonikern unter Zubin Mehta auf, mit der Camerata Salzburg unter Sir Roger Norrington, mit dem Orchestre National de France unter Kurt Masur, mit dem MDR-Sinfonieorchester unter Fabio Luisi, dem Gürzenich Orchester unter Andrey Boreyko, dem Gewandhausorchester unter Herbert Blomstedt sowie der Deutschen Kammerphilharmonie, um nur wenige zu nennen.


Recitalabende gab sie in der Kölner Philharmonie, dem Gewandhaus zu Leipzig, der Stuttgarter Liederhalle und mehrmals in der Hamburger Musikhalle und der Tonhalle Düsseldorf.

Weitere Engagements führten sie in die bekanntesten Konzertsäle Europas und zu renommierten Festivals wie dem Klavier-Festival Ruhr, dem Beethovenfest Bonn, dem MDR-Musiksommer und den Salzburger Festspielen.


Ragna Schirmers Debüt-CD mit den Goldbergvariationen erschien im Mai 2000 und wurde in der Fachzeitschrift Fono Forum mit dem Stern des Monats ausgezeichnet, ebenso ihre 2006 erschienene Schumann-CD. Ihr Haydn-Doppelalbum erhielt 2003 einen ECHO-Klassik.

Auch ihre zahlreichen weiteren Einspielungen (Chopin, Corigliano, Schnittke, Schmidt, Beethoven, Schumann) wurden europaweit mit höchster Anerkennung rezensiert, wie auch die im gleichen Jahr erschienene Mendelssohn-CD mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken.


2009 erhält Ragna Schirmer erneut den renommierten ECHO-Klassik Preis in der Kategorie „Solistische Einspielung des Jahres“ für ihre vielbeachtete erste Gesamt-Einspielung der Klavier-Suiten Georg Friedrich Händels, die in diesem Jahr bei Berlin Classics veröffentlicht wurde.

Ragna Schirmer über ihre neue Aufnahme

128 Jahre nachdem Georg Friedrich Händel seine B-Dur Suite für Cembalo veröffentlicht hatte, entdeckte Johannes Brahms die »Aria« aus eben jener Suite und formte mit 25 Variationen und einer großen Fuge über dies Thema einen Kosmos romantischer Klavierkunst, der in der Literatur seinesgleichen sucht.

Da mir persönlich die Händel-Aria auch sehr am Herzen liegt, reizte es mich, wiederum 148 Jahre später intensiv an diesem großen Werk von Johannes Brahms zu arbeiten.


Wenn ich mich einem Komponisten mehr und mehr zu nähern versuche, lese ich vor allem Biographisches über ihn. Bei der Beschäftigung mit Brahms entdeckte ich die Aufzeichnungen von Joseph Victor Widmann, einem engen Freund und Vertrauten des Komponisten.

Er schreibt sehr persönlich über seine Erlebnisse mit Brahms. Liest man in diesen »Erinnerungen«, wie der Tonschöpfer immer ein paar Bonbons in der Tasche hatte, um eventuell vorbeikommenden Kindern eine Freude zu machen, oder erfährt man, dass Brahms nicht weiterkomponierte, ehe er nicht einen entlaufenen Hund wiedergefunden hatte, dann bekommt man ein anrührendes, menschliches Bild dieses Mannes.

Dieses Liebevolle, gepaart mit künstlerischer Intensität, das ist es, was mich an der Person Johannes Brahms interessiert und was meiner Meinung nach Ausdruck in seinem Werk findet.


Aus diesem Grunde habe ich auf dieser CD die vielfarbigen »Händel-Variationen «, mit den Walzern op. 39 und den Rhapsodien op. 79 kombiniert. Die Walzer sind entzückend und berührend schlicht und edel gehalten, deshalb erfreuten und erfreuen sie sich bis heute großer Beliebtheit.

Brahms hat sie sowohl in einer Fassung für Klavier zu vier, als auch zu zwei Händen herausgegeben. Da in der zweihändigen Fassung gegenüber der vierhändigen einige Begleitfiguren fehlen, habe ich diese an manchen Stellen ergänzt.


Die Rhapsodien sind von enormer Intensität, dennoch aber polyphon und klar strukturiert. Es war mir wichtig, dies Spannungsfeld darzustellen, in dem sich meiner Meinung nach die Klaviermusik von Brahms bewegt.


Die Vollgriffigkeit des Klaviersatzes von Brahms überdeckt nie die feinen Linien seiner Melodieführung. Gibt man sich ihr hin, so fühlt man sich sowohl beim Hören als auch beim Musizieren der Ausdruckswelt von Johannes Brahms ganz nah. Man spürt die gewaltige Kraft dieses Mannes, ohne die Feinheit seines Ausdrucks zu verlieren.


Mir ist Johannes Brahms im Laufe der Entstehung dieser CD näher gekommen, und ich würde mich glücklich schätzen, diese Nähe mit Ihnen teilen zu dürfen.

Ihre Ragna Schirmer

KONZERTE 2010

18.07.2010 Schloss Herrenchiemsee, Spiegelsaal
Mozart Klavierkonzert F-Dur KV 459 (Orchester der KlangVerwaltung, Reinhard Goebel)

26.07.2010 Montpellier (F), Salle Pasteur
Rezital: Chopin (Festival Radio France et Montpellier Languedoc-Roussillon)

01.08.2010 Fredener Musiktage, Kirche St Georg & Zehntscheune 
Rezital: Goldbergvariationen (Wandelkonzert - der erste Konzertteil wird von der camerata freden gestaltet)

22.08.2010 Leipzig 
Rezital: Robert und Clara Schumann

27.08.2010 Bad Sooden-Allendorf
Rezital (Kultursommer Nordhessen)

30.09.2010 Luxemburg, Banque de Luxembourg, Auditorium
Rezital: Chopin und Schumann

01.10.2010 Wittlich, Kultur- und Tagungsstätte Synagoge 
Rezital: Robert und Clara Schumann

07.10.2010 Bochum, Audimax der Ruhr-Universität 
Mozart Klavierkonzert KV 482 (Bochumer Symphoniker, Nicholas McGegan)

08.10.2010 Bochum, Audimax der Ruhr-Universität 
Mozart Klavierkonzert KV 482 (Bochumer Symphoniker, Nicholas McGegan)  

17.10.2010 Berlin, Philharmonie
Mozart Klavierkonzert KV 482 (DSO, Roger Norrington)

22.10.2010 Heilbronn, Harmonie, Theodor-Heuss Saal 
Chopin Klavierkonzert Nr. 1 (Württembergisches Kammerorchester, Ruben Gazarian)

31.10.2010 Papenburg, Stadthalle - Forum Alte Werft 
Rezital

04.11.2010 Winsen/Luhe, Marstall
Rezital: Haydn, Brahms, Bartok, Liszt

07.11.2010 Coesfeld, Theater

18.11.2010 Kempten/Allgäu, Theater
Rezital: Robert und Clara Schumann/Chopin op. 10

19.11.2010 Karlsruhe, Stephanssaal
Rezital: Robert und Clara Schumann/Chopin op. 10

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08.07.2010 Ideengeber, Gründer und Vorstandsvorsitzender

Michaela Boland - mit 5 Bildern

Dass ein typischer G8-Gipfel nicht nur als Abstimmungsforum über Fragen der Weltwirtschaft fungieren, sondern durchaus auch hilfreich bei der kreativen Namensfindung für Charity-Hilfsprojekte sein kann, weiß er noch ganz genau:

Dr. Dr. Benjamin Fritz. Dem promovierten Zahnarzt und Radiologen aus Düsseldorf lag aufgrund einer persönlichen Verbindung zum Kölner Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße nämlich eine Sache besonders am Herzen:

Wegen seiner gesammelten Erfahrungen während seines PJs (Anm. d. Red.: praktisches Jahr im Rahmen der Ärzteausbildung) hatte er sich vor elf Jahren in den Kopf gesetzt, Gutes für Kinder zu tun.

Nach einer spektakulären Hilfsveranstaltung in der Kölner Flora zugunsten jenes Kinderkrankenhauses an der Amsterdamer Straße, bei welcher 1800 geladene Gäste gediegen für den guten Zweck feiern und insgesamt 16.000 DM Spenden für die hilfsbedürftigen Kinder gesammelt werden konnten, lag eins auf der Hand.

Fortan sollte regelmäßig Gutes getan werden. Für den neu zu gründenden Verein, der auch in Zukunft Hilfsprojekte für die kleinsten Einwohner der Stadt finanzieren sollte, musste schnellstens ein Name her. Der 1999 stattgefundene G8-Gipfel lieferte insoweit dann die zündende Idee.

Weil hier nämlich die Spitzen, also die Regierungschefs der acht führenden Industrienationen gerade in Köln in gemeinschaftlichen Dialog traten, um einen Konsens in Weltwirtschaftsfragen zu erörtern, war irgendwie naheliegend, die Spitzen der „Stadte am Rhing“ gleichwohl namentlich ins Gespräch zu bringen.

Und da das Wahrzeichen der Rhein-Metroplole nun mal der Kölner Dom ist, und dieser mit seinen Türmen zu jener Zeit wohl auch zu den höchsten Erhebungen der Stadt zählte, ward das Namenskompositum schnell geboren. Domspitzen eV.

Mit unterschiedlichsten Hilfsprojekten setzen sich die Domspitzen seitdem für Kinder in Not ein, veranstalten ausgefallenste Benefiz-Events mit Bezug zu vor allem lokal unterstützen Hilfsprojekten und demonstrieren auf diese Weise soziales Engagement zum Mitmachen.

Vor kurzem feierte der Verein sein zehnjähriges Bestehen. Im Rahmen einer fulminanten Feier auf der Belle Étage der Kölner „Villa“ wurde bei aufwendigem Bühnenprogramm, Kaiserschoten-Feinkostschmaus, Champagner, Bier und Wein auf eine hilfreiche Zukunft des Domspitzen eV angestoßen.

Wie Ideengeber, Gründer und Vorstandsvorsitzender, Benjamin Fritz, den Ballance-Akt zwischen langjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit, beruflicher Karriere, politischem Engagement und Privatleben meistert, hat er Michaela Boland für das Porträt des Monats im Gespräch verraten.

Das Belgische Viertel in Köln liebt er. Hier fühlt er sich zuhause, kennt sich aus, wie in seiner Westentasche. Hatte er doch bis vor fünf Jahren noch selbst in der Domstadt gelebt. Grund genug für Dr. Dr. Benjamin Fritz, mich bei lauer Sommerabendatmosphäre her zu führen.

Die Medienberichte der letzten Wochen über das bunte Treiben in den Straßen jenes Viertels treffen zu: Hunderte junger und junggebliebener Leute tummeln sich hier bis in die frühen Morgenstunden, übrigens zum Leidwesen der Anwohner, die seither kaum noch Schlaf, dafür jedoch regelmäßig jede Menge hinterlassenen Dreck vorfinden.

Im Kiosk um die Ecke, der vermutlich derzeit das Geschäft „seines Lebens“ macht, versorgen sich die einen mit reichlich Getränken und Süßigkeiten, andere sitzen in den Außenbereichen der Bars und Restaurants, speisen genüsslich und beobachten das Geschehen.

Um einen Geschenkartikelladen, mitten im Wohngebiet, haben sich Trauben von Menschen gruppiert, denn im Schaufenster des Lädchens, stehen zwei ausgesprochen gutaussehende Gitarristen, die einfach mal drauflos spielen und ihre Akkorde mittels vor dem Eingangsbereich aufgestellter Lautsprecher einem tatsächlich noch größeren Publikum schmackhaft machen. Hier also fühlt sich Mediziner Fritz wohl, was keineswegs schwer nachzuvollziehen ist.

Nachdem sich für unser Gespräch ein wenig mehr Ruhe günstig auswirken könnte, begeben wir uns zu einem nahegelegnen Kinderspielplatz, der ein wenig abseits liegt und zu fortgeschrittener Stunde kaum mehr Kinder aufweist.

Zuerst noch mit etwas, sagen wir mal, Proviant, bei besagtem Kiosk ausgestattet, denn so macht man das hier, setzen wir uns auf eine Bank. Benjamin, der eigentlich Lars Benjamin heißt und vornehmlich Ben genannt wird, zeigt mir einen „Laden“, der eng mit seiner Jugend verbunden ist.

Das „Hallmackenreuther“, am Brüsseler Platz. Eine traditionsreiche Bar, in der er früher regelmäßig vor der Schule gejobbt hat, um sich etwas hinzuzuverdienen. Das war lange bevor er zum Wohltäter wurde.

Schon jetzt blickt der sympathische Dr. Dr. mit jungenhaftem Charme auf eine beachtliche Laufbahn zurück. „Ich freue mich zwar immer über das, was passiert ist, aber irgendwie sehe ich das ständig so, dass ich noch am Anfang stehe, sozusagen noch ein Anfänger bin“, klingt er bescheiden. 

Dabei ist Fritz ist ein Macher, auf der ganzen Linie und offenbar seit jeher. Davon jedenfalls zeugen schon seine beruflichen Qualifikationen. Bereits im zweiten Studiensemester der Zahnmedizin nahm das Mittlere von drei Kindern zeitgleich ein reguläres Medizinstudium auf, und brachte nicht nur beide Studiengänge erfolgreich zu Ende, sondern promovierte in jedem.

Nach vollbrachter Arbeit hing der Mann mit den schönen blauen Augen dann sogar noch ein international anerkanntes Wirtschaftsstudium, welches er mit dem MBA (Anm. d. Red: Master of Business Administration) abschloss.

„Aus welchem Grund hast du dich beim Studium gerade für die medizinische Fachrichtung entschieden“, möchte ich von Ben Fritz wissen. „Die ursprüngliche Motivation aus welcher heraus ich zuerst Zahnmedizin studiert habe war die, dass ich Ende der Achtziger Jahre einen Schüleraustausch in die USA gemacht und mein großer Bruder in der Zwischenzeit einen Zahnmedizinstudium begonnen hatte.

Das habe ich nur so am Rande mitbekommen und als ich zurückkehrte war mein Bruder einfach plötzlich in Berlin und studierte dort. Das fand ich super, er war schließlich mein großer Bruder.

Wir unterhielten uns dann wiederholt darüber und das hat mich eigentlich zu dem Entschluss gebracht, ebenfalls Zahnmedizin zu studieren“, erinnert sich der gebürtige Neusser, der in Köln aufwuchs.

Ziemlich clever fand Fritz, der sich auf Kieferchirurgie spezialisieren wollte, gemeinsam mit zwei Freundinnen und Kommilitoninnen heraus, dass ein altes Landesgesetz aus den 70er Jahren existierte, wonach es möglich war, in Köln parallel zur Zahnmedizin auch noch Medizin zu studieren.

Fortan musste der junge Fritz sich denn auch in Fächern wie Biologie, Physik, Mikrobiologie, Physiologie, Biochemie und Pathologie beweisen.

„Was ist das eigentlich für ein Gefühl, innerhalb der Anatomiekurse plötzlich an Leichen herumschneiden zu müssen“, frage ich den passionierten Arzt. „Man musste präparieren, erst die Haut entfernen, dann wurde als nächstes immer der Kopf aufgeschnitten, damit man das Gehirn heraus nehmen konnte.

Gruselig wurde es für mich nur einmal als ich irgendwann zu Hause in meiner Tasche das Jochbein einer Leiche entdeckte, das irgendwie dort hinein gekommen sein muss“, erschaudert Fritz noch jetzt.

Es sei schon komisch gewesen, jenes fremde tote Körperteil zu Hause in der Wohnung zu haben, erzählt Benjamin, und daher habe er es auch schnellstmöglich zurückgebracht. Schließlich sollte die „arme“ Leiche nicht ohne ihr Jochbein bestattet werden.

Auch habe er den Geruch des Formalin, also dem Präparat, welches man üblicherweise zum Frischhalten der Leichen benutzt, kaum mehr aus der Nase bekommen. „Ich hatte oft auch in der Straßenbahn, wenn ich Leute vor mir hatte, den Eindruck, dass es überall nach Leichen roch.

Da fragte ich mich ständig, ob ich mich gerade in einem Michael Jackson-Video befände“, beschreibt der Domspitzengründer. Nach diesen Erfahrungen eigentlich verwunderlich, dass Fritz die leichte Roman-Polanski Gruselkomödie „Tanz der Vampire“ als einen der schlimmsten Filme beschreibt, den er je im Leben gesehen habe.

„So wenig von einem Film habe ich, glaube ich, noch nie gesehen, weil ich immer das Kopfkissen vor die Augen gehalten habe, denn es war so gruselig, besonders als dieser Buckelige im Sarg den Berg hinunter fuhr.“

Nach 16 Semestern schloss Fritz seine Studien sodann erfolgreich ab, promovierte 1999 in Zahnmedizin, worin er auch approbiert ist, in dem Thema „Minimal invasive Kavitätenpräparation“ (Anm.: der Red.: Methoden, bei denen kein rotierendes Gerät mehr benutzt wird, um eine Zahnaushöhlung vorzunehmen, sondern ein oszillierendes, um weniger Zahnsubstanzverlust und Nachbardentalverletzungen beim Aushöhlen des Zahnes zu gewährleisten).

2004 promovierte er darüber hinaus auch noch in Medizin. In seiner Dissertation, die er übrigens in den USA am Bostoner Mass(achusetts) General Hospital der Harvard Universität anfertigte, geht es um „die Rotatorenmanschette im Schultergelenk“, ferner Kernspinntomographie von Schultermuskelrissen im Vergleich zum operativen Befund. Seine Forschung hierfür betrieb der Arzt an 300 lebenden Probanden.

Damals wie heute steht sein Wirken jedoch zu einem großen Teil unter dem Zeichen der Hilfsbereitschaft 

Gutes tun und darüber reden stellt ja seit jeher eine geschickte Kombination dar. So ist denn auch auf der Homepage des Domspitzen eV vom Mehrwert die Rede, der durch schlichte Motivation in emotionaler, persönlicher und beruflicher Hinsicht bei Helfern und Partnerfirmen erzielt werden könne.

Und jenen Mehrwert könnten Helfer und Partnerfirmen schlichtweg aus ihrem eigenen Engagement ziehen und sich hierdurch zum Weitermachen motivieren.

Bei Dr. Dr. Fritz war mangelnde Motivation jedenfalls zu keinem Zeitpunkt ein Thema. Der 39-Jährige Sohn einer auch in Psychodrama (Anm. d. Red: Form der Psychotherapie) ausgebildeten Lehrerin und eines Architekten scheint das Organisationstalent im Blut zu haben.

Schon als junger Student rief der blonde damals noch angehende Arzt legendäre Partys im Rahmen seiner PanAm-Geschäftsidee ins Leben. Für sein eigenes Geld zu arbeiten, erlernte der pfiffige Ben außerdem schon im Alter von 12 Jahren.

Damals begann Fritz damit, morgens Brötchen oder Zeitungen auszutragen. In der Oberstufe kurz vorm Abi ging er sogar regelmäßig vor der Schule oder am Wochenende im „Hallmackenreuther“ putzen.

Während des Studiums kam der 1,84m große Blondschopf dann jedoch auf die gute und vor allem lukrative Idee, Studentenpartys zu organisieren. Diese seien immer mehr geworden und so erhielt Ben gemeinsam mit einem Freund schließlich sogar das Angebot des Geschäftsführers einer großen Kölner Disco, den kompletten Samstag regelmäßig in jener Lokalität zu gestalten.

Fortan gründete Fritz mit besagtem Freund den sogenannten PanAm-Club, eine Houseparty, die zur festen Institution wurde. Stilecht statteten die Jungs die Location möglichst naturgetreu aus.

Auf der Grundlage eines Buches über die PanAM-Maschine „Heritage Clipper“ wurde das komplette Event sodann gestaltet. Kellnerinnen schoben im Stewardessenoutfit klassische „Saftschubsen“ , Eintrittskarten waren im Flugticketstil gehalten.

Nach annähernd zwei Jahren und insgesamt 103 Wochenenden Party war dann aber Schluss. Zum einen sei die Luft ein wenig heraus gewesen, und der Geschäftspartner musste ins Ausland. Andererseits fast schon schicksalhaft:

Auch der reale PanAM Flug103 stellte historisch betrachtet einen Abschluss dar, so besiegelte er seinerzeit doch das Schicksal des schottischen Städtchens Lockerbie (Anm. d. Red: Bombenanschlag auf ein Verkehrsflugzeug der amerikanischen Fluglinie Pan-American World Airways – PanAm-Flug 103 im Jahre 1988).

Schon hier ersichtlich: Die Passion Fritz: Die Leidenschaft fürs Organisatorische. „Genau dies habe ihn auch zu den Domspitzen gebracht“, weiß Ben Fritz genau. Zu der Zeit, als sein PJ beginnen sollte, stand Fritz plötzlich allein da.

Nun hatte er zwar zwei Studiengänge parallel studiert, war sich jedoch keineswegs sicher, ob er auch tatsächlich seine Approbation erhalten und alles wie gewünscht mit der Landesregierung hinbekommen würde.

Man hatte ihm und den beiden Kommilitoninnen zwar im Vorfeld gesagt, dass auf Grundlage des alten „ausgegrabenen“ Gesetztes schon alles glatt gehen würde, aber nun, hatten die beiden Fritz-Freundinnen längst unterwegs „schlapp gemacht“.

Während die eine sich doch lieber wieder ausschließlich auf Zahnmedizin zurückbesonnen hatte, hatte die andere kurzerhand komplett in die Medizin gewechselt und das Dasein als Dentalfachfrau ad acta gelegt. Übrig geblieben war einzig Ben Fritz, der beide Studiengänge bis zum vorläufigen Ende gebracht hatte.

Erleichterung erfuhr der angehende Doppelmediziner dann erst als er im Landesprüfungsamt alles anerkannt und problemlos zugelassen wurde. Dann endlich begann 1998/99 sein PJ und er musste einsehen, dass dies nicht unbedingt ein Zuckerschlecken sein würde. So sagt er denn auch: „ Das ist viel Arbeit, da kann man keine Partys mehr machen.“

Nach Beendigung des arbeitsintensiven PJs sah es dann jedoch schon wieder ganz anders aus: Ebenso wie Vorbild und Kinderradiologe Dr. med. Dipl. chem. Maximilian Kellner aus Köln Ben Fritz an die Kinderradiologie herangeführt habe, sei es dann aber der damalige Chef des Kinderkrankenhauses Amsterdamer Straße, Prof. Dr. Alexander Holschneider, gewesen, welcher Fritz seinerzeit durch seine schillernde Persönlichkeit dazu gebracht habe, sich auch karitativ für Kinder einsetzen zu wollen.

Da der junge Fritz im „Party-Veranstalten“ bereits geübt war, lag auf der Hand, wie vorzugehen war. Somit wurde zunächst jene große Flora-Charity –Party, anschließend der neue Hilfsverein aus der Taufe gehoben.. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund, dem Nuklearmediziner Karma Ali Kameruddin, habe Fritz sodann in Anlehnung an das Kölner G8 Gipfeltreffen den Namen für seinen neuen Domspitzen eV ausgeklügelt.

Dass die zugrundeliegende Idee des Domspitzenvereins, nämlich Kinderleicht helfen, gut ankam, zeigte wohl auch die Tatsache, dass sich statt der vereinsrechtlich vorgeschriebenen sieben Gründungsmitglieder, sogleich 27 begeisterte Menschen gefunden haben, die von Anbeginn für die gute Sache einstehen wollten. Unter ihnen auch TV-Star und Nachttalker Jürgen Domian.

„Ein Freund von mir, Jürgen Domian und ich waren damals im selben Fitness-Studio“, erläutert Ben Fritz, wie es zur Zusammenarbeit mit dem Prominenten kam. „Und er ist immer mit dem Aufzug gefahren, da hat der ganze Aufzug ständig stark nach Parfüm gerochen“, lacht Fritz herzhaft.

Da er den Duft anders nicht hätte bemerken können, gibt der Arzt auch ehrlich zu, selbst ebenfalls regelmäßig jenen Aufzug benutzt zu haben.

Das Studio habe sich eben im fünften Stockwerk befunden und gleichermaßen hätten sie sich aber auch darüber ausgetauscht, wie schwachsinnig es eigentlich sei, ein Fitnessstudio zu besuchen, um sich „künstlich“ Muskeln anzutrainieren, jedoch eine für die alltägliche Fortbewegung vorgesehene Treppe schlichtweg zu ignorieren und stattdessen lieber Strom für die Aufzugnutzung zu verbrauchen.

Nichts desto trotz habe Fritz Domian damals in Sachen Domspitzen eV angesprochen. Der Moderator hielt die Idee für ausgesprochen gut, bot seine Unterstützung an und wurde kurzerhand Gründungsmitglied. Insgesamt zählen die Domspitzen sogar bereits über 120 Mitglieder.

Engagiert wird sich beispielsweise auch für Hilfsprojekte wie „Lesewelten“, eine Aktion der Kölner Freiwilligen Agentur. Damit die Lesefähigkeit von Kindern im Alter von 3 bis 12 Jahren gefördert wird, werden ihnen in Bibliotheken, Museen, Schulen und Kinderkliniken Geschichten vorgelesen.

Domspitzen eV sponserte hier sämtliche Exemplare eines von den Kindern gewünschten Buches. Außerdem sammelte der Verein Spenden für Kinder der Kölner Frauenhäuser, um ihnen Unternehmungen zu ermöglichen, die sonst aus Geldmangel nicht durchführbar wären.

Weiterhin zählt auch das heilpädagogische Voltigieren, welches bei Kindern nicht nur die soziale und emotionale, sondern gleichwohl die geistige Ebene anspricht, zu den Projekten, welche die Domspitzen im Rahmen von Kostenübernahmen für Reit-Therapien, fördern.

Durch eine Kooperation mit Streetkids international E.V. betätigte sich Domspitzen eV jetzt sogar auch international und spendete 35.000 Euro für den Bau eines Waisenhauses in Dar es Salaam in Tansania.

Reine Basisarbeit wird bei den Domspitzen nicht geleistet. „Der Domspitzen eV hat zwei Seiten an denen wir arbeiten, das eine sind die Events, Benefiz-Charity-Events, von denen vier bis fünf pro Jahr durchgeführt werden.

Mit ihnen holen wir Spendengelder rein, motivieren und akquirieren neue Mitglieder Außerdem betreiben wir damit natürlich auch Marketing für den Verein, um uns bekannt zu machen.

Dann gibt es natürlich die Seite der Hilfsprojekte, also die Seite, auf der wir unterstützen , insoweit das Geld ausgeben. Im Prinzip sind wir ein Zwischenglied zwischen jenen, die Geld zur Verfügung haben und denjenigen, die an der Basis die Hilfsprojekte durchführen“ erklärt Fritz.

Motto der Vereinsarbeit von jeher: Unermüdliche, kontinuierliche Arbeit. Ben Fritz kann kaum noch zusammenfassen, wie viele Stunden er bisher in seine ehrenamtliche Tätigkeit investiert habe .

Jetzt aber komme er gerade in eine Lebensphase, in der es auch um seine persönliche berufliche Karriere gehe. Zur Zeit nämlich ist der Vater eines sechsjährigen Sohnes dabei, sich als niedergelassener Radiologe einen Namen zu machen, nachdem er mehrerer Jahre Forschungsarbeit an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf betrieben, intensive Weiterbildung in Radiologie absolviert und sich bei Herbert-Grönemeyers-Bruder, Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer, ein Jahr lang in Schmerztherapie in Bochum ausbilden lassen hat.

Da fällt viel Arbeit an. Gerade im Hinblick auf gewisse Strukturen, in denen sich der zweifach promovierte Mediziner nun unvermittelt wiederfindet und kritisch feststellt: „Ich stecke da ganz persönlich plötzlich in einer Situation, in der ich mich einer Planwirtschaft unterwerfen muss, wenn ich so arbeiten will, wie ich es gerne möchte“, beklagt Fritz.

„Auf der einen Seite herrscht innerhalb des Gesundheitssystems richtiggehende Planwirtschaft vor, aber auf der anderen Seite, also dort, wo all diejenigen im Gesundheitssystem Arbeitenden Geld ausgeben müssen, wie z.B. beim Einkauf von medizinischen Geräten bei Siemens oder Ähnliches, herrscht wiederum Marktwirtschaft vor.

Die Schnittstelle ist letztendlich das Gesundheitssystem und das ist meiner Meinung nach ein Grund, warum es nicht funktioniert“, folgert der Arzt und vergleicht, „bei Planwirtschaft auf der einen Seite, nämlich der Einnahmeseite und Marktwirtschaft auf der anderen, der Ausgabenseite, verhält es sich ja sozusagen wie Sozialismus zum Kapitalismus.

Das kann nicht funktionieren, denn gerade an der Schnittstele entstehe das Problem.“ Dies sei allerdings nur ein Grund, warum es im Gesundheitssystem Schwierigkeiten gebe, meint der 39-Jährige.

Hiermit will er sich jedoch nicht zufrieden geben , daher erklärt sich womöglich auch Ben Fritz` Interesse, sich berufspolitisch zu engagieren. Lösungsansätze finden und umsetzen, also, etwas bewegen, macht womöglich dann Sinn, wenn man auch an entscheidender Stelle „anpacken“ kann.

Insoweit stellt sich der Umstand, dass der augenblickliche Wahl-Düsseldorfer seit kurzem im Vorstand der 52.000 Mitglieder umfassenden Ärztekammer Nordrhein sitzt, wohl nicht gerade nachteilig dar.

Im Rahmen seines fünfjährigen Mandats beschäftigt er sich als Mitglied der Weiterbildungs- sowie der Ethikkommission mit Diskussionen rund um medizinische Grundsatzfragen und Forschungsthemen.

Weiteren Grund zur Freude gibt es außerdem: Als dieser aus Berlin in der Ärztekammer Nordrhein in Düsseldorf zu Besuch war, traf Dr. Dr. Fritz Bundesgesundheitsminister Phillip Rösler .

Jener schien Fritz` Denkansätze, den Arztberuf künftig nicht mehr nur ausschließlich als technisch-wissenschaftliche Tätigkeit aufzufassen, sondern ihn ein Stück weit wieder zurück zum ursprünglich historischen Verständnis zurückzuführen, nämlich auch die reine Kunst des ärztlichen Handelns wieder aufleben zu lassen, recht interessant zu finden.

Und wer weiß, womöglich ist ein baldiges Wiedersehen der beiden Ärzte in diesem Zusammenhang nicht ausgeschlossen. Nachdem „Die Zeit“ erst vor wenigen Wochen mit „Neues Deutschland“, was die neue Regierungsmannschaft über die Republik verrät, titelte und den jungen Popstars der Politszene, Karl-Theodor zu Guttenberg, Philipp Rösler und Norbert Röttgen den Leitartikel unter der Überschrift „Merkels Boygroup“ widmete, frage ich Benjamin Fritz nach seinem Bild von Philipp Rösler.

„Ich kann mir vorstellen, dass er sehr gute Dinge im Gesundheitssystem bewegen kann, weil er Arzt ist, weil er jung ist und weil er der Mensch ist, der er ist. Und ich habe mich ja auch sehr mit dem Geistigen aus der asiatischen Kultur auseinandergesetzt, diese Ausstrahlung bringt er mit“, sagt Fritz.

Das kann man in der Tat laut sagen, denn abgesehen von dem Umstand, dass der Mediziner seit sieben Jahren jeden Tag mindestens 11 Minuten lang eine Mischung aus Yoga und Meditation praktiziert, verbrachte er auch etliche Wochen in der Abgeschiedenheit eines indischen Klosters.

Faszinierend sei für ihn „diese unheimliche Weisheit, die im Yoga liegt“. Nachdem es aus den ältesten religiösen Schriften, die es auf der Welt gebe, den Veden, entstamme. Was so alt sei, sei weise, denn es habe seither Bestand, meint Fritz.

Die Auseinandersetzung mit Körper und Geist und der Versuch, mit beidem im Einklang zu sein , mache es aus. „Es ist, glaube ich, ganz wichtig, dass man im Leben versteht, dass die Veränderung das Leben ist.

Dauerhaftigkeit ist zwar etwas Schönes, stellt aber lediglich eine Vorstellung des Menschen dar, aber das Wesentliche ist die Veränderung auf dieser Welt. Nichts bleibt auch nur eine Sekunde gleich“, weiß der Mediziner.

Sein rundes Zafu-Kissen benutzt der Arzt für Zen-Meditation. Während seiner Zeit im Kloster, wo er morgens um halb fünf habe aufstehen und abends um halb elf das Licht ausschalten müssen, habe er sehr viel Wichtiges für sich gelernt, erzählt mir Ben.

Sein schlichtes Interesse für das Bewusstsein und den Sinn habe ihn 2006 dorthin geführt. Es seien viele harte Wochen gewesen, erinnert sich der Radiologe, jedoch sei der immer wiederkehrende, typische, klare Tagesablauf und das disziplinierte, einfache Leben, wie beispielsweise im Schneidersitz am Boden von einfachen Blechtellern zu speisen, etwas gewesen, wovon er noch heute zehre, betont Fritz.

„Jeder andere sechswöchige Sommerurlaub am Strand mit voller Erholung wäre verpufft“, glaubt der Arzt. So beschreibt er denn auch, wie er noch heute von jenem Aufenthalt wie von einer Art Anker profitiere, wenn er beispielsweise im NLP (Anm. d. Red.: Neurolinguistische Programmierung) sitze, womit er sich ebenfalls auseinandergesetzt habe, könne er sich innerhalb weniger Sekunden in den Kloster-Zustand zurückversetzen und alles sei gut.

Auf die Frage, ob er ein demütiger Mensch sei, antwortet Ben Fritz, „ich denke schon.“ „Demut und Dankbarkeit sind ja nahe beieinander“, fügt er hinzu und fährt fort, „ich denke jetzt daran, dass mein Sternzeichen Fisch ist, ich weiß nicht, ob es daran liegt?“.

Demut habe ja auch etwas von Leidenschaft und sich dem hinzugeben, was passiere, Teil zu werden und zu sein, sowie nicht ständig zu sehen, dass man Dinge steuern könne, philosophiert Benjamin Fritz.

Ob er an Gott glaube, frage ich den Arzt aus Leidenschaft. „Gott ist für mich die Referenz, anhand derer wir sagen, alles verändert sich “, antwortet der Mediziner. „Wir brauchen ja einen Punkt, von dem wir sagen, der bleibt gleich und das ist für mich Gott“, schließt Ben Fritz.

Innerhalb der nächsten fünf Jahre, sieht sich der zielstrebige Ben, dessen Familie ihn schon jetzt häufig entbehren muss, privat dort, wo er momentan sei, nämlich in Düsseldorf.

Seine enge Verbundenheit zu Köln werde ihm jedoch nicht verloren gehen, so könnte er sich sogar weit in der Zukunft vorstellen, wieder komplett in der Domstadt ansässig zu sein.

Beruflich hoffe er, zum einen ein funktionierendes System in Form eines Unternehmens aufbauen zu können, in welchem er anderen Menschen die Möglichkeit geben möchte, ihre Existenz aufzubauen. Außerdem wünsche er sich, niemals auszulernen.

Da hat er sich zwar Einiges vorgenommen, allerdings scheint schon jetzt nahezu sicher: Von diesem jungen Mann werden wir in Zukunft bestimmt noch eine ganze Menge hören. 

Infos unter:

www.kinderleichthelfen.de 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR-Sonntags-Nachmittags-Show „HOLLYMÜND“. Für „Guten-Abend-RTL“ arbeitete sie als Redakteurin und On-Reporterin.

Auf 3-Sat moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, außerdem die Casinoshow „Casinolife“ auf TV NRW.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland/Freunde der Kuenste.de

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15.06.2010 alles was sie schon immer wissen wollten

GFDK - Michaela Boland

Stellen sie sich vor, sie sollen Weltstar Grace Jones („Slave to the Rhythm“) vom Hotel abholen um sie zu ihrem Auftritt zu „Wetten dass“ zu fahren. Dann öffnet Ihnen Heinz Henn (Anm. d. Red.: späterer DSDS-Juror/RTL) die Tür und bittet Sie herein.

Sie nehmen auf dem Sofa im Zimmer des Dom Hotels Platz und plötzlich öffnet sich die Badezimmertür und eine nur mit Slip und joghurtartiger Gesichtsmaske bekleidete Grace Jones tritt aus der Dusche, schreitet unbeeindruckt an ihnen vorüber und murmelt wie selbstverständlich: „I hope you guys don`t mind.“ Otto Normalbürger würde vermutlich etwas „baff“ sein. Nicht so er.

Ob Paul McCartney, Tina Turner, Freddie Mercury, Alan Parsons oder Diana Ross. Er hatte sie alle: Winfried Ebert, genannt Winni. Von vielen beneidet, gelang es nicht gerade einer großen Anzahl von Menschen, derartig nahe an sämtliche Top-Stars der Musikbranche heranzukommen, wie ihm.

Als Promotion-Manager der großen und traditionsreichen Plattenfirma EMI war Winni Ebert viele Jahre als „Mädchen für alles“ für die Superstars im Einsatz, wenn er diese vor, bei und nach ihren Auftritten betreute.

Vornehmlich als Bindeglied zwischen Medien und Künstlern koordinierte Ebert Interviews und sonstige Medienanfragen für die von ihm betreuten Superstars.

Jetzt hat der 60-jährige ein Buch geschrieben, in denen er all seine Erlebnisse rund um Skandale- und Skandälchen, aber auch nette Anekdoten mit den wirklich Reichen und Berühmten aus der Musik-Szene dokumentiert hat. Zuhause in Köln traf ich Winni Ebert, um gemeinsam mit ihm auf der Grundlage seines neuen Buches „Im Music Bizz“ in Erinnerungen zu schwelgen. 

Wer Winnis Wohnzimmer betritt, ist zuerst mal geblendet. An den Wänden ringsherum nämlich hängen derartig viele goldene Schallplatten und Platinscheiben, dass man bei Sonnenschein, der, wenn er mal da ist, ganz schön intensiv in seine Gemächer strahlt, beinahe gut daran tut, die Sonnenbrille zunächst erst einmal aufzubehalten.

Der Mann, der so dicht an den Showgrößen dieser Welt war und sie auch in solchen Situationen erlebte, die der Öffentlichkeit stets verborgen bleiben, umgibt sich gerne mit den Relikten der vergangenen Tage.

So hängt in seinem Badezimmer ein Sammelsurium von Backstagepässen, die bei potentiellen Versteigerungen mit Sicherheit ein kleines Vermögen einbrächten. Außerdem schmücken zahlreiche Bilderrahmen mit Fotografien, die ihn mit seinen prominenten „Schäfchen“ abbilden, seine Räumlichkeiten.

So kann man den Ex.-Promotion-Mann beispielsweise mit Sänger Helmut Lotti, wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt noch mit vollständig echtem Haupt-Haar und einer seiner Ehefrauen bewundern.

Außerdem: lustige Schnappschüsse mit Ex-Beatle-Super-Star Paul McCartney, der sich auf Fotos meistens hinkniet, um zu verbergen, wie klein er tatsächlich ist, wenn er steht, und seiner geliebten Gattin Nr. 1, Linda. 

Michaela Boland:

Denkt man im Hinblick auf Rock- und Popstars an das alte Klischee, kommt einem schnell der Slogan „Sex, Drugs and Rock `n Roll“ in den Sinn. Was ist da dran?

Winni Ebert:

Ich habe das immer mal so ein bisschen mitbekommen, habe mich aber nie darum gekümmert. 

Michaela Boland:

Wenn unter den Stars, die man teilweise rund um die Uhr betreuen muss, auch solche sind, die mit Drogen herum hantieren, schafft man es dann immer, sich von dem fiesen Zeug fern zu halten? 

Winni Ebert:

Ein ganz wichtiger Punkt bei mir ist der, dass ich wegen meines Auges als Kind sehr oft im Krankenhaus war. In meiner Kindheit ist mir nämlich mal ein Bügeleisen aufs Gesicht gefallen. Dadurch war ich oft im Krankenhaus und habe daher absolute Panik vor Spritzen und allem, was damit zu tun hat.

Bei Blutabnahmen lege ich mich schon direkt hin und sage: „Mir wird schlecht.“ Daher habe ich auch ganz einfach Angst vor diesen Sachen. Das hat mich im Leben wahrscheinlich davor bewahrt, irgendwie mit Drogen zu tun zu haben.

Michaela Boland:

Warum kommt der Konsum von Drogen gerade in diesem Business oft verstärkt vor?

Winni Ebert:

Ich glaube mittlerweile gar nicht mehr, dass es noch so viel ist wie früher. Ich denke, früher war es viel massiver. Ich rede jetzt mal von den Großen und das sind ja mittlerweile alles alte Leute, die zwei Tage brauchen, um wieder normal zu werden.

Also, Mick Jagger macht mit Sicherheit nicht mehr viel. Denn er springt ja zwei Stunden lang auf der Bühne hin und her. Bei Keith denke ich anders. Der Grund, warum Leute wahrscheinlich zu „Uppers“ oder „Downers“ greifen, also solchen Mitteln, mit denen sie einschlafen können oder solchen ,um dann wieder wach zu werden, ist der, dass sie abends einfach eine Zeit lang brauchen, um wieder runter zu kommen, denn du stehst da oben und bist schon ein bisschen aufgeregt.

Dann brauchst du eine Zeit, um wieder normal zu werden und schlafen kann da niemand anschließend nach so einem Konzert. Selbst Leute, die 50 Jahre unterwegs sind, brauchen ihre Zeit. Und dann muss man oft am nächsten Morgen wieder früh raus und los zum nächsten Gig (Anm. d. Red.: Auftritt)

Michaela Boland:

Liest man von all deinen Erlebnissen mit den Topstars der Branche, macht es den Anschein als sei der Job einer der interessantesten der Welt. Wie wird man Promotion-Manager und ist das eigentlich immer erstrebenswert?

Winni Ebert:

Nachdem ich einige Zeit Musikveranstaltungen durchgeführt und unter anderem das monatliche Stadtmagzin „Szene“ in München mit auf den Markt gebracht hatte, erhielt ich 1976 einen Anruf von Bernie Gockel aus der Presseabteilung der Electrola.

Er teilte mir mit, dass bei EMI noch Mitarbeiter im internationalen Bereich gesucht würden. Ich setzte mich mit dem Abteilungsleiter, Helmut Fest, in Verbindung und bekam den Job nach einem persönlichen Vorstellungsgespräch.

Manchmal ist die Arbeit eines Promotion-Managers allerdings auch ganz schön schwierig. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang besonders an den Künstler Lou Reed (Anm. d. Red.:“Walk on the wild Side“/1978)

Er jedenfalls kam mit dem Flieger aus Frankreich. Wir standen am Zollausgang des Hamburger Flughafens, ich war nämlich mit einem Kollegen aus Köln, Walter Pütz, zusammen dort, um ihn abzuholen.

Lou kam mit seinem Wägelchen und tief dunkler Sonnenbrille heraus und noch bevor er irgendetwas anderes, wie beispielsweise „Guten Tag“ oder so sagte, fragte er: „Who is Walter Pütz?“ Mein Kollege Walter antwortete brav: „Ich bin Walter Pütz“, woraufhin Lou Reed rief: „You `re fired!“ Da fragte Walter: „Wieso?“

Wir hätten ein Scheißjob hier in Deutschland gemacht, denn seine Tournee sei nicht ausverkauft. „Ich komme gerade aus Frankreich, da war überall alles ausverkauft und hier in Deutschland ist nicht alles ausverkauft“, hielt er uns wütend vor.

Das war zwar schon richtig, allerdings hatte der Künstler mitnichten erfasst, dass bei einer Konzerttournee nicht die Plattenfirma, sondern der Veranstalter für den Verkauf der Tickets zuständig ist „Wir haben sodann versucht, es Lou Reed klar zu machen. Dann habe ich mich noch mit seinem Tourmanager verabredet. Aber für Walter Pütz war`s das, er fuhr wieder nach Köln, denn er war ja abkommandiert.

Michaela Boland:

Lou Reed scheint insoweit kein einfacher Zeitgenosse gewesen zu sein. Verlief die weitere Zusammenarbeit problemlos?

Winni Ebert:

Keineswegs. Dann hatten wir abends unser Konzert und es ging auch alles gut, doch schon ein paar Tage später waren wir in Frankfurt in der Festhalle. Da bin ich vorher noch mit ihm allein in der Gegend des Bahnhofs unterwegs gewesen. Dort gab es überall solche An- und Verkaufsläden.

Lou wollte unbedingt so einen kleinen braunen Cassettendeckrecorder mit zwei Lautsprechern, die man überall hin mitnehmen kann und quengelte. Dann habe ich ihm so ein Ding sogar noch auf Geschäftskosten gekauft und später von den Buchhaltern unserer Firma zurückgefordert. 260,- DM hat es gekostet.

Abends sollte dann das Konzert stattfinden, ich selbst musste aber nach München zu Queen. Lou ist somit allein zu seinem Konzert aufgebrochen und hat seinen Gig angefangen, während ich in München ankam.

In dem furchtbar stinkenden Zirkus, in dem der Auftritt von Queen stattfinden sollte, wurde ich sogleich über Lautsprecher ausgerufen, nachdem ich Freddy Mercury und Co kurz begrüßt hatte. Dann eilte ich ins Produktionsbüro, um zu erfahren, was eigentlich los sei.

 Ich muss dazu sagen, es gab früher mal eine Firma, die hieß Mama-Concerts“ das waren Marek Lieberberg in Frankfurt und Marcel Avram in München. Die waren früher mal zusammen. Marek war damals für Lou in Frankfurt zuständig und Marcel für Queen in München..

Dann sagte Marcel zu mir: „Der Marek hat mich gerade angerufen, die haben Lou auf der Bühne verhaften lassen.“ Was passiert war, war Folgendes: Ich hatte ihn und sein Kassettendeck noch in der Festhalle abgeliefert und bin dann zum Flughafen gefahren, um nach München zu fliegen.

Er ist in Frankfurt auf die Bühne gegangen, irgendwann um halb neun und hatte die Leute somit ohnehin schon irrsinnig lange warten lassen und hat dann erst mal 20 Minuten lang immer nur denselben Akkord gespielt.

Doch irgendwann sind die Leute ausgerastet und haben so geschrieen und gepfiffen, und angefangen Sachen zu schmeißen, dass der Veranstalter Marek Lieberberg schlichtweg Angst davor hatte, dass die wütende Masse dazu im Stande sein würde, die Festhalle zu zerhacken.

Deshalb hat er die Polizei verständigt und darum gebeten, Lou von der Bühne zu befördern, was diese auch mit Handschellen getan und ihn schließlich abgeführt haben.

Michaela Boland:

Langweilig war dein Arbeitsalltag demzufolge nicht. Waren solche Erlebnisse der Grund dafür, dass du nun unter die Autoren gegangen bist oder was genau hat dich zum Schreiben des Buches veranlasst?

Winni Ebert:

Ich finde es schön, wenn meine Kinder auch einmal wissen, was ihr Vater so gemacht hat. 

Michaela Boland:

„Im Music Bizz“ ist ein gutes Stück lang ja auch reine Autobiografie. Man erfährt sehr viel über deine persönlichste Familiengeschichte sowie von deinen amourösen Abenteuern. Wie lange hast du dafür gebraucht?

Winni Ebert:

Das Buch ist in Etappen gemacht worden. Mit dem ersten Teil habe ich begonnen als ich ein paar Monate am Stück in Hamburg verbracht habe. Nachdem die Stones-Tour 1982 vorüber war, saß ich zwei drei Monate herum und bin mit Thomas Stein (Anm. d. Red.: ständiger Co-Star bei Oliver Geissens Chart-Show/RTL) öfter um die Ecke ins „Onkel Pö“ (Anm. d. Red.: bekannte Hamburger Musikkneipe) gegangen.

Da habe ich den ersten Teil noch mit Schreibmaschine getippt. Später habe ich dann alles noch mal abgeschrieben und dabei ein wenig korrigiert. Weiter ging es nachdem meine zweite EMI-Zeit dann vorüber war und bevor ich nach Berlin umgezogen bin. Den letzten Teil habe ich dann abgeschlossen, nachdem ich in Berlin wieder aufgehört habe. 

Michaela Boland:

Erinnerst du dich noch daran, wie es war als du das erste Mal die Rolling Stones getroffen hast?

Winni Ebert:

Ich glaube das war 1982. Da spielte gerade BAP in Müngersdorf und Keith, der mir dann auch seine Sonnenbrille geschenkt hat, fragte mich ganz interessiert, wer denn die Band da draußen wäre. Das weiß ich noch sehr genau, denn es war im Cateringbereich, wo es Essen gab.

Bei der Tour der Stones in 1999 fuhren wir dann gleich in einer ganzen Eskorte durch die Stadt. In Hamburg war das Konzert nämlich so gut besucht, dass das Stadion zu klein war, daher haben sie auf eine Wiese ausweichen müssen, auf die 80.000 Menschen passten. Abgesehen von Keith und dem Bassisten, hatte jedes Stones-Mitglied seinen eigenen Wagen.

Sieben Autos. Dunkle Vans mit getönten Scheiben. Vorne und hinten jeweils wurde die Kolonne von Streifenwagen begleitet. Von Seiten der Band waren lediglich ein Security-Mann und der Tourmanager dabei. Wir sind bei Rot immer durch gefahren und die Polizei hielt die übrigen Autos mit Kellen einfach an.

In einem Wagen saß Mick mit seiner Freundin. Plötzlich schießt ein uns unbekannter Wagen in die Kolonne und setzt sich hinein, um einfach mit uns zu fahren. Ein dunkelbrauner Mercedes 560 SEC und die Polizei kriegte ihn nicht mehr aus unserer Kolonne raus.

Der ist bis an die Bühne mit uns vorgefahren. Dann steigt einer aus dem Wagen.: Es war der sogenannte „Neger-Kalle“ (Anm. d. Red.: Karl-Heinz Schwensen, bekannte Person aus dem Hamburger Rotlichtmilieu, der später die Gruppe Tic Tac Toe zum Comeback brachte und als Markenzeichen Schnauzbart und Pilotenbrille trägt).

Es hat ihm später sogar noch einer einen Backstage-Pass gegeben und dann habe ich ihn sogar auf der Bühne gesehen. So was von frech, das war wirklich dreist. 

Michaela Boland:

Du hast mit so vielen Weltstars zu tun gehabt. Woran erinnerst du dich zuerst, wenn du zum Beispiel an Paul McCartney denkst?  

Winni  Ebert:

Alle, die mit ihm zu tun hatten, haben sich extra Schuhe gekauft, die nicht aus Leder waren, denn er hat etwas gegen das Schlachten von Tieren, die Augen haben. Wir durften auch keine Lederjacken tragen und mussten aus der Garderobe jedwede Ledercouch herausholen. Die Schuhe, die ich sogar noch heute habe, sind aus einer Kombination von Plastik und Honig.“

Michaela Boland:

Was wäre denn passiert, wenn die Ledersofas nicht herausgeräumt worden wären? 

Winni Ebert:

Dann wäre er böse auf uns gewesen.

Michaela Boland:

Nachdem Sir Paul McCartney einmal bei einer „Wetten dass“ Show mit Kurzzeitmoderator Wolfgang Lippert (Lippi) aufgetreten ist, soll er sich anschließend geweigert haben, jemals wieder in diese Sendung zu gehen. Was ist damals vorgefallen?

Winni Ebert:

Bei jenem Auftritt in Saarbrücken hatte Wolfgang Lippert dem schwitzenden Paul McCartney beim Gespräch auf der Couch peinlicherweise mehrfach vor laufender Kamera mit seinem Taschentuch die Stirn abgetupft.

Das war Paul dermaßen unangenehm, dass er viele Jahre trotz Versicherung, dass die Show nunmehr von Thomas Gottschalk moderiert werde, nicht mehr dazu zu bewegen war, in diese Sendung zu kommen.

Michaela Boland:

Gab es etwas, das Dich an ihm besonders fasziniert hat?

Winni Ebert:

Was das Interessante bei ihm auf Tour war, war, dass er immer dort, wo es möglich war, sein eigenes Flugzeug, in das 40 oder 50 Leute hineinpassten, also seine komplette Band und Crew, mitbrachte und nach einzelnen Konzerten, direkt nach dem letzten Ton, ins Auto gesprungen, zum Flughafen gefahren in den Flieger hinein gestiegen und ab nach Hause geflogen ist.

Direkt um die Ecke seines Wohnhauses in Süd-England ist ein alter Militärflughafen und somit war Paul innerhalb einer Dreiviertelstunde  in der Regel wahrscheinlich schneller zu Hause und im Bett als die meisten Leute seines Publikums nach einem Konzert.

Michaela Boland:

Gab es unter den von dir betreuten Künstlern auch solche, die einen tiefen Absturz bewerkstelligen mussten?

Winni Ebert:

Eine ganz heftige Geschichte war die mit Billy Idol, Mr. Rebel Yell. Der war mal richtig klasse und hatte eine Band, die hieß „Generation X“. Auch Rebell Yell war ja ein großer Erfolg. Dieser Mann hatte ohnehin viele Hits. Der hat, so glaube ich, einfach zu viel gemacht und ist irgendwann so richtig abgestürzt.

Irgendwann waren wir gemeinsam auf einem Festival in Würzburg. Da sah er auch schon ganz schön kaputt aus und hatte auch plötzlich lange Dreadlocks. Im Gegensatz hierzu hatte er ja früher eher so eine Frisur wie David Bowie zu seinen besten Zeiten.

Ich bin damals von Würzburg aus leider nicht mit Billy weitergezogen, sondern ein Kollege war anschließend für ihn zuständig. Dieser flog mit ihm nach München. Tagsüber mussten sie noch Interviews machen, aber Abends sind sie in ein Bordell gefahren namens „Leierkasten“ am Frankfurter Ring in München.

Da haben die bis morgens um acht, also so lange, bis der Laden sie rausgeschmissen hat, wirklich Vollgas gegeben. Dann aber mussten sie schon zwei Stunden später am Flughafen sein, um weiter zu fliegen.

Jetzt lief Idol mit seinen Dreadlocks da herum und trug doch glatt zu dieser ´Zeit so eine Art Camouflage-Anzug. Außerdem hatte er Springerstiefel an den Füßen. Er war natürlich noch komplett betrunken. Die schwarzen Sheriffs da unten sind dafür bekannt, dass sie ziemlich heftig vorgehen können.

Jedenfalls musste mein Kollege, Helmut, von München aus nach Köln fliegen, Billy Idol sollte nach Madrid. Helmuts Flieger ging nun 20 Minuten früher also setze er Billy Idol allein am Flughafen ab, in der sicheren Erwartung, dass dieser erwachsene Mann, es allein schaffe, noch einen Augenblick sitzen zu bleiben und dann in seinen Flieger nach Madrid zu steigen.

Aber, was macht der Kerl? Der steht auf, läuft im Stechschritt durch die Halle und macht den Hitlergruß. Da kamen die Jungs direkt und haben ihn in den Knast gesteckt.

Michaela Boland:

Wie lange hat Billy Idol dann gesessen?

Winni Ebert:

Er saß ganze zwei Tage da unten im Knast. Die Spanier waren darüber richtig sauer, denn da musste ja alles gecancelt werden.

Michaela Boland:

Wie ging es mit ihm weiter?

Winni Ebert:

Er ist dann für ein paar Jahre zu seiner Mama gegangen und hat versucht, von allem weg zu kommen. Dann hat er Jahrelang nichts gemacht und jetzt habe ich gehört, dass er an einem Comeback bastele.

Michaela Boland:

Wie schätzt du seine Erfolgschancen ein?

Winni Ebert:

Schwierig, ich denke schon, dass es heutzutage schwer sein wird.

Michaela Boland:

Kann man deiner Meinung nach in der heutigen Zeit tatsächlich noch ein klassischer Superstar werden?

Winni Ebert:

In Berlin gibt es einen Mann, den finde ich absolut klasse. Er heißt Peter Fox. Ich glaube, das wird ein ganz Großer. Selbst in deutscher Sprache denke ich, dass er eine internationale Karriere wie Tokio Hotel machen kann. Es gibt wieder so etwas. Tokio Hotel ist eigentlich für mich dasselbe wie die Rolling Stones am Anfang.

Die sehen irgendwie verrückt aus, sehen gut aus. Guck dir mal die Rolling Stones an als sie jung waren. Die sahen teilweise ein wenig mädchenhaft aus. Es ist zum Beispiel unglaublich schwer für Deutsche, Erfolg in Frankreich oder auch in England zu haben?

Michaela Boland:

Woran liegt das? 

Winni Ebert?

In England ist schon mal grundsätzlich schwierig für uns Deutsche. Wir hatten ja immer den „Rockpalast“. Das einzige wirkliche große Land, dass nie etwas mit dem Rockpalast zu tun haben wollte und diesen auch nicht übertragen hat, war England.

Die standen auf dem Standpunkt: „Wir haben das erfunden, was wollt ihr eigentlich, ihr blöden Deutschen?“ Auch die Scorpions hatten am Anfang ähnliche Schwierigkeiten. Dieter Dierks, der die ganzen Platten von den Scorpions produziert hat, hatte die Jungs zuerst nirgendwo unterbringen können.

Jetzt ist Dieter von der jüdischen Abteilung und da hatte er solange seine jüdischen Freunde in New York bequasselt, bis die gesagt haben: „o.k., dann versuchen wir es halt mal.“ Zuerst hatten die nämlich immer gefragt, was wir mit unserem „Lederhosen-Rock“ wollten?

Sie hätten davon selbst genug. Sie hätten Linhead, Skinhead und diese und jene. „Was also wollen wir mit einer Band aus Deutschland? Wir können das doch alle hier viel besser“, lautete ihre Devise stets zuvor.

Michaela Boland:

Wie erklärst du dir, dass viele deutsche Stars, auch Volksmusiker, gerade in Asien oftmals sehr erfolgreich sind?

Winni Ebert:

Ich glaube, in den letzten Jahren hat Deutschland ein unglaubliches Image bekommen.. Ich behaupte, der deutsche Name ist durch eine Sache sehr populär in der Welt geworden, nämlich Gerhard Schröder. Als er damals gesagt hat, „wir wollen nichts mit dem Irak-Krieg zu tun haben.

Es gab ja in erster Linie Amerikaner, Kanadier und die Engländer, die gesagt haben, „aha, wieder die Deutschen, wenn es darauf ankommt, sind sie nicht dabei. Das ist ja auch der Grund, warum wir in Afghanistan mit involviert sind. Damit sie uns nicht vorwerfen können, dass hier die Nato nicht zusammen hält.

Diese ganzen anderen Länder, die haben alle gesagt, „Mann, die haben endlich mal Rückgrad und der Schröder sagt, er hält sich da heraus“. Und es hat sich ja hinterher bewiesen, dass er Recht hatte. Ich glaube, das hat dem Land Deutschland sehr gut getan.

Laut einer weltweiten Umfrage von CNN, die ich jüngst gesehen habe, liegt Deutschland zur Zeit ganz ganz weit vorne innerhalb der öffentlichen Meinung in der Welt. Ich denke, das hat auch etwas damit zu tun, dass so eine Band wie Tokio Hotel so erfolgreich ist. Denn ich glaube nicht, dass die kleinen Französinnen unbedingt alles verstehen, was die singen.

Genauso wenig haben die Deutschen damals verstanden, was die Beatles, die Stones oder die Animals oder wer auch immer gesungen haben. Es geht um`s Image und dass die Energie haben und dass da was passiert und dass sie anders sind als die Eltern ihrer Fans.

Michaela Boland:

Du hast auch Queen betreut. Wie lief es mit den Jungs?

Winni Ebert:

Abgesehen von einem Abendessen in den Grindeler Weinstuben in Hamburg bestand zunächst einmal wenig Kontakt zwischen unserer Firma und den Bandmitgliedern. Alles lief über den Tourmanager Paul Printer und dessen Assistenten Pete Brown.

Irgendwann aber trank Brian May, der Sternenkunde studierte, mal eine Tasse Tee mit mir . Dann lud ein Partner des Tourveranstalters Fritz Rau, Mike Scheller, die Gruppe, Hillary Walker von EMI England, welche die Tournee von Queen begleitete und mich in den Hamburger Club „Amphore“ ein.

Hier trugen die Kellnerinnen lediglich einen Slip und hohe Stöckelschuhe. Ein Cocktail war für 40,- DM, eine Bier für 75,- DM zu haben. Gemeinschaftlich schauten wir dabei zu, wie eine als Nonne verkleidete Darstellerin eine brennende Kerze zwischen den Schenkeln hin und her bewegte.

Die erste Etage des Clubs war für noch ganz andere Dinge vorgesehen. Weil ich aber wusste, dass ich eine solche Club-Rechnung nicht beim Controller der EMI als Spesenabrechnung würde vorlegen können, suchte ich mit Kollegin Hillary lieber schnell das Weite.

Am nächsten Tag äußerte Mike Scheller, der die Einladung in diesen Club überhaupt ausgesprochen hatte, mir gegenüber, dass ich wohl keine Lust gehabt hätte, mich an der Rechnung zu beteiligen. Diese hatte er nun beglichen und satte 3000,- DM dort lassen müssen. 

Michaela Boland:

Wie ist das überhaupt mit dem Geld? Können eigentlich Stars, die häufig Unsummen verdienen, gut mit ihrem Geld umgehen?

Winni Ebert:

Joe Cocker beispielsweise hat nie ein Verhältnis zu Geld gehabt. Das interessierte ihn einfach nicht. Er hat dann auch häufig Leute in seinem Umfeld gehabt, die ihn übertrieben ausgebeutet haben. Außerdem hat er auch immer zu viel von allem gemacht.

Einmal bin ich in der Kölner Altstadt mit ihm eine Treppe hinunter gestürzt. Da unten am Rhein gibt es einen Laden namens „Siam“ mit Thai-Essen und Cocktails. Da waren wir da oben und haben zusammen zu Abend gegessen und da waren wir beide so „heftig dabei“, er noch viel schlimmer als ich, und wollten anschließend die Treppe hinunter.

Da habe ich gemerkt, er fällt und hatte noch versucht, ihn festzuhalten. doch er ist ja nicht unbedingt ein kleiner Junge. Und dann sind wir beide diese Treppe hintergekugelt. Aber keiner hat sich weh getan.

Nichts desto trotz war es bei ihm oft recht massiv. Ich habe ihn manchmal ins Hotel gefahren, ihn ins Bett gelegt, seine Schuhe ausgezogen und den Gürtel aufgemacht und dafür gesorgt, dass er nicht irgendwie erstickt.

Michaela Boland:

Siehst du es als eine Gefahr an, wenn man sich als Superstar eigentlich um nichts selbst kümmern muss, was Alltagsbewältigung anbelangt?

Winni Ebert:

Natürlich ist es eine Gefahr, denn es kann ja sein, dass du am Ende da sitzt und hast zwar Millionen verdient, aber zu guter letzt ist nichts mehr übrig, wenn du alt bist. Diese Leute sind ja oft auch in gar keiner Sozialversicherung. Beispiel: Joe Cocker hat ja Glück gehabt, denn er hat eine wunderbare Frau geheiratet, nämlich Pam.

Pam ist eine Freundin von Jane Fonda und die passt auf ihn auf. Als ich ihn das letzte Mal bei einer „Night of the Proms“ - Veranstaltung getroffen habe, da hat er deutlich weniger getrunken und auch kaum noch geraucht. Das hat mich sehr gefreut, denn Joe ist ein lieber Kerl.

Und die Pam passt auf`s Geld auf. Ein weiteres Beispiel ist übrigens Matthias Reim. In meiner Berliner Zeit habe ich öfter mal abends mit ihm rumgehangen. Der hatte mal über 30 Millionen.

Er hat nur Leute gehabt, die das irgendwo falsch investiert haben. Dann hat er sich in Kanada ein Haus gekauft und noch ein paar Boote. Der wohnte  am Ende dann lange auf Mallorca und hatte kein Geld. Der andere unglaubliche Fall war „Haddaway“.

Er hat mal diesen riesen Hit gehabt auf der ganzen Welt (Anm. d. Red.: „What is love“). Er hatte 28 Millionen, vielleicht sogar mehr. Du musst mal überlegen: Alles ausgegeben. In Monte Carlo ein Schiff gekauft, zwei Ferraris, denn er fährt ja gerne Autos und hat allenthalben nur Gas gegeben.

Jetzt ist er glücklich, wenn er im Festzelt irgendwo auftreten kann. Wenn du soviel Kohle hast, dann musst du wirklich schon ziemlich bescheuert sein, um das nicht richtig anzulegen. 

Michaela Boland:

Was sind die Ursachen hierfür? 

Winni Ebert:

Manchmal wird sich mit den falschen Leuten umgeben. Du musst Geld dann auch anlegen und ein bisschen diszipliniert vorgehen. Paul McCartney ist, so glaube ich, nach der Queen, der reichste Mann in England. Er hat jetzt zwar mal sechs Millionen an seine Ex-Frau (Anm. d.Red.: Heather Mills) gegeben, aber das ist für den gar nichts.

Michaela Boland:

Ist er eigentlich geizig?

Winni Ebert:

Nein, nicht geizig, aber er passt aufs Geld auf. Wir waren mal bei Biolek in Frechen für irgendwelche Proben. Da ruft einer aus Los Angeles an, der einen bekannten Gitarrenladen, „Valters“, hat. Der sagte: „Hör mal ,Paul, ich habe die Gitarre, die du dir die ganze Zeit gewünscht hast.“

Da fragte Paul ihn, was er denn dafür haben wolle. Daraufhin hat dieser Händler einen unglaublich hohen Preis genannt. Da sagte Paul: „Weißt du was, wenn du mir die nicht für die Hälfte gibst und mir nur deshalb so viel Geld abnehmen willst, weil du denkst, ich wäre reich, dann kannst du sie behalten.“ Und er hat die Gitarre auch nicht gekauft.

Michaela Boland:

Wie ist er denn so? Gibt er auch mal einen Drink aus?

Winni Ebert:

Also, es ist nicht so, dass er geizig wäre, aber es war nie so, dass er es musste, weil die Leute um ihn herum immer die Getränke bezahlt haben.

Michaela Boland:

Seit einigen Jahren veranstaltest du hier in deiner Wahlheimat regelmäßig den „Kölner Kulturtreff“. Wie kam es dazu?

Winni Ebert:

Ziel war es, neue Kontakte zwischen Menschen aus Kunst, Kultur, Medien und Wirtschaft zu schaffen. Man soll sich kulturell und künstlerisch austauschen können und mögliche Synergien zwischen einzelnen Branchen entdecken.

Michaela Boland:

In der Domstadt finden verschiedene Veranstaltungen dieser Art statt, in denen es unter anderem auch stark um das „Sehen“ und „Gesehen werden“ geht.

Vor kurzem kam es zu einem Vorfall, bei dem man den Eindruck gewinnen konnte, dass es zwischenzeitlich zu einem verstärkten Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Veranstaltern gekommen ist und mittlerweile mit harten Bandagen gekämpft wird.

Man soll dir beim neulich stattgefundenen „Off the record“- Treff von Macher Bernhard Böringer keinen Zutritt gewährt und dich eiskalt an der Türe abgewiesen haben. Vom Kölner EXPRESS wird Böringer so zitiert:

„Herr Ebert ist keiner, der unsere Gesellschaft bereichert.“ Angeblich sollst du auch beim Koelner Medientreff von Michael Busemann Hausverbot haben. Entspricht das den Tatschen? 

Winni Ebert:

Ja, das stimmt. Und bei Michael Busemann gibt es tatsächlich ein Hausverbot. Und was Herrn Böringer anbelangt, ihn kenne ich gar nicht. Aufgrund des erschienen Fotos in besagtem Express-Artikel habe ich nun zum ersten mal gesehen, wer es ist. Aber ich kenne ihn gar nicht und habe noch nie mit ihm geredet.

Michaela Boland:

Ist es richtig, dass es bei jenen Veranstaltungen um viel Geld geht und daher Konkurrenz, die gegebenenfalls Sponsoren abwerben könnte, unerwünscht ist?

Winni Ebert:

Was das Konkurrenzdenken anbelangt, kann ich nur sagen, dass ich nicht so denke. Anscheinend aber die anderen. Für mich ist das ein bisschen kleinkariert. Also, ich hätte kein Problem damit, wenn sie zu mir auf den Treff kämen, aber die haben ein Problem damit, wenn ich zu ihnen auf den Treff komme.

Man muss aber auch dazu sagen, zu mir kommen mittlerweile durchschnittlich vier - bis fünfhundert Leute. Und ohne jemandem zu nahe zu treten, bei Michael sind es vielleicht einhundertfünfzig und bei „Off the record“ auch so ungefähr einhundertfünfzig, wenn es hoch kommt.

Die Veranstaltungen sind ja eigentlich auch vom Konzept her ganz unterschiedlich. Bei mir treten beispielsweise Künstler auf, es gibt Ausstellungen, ab und zu sogar Kurzfilme, die vorgeführt werden.

Michaela Boland:

Möge unter den Treff-Veranstaltern hoffentlich bald wieder Friede einkehren. Lieber Winni, für dieses amüsante Interview recht herzlichen Dank und viel Erfolg für dein neues Buch, „Im Music Bizz“.  

Winni Ebert ist Veranstalter des Kölner Kultutreffs und ehemaliger Promotion-Manager der Plattenfirma EMI. 1950 geboren und in der Touristenstadt Rüdesheim am Rhein aufgewachsen, verließ er Deutschland 1966 erstmals als Teenager gemeinsam mit seiner Familie und wanderte in die USA aus.

In seinem ersten Buch, „Im Music Bizz“ (Edition Nove Verlag), erzählt er seine Lebensgeschichte, die sich in erster Linie in den Konzertsälen Europas und Garderoben großer Stars bewegte. Heute lebt der Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern in Köln. Hier war Ebert auch als Dozent für Musikwirtschaft tätig. 

IM MUSIC BIZZ (Winni Ebert)      Edition Nove              ISBN: 9783852517353 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg.

Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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07.06.2010 „Es gibt viele, die mit einem sympathisieren"

Michaela Boland - mit 3 Bildern

Er ist Fußball-Vize-Weltmeister! Und obwohl er seinen Sport am PC ausübt, ist er auch selbst körperlich topfit. Daniel Schellhase, 26 Jahre, Wirtschaftsinformatikstudent, Passion: E-Sport. (Anm. d. Red.: electronic Sport).

Hierunter nämlich versteht man wettbewerbsmäßiges Spielen von Computer- und Videogames im Mehrspielermodus. Ebenso wie bei vielen herkömmlichen Sportarten sind auch beim E-Sport gewisse Leistungsmerkmale, wie Körperbeherrschung, Teamplay und taktisches Kalkül bei den Spielern vonnöten.

Der E-Sport ist nicht nur eine Wachstumsbranche und Ausdruck einer vernetzten Community, sondern hat sich längst zu einem globalen Phänomen gemausert. Eine der internationalen Plattformen im Bereich dieser sportlichen Betätigung ist die sogenannte Electronic Sports League (ESL).

Inzwischen zählt sie bereits weit über 2,2 Millionen registrierte Mitglieder und über 500.000 Teams, womit sie innerhalb Europas die größte und bedeutendste Computerspiel-Liga darstellt.

Monatlich erreichen die Website der ESL, hinter der das erfolgreiche in Köln ansässige Unternehmen Turtle Entertainment GmbH steht, unter www.esl.eu mehr als 1,1 Millionen Unique Visitors und verzeichnet mehr als 100.000 Neuregistrierungen.

Mit insgesamt 10 Millionen IVW-geprüften Visits (IVW: Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern; messen u.a. den von Netz-Nutzern verursachten Datenverkehr) im Monat zählt das Liga-Portal zu den größten Internetauftritten Deutschlands.

Eine der „Züchtungen“ von Turtle ist auch Daniel Schellhase. Die Erfolgsgeschichte des blonden Studenten beginnt bereits in der Kindheit. Schon damals nämlich tritt der Gelsenkirchener im Rahmen von Fußball-Computerspielen regelmäßig gegen seinen Zwillingsbruder Dennis an.

Im Jahre 2003 dann, versucht sich der eloquente Virtual-Fußballer dann erstmals online in seiner favorisierten Sportart. Hier merkt er offenbar schnell, dass er „ganz gut“ darin ist und meldet sich sodann für Tuniere an, in denen er spielend von Runde zu Runde weiter kommt.

Ich treffe den erfolgreichen E-Sportler mit auffällig hellblauen Augen in der Domstadt Köln. „Wie geht so ein Computerfußballspiel von statten“, frage ich als begeisterte Fechterin mit weniger Ahnung vom Online-Fußball den sympathischen ESL-Star.

„Ich spiele FIFA am PC, das ist eine Fußballsimulation, das heißt, ich kann jeden einzelnen Spieler selbst steuern und kann ihm die Befehle geben, ob er jetzt in eine bestimmte Richtung passt, ob er schießt, ob er in einen Zweikampf hineingeht oder ob er einen anderen Spieler foult.“

Innerhalb der ESL gebe es circa 2000 Spieler, die FIFA relativ ambitioniert spielten, glaubt Schellhase. Unter jenen 2000 Spielern befänden sich, so der amtierende Vize-Weltmeister, ungefähr 20 Profis, also solche, die so wie er, für ihren sportlichen Einsatz mit Leistungen durch entsprechende Sponsoren, wie beispielsweise SENNHEISER oder auch anderen, versehen würden.

Ich möchte gerne wissen, ob Daniel jeweils mit einer fiktiv zusammengestellten Mannschaft „ins Rennen“ geht oder wie die virtuellen Spieler aussehen. „Die Mannschaften sind genauso abgebildet wie im echten Fußball, das heißt, ich kann Deutschland nehmen, da habe ich dann Ballack, Klose, Podolski und stelle die dann auch auf.

Ich bin also auch Trainer und bestimme beispielsweise, ob die Aufstellung mit zwei oder drei Stürmern erfolgen soll. Ich kann alles genauso wählen, wie ich möchte“, berichtet der Ruhrpottler lächelnd.

Dass solche Spiele, bei denen man im Internet gegen andere antritt, bei Daddlern (Anm. d. Red.: Menschen, die an einem Automaten oder an einem Computer spielen) schon seit einigen Jahren hoch im Kurs stehen, kann auch Daniel bestätigen.

Besonders in Spielen wie Fußball seien gerade deutsche Computerfreaks sehr erfolgreich. So haben Daniel Schellhase und Zwilling Dennis beim Fußball auf dem Monitor durchaus schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt:

Weltmeisterschaften, Europameisterschaften sowie Titel in Deutschland. Daniel selbst konnte den Weltmeistertitel übrigens schon in den Jahren 2006 und 2007 für sich verbuchen.

Auf die Frage, wie viel Zeit man investieren müsse, um in dieser Sportart derart erfolgreich zu werden antwortet Daniel: „ Vor einer Weltmeisterschaft trainiere ich schon bis zu fünf Stunden am Tag. Ansonsten komme ich im Durchschnitt auf zwei bis drei Stunden.“

Um ein Weltmeister zu werden, muss man sich zuerst online qualifizieren und sich dann unter die besten 16 Teilnehmer spielen. In der Regel werde dann auf der berühmten Games Convention nochmals eine Meisterschaft ausgeschrieben, die zwischen den besten 16 ausgetragen werde.

Dann würden noch einmal drei Teilnehmer ausgespielt, die ihrerseits zur Weltmeisterschaft fliegen dürften und dort dann auf die besten Spieler aus der ganzen Welt treffen würden.. „Wenn Meisterschaften ohnehin online ausgetragen werden, warum müssen die teilnehmenden Spieler dann überhaupt am selben Platz vor Ort sein“, frage ich den jungen Schellhase.

„Es geht darum, dass die Bedingungen für alle gleich sind, denn wenn man online spielt, hat man immer eine Verzögerung, die physisch bedingt ist und wenn man vor Ort ist, hat man diese Verzögerung nicht“, erklärt der E-Sportler.

Außerdem sei es natürlich viel schöner für die Spieler gemeinsam vor Ort zu sein, nachdem das Procedere ein wenig so ablaufe wie bei den Olympischen Spielen. „Es gibt eine Eröffnungsfeier, es gibt eine Abschlusszeremonie und es werden Medaillen umgehangen“, schwärmt Daniel Schellhase.

Außerdem sei es natürlich wesentlich komfortabler für all jene, welche die ganzen Livestreams verfolgten, denn bei der Weltmeisterschaft habe man insgesamt über 200 Millionen Zuschauer, über die drei bis vier Tage, die die Meisterschaft andauere, fügt er hinzu.

Ein solches FIFA-Online-Spiel dauert gerade mal fünfzehn Minuten. „Wer als erstes zwei Spiele gewinnt ist der Sieger“, weiß Daniel. Dass er in Kürze hoffentlich wieder siegen wird, kann er schon bald erneut unter Beweis stellen. Demnächst finden nämlich in Köln die Deutschen Meisterschaften statt.

Ein bis zwei Wochen im Vorfeld, will Schellhase dann noch ein wenig mehr trainieren. „Momentan ist das nicht nötig, denn ich kann mich auch so noch gegen meine Gegner wehren“, erzählt er siegessicher.

In jedem Fall seien die Möglichkeiten für ihn besser, als wenn er jetzt arbeiten gehen würde, ist sich der Online-Fußballer im Klaren. Seit wann er gesponsert werde, möchte ich vom Internet-Fußball-Profi wissen. „Man muss hierfür erst mal entdeckt werden“, erklärt er.

„Es ist wie beim Fußball, man fängt zunächst klein an und spielt und möchte gut werden und irgendwann wird man dann von den Profiteams entdeckt und unter Vertrag genommen.“

Dann erst beginne das eigentliche Sponsoring. Ob bei mehreren Stunden Training pro Tag und einem nicht gerade nebenbei zu bewältigenden Wirtschaftsinformatik-Studium noch viel Zeit für andere Dinge, wie Familie, Freundin oder sonstige Hobbys bleibt? „Es kommt natürlich auch vor, dass man immer mal unterwegs ist.

Ich habe wahrscheinlich mehr Zeit als jeder Mensch, der acht oder neun Stunden am Tag arbeiten geht. Es ist alles eine Frage des Zeitmanagements. Ich muss lediglich planen, was am Tage so ansteht, was ich dann mache und wann ich dann lerne.

Ich gehe aber auch ins Kino oder am Wochenende raus, auch schon mal in einen Club.“ Das zu hören, wird mit Sicherheit gerade die asiatischen Fans von Schellhase freuen.

Denn bei seinem letzten Wettkampfbedingten Asientrip campten gleich mehrere weibliche Anhänger des attraktiven jungen Mannes vor der Tür seines Hotelzimmers, um Fotos mit ihm und Autogramme zu ergattern.

„Wie sieht es denn in Deutschland mit den passionierten Unterstützern aus“, frage ich Daniel. „Also Fans ist nicht der Begriff, den ich in Deutschland benutzen würde“, gibt der Erfolgsonliner zu.

„Es gibt viele, die mit einem sympathisieren. In Asien ist das halt alles ein bisschen ausgeflippter, ein bisschen verrückter und die laufen einem dann wirklich richtig die Bude ein wegen Autogrammen und Fotos.“ Ob er denn bereits eigene Autogrammkarten besitze, hake ich nach.

„Ja, Autogrammkarten haben wir auch“, antwortet er nun im Pluralis Majestatis. Wie man sich bei soviel Stunden täglich vor dem Bildschirm selbst schlank und fit hält, weiß der Internet-Ballartist aber auch, denn echten Sport kennt er ebenfalls noch:

„Ich habe früher selbst bei Schalke Fußball gespielt, spiele sogar immer noch ein wenig und gehe ab und zu im Wald laufen.“ Trotz seines ebenso ambitionierten Zwillingsbruders scheinen die Geschwister ihr Online-Fußball-Talent nicht gerade von den Eltern geerbt zu haben.

Während Daniels Mutter zwar rege alle Aktivitäten der Söhne im Netz verfolge, soll der Vater, auf dessen Berufsbezeichnung der Vize-Weltmeister nicht kommen will, aber weiß, dass dieser im Rohrbau tätig sei und hierfür Pläne und Skizzen anfertige, jedoch keineswegs online affin sein. „Ich glaube, er weiß nicht mal, wie man einen Computer an und aus macht“, plaudert Daniel Schellhase aus dem Nähkästchen.

Um so besser, dass Daniel sich auf diese „Disziplin“ hervorragend versteht und unser Land darüber hinaus innerhalb seines Fachgebiets, dem Computer-Fußball, bislang immer wieder erfolgreich vertreten hat.

Mit seinen zwischenzeitlich 26 Jahren hebt der Vize-Weltmeister augenblicklich bereits deutlich den Altersdurchschnitt des typischen E-Sportlers an. Dieser nämlich soll laut einer deutschen Umfrage unter Jugendlichen so aussehen:

19 Jahre alt, männlich und auch abseits des Computers aktiv Sport treibend, mindestens zweimal wöchentlich. Dabei seien Fußball, gefolgt vom Workout im Fitnessstudio sowie Jogging, die mit Abstand beliebtesten Sportarten, wie Turtle berichtet.

Außerdem besuchten über 42 Prozent der Spieler noch die Schule, davon 23 Prozent der ESL-User ein Gymnasium, weitere 7,7 Prozent studierten an einer Hochschule. Ganze 18,9 Prozent setzten sich aus Auszubildenden und jungen Berufstätigen zusammen. Auffällig:

In diesem Sport-Segment scheinen derzeit noch kaum Frauen so recht Fuß gefasst zu haben: Schlappe 3,3 Prozent machten den Anteil der Damenwelt augenblicklich nur aus. Das Erfreuliche: Die Anzahl weiblicher User steige gerade kontinuierlich an.

Und so bleibt zu hoffen, dass in absehbarer Zeit vielleicht nicht nur ein Daniel oder Dennis den Weltmeistertitel zu uns nach Hause tragen, sondern womöglich ja schon bald einmal eine Daniela oder Denise

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der WDR-Sonntags-Nachmittags-Show „HOLLYMÜND“. Für „Guten-Abend-RTL“ arbeitete sie als Redakteurin und On-Reporterin.

Auf 3-Sat moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, außerdem die Casinoshow „Casinolife“ auf TV NRW.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

Infos unter:

www.michaelaboland.com

http://www.stern.de/digital/computer/world-cyber-games-deutschland-ist-fussball-weltmeister-553277.html

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,437731,00.htmlhttp://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,437731,00.htm

http://www.sueddeutsche.de/thema/Daniel_Schellhase

http://tvtotal.prosieben.de/tvtotal/videos/player/?contentId=19942

http://www.computerbild.de/videos/Fifa-Weltmeister-Daniel-Schellhase-und-PES-Europameister-Mike-Linden-Interview-2106278.html

 

 

 

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