hamburger-retina

Exklusiv Interviews

16.10.2013 MICHAELA BOLAND TRIFFT INGRID STEEGER

GFDK - Michaela Boland - 3 Bilder

Das Große Exklusivinterview für freundederkuenste.de -MICHAELA BOLAND TRIFFT INGRID STEEGER

Mit ihrem Nachnamen wollte sie sich schon in ihrer Jugend nicht abfinden. Weil sie mit Stengert nichts anfangen konnte, wandelte sie ihn kurzerhand in Steger um als sie ihren Stenotypistinnen-Job in einem Architekten-Büro antrat. Womöglich die einzige Rebellion ihres Lebens. Nur einige getippte Ausschreibungen und ein weiteres "e" im Namen später sollte die Öffentlichkeit noch eine ganze Menge von der schönen Blondine zu hören und sehen bekommen.

Durch die legendäre und prämierte Fernsehunterhaltungsproduktion "Klimbim" avancierte sie in den 70er Jahren zum Kultstar. Zeitgleich haftete auch das Image der sexy, aber leicht dösigen Ulknudel an ihr. Mit zahlreichen Rollen in anerkannten Fernsehformaten zeigte sie danach immer wieder, dass sie sich nicht nur auf das schwierige Fach der Komik, sondern ebenso gut auf Ernstes versteht. Die Aufs, doch vor allem die Abs ihres Privatlebens wurden durch Medien im Laufe der Jahre immer wieder gnadenlos detailliert vor Millionen ausgebreitet.

Doch kaum ein Prominenter hat es vermocht, so aufrecht und geradlinig durch schlechte Zeiten zu gehen, wie sie. Zurzeit gibt es sie nur im Doppelpack. Yorkshire-Lady Eliza Doolitle, ein Geschenk ihrer Kasseler Theater-Kollegen, ist seit einiger Zeit ihre ständige Begleitung. So auch im Kölner Theater am Dom, wo sie noch bis zum 09. Februar neben Simone Rethel, Beatrice Richter, Christine Schild und Volker Brandt in dem Stück "Der Kurschattenmann" zu sehen ist, bevor die Produktion nach Bonn zieht.

Ich bin sehr gespannt auf dieses Zusammentreffen und freue mich darauf. Als Kind der 70er Jahre war es stets etwas Besonderes für mich, abends hin und wieder "Klimbim" sehen zu dürfen. Die blonde Gabi mit Zöpfen, Sommersprossen, Nickelbrille und bezeichnender Zahnlücke war mir die Liebste, weil sie, rotzfrech, die Wahrheit auf den Punkt zu bringen schien, zwar regelmäßig  eine schallende Ohrfeige ob des Wagemutes einstecken und anschließend heulen musste, sich jedoch niemals entmutigen ließ.

Ihre Darstellerin, Ingrid Steeger, hatte längst Kultstatus erreicht als sich die ersten weniger ruhmreichen Schlagzeilen über deren Privatleben durch die Printmedienlandschaft zogen. Über zerbrochene Beziehungen und Ehen der einst so gefeierten Mimin mit Idealfigur bis hin zum traurigen Hartz IV-Antrag vor wenigen Jahren, einem Zeitpunkt, der für die Schauspielerin längst von Depressionen bestimmt war. Wie auch immer Ingrid Steeger in den Medien beurteilt wurde, bei ihrem Publikum zeichnete sie sich wegen ihrer sympathischen Art kontinuierlich durch Beliebtheit aus.

Im gemütlichen Theater am Dom treffe ich die 65-Jährige. Von ihrer jungendlichen Frische hat sie kaum etwas eingebüßt, sondern sieht nach wie vor einfach ausgesprochen gut aus. Alter ist offensichtlich bei ihr tatsächlich nur eine Ziffer. Selbst ihre Stimme hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Ihre zweijährige Yorkshire-Terrier-Hündin, Eliza Doolittle, die sie auf Schritt und Tritt begleitet und ihr nur gelegentlich, wenn sie einen Knochen oder gar Luftballons zum hineinbeißen und platzen lassen sucht, von der Seite weicht, ist zu einem wichtigen Faktor im Leben der Schauspielerin geworden.  

Michaela Boland:

In ihrem aktuellen Theaterstück, "Der Kurschattenmann" im Kölner Theater am Dom, geht es um einen alternden Casanova , der, nicht ganz ohne Hintergedanken, versucht, direkt mehrere Damen gleichzeitig zu beglücken. Was für eine Rolle spielen sie dabei?

Ingrid Steeger:

Ich spiele eine Dauerpatientin, eine Frau, die eine sehr schwierige Ehe hatte und unter Depressionen leidet. Alle Damen in diesem Stück leiden unter Depressionen. Jede ist ein wenig vom Leben geschädigt und wir verlieben uns alle in diesen Ulrich" (gespielt von Volker Brandt), der ein Charmeur ist, allerdings auch ein kleiner Hochstapler, und der versucht, an das Geld der Frauen zu kommen. Aber natürlich auf amüsante Art.

Michaela Boland:

Wie haben sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ingrid Steeger:

Ich habe den Text gelernt (lacht).

Michaela Boland:

Hin und wieder besteht ja die Notwendigkeit, sich intensiver in bestimmte Charakterzüge einer Rolle hineinzufinden. Man liest gelegentlich, dass Schauspieler für eine Rolle zu- oder abnehmen, manchmal sogar ein Stück weit real in ein solches Leben eintauchen müssen, um so authentisch wie möglich zu sein.

Ingrid Steeger:

Es ist ein Boulevardstück und das ist natürlich auf Komödie aufgebaut. Wir müssen uns also in keine Depression hineinfinden, ganz anders als zum Beispiel bei dem letzten Stück, dass ich in Kassel gespielt habe, "Gatte gegrillt". Das war ein völlig anderes sich Heranarbeiten. Da ging es um eine Frau, die nach 20 Jahren Ehe von ihrem Mann für eine jüngere Geliebte verlassen wurde. Diese Frau kommt einfach nicht damit klar, dass er sie einfach so in die Ecke gestellt hat, und versucht, dies auch noch nach Jahren aufzuarbeiten.

Das ist etwas ganz anderes, da muss man dann mehr dran arbeiten. Aber hier geht es im Grunde genommen nicht nur um die Depression, sondern darum, was dieser Ulrich erfindet und wie wir darauf hereinfallen und später versuchen, ihn auszutricksen und uns schließlich zu distanzieren. Es ist insoweit eine lockere Unterhaltung, denn wenn sich die Depression im Text widerspiegeln würde, wäre es keine Unterhaltung mehr.

Michaela Boland:

Das andere Stück, das sie gerade ansprachen, "Gatte gegrillt" spielten sie in Kassel?

Ingrid Steeger

:Ja, das war eine Tragikomödie, eine englische, schwarze Komödie. Wir spielten es in Kassel und Bremen. In Bremen wird es wohl auch noch einmal aufgeführt werden.

Michaela Boland:

Wenn sie ein Stück zeitversetzt noch einmal spielen und zwischendurch für andere Produktionen zur Verfügung stehen, bleibt ihnen der Text dann eigentlich trotzdem im Gedächtnis oder müssen sie den alten Text dann in der Tat von Grund auf neu erlernen?

Ingrid Steeger

Nein, das Hirn ist ja ein Computer. Da ist alles gespeichert, wenn man noch einmal darüber geht. Ich habe gerade drei Stücke drauf. Das Stück "Gatte gegrillt" werde  ich wahrscheinlich noch einmal in Bremen spielen. Außerdem werde ich jetzt damit anfangen, noch ein anderes Stück für Kassel zu lernen. Also, das ist alles abrufbereit. Man geht natürlich nochmal drüber, das ist ganz klar.

Michaela Boland:

Gibt es bei ihnen auch schon mal Angst vor einem Blackout?

Ingrid Steeger:

Doch, die hat jeder Schauspieler, aber ich hatte das Problem bis jetzt glücklicherweise noch nicht. Manchmal kommt es vor, dass man in der einen Sekunde denkt, "Oh Gott, wie gehts jetzt weiter", aber in letzter Sekunde ist der Text dann wieder da. Es kann auch passieren, wenn man zu oft spielt und man sich dann einfach zu sicher ist und manchmal ein bisschen vor sich hin träumt.

Michaela Boland:

Kannten sie die Kollegen aus ihrem aktuellen Stück schon durch frühere Zusammenarbeit?

Ingrid Steeger:

Die Simone Rethel kannte ich schon, Christine Schild zuvor noch nicht. Aber Beatrice Richter und Volker Brandt kannte ich ebenfalls schon lange.

Michaela Boland:

Funktioniert die Zusammenarbeit grundsätzlich leichter, wenn man sich bereits kennt?

Ingrid Steeger:

Die Phase des Kennenlernens kann man dann natürlich überspringen. Man lernt sich selbstverständlich bei den Proben noch besser kennen. Das Gute an den Proben ist dann immer, dass es sowohl ein berufliches als auch ein privates Zusammenraufen ist.

Michaela Boland:

Setzen sie sich im Anschluss an die Vorstellungen immer noch privat mit den Kollegen zusammen?

Ingrid Steeger:

Also, heute setzen wir uns zum Beispiel zusammen. Oder als der Jopie 109 Jahre alt wurde (Anm. d. Red.: Johannes Heesters wäre am 05.12.2012 109 Jahre alt geworden, verstarb allerdings am 24.12.2011) haben wir uns in seiner Abwesenheit zusammengesetzt. Das war übrigens nicht dramatisch, sondern es war sogar sehr lustig. Da hat die Simone gesagt, dass der Jopie Heesters zu seinem Geburtstag immer sehr gerne viel Leute um sich gehabt habe.

Da haben wir gesagt, "o.k., dann machen wir das auch", und haben uns alle zusammen gesetzt. Auch zum Geburtstag von Beatrice Richter und Christine haben wir das getan. Manchmal setzten wir uns auch alle zusammen, wenn irgendjemand Besuch bekommt. Aber eben nicht jeden Abend. Auf Tournee ist man natürlich automatisch mehr zusammen, aber hier in Köln hat jeder seine eigene Wohnung oder sein Appartement und so sein Eigenleben. Das ist üblich, wenn man irgendwo fest spielt.

Michaela Boland:

Montags ist spielfrei. Was tun sie an diesem Tag üblicherweise?

Ingrid Steeger:

Es ist eigentlich immer irgendetwas. Irgendwelche Interviews oder sonstige Termine. Auch arbeite ich gerade an einem Buch und der Lübbe-Verlag ist ja hier in Köln ansässig, insofern ist da immer irgendetwas zu tun. Nur abends versuche ich zumindest immer, in meiner Wohnung zu sein, auf die Uhr zu gucken und zu sagen, "jetzt wäre ich normalerweise auf der Bühne und jetzt bin ich nicht auf der Bühne". Wir spielen hier ja sieben Tage die Woche. 

Michaela Boland:

Worum wird es in ihrem Buch gehen?

Ingrid Steeger

Natürlich, um mein Leben (lacht). Worum soll es sonst gehen?

Michaela Boland:

Also eine Autobiografie. Packen sie da alles hinein oder werden bestimmte Themen ausgeklammert?

Ingrid Steeger:

Es wird natürlich immer etwas bleiben, was nur mir gehört, das ist ganz klar. Aber es stand ja sehr viel in der Presse, doch das ist ja immer alles nur recht oberflächlich angedeutet und die Hintergründe nicht. In meinem Buch wird viel drin stehen, was auch nicht immer lustig sein wird, auch viel Neues. Es ist jedoch kein ab- oder aufrechnen.

Michaela Boland:

Wann wird es erscheinen?

Ingrid Steeger:

Im August.

Michaela Boland:

Steht der Titel bereits fest?

Ingrid Steeger:

Ja, es heißt "...und find es wunderbar". Also nach dem ..."dann mach ich mir `n Schlitz ins Kleid", das lassen wir natürlich weg, sondern nur ".und find es wunderbar".

Michaela Boland:

War Klimbim für sie eigentlich Fluch, Segen oder beides?

Ingrid Steeger:

Beides natürlich, beides. Ohne Klimbim würde ich heute nicht hier sitzen und sie würden mich nicht interviewen.

Michaela Boland:

Man weiß es nicht.

Ingrid Steeger:

Ich hatte kein Verlangen nach diesem Beruf. Vielleicht hatte der Beruf Verlangen nach meiner Person, aber ich nicht nach dem Beruf. Das hat sich so ergeben. Ich bin rein geschlittert und bin dabei geblieben.

Michaela Boland:

Sie haben die Handelsschule abgeschlossen und in einem Architekturbüro gearbeitet.

Ingrid Steeger:

Kurzfristig, sehr kurzfristig.

Michaela Boland:

Was gehörte da zu ihren täglichen Aufgaben?

Ingrid Steeger:

Schreibmaschine schreiben. Ausschreibungen tippen. Ich war als Stenotypistin tätig, es gab ja noch keine Computer und dergleichen.

Michaela Boland:

War das nicht so geplant?

Ingrid Steeger:

Es war nie mein Traum im Büro zu arbeiten. Es war auch nicht mein Traum, auf die Handelsschule zu gehen. Das waren damals andere Zeiten. Mein Vater hat bestimmt, dass ich auf die Handelsschule gehe und damals hat man halt das gemacht, was die Eltern gesagt haben.

Michaela Boland:

Was haben sie da für einen Abschluss gemacht?

Ingrid Steeger:

Wirtschaftsabitur.

Michaela Boland:

Was war ihr eigener Plan für ihr Leben?

Ingrid Steeger:

Ich wollte ganz einfach nicht  im Büro arbeiten. Damals kamen gerade die Discotheken auf, das war ja damals was ganz Neues. Und dann fing ich an, in Berlin als Go-Go-Girl in Diskotheken zu tanzen. Allerdings nicht wie die Go-Go-Girls heute sind. Wir haben Röckchen angehabt, Stiefel und lange T-Shirts und standen nur so da und haben so vor uns hingetanzt. Und dann habe ich auch teilweise zwischendurch im Büro gearbeitet und habe das natürlich zu Hause auch nicht so genau erzählt. Dann habe ich aufgehört, regelmäßig bei dem Architekten zu arbeiten und zwischendurch immer, wenn das Geld knapp war, dann als Sekretärin gejobbt und immer wieder mal getanzt. Und so hat sich das alles irgendwie ergeben. Bei mir hat sich immer alles ergeben, das griff stets ineinander über, ob ich wollte oder nicht.

Michaela Boland:

Haben sie denn auch ein wenig darauf vertraut, dass immer irgendetwas kommt?

Ingrid Steeger:

Ich habe auf gar nichts vertraut. Ich wusste nur etwas: Mein Leben sollte nicht im Büro enden. Allerdings sollte es auch nicht vor der Kamera enden.

Michaela Boland:

Glauben sie an Schicksal?

Ingrid Steeger:

Ja, wenn man sein Leben beobachtet, liegt das Schicksal eigentlich in meiner eigenen Hand. Wenn man das im Nachhinein sieht, ging eigentlich alles ineinander über. Nur leider kapiert man das in dem Moment nicht, sonst könnte man seine Fähnchen rechtzeitig besser danach ausrichten

Michaela Boland:

Sie haben beschrieben, dass sie in ihrem Leben vieles gemacht machen, was andere von ihnen verlangt haben. Würden sie dies, rückwirkend betrachtet, heute anders handhaben?

Ingrid Steeger:

Mit diesem Satz kann ich gar nichts mehr anfangen. Ich überlege da auch gar nicht. Was sage ich? Wenn ich das und das gemacht hätte, wäre vielleicht nicht das und das passiert. Wenn ich keine Sexfilmchen gemacht hätte, hätte ich nicht Klimbim gemacht. Mich mochten damals die Kinder, die Frauen und die Männer und wenn ich kein Ja-Sager gewesen wäre, wäre mein Sex, den ich nicht freiwillig gegeben habe, sondern, den ich gab, weil ich ihn geben musste, weil man es von mir verlangte, vielleicht nicht so sauber rüber gekommen, dass mich wiederum dann nicht  die Kinder und die Frauen geliebt hätten. Also, das ist alles so ein Gemisch. Wenn, wenn, wenn und hätte. Dieses Wort "hätte", habe ich eigentlich aus meinem Leben getan. Ich kann es nicht ändern und ich will auch gar nicht darüber nachdenken, was dann passiert wäre, denn ich weiß es nicht.

Michaela Boland:

Eigentlich sind sie über all die Jahre bei Jung und Alt  nahezu dauerbeliebt.  Erinnern sie sich überhaupt an Negativ-Kritik?

Ingrid Steeger:

Negative Kritik in dem Sinne eigentlich kaum. Aber, sagen wir mal, es hat vieles, was die Presse geschrieben hat, nicht gestimmt. Die Presse hätte eigentlich wissen müssen, dass sie mir mit dem, was sie da  hin und wieder schreibt, schadet. Aber sie haben es halt  geschrieben, weil es aufreißerisch ist und weil sie eben etwas schreiben müssen. Aber, dass mich jetzt jemand verdammt hat, in dem Sinne, eigentlich nicht. Nun muss ich sagen, lese ich auch sehr wenig die Presse, weil ich mich nicht ärgern will. Denn einiges stimmt und einiges stimmt natürlich nicht. Und wenn man das dann so liest, wie man es nun gar nicht gesagt oder gemeint hat, ist das nicht schön. Oder es kommen so schlimme Mutmaßungen, die dann mein Leben schon vorausbeschreiben, wo ich denke, das kommt einer Verurteilung gleich, wobei sie ganz genau wissen, dass das nicht stimmt. Aber wir wissen ja, wie die Medien sind.

Michaela Boland:

Also, egal, wie lange man im Business ist, man ärgert sich immer mal wieder über Berichterstattung hinsichtlich der eigenen Person?

Ingrid Steeger:

Darum lese ich es mir erst gar nicht durch, dann braucht man sich auch nicht zu ärgern. Aber es gibt leider Gottes immer Leute, die einem das dann schicken.

Michaela Boland

Man hat ihnen für viele Jahre den Stempel "Ulknudel" verpaßt.1992 kam dann "Der große Bellheim" unter der Regie von Dieter Wedel, mit dem sie auch privat liiert waren. Es wurde vielerorts so formuliert, dass sie  nun in das sogenannte "seriöse Fach" wechselten. War es ihnen selbst ein Bedürfnis, vom Image der lustigen erotischen Frau in das sogenannte seriöse Schauspielfach zu überzugehen?

Ingrid Steeger:

Also für mich ist alles seriös. Klimbim war die härteste Arbeit meines Lebens. Ich habe vor dem Bellheim auch schon zweimal Derrick und den Kommissar gemacht. Außerdem habe ich darüber hinaus bereits in Fernsehspielen Rollen übernommen. Also, ich habe nicht nur Komik gemacht. Die Leute hängen sich nur immer an der Komik und insbesondere an Klimbim fest. Bellheim ist nicht das erste in dieser Richtung gewesen. Ich habe nämlich auch einen anspruchsvollen Derrick gemacht.

Das ist das gleiche in grün. Nur damals wurde das durch den Dr. Dieter Wedel, weil ich ja auch noch mit dem liiert war, einfach groß herausgehoben. Bellheim war natürlich ein riesen Erfolg, ist auch in einer Zeit entstanden, in der ich mit ihm liiert war. So habe ich auch den ganzen Aufbau mit verfolgt. Dadurch wurde die Rolle natürlich stark überbewertet.

Michaela Boland:

Wie haben sie sich eigentlich ineinander verliebt? Ich selbst hatte noch keine Gelegenheit, ihn kennenzulernen, habe allerdings das eine und andere Mal von Schauspielern gehört, dass er auch recht streng sein könne. Können sie das bestätigen?

Ingrid Steeger:

Streng ist ein sehr nettes Wort. Ja, er ist ein sehr schwieriger Mensch. Aber  immerhin haben wir es ja fünf Jahre miteinander geschafft. Und es war keine unglückliche Zeit. Im Nachhinein sieht man vieles anders. Aber wir hatten eigentlich eine sehr gute Zeit, die nicht immer einfach war. Doch schwierige Menschen sind nun mal schwierig und das wusste ich natürlich.

Michaela Boland.

War es Liebe auf den ersten Blick?

Ingrid Steeger:

Nein, ich habe mich ja auch mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, weil ich ja wusste, dass er schwierig war. Aber, da ich nun mal gelernt habe, im Leben mehr auf andere Leute einzugehen, ist mir das vielleicht nicht so schwer gefallen wie den anderen Frauen.

Michaela Boland:

Ist das heute noch immer so bei ihnen, mehr auf die Bedürfnisse anderer Menschen einzugehen als auf ihre eigenen?

Ingrid Steeger:

Ich habe schneller den Durchblick als früher und versuche da schon, meine Distanz zu halten. Jedoch glaube ich, dass es einfach ein Teil meines Charakters ist, das ich vielleicht immer ein bisschen mehr in den Menschen sehe und dann tut man auch mehr für die anderen. Ich kann dann deren Bedürfnisse nicht einfach an mir abprallen lassen. Ich versuche, die Menschen mehr zu ergründen und bringe womöglich einfach manchmal ein bisschen zu viel Verständnis für andere auf und das merken natürlich manche Leute und die wissen das dann schon zu benutzen.

Michaela Boland:

Kommen wir noch einmal auf Klimbim zurück. Sie sagten gerade, es sei für sie die härteste Arbeit ihres Lebens gewesen. Inwieweit hatte das mit dem Regisseur Michael Pfleghar zu tun?

Ingrid Steeger:

Ja, es war sehr schwierig. Und auch hier kommt wieder hinzu, dass wir miteinander liiert waren und dass ich ihm dann gehört habe, beruflich wie privat. Das war für mich zum damaligen Zeitpunkt durchaus in Ordnung. Im Nachhinein sieht man vieles anders. Im Hinblick auf meine Jugend sagen die Leute ja auch, "deine Jugend war ja schrecklich", aber in meiner Jugend fand ich meine Jugend in Ordnung. Mit dreißig vierzig Jahren dann nicht mehr. Aber, das ist auch vielleicht etwas, das man überlebt, wenn man es in dem Moment so sieht. Aber Klimbim war eben deshalb so schwierig, weil ich vor der Kamera nicht so agieren konnte, wie ich es gerne getan hätte.

Oder der  Pfleghar hat es auch einfach nur nicht so gesehen und er hat es natürlich, ich sage immer "rausgeprügelt" in Anführungsstrichen. Ich wusste nicht, dass ich komisch sein würde und er hat es mit Gewalt herausgeholt und ich habe gehorcht. Also ich habe wieder mal gehorcht. Wie immer im Leben, habe ich auch ihm gehorcht. Und das war ja offensichtlich richtig so. Es hat nicht unbedingt Spaß gemacht, aber es kam etwas dabei heraus. Und das durfte das Publikum ja nun auch nicht merken.

Das war wichtig. Wenn wir das jetzt zusammen durchgehen würden, könnte ich ihnen jede Szene nennen, bei der ich geheult habe. Auch beim Schneemann. Das war nicht im Studio, sondern das war wirklich draußen im Schnee. Und das im Abendkleid. Und das mussten wir zehn bis zwanzig Mal drehen und da bin ich fast erfroren und bin seiner Meinung nach immer falsch um den Schneemann herumgelaufen. Das war dann auch nicht komisch.

Michaela Boland:

Als vorlaute Gabi haben sie in der Klimbim-Familie regelmäßig Backpfeifen kassiert. Wurden die Schläge gefakt oder mussten sie den Schmerz tatsächlich aushalten?

Ingrid Steeger:

Es war real. Das war nicht komisch. Die Volkmann hat eine gute Handschrift gehabt.

Michaela Boland:

Hatten sie denn nie das Bedürfnis, Elisabeth Volkmann bei Gelegenheit mal eine schallende Ohrfeigen-Retourkutsche zu verpassen?

Ingrid Steeger:

Nein, ich dachte ja, das muss so sein.

Michaela Boland:

Schauen sie sich Wiederholungen von Klimbim gelegentlich an? Können sie das gut sehen?

Ingrid Steeger:

Nein, das gucke ich mir nicht an. Ich sehe mir auch keinen Talk, den ich gemacht habe, an. Ich gucke mich überhaupt nicht an. Machen aber viele Schauspieler nicht. Ich kann mich nicht ertragen. Klimbim, kann ich nicht mehr verbessern. Man ärgert sich auch nur darüber. Bei Talks zum Beispiel, dann denkt man, wieso hast du nicht dieses oder jenes gesagt oder, das hättest du machen können. Ich weiß das in dem Moment selbst, wenn ich den Mund aufmache, weiß ich schon, was falsch ist und dann brauche ich mir das nicht noch einmal anzuschauen.

Michaela Boland:

Sie haben früher auch Fernsehwerbung für Rolo Schokoladenkaubonbons und Old Spice gemacht. In was für einer Erinnerung haben sie die Spots?

Ingrid Steeger:

Rolo, das war eine süße Werbung. Das waren die größten Werbespots, die ich gemacht habe. Für Rolo haben wir sogar auch Preise erhalten.

Michaela Boland:

Im Rolospot haben sie gesungen, ebenso wie regelmäßig in Klimbim. Gab es auch Anfragen von Produzenten für Plattenproduktionen?

Ingrid Steeger:

Ja, klar. Ich habe auch einige gemacht.  Auch hier wollte ich eigentlich gar nicht, aber die wollten. Ich fand mich nie gut als Sängerin. Selbst da habe ich mich Satz für Satz gequält. Ich habe auch Musical gemacht, bin zur Falckenbergschule gegangen, habe die Lieder einstudiert. Und dann kam ich bei den  Freilichtspielen auf die Bühne und da hatten wir kein Mikroport und nichts und meine Stimme hat total versagt. Wenn ich Theater spiele, geht meine Stimme bis ganz nach hinten, auch wenn tausend Leute da sind. Dann hole ich mir meine Stimme einfach tief aus dem Bauch, aber wenn ich singe, dann rutscht mir die Basis nach oben. Ich kann nicht singen und ich will auch nicht, weil ich nicht kann (lacht).

Michaela Boland:

Haben sie zu irgendeinem Zeitpunkt eigentlich noch eine klassische Schauspielausbildung absolviert?

Ingrid Steeger:

Nein.

Michaela Boland:

Funktionierten Dinge wie auf der Bühne laut und deutlich sprechen zu können dann aufgrund ihrer gesammelten Erfahrung?

Ingrid Steeger:

Das habe ich mir erarbeitet. Beim ersten Theaterstück habe ich das nicht gehabt. Zwischen Bühne und Fernsehen liegen natürlich Welten. Mein erstes Stück war ein Zwei-Personenstück mit Harald Leipnitz und da ging meine Stimme gar nicht nach hinten und da haben die Leute auch immer gerufen "lauter, lauter". Da habe ich mir die Bühnenwirksamkeit dann mit der Zeit vom Spielen her erarbeitet. Wer Fernsehen spielt, gewährleistet noch lange nicht, dass er eine Bühnenwirksamkeit hat. Umgekehrt genauso.

 

Michaela Boland:

Halten sie eigentlich noch Kontakt zu ihren früheren noch lebenden Klimbim-Kollegen, wie Wichard von Roell oder Peer Augustinski?

Ingrid Steeger:

Zu Peer ja. Er wohnt ja auch hier in Köln. Der war auch schon hier im Theater. Wichart, also zum Opi, weniger. Die anderen sind ja schon tot.

Michaela Boland:

Sie haben vor einigen Jahren bereits ein Buch herausgebracht, in dem es um ihre Männer gehen soll.

Ingrid Steeger:

Nein, das ist kein Buch, bitte. Oh, da bin ich auch so was von stinkig. Das ist auch nur wieder aus Blödsinn entstanden, weil jemand das wollte. Das ist ja kein Buch, das sind Karikaturen. Es ist gezeichnet und dann steht da jeweils so ein blöder Text drunter. Also das kann man vergessen, da stehe ich auch nicht zu, zu diesem Buch. Das ist aus Blödsinn entstanden und der Verkauf versucht das halt bis heute noch das zu vermarkten. Ich finde auch den Vertrag nicht mehr, habe da auch nie eine Abrechnung oder sonst was gekriegt und das ärgert mich immer.

Michaela Boland:

Nichts desto trotz haben sie ja bereits die eine oder andere Erfahrung mit Männern in ihrem Leben gemacht, die nicht unbedingt immer nur schön war, wie man im Laufe der Jahre auch in den Medien mit verfolgen konnte. Wofür sind Männer aus ihrer heutigen Sicht eigentlich gut?

Ingrid Steeger:

Ja, das frage ich mich auch. Ja, gut, es gibt schon gute Beziehungen.

Michaela Boland: Was macht eine gute Beziehung nach ihrem Dafürhalten aus?

Ingrid Steeger:

Einfach eine gute Gemeinschaft, etwas zusammen erleben und durchleben. Ich kann nicht behaupten, dass ich nur schlechte Beziehungen hatte. Ich denke, der Anfang ist immer schön und man hat immer eine schöne Zeit gehabt. Und dann irgendwann merkt man, dass die Zusammengehörigkeit doch nicht so gegeben ist und dann geht man halt auseinander. Ich finde das schön, wenn ich sehe, dass Leute 25, 30, 40, 50 Jahre verheiratet sind, aber auch die hatten natürlich ganz harte Zeiten. Und die haben sich im Alter dann wieder zusammengerauft.

Also eigentlich müsste man versuchen, das durchzustehen. Also an Treue oder so etwas glaube ich prinzipiell nicht. Nicht nur in Bezug auf das, was ich erlebt habe, sondern auch, was ich bei den anderen Leuten sehe. Ich glaube, das ist auch irgendwie nicht im Menschen drin, was ich sehr traurig und schade finde. Der Körper gehorcht offensichtlich nicht immer so ganz. Aber ich finde es schön, dass man trotz allem zusammenbleiben kann. Wenn ich ältere Ehepaare sehe, die Hand in Hand herumlaufen, finde ich das herrlich. Und jeder hat da mal ein außereheliches Verhältnis gehabt, das geht ansonsten ja nicht über eine so lange Zeit, aber ich finde es einfach toll, dass man dann trotzdem zusammenbleibt.

Michaela Boland:

Bei Bettina Böttinger im Kölner Treff haben sie geäußert, dass sie Angst vor einer Beziehung hätten. Ist das nach wie vor so? Könnten sie sich nicht vorstellen, noch einmal die Liebe zu finden?

Ingrid Steeger:

Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen. Nein.

Michaela Boland:

An Angeboten mangelt es mit großer Wahrscheinlichkeit kaum. Wie könnte ein potentieller Kandidat denn idealerweise sein?

Ingrid Steeger:

Weiß ich nicht. Der müsste gebacken werden. Ich kann es nicht sagen. Ich möchte keinen Jüngeren haben und ich möchte auch keinen Älteren haben. Also so einen alten Mann möchte ich auch nicht unbedingt nackt sehen. Und einen Jüngeren, nun, als ich 50 war, hatte ich mal eine Beziehung mit einem jüngeren Mann. Ich kann gar nicht verstehen, wie ältere Frauen sagen können, dass sie sich mit einem jüngeren Mann an der Seite jung fühlen. Ich habe mich alt gefühlt. Zuerst einmal, mit welchen Leuten der sich umgeben hat, da war ich schon längst einen Zacken drüber.

Das war einfach nicht mehr meine Welt. Vielleicht gaukelt man sich da für eine Zeit etwas vor. Dann ist das sicherlich schön, weil man für eine Weile mal wieder in etwas anderes eintaucht. Aber mit der Zeit merkt man irgendwie, das ist vorbei, da bin ich schon mal durch. Es ist fein, wenn das andere durchmachen, das freut mich für sie. Man soll natürlich auch nie sagen. Aber ich hätte Schwierigkeiten damit, da wieder Kompromisse zu machen und mich anzupassen. Dann saust da wieder einer in der Gegend herum, nein, das ist mir zu anstrengend.

Michaela Boland:

Sie haben deutlich geschildert, dass sie in ihrem Leben immer wieder anderen Menschen gehorcht haben. Wären sie denn heute sicher davor, zu gehorchen, gesetzt den Fall, sie verlieben sich allen Widerständen zum Trotz doch  erneut?

Ingrid Steeger:

Das ist ja eben das Problem. Ich wäre mir da nicht so sicher, dass mir das nicht mehr passiert. Und ich habe keine Lust, dass das wieder von vorne losgeht. Denn ich würde wahrscheinlich automatisch, also nicht mehr gehorchen, aber ich würde einfach sehen, dass es meinem Partner gut geht und der würde das dann wieder ausnutzen und so weiter. Ich will auch nicht ständig jemanden um mich herum haben. Wissen sie, ich bin jetzt 65 und kann nicht mehr mit einem Mann zusammen alt werden. Wenn ich jetzt einen mit 30 kennengelernt hätte, dann wird man zusammen alt.

Ich würde es vom Optischen her erleben. Sein Körper verändert sich, mein Körper verändert sich. Wenn ich aber jetzt einen kennenlerne, dann sehe ich den schon mal alt und er sieht mich alt. Diese Entwicklung ist gar nicht mehr gegeben, gar nicht mehr zu schaffen. Selbst wenn ich jetzt einen Mann in meinem Alter kennenlerne, ist der ja schon voll entwickelt.

Wir können nicht mehr in dem Sinne zusammen alt werden. Natürlich gibt es Wunder, vielleicht gibt es auch noch mal eins. Aber darüber denke ich nicht nach. Ich habe gute Freunde und ich habe Eliza Doolittle, meinen Hund. Die ist jetzt zwei Jahre alt. Wenn man mal überlegt, kleine Hunde werden alt, wenn sie nicht krank werden. In fünfzehn Jahren bin ich achtzig, also, was soll das?

Michaela Boland:

Sie sind das jüngste von drei Geschwistern. Wie ist das Verhältnis zu ihrer Familie?

Ingrid Steeger:

Ich habe einen Bruder, der ist in Berlin. Der hat mich gerade angerufen und eine Schwester, die mich ebenfalls heute angerufen hat. Das Verhältnis zu meinen Geschwistern ist sehr gut, zu meiner Schwester enger als zu meinem Bruder. Mein Bruder hat mich angerufen, um mir den Hörer hinzuhalten, weil meine Mutter mal einen lichten Moment hatte und vor sich hingesprochen hat. Sie ist 100 Jahre alt und dement. Sie ist eigentlich gar nicht mehr, quasi ein lebender Leichnam und alle paar Monate redet sie irgendetwas vor sich hin.

Michaela Boland:

Wie oft sehen sie sich?

Ingrid Steeger:

Wir haben uns am 17. August gesehen. Das war ihr 100.ster Geburtstag. Da hat sich die Familie getroffen. Dazu muss ich sagen, dass eigentlich bekannt ist, dass wir nie eine glückliche Familie waren und da auch keine Liebe zwischen der Mutter und uns war. Sie tut mir einfach nur leid.

Michaela Boland:

In einer Boulevardzeitung war zu lesen, dass  sie geäußert hätten, ein Ableben sei eine Erlösung für ihre Mutter.

Ingrid Steeger:

Ja. Sie hat kein Leben mehr. Ich wünsche das jedem Menschen, wenn er mal so dran ist wie sie. Sie wird gewickelt, sie wird gefüttert. Das habe ich dem Express, den Blödmännern, nicht gesagt, das haben sie sich aus "Volle Kanne" herausgezogen und haben natürlich die Überschrift gemacht "Ingrid Steeger wünscht sich den Tod ihrer kranken Mutter". Meine Mutter kriegt nichts mehr mit, liegt nur apathisch herum und dämmert vor sich hin. Das ist kein Leben mehr. Das ist entwürdigend. Ab und zu redet sie, da muss das Langzeitgedächtnis durchkommen, aber auch das hat keinen Zusammenhang mehr. Es ist einfach kein Leben.

Michaela Boland:

Dass sie in finanzieller Hinsicht einmal durch eine sehr schwierige Zeit gegangen sind, konnte ganz Deutschland durch sensationslüsterne Boulevardmedienberichterstattung mit verfolgen. Wie haben sie es geschafft, derart bemerkenswert aufrechten Ganges durch diese Lebensphase hindurchzugehen und welchen Tipp geben sie Menschen in ähnlichen Lebenssituationen?

Ingrid Steeger:

Ich bekomme viele Anfragen in dieser Hinsicht. Viele Menschen fragen mich, die in der Situation sind. Doch das kann man nicht mit meiner Situation vergleichen. Erstens mal war ich ja in einer schweren Depression. Da kamen viele Dinge, wie Depression und Krankheiten zusammen. Das Ganze hat sich auch jahrelang vorher angekündigt, so etwas kommt ja nicht von heute auf morgen. Durch meinen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad hatte ich jedoch das Glück, dass die Leute mich aufgefangen haben. Ein normaler Mensch wird ja leider nicht so aufgefangen wie ich aufgefangen wurde. Dadurch, dass das so groß in der Presse stand, was für mich ein schlimmer Schlag war, musste ich mich ja dazu stellen. Es ging nicht anders.

Michaela Boland:

Hat da jemand aus ihrem direkten Umfeld geplaudert oder wie kam ans Licht, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr aus eigener Kraft bestreiten konnten?

Ingrid Steeger:

Natürlich, bestimmt. Ich weiß es nicht. Die Bildzeitung hat es herausbekommen und die haben perfekt daran gearbeitet, bestimmt zwei, drei Monate. Die wussten alles ganz genau, mehr als ich. An welchem Tag und um wie viel Uhr ich den Antrag gestellt habe. Da konnte man auch gar nichts widerlegen. Da muss man ja dann zu stehen, denn das waren alles Fakten. Es war alles nachzuweisen und da kam ich dann gar nicht mehr drum herum.

Michaela Boland:

Sie hätten versuchen können, sich mit der empfundenen Schmach zu verkriechen, haben jedoch tapferer weise gegenüber der Öffentlichkeit regelmäßig Rede und Antwort gestanden. Wie haben sie sich dazu motivieren können?

Ingrid Steeger:

Mich zu verstecken, ging ja gar nicht, denn dann wäre ich tot gewesen. Tot für mich und für die anderen. Dann wäre ich wirklich am Boden gewesen. Es gab wirklich nur die Möglichkeiten, entweder bleibe ich liegen, weiterhin in meinem Koma und in meiner Depression verhaftet oder ich stehe auf. Und dadurch, dass ich mich dazu gestellt habe, also, ich bin wieder einmal dazu gezwungen worden, etwas zu machen, habe ich dann auch die Kraft bekommen.

Dann standen nämlich auch die Medien zu mir, ebenso wie die Leute. Dadurch kam ich nach vier Monaten bereits aus Hartz IV heraus, denn die Gagen bei den Talks waren sehr gut. Das Sozialamt hat mir sofort berechnet, wie lange ich davon zu leben habe. Und dann kam sofort das Theaterstück und alles Weitere ging direkt ineinander über. Ich kann somit einem normalen Menschen, in Anführungsstrichen, überhaupt keinen Tipp geben, denn das war bei mir ein Ausnahmefall. Denn ein normaler Mensch wird nicht aufgefangen und kriegt auch keine guten Gagen in Talks.

Natürlich muss man stark sein und Kraft haben und Freunde haben. Viele meiner Freunde wussten ja gar nicht, was mit mir los war. Meine Freunde wohnen ja nun alle nicht bei mir oder in meiner näheren Umgebung. Sie wussten schon, irgendwas funktioniert nicht mehr so. Es ging ja, wie gesagt, über Jahre. Die Depression hat sich tatsächlich über Jahre erstreckt.

Michaela Boland:

Wie geht es ihnen heute in Bezug auf ihre Depression? Ist sie überstanden?

Ingrid Steeger:

Ich gehe mal davon aus, dass die Depression schon länger vorüber ist, sonst würde ich gar nicht auf der Bühne stehen.

Michaela Boland:

Die Gefahr eines Rückfalls ist bei Depressionen nicht immer auszuschließen.

Ingrid Steeger:

Ich war auch mit Depressiven zusammen und habe das sehr studiert. Es gibt so viele verschiedene Arten von Depressionen. Depression ist nicht gleich Depression. Klar kann man von heute auf morgen wieder in eine Depression verfallen, wenn irgendetwas passiert. Es gibt auch eine akute Depression. Jeder Mensch hat mal eine akute Depression gehabt, fällt da kurz rein und ist dann wieder da. Die schlimmste ist die endogene, also die vererbte Depression, die dann sporadisch in Abständen immer wieder kommt.

Michaela Boland:

Aber jetzt geht es ihnen gut?

Ingrid Steeger:

Mir geht es sehr gut.

Michaela Boland:

Das ist schön. Interessieren sie sich eigentlich auch für bildende Kunst?

Ingrid Steeger:

Meine ganze Wohnung ist vollgepflastert mit Bildern von guten Künstlern.

Michaela Boland:

Bevorzugen sie da eine bestimmte Stilrichtung?

Ingrid Steeger:

Ich bin ein sehr großer Fan der Impressionisten. Van Gogh, Gauguin, Manet, Monet usw.

Michaela Boland:

Vermissen sie als Berlinerin eigentlich manchmal ihre Heimat?

Ingrid Steeger:

Nicht ein bisschen.

Michaela Boland:

Was sagen sie denn zu der Flughafenaffaire rund um den regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit?

Ingrid Steeger:

Da habe ich mich, ehrlich gesagt, nicht so viel drum gekümmert. Viele Leute denken immer, ich wohne noch in Berlin. Berlin ist für mich ein Kapitel, das schon lange vorbei ist. Dort zieht mich auch nichts mehr hin zurück.

Michaela Boland.

Gibt es für sie eine Lieblingsstadt?

Ingrid Steeger:

Hamburg und Zürich.

Michaela Boland:

In Zürich haben sie auch einmal gelebt?

Ingrid Steeger:

Ja. Und was mir augenblicklich auch gut gefällt, ist Köln. München war für mich immer so eine Anlaufstätte, wenn ich aus Frankreich kam. Jetzt lebe ich fast schon wieder zehn Jahre in München. In Hamburg habe ich ja auch fünf Jahre gewohnt. Jetzt wird es mal Zeit, dass ich wieder umziehe.

Michaela Boland:

Wie stehen sie zu sozialen Netzwerken wie Facebook? Haben sie einen Account dort?

Ingrid Steeger:

Nein, ganz bestimmt nicht. Was soll ich da reinschreiben? Meinen Freunden schreibe ich entweder eine Mail oder wir telefonieren. Und ich will das nicht, dass da jeder Einblick erhält. Das sind ja nicht alles meine Freunde, auch, wenn sie sich so nennen. Ich kenne die doch gar nicht.

Michaela Boland:

Googeln sie sich gelegentlich selbst?

Ingrid Steeger:

Dann müsste ich ja von morgens bis abends beim Anwalt sitzen. Nein, ich habe eine sehr gute Website, die wird unentwegt aktualisiert. Das ist für Berufliches und für Fans und das reicht mir total. Und wann ich nun morgens einen Kaffee getrunken habe, oder ob ich hingefallen bin, das muss ich den Fans nicht mitteilen. Das sollen mal alles die Jüngeren machen. Oder ich finde das  für Schlagersänger ganz gut, die ihre Platten verkaufen wollen.

Michalea Boland:

Oder, wenn man ein neues Buch promoten möchte?

Ingrid Steeger:

Das kommt alles auf meine Website. Dann sollen sie sich das da angucken, da steht das dann alles drin. Aber, was ich jetzt alles privat tue, wann ich den Hund gehauen habe oder etwas über mich und meine Gefühle, das muss nicht  sein. Die Medien, die kriechen dann sowieso da herum und ziehen sich dann da etwas heraus.

Michaela Boland:

Wird es im Rahmen ihrer geplanten Buchveröffentlichung ".und find es wunderbar" auch Lesungen geben?

Ingrid Steeger:

Bestimmt.

Michaela Boland:

Mit Peer Augustinski haben sie in jüngster Vergangenheit auch verschiedene Lesungen durchgeführt. Wird es da Wiederholungen geben?

Ingrid Steeger:

Ja, das einzige Problem besteht nur darin, dass es immer sehr schwierig ist, wenn ich, wie jetzt, Theater spiele.

Michaela Boland: Ihre Stimme ist nach wie vor sehr wohlklingend und vor allem junggeblieben. Nutzen sie diesen Umstand beispielsweise auch zum Synchronsprechen?

Ingrid Steeger: Wenig, aber Hörspiele mache ich jetzt. Ich habe gerade einen Krimi gemacht. Synchron weniger.

Michaela Boland:

Wenn man sie direkt anblickt, sieht man sie verhältnismäßig häufig charmant lächeln, obgleich sie zwischendurch in unbeobachteten Momenten immer wieder ein wenig ernst  wirken. Wann und über was können sie manchmal so richtig herzhaft lachen?

Ingrid Steeger:

Weiß ich nicht. Vielleicht über Blödsinn. Über Eliza Doolittle muss ich manchmal herzhaft lachen.

Michaela Boland: Wie kam es zu der Namensgebung?

Ingrid Steeger:

Ich habe die Eliza Doolittle gespielt. Ich spielte Pygmalion. Diese Rolle habe ich auch sehr gerne gespielt.

Michaela Boland:

Gibt es eine Rolle, die sie heute besonders gerne noch einmal spielen würden?

Ingrid Steeger:

Eliza Doolittle, doch leider bin ich dafür zu alt. Es ist ja ein Mädchen aus der Gosse, die zur Dame erzogen wird. Das geht nur, wenn man jünger ist.

Michaela Boland:

Liebe Frau Steeger, vielen Dank für dieses Interview und alles erdenklich Gute weiterhin für ihre Zukunft.

Infos unter:

www.ingridsteeger.de

de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Steeger

www.sueddeutsche.de/geld/reden-wir-ueber-geld-ingrid-steeger-ich-habe-um-euro-gebettelt-1.1031386

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und

Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

mehr

29.09.2013 MICHAELA BOLAND TRIFFT KONRAD BEIKIRCHER

GFDK - Michaela Boland

Seit 35 Jahren begeistert er ein Millionenpublikum vor den Bildschirmen und auf den Bühnen Deutschlands. Als "Spezialist für das Rheinland" hat es sich der Kabarettist Konrad Beikircher u.a. zur Aufgabe gemacht, den Menschen in puncto Mundart einen Spiegel vorzuhalten. Dabei schaut der hochgebildete Südtiroler den Leuten nicht nur ganz genau "aufs Maul", sondern seziert und analysiert deren Verhaltensweisen auf derart charmante Weise, dass sie ihm selbst das eigene Vorgeführt-werden höchst gern verzeihen.

Der 67-Jährige, der sein rheinisches Dialekt-Basiswissen einst als Gefängnispsychologe auch bei inhaftierten Analphabeten erwarb, hält den Boden für politisches Kabarett dank des Privatfernsehens für tot. Dennoch ist er sich sicher, dass es auch in 500 Jahren noch Menschen geben wird, die die Odyssee in griechischer Sprachen lesen wollen. Warum es den Kabarettisten nach Bonn verschlug, aus welchem Grund er größten Respekt vor Kinderpublikum hat und wie er sein Zusammentreffen mit Jürgen Bartsch empfand, hat er mir im Kölner Gürzenich erzählt.

Michaela Boland: "Das Beste aus 35 Jahren" präsentieren sie heute einer geschlossenen Gesellschaft, nämlich den Mitgliedern eines "Grund- und Boden-Vereins. Bereiten sie sich auf ein spezielles Publikum grundsätzlich auch in spezieller Weise vor?

Konrad Beikircher: Nein, das trage ich heute genauso vor wie sonst auch. Es ist ja sozusagen "normales Publikum", wenn auch aus einem eingeschränkten Pool. Etwas anderes ist es, wenn man so etwas wie  eine Gala hat. Wenn beispielsweise der Deutsche Übersetzer-Preis verliehen wird, bin ich im Vorfeld schon etwas nervös. Deutschland ist ja das Mekka aller Übersetzer, was wenige wissen. Gleichzeitig wird den Übersetzern ausgerechnet in Deutschland mit am wenigsten Honorar bezahlt. Ich glaube, pro Seite Literatur gibt es ungefähr 80 Cent. Bei Sachtexten ist es noch viel weniger.

Bei Gedichten liegt es, wie ich meine, ungefähr bei einem Euro zehn. Wenn man weiß, was Übersetzen heißen sollte, ist das natürlich ganz furchtbar. Es gibt einen ganz tollen Satz, der lautet: "Ohne Übersetzer gäbe es keine Weltliteratur." Denn ohne jene Übersetzer hätten wir ja nur nationale Literatur. Jedenfalls existiert ein Übersetzer-Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist.

Wenn ich dann engagiert bin, um im Düsseldorfer Schauspielhaus einen zweistündigen Abend zum Thema "Übersetzen am Beispiel einer Mozart-Arie aus Figaros Hochzeit", die im Original italienisch ist, jedoch immer wieder übersetzt wurde, zu machen, dann ist das natürlich schon etwas Besonderes.

Auch wenn ich  bei internen Firmen-Festakten als "Experte für das Rheinland" gebucht werde, schreibe ich dann natürlich extra etwas. Das läßt man sich dann auch gut bezahlen, da kriegt man auch Schmerzensgeld. Du nimmst Versatzstücke von dem, was passt und schreibst natürlich nicht nur verbindende Worte, sondern man muss da dann auch ein wenig zu der entsprechenden Gesellschaft  sagen.

Michaela Boland: Das klingt nach einer längeren Vorbereitungszeit für besonderes Publikum.

Konrad Beikircher:  Wenn es um so etwas wie das Übersetzen geht, durchaus. Ich habe selbst einiges übersetzt und kenne die Stolperfallen. Also, zwei Wochen bin ich insgesamt schon damit beschäftigt.

Michaela Boland: Sind sie bilingual aufgewachsen?

Konrad Beikircher: Ja, Italienisch und Deutsch. In Südtirol hatten wir eine italienische Nachbarschaft und ungefähr ab meinem dritten Lebensjahr wuchs ich dann entsprechend zweisprachig auf. Das heißt, eigentlich hatte ich Dialekt, Hochdeutsch und Italienisch. Da der Dialekt ganz anders ist als Hochdeutsch, bin ich eigentlich sogar dreisprachig aufgewachsen.

Michaela Boland: Die Sprachbegabung scheint vorhanden. Wie sah es denn in Mathematik aus?

Konrad Beikircher: Bis zur Matura (Anm.d. Red: Abitur in Österreich) war ich immer schlecht in Mathematik Das lag aber ganz offensichtlich an den Unterrichtenden. Das kann ich deshalb sagen, weil ich Psychologie studiert und währenddessen drei Semester Statistik gemacht habe. Obwohl ich davon zuvor quasi nie etwas gehört hatte, ging mir das leicht von der Hand. Mein Vater war ein guter Mathematiker, also offensichtlich bin ich dann eben doch mathematisch begabt gewesen. Doch leider zu spät. Was willst Du machen?

Michaela Boland: Ist es nach ihrem Dafürhalten ein Vorurteil, dass Menschen, die eine sprachliche Begabung haben, angeblich häufig Defizite in Mathe aufweisen.

Konrad Beikircher: Bei mir kommt eher die andere Verwandtschaft zum tragen. Musik und Mathematik. Musiker haben immer ein Gefühl für rhythmische Strukturen und für Gebilde. Ich habe es zwar nie erlebt, doch ein Freund von mir hat fünf Jahre lang Musik in Indien studiert und ist auch immer noch von der sechs- bis siebentausend Jahre alten Tradition fasziniert. Für viele Inder ist Beethoven ja ein zeitgenössischer Komponist.

Da gibt es in den klassischen Ragas, die mit großen Symphonien vergleichbar sind, Takteinheiten, die bis zu 800 Takte beinhalten, dann kommt die nächste Einheit mit ebenso vielen Takten. Das Ganze geht dann vier bis fünf Mal so. Da sitzt dann ein Fussballstadion voll mit hunderttausend Indern, die Musik läuft und plötzlich schreien sie alle. Das tun sie deshalb, wie mein Freund mir erklärt hat, weil im Takt 799 die Musiker das Richtige getan haben. Der kleine Change ist erfolgt und Schwupp, die neue Einheit wurde wieder angebahnt. Genau das hören sie eben heraus.

Michaela Boland: Klingt nach gut geschulten Ohren.

Konrad Beikircher: Ja, einerseits geschult, doch das bedeutet auch, dass musikalische Strukturen zu erkennen auch die Fähigkeit des Erkennens von mathematischen Strukturen voraussetzt.

Michaela Boland: Ob das grundsätzlich so sein muss?

Konrad Beikircher: Naja, es ist ja kein Muss. Von Einstein hieß es das ja immer, aber Einstein war immerhin ein schlechter Musiker und da gibt es eine schöne Geschichte. Nämlich die, die er mit dem großartigen Weltgeiger, Fritz Kreisler, erlebt hat. Wenn der in die USA reiste, dann kam er nach Princeton, denn die beiden waren gut befreundet. Dann haben sie gerne Streichquartett gespielt. Einstein hat Geige gespielt und dann haben sie ihn halt die zweite Geige spielen lassen.

Fritz Kreisler hat die erste Geige gespielt. Außerdem gab es noch jemanden für die Bratsche und einen Cellisten. Also haben sie sich mit einem Haydn Quartett, einem Menuett im Dreiviertel Takt abgeplagt. Einstein ist immer  wieder rausgeflogen und dann hat Fritz Kreisler den legendären Satz gesagt, " aber Herr Professor Einstein, bis drei werden sie wohl noch zählen können". Aber, man muss natürlich sagen, dass Einstein in der Tat kein guter Musiker war.

Michaela Boland: Sprache ist ihr Arbeitsmittel. Was bedeutet sie Ihnen?

Konrad Beikircher: Sprache ist neben den Urlauten, also den Schmuse- und Ablehnungslauten, natürlich die engste und früheste Beziehung zur Mutter. Sprache ist ein unglaublich wichtiges Instrument, sich vertraulich mitzuteilen. Gerade die Zärtlichkeits,- Zuwendungs- und Liebessprache, empfinden ja viele auch als Erwachsene als gar nicht so einfach. Insoweit als man erst einmal lernen muss, sich auch in der Paarbeziehung fallen zu lassen. Nehmen wir einmal folgendes Beispiel:

Ich kam ja aus Südtirol, habe mich dann unsterblich in eine Kommilitonin verliebt und wir haben dann auch geheiratet. Sie kam aus "Meenz", also Mainz, sprach allerdings ansonsten Hochdeutsch. Ich habe zu der Zeit noch stark südtirolerisch gesprochen. Ich hätte natürlich gesagt, "i mog di", denn das wäre in meinem Idiom die richtige kleine Liebeserklärung gewesen, bzw. die Steigerung, "i mog di so viel gern". Das wäre, "ich hab dich ganz doll lieb" gewesen. Das ging aber nicht. Ich habe dann zu ihr gesagt, "Ich habe dich lieb" oder "ich liebe dich", aber, ich kam mir immer vor wie ein Lügner, obwohl das Gefühl stimmte.

Trotzdem war es ganz eigenartig, irgendwie wie eine ganz gespaltene Zunge. Also, Sprache ist unglaublich wichtig als ursprünglichste Kommunikation nach den Lauten. Auch ist sie nunmal die Möglichkeit, die Welt, in der du lebst, rational zu beschreiben und sie damit zu bewältigen. Das geht nämlich ansonsten nicht. Autisten können es vielleicht mit Malen oder Ähnlichem bewerkstelligen.

Aber üblicherweise brauchen die Menschen die Sprache, um effektiv mit anderen kommunizieren zu können. Das kannst du sachlich oder poetisch machen, kannst ein Rilke sein oder ein Kleist. Auch kannst du Sprache mit einem messerscharfen Verstand übersetzen oder wie ein Mörike mit wundervollen Gemütsgedichten. Das ist der Bereich, wo Sprache bereits ein bisschen an die Musik heranreicht.

Michaela Boland: Sie haben 35 Jahre ihres kabarettistischen Programms zusammengefasst und sind ebenso lange im Geschäft. Sind sie da vor Auftritten noch aufgeregt?

Konrad Beikircher: Das ist ganz unterschiedlich. Bei Abenden, die Routine sind, z.B. "Routine heisst mein Sprachprogramm" oder wenn ich mit `meinen Musikern` aus Frankfurt ein Programm spiele, "Apropos schön drauf sitzen", dann freue ich mich nur darauf und es ist wunderbar. Da gibt es Lampenfieber im klassischen Sinne eigentlich nicht mehr. Höchstens eine Minute bevor es los geht. Wenn es andere Dinge sind, wie beispielsweise die Moderation eines Klassik-Konzerts oder Kinderkonzerte, die ich auch häufiger moderiere, dann habe ich wahnsinniges Lampenfieber.

Da kann man mich schon zwei Tage vorher vergessen, weil ich kein Publikum mehr schätze als Kinder. Es ist das ehrlichste Publikum, aber es vergibt dir keinen falschen Zungenschlag. Kinder sind unglaublich sensibel. Du trittst falsch auf, vielleicht ein bisserl arrogant oder so, Kinder reagieren sofort darauf und dann hast du verspielt wie sonst etwas. Ich habe relativ viel Erfahrung, denn ich habe eine ganze Reihe Kinderhörspiele geschrieben. Mitte der Neunziger Jahre habe ich Sonntags Nachmittags eine Reihe in der Philharmonie in Köln gehabt, bei der immer 2000 Leute anwesend waren.

Das war der Wahnsinn. Es ging um zeitgenössische Musik für Kinder. Da war es in der Regel so, dass die Erwachsenen "buh" geschrien oder getobt haben und die Kinder haben großen Spaß gehabt, weil ich versucht habe, sie eben in eine ganz andere Art von Musik einzuführen. Bei Globoca, dem Laboratorium, ist es ganz brutal gewesen. Da sind Bohrmaschinen und Mischer auf der Bühne und damit wird Musik gemacht, dazwischen ist eine Geige. Das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Aber, du kannst es Kindern erklären, weil es etwas Spielerisches hat. Und schon glänzen die Augen und sie sind dabei.

Außerdem haben wir auch solche Dinge wie einen Verkehrsunfall gemacht. Dabei waren sie die Bremsen und sie waren der Crash. Dann kam die Straßenbahn und wir haben das alles durchstrukturiert. Also, man kann mit Kindern sehr viele hübsche Dinge machen, aber Lampenfieber habe ich da immer tierisch. Ansonsten eigentlich nur kurz vor einem Auftritt. Das ist auch gut so, denn das muss sein.

Ich gucke allerdings schon, wenn eine Umgebung ungewohnt ist. So zum Beispiel in Saarbrücken vor einem Konzert. Im letzten Jahr habe ich für einen Staatsakt die Festrede gehalten, "100 Jahre Staatsorchester". Da war ich aber nie zuvor und solche Dinge sind ja dann immer so erdrückend offiziell. Da schaue ich mir dann schon vorher an, wie die Leute ausschauen und wie sie sitzen. Das ist dann natürlich durchaus Lampenfieber.

Michaela Boland: Macht man sich bei einem derartigen Publikum dann auch Gedanken darüber, ob man "sie auch kriegt"?

Konrad Beikircher: Die Gedanken habe ich mir, ehrlich gesagt, noch nie gemacht, "Gekriegt" habe ich sie immer. Das ist mir überhaupt noch nie passiert, dass ich sie nicht gekriegt hätte. Ich bin auch noch nie von der Bühne gepfiffen worden. Ein einziges Mal habe ich selbst das Handtuch geworfen.

Michaela Boland: Was ging dem voraus?

Konrad Beikircher: Das war in Aachen. 7000 Leute standen auf dem Katschhof und es ging um Alemania Aachen. Die haben eine Jubelfeier veranstaltet. Ich glaube, weil sie in die Bundesliga aufgestiegen waren. Die hatten mich im Vorfeld für eine Open-Air Veranstaltung engagiert und direkt vor mir waren die Kolibris-"und-dann-die-Hände-zum-Himmel" dran. 7000 Leute waren voll auf der Welle und sie sangen eine halbe Stunde und danach kam ich.

Michaela Boland: Die waren wohl nicht mehr ruhig zu bekommen?

Konrad Beikircher: Das kann man vergessen. Da sind 7000 Leute wirklich einfach ganz woanders und auch völlig zu Recht. Da können weder die noch ich etwas dafür. Da hast du einfach keine Chance. Also, bin ich raus und habe gratuliert. Allerdings hatte ich der Band hinten schon vorher gesagt, dass sie gleich dran seien, weil mein Auftritt nämlich keinen Sinn mehr gemacht hätte. Dann war das ein netter Applaus und ich bin von der Bühne herunter gegangen und ein paar Leute, die davor standen,  sagten zu mir, "Ja, dat hätte auch nisch mehr jeklappt.

Dat wär ja furschtbar jewesen". Aber, das war auch das einzige Mal und da habe ich die Entscheidung getroffen. Ansonsten gab es da nur mal eine unsägliche Karnevalsendung, die der WDR gemacht hat, bei der ich umgeswitcht habe. Ich sollte ab 21.00 Uhr  live für eine Produktion von WDR 3 mit meinen Sprachspielereien auftreten. Hinter der Bühne waren sie schon alle hacke. Der Moderator, von einer großen Kölner Karnevalsgesellschaft, ebenfalls. Der ist dann rausgeschmissen worden und wohl nach Berlin gegangen. Die haben dem Affen Zucker gegeben. 700 Leute im Publikum haben nur Ramba Zamba gemacht und waren um zwölf auch breit.

Dann kannst du  denen natürlich nicht mehr mit dem "Rheinischen Genitiv" kommen. So etwas geht einfach nicht. Vor mir war die Band Brings dran. Ich kam dann raus und habe nur gesagt, "Singen ist schön, mitsingen ist auch schön. Aber, am schönsten ist selber singen und dat könne mer och". Und dann haben wir a capella gesungen und die Leute waren außer Rand und Band.

Das waren aber die beiden einzigen Situationen, in denen es anders als geplant lief. Aber, Angst, sie nicht zu kriegen, habe ich nicht. Da bin ich ein verwöhntes Kind, habe auch nie darüber nachgedacht, was man tun könnte, um sie zu bekommen. Das würde auch nicht funktionieren. Du kriegst die Leute mit Authentizität. Bei dem, was ich mache, musst du raus gehen und du sein. Bei Florian Silbereisen ist es wahrscheinlich wurst.

Michaela Boland: Sie sind seit mehreren Jahrzehnten im Rheinland  und haben das rheinische Herz und seine Sprache sozusagen assimiliert. Verzeiht man ihnen bei  Besuchen in der alten Heimat, Südtirol, dass sie der Sprache in professioneller Hinsicht ein wenig abtrünnig geworden sind?

Konrad Beikircher: Na, (Anm. d. Red.: fährt im Dialekt Südtirols fort) der Sproche bin i nid abtrünnig geworden. Das kann ich noch (lacht). Ach, das ist wie immer. Auf diese Dinge ist man in Südtirol stolz. Das erfahre ich oft genug. Sie freuen sich, dass ein Brunecker aus dem Pustertal da draußen so ein Star geworden ist. Alles prima, wunderbar.

Das merke ich auch immer an der Resonanz, wenn ich selbst mal da bin. In Südtirol zählt aber etwas anderes und da habe ich die A-Karte gezogen: Denn ich habe viele italienische Lieder geschrieben, komponiert und immer wieder gesungen. Das sind Lieder, die Dinge aus meiner Jugend in Bozen zum Thema haben. Meine Klassenkameraden und ich waren eine sehr italophile Generation.Wir haben ein positives Verhältnis zu Italien gehabt.

Das hast du in Südtirol nicht ungestraft, wenn du es öffentlich machst. Und es ist immer noch so. Als ich das letzte Mal mit der Band da war, haben wir auch italienische Lieder gesungen, beispielsweise etwas von Celentano, da habe ich es auch bei den Jüngeren wieder gemerkt. Es gibt ja auch die CDs, also die wissen in Südtirol natürlich alle, was ich so treibe. Das verzeiht man mir nicht. Natürlich nicht alle.

Michaela Boland: Gestaltet sich dieser Umstand nach all den Jahren seines ernsten Ursprungs mittlerweile ähnlich wie die historisch bedingte Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf  bei uns im Rheinland?

Konrad Beikircher: Nein, eher wie das Verhältnis zwischen dem Elsass und Frankreich oder dem zwischen Basken und Spaniern. Es ist schon kämpferischer. Das tut man eben nicht. Man ist nicht ein deutschsprachiger Südtiroler und singt walsch, also italienisch. Das ist in der Wertigkeit unanständig. Kürzlich war ich wieder für eine Woche dort und habe eine Lesung über meine Kindheitserinnerungen abgehalten. An einem Tag habe ich mich mit meinen ehemaligen Klassenkameraden, mit denen ich Abi gemacht habe, getroffen.

Dabei haben wir auch über diese Problematik gesprochen und sie sagten, "für uns ist es kein Problem, denn du hast ja immer schon Celentano gesungen. Aber, du musst dich nicht wundern, wenn ansonsten keiner kommt". Ich antwortete, dass ich das wisse. Das wird als politisches Statement gesehen. Insofern stehe ich auch dazu, weil es natürlich auch so ist. Wir sind bei uns zu Hause drei Brüder. Ich bin der jüngste, mein ältester Bruder ist acht Jahre älter und da ist bei diesem Thema schon die Mauer vorhanden. Der kann es nicht begreifen, dass wir aus einer Familie sind und sein jüngerer Bruder italienisch singt. Der war ganz tief getroffen.

Michaela Boland: Aber, man versteht sich doch hoffentlich wieder?

Konrad Beikircher: Das schon, die Basis bleibt natürlich unberührt.

Michaela Boland: Sie sind 1965 nach Bonn gekommen?

Konrad Beikircher: Ja, ich bin am 19. Oktober 1965 nach Bonn gekommen. Um 16.04 Uhr.

Michaela Boland: Das wissen sie aber noch sehr genau.

Konrad Beikircher: Das ist ein Zufall. Ich weiß nicht, warum man sich so einen Blödsinn merkt. Doch da war die Bahnhofsuhr in der Bahnhofshalle von Bonn und ich stand dort plötzlich in einer fremden Welt. Deshalb hat sich das vermutlich so eingeprägt.

Michaela Boland: Sie sind seinerzeit für das Studium der Psychologie, Musikwissenschaften und Philosophie hier her gekommen. Wie lange hat es gedauert, bis sie als Südtiroler mit dem rheinischen Dialekt, den sie heute zum professionellen Werkzeug gemacht haben, zurechtkamen?

Konrad Beikircher: Es hat natürlich lange gedauert. Die ersten drei Tage war ich  bei einer Zimmerwirtin aus Ostpreußen eingemietet. Das ging nicht. Sie war sehr traumatisiert, sprach ständig von Kinderärmchen. (Anm. d. Red.: Imitiert den ostpreußischen Dialekt in hoher Stimmlage) "Ich werde die Bilder nicht los, wie die Kinder beim großen Dreck da runterjefallen sind", so hat sie mich schon empfangen. Dann hat sie mir das Ganze eine Stunde lang Handhaltend erzählt.

Da fragte ich mich, in welcher geschlossenen Abteilung ich hier wohl gelandet sei und habe dann zwei Tage später ein anderes Zimmer gefunden. Da war ich dann drei Jahre bei Frau Münch. Sie war eine ganz einfache Frau, sehr streng, ein regelrechter Dragoner, aber, dafür auch sehr witzig. Sie sprach jedenfalls kein Hochdeutsch.

Die hät nur Bönnsch jeschwaat. Und wohl oder übel musste ich lernen, es zu verstehen. Ich weiß noch, dass ich während der ersten vier bis fünf Wochen täglich überlegte, ob ich die Koffer packen sollte, da ich nichts verstand und es beinahe nicht aushielt. Und dann kam ich über Frau Münch langsam doch ein Bisschen in die Anfänge hinein. Nachdem ich mein Studium abgeschlossen und angefangen hatte, im Knast zu arbeiteten, kam dann der zweite Schub.

Michaela Boland: Aufbaukurs "Mundart" im Gefängnis?

Konrad Beikircher: Ja. In Siegburg habe ich mich dort morgens immer sehr intensiv um die inhaftierten Analphabeten gekümmert. Da waren regelmäßig zwischen vierzig und fünfzig jugendliche Analphabeten, die fast ausschließlich aus Köln-Kalk und Köln-Poll kamen. Da wurde so richtig Kölsch "jeschwaat". Darunter waren oft ganz goldige Gemüter, einige waren auch hoch intelligent, aber sie konnten eben nicht lesen und schreiben. Einer ist heute Abteilungsleiter bei den Stadtwerken.

Michaela Boland: Dank ihnen?

Konrad Beikricher: Nein, (lacht), das hat er schon sich selbst zu verdanken.

Michaela Boland: Ging ihnen die Tätigkeit dort leicht von der Hand?

Konrad Beikircher: Die Arbeit mit den Leuten hat großen Spaß gemacht. So kam ich an die rheinische Mundart. Doch, natürlich spielte auch meine Liebe zum Beobachten eine Rolle. Ich schaue auch einfach gerne in die Welt und in die Menschen. Das finde ich immer spannend.

Michaela Boland: War das auch die Motivation für den Schritt zum Psychologiestudium?

Konrad Beikircher: Nein, das war Wahrnehmung. Als ich 17 Jahre alt war, schrieb mein Bruder bereits seine Dissertation, hätte aber eigentlich noch Vorlesungen gehabt. Also habe ich zuzüglich der Sommerüberlappung ganze zwei Monate in der Schule frei bekommen und für ihn die Vorlesungen mitgeschrieben. Hierdurch war ich auch in einer Psychologievorlesung und darin ging es um Wahrnehmung. Mich hatte von jeher das ganze Naturwissenschaftliche und Experimentelle interessiert.

Wie funktioniert es, dass ich genau weiß, welcher Ton am Anfang war, ein weiterer als dritter, siebter oder noch später kam, wenn ich eine Melodie höre? Wie erkennt man das? Wie geht das? Wird im Ohr schon gerechnet? Damals hat man noch nicht so gedacht, es gab ja noch keine Computer. Das hat mich unglaublich interessiert, das wollte ich genauer wissen und deshalb habe ich Psychologie studiert. Heute würde das als Motiv wohl nicht mehr ausreichen, weil man sich vorstellen kann, wie ein Rechner funktioniert.

Michaela Boland: Heute würde man wahrscheinlich ein Fach wie Neurowissenschaften auswählen?

Konrad Beikircher: Das würde ich heutzutage machen. Damals war das völlig apart. Es hat mich immer interessiert, deshalb habe ich auch vier Semester Physiologie belegt, obwohl ich kein Mediziner werden wollte. Die hatten natürlich eine neurale Abteilung in der Physiologie, was ich als wahnsinnig spannend empfand. Doch das war zum damaligen Zeitpunkt alles noch gar nicht vernetzt, das gab es noch nicht. So etwas wie Kybernetik kam erst während meines Studiums auf. Man nannte es Kybernetik und hat versucht, mittels elektrischer Schaltkreise Denk-und Synapsenvorgänge zu erklären. Wenn ich das mit heute vergleiche, war das natürlich absolut steinzeitlich.

Michaela Boland: In welcher Fachrichtung ist ihr Bruder, dem sie das Psychologiestudium quasi "verdanken", promoviert?

Konrad Beikircher: Er ist Altphilologe und hat über die Satire von Persius Flaccus promoviert. Er ist ein riesen Wissenschaftler geworden. Er war lange Zeit Chefredakteur des Thesaurus Latinus bei der Akademie der Wissenschaften in München. Das ist die Erfassung des gesamten lateinischen Wortschatzes mit allen Stellen, wo jedes Wort vorkommt. Ein irrsinniges Unterfangen. Seit hundert Jahren läuft das insgesamt. Sie sind jetzt beim Buchstaben V, wenn ich mich nicht täusche. Mein Bruder ist allerdings nun seit einem dreiviertel Jahr pensioniert.

Michaela Boland: Ihr Bühnenprogramm wird auch als "hochprofessionelle, manchmal atemlose Büttenrede" bezeichnet. Können sie das unterschreiben?

Konrad Beikircher: (prustet) Wer schreibt denn so etwas?

Michaela Boland: Die Rheinische Post unter anderem.

Konrad Beikircher: Die Rheinische Post? Ach, wie schön, meine Güte. Das liegt an einem wundervollen Vorurteil. Jenes Vorurteil besteht darin, dass wenn etwas rheinisch ist und vielleicht auch noch kölsch gefärbte Töne beinhaltet, und wenn das auch noch etwas zu lachen ist, muss es ja Karneval sein. Das geht ja gar nicht anders. Die Rheinländer tun sich ein bisschen schwer damit, rheinisches Kabarett als Kabarett zu akzeptieren.

So etwas ist gleich in dieser Schiene drin. Das ist immer ein bisschen "gefährlich". Wobei das ja auch nichts Schlimmes ist. Es ist nicht jeder Trachtenanzug in Bayern ein Bekenntnis zu Bayern. Die Austauschbarkeit sieht man daran, wenn die Kölschen beim kölschen Oktoberfest in bayerischen Trachten herumlaufen. Das hat wohl ein bisschen damit zu tun. Was die "Büttenrede" anbelangt, so könnte ich natürlich auch ernsthaft reagieren. Mich schmerzt das natürlich schon ein wenig, obwohl ich Respekt vor Büttenrednern habe. Das ist völlig etwas anders. Die Büttenrede ist ein anderer Humor.

Du musst bei Büttenreden nämlich einen ganz linearen Humor haben, dieser muss ganz klar nach vorne gehen, er darf keinen Knick und keine Kurve haben. Da geht sonst nichts. Ich kenne keinen Kabarettisten, der als Büttenredner reüssiert hätte. Ein paar haben es probiert. Andreas Etienne und Michael Müller von der Springmaus haben es letztes Jahr versucht und sind grandios baden gegangen.

Michaela Boland: Zu intelligent?

Konrad Beikircher: Ja, klar. "Intelligent" ist aber nicht das richtige Wort, denn es gibt auch intelligente Büttenreden. Bei der Büttenrede darfst du nicht um eine Ecke, anschließend um noch eine Ecke gehen, dann auf die Assoziation warten und dann haben sie es. Das geht nicht. Im Kabarett ist das die Voraussetzung, ohne die gar nichts geht. Mein absoluter Favorit in puncto Büttenredner ist "Die Doofnuss" . Jetzt ist er Mitte 80. Das war ganz klassische kölsche Büttenrede. Das hat so funktioniert: Der hat sich mit tief ernstem Gesicht hingestellt und Witze erzählt. In langsamem Tempo.

Es reicht ein halber Satz, selbst, wenn er Wort- und Interpunktionsgenau immer dasselbe erzählt, selbst, wenn der ganze Saal jedes Wort kennt, ist es egal. So etwas wird zelebriert und erwischt meinen Humornerv dann sehr, wenn es derart gekonnt gemacht ist. Ich habe also schon Respekt vor Büttenrednern- und -Rednerinnen, wenn sie gut sind. Doch, was mich selbst betrifft, so ist dies überhaupt nicht meine Art des Humors.

Ich bin eigentlich immer eher recht assoziativ in meinem Humor, manchmal auch ein bisschen drastisch, denn da hat ja auch jeder Spaß dran. Hin und wieder bewege ich mich auf Kantinenebene, wo ich mir manchmal denke, "jetzt musst du da aber mal wieder raus". (lacht). Auch bin ich schon einmal, wie jede Rampensau, die da oben auf der Bühne steht, in der Gefahr, einen Lacher nur um des Lachers Willen produzieren zu wollen. Aber, Büttenredner würde ich für mich jetzt nicht unbedingt gelten lassen.

Michaela Boland: Sie unterstützen den Verein "Leben mit Krebs". Ihre erste Frau haben sie bedauerlicherweise schon vor langer Zeit verloren. Gibt es da einen Zusammenhang?

Konrad Beikircher: Nein, sie war sehr depressiv und ist im Suizid gestorben. Zur Unterstützung des Vereins kam es als ich von Frau Schürheck von der Organisation angesprochen wurde. Ich habe von Anfang an die Einstellung gehabt, dass, wenn man etwas bekannter ist, es eine Verpflichtung darstellt, öffentlich Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört, dass man sich für Dinge auch öffentlich engagiert, denn das finde ich ganz wichtig.

Du musst Vorbild sein, wenn du bekannt bist. Ich finde, um diese Verpflichtung kommt man gar nicht herum. Es tun aber nicht viele. Ich habe es aber immer schon gemacht, mit unterschiedlichem Erfolg natürlich. Für ungefähr fünf Jahre habe ich im Rahmen eines Kölner Projektes eine Schule in Guinea-Bissau unterstützt. Da bin ich dann auch immer mit der Büchse herumgelaufen und habe gesammelt, gemacht und getan, aber seit ungefähr anderthalb Jahren kann ich das nicht mehr machen.

Michaela Boland: Aus welchem Grund geht es nun nicht mehr?

Konrad Beikircher: Es wird  fast nicht mehr akzeptiert und das nicht wegen Afrika, sondern, weil die Zeiten schlechter geworden sind. Ich spiele ja auch viel in kleinen Orten und die Veranstalter sagen dann, "nein, wir haben gerade eine Sammlung für unseren Kindergarten", oder sie haben eine Sammlung für dieses oder jenes. So haben sie dann Angst, dass man ihnen etwas abschöpft. Das kann ich ja dann auch  nicht machen. Die Zusammenarbeit mit dem Verein "Leben mit Krebs" in Siegburg läuft jetzt ungefähr seit 1995.

Michaela Boland: Wie sieht ihre Unterstützung für den Verein konkret aus?

Konrad Beikircher: Ich spiele dort, trete umsonst oder lediglich für einen Unkostenbeitrag auf. Das Problem ist, du zahlst doppelt, denn du hast dort 700 bis 1000 Leute in der Halle, für die du umsonst spielst und kannst dann jedoch mindestens für ein halbes Jahr da nicht mehr auf Kasse spielen, weil sie dich da ja schon alle gesehen haben und das Programm kennen. Das heißt, Siegburg ist für mich eigentlich seit 1995 als bezahlter Auftrittsort gestorben. (lacht). Daran denkt man auch nicht immer.

Michaela Boland: Sie sprachen gerade ihre Tätigkeit in der Siegburger Justizvollzugsanstalt an. War ein solcher Job als Gefängnispsychologe von Anfang an im Bereich ihres Vorstellungsvermögens?

Konrad Beikircher:Ja, natürlich, schon nach meinem Vordiplom. Ich war ein sehr  bewegter 68er, habe die Hand immer schon zum Rot-Front-Gruß erhoben. In der Zeit damals musste das ja sein. Ich war politisch links zu orten, meine damalige Frau auch. Nach dem Vordiplom haben wir uns überlegt, vielleicht an der Uni zu bleiben. Ich wollte aber eigentlich nicht an der Universität bleiben und dann war klar, wenn man daraus einen Beruf macht, muss es ein sozial-verantwortlicher sein. Unsere Deduktion war dann, dass es nur Psychiatrie oder Knast sein könne.

Daraufhin haben wir uns für den Knast entschieden. Danach haben wir noch ein paar juristische  Vorlesungen besucht, um uns in dieser Hinsicht in allem, was man so braucht, vor allem im Strafrecht, ein wenig kundig zu machen. Dann kamen wir als völlig überqualifizierte Überflieger, denn wir hatten beide das Diplom mit sehr gut und Auszeichnung gemacht, weil wir nunmal gut waren -  was willst`e machen - (lacht) beim Düsseldorfer Justizministerium an. Wir waren somit im November 1971 die ersten Psychologen dort, die mit sehr gut aufgetaucht sind.

Die sind da beinahe von den Stühlen gekippt. Bis dahin haben die Grobzeug gekriegt. Da gab es sieben oder acht Psychologen. Wer wollte denn in der Zeit als Psychologe schon in den Knast gehen? Das war politische Überzeugung und ein Bekenntnis zur sozialen Verantwortung und ich habe es nie bereut. Das war mein Motiv, dort hinein zu gehen. Ich habe zunächst in Köln-Ossendorf angefangen. Übelster Knast. Der war damals ganz neu.

Der alte Klingelpütz wurde abgerissen und in Ossendorf neu gebaut. Gänge 240m lang, 2m hoch, man bekam schon die Paranoia, wenn man nur hinein ging. Ich bin dann anderthalb Jahre später nach Siegburg gekommen, weil ich mit Jugendlichen arbeiten wollte. Anschließend habe ich dann jede Menge Ausbildungen gemacht, also Leute ausgebildet und unterschiedlichste Gebiete abgedeckt.

Michaela Boland: Kann man den Job als "hartes Brot" bezeichnen?

Konrad Beikircher: Das denkt man immer. Aber, das stimmt so nicht. Es ist innen dann immer noch mal etwas anderes. Es ist in jedem Fall ein intensives Berufsfeld. Gerade in einem Beruf wie Geistlicher, Psychologe oder Sozialarbeiter, denn da bist du ja ganz nahe dran. Man ist ja dann nicht, so wie ein Jurist, Anstaltsleiter oder zuständig für die Sicherheit bzw. die Disziplinierung, sondern du bist ganz nahe an der Seele, an den Menschen. Es ist natürlich auch intensiv im Negativen.

Es ist fünf oder sechs Mal vorgekommen, dass ich in eine Zelle kam und der Insasse hatte sich erhängt. Er hing da oben und das Herunterheben ist dann nicht schön. Besonders, wenn das noch jemand von den Knackis ist, den du besser kanntest. Ich bin gerne oftmals auch sonntags hingegangen, um Zeit zu haben, den Schreibtisch aufzuräumen und  solche Dinge, denn in der Woche kam ich nicht dazu. Ich habe fast während der ganzen Zeit mein Büro im Knast selbst gehabt.

Eine Zeitlang war ich der einzige in ganz Deutschland, der dies so gehandhabt hat. Und zwar aus folgendem Grund: Der Psychologe sitzt vorne in der Verwaltung. Der Knacki, dem es nicht gut geht oder der irgendein Anliegen hat, schreibt einen Antrag an den Psychologen. "Ich müsste sie unbedingt mal sprechen." Das gibt er dem Abteilungsbeamten. Der Abteilungsbeamte gibt es der Zentrale. Die Zentrale gibt es zur Briefstelle. Die Briefstelle tut es dann in dein Fach. In der Regel war das ein Weg von zwei Tagen.

Michaela Boland: Wenn es dringend war, hätte es in dieser Zeit wohl schon längst zu einer Tragödie kommen können?

Konrad Beikircher: Ja, zum Beispiel. Und das ist passiert. In der Regel musste ein Gefangener dann zwei bis drei Tage warten bis der Psychologe kam, wenn der dann Zeit hatte. Es kam ja auch vor, dass man sagen musste, "Moment, da habe ich aber noch andere auf der Liste." Ich habe das dann so gemacht: Ich habe drinnen gesessen und die Leute wussten, sie konnten vormittags bei mir hereinschneien, wenn es um Kleinigkeiten ging oder sie ein Telefonat hatten. Nachmittags hatte ich die intensiveren Gespräche. Es hat ein Weilchen gedauert, aber dann hat es wunderbar funktioniert.

Gleichzeitig aber habe ich damit einen Status bei den Knackis gehabt, der war ungeheuer. Ich konnte zu jedem in die Zelle. Auch, wenn er die Rasierklinge schwang. Ich habe nie Angst haben müssen, mir ist nie auch nur das Geringste passiert. Das hat damit zu tun, dass ich mich nie als etwas anderes, als ein besserer Mensch gesehen habe als die Knackis. Ich habe von Knackis, übertrieben gesagt, viel mehr über mich gelernt als sie von mir lernen konnten.

Ich habe in den Gesprächen über Mord oder Sexualdelikte, einfach über die Abgründe der Seele, einiges über mich erfahren und kennengelernt. Denn das waren ja Leute, die das getan haben. Ich habe so etwas natürlich nicht gemacht, ich habe nie eine meiner Frauen umgebracht, aber ich habe sehr viel über mich gelernt.

Michaela Boland: Wird man insoweit mit Gedanken konfrontiert, die man sich von sich aus nicht machen würde?

Konrad Beikircher: Ja, schon. Natürlich. Ich erinnere mich an zwei Gespräche mit Jürgen Bartsch (Anm. d. Red.: pädosexueller Serienmörder, der als "Kirmesmörder" bekannt wurde), die ich zusammen mit meinem Kollegen noch während meines ersten Jahres in Ossendorf geführt habe. Das war sehr beeindruckend. Damals war der ja die Bestie schlechthin. Ein hoch differenzierter, tatsächlich richtig schwer an sich Leidender. Intern war es ja wahrscheinlich auch so, dass er sich die Fehlnarkose gewünscht oder vielleicht sogar bestellt hat.

Dann kam das Ende ja. Ich habe mich in Siegburg  auch ein bisschen auf jugendliche Sexualstraftäter spezialisiert, weil sich um die ja keine Sau gekümmert hat. Alle haben sich ja um die Drogenleute gekümmert, denn das war in der Regel nicht schön, aber angenehm. Da stößt du schon auf Dinge, die sind weit weg von dir. Weit weg auch von mir, schizothyme Leute, Menschen, die kurz vor einer Schizophrenie stehen und ganz bizarre Gedankenwelten haben, wo es sehr schwer ist, sich da einzufühlen oder es sich auch nur vorzustellen.

Ich hatte nie das Problem, dass ich verurteilend oder bewertend zugehört habe. Das Problem habe ich heute noch nicht und das ist nicht immer richtig. Manchmal sollte man bewerten. Ich habe das nie gemacht. Ich höre mir  erst mal an, was jemand erzählt und versuche das einzuordnen, prüfe, ob ich das verstehen kann. Manchmal kann man sich sogar hineinfühlen, z.B. wenn jemand  einen quälenden Vater hat und irgendwann ist die Sicherung durchgebrannt. Das wurde mir oft vorgeworfen, oder den Psychologen generell. "Ihr wollt ja alles nur verstehen und entschuldigt ja alles!"

Michaela Boland: War es so?

Konrad Beikircher: Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich wäre mit diesen Dingen insofern wohl schon besser in der Wissenschaft geblieben. Es ist dort nämlich schon etwas wertfreier und das war es bei mir immer.

Michaela Boland: Ist das eine Charaktereigenschaft von ihnen oder womöglich durch das Psychologiestudium antrainiert worden?

Konrad Beikircher: Nein, ich glaube, da hat es sich ergänzt. Es ist schon auch eine Eigenschaft von mir. Auch heute noch, wenn meine Frau und ich Konflikte austragen, in denen es um die Kinder geht. Wenn ich bei Problemen der Kinder dann eher weich geblieben bin und versucht habe, an ihnen dran und mit ihnen im Gespräch zu bleiben, war meine Frau dann eher der Ansicht, dass das nicht geht und dass womöglich auch mal Hausarrest angebracht wäre. Ich denke, da hat meine Frau schon Recht, wenn sie meint, dass ich auch mal im Vorfeld bewertend Farbe bekennen soll. Es fällt mir schwer, weil ich erst mal versuche, in die Innenwelt zu kommen.

Michaela Boland: Wie alt sind ihre Kinder?

Konrad Beikircher: 31, 28, 23, 21 und 16. Zwei aus der vorherigen Ehe.

Michaela Boland: Da sind sie ja mit dem letzten Kind noch mitten in der Pubertät.

Konrad Beikircher: Ja, absolut. Doch wenn ich mal da oben im Himmel bin, werde ich der Schöpfung den Vorschlag machen, die Pubertät ersatzlos zu streichen.

Michaela Boland: Wie war das bei ihnen?

Konrad Beikircher: Bei mir kam das ja nicht richtig zum Ausbruch, denn ich war in einem Jugendheim. Ich war acht Jahre lang im Schülerwohnheim bei den Franziskanern in Bozen. Ich hatte nicht die Notwendigkeit, diese pubertären Reibereien mit den Eltern zu haben, denn die waren ja nicht da. Ich habe sie nur in den vier Sommermonaten gesehen.

Michaela Boland: Wo wahrscheinlich Zucht und Ordnung herrschte?

Konrad Beikircher: Ja, natürlich. Wir waren im Schülerwohnheim 80 Jungs und haben dann schon mal gemeinsam rebelliert. Dann hast du halt eins drüber gekriegt, wurdest diszipliniert und dann war es das aber auch schon. Also, das hat sich zwangsläufig sehr in Grenzen gehalten, was auch nicht gut ist. Wir konnten die Pubertät nicht so ausleben, wie das meine Kinder konnten oder können.

Michaela Boland: Doch den Schalk im Nacken können sie ja spätestens jetzt ausleben.

Konrad Beikircher: Ja, klar. (lacht).

Michaela Boland: Sind sie auch gläubig, wenn sie schon bei den Franziskanern erzogen wurden?

Konrad Beikircher: Ich bin vor ungefähr sechs Jahren aus der Kirche ausgetreten. Kardinal Meisner hat das Faß zum Überlaufen gebracht. Ich bin Gläubiger, aber kein Kirchenfan. Da war z.B. Afrika und das Pillenverbot und diese ganzen Themen eben. Das war ohnehin schon so grenzwertig. Dann kam auch noch, dass in Berlin die ökomenische Woche stattgefunden hat und morgens hat der Kardinal seinen Pressesprecher beauftragt, im WDR eine Stunde lang zu erklären, dass man als Katholik in Berlin abends nicht gemeinsam mit den Evangelischen bei jenem ökumenischen Gottesdienst die Kommunion bzw. das Blut Christi empfangen dürfe, weil man ansonsten exkommuniziert werde.

Wenn man weiß, was Exkommunikation nach dem kanonischen Recht bedeutet, dann ist klar, dass man auf alle Ewigkeit ausgeschlossen wird. Die Androhung dieser Strafe ist ungeheuer. Das ist die härteste Strafe, die man überhaupt aussprechen kann. Und genau dieselbe Kirche hat sich dann gegen die Bombardierung im Irakkrieg, im Golfkrieg etc. ausgesprochen. Doch, wenn du nur mal mit einem Evangelischen gemeinsam die Kommunion erhältst, dann bist du draußen.

Da, dachte ich mir, "Jetzt ist es gut", und bin zum Amtsgericht gefahren, ausgetreten, habe danach Manfred Becker-Huberti angerufen, der damals Pressesprecher des Erzbistums Köln war, und  gesagt, "weißt du, woher ich gerade komme? Ich komme vom Amtsgericht und bin jetzt ausgetreten. Das tut mir leid!"  Seit ich ausgetreten bin, beschäftigt mich die Verpflichtung mehr als vorher. Christ sein bedeutet für mich, eine menschliche Verpflichtung , gerade der lebenden Seite gegenüber. Mit dem anderen habe ich eigentlich nicht so viel im Sinn.

Michaela Boland: Wie wichtig ist ihnen die Musik?

Konrad Beikircher: Ich wollte Musiker werden. So hatte ich mir in den ersten drei bis vier Monaten während des ersten Semesters  in Bonn, als ich noch diese großen Verständnisprobleme mit der Sprache hatte, immer wieder überlegt, vielleicht doch zurück nach Wien zu gehen und  dort die Aufnahmeprüfung an der Musikakademie zu machen.

Mein erstes Semester in Bonn war nämlich insgesamt mein viertes Semester. Als ich noch in Wien eingeschrieben war, habe ich allerdings andere Sachen gemacht. Da war ich am Freitag im Heurigen und ansonsten in der Staatsoper. Da musste das Studium noch warten. Ich wollte eigentlich Geiger werden. Doch zum Glück hat das nicht geklappt. Zum Solisten hätte es ohnehin nicht gereicht und ich wäre auch nicht der Mensch gewesen, für den das Orchester auf Dauer das Richtige gewesen wäre.

Michaela Boland: Wäre es für sie sehr schmerzlich, wenn sie aus irgendwelchen Gründen das Rheinland veralssen und beispielsweise in Bayern oder im Saarland leben müssten?

Konrad Beikircher: (lacht). Das Saarland wäre ein Fremdkörper, hätte aber den Vorteil, dass die Leute dort in gastronomischer Hinsicht eine hohe Lebensqualität haben, was ich schon sehr schätze. Bayern wäre natürlich meiner Heimat ein bisschen näher. Mein Bruder lebt in Bayern, ich kenne Bayern auch ziemlich gut, doch leben möchte ich dort nicht. Ich fühle mich schon wohl in dieser am wenigsten deutschen Gegend überhaupt. Das Rheinland ist nicht  wirklich deutsch. Und das finde ich sehr schon, das genieße ich eigentlich sehr, im Gegensatz zu vielen Leuten, für die das furchtbar ist. Motto: "Die unzuverlässigen Rheinländer." Ich mag das, ich mag die Schludrigkeit.

Michaela Boland: Ist es tatsächlich auch offener als viele andere deutsche Gegenden?

Konrad Beikircher: Ja, es ist offener, weil es dem Romanischen zugewandt ist. Das Rheinland ist dem Wallonen- und dem französischen Raum sogar sehr zugewandt. Nicht dem niederländischen. Das wird vom Gefühl her nämlich eher dem Westfälischen zugeordnet, während wir hier eher Belgien und natürlich Frankreich zugetan sind. Diese Gefühlsvalenzen sind ganz witzig.

Michaela Boland: Erscheint das Westfälische eher sturer?

Konrad Beikircher: Ja, es gilt zumindest so. Dass es tatsächlich so ist, würde ich nicht sagen. Es ist zurückhaltender, bestimmter und in Formulierungen knapper. Die Sätze sind kürzer, doch sie sind dafür auch sehr haltbar. Das ist für den Rheinländer sehr ungewohnt, denn der "schwaat sich die Schnüss fusselig", eigentlich nur um nicht wirklich "ja"  oder "nein" sagen zu müssen. Das ist eine Eigenschaft, die ich am Westfälischen schon sehr gern mag, zumal ich es selbst gar nicht hinbekomme.

Michaela Boland: Wäre ein Umzug außerhalb des Rheinlandes insofern nicht schon in beruflicher Hinsicht problematisch, soweit dort ein anderer Dialekt vorherrschend wäre?

Konrad Beikircher: Es gäbe einige Gegenden, da könnte ich das sehr gut. Z.B. hessisch, frankfurterisch. Da könnte ich eigentlich bei "Himmel und Äd" angegangen und die elf Programme ummünzen und vielleicht ein halbes Jahr in Kneipen in Frankfurt unterwegs sein. Das wäre kein Problem. Bayern ebenso wenig. Nur, die Bayern sind sehr empfindlich, wenn ein Fremder kommt. Es bräuchte da die Voraussetzung, die auch das Rheinland hatte:

Dass jemand, der über die Gegend Bescheid weiß, auf eine Gegend trifft, die nichts von sich hält. Das Rheinland hatte absolute Minderwertigkeitskomplexe, also, die Menschen im Rheinland hatten sie ganz stark. Motto: "Kind sprich ordentlich", man durfte nicht platt sprechen. Das kam erst mit den Bläck Fööss und mit dem Karneval, dass der Dialekt oder Regiolekt, die Umgangssprache, hoffähig wurde.

Bis dahin war da gar nichts. Das war für mich eine ganz eigenartige Erfahrung, denn da wo ich her komme, aus Südtirol, ist Dialekt hoch geschätzt und gleichwertig mit dem Hochdeutschen. Auch die Bayern lieben ihre Sprache und haben auch eine hohe Meinung von sich selber. Motto: "Mir sein mir". Von daher würde das nicht funktionieren, wenn du als Nichtbayer den Bayern die Bayern erklärst. Da würden sie empfindlich reagieren.

Michaela Boland: Sie würden also reservierter sein als die Rheinländer?

Konrad Beikircher: Ja. Wenn du es sehr gut kannst, dann warten sie ja auf ein kleines Fehlerchen. Da käme dann so etwas wie: "Ja, des homs aber net richtig gsagt, gä?" Du müsstest sehr gut sein, woran ich bei mir jetzt nicht zweifle, aber, es wäre hundertprozentig ein Kampf.

Michaela Boland: Gab es unter den Rheinländern nie Menschen, die sich auf den Schlips getreten fühlten?

Konrad Beikircher: Es gibt zwei Lager: Das Pro- und das Anti-Beikircher-Lager. Das Anti-Beikircher-Lager sagt dann: "Nä, dat bruch isch nit, verarsche kann isch misch selber." Das setzt aber auch voraus, dass jemand das Gefühl hat, dass meine Arbeit oder ich selbst mich über Rheinländer lustig mache. Das habe ich allerdings noch nie getan. Im Gegenteil. Wenn das aber jemand derartig in den falschen Hals kriegt, wird er natürlich kein Fan von mir sein. Es schreiben einem natürlich nur die Meckerer oder die Jubler. Aber, gemessen an der Rückmeldung, die ich von den Menschen aus dem Rheinland erhalte, scheine ich fast keine Meckerer zu haben.

Michaela Boland: Aus welchem Grunde halten sie Mundart heute noch für so wichtig?

Konrad Beikircher: Es ist wichtig für die Menschen, die in der Mundart aufgewachsen sind. Sonst könnte man darauf verzichten. Wenn jeder in Hochdeutsch aufwachsen würde, dann brauchst du natürlich keinen Dialekt. Wenn das, mit dem du als Säugling aufwächst, aber Dialekt ist, und du erst mit fünf oder sechs Jahren Hochdeutsch in der Schule lernst, dann hast du eine Basis für eine Kommunikation, die unvergleichlich ist. So persönlich wie Dialekt ist keine andere Sprache.

Dialekt ist die Sprache der Haut und der ganz direkten, unmittelbaren Gefühle. Wie man im Dialekt eben so miteinander spricht, man hat ja dieselbe Sprache und damit ist man ja eins. Es sind dann die grundlegenden, ursprünglichen Gefühle, die im Dialekt die richtigen Entsprechungen finden: Ablehnung, Zustimmung, Umarmung. Liebe. Differenzierte Gefühle sind im Dialekt meistens nicht da. Das hat aber gar nicht so viel mit Sozialgeografie zu tun. Dialekt ist einfach die älteste Eltern-Kind Sprache, die es überhaupt gibt und damit natürlich vor allen anderen Sprachen.

Michaela Boland: Worüber lachen sie selbst?

Konrad Beikricher: Über Karl Valentin, über  Nestroy, über von Kleist. Im Witzebereich mag ich sehr gerne die Fußnägelaufroller, also die ganz blöden. Blondinenwitze vielleicht nicht unbedingt. Doch Situationskomik bringt mich zum Lachen. Ich bin einer der größten Stan Laurel und Oliver Hardy-Fans. Die finde ich genial und könnte mich absolut weglachen. Das Absurde mag ich auch sehr gerne und da ist man hier im rheinischen Witz sehr gut beheimatet, denn achtzig Prozent der kölschen Witze sind sinnwidrig.

Der Humor liegt eben im völlig Absurden. Der Tünnes schellt  ein paar Mal beim Schäl, nichts tut sich und beim dritten Mal Schellen ruft der Tünnes von drinnen: "Ich bin nit zu huus." Die Reaktion von Schäl, der draußen steht, ist: "Dann is nur jot, dat ich gar nit jekumme bin." Das ist sehr absurd und wundervoll. Doch als ich den Witz einmal erzählt habe, haben westfälische Kollegen nur gesagt: Ja, wieso? Das steht doch da."

Michaela Boland: Wie sieht ihr Verhältnis zur Comedy aus? Lachen sie auch über Comedians wie Michael Mittermeier?

Konrad Beikircher: Mit Mittermeier sprechen sie eine Ausnahme an. Er macht intelligente Geschichten, die ich gut leiden kann. Mittermeier hat ein anderes Problem. Er war der erste wirklich begabte Kabarettist, der sich des Mediums Fernsehen als Thema annahm und zwar so, als gäbe es außerhalb dieses Themas kein Leben mehr. Das hat mich immer gestört. Ansonsten ist Mittermeier für mich mit Abstand der Beste. Was beispielsweise Mario Barth oder Leute wie Johann König anbelangt, so ist das nicht mein Humor. Ich könnte über Profitlich lachen, weil der viel Situationskomik macht, wenn ich nicht die Handschrift erkennen würde.

Das ist ja alles abgeschrieben. Es ist bei Didi Hallervorden abgeschrieben oder bei Oskar Sima aus den Dreißiger Jahren abgeschrieben, aber so was von, das gibt es überhaupt nicht. Er macht halt zwei Grimassen mehr und es ist im Fernsehen. Das vergällt mir das dann schon. Und wenn ich den Grinsaffen vom Quatsch-Comedy-Club sehe, dann vergeht mir alles. Das ist zwar nicht mein Humor, aber nun hat natürlich auch jede Generation ihren Humor. Unser Humor war auch anders als der meiner Eltern.

Michaela Boland: Glauben sie, dass man auch junge Leute wieder mehr von eigentlichem Kabarett überzeugen kann? Es fällt nämlich auf, dass das Publikum im klassischen Kabarett  im Durchschnitt immer älter wird, aber kaum junges nachkommt.

Konrad Beikircher: Ja, klar. Ab und zu bringen sie glücklicherweise ihre Kinder mit und die sind jetzt dreißig und gucken mal, worüber ihre Eltern so gelacht haben, wenn sie bei mir sind. Ansonsten ist mein Publikum schlohweiß. Fertig. Sind wir doch mal freundlich zu mir: Mein Publikum beginnt so ab 45 Jahren. Dass man das junge Publikum wieder zurück zum Kabarett bringen könnte, halte ich eher für schwierig. Ich bin der Meinung, das politische Kabarett hat kein Land mehr unter den Füßen. Das liegt an der Internetwelt und an der unglaublichen Akzeptanz von Pluralität.

Das liegt am privaten Fernsehen und 20 Jahre mit diesen unsäglichen Talkshows. Die ganzen Sendungen wie das Dschungelcamp oder Ähnliches haben dafür gesorgt, dass es nichts mehr gibt, worüber du dich aufregen kannst. Es ist alles möglich und alles erlaubt. Da sagen wir eben, "ja, gut, dieser oder jener ist halt auf Katzen aus, na, dann muss er eben Sex mit Katzen haben".  Das habe ich bei Bärbel Schäfer gesehen. Ich habe meinen Augen nicht getraut, das ist 20 Jahre her.

Und das war Nachmittagsfernsehen! Seit diesen Dingen hat sich einiges verändert, natürlich auch politisch. Es ist egal, ob du Pirat bist oder der CDU angehörst, letztlich stört das doch überhaupt keinen mehr. In die Mitte wollen sie alle. Ich glaube, der Boden für politisches Kabarett ist gestorben.

Michaela Boland: Wo wird das ihrer Meinung nach hinführen?

Konrad Beikircher: Es wird natürlich ein Kabarett über genau diese Dinge geben. Denn die Menschen haben sich immer amüsiert. Und auch gab es immer welche, die den Zeitgenossen gezeigt haben, "guckt mal, das macht ihr". Comedy ist das, was unsere Zeit seit 20 Jahren verdient.

Michaela Boland: Nach dem Motto: Jeder bekommt das, was er verdient?

Konrad Beikircher: Ja, irgendwann schon. Es gibt eine Gerechtigkeit (lacht). Ach, das wird sich wieder restrukturieren. Diese Dinge sterben ja nie wirklich aus. Ich vermute mal, es hat sich schon der Herrgott totgelacht als Adam in den Apfel gebissen hat. So blöd kann man doch nicht sein. Ich denke, das findet neue Formen.

Trash-Comedy, womit Helge Schneider und viele Leute um ihn herum, er jedoch am originellsten und konsequentesten, vor 25 Jahren in Deutschland angefangen haben, hatte in England ja bereits eine 150-jährige Tradition. Daher sind die dort natürlich viel besser. Wenn man sich dann mal ansieht, was in England als Trash geht, ist das auf jeden Fall nicht schlecht. Die Nummer mit dem auf einem Fallus reitenden Komödianten gab es schon 1878 im Variete in Berlin. Das gibts eigentlich nicht Neues mehr.

Michaela Boland: Um die intellektuellen Fähigkeiten der Bevölkerung muss man sich aber keine Sorgen machen, wenn das, was an Publikum nachrückt, nur noch platten Humor wünscht?

Konrad Beikircher: Nein, mit Sicherheit nicht, denn wenn der Tenor der platte Humor ist, wird es zehn oder 15 Prozent Leute geben, die das andere dann umso mehr wollen, weil es nicht mehr befriedigt wird. Und schon gehen sie dann wie in dem Film Fahrenheit zum Schluss durch den Garten und jeder lernt den Faust oder die göttliche Komödie auswendig. Eine Welt ohne Bücher ist keine Welt. Es gibt zehn Prozent, die das Bedürfnis nach Büchern haben.

Das wird auch immer da sein. Das erkläre ich meinem Bruder, dem Altphilologen immer, der sehr Kultur-pessimistisch ist. Dem sage ich immer: "Es wird auch  in 500 Jahren zehn Prozent Leute geben, die wollen die Odyssee in Altgriechisch lesen. Dafür werden die dann auch Griechisch studieren. Da verlass dich drauf." Es ist nicht mehr das allgemeine Bildungsgut, aber so schade ist es auch nicht. Was die alle falsches Latein zitiert haben, tut einem ja auch weh (lacht).

Michaela Boland: Was lesen sie derzeit?

Konrad Beikircher: Ein ganz witziges Buch. Es heißt "1913" und ist eine Collage. Es geht von Januar bis Dezember dieses Jahres durch und verfolgt verschiedene Lebensläufe wie beispielsweise denen von Rilke, Freud oder Franz Marc. Der Autor hat also einen Pulk von Leuten zusammengestellt und geht da mit der Schere dran und klebt sie zusammen. Wenn es dann manchmal spannend wird, wie zum Beispiel bei der Frage, was denn nun mit dem psychoanalytischen Kongress passiert,  geht es mit dem entsprechenden Abschnitt dann jedoch erst wieder 50 Seiten später weiter.

Es ist ein sehr sorgfältig geschriebenes und zusammengestelltes Buch. Ich mag immer gerne Bücher, die ein wenig kulturhistorisch thematisiert sind. Das andere Buch, das ich gerade mit ganz großem Vergnügen lese, ist von 1838. Da hat sich ein Adeliger und selbst ernannter Privatforscher mit der Geschichte Wiens befasst. Da geht es lexikalisch auf knapp 1000 Seiten über alle Straßen, einzelne Häusern, über die Hofburg , Beethoven und über dieses und jenes. Er hat viel recherchiert, ist ein sehr gescheiter Privatgelehrter. Das liest sich mit ganz viel Vergnügen.

Michaela Boland: Lesen sie noch klassische Bücher oder sind sie mittlerweile auch eher im E-Book-Reader-Zeitalter?

Konrad Beikircher: Nein, gar nicht. Das hat aber mit meinen Augen zu tun, die sind nicht mehr ganz so gut wie sie sein sollten. Ich würde es sonst schon einen solchen E-Book-Reader benutzen. Aber, gegen das haptische Gefühl ist so ein Reader natürlich ein Schuhlöffel. 

Michaela Boland: Sie haben in einem Interview beschrieben, dass sie faul seien. Wie schafft man es da, 35 Jahre erfolgreich zu bleiben?

Konrad Beikircher: Erfolg kommt, wenn es authentisch oder gut ist. Das ist wie bei Rossini. Der hat in 14 Tagen den "Babier von Sevilla" geschrieben. Dann haben die Leute das dem Donizetti erzählt, der zusammen mit ihm in Bologna studiert hat. Daraufhin erwiderte Donizetti:"Das kann sein. Faul war er immer schon." Das ist deshalb, weil die Faulen, zu denen ich mich auch zähle, sich vor Pflichten drücken. Genau deshalb haben sie Potenziale frei. Wenn sie dann in der Lage und der Luxussituation sind, wie ich auch, das tun zu können, wozu sie Lust haben, also schreiben oder auf die Bühne gehen, dann entwickelt man da einen Fleiß, den man gar nicht merkt. Denn es macht ja Spaß.

Michaela Boland: In diesem Sinne noch sehr viel Spaß weiterhin und herzlichen Dank für dieses ausführliche Interview.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

 

 

mehr

21.09.2013 Stelldichein der DDR-Unterhaltungskunst

GFDK - Michael H. Max Ragwitz

Horst Fliegel, Jahrgang 1938, lebt in Berlin. Er ist ein musikalisches Urgestein der Unterhaltungskunst in der DDR und kennt die Granden der DDR-Schlagerszene von A bis Z, denn er hat großen Anteil an deren Erfolgen. Bekannt ist der Komponist, Arrangeur, Produzent und Autor aber unter dem Pseudonym Ralf Petersen.

Michael H. Max Ragwitz hat mit ihm am Rande der Aufzeichnung der 400. Kofferradio-Sendung von Siegfried "Siggi" Trzoß, das ist sozusagen ein wöchentlicher musikalischer Rückblick auf 40 Jahre DDR-Schlager im Alex Radio Berlin, ein Gespräch geführt und bemerkenswerte Antworten erhalten.

MHR: Wie verlief Ihr beruflicher Weg zur Musik?

Horst Fliegel: Ein wenig war mir die Musik schon in die Wiege gelegt. Meine Mutter hatte in ihrer Jugend Klavier- und Gesangsunterricht, mein Vater spielte Geige. 1949 erhielt ich bei Werner Wolf (Konzertpianist und Klassik-Tonmeister bei der Deutschen Grammophon) meinen ersten Klavierunterricht. 1951 wechselte ich zu Gerda von Reibnitz, die mich bis zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik Berlin begleitete. Von ihr erfuhr ich, dass ich eigentlich Schüler von Joseph Haydn war, denn sie übergab mir halb im Ernst und halb im Spaß eine Liste von prominenten Lehrern und Schülern, in der neben Liszt und Beethoven auch Haydn stand.

Von 1954 bis 1960 hatte ich im damaligen Westberlin Unterricht in Komposition bei dem Komponisten und Musikwissenschaftler Wolfgang Munser, der im Phonogrammarchiv des Völkerkundemuseums in Dahlem arbeitete. Von 1956-61 studierte ich Dirigieren und Komposition an der Hochschule für Musik Berlin. Mein wichtigster Hauptfachlehrer war Prof. Horst Stein, seinerzeit Generalmusikdirektor an der Staatsoper Unter den Linden. Er bot seinen Schülern die Möglichkeit, alle Inszenierungen seines Hauses kennen zu lernen und vermittelte uns die Technik des Dirigierens.

MHR: Ernste- und Unterhaltungsmusik-Musik - was lag Ihnen zu Beginn Ihrer Laufbahn näher?

Horst Fliegel: Von Anfang an, also schon während des Klavierunterrichts, interessierten mich die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten von Kompositionen. Deshalb belegte ich das Fach Komposition an der Hochschule und nahm zusätzlich Unterricht bei Munser. Ich war also erst einmal auf die sogenannte E-Musik fixiert. Sehr bald bemerkte ich aber, dass die Trennung in E und U ein typisch deutsches Phänomen ist. Die übrige Welt unterscheidet nur nach guter und schlechter Musik. So sehe ich es auch.

MHR:Trotzdem sind Sie schon bald ins sogenannte U-Fach gewechselt, so suspekt Ihnen die Einteilung auch sein mag.


Horst Fliegel: Das kann ich erklären: In meiner musikalischen Prägung auf die Klassik gab es während der Oberschulzeit einen Bruch. Man bat mich, bei einem Jugendabend zum Tanz zu spielen. Da ich in diesem Genre über keinerlei Repertoirekenntnisse verfügte, habe ich mich gründlich blamiert. Ich war ehrgeizig und wollte die Scharte auswetzen. Innerhalb weniger Monate besorgte ich mir einschlägige Noten und schrieb die aktuellen Hits aus dem Radio mit. Ich gründete mit drei weiteren Schülern die „Blue Band“ und spielte kurze Zeit nach der Blamage in der Aula unserer Oberschule zum Tanz. Es war ein Erfolg.

MHR: Das war also Ihr Ausstieg aus der E- in die U-Musik?

Horst Fliegel: Nur indirekt.  Während des Studiums absolvierte ich eine Reihe von Praktika an Theatern. Mein Berufsziel war ja, Kapellmeister zu werden. So war ich unter anderem in Stralsund, Potsdam und Dessau tätig. Ich lernte nicht nur prominente Dirigenten kennen, sondern machte auch Bekanntschaft mit der Atmosphäre und dem Leben hinter den Kulissen. Und da bemerkte ich, dass das nicht meine Welt sein würde.

MHR: Was war dann der Ansporn für den Wechsel?

Horst Fliegel: Ich setzte mich mit der Spezifik von Schlagerkompositionen auseinander und fand sehr bald Gefallen daran, selbst Schlager zu schreiben. Noch während der Hochschulzeit erschienen meine ersten Titel in den Sendungen des Rundfunks. Ab dem dritten Studienjahr verdiente ich mir als Korrepetitor im Nachwuchsstudio des Rundfunks ein paar Mark dazu und begann, für die Schüler des Studios zu komponieren und zu produzieren. Darunter auch einen Lied für Wolfgang Lucas  mit dem schönen Titel "Liebes kleines Mädel aus Berlin". Ob der später auch produziert wurde, ist mir nicht bekannt.

MHR: Ja, dieser Hinweis hat mich sehr bewegt, denn Wolfgang Lucas war der Bruder meiner Mutter. Dass Sie in kannten, haben wir ja eher zufällig im Gespräch herausgefunden. Der Titel ist meines Wissens übrigens produziert worden, denn er erklang des Öfteren im Berliner Rundfunk, wie mir meine Mutter stolz erzählte. Nannten Sie sich damals eigentlich schon Ralf Petersen?

Horst Fliegel: An der Hochschule galt Tanzmusik in den 50er Jahren als minderwertig. Und so empfahl mir mein Theorielehrer Prof. Wolfram Heicking, mir als Komponist einen Künstlernamen zuzulegen. Und so kam es zu dem Namen Ralf Petersen, der mich bis heute begleitet.

MHR: Sie sind ja dann auch recht schnell als Leitender Angestellter zum Rundfunk gegangen. Wie kam es dazu?

Horst Fliegel: Nach dem Staatsexamen 1961 bot mir Klaus Hugo, Leiter der Redaktion Tanzmusik des Berliner Rundfunks, eine feste Stelle als Programmredakteur an. Ich nahm sein Angebot an, zumal ich so in Berlin bleiben, am Nachwuchsstudio weiter arbeiten und meine kompositorischen Ambitionen realisieren konnte. Außerdem war ich 1961 bereits fest liiert. Diese Liaison ist noch heute meine Frau. Somit führte mein Weg eindeutig in Richtung der Tanz- und Unterhaltungsmusik. Das Komponieren fiel mir leicht, machte Spaß und war schließlich von der finanziellen Seite her ganz lukrativ. Allmählich etablierte ich mich im Musikleben der DDR.

MHR: Wie vereinbarte sich aber die feste Anstellung mit kompositorischen Ambitionen?

Horst Fliegel: Ich habe immer genau darauf geachtet, dienstliche und freischaffende Tätigkeit nicht zu vermischen. Meine Arbeit als Autor fand grundsätzlich nach Feierabend, an Wochenenden oder im Urlaub statt. Dieses Prinzip hat sich bewährt. Ich begann als Redakteur, wurde 1966 Redaktionsleiter, 1971 Chefredakteur Musik des Berliner Rundfunks und 1973 bis 1991 Leiter der Hauptabteilung Musik und Mitglied des Staatlichen Komitees für Rundfunk.

In diesen verschiedenen Funktionen hatte ich es quasi täglich mit musikfachlichen Problemen, Entscheidungen über Produktions- und Konzertpläne sowie den 12 fest angestellten Klangkörpern und deren oft sehr prominenten Dirigenten zu tun.

MHR: Diesbezüglich machte sich doch Ihr fachliches Wissen quasi bezahlt?

Horst Fliegel: Ich will nicht übertreiben, aber ohne profunde Kenntnisse in allen musikalischen Bereichen hätte ich nicht bestehen können. Meine Gesprächspartner, also Musiker, Choristen, Dirigenten, Komponisten, Textautoren, Redakteure und Produzenten, aber auch Vertreter von Ministerien, der AWA (Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte), des Komponistenverbandes, der Künstleragentur, des Komitees für Unterhaltungskunst etc. wussten, dass sie es mit jemandem zu tun hatten, der gute Berater hatte und überall sachkundig war.

MHR: Gibt es da Unterschiede zu heute?

Horst Fliegel: Allgemein muss ich feststellen, dass das fachliche Niveau heutzutage oft zu wünschen übrig lässt, da es an solider Ausbildung mangelt. Wenn ein Kompositionsstudent heute nicht mehr weiß, in welcher Tonlage eine Trompete am typischsten klingt oder welchen Tonumfang eine Oboe hat, fehlen ihm grundlegende Kenntnisse, die auch nicht durch die Beherrschung von Musikcomputern zu kompensieren sind. Es geht, das ist meine feste Überzeugung und Erfahrung aus jahrzehntelanger beruflicher Tätigkeit in dem Bereich, nichts über eine umfassende Ausbildung. Allerdings gibt es immer Ausnahmen, und es liegt mir fern, zu verallgemeinern.


MHR: Gab es so etwas wie Vorbilder für Ihre Arbeit als Komponist und Arrangeur?

Horst Fliegel: Während der 60er und 70er Jahre gefielen mir besonders musikalisch und technisch gut gemachte Schlager, wie sie Christian Bruhn lieferte. Titel von Manuela, Roy Black, Katja Ebstein, Wencke Myhre, Drafi Deutscher oder Mireille Matthieu sind nur einige Beispiele.

MHR: Haben Sie davon in irgendeiner Weise profitiert?

Horst Fliegel: Ich analysierte deren Struktur, die Instrumentation und die produktionstechnischen Eigenheiten. Es ist ja kein Geheimnis, dass die musikproduzierenden Einrichtungen der DDR sich bemühten, etwas dagegen zu setzen, das in etwa dem Publikumsgeschmack entsprach. Und so waren in der Schlagerrevue von Radio DDR oder im Schlagermagazin des Berliner Rundfunks jene Titel besonders erfolgreich, die den „Westschlagern“ ähnelten. Hier liegt auch eine der Erklärungen für den Erfolg von Ralf-Petersen-Titeln.

MHR: Wie machte sich das musikalisch bemerkbar?

Horst Fliegel: Zu Beginn der 70er Jahre erkannte man, dass man auch der immer populärer werdenden internationalen Rockmusik etwas entgegen setzen muss. Es wurde ein Kampagne ins Leben gerufen, die sich „Rhythmus 71“, „Rhythmus 72“ usw. nannte. Ich wurde mit der Leitung einer Arbeitsgruppe beauftragt, in der Rundfunk, Fernsehen, AMIGA, Komitee für Unterhaltungskunst, Kulturministerium, ZK-Abteilungen, FDJ-Zentralrat und Presse vertreten waren.

Diese Arbeitsgruppe hatte nur eine Aufgabe: neue Rocktitel zu entwickeln und zu popularisieren. Das gelang eigentlich recht gut. Gruppen wie Karat, Stern-Combo Meißen, Elektra, Puhdys, Klaus Renft, City oder Silly waren wichtige Träger der Initiative. Es wurde deutsch gesungen, und so waren die Texte oft ein Problem.

MHR: Worin bestanden solche Probleme?

Horst Fliegel: Ich erinnere mich an einen stundenlangen Disput zwischen mir und der Renft-Combo um das Lied „Ketten werden knapper“. Der schmale Grat bestand darin, den feinen Unterschied zwischen „progressiv“ und „zu progressiv“ zu beschreiten, ohne abzustürzen. Ein positives Ergebnis der Rhythmus-Aktionen war eine deutliche Vertiefung des Vertrauensverhältnisses zwischen Musikern und Produzenten.

Lektorate alten Stils wurden weitgehend durch ein gut entwickeltes Auftragswesen ersetzt. Im Gegensatz zur heutigen Praxis wurde gründlich diskutiert und am Ende gemeinsam entschieden. Heute bestimmt häufig ein Produzent ohne nennenswerte Kompetenz, beispielsweise über den Einsatz im Rundfunk- oder TV-Programm.

MHR: Welchen "Zwängen" waren Sie in Ihrer Tätigkeit beim Rundfunk unterlegen?

Horst Fliegel: Zwänge waren häufig ökonomischer Natur. Es mangelte permanent an der technischen Ausrüstung. Es bedurfte erheblichen Drucks der Hauptabteilung Musik und dort vor allem der Produzenten und Tonregisseure, Valutamittel, und um die handelte es sich dabei ausschließlich, zu beantragen. Während AMIGA seine technische Ausrüstung aus dem Verkauf von CDs und Lizenzen finanzierte, mussten wir direkt um Subventionen aus dem Finanzministerium kämpfen.

MHR: Und wie sind Sie diesen Zwängen begegnet? Man sagt ja immer, in der DDR musste man organisieren können und Beziehungen haben?

Horst Fliegel: Wir holten den Deutschen Fernsehfunk mit ins Boot. Schließlich gelang es uns, ein so genanntes Popstudio auf dem Gelände des Rundfunks zu errichten und auszustatten, in dem wir hervorragende Aufnahmen herstellten und in dem nach der Wende das Filmorchester Babelsberg einzog. Ich werde nicht vergessen, wie heiß es herging, als wir in der Leitung des Rundfunks gemeinsam mit Heinz Adameck und seinen Fernsehexperten über das Popstudio verhandelten. Wir versuchten, den Leitungen zu suggerieren, dass es bei neuer Technik um eine zutiefst ideologische Frage ging. Dieses Argument hat schließlich überzeugt. Gekauft wurde dann japanische Digitaltechnik in bester Qualität.

MHR: Wer nutzt diese Technik nach der Abwicklung des DDR-Rundfunks?

Horst Fliegel: Unmittelbar nach der Wende wurde diese kostbare Ausrüstung im Zuge der „Abwicklung der Einrichtung“ aus den Fenstern des Blocks B geworfen. Nur das Popstudio blieb erst einmal verschont.

MHR: Gelegentlich wird kolportiert, der DDR-U-Musik hat es an technischer Raffinesse gemangelt. Wie ist dazu Ihre Meinung?

Horst Fliegel: Die Substanz der DDR-Schlager und die Qualität der Interpretationen waren den Produkten aus der damaligen Bundesrepublik ebenbürtig. Wir verfügten über perfekt ausgebildete Musiker. Tonregisseure mit Hochschulabschluss betreuten die Aufnahmen kompetent und professionell. Die technischen Defizite versuchten wir wie beschrieben mit viel Argumentationskraft zu überwinden.

MHR: Woraus haben Sie ihre Virtuosität geschöpft? Aus den Texten, dem Bezug zu den Interpreten, aus Eingebung und Fachwissen/fachlichem Können? Einem Mix daraus...?

Horst Fliegel: Von Virtuosität würde ich hier nicht sprechen. Eher von Erfahrung, Fachwissen und Routine im besten Sinne. In 90 Prozent der Fälle schrieb ich zuerst die Musik. Die Vorstellung, eine neue Komposition entstünde am Klavier oder am Schreibtisch, trifft nur in wenigen Fällen zu. Meist fällt einem eine neue Melodie beim Autofahren, Spazierengehen oder in einer Sitzungspause ein. Und wenn ich eine neue Musik erfand, hatte ich auch fast immer einen Interpreten bzw. eine Interpretin sowie eine Titelzeile im Kopf.

MHR: Ich würde den Begriff Virtuosität schon beibehalten wollen, wenn man ihn als perfekte künstlerische Leistung definiert. Und Sie waren ja offensichtlich mehr als "nur" Komponist.

Horst Fliegel: Letzteres stimmt schon genau genommen: Die Refrainzeilen vieler meiner Titel habe ich selbst erfunden, so „Blau ist die Nacht“, „Eine kleine Burg im weißen Sand“, „Dankeschön für die Stunden mit dir“, „Fahr mit mir in das Glück hinein“, „Das ist der Bikini-Shake“, „Erst kam ein verliebter Blick“ oder „Blumen aus Eis“. Die Arrangements habe ich von Anfang bis Ende des Titels genau konzipiert und dann mit dem Arrangeur besprochen.

Er war in jedem Falle routinierter als ich. Er brauchte fünf Stunden für das Schreiben der Partitur, ich hätte die doppelte Zeit einplanen müssen. Und die hatte ich nicht. Meine Titel habe ich in den meisten Fällen mit den Interpreten am Klavier einstudiert, so dass sie dann im Studio meine stilistischen Vorstellungen realisieren konnten.

MHR: Welchen Stellenwert ordnen Sie der DDR Schlagerszene heute ein?

Horst Fliegel: Die DDR-Schlagerszene ist heutzutage bewusst unterdrückt. Die Gründe sind sicher sehr vielfältig. Das geht von simpler Ignoranz, Unkenntnis, Überheblichkeit und Konkurrenzdenken bis hin zu dem Bestreben, bestimmte Zielgruppen wie ältere DDR-Hörer auszuklammern. Wenn man heute öffentlich-rechtliche Radiosender hört, ist ein DDR-Schlager etwas Exotisches. Der Komponist Arndt Bause erzählte mir einmal, wie ihn ein Münchener Tonstudio in seiner Arbeit beengte, indem extrem hohe Kosten und knapp gehaltene Termine ein gutes Ergebnis unmöglich machten. Ich will nichts verallgemeinern, aber gewisse Tendenzen stehen in krassem Gegensatz zur deutschen Einheit.

MHR: Was sind für Sie die Granden in Komposition, Texter, Band-Leader, Sänger in Ost und West?

Horst Fliegel: Die Frage nach den „Granden“ zu beantworten fällt mir schwer. Es gibt so viele großartige Titel und Interpreten, dass man bei der Nennung von Namen unwillkürlich viele vergisst. Das wird dann sofort als Wertung verstanden. Im übrigen beurteile ich Musik nach klaren Kriterien wie Qualität des kompositorischen Einfalls, Originalität der Interpretation und aufnahmetechnischer Realisierung. Und da sind wir wieder bei der Unterscheidung zwischen guter und schlechter Musik.

MHR: Apropos Granden: Mit welchen Interpreten haben Sie besonders gern gearbeitet? Soll auch heißen: Mögen Sie "Typen" auf der Bühne oder solche, die nur ihren Titel abspulen?

Horst Fliegel: Ich mag Typen, die Charakter haben und ihn auch zeigen. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass nicht jeder Interpret jedes Lied erfolgreich singen kann. Wichtig ist immer, dass eine Sängerin oder ein Sänger Eigenes in eine Aufnahme einbringt. Wenn es nicht passt, kann man es jederzeit wieder weglassen oder verändern. Eine stattliche Zahl meiner Titel wurde auch von Westinterpreten gesungen, so „Regen in der Nacht“ von Udo Jürgens oder „Blau ist die Nacht“ von Bob Benny. Ich habe über 100 Instrumentaltitel geschrieben, von denen viele ins Ausland gingen, unter anderem auch in die USA.

MHR: Was ist für Sie noch heute Ihr größter musikalischer Erfolg ?

Horst Fliegel: Mein größter Erfolg ist die Bostella „Blau ist die Nacht“, im Original gesungen vom Gerd-Michaelis-Chor im Jahre 1968. Es gibt davon über 20 Versionen. Aus musikalischer Sicht mag ich besonders meine Titel „Regen in der Nacht“ (Michael Hansen), „Sag ja“ (Rec Demont), „Mädchen, du mein Traum“ (Andreas Holm), „Zwei Küsse beim Nachhausegehn“ (Ina Martell) und „Red nicht über die Liebe“ (Ruth Brandin).

MHR: Zu guter Letzt: Würden Sie gern noch einmal etwas komponieren? Wie müsste sich das anhören? Melodiös mit großem Orchester, mehr Ballade und auf den Interpreten fixiert oder was ganz "Neumodisches"? Soll auch heißen: Was ist ein unerfüllter musikalischer Traum von Ihnen?

Horst Fliegel: Ich würde nur etwas Neues komponieren, wenn ich einen seriösen Auftraggeber hätte. Was mir besonders liegt, sind große Melodien. Natürlich müsste man genau wissen, welcher Interpret bzw. welche Interpretin das Lied singen soll. Vielleicht schreibe ich auch ganz was Anderes: Einen Chorzyklus nach Texten von Wilhelm Busch.

MHR: Lieber Horst Fliegel, lieber Ralf Petersen, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass diese Wünsche in Erfüllung gehen und sich jemand bei Ihnen meldet, der vielleicht auch durch dieses Interview angeregt wird und erkennt, wie viel Potenzial noch in Ihnen steckt.


Fotos: Michael H. Max Ragwitz - Redaktionsbüro MHR

Kunst, Kulur und Kulinarik

Michael H. Max Ragwitz
www.ragwitz.de
Facebook: M H Max Ragwitz

mehr

13.09.2013 Sie hasst Faulheit, hat mehr als eine Meinung

Peter Goebel

Freunde bald ist es soweit. Am 25. Oktober geht es los, die süße Chäte geht auf grosse Tour.

2011 veröffentlichte die Hamburger Sängerin Cäthe ihr Debütalbum „Ich muss gar nichts“. Es steigt in die Charts ein und erobert die Sinne ihrer Zuhörer im Sturm. Das Fernsehen will sie auch: Inas Nacht, Morgenmagazine, die Harald Schmidt Show. Im Frühjahr 2012 folgt eine Pracht-Tour mit ihrer Band – achtundzwanzig Shows in zweiunddreißig Tagen.

Und als Krönung der Autorenpreis der GEMA in der Kategorie ‚Komposition Rock’. Die Jury hat Cäthe und ihre Musik verstanden und belohnt sie ausdrücklich dafür, dass sie ihren eigenen Weg geht.

Sie hasst Faulheit, hat mehr als eine Meinung

Im Juni erscheint ihr neues Album „Verschollenes Tier“. Der außergewöhnliche Titel liegt Cäthe am Herzen: „Das Tier steht für die Verbindung mit dem Ursprünglichen, dem Instinktiven in mir. Im Alltag ist es oft verschüttet und versteckt sich. Aber wenn ich mich mit mir befasse, Musik mache oder auf der Bühne stehe, kommt es raus und kann atmen. Auf diesem Album komme ich dem verschollenen Tier, also mir selbst, sehr nah. Es fühlt sich an wie ankommen.“

Von dieser Unmittelbarkeit zeugt auch das Artwork. Das Cover zeigt ein Foto von Cäthe als kleines Mädchen: „Fahrrad fahren war eine große Sache für mich. Ich weiß nicht mehr warum ich gestürzt bin, aber ich war total schockiert, dabei fotografiert zu werden. Auf keinen Fall sollte das jemand mitkriegen ... Ich wollte immer ganz schnell ganz viel können und alles wissen. Am liebsten hätte ich die Kindheit übersprungen und wäre sofort erwachsen gewesen.“

Lauter neugierige Anfänge

Auch die Bilder im Booklet stammen von ihr – eine Art gezeichnetes Tagebuch der letzten Jahre. Musikalisch sendet sie ihre Leidenschaft und ihre unvergleichliche Intensität auf mehreren Kanälen: in ihren Kompositionen und Texten, mit ihrer ungezügelten, markanten Stimme und via Intonation mit Leib und Seele minus Eitelkeit. Sie überlässt der Musik das Ruder, nimmt sich zurück und treibt mit der Strömung nach innen.

Cäthe ist Viele. Sie sammelt Gegensätze, ist am liebsten barfuß und ringt beständig mit sich und anderen um Erweiterung. Sie hasst Faulheit, hat mehr als eine Meinung und ihr Leben besteht aus lauter neugierigen Anfängen.


Das mit der eigenen Musik beginnt 2005 in Hamburg. Eine inspirierende, wichtige Zeit. Cäthe ist Anfang zwanzig, belegt den Popkurs und trifft treue Wegbegleiter wie Mika, Gisbert und Flozze, der heute auch der Bassist ihrer Band ist. Die Sache entwickelt sich aber nicht von heute auf morgen: „Ich glaube, ein paar Jahre lang habe ich mich gedrückt. Ich hatte Schiss, meinen Vorstellungen nicht gerecht zu werden. Hatte Angst vor der Auseinandersetzung.

Eigentlich scheue ich die zwar nicht, aber bei mir müssen Kopf und Herz immer einhundert Prozent im Einklang sein – das kann zehren.“ Die meiste Zeit ist sie nicht krankenversichert, muss Freunde um Flaschenpfand bitten und hat mächtig damit zu tun, erwachsen zu werden. „Irgendwann kam ich an einen Punkt, an dem ich beschloss, es einfach zu wagen. Vielleicht hätte mir mein Perfektionsanspruch sonst noch ewig im Weg gestanden.“

Die Notwendigkeit, Musik zu machen ist stärker als das Bedürfnis nach Struktur, deswegen kommt ein geregelter Beruf auf Dauer nicht in Frage. „Für mich sind die private Person und die Person auf der Bühne untrennbar. Wenn man es mit der Musik ernst meint, stellt man irgendwann fest, dass das alles ganz natürliche Prozesse sind, die man als Künstler eben durchleben muss. Man lernt, die Sache ernst zu nehmen, nicht so sehr sich selbst.“

Mit „Verschollenes Tier“ kommt Cäthe bei sich an – und steht damit wieder an einem neuen Anfang.

Mit Ihrem neuen Album geht Sie im Herbst 2013 auf große Deutschland-Tour. Tickets gibt es ab sofort unter 01805 – 969 000 555 (14ct/min, z.B. Dt. Telekom, Mobilfunkpreise max. 42ct/min) oder im Internet unter www.ticketmaster.de.

Konzerte in Deutschland

Tour-Termine:

Fr, 25.10.2013, Bremen, Lagerhaus

Sa, 26.10.2013, Dortmund, FZW

So, 27.10.2013, Kiel, Orange Club

Di, 29.10.2013, Gütersloh, Weberei

Mi, 30.10.2013, Münster, Amp

Do, 31.10.2013, Hannover, Capitol

Fr, 01.11.2013, Braunschweig, Hansa

So, 03.11.2013, Köln, Luxor

Mo, 04.11.2013, Düsseldorf, Stahlwerk

Di, 05.11.2013 Aachen, Musikbunker

Mi, 06.11.2013 Fulda, Kreuz

Fr, 08.11.2013 Frankfurt/M., Nachtleben

Sa, 09.11.2013 Koblenz, Circus Maximus

So, 10.11.2013 Weinheim, Café Central

Di, 12.11.2013 Ulm, Roxy

Mi, 13.11.2013 Kempten, bigBox Allgäu

Do, 14.11.2013 Reutlingen, franz.K

Fr, 15.11.2013 Saarbrücken, Garage

So, 17.11.2013 Freiburg, Waldsee

Mo, 18.11.2013 Nürnberg, Stereo

Mi, 20.11.2013 Erfurt, Centrum

Mi, 20.11.2013 Berlin, Lido

Fr, 22.11.2013 Hamburg, Knust

Sa, 23.11.2013 Rostock, Stadtpalast

Mo, 25.11.2013 Leipzig, UT Connewitz

Di, 26.11.2013 Jena, F-Haus

Mi, 27.11.2013 Dresden, Scheune

Do, 28.11.2013 Cottbus, Bebel

 

mehr

23.08.2013 eine Goldader aus der Wüste Nordafrikas

GFDK - Leila Benameur

Hindi Zahra ist mit »Handmade« die perfekte Verschmelzung unterschiedlichster musikalischer Welten gelungen. Mit einer Melange aus künstlerischer Leichtigkeit und lebensfroher Gedankenschwere beschwört diese faszinierende Esperanto-Chanteuse, die es bereits bis ins Olympia von Paris geschafft hat, ein so noch nie gehörtes World-Music-Eldorado.

Eine wahre Goldader aus der Wüste Nordafrikas: von Hindi Zahra darf man auch in Zukunft noch manch hochkarätige Glanzleistung erwarten.

Mit ihrem nunmehr fast drei Jahre alten Debütalbum hat die französisch-marokkanische Künstlerin Hindi Zahra wahrlich eine höchst nachhaltige Duftmarke gesetzt. »Handmade« ist eines jener Albumjuwelen, das sich nicht mit glitzerndem Charterfolg brüsten muss, dessen Langzeitwirkung jedoch umso bemerkenswerter ist.

Portrait des Monats

Preise hat sich die aparte Sängerin und Songwriterin für ihr bahnbrechendes und von World-Music-Connaisseuren innig geliebtes Werk redlich verdient: 2011 erhielt sie den Prix Constantin für das beste Album und im selben Jahr den renommierten Victoires de la Musique für das beste Weltmusik-Album. Nicht minder erwähnenswert ist, dass »Handmade« nach wie vor seine Kreise zieht und von immer mehr Musikliebhabern entdeckt wird.

Hindi Zahra, ausgestattet mit einer sanft melancholischen Stimme und einem feinen Händchen für prägnante Melodien, kreierte mit »Handmade« fürwahr eines der wohl außergewöhnlichsten Blue-Note-Alben der letzten Jahre. Nicht genug, dass sie alle Songs selbst komponierte, sie hat sie auch quasi im Alleingang arrangiert und produziert.

Blues, World Music, Folk und Jazz

Hindi Zahra hat sich viel Zeit gelassen für ihr Erstlingswerk, das mit einer ebenso einzigartigen wie eigenwilligen Mischung aus Blues, World Music, Folk und Jazz aufwartet — spartanisch, verträumt, magisch, intim, vielsprachig, poetisch...

Schon der Opener »Beautiful Tango«, schwermütig und rubinrot wie ein Tokajer, macht gleich hellhörig, wenn nicht gar süchtig. Das britische Magazin »The Wire« meinte, in diesem Song, der  inzwischen sagenhafte vier Millionen Clicks auf YouTube verzeichnet, die perfekte Symbiose aus Django Reinhardt und Billie Holiday erkannt zu haben. Wie passend, dass den Videoclip zu diesem wunderbaren Lied der französische Regisseur Tony Gatlif drehte.

Immerhin pulsiert durch dessen Adern Zigeunerblut und tatsächlich spielt Hindi Zahra ihre Gitarre nicht selten wie weltverlorenen Zigeunerblues. So fügt sie ihren mit schlichten Mitteln produzierten Songs immer wieder Elementarteilchen aus verschiedenen Genres bei, die ihnen eine Aura des Geheimnisvollen verleihen.

Ihre Songs lassen stets viel Raum zum Atmen und entfalten dazu die wundersamsten Aromen. »Oursoul« etwa, ein Lied über die unerfüllten Träume eines Mädchens, das zur Heirat bestimmt ist, besitzt die glänzende Patina eines alten französischen Chansons. Der Titel ist übrigens kein englisches Wort, sondern stammt aus der Sprache der Berber und bezeichnet die »Verflossenen«.

Geboren wurde Hindi Zahra 1979 in der marokkanischen Provinzstadt Khouribga. Ihr Vater war beim Militär, ihre Mutter eine im Ort beliebte Gelegenheitsschauspielerin und Sängerin. In ihrer Verwandtschaft gab es ebenfalls Musiker, die jene psychedelische Musik der Berber spielten, die man landläufig als Desert Rock’n’Roll bezeichnet. Sie wuchs mit den vielgestalten Klängen des afrikanischen Kontinents auf, von der traditionellen Musik der Berber über die Stimmen berühmter Diven wie Cheika Rimitti und Oum Kalsoum bis hin zu Ali Farka Touré und Ismaël Lô.

Doch die afrikanischen Wurzeln sind nur ein Zweig in ihrem Geflecht musikalischer Inspirationen. In jungen Jahren folgte sie ihrem Vater nach Paris, wo sie mit 18 Jahren einen Job im Louvre annahm.

»Das war mein großes Treffen mit der Kunst. Als Kind war ich nachdenklich und eng mit der Natur verbunden. Die Gemälde haben bei mir ganz ähnliche Empfindungen ausgelöst.«

Doch nichts hat ihre Vorstellungskraft mehr angeregt als Musik. Hindi Zahra hat die »afro-amerikanischen Grooves« verinnerlicht: allen voran Aretha Franklin, James Brown, 2-Pac und A Tribe Called Quest. Ihre Stimme hat sie als Backgroundsängerin in der vielseitigen Pariser Szene an der Schnittstelle zwischen Soul und HipHop geschult.

Zweifellos hat die Autodidaktin ein intuitives Gespür für Rhythmus und Melodie, das fühlt man bei fast jeder ihrer Kompositionen. »Jazz ist der einzige Ort, wo ich die Noten meiner Heimat heraushöre. Jazz kommt kreativer Freiheit gleich. Das ist einfach eine großartige Schule.«

xyyx

In ihrer zwischenzeitlichen Wahlheimat London begegnete sie Fink, einem Gitarristen der Electro-Szene rund um das Label Ninja Tune. Er gab Hindi den Ratschlag, weiter und intensiv an ihrem Repertoire und an ihrem Stil zu feilen.

Das Resultat hätte kaum perfekter ausfallen können. »Handmade« mag mit seinen elf Songs von insgesamt 40 Minuten ein Album von überschaubarer Länge sein, doch die nachhaltige Wirkung dieses Albums ist nur schwer zu ermessen. Es gibt kaum einen Song auf diesem kleinen handgemachten Meisterwerk, der nicht seinen ganz eigenen Reiz hat, seinen unverwechselbaren atmosphärischen Zauber. »Stand Up« erinnert mit seinem karibisch gefärbten Gitarrenrhythmus an Manu Chao, mit dem Hindi gelegentlich verglichen wird.

»Old Friends« klingt wie eine Jazzballade aus einer anderen Galaxie; »Music« verblüfft mit einer eher wohl unbewussten Referenz an das Gitarrenspiel von Fleetwood Mac. Vom Delta-Blues-Hybrid »Set Me Free« über den Tribal-Chant »Kiss And Thrills« bis hin zum Swing von »Fascination« — auf dem Album von Hindi Zhara kann jeder seine eigenen Entdeckungen machen, sich ganz dem Sog hingeben, wenn Songs nahezu unmerklich vom Blues zum Soul übergleiten oder sich ein Gefühl wohltuender Gravität ausbreitet.

Kein Wunder, dass die Werbebranche da schnell zugriff: Während »Stand Up« bereits vor drei Jahren von der Western Union Bank für eine große Werbekampagne ausgewählt wurde, hat Chanel für seinen jüngsten Werbespot mit Gisele Bündchen das vitale »Imik Si Mik« als musikalische Untermalung ausgewählt.


Leila Benameur

mehr

05.07.2013 Gedanken und Emotionen auf deutscher Sprache

GFDK - Stefanie Tendler

„Leinen Los“, so lautet der erste deutschsprachige Solotitel des Singer- Songwriters Martin Goett.

Der gebürtige Heidelberger hat bereits viel Banderfahrung sammeln dürfen, nicht zuletzt mit der auch noch aktuellen Band Gravity Saints. Dennoch war es sein inneres Bedürfnis seinen Gedanken und Emotionen auf deutscher Sprache Ausdruck zu verleihen.

Was war für dich der ausschlaggebende Moment deutsche Songtexte zu verfassen und der englischen Sprache für einen Augenblick den Rücken zu kehren?

Ich habe vor fast einem Jahr damit angefangen mich intensiver mit deutschen Texten zu beschäftigen und gemerkt, dass es mir leicht fällt mich auszudrücken und Gefühle in Worte zu packen. Obwohl es nahe liegt mit der Muttersprache Ausdruck zu verleihen hat es viel mehr Mut erfordert. Jeder achtet automatisch viel mehr auf den Text und im übertragenen Sinne präsentiert man sich seinem Publikum komplett nackt.

Bedingt durch Gravity Saints und durch die eigene Faulheit ist das aber erst mal wieder ein wenig eingeschlafen.

Erst Anfang 2013 während der Trennungsphase mit meiner Freundin hatte ich das unbedingte Bedürfnis Lieder auf Deutsch zu schreiben und vor allem zu texten. Das war fast wie eine Befreiung, bzw. eher eine Entlastung, wichtig für das Seelenheil, wenn man das heute noch so sagt... Es hat einfach unglaublich gut getan und seitdem bin ich viel motivierter mich kreativ in deutscher Musik auszuleben.

Leinen los, beschreibt ein Voranschreiten, einen neuen Abschnitt. Den Kopf nach vorn gewandt, ohne ihn nach hinten zu drehen...Welche Bedeutung hat für dich dein erster Song Leinen los?

Die Frage hast du praktisch schon beantwortet. Wobei das Zurückschauen ein wesentlicher Bestandteil des Textes ist und ich finde, ein wesentlicher Bestandteil des Voranschreitens ist die Gewissheit des Zurück gelassenen. Aber du hast Recht, man darf sich nicht zu oft umdrehen, sondern muss nach Vorne schauen, Dinge wagen, auch mal risikofreudig sein. Entscheidungen treffen, aus dem Bauch, aus einem guten Gefühl heraus. Das ist vor allem ein Generationenproblem. Ich glaube, wir lassen uns viel zu sehr von äußeren Einflüssen beeindrucken und wissen aufgrund der vielen Konventionen einerseits und der großen Vielfalt andererseits nicht mehr wohin. Also: Die Segel setzen und die Richtung selbst bestimmen, darum geht es.

Möchtest du mit diesem Song eine bestimmte Zielgruppe ansprechen?

Bis vor ein paar Jahren war „deutschsprachige Musik“ zu machen schon zielgruppendefiniert. Das hat sich glücklicherweise geändert. Aber nein, meine Musik soll keine bestimmte Zielgruppe ansprechen. Das wäre eine falsche Herangehensweise. Ich mache definitiv keine Partymusik. Wer Kraftklub oder K.I.Z erwartet ist bei mir falsch. Da bin ich eher das Gegenteil. (Martin schmunzelt). Wenn die Lieder vermehrt eine bestimmte Gruppe von Menschen ansprechen, dann ist das so. Das wiederum zu planen wirkt oft wenig authentisch und kann ich zumindest nicht vertreten.

Welche Wirkung übt Musik auf dich aus?

hmm... Musik umfasst Alles. Leidenschaft, Gefühl, Genuss, Lachen, Weinen, Freunde, Gemeinsamkeiten, Freizeit, Berufung! Viele meiner schönsten Momente im Leben sind auf Musik zurückzuführen.

Wenn die Leidenschaft aber überhandnimmt und zu etwas Krampfhaftem wird, dann wird sie – zwar selten – lästig und anstrengend zwanghaft. In den Momenten genieße ich es mit Menschen zusammen zu sein, die nichts mit Musik am Hut haben und sich im Idealfall wenig für meine musikalischen Ergüsse interessieren. Ich glaube, ich kann da manchmal auch etwas nervig sein... Alleine sein und sich ordnen hilft da auch.

Wie geht Gravity Saints mit deinem neuen Projekt um?

Oh die finden das toll was ich mache, zumindest sagen sie das haha...Nein im Ernst, sie respektieren mich als Musiker und als Freund und wissen, dass mir die Musik in meiner derzeitigen Lebensphase einfach sehr wichtig ist. Gleichzeit sind sie aber auch in einem gewissen Zwiespalt, der „gesund“ ist. Sie unterstützen mich und haben unter anderem auch auf „Leinen Los“ mit eingespielt. Musikalisch gibt es kaum Berührungspunkte und ich hoffe und glaube daran, dass ich das auch weiterhin fortführen kann. Danke an dieser Stelle an die Jungs!

Welche Erfahrungen haben dich in deiner Musikerlaufbahn besonders geprägt und die Richtung wechseln lassen?

 Praktisch jede Erfahrung verändert mich als Mensch und Musiker ein klein wenig. Ich habe früh mit klassischer Musik angefangen, in der Pubertät die ersten Banderfahrungen als Sänger gemacht und bin dem treu geblieben. Verschiedene Lebensphasen und die Menschen im privaten musikalischen Umfeld haben dazu beigetragen, dass ich mich immer weiterentwickelt und auch mal einen Richtungswechsel gewagt habe.

Wenn ich da zurück schaue, war ich in jeder Band  - egal ob ich Hardrock, Alternative, Metal, Pop oder sonst was gemacht habe – immer derjenige, der  melancholische, melodiebetonte Musik geliebt hat.  Das zieht sich die ganzen letzten Jahre über durch, und hierbei spielt die Länge der Haare keine Rolle. (Martin grinst!)

Gibt es etwas, dass du anderen Träumern gerne mit auf den Weg geben würdest?

Oh! Du hast mich durchschaut. Träume haben und sie ein Stückweit zu leben ist essentiell. Damit meine ich nicht nur das nächste erreichbare Ziel, sondern Tagträume bei denen man abschalten, nachdenken und sich einen Augenblick in Gedanken verlieren kann. Es soll ja Menschen geben, die meinen, ich würde zu viel träumen und ich sollte mich mehr auf wesentliche Dinge konzentrieren. Ich lebe aber ganz gut damit und kann nichts Schlechtes am Träumen erkennen, solange man sich nicht völlig darin verliert und lethargisch wird. Was kann ich anderen Träumern oder Nicht-Träumern auf den Weg geben? Träumt so viel ihr wollt und genießt es!

Welche Pläne hast du für die zweite Hälfte von 2013?

Aktuell bin ich immer wieder im Studio um meine Lieder aufzunehmen. Parallel schreibe ich weiter und hinterfrage immer wieder kritisch was ich mache. Ein ausgewählter Personenkreis, darf auch gerne meine Demos hören und eine ehrliche Meinung abgeben. Für mich ist es wichtig Kritik zu bekommen, was nicht heißt, das ich sie immer annehme, wenn ich sie nicht für angemessen halte. Ich denke, dass ich es bis zum Herbst 2013 schaffe eine EP fertig zu haben. Der ist praktisch schon fertig und es wird auch schon an dem Video geschnippelt.

Aber natürlich möchte ich auch unbedingt noch einige Liveauftritte spielen. Das ist sozusagen der Höhepunkt eines jeden Musiker, wenn man die eigenen Lieder auf der Bühne präsentieren kann.

Ein bisschen stolz und gespannt blicke ich den nächsten Monaten entgegen, da ich es kaum erwarten kann, zu sehen wie mein neues Werk ankommt.

mehr

29.06.2013 Spannung, die einen zerreist

GFDK - Michaela Boland

Spannung, die einen zerreißt. Das ist sein Metier und er versteht sich ausgezeichnet darauf. Nicht umsonst katapultierte sein Endzeit-Horror-Schocker "Der Übergang" den amerikanischen Professor für Englisch, Justin Cronin, mit einem Schlag in die Bestsellerlisten dieser Welt. Das Mädchen Amy wird mit nur sechs Jahren von zwei FBI-Agenten entführt und auf ein geheimes medizinisches Versuchsgelände verschleppt. Ein mysteriöses Experiment mit nur einem Ziel: Die Menschen sollen unsterblich gemacht werden.

Doch dann geht etwas schief. So beginnt der erste Teil von Cronin`s Passage-Trilogie, dessen Filmrechte bereits für 1,75 Millionen Dollar von der 20th Century Fox erworben wurden und dessen Stoff voraussichtlich mit Star-Regisseur Ridley Scott verfilmt wird. Gerade hat Harvard-Absolvent Cronin den zweiten Teil seiner Trilogie mit dem Titel "Die Zwölf" veröffentlicht und einem breiten Publikum in Deutschland im Rahmen seiner Lesetour vorgestellt.

Seine Reise führte den sympathischen Familienvater aus Houston auch in die Domstadt am Rhein. Warum der Mann, der im Kalten Krieg groß wurde, nur noch tut, wozu er wirklich Lust hat, aus welchem Grund Deadlines für ihn etwas Abstraktes sind und weshalb er  Museen in Köln eher meidet, verriet der Schriftsteller, der schon mit Stephen King verglichen wird, Michaela Boland beim Frühstück.

Michaela Boland: Ihre aktuelle Endzeit-Trilogie "The Passage" dreht sich in faszinierender Weise um eine mögliche Ausrottung der Menschheit durch Eigenverschulden. Sind sie selbst ein Mensch, der den Tod in besonderer Weise fürchtet?

Justin Cronin: Ja, natürlich habe ich Angst vor dem Tod. Wer hat das nicht? (lacht). Ich habe zwar auch mal eine Zeit durchlebt, in der ich dachte, ich sei unsterblich. Aber,  jetzt bin ich 50 und das ist ein Alter, bei dem ich anfange, mich hin und wieder doch ein wenig älter zu fühlen.

Michaela Boland: Sie sollen einmal geäußert haben, dass es in der Regel drei Stadien im Leben gäbe, während der sich ein Mensch mit dem Thema "eigener Tod" befasst. Welche sind das ihrer Meinung nach?

Justin Cronin: Ich erinnere mich, dass ich zu dem Thema mal ein Interview gegeben habe, aber was habe ich da nochmal gesagt? Es war jedenfalls brillant (lacht). Ich denke, dass Teenager sich erstmalig mit dem Thema befassen, wenn sie auf dem Weg zu Erwachsenwerden sind. Jüngere Kinder sind ja eher "unsterblich" und haben das Gefühl, dass sie niemals gehen müssen. Wenn dann einmal ein geliebtes Haustier stirbt, ist das zwar sehr deprimierend, verwirrend  und unerfreulich, aber bevor man ein Teenager ist, kommen einem diese Gedanken gewöhnlicherweise nicht in den Sinn.

Danach, so schätze ich, dann wieder in der Mitte des Lebens, wo ich mich, so glaube ich, jetzt gerade befinde. Ach was, ich habe die Mitte bereits überschritten (lacht). Dann jedenfalls werden einem die Dinge wieder bewusster und man muss sie in Betracht ziehen. Ich bekomme ja mit, dass meine Kinder groß werden. Meine Tochter ist beinahe schon aus dem Haus.

Michaela Boland:

Ist das jene Tochter, Iris, der wir den ersten Teil ihrer Trilogie "Der Übergang"  überhaupt verdanken, weil sie sie im Kindesalter darum bat, einmal eine Geschichte über ein kleines Mädchen zu verfassen, das die Welt rettet?

Justin Cronin:

Ja, richtig.

Michaela Boland:

Wie alt ist sie heute?

Justin Cronin: Sie ist mittlerweile 16 Jahre alt.

Michaela Boland: Ist sie ihr jüngstes Kind?

Justin Cronin:Nein, sie ist die Älteste. Ich habe noch einen jüngeren Sohn. Wir haben spät Kinder bekommen, so wie Leute es heutzutage häufig tun. Wenn ich allerdings noch einmal vor der Wahl stünde, würde ich wohl eher in einem jüngeren Alter Kinder bekommen wollen. Jetzt, in der Lebensmitte werden die Gedanken an die eigene Endlichkeit ein wenig dringlicher und man muss sie eher fürchten, schätze ich. Dann natürlich wieder im Alter.

Michaela Boland:

Sie haben mit dem zweiten Teil der Trilogie, "Die Zwölf", schon viele Lesungen in deutschen Städten abgehalten, waren ja auch mit dem ersten, ausgesprochen erfolgreichen Teil vor deutschem Publikum im Einsatz. Gibt es eigentlich Unterschiede bei Lesungen in verschiedenen Ländern?

Justin Cronin:

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Buchpräsentationen in Deutschland und beispielsweise den Vereinigten Staaten. Allein im Hinblick auf die Dauer einer solchen Veranstaltung. In den Staaten kommt alles, was in dieser Hinsicht länger als 30 Minuten dauert, einem Geiseldrama gleich. Hier in Deutschland kommst du zu einer solchen Veranstaltung und machst sie mal eben annähernd zwei Stunden und niemand haut zwischendurch einfach ab oder schläft ein. Sie sind tatsächlich alle interessiert und hoch konzentriert  für ganze zwei Stunden.

Michaela Boland:

Man erwartet hier also mit mehr Spannung, was sie als nächstes im Buch geschehen lassen?

Justin Cronin:

Ja, ganz genau. Doch in Amerika würden die Hörer längst gesagt haben, "können sie mir das nicht eben zum Mitnehmen einpacken".

Michaela Boland:

Halten sie eine solche Lesung am Abend bei uns in Deutschland denn gut durch, wenn sie es aus ihrer Heimat wesentlich kürzer gewohnt sind?

Justin Cronin: Ja, in  jedem Fall. Das ist großartig.

Michaela Boland:

Bei den Lesungen für den zweiten Teil ihrer Trilogie, "Die Zwölf", sollen jetzt auch auffällig viele Männer zugegen gewesen sein. Warum ist das so ungewöhnlich?

Justin Cronin:

Ja. Das ist mir selbst zwar gar nicht so aufgefallen, aber meine Verlagspublizistinnen, Manuela und Claudia, haben mich darauf aufmerksam gemacht. Zuvor waren es nämlich meistens Frauen, die zu den Lesungen kamen. In den Staaten ist das üblicherweise so, dass eher Frauen kommen, denn es sind meistens auch Frauen, die Fiction lesen. Diejenigen, die die Romane kaufen, sind in der Regel nun mal weiblichen Geschlechts. Ich möchte nun nicht schwarz-weiß malen und behaupten, dass es immer ausschließlich Frauen sind, aber es ist zumindest statistisch erwiesen, dass sie nun mal mehr Fiction konsumieren als Männer.

Michaela Boland:

Welches Buch lesen sie selbst zur Zeit?

Justin Cronin:

Mein eigenes Buch, denn ich schreibe ja gerade am dritten Teil meiner Trilogie. Eigentlich lese ich ja immer irgendetwas. Beispielsweise Sachen  von James Salter. Da ist in den Vereinigten Staaten jetzt gerade ein neues Buch von ihm herausgekommen. Er ist einer meiner Lieblingsautoren. Er ist schon ein etwas älterer Herr und zählt bereits 87 Jahre. Somit ist es womöglich sein letztes Buch. Es ist  sehr ruhig gehalten, eben literarische Romandichtung.

Das ist auch das, was ich üblicherweise lese. Ich lese beispielsweise grundsätzlich keine kommerzielle Fiction. Eigentlich kann ich sogar sagen, dass ich ausschließlich literarische Romandichtung lese, denn das hilft mir als Autor. Gut Geschriebenes und gute Sätze zu lesen, das ist das, was mich wirklich weiter bringt.

Michaela Boland:

Also können sie als Bestseller-Autor tatsächlich auch noch etwas lernen? (lacht)

Justin Cronin:

Ja (seufzt). Jim Salter ist 87, glauben sie nicht, dass er womöglich einige Dinge wüßte, die ich nicht weiß? (lacht).

Michaela Boland:

Hat er ebenfalls den in Amerika renommierten Studiengang "Iowa Writers` Workshop" besucht, so wie sie?

Justin Cronin:

Er war sogar Dozent dort. Die meisten Leute haben das gemacht. (lacht)

Michaela Boland:

War er womöglich sogar einer ihrer Lehrer?

Justin Cronin:

Nein, er hat zwar tatsächlich zu der Zeit als ich da war, dort gelehrt, aber ich habe mich nicht für seine Klasse entschieden, was, im Nachhinein betrachtet, natürlich irgendwie blöde war. Ich habe noch nicht mal gewusst, wer er war. Ich war ein junger Bursche, gerade mal 25. Ich habe mich wahrscheinlich gefragt, "wer ist dieser alte Mann". Da wird er so um die 50 gewesen sein, also in etwa so alt wie ich jetzt bin, was schon irgendwie gruselig ist.

Michaela Boland:

Haben sie viele Dinge anders gesehen als sie jung waren?

Justin Cronin.

Ja, leider. Wenn du jung bist, bist du oftmals wirklich töricht. Ich glaube, ich habe niemals James Salter`s unmittelbare Bekanntschaft gemacht. Oder wahrscheinlich habe ich sie sogar irgendwann gemacht als ich da war und es ist mir gar nicht bewusst gewesen. Es durchlaufen ja so viele Menschen Iowa (Anm.d. Redaktion: Iowa Writers` Workshop). Es ist beinahe so etwas wie eine Gemeinschaftserfahrung vieler amerikanischer Schriftsteller eines bestimmten Genres. Also, der literarischen Schriftsteller.

Michaela Boland:

Es sind ja sogar diverse Pulitzer- und andere Literatur-Preisträger aus diesem angesehenen Studiengang der University of Iowa für kreatives Schreiben hervorgegangen.

Justin Cronin:

Richtig, da gab es eine ganze Reihe. Auch International-Book-Awards Preisträger. Von all diesen Rezipienten haben viele den Iowa Writers` Workshop absolviert oder hatten in irgendeiner Form damit zu tun.

Michaela Boland:

Der Studiengang, "Iowa Writers` Workshop", der schon seit dem Jahre 1936 existiert und zunächst  mit einer Versammlung von Dichtern und Prosa-Autoren seinen Lauf nahm, erhielt 2003 sogar die erste "National Humanities Medal". Wie einfach war es für sie, in einen Studiengang mit derart hohem Anspruch zu gelangen?

Justin Cronin:

Oh Gott, die Voraussetzungen für die Aufnahme waren durchaus schon zu meiner Zeit ziemlich hart. Allerdings habe ich nun gehört, dass es noch viel schwieriger geworden ist, dort hinein zu kommen.

Michaela Boland:

Was heißt das?

Justin Cronin:

Keine Ahnung, vielleicht 400 Bewerber pro einzelnen Kurs, so etwas in der Art. Es heißt sogar, es sei schwieriger dort hinzukommen als an das MIT (Anm. d. Red.: Massachusetts Institute of Technology). Das ist aber an für sich kein objektiver Maßstab. Denn das, was man tut, ist ja einzig, ihnen zu zeigen, was man geschrieben hat, seine Fiction eben. Du präsentierst ihnen deine Worte, deine Geschichten und sagst, "hier, bitte seht euch das mal an".

Deshalb packt es dann der eine und kommt hinein, der andere nicht. Aber kann man denn tatsächlich sagen, der eine ist wirklich besser als der andere oder der eine wird mal ein besserer Schriftsteller als der andere? Nein, so etwas kann man doch zu diesem frühen Zeitpunkt eigentlich noch nicht beurteilen.

Michaela Boland:

Also, ist das notwendige Quäntchen Glück auch hier noch von entscheidender Bedeutung?

Justin Cronin:

Absolut, sogar eine ganze Menge Glück ist hierfür nötig.

Michaela Boland:

Wollten sie schon immer Schriftsteller werden?

Justin Cronin:

Nein. Ich wurde lediglich Schriftsteller, weil ich immer wieder vergaß, mich an einer juristischen Fakultät einzuschreiben. (lacht)

Michaela Boland:

Wie kam das?

Justin Cronin:

Ich mochte die Vorstellung einfach, Autor zu sein. Denn ich habe mir das Schriftsteller-Dasein niemals als anstrengenden Werdegang vorgestellt. Ich dachte, es könnte möglicherweise ein charmanter Lifestyle sein (lacht). Ich habe mich niemals in etwas gesehen, das man als einen "richtigen Job" bezeichnen würde. Zum Beispiel so einen klassischen Firmenjob. Auch habe ich nie gewusst, was die Menschen den ganzen Tag lang in diesen hohen Bürogebäuden machten.

Mein Vater arbeitete für einen riesigen Konzern und war extrem unglücklich, soweit ich das beurteilen kann. Zwar gab er mir keinerlei unmittelbare Ratschläge für meine Karriere, allerdings tat er es indirekt anhand seines eigenen Beispiels sicherlich doch. Ich fühlte eigentlich nicht den Druck, jetzt unbedingt eine Karriere voranzutreiben. Ich war eher langsam und faul im Hinblick auf meine Zukunftsgestaltung. Ich hatte eine großartige Ausbildung in Harvard, aber ich absolvierte das Fach Englisch und ich las einfach Bücher.

Ich erlernte also keineswegs etwas von praktischer Bedeutung. Meine Verwandten in Frankreich vertraten die Anschauung, dass ich gut Anwalt werden könne, weil ich ein schnellsprechender Klugscheißer war. Das war grundsätzlich, was sie gesagt haben, "er spricht gut, er liest viel und schreibt gut. Er könnte Anwalt werden". Für so etwas muss man allerdings eine Menge Geld aufbringen.

Man kann sich das auch leihen. Wenn du allerdings in Amerika Geld für das Jura-Studium aufnimmst, wirst du besser ein guter Anwalt, wenn du es dann anschließend wieder zurückzahlen musst. Und ich war mir einfach  nicht sicher, ob ich so etwas wollte. Mein Vater hat eine Law-School besucht, ist aber nie Anwalt geworden. Insofern habe ich dann eben für eine Weile als Lehrer gearbeitet.

Michaela Boland

Wo und was haben sie unterrichtet.

Justin Cronin:

An einer Highschool. Ich unterrichtete dort einige Jahre Englisch. Und ich reiste eine Weile in Europa herum. Ich hatte ein InterRail-Ticket und so verbrachte ich sechs Monate mit Reisen. Existieren die eigentlich noch in der Form, wie es sie damals gab? Man konnte in jeden Zug einsteigen und sie akzeptierten das InterRail-Ticket als 1. Klasse Ticket. Ich bin damals mit einem Freund zusammen aufgebrochen. Insgesamt war ich acht Monate hier in Europa, aber ich landete am Ende davon allein einige Monate in Italien, wo ich ein nettes Mädchen kennengelernt hatte. Daher blieb ich erst mal dort.

Michaela Boland:

Romantische Inspirationen können sie also durchaus aus eigener Erfahrung in frühester Jugend in ihre Werke einfließen lassen?

Justin Cronin:

Nun ja, was kann einem besseres passieren als nach Italien zu gehen und dort eine wunderschöne Liebesaffäre zu leben? Das kann einen durchaus sehr bereichern. Also, warum sollte ich gleich wieder aufbrechen? Anschließend habe ich mich noch eine Weile ein wenig treiben lassen und dann habe ich mich für verschiedene Schreib-Lehrgänge beworben, denn ich mochte nicht mehr länger Lehrer sein. War mir zu viel Arbeit.

Michaela Boland:

War das dann bereits in Iowa?

Justin Cronin:

Ja, es gibt auch dort jede Menge unterschiedliche Studienangebote. Heutzutage sogar noch einmal viel mehr als damals. Ich bewarb mich dann auch an Journalistenschulen, denn ich wollte etwas mit Schreiben machen. Ich ging nur deshalb nach Iowa, weil dafür bezahlt wurde. Ich hatte ein Stipendium. Das war der Grund, warum ich überhaupt nur dorthin gehen konnte. Ich hatte allerdings immer nur gerade so viel Erfolg, dass alles  so eben irgendwie weiterlaufen konnte. Es ging alles nur sehr langsam voran.

Mein erstes Buch habe ich erst nach zehn Jahren veröffentlicht. Ich habe dann wieder mit dem Unterrichten begonnen, allerdings diesmal an der Universität. Ich habe hart daran gearbeitet, und versucht ein guter Lehrer zu sein, außerdem auch immer wieder Geschichten veröffentlicht, aber noch kein Buch. Es folgte die Heirat und wir bekamen Kinder. Wir kauften dann ein kleines Haus und hatten Fixkosten. Insofern war ich gerade im Begriff, mir ein typisches Mittelklasse-Leben aufzubauen.

Michaela Boland:

Wie ging ihr Weg dann weiter?

Justin Cronin:

Dann verkaufte ich ein Buch, anschließend noch eins. Allerdings verdiente ich noch nicht genug Geld, um mich ausschließlich von diesen Büchern über Wasser halten zu können. Also arbeitete ich dann auch noch als freier Autor und verfasste Fachbücher, Geschichtsbücher, Reiseführer und all solche Sachen. So arbeitete ich nahezu rund um die Uhr. In meinen Dreißigern verbrachte ich fast all meine Zeit in meinem Büro.

Michaela Boland:

Hatte ihre Familie dann überhaupt noch etwas von ihnen?

Justin Cronin:

Kaum. Ich bin jemand, der  eigentlich schwer arbeitet. Aber, das tun ja die meisten. Gewöhnlich durchschnittlich zehn Stunden am Tag. Allerdings ist das ja ein Pensum, welches die meisten Amerikaner täglich absolvieren müssen, zumindest die mit einem Job. Insoweit kann ich das akzeptieren (lacht). Das Gute im Vergleich zu meinem jetzigen Leben bestand allerdings darin, dass ich einen sehr beweglichen Tagesablauf hatte.

Ich konnte auch nachts arbeiten, wenn es notwendig war. Wenn beispielsweise eins meiner Kinder Fieber hatte, blieb ich zu Hause, um mich um das Kind kümmern zu können. Denn, wenn eins von ihnen aus gesundheitlichen Gründen mal nicht zur Schule gehen konnte, dann war ich eben dafür verantwortlich, weil ich das im Gegensatz zu meiner Frau tun konnte. Sie musste nämlich immer pünktlich bei der Arbeit erscheinen.

Michaela Boland:

Ist ihre Gattin nicht auch Lehrerin?

Justin Cronin:

Sie war es. Mittlerweile ist sie es nicht mehr. Sie hat ebenfalls High-School-Englisch unterrichtet und musste jeden Morgen um 7.30 Uhr vor Ort sein.

Michaela Boland:

Wo haben sie einander kennengelernt?

Justin Cronin:

Wir haben uns in Iowa getroffen. Sie war auch Studentin dort.

Michaela Boland:

Dann kam eines Tages doch noch der große Erfolg mit "The Passage" ("Der Übergang"). Was veränderte das?

Justin Cronin:

Ja, dann entstand "The Passage" und es brachte mir eine Menge Geld von vielen verschiedenen Verlegern ein. In den Vereinigten Staaten, England und überall. Jetzt könnte ich es mir leisten, ausschließlich zu unterrichten, aber nun habe ich nicht mehr die Zeit dazu. Dann habe ich allerdings realisiert, dass ich glücklich darüber bin, diesen Abschnitt meines Lebens abgeschlossen zu haben. Ich habe immerhin beinahe 28 Jahre lang unterrichtet, das ist schon eine ganz schön lange Zeit. Ich habe ja mit 21 begonnen und letztendlich erst im vergangenen Juni mein Lehramt niedergelegt.

Michaela Boland:

Also handelt es sich nicht nur um ein vorrübergehendes Aussetzen als Lehrbeauftragter, sondern sie haben den Dienst komplett quittiert?

Justin Cronin:

Ich bin zwar immer noch ein angesehenes Fakultätsmitglied, aber ich mache dort nichts mehr.

Michaela Boland:

Bedauern das ihre Studenten nicht?

Justin Cronin:

Vielleicht. Aber, wenn man etwas erst mal 25 Jahre gemacht hat, reicht es auch. Außerdem kann ich mich glücklich darüber schätzen, dass es mir gelungen ist, nach dieser langen Zeit, meiner Karriere noch einmal eine völlig neue Richtung zu geben. Den wenigsten Menschen gelingt das noch in der Mitte ihres Lebens. Ich war immerhin schon 44 oder 45 Jahre alt als ich "Der Übergang" schrieb und ich bedauere das keinesfalls. Ich glaube, dass sich jeder zu einem Zeitpunkt  wünscht, die Chance zu haben, noch einmal etwas ganz anderes zu machen.

Michaela Boland:

Sie haben ja neben dem Fach Englisch hauptsächlich fiktionales Schreiben unterrichtet. Wie viel Prozent des guten Schreibens sind erlernbar und wie viel Prozent liegen einzig im Talent begründet?

Justin Cronin:

Es handelt sich dabei durchaus um eine erlernbare Fertigkeit.

Michaela Boland:

Bedeutet das, dass man aus jedem einen guten Schreiber machen könnte?

Justin Cronin:

Nein, aber man könnte aus jedem einen besseren Schreiber machen. Ich könnte beispielsweise nicht gelehrt werden, ein Mathematiker zu sein, aber man kann mir gewiss etwas Mathe beibringen. Ich war während der ganzen High-School ein ganz guter Mathe-Schüler, hatte Einsen. Und dann ging ich ans College und belegte mehr Mathe, weil ich es irgendwie mochte. Dann machte ich lineare Algebra, Vektorenrechnung und solche Dinge. Doch eines Tages konnte ich einfach nichts mehr verstehen. Mein Gehirn hörte schlichtweg damit auf, die Dinge nachzuvollziehen.

Ich konnte mir das Hirn zermartern, es brachte nichts. Also ging ich während der Sprechstunde ins Büro meiner Lehrerin, die eine wunderschöne, bereits graduierte Studentin namens Emma war.  Ich sagte ihr, "Emma, ich verstehe gar nicht s mehr, kannst du mir helfen". Sie antwortete, "na, dann lass uns mal darüber sprechen, was genau dir unklar ist". Mir war aber plötzlich irgendwie alles unklar, ich habe rein gar nichts mehr gerafft. Wir bemächtigten uns zunächst der Vorstellung einer gewissen Unbegrenztheit.

Das führte bei mir allerdings zu einer Art Existenzkrise, die mich so richtig aufgewühlt hat. Ich dachte, ich würde alles verpfuschen. Im nächsten Semester habe ich dann alles nur noch verhauen, nachdem ich im ersten Semester ja noch meine Eins hatte. Wenigstens hat Emma dann zugestimmt, mir immerhin noch eine 3+ zu geben. Das war es dann. Ich hatte eben einfach die Grenze meiner gedanklichen Mathekapazitäten erreicht, so einfach war das. Danach habe ich dann eben entschieden, Mathe  nicht mehr weiter zu wählen. Das persönliche Limit war erreicht.

Michaela Boland:

Was genau will der Autor damit sagen?

Justin Cronin:

Als Schreiblehrer erzähle ich meinen Studenten immer genau diese Story. Ich sage ihnen, dass sie vielleicht keine Grenzen haben. Womöglich hört ihr aber auch euer Limit. Vielleicht dauert es auch zehn Jahre. Auch sage ich ihnen immer, dass ich sicher bin, dass keiner von ihnen genug  gelesen hätte, um schon jetzt ein guter Schriftsteller zu sein. Wenn du Schriftsteller werden willst, dann garantiere ich dir, dass nichts wirklich Gutes dabei sein wird, bis du mindestens 40 Jahre alt bist. Denn bis dahin weißt du einfach noch nicht genug über die Welt.

Alles, was du bis dahin sagst, wird wahrscheinlich ein klein bisschen falsch sein. Seit ich allerdings 50 bin, erkläre ich immer, dass alles, was du bis dahin geschrieben hast, es eigentlich gar  nicht wert war, bevor du 50 bist (lacht). Aber im Ernst, eine ganze Menge ist erlernbar, eine ganze Menge ist Handwerk, viel ist auch zu lernen, die Dinge bewusster zu lesen. Ein Teil ist Talent oder Instinkt.

Michaela Boland:

Was genau raten sie dann Menschen, die Schriftsteller werden wollen?

Justin Cronin:

Ich sage ihnen,  "ihr müsst das Ganze wie einen Job behandeln. Stellt euch jeden Tag aufs Neue unter Beweis".

Michaela Boland

Wenn es wie ein ganz normaler Job anzusehen ist, können sie sich dementsprechend auch einfach morgens hinsetzen und drauflos schreiben, so wie Menschen in herkömmlichen Berufen auch morgens anfangen und drauflos arbeiten?

Justin Cronin:

Ja, es ist einfach harte Arbeit.

Michaela Boland:

Man braucht insoweit nicht auf Eingebung zu warten, bis einen sozusagen die Muse küsst?

Justin Cronin:

Nun, ich will ja nicht sagen, dass das Ganze eine mystische Qualität hat, dann müsste man sich zunächst  wieder die Frage stellen, woher Kunst kommt. Vielleicht irgendwo von oben? Möglicherweise vom Kölner Dom, vor dem wir jetzt gerade sitzen? (lacht) Keine Ahnung. Aber in jedem Fall bekommst du nichts getan, bevor du nicht an deinem Schreibtisch sitzt. Also, man sollte zunächst mal dafür sorgen, dass man an seinem Schreibtisch Platz nimmt. Wenn ich ein Buch schreibe, verbringe ich ungefähr sechs Monate damit, darüber nachzudenken und ca. 18 Monate, es niederzuschreiben.

Michaela Boland:

Wie läuft es dann konkret innerhalb des ersten halben Jahres ab?

Justin Cronin:

Da schreibe ich eigentlich eher aufs Geratewohl los, scroll dann rauf und runter. Allerdings mache ich mir schon eine Liste der Ereignisse, was wann passiert. Man muss sich das vorstellen wie eine ganz strikt geplante Architektur. Die Dinge müssen ja auch in ihrer Logik zusammenpassen und in Zeit, Raum und Handlung aufeinander abgestimmt sein und in einer bestimmten Reihenfolge passieren.

Alles muss Sinn machen. Manchmal sehe ich Filme und wenn ich sie dann ein zweites Mal sehe, dann frage ich mich Sachen wie, "warum hat er jetzt nicht sein Telefon benutzt und den anderen informiert". Also, manchmal passen die Geschehensabläufe gar nicht zusammen. Man muss immer sicherstellen, dass man nachvollziehbare Bedingungen für das, was geschieht, schafft, und das bedarf einer ganzen Menge detaillierter Planung.

Michaela Boland:

Haben sie insoweit für die Passage-Trilogie von vorne herein derartig viele unterschiedliche Charaktere eingeplant, wie letztendlich mitspielen? Bereits im ersten Teil, " Der Übergang", werden ja schon zu Beginn jede Menge Personen eingeführt.

Justin Cronin:

Ja, die meisten in der Tat. Allerdings kamen auch einige erst zu einem späteren Zeitpunkt ins Spiel. Dies war dann allerdings lediglich notwendig, weil sie einen Job erfüllen mussten, von dem ich wusste, dass ich da noch weitere Charaktere benötigen würde, um das zu gewährleisten. Insoweit war das Mittel zum Zweck und nicht weiter überraschend.

Michaela Boland:

Ist es für sie grundsätzlich leicht, sich in unterschiedliche Charaktere hineinzufühlen? Immerhin ist die Protagonistin aus "Der Übergang" zunächst erst sechs Jahre alt. Inwieweit war ihnen dabei womöglich ihre damals noch kleine Tochter hilfreich?

Justin Cronin:

Ich habe jede Menge Zeit mit einem kleinen Mädchen verbracht, allerdings ist meine Tochter nun natürlich nicht mehr klein. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, herauszufinden, wie sich die Gedanken des Lesers besetzen lassen. Und bevor du das nicht vermagst, wirst du dein Leben lang nur immer wieder deine eigene Biographie zu Papier bringen und das ist in meinen Augen das nervigste, was ich mir vorstellen kann. Ich weiß einfach nicht, wie man jeden Morgen aufstehen und so etwas machen mach. Ich habe tatsächlich auch Schriftsteller kennengelernt, die im Grundsatz ihre eigene Lebensgeschichte sechs Mal in sechs unterschiedlichen Geschichten umgesetzt haben. Das kommt schon ein wenig schräg rüber.

Michaela Boland:

Wie kann man ausschließen, dass man regelmäßig etwas von sich selbst in die Charaktere einfließen läßt?

Justin Cronin:

Da ist schon immer irgendetwas von mir in jedem einzelnen Charakter meiner Bücher. Ganz sicher sogar. Wir sind ja alle Menschen. Mein Gefühl für menschliches Verhalten führt dazu. Jeder startet ja nun einmal an der Basislinie der Menschlichkeit. Das ist der Grund dafür, warum ich überhaupt dazu in der Lage bin. Wenn ich mir zum Beispiel die Frage stelle, wie kann ich aus der Perspektive eines Obdachlosen schreiben, dann beantworte ich sie mir dahingehend, dass dieser Obdachlose im Prinzip genau wie ich ist.

Er hat zwar andere Leidenserfahrungen gemacht als ich, hat einen anderen Hintergrund und die Welt hat ihn sicherlich völlig anders betrachtet. Aber in diese äußeren Umstände kann ich mich hineindenken. Man muss einfach darauf vertrauen, dass uns schließlich allen die Menschlichkeit gemein ist. Mich in unterschiedliche Charaktere hineinversetzen zu können ist aber auch meine Aufgabe als Schriftsteller. In meinem ersten Buch, welches ich 2001 veröffentlicht habe, gibt es eine Wehen- und Geburtsszene.

Da wird also ein Kind geboren und dies wird aus der Perspektive einer Frau geschildert. Ich habe sehr oft gehört, dass dies absolut überzeugend war. Einige Frauen, die das Buch gelesen hatten, haben anschließend gesagt, "Wow, das ist die beste Geburtsszene, die ich je gelesen habe, und ein Mann hat sie geschrieben. Wie ist das möglich". Die Antwort lautet: Ich habe eben einfach viel gelesen. Das Lesen ist das beste Mittel, um ein guter Schriftsteller zu werden.

Darüber hinaus habe ich auch erlebt, wie meine Frau das erste und später das zweite Kind bekommen hat. Ich war mit im Raum, also weiß ich natürlich, was bei so einer Geburt auf einen zukommt. Ich weiß, wie sie sich offensichtlich währenddessen fühlte. Aber natürlich ist es, was die Schmerzen anbelangt, etwas völlig anderes, ob du selbst mitten im Geschehen bist, oder, ob du wie ich, außerhalb des Geschehens stehst.

Ich sagte zu ihr, "Das ist super gutes Material", und fragte sie, "kannst du bitte gerade mal ganz genau beschreiben, was  in diesem Augenblick  mit dir geschieht". Leider war sie in dem Moment nicht sonderlich hilfreich. (lacht). Aber, was man natürlich tun muss, ist, seinen Geist immer wieder dahingehend zu schulen, sich in andere hineinzuversetzen.

Michaela Boland:

In ihrem Buch spielen Vampire eine Rolle. Mochten sie früher gerne Vampir- oder speziell Dracula-Filme?

Justin Cronin:

Einige durchaus. Ich wuchs ja in den Sechzigern und Siebzigern auf. Meine Kindheit ging von 1962 bis 1980. Wir hatten nicht ebenso großen Zugriff auf  kommerzielle Unterhaltungsmöglichkeiten wie die Kids von heute. Es gab gerade mal drei Fernsehprogramme bei uns zu Hause und das auch noch in schwarz-weiß. Wir hatten zwei Kinos in der Nähe mit jeweils einer Leinwand und als das eine Kino eine zweite Leinwand erhielt, kam das fast einem Skandal gleich.

Ein Film wurde im Kino über Monate gespielt. Ich hatte auch nicht so viel Zugriff auf die Popkultur. Ich beschäftigte mich meistens mit Wörtern. Die Bücher, die ich las, waren die, die ich entweder einmal im Jahr beim Taschenbuchtrödel in der Schule erwerben  oder alles, was ich in der Schulbibliothek ausleihen konnte. Also, was habe ich damals eigentlich aufgenommen?

In jedem Fall habe ich eine Menge phantastischer Romane und Science Fiction verschlungen. Die Sechziger und Siebziger Jahre waren eine gute Zeit für das Science Fiction-Genre. Und ich las jede Menge davon. Ich sah allerdings auch viele große Filme, die zu dieser Zeit herauskamen. Zum Beispiel "2001: Odyssee im Weltraum" oder  "Planet der Affen".

Michaela Boland:

Haben sie auch die Neuverfilmung dieses Klassikers  mit Mark Wahlberg gesehen?

Justin Cronin:

Oh, bitte. Sogar die allerneuste Wiederverfilmung ist so stupide. Das Original ist ein regelrechtes Monument, es ist großartig. Da kann nichts herankommen. Ich habe jedenfalls früher viel Phantasy- und Science Fiction in mich aufgesogen, demgegenüber nicht so viel Horror. Der einzige Horror, den ich konsumierte, war eher in Buch-bzw. Heftform. Ich verbrachte mal einen Sommer bei meiner Großmutter und da gab es einen Süßigkeitenladen in der Nähe. Die hatten auch Comichefte, gleich neben der Tür in einem Drahtständer, welche einen Vierteldollar kosteten.

Ich bekam damals immer 25 Cent die Woche für Süßigkeiten, die ich aber regelmäßig in Comichefte investierte. Zum Beispiel "Märchen aus dem Gruft" oder was auch immer. Auf die Art bezog ich also meinen Horror. Irgendwann sah ich auch mal den Original-Dracula-Film, der aber eher schwerfällig daherkam und mich sogar langweilte. Es gab auch mal eine Vampir-Soap-Opera im Fernsehen, die alle von uns sahen. Sie kam immer nachmittags um drei oder vier Uhr.

Es war eine sehr preisgünstig produzierte Serie. Sie hieß "Dark Shadows" und wurde vor kurzem sogar noch einmal als Komödie mit Johnny Depp in der Hauptrolle neu verfilmt. Der Film war zwar ein absoluter Flopp, aber die Serie war so eine Art Klammer rund um meine Kindheit. Somit habe ich mehr oder weniger dasselbe aufgenommen wie die meisten Leute. Ich wurde mit Filmen wie "Planet der Affen" und Konsorten geradezu an die sogenannte Endzeit-Thematik herangeführt, denn wir befanden uns ja im Kalten Krieg. Wir haben damals alle wirklich geglaubt, dass die Welt in absehbarer Zeit untergehen würde.

Michaela Boland:

Die latente Angst davor schlummerte somit in der ganzen Generation?

Justin Cronin:

Ja, auf jeden Fall. Ich wurde beispielsweise sechs Wochen vor der Kuba-Krise geboren. Die Welt, wie wir sie kannten, hätte damals tatsächlich beinahe ein Ende gefunden. Da hat  immerhin bei Weitem einer der gefährlichsten Momente in der Geschichte der Menschheit stattgefunden. Als es soweit kam, hatten wir keinerlei Maßstab für so etwas, womöglich waren die Dinge  einfach bar jeden Verstandes. Auf jeden Fall war ich nun mal ein Kind des Kalten Krieges und ich glaube, wir alle haben uns häufig recht intensiv damit beschäftigt.

Michaela Boland:

Sie haben geäußert, dass Vampirgeschichten aus unterschiedlichen Zeiten allesamt verschiedene Aussagen tätigten. Wie ist das konkret gemeint?

Justin Cronin:

Die Vampirgeschichte ist an für sich keine eigenständige Geschichte bei mir, sondern dient lediglich als Füllstoff. Es ist einfach nur Material, dass du zu unterschiedlichen Zwecken gebrauchen kannst. Vampire sind in gewisser Weise einfach anders als andere Monster. Ich habe es nur aufgegriffen, weil ich Stoff brauchte, ich war aber keinesfalls irgendwie darauf festgelegt. Vampire sind von daher interessanter als andere Monster,  weil sie mehr Details aufweisen. Es gibt ja insgesamt vier Grund-Monster-Typen.

Da haben wir das Frankenstein-Monster, den Werwolf, den Zombie und den Vampir. Das ist es schon. Alles passt ganz gut in eine dieser Kategorien. Bei den Werwölfen ist es einzig die Frage nach Mensch oder Hund, aber das kennen wir ja schon zur Genüge. Bei "2001: Odyssee im Weltraum" war beispielsweise der Computer das Frankenstein-Monster. Das stand für die Angst vor den neuen Technologien. Doch eigentlich fühlen wir uns mit den Annehmlichkeiten der neuen Technologien ja durchaus wohl.

So könnte ich zum Beispiel sagen, dass mein I-Phone mein Frankenstein-Monster ist, aber ich laufe den ganzen Tag damit herum und es ist ausgesprochen angenehm. Bei Zombies gibt es ja an für sich nicht allzu viel zu sagen, außer, dass man in den Zombie-Erzählungen früher oder später eben immer  zu dem Schluss kommt, dass Zombies schon tot sind, und es nicht notwendig ist, erneut auf sie zu schießen. Einmal abgesehen davon, dass es sogar eher unangenehm sein könnte.

Es kommt immer zu einer Parität. Aber rund um die Vampire kann man immer mit den Einzelheiten wie Knoblauch, Spiegel oder Tageslicht spielen. Es ist eine recht biegsame Thematik, deshalb kannst du sie immer wieder auf eine neue Geschichtenart anwenden und es wird funktionieren. Das ist der Grund dafür, warum man die Vampirgeschichten immer wieder aufs Neue anwenden kann. Ich habe sie in meinen Büchern nur benutzt, um das Problem der Gefahrschaffung in der Welt zu lösen. Ich wollte nämlich keinerlei Elemente der Magie in meiner Geschichte haben.

Michaela Boland:

Da möchte ich sie sogleich unterbrechen und fragen, was es dann  im ersten Buch in einer Szene damit auf sich hat, dass Protagonistin Amy (sechs Jahre) mit ihrer bloßen Anwesenheit im Zoo dafür sorgt, dass sämtliche Tiere wie von Zauberhand getrieben, panisch die Flucht ergreifen, sobald sie die Anwesenheit des Kindes spüren? Das mutet irgendwie durchaus wie Magie an, wenngleich auch eher dunkler? Wirkt spooky.

Justin Cronin:

Jeder fragt mich danach. Es ist tatsächlich gruselig. Aber, alles innerhalb des Buches besitzt eine Analogie innerhalb der Natur. Das ist nicht magisch. Das kann es natürlich sein, wenn man es so sehen will. Ich würde das jedoch nicht sagen, da gibt es keine Magie im Buch, außer vielleicht Gott. Aber es ist ja bekannt, dass Tiere über eine gewisse Sensitivität verfügen, die wir nicht nachvollziehen können. Man kennt ja die Geschichten darüber, dass Tiere bestimmte Ereignisse lange spüren, bevor sie tatsächlich eintreten. Man könnte sich die Szene im Buch insoweit so erklären, dass Amy so eine Art Erdbeben ist.

Michaela Boland:

Allerdings würde das ja bedeuten, dass Amy bereits zu einem Zeitpunkt eine "Art Erdbeben" ist, lange bevor sie die Injektion mit dem synthetisierten Virus zwangsweise verabreicht bekommt. Warum ist das Kind in ihrer Geschichte denn von vorneherein "merkwürdig"?

Justin Cronin:

Die Erklärung, die ich üblicherweise für diese Szene im Buch gebe, wenn ich auf den Umstand angesprochen werde, dass die Tiere im Zoo Amy  bereits vor der Injektion als eine Art Erdbeben empfinden, ist die, dass sie eben eine Materie von solch kosmischer Bedeutung ist, dass es das Universum längst weiß.

Michaela Boland:

O.K.. Das muss ich dann wohl so hinnehmen.

Justin Cronin:

Vielleicht ist es einfach genau das, was Tiere voraussehen, wenn Erdbeben nahen, ich weiß es nicht. Es gibt nun mal viele Dinge in der Natur, die wir nicht erklären können. Vor 20 Jahren wäre mein I-Phone noch Magie gewesen. Da ist aber eben auch eine Menge Physik im Spiel. Die einzige Art von Magie, die ich vielleicht in "Der Übergang" eingearbeitet habe, ist womöglich der Umstand, dass die Vampire Angst vor Kreuzen haben. Also eine Art christliche Magie. Das ist auch schon alles.

Die Sache mit den Spiegeln, in denen Vampire typischerweise kein Spiegelbild haben, habe ich bewusst weggelassen, sondern das Gegenteil umgesetzt. Bei mir können sie in den Spiegel blicken, doch was sie dort sehen, macht sie regelmäßig sehr traurig. Es ist sogar extrem schmerzhaft für sie. Sie erkennen, was aus ihnen geworden ist im Vergleich zu dem, was sie einmal waren.

Das ist ja auch typischerweise das, was Menschen widerfährt, wenn sie älter werden. Das ist alarmierend. Ich beobachte das bei mir selbst ja auch. In dir drin fühlst du dich  immer wie du, ob du 18, 25 oder wesentlich älter bist, aber äußerlich bleibst du es eben nicht.

Michaela Boland

Sie können sich hinsichtlich ihres nach wie vor jungenhaften Aussehens doch eigentlich nicht beschweren.

Justin Cronin:

Vertrauen sie mir, ich kann. (lacht)

Michaela Boland:

Sind sie gläubig?

Justin Cronin:

Sicher. Ja, es ist sehr hilfreich.

Michaela Boland:

Am Anfang des Buches "Der Übergang" begeben sich einige Wissenschaftler auf eine Expedition in den Dschungel. Die Vorkommnisse dort führen zu genetischen Veränderungen bei einigen der Überlebenden. Wie intensiv mussten sie sich hierfür  in die Materie der Mutation durch fremdartige Viren einarbeiten?

Justin Cronin

Ich musste mich in jede Menge unterschiedliche Bereiche erst intensiv einarbeiten. Es gibt manches, in das man sich tiefer einarbeiten muss als in anderes. Ich bin natürlich kein Fachmann für diese Dinge, aber, Gott sei Dank gibt es das Internet. Als ich damals mit dem Schreiben anfing, gab es das ja noch nicht, da musste man immer in die Bibliothek marschieren und manchmal tue ich das sogar noch heute. Bei dem ganzen Themenkomplex rund um das Militär benötigte ich Fachwissen.

Dafür brauchte ich dann tatsächlich jemanden, der mir dabei helfen konnte. Die meisten Dinge lassen sich durch selektives Suchen aber verhältnismäßig leicht selbst herausfinden. Das medizinische Fachwissen, das ich brauchte, konnte ich allerdings durch einen ehemaligen Freund erwerben, der Arzt und auf Krebs spezialisiert war. Ich weiß zwar nicht  mehr, wie wir auf dieses Thema kamen, aber er erwähnte einmal, dass bei Patienten, die Krebs hatten, die Thymusdrüse eine entscheidende Rolle spielen kann. Sie hat eine wichtige Funktion innerhalb der Immunabwehr. Das war genau das, was ich brauchte.

Micaela Boland:

Ist es nicht hin und wieder ermüdend, wenn man inmitten seines kreativen Schreibflusses immer wieder Fachwissen recherchieren muss?

Justin Cronin:

Überhaupt nicht. Es macht tatsächlich großen Spaß und man lernt eine Menge dabei. Es hilft einem sogar dabei, die Geschichte im Kopf klar und vor allem rund zu bekommen. Für das zweite Buch musste ich jede Menge über Petroleum lernen. Beispielsweise über die Verfeinerung von Petroleum. Im zweiten Teil, "Die Zwölf", spielt Öl eine wichtige Rolle. Manche Sachen kann ich, um ehrlich zu sein,  auch einfach machen, weil ich einige Dinge ohnehin schon weiß.

Insoweit wusste ich zum Beispiel, dass die strategischen Petroleum Reserven zum Teil in Freeport in Texas liegen. Milliarden von Barrels werden dort von der Regierung für den Fall eines Krieges gehortet. Es wurde auch versucht, die Märkte zu stabilisieren. Nicht raffiniertes Öl wurde einbehalten. Ich weiß wo es ist, ich weiß, warum wir es haben und ich weiß das, weil ich ein Typ bin, der schlicht und ergreifend eine Menge Zeug lernt.

Es ist unglaublich hilfreich, wenn man Kenntnis über viele unterschiedliche Dinge hat, wenn es darum geht, mit einer Geschichte anzufangen. Also, ich  wusste zwar, wo sich das Öl befand, aber es galt für mich noch herauszufinden, wie man es raffiniert. Und konkret, wenn man es raffiniert, wieviel man dann erhält, wie viel Kerosin dabei herauskommt und wie man das ganze transportiert. All das habe ich dann eben versucht herauszufinden. Und das ist mir dann auch in allen Einzelheiten gelungen.

Michaela Boland:

Legen die Leser großen Wert darauf, dass innerhalb ihrer fiktionalen Geschichten die beschriebenen Fakten auch wirklich den Tatsachen entsprechen und überprüfen ihre Angaben gegebenenfalls?

Justin Cronin:

Manchmal machen sie das tatsächlich. Ich habe beispielsweise viele Leser, die dem Militär angehören und da hat man natürlich häufig viel Zeit, wenn nichts zu tun ist. Man kann da ja nicht mal eben irgendwohin ausgehen, sondern muss in seiner Uniform, manchmal bei unangenehmen Temperaturen, an der Basis bleiben und sitzt nur herum. In dieser Zeit kann man eben lesen. Sehr viel lesen sogar. Deshalb lieben sie dort oftmals Bücher und handeln sogar untereinander damit.

Ein Soldat erzählte mir einmal, dass bei der Army Bücher das seien, was im Gefängnis Zigaretten sind. Ich treffe ja hin und wieder Soldaten bei Bookevents, auch emailen sie mir oder kommunizieren über Facebook mit mir. Außerdem habe ich auch Bekannte unter ihnen, die mir für bestimmte Sequenzen im Buch hilfreich zur Seite gestanden haben. Jedenfalls würden diese Leser sofort merken, wenn das, was ich beispielsweise im Hinblick auf militärische Strukturen oder gar Feuerwaffen schreibe, nicht der Realität entsprechen würde.

Leider werden in den meisten Büchern Fachkenntnisse nur vorgetäuscht und das sehr schlecht. Ich halte es grundsätzlich gegenüber den Menschen für despektierlich, wenn man bestimmte Sachen, von denen man keine Ahnung hat, niederschreibt, ohne zuvor zu recherchieren, wie sich die Dinge tatsächlich verhalten. Man kann natürlich nicht immer alles hundertprozentig richtig hinbekommen, aber ich versuche stets, so viel ich kann, richtig zu machen. Mir geht es eben darum, die Leser auch zu überzeugen und dadurch alles, was ich schreibe, als durchaus möglich erscheinen zu lassen.

Michaela Boland:

Egal, mit welcher Thematik?

Justin Cronin.

Ja. Mir wurde zum Beispiel gesagt, "Was, es sollen Vampire in deiner Geschichte vorkommen? Nimmst du uns auf den Arm", aber ich habe einfach versucht, diese Thematik dennoch komplett möglich und nachvollziehbar erscheinen zu lassen. Und das Ergebnis ist, dass mir die Leute heute wirklich sagen, "wow, das, was du geschrieben hast, wirkt so echt, dass es definitiv angsteinflößend ist".

Michaela Boland:

Wie weit gehen ihre Recherchen üblicherweise?

Justin Cronin:

Um etwas über Feuerwaffen zu lernen, habe ich mich zum Beispiel intensiv in die Materie eingearbeitet, da in den Büchern immer wieder mal solche Waffen zum Einsatz kommen. Also weiß ich nun alles darüber. Wie sie funktionieren und wie sie anzuwenden sind. Vor kurzem musste meine Tochter mal etwas darüber wissen, also bot ich ihr an, ihr eine Lehrstunde über Pistolen zu geben. 

Anschließend waren wir im Kino in einem Film mit Tom Cruise, "Jack Reacher", und konnten bei den Szenen, in denen er eine Waffe gebrauchen musste, beinahe überhaupt nicht hinsehen. Das war so lächerlich. Ich sah meine Tochter an und fragte sie, "was stimmt da gerade nicht in diesem Bild". Sie antwortete: "Zwei Dinge sind komplett falsch: Seine Waffe befindet sich überhaupt nicht in der richtigen Position und sein Finger berührt nicht mal ansatzweise den Auslöser."

Michaela Boland:

Sie waren ihr offenbar ein guter Lehrer.

Justin Cronin:

Ja. Allerdings gibt man sich in Hollywood auch nicht gerade die größte Mühe, die Dinge real erscheinen zu lassen. Ich kann mir mittlerweile kaum mehr einen solchen Film ansehen, weil es häufig so lachhaft dargestellt wird. Dort ist immer nur wichtig, dass alles irgendwie cool aussieht. Es wird häufig so umgesetzt als ob das alles nur ein Spiel wäre.

Michaela Boland:

Wie steht es mit den Dreharbeiten zum Film ihres ersten Trilogie-Teils "Der Übergang", deren Regie Gerüchten zu Folge von Star-Regisseur Ridley Scott übernommen werden soll? Verschiedenen Medien war zu entnehmen, dass die Filmrechte hierfür von der 20th Century Fox nach einem Wettstreit mit den Mitbewerbern  Universal, Warner Brothers und Sony vor kurzem für 1,75 Millionen Dollar erworben wurden.

Justin Cronin:

Die Filmrechte sind in der Tat erworben worden, allerdings wurde der Film bisher noch nicht gemacht.

Michaela Boland:

Haben sie eigentlich auch die Twilight-Bücher gelesen? Da ging es ja beispielsweise auch sehr erfolgreich um Vampire?

Justin Cronin:

Ich habe das niemals gelesen. Ist das nicht auch Lektüre für pubertierende Mädchen? Sehe ich etwa aus wie ein weiblicher Teenager? (lacht

Michaela Boland:

Nun ja, sie haben ja eine pubertierende Tochter zu Hause, doch abgesehen davon behandelt es ja auch das derzeit in Literatur und Film extrem angesagte und vor allem lukrative Thema des Vampirismus.

Justin Cronin:

Dann könnte es zumindest sein, dass jemand in meinem Haushalt es gelesen hat. Nun, ich weiß natürlich grob, worum es geht. Es handelt sich dabei ja um junge Erwachsenenliteratur, die für Mädchen geschrieben wurde. Ich plante übrigens die Passage-Trilogie, bevor Twilight heraus kam. So war Twilight nie auf meinem Radar. Natürlich gibt es immer Menschen, die glauben, man würde da auf irgendeinen Zug aufspringen. Aber das trifft für mich nicht zu. Ich bin ein schrecklicher Geschäftsmann und ich bin kein Stratege. Ich habe einfach das gemacht, was ich gemacht habe. Andernfalls ist man ja auch nicht man selbst. Es sollten immer die eigenen Ideen sein, die man umsetzt.

Michaela Boland:

Sie werden immer wieder mit Stephen King verglichen. Gibt es da aus ihrer Sicht  wirklich Gemeinsamkeiten?

Justin Cronin:

Das weiß ich nicht. Wenn ich meine Fiktion betrachte, so sehe ich Dinge, die niemand sonst schreibt. Ich sehe das Ganze auch anders. Der Vergleich mit Stephen King ist natürlich sehr schmeichelhaft. Aber das kommt oft nur daher, weil mein Buch mit King`s "The Stand" verglichen wird. Wobei ich finde, dass es kaum etwas damit gemein hat. Abgesehen davon, dass die Welt in beiden Büchern irgendwie droht, unterzugehen.

Aber darüber hinaus sehe ich nicht mehr Gemeinsamkeiten. Mein Buch ist natürlich ebenfalls recht lang gehalten und hat eine Menge Charaktere, außerdem wird auch beinahe die komplette amerikanische Landschaft darin benutzt, also, wenn man davon ausgeht, gibt es schon Dinge, die man jeweils  in Kings und meinem Buch findet.

Michaela Boland:

Also ist es im Prinzip so als würde man Justin Cronin und Stephen King anhand des Kriteriums vergleichen, dass sie beide über eine gültige Fahrerlaubnis verfügen?

Justin Cronin.

Das kommt dem sehr nahe. (lacht) Das, was wir womöglich tatsächlich gemeinsam haben, ist die Zuneigung zu unseren Charakteren. Das ist auch etwas, worin King wirklich sehr gut ist. Er ist auch ausgesprochen produktiv und in dem was er macht, ist er einzigartig.

Michaela Boland:

Manche Menschen fragen sich auch, wie jemand mit überdurchschnittlich viel abgedrehten Romanstoffen wohl persönlich drauf sein könnte.

Justin Cronin:

Ich habe Stephen King erst einmal getroffen, daher kann ich nicht beurteilen, was er für ein Typ ist. In jedem Fall lässt sich aber sagen, dass er unglaublich fleißig ist und viel hervorbringt. Da draußen gibt es nur wenige Schriftsteller, die ähnlich viel schaffen. Dass er derart viele Geschichten zu erzählen hat, macht ihn einzigartig und nicht unbedingt verrückter als andere.

Michaela Boland:

Wie einfach ist es, die Spannung in einem Buch, bzw. bei ihnen sogar über eine Spanne von drei Büchern, quasi dauerhaft aufrecht zu erhalten?

Justin Cronin:

Man kann natürlich kein Buch verkaufen, das eine Million Wörter beinhaltet. Deshalb musste ich die Geschichte auf drei Bücher verteilen. Alles benötigt einmal Ruhepausen. Deshalb gibt es Kapitel. Die Story gliedert sich in Bücher, die Bücher wiederum in Abschnitte, diese dann in Kapitel und jene sind sogar noch mal in Unterkapitel unterteilt. Dadurch schafft man ein System, in dem sich Aktivität und Ruhe abwechseln. Ähnlich wie in der Musik.

Da kann man ja auch nicht ein Crescendo nach dem anderen bringen, denn sonst vertreibt man das Publikum womöglich aus der Konzerthalle. Das sind lediglich organisatorische Werkzeuge. Mir selbst sind die ruhigen Momente die liebsten. Die lauten haben natürlich eine gewisse Bühnentauglichkeit und du stellst dir immer vor, wie die Abteilung "Special Effects" sie einmal umsetzen wird.

Aber die stillen Momente zwischen den Charakteren in der Geschichte sind die, bei denen der Leser auch am meisten über sie erfährt. Außerdem liegen sie mir beim Schreiben auch am meisten. Wenn man schon so lange schreibt, dann benutzt man auch sämtliche stilistischen Werkzeuge, die es gibt. Das kann alles Mögliche sein, bei jeder Art von Szene. Es ist fast so, als wolle man rein gar  nichts vermissen lassen, sondern jedwede Möglichkeit ausschöpfen.

Michaela Boland:

Ist jemand wie sie, der daran gewöhnt ist, extrem lange Geschichten zu verfassen, auch dazu in der Lage Shortstories zu produzieren?

Justin Cronin:

Das weiß ich gar nicht. Ich habe tatsächlich mal damit angefangen. Die meisten jungen Autoren machen ja so etwas, weil der Aufwand um einiges geringer ist. So eine Kurzgeschichte kostet dich vielleicht eine Woche, zwei oder höchstens mal einen Monat Zeit.

Michaela Boland:

Bei der Kurzgeschichte ist dann also keine aufwendige Recherche notwendig?

Justin Cronin:

Dafür bleibt keine Zeit. Im Bereich der Short Fiction geht es ja lediglich um eine Episode im Leben einiger Menschen. Das ist dann vielleicht mal 20 Seiten lang und nicht 900. Davon abgesehen ist es aber auch eine der schwierigsten Formen, da dort sehr exakt gearbeitet werden muss. Wenn so etwas richtig gemacht ist, dann hängt alles in der Geschichte mit allem Übrigen zusammen und das zu einhundert Prozent.

Alles muss zueinander im Verhältnis stehen, wenn die Arbeit keine Zeitverschwendung gewesen sein soll. Im Roman habe ich ja demgegenüber jede Menge Raum, um die Dinge zu einem Abschluss zu bringen. Mit Kurzgeschichten habe ich deshalb immer zu kämpfen. Ich bin definitiv besser in Längen als in der Kurzform. Ich habe auch seit Ewigkeiten keine Kurzgeschichte mehr geschrieben. Ich habe es eigentlich 2001 für das Romanschreiben aufgegeben.

Michaela Boland:

Sie haben eben beschrieben, dass die Struktur der Geschichte schon von vornherein von ihnen festgelegt wurde. Was geschieht jedoch, wenn ihnen beim Schreiben plötzlich weitere gute Eingebungen für die Story kommen? Schieben sie das Ende dann womöglich weiter hinaus oder verwerfen sie die neuen Ideen?

Justin Cronin:

Ich weiß immer schon zu Beginn ganz genau, wann und wo die Geschichte endet. Deshalb würde ich auch gar keine andere Idee zulassen,  denn das Ende klärt alles auf. Alles, was in der Geschichte geschieht, läuft ja genau auf dieses Ende zu, welches ich mir von vorneherein überlegt habe. Würde ich durch neue Eingebungen plötzlich von meinem geplanten Kurs abweichen, würde es die komplette Struktur des Gebildes in Gefahr bringen.

Bei seinem Kurs zu bleiben, macht die Story zu einer guten Geschichte. Man kann es sich vorstellen, wie beim Hausbau. Plant man von Anfang an ein dreistöckiges Gebäude, würde ein ungeplantes viertes womöglich alles zum Einsturz bringen. Es kann höchstens einmal sein, dass ich mir später eingefallene Ideen noch für den Epilog vorbehalte.

Michaela Boland:

Wie sind sie auf die Titel der Bücher gekommen?

Justin Cronin:

Die sind mir einfach so in den Sinn gekommen.

Michaela Boland:

"Die Zwölf" lässt einen sogleich an Jesus und seine Jünger denken. War das beabsichtigt?

Justin Cronin:

Absolut.

Michaela Boland:

Wie weit sind sie augenblicklich schon mit Teil drei der Trilogie?

Justin Cronin:

Weit, aber noch nicht weit genug. Ich habe im Sommer des letzten Jahres angefangen, aber die tatsächliche Zeit, die ich bisher daran arbeiten konnte, waren nur wenige Monate, denn im Oktober erschien der zweite Teil  "Die Zwölf", bei uns in den USA und so musste ich dort zunächst einmal für zwei Monate auf Lesetour gehen und dann kam schon Weihnachten. So hatte ich die ersten Monate dieses Jahres und dann bin ich auch hier auf Büchertour gegangen.

Michaela Boland:

Haben sie für den dritten Teil eigentlich auch eine Deadline?

Justin Cronin:

Ja, wahrscheinlich. Wie ich über Deadlines denke, ist, wie ich glaube, hinreichend bekannt. (lacht). Eine Deadline zu haben, ist sehr hilfreich. Zu wissen, wann genau sie erreicht ist, ist es nicht. Wenn ich schon mal journalistisch arbeite, stellt das kein Problem für mich dar. Da ende ich sogar früher als ich muss. Im fiktionalen Bereich eher nicht. Insoweit ist eine Deadline für mich eher ein abstraktes Hilfsmittel. Sie sorgt dafür, dass man seinen Hintern hoch bekommt  und sich dann gleich an seinen Schreibtisch setzt.

Michaela Boland:

Befindet sich ihr Büro direkt in ihrem Haus in Texas?

Justin Cronin:

Es ist über der Garage. Wenn ich es betrete, tue ich dort in der Regel auch nichts anderes als arbeiten. Da habe ich absolute  Ruhe. Selbst, wenn meine Frau etwas von mir möchte, schreibt sie mir eine Mail. Wenn meine Kinder zu Hause sind, was häufig der Fall ist, können sie mich so nicht stören. Ich reagiere dann eigentlich nur, wenn Blut fließt oder der Feueralarm ausbricht. Dadurch, dass ich es zur Arbeit so nahe habe, spare ich ja auch jede Menge Zeit. Während andere eine Stunde brauchen, um zu ihrem Job zu gelangen oder um abends wieder zurück zu kommen, liege ich noch im Bett und lese.

Michaela Boland:

Welchen Hobbies gehen sie in ihrer Freizeit nach?

Justin Cronin:

In erster Linie Sport. Ich spiele  viel Tennis, fahre Rad und mache Fitnesstraining. Ich mache jeden Tag ein Workout. Ich bin früher auch gelaufen, sogar 25 Jahre lang. Aber jetzt machen das meine Knie nicht mehr mit. Ich spiele auch Klavier, zwar nicht gut, aber das ist jetzt eine Art neues Projekt für mich. Ich habe das mal als Kind begonnen und jetzt plane ich, es einigermaßen zu beherrschen bis ich 60 bin. Aber meine Finger sind eher langsam und ich habe auch viel von früher vergessen.

Michaela Boland:

Ist Musikalität in ihren Augen sehr hilfreich für das Schreiben?

Justin Cronin:

Oh ja. Sprache vollzieht sich ja auch in den Ohren. Der Rhythmus, den ein Satz schafft, kreiert physische Empfindungen im Körper des Lesers. Unterschiedliche Satzarten verändern sogar visuell die Erfahrung, die man beim Lesen eines Buches macht.

Michaela Boland:

Welche Menschen lesen ihre Bücher?

Justin Cronin:

Für Amerika kann ich das ganz gut beurteilen, weil ich ganz ungezwungen mit ihnen sprechen kann. So weiß ich, wer meine Bücher liest. Dort ist die Leserschaft auf alle möglichen Bevölkerungsgruppen verteilt. Solche, die typischerweise literarische und solche, die kommerzielle Romandichtung lesen. Frauen, Männer. Im United Kingdom denke ich, dass es eher Menschen sind, die ein Interesse an Gothic Horror haben.

Meine Absicht bestand allerdings darin, ein Buch zu schreiben, für das jeder einen Grund finden könnte, es zu lesen. Ich denke, da gibt es ein breites Spektrum hinsichtlich ihres Alters und ihrer Bildung. Wenn dein Buch genauso von einem 16-jährigen wie von einem 60-jährigen gemocht wird, hast du alles richtig gemacht.

Michaela Boland:

Wurden die Bücher auch in Japan verkauft?

Justin Cronin:

Ja, sie wurden überall verkauft. Jedenfalls überall dort, wo man entweder in englischer Sprache lesen oder wo zumindest aus dem Englischen in die jeweilige Landessprache übersetzt werden und dann gelesen werden kann. Da blieben nicht viele Länder übrig, in denen das nicht der Fall war.

Michaela Boland:

Sind sie als ehemaliger Universitätsdozent eigentlich auch mit deutscher Weltliteratur vertraut?

Justin Cronin.

Ich wurde in amerikanischer und englischer Literatur ausgebildet, daher fürchte ich, dass meine Kenntnisse in deutscher Literatur  recht begrenzt sind, was wirklich sehr peinlich ist. Aber, das hat mich, ehrlich gesagt, auch noch niemand gefragt.

Michaela Boland:

Was nicht ist, kann ja noch werden.

Justin Cronin:

Ich habe jede Menge französische und auch russische Romane gelesen. Und ich erinnere mich dunkel daran, dass ich einmal ein  langes Schriftstück mit dem Thema "Der Tod in Venedig" (Anm. d. Red.: Novelle von Thomas Mann aus dem Jahre 1911) gelesen habe. Also, gilt es jetzt, auch mal wieder etwas Deutsches zu lesen. Ich muss ja auch ein wenig Deutsch lernen. Ihr bringt mir das schon näher.

Michaela Boland:

Haben sie sich denn schon unsere Hauptstadt Berlin ansehen können?

Justin Cronin:

Nein, sie haben mich noch nie dorthin geschickt. Ich würde gerne mal dorthin fahren.

Michaela Boland:

Ich hörte, dass sie immerhin schon mal der Stadt Wiehl die Ehre geben werden. (Anm. d. Red.: Stadt im Oberbergischen Kreis, 41 km Luftlinie östlich von Köln mit ca. 26.000 Einwohnern)

Justin Cronin:

(lacht) Ich habe keine Ahnung, warum sich dieser Umstand unter sämtlichen Kollegen aus meinem deutschen Verlag zu einem solchen Running Gag entwickelt hat.

Michaela Boland:

Sind sie ein ausgeprägter Familienmensch?

Justin Cronin:

Ja, das würde ich durchaus sagen. Die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich damit, etwas mit meinen Kindern zu machen und  meiner Arbeit nachzugehen.

Michaela Boland:

Besitzen sie auch ein Interesse an bildender Kunst?

Justin Cronin:

Nicht besonders, muss ich bekennen, denn mein Leben fokussiert sich tatsächlich in erster Linie auf meine Familie und meine Arbeit. Ich versuche in Form zu bleiben und lese jeden Tag die Zeitung. Bücher zu schreiben ist darüber hinaus auch eine extrem harte Arbeit und fordert viel Zeit. Ich finde, man sollte absolut ehrlich zu sich selbst sein, was die Dinge anbelangt, für die man sich interessiert oder eben nicht interessiert. Wenn man älter wird, muss man sich auch mal ein wenig herunterfahren, besonders, wenn ich bedenke, dass ich ohnehin nur so wenig Zeit in der Woche habe.

Wenn mein Sohn mit der High-School fertig ist, werde ich bereits 60 sein. Als ich damit fertig war, war mein Vater gerade mal 44. Das lässt mich vielleicht nun wie ein Kunstbanause wirken, aber als einige Leute hörten, dass ich nach Köln reisen würde, sagten sie mir, dass es hier einige wunderbare Museen gäbe. Aber, um ehrlich zu sein, war es das Letzte, was ich mir in der kurzen Zeit hätte vorstellen können, in irgendwelchen Museen umherzuwandeln.

Ich liebe es, draußen zu sein, Häuser anzuschauen. Vor zehn Jahren hätte ich das bestimmt gemacht, hätte Museen besucht und probiert, mich damit glücklich zu fühlen. Jetzt ist mir wichtig, zu wissen, was mich wirklich glücklich macht, was nicht und das auch zu artikulieren. Man sollte nicht immer nur nach den Wünschen anderer Menschen handeln, wenn man es selbst eigentlich gar nicht möchte.

Jetzt frage ich mich immer, was mich wirklich interessiert und nur darauf konzentriere ich mich. Am Anfang war es richtiggehend schwer, diese eigenen Impulse zu verteidigen. Es ist schließlich vordergründig immer viel einfacher, nachzugeben und bei dem mitzumachen, was sämtliche Leute toll finden und von dem sie dich dazu drängen, es ebenfalls toll zu finden. Jetzt tue ich glücklicherweise nur noch, was ich wirklich möchte und darauf bin ich auch ein wenig stolz.

Michaela Boland:

Wie reagiert ihr Umfeld darauf?

Justin Cronin:

Ich glaube, ganz gut. Ich wünschte, ich hätte das schon früher so gehandhabt. Ich kenne auch einige Menschen, die das schon viel früher so gemacht haben. Und ich bitte eben jetzt mein Umfeld, meine Wünsche zu respektieren. Man sollte sein Leben nutzen und nicht nur Konformität üben. Bei meiner Frau war es so, dass sie mit ihrer Promotion begonnen hatte, bis sie irgendwann bemerkte, dass sie das eigentlich gar nicht interessierte. Sie wollte nämlich ein weiteres Baby.

Michaela Boland:

Wie alt ist ihre Frau?

Justin Cronin.

47. An einen Punkt in ihrem Leben hat sie sich dann dafür entschieden, sich ganz intensiv um ihre Pferde zu kümmern, denn das ist, was sie wirklich aus vollem Herzen gerne tut. Sie arbeitet jetzt nicht mehr. Das interessiert sie nicht. Für mich ist es auch wichtig, dass sie nicht arbeitet, da ich ja nun sehr viel umherreisen muss und daher war es wichtig, dass sie zuerst mal ihren Job kündigt, damit sich jemand um die Kinder kümmern kann. Sie hat ja zuvor als Lehrerin gearbeitet und irgendwann hatten wir drei Personen in unserem Haushalt, die morgens zur selben Zeit an drei unterschiedlichen Schulen sein mussten. Das konnte auf Dauer ohnehin nicht funktionieren. Daher ist es jetzt gut. Meine Frau macht das, was sie ausfüllt.

Michaela Boland:

Haben sich die Menschen in ihrem Umfeld seit ihrem kometenhaften Aufstieg in der Welt der Literatur durch den Bestseller "Der Übergang" in ihrem Verhalten ihnen  gegenüber verändert?

Justin Cronin:

Die Antwort ist ja. Aber nicht meine wahren Freunde. Wenn man ein Buch schreibt und Menschen es lesen, dann meinen viele, den Autor  zu kennen. Sie machen eine ganz intime Erfahrung mit dir, die du aber nicht mit ihnen machst. Sie empfangen all diese Übertragungen aus deinem Gehirn, die sich mit ihren Gedanken vermischen. Ich kenne das, denn ich bin ja auch ein Leser. Wenn ich Jim Salter`s Bücher lese, denke ich auch manchmal, dass ich ihn gut kenne.

Aber so ist es ja nicht. So glauben eben viele, auch mich zu kennen und wenn sie mich dann treffen, sind sie wahrscheinlich enttäuscht. Also, insoweit macht es schon einen Unterschied, wenn du plötzlich eine Art öffentliche Figur bist. Ich merke das auch immer durch die sozialen Netzwerke. Ich nutze Facebook. Die Verleger wollen immer gerne, dass man diese Netzwerke nutzt, aber ich hätte es sowieso genutzt.

Ohne so etwas würde man gar nicht derart wahrnehmen können, was so geschieht. Früher machte man seine Lesungen, traf dort 50 bis 100 Menschen, ging anschließend wieder heim und das war es. Heute kann ich mit den Lesern, der Öffentlichkeit interagieren. Viele wollen gerne mit einem in Kontakt treten. So hat man im Prinzip zwei Leben. Ein öffentliches und ein privates.

Michaela Boland:

Lieber Justin Cronin, vielen Dank für dieses ausführliche Interview. Viel Erfolg beim Schreiben des dritten Teils der Passage-Trilogie, den wir mit großer Spannung erwarten, gute Reise zurück nach Houston und alles Gute für sie und ihre Familie.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

mehr

08.05.2013 Keiner braucht drei Ferraris, auch kein Künstler

GFDK - Michaela Boland

Fast wie im Märchen: Er hat bereits in jungen Jahren Millionen gemacht. Nicht umsonst bemühte sich Veronica Ferres-Freund, Carsten Maschmeyer, einige Zeit intensiv darum, ihm sein lukratives Business mit Erfolg abzukaufen. Die Rede ist von Michael Horbach. Die Erfolgsstory des Aacheners begann schon 1983

Als 23-jähriger Student, kurz nach dem Studium, der Volkswirtschaftslehre nämlich wurde der Sohn eines Pflasterers von seiner damaligen Freundin, einer Medizinstudentin, dazu angehalten, ihr für die Zukunft Tipps bei allen Vorsorge-und Versicherungsfragen zu geben. Gesagt, getan. Nachdem die Beratung sich schnell in barer Münze auszahlte, ward der Entschluss, aus dem Talent eine Profession zu machen, flink gefaßt. Und so trug es sich zu, dass schon bald Heerscharen potenzieller und gegenwärtiger Gutverdiener ihn umgaben, um seinen Rat einzuholen.

Mit 50 aber machte der smarte Geschäftsmann dann jedoch planungsgemäß Schluß mit der Arbeit und widmete sich seinem eigentlich ebenfalls arbeitsreichen Vergnügen, der Kunst, ganz und gar.

Im Jahre 2000 investierte der langjährige Wahlkölner einen großen Teil des Vermögens in seine Stiftung, die nicht nur Künstler und vor allem Künstlerinnen fördert, sondern auch sozial schwachen Menschen tatkräftig unter die Arme greift. Im Rahmen seiner Ausstellung mit dem Titel "Mein Cuba" demonstrierte Horbach, dass er sich auch höchst selbst auf die Kunst des Fotografierens versteht.

Heute zeigt mir der Vater eines 38-jährigen Sohnes seine schönen Ausstellungsräume in der Kölner Südstadt und spricht ohne Vorbehalt, Strich und Komma wie ein Mensch von Angesicht zu Angesicht. Von den üblichen Plattitüden von Managern, Moderatoren und Politikern ist der sympathische „Wahlkölner“ weit weg.

Michaela Boland:

Herr Horbach, ihr aktuellstes Kunstprojekt  ist neben  der Verleihung des Fotopreises, welcher in diesem Jahr an den Künstler Thomas Karsten gegangen ist, auch die Ausstellung "5 Räume - 5 Ausstellungen", die noch bis zum 20. August 2013 in ihren Kölner Räumlichkeiten zu bewundern ist. Was genau erwartet das kunstinteressierte Publikum hierbei?

Michael Horbach:

Das übergeordnete Thema lautet "Wunden". Zum einen werden wunderschöne Fotografien aus Afghanistan  von Professor Jaro Poncar zu sehen sein. Bei diesen Arbeiten sieht man keine Wunden,  es sind insoweit also keine Kriegsbilder, aber jeder hat diese Bilder bei dem Thema Afghanistan nun mal im Kopf. Heiner Schmitz präsentiert Fotos aus Palästina. Ihm war es wichtig, bei den Portraitarbeiten an der Mauer, die seit 2004 zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten gebaut wird, Aussagen von betroffenen Menschen in seine fotografische Arbeit einzubinden.

Außerdem stellt Pari Moradi, die erste Stipendiantin der Michael Horbach Stiftung, die 2007 als Autodidaktin mit der Malerei begann,  Zeichnungen aus. Darüber hinaus sehen wir Marcos Zimmermanns Fotos aus Argentinien, sowie die Fotos des diesjährigen Fotopreisträgers, Thomas Karsten, aus Uganda, auf denen Mütter mit ihren behinderten Kindern zu sehen sind.

Michaela Boland:

In den 80-er Jahren haben sie die Kunstgalerie des renommierten Galeristen Hans-Jürgen Müller in  Köln übernommen. Dort haben sie Künstler wie Blalla W. Hallman unter Vertrag ausgestellt, der kurz vor seinem Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt alle ihm verfügbaren eigenen Arbeiten zerstört haben soll und u.a. an der University of California in San Francisco sowie der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig gelehrt hat. Sein Werk hat sich vor allem in blasphemischer und obszöner Weise mit existenziellen Grundfragen wie Religion oder Sexualität beschäftigt. Muss es für ihren Geschmack denn immer ein wenig exzessiver sein?

Michael Horbach:

Ich bin in meinem Leben schon immer gegen den Strom geschwommen. Blalla Hallman habe ich damals zunächst übernommen. Er war zu dem Zeitpunkt bereits Künstler der Galerie Hans-Jürgen Müller. Ich hatte zu der Zeit noch meine Firma und habe das Ganze damals noch mehr als Hobby betrieben. So habe ich zuerst einmal einfach sämtliche Künstler übernommen.

Michaela Boland:

Betraf das ebenfalls die bekannte belgische Fotografin und Videokünstlerin Marie Jo Lafontaine, der ihr internationaler Durchbruch 1987 auf der Documenta 8 mit einer Videoinstallation in Kassel gelang?

Michael Horbach:

Nein, die war nicht bei Hans-Jürgen Müller. Sie hatte ich zuvor akquiriert und ausgestellt.

Michaela Boland:

Für die damalige Zeit schon recht außergewöhnlich, nicht wahr?

Michael Horbach:

Ja, das kann man sagen. Ich wollte sie jetzt noch mal ausstellen und habe Kontakt mit ihrem Galeristen aufgenommen. Der hat dann aber gesagt, "Oje, Herr Horbach, die ist inzwischen sehr bekannt und dementsprechend auch anstrengend". Dann hat er mir so ein paar Fakten genannt und dann habe ich gesagt, " Nein, danke, das möchte ich nicht."

Michaela Boland:

Obwohl man sich bereits kennt und einen persönlichen Bezug zueinander hatte?

Michael Horbach:

Ja, aber das ist dann einfach zu anstrengend. Ich habe das lediglich gehört, aber sie soll beispielsweise darauf bestehen, dass jemand ihre Arbeiten aufhängt, der am Tag tausend Euro dafür kassiert. Die Kisten für ihre Kunstwerke sollen ein Vermögen kosten. Da möchte ich das Geld doch lieber den jüngeren Künstlern zukommen lassen. Außerdem mache ich das ja alles privat, dieses Geld zahle ich nicht aus meiner Stiftung.

Michaela Boland:

Klingt beinahe wie das, was man hin und wieder von exzentrischen Popdiven zu hören bekommt.

Michael Horbach:

Ja, da gibt es Sachen. Jetzt habe ich gehört, dass Andreas Gursky angeblich drei Ferrari fährt. Das ist so eine Geschichte die ich nicht besonders gut finde.

Michaela Boland:

Soweit er es vermag, alle gleichzeitig zu fahren, wäre es doch cool.

Michael Horbach:

(lacht)  Ja, gut.

Michaela Boland:

Der von ihrer Stiftung alle zwei Jahre ausgeschriebene und mit 10.000 Euro dotierte Fotopreis geht in diesem Jahr an den Künstler Thomas Karsten. Worum geht es in dem von ihm dokumentierten Projekt?

Michael Horbach:

Dieses Projekt heißt "Räder für Uganda". Da haben wir 60 Fahrräder gestiftet und Thomas Karsten hat diese vor Ort verteilt. Er hat dort einen Transporter gemietet und ist anschließend durch die Dörfer gefahren und hat die Räder an arme Familien verteilt. Am Anfang wollten wir das ganze über eine Stiftung organisieren, daher hat er zunächst zwei Fahrräder jener Stiftung übergeben, jedoch hat er schnell gemerkt, dass am Ende doch wieder nur solche Menschen mit den Rädern fuhren, die eigentlich gar nicht so arm waren.

Das sah man dann beispielsweise an solchen Dingen wie Armbanduhren. Insoweit haben solche Projekte nur Sinn, wenn man sie selbst in die Hand nimmt. Die zweite Arbeit, für welche Thomas Karsten den Fotopreis erhält, ist die Ausstellung, die zur Zeit in unseren Ausstellungsräumen hängt. Es geht um Frauen aus Uganda mit ihren behinderten Kindern.

Michaela Boland:

Nicht gerade eine Schön-Wetter-Thematik.

Michael Horbach:

Manchmal muss man durchaus zwei oder dreimal hinsehen, um es überhaupt zu bemerken. Ich finde, die Menschen auf den Fotos präsentieren sich voller Stolz und Selbstbewußtsein. Zwar durchaus zurückhaltend, aber dennoch merkt man, da ist Stolz. Ich halte das für eine gelungene Arbeit.

Michaela Boland:

Ist es grundsätzlich einfacher als Künstler Aufmerksamkeit innerhalb der Öffentlichkeit zu generieren, wenn man sich schlichtweg mit gesellschaftskritischen, sozialen oder unästhetischen Themen befaßt?

Michael Horbach:

Eher nicht. Wenn man Mainstream machen will und einen Galeriebetrieb hat, dann auf keinen Fall. Das hier ist ja keine Galerie, ich verkaufe ja nicht. Die Künstler können in ihrem Namen verkaufen. Ich gebe nur Geld aus und tue das gerne und bekomme das alles auf irgendeine Art und Weise zurück. Mich interessiert sozialkritische Fotografie am meisten und der mit 10.000 Euro dotierte Fotopreis sieht das auch als Kriterium.

Michaela Boland:

Man könnte ihren Fotopreis mit rein ästhetisch-schöner Fotografie also eher nicht erhalten?

Michael Horbach:

Auf keinen Fall. Also, ich bin sehr offen für sogenannte schöne und ästhetische Fotografie, habe im ersten Jahr 2011 in diesem Raum eine Ausstellung zum Thema Erotik ausgestellt und da waren sehr schöne ästhetische Fotografien dabei. Insoweit habe ich da überhaupt nichts gegen. Allerdings empfinde ich die normale Schönheit, die uns immer präsentiert wird, langweilig. Wenn ich also sehe, was uns durch bestimmte Models als Schönheit verkauft wird, dann kann ich nur traurig sein.

Michaela Boland:

Warum wird der Fotopreis nicht jedes Jahr, sondern nur alle zwei Jahre vergeben?

Michael Horbach:

Ich wollte hierfür eine bestimmte Summe ausschreiben und 10.000 Euro sind für einen Fotopreis schon ganz kräftig. Jedes Jahr wäre das ein bisschen viel gewesen. Das kommt ja aus meiner Stiftung. Da habe ich eine größere Summe hineingesteckt als ich meine Firma verkauft habe. Davon lebt die Stiftung hauptsächlich. Es ist nicht so, dass ich viel akquiriere und sage, "bitte spendet", denn da habe ich zu sehr die Angst, dass der eine oder andere sagt, "du hast Geld genug, mach du das mal".

Michaela Boland:

Heißt das, es gibt einen Topf, aus dem sich bedient wird?

Michael Horbach:

Ja, da ist ein Topf und von Zinsen wird die Arbeit finanziert (Anmerkung Redaktion: Das ist das deutsche Stiftungsgesetz). Darüber hinaus gibt es noch andere Gelegenheiten, bei denen ich dann sage, "o.k., du kannst deine Wohnung mit meiner Kunst ausstatten und dafür spendest du etwas". Oder, wenn mich Freunde, die es sich leisten können, auf Mallorca besuchen, dann zahlen auch die in die Stiftung ein. Drei-Gewinnerprinzip nenne ich das.

Michaela Boland:

Welche Art von Kunst hängt denn so privat bei ihnen?

Michael Horbach:

Früher, als ich jung war, Blalla Hallmann. Aber das geht heute nicht mehr. Ich möchte heute schon Kunst um mich haben, die positiv wirkt. Ich habe zum Beispiel fünf wunderschöne schwarzweisse Fotografien des kubanischen Fotografen Korda, der einst das berühmte und meistverbreitete Foto der Welt gemacht hat, nämlich das von Che Guevara. Neben diesem Foto hängt ein wunderschönes beeindruckendes Foto eines Mädchens, das einen Holzscheit als Puppenersatz an die Brust drückt. Korda hat ja immer gesagt, dass er kein Kommunist sei und rein gar nichts mit Kommunismus am Hut habe, aber, dass er Fidelist sei.

Fidel habe alles richtig gemacht und zu diesem Foto hat er speziell gesagt, "ich werde so lange für die Revolution kämpfen bis jedes kubanische Mädchen eine richtige Puppe hat". Genau das habe ich auch in Kuba erlebt, dass junge Mütter, mit denen ich ins Gespräch kam, zu mir sagten, "wenn du noch mal kommst, kannst du meiner Tochter bitte eine Puppe mitbringen". Außerdem mag ich den italienischen Künstler Salvo oder auch die Kölner Künstler Heinz Zolper und Michael Buthe. Von den jungen Künstlern gefällt mir die Iranerin Pari Moradi

Michaela Boland:

Was tun sie eigentlich in ihrer Freizeit oder sind sie gar rund um die Uhr mit der Stiftungsarbeit beschäftigt?

Michael Horbach:

Ich versuche eine Harmonie zwischen Verantwortung und Vergnügen zu schaffen. Wobei Vergnügen ist, sich mit Kunst zu beschäftigen, viel zu reisen und zu fotografieren. Darum habe ich ja auch meine Firma mit 50 verkauft, weil ich frei sein wollte. Es gibt so viele schöne interessante Sachen, die ich im Leben kennenlernen möchte. Ich mache zudem auch etwas für meinen Körper und mache Sport.

Michaela Boland:

Was für einen Sport treiben sie?

Michael Horbach:

Ich habe einen Trainer, der zwei Mal die Woche kommt, dann werde ich so richtig gequält.

Michaela Boland:

Einen Personaltrainer?

Michael Horbach:

Ja, denn ich habe einfach Angst, dass ich zu viele Fehler mache, wenn ich allein oder in einer Gruppe Sport treibe. Das kann ich mir nämlich nicht mehr leisten, weil dann meine Knochen noch mehr schmerzen würden.

Michaela Boland:

Mit ihren eigenen Fotos von Kuba, die teilweise augenblicklich noch in ihren Ausstellungsräumen zu bewundern sind, haben sie für große Aufmerksamkeit gesorgt. Zwischenzeitlich ist sogar ein eigener Bildband ihrer Arbeiten erschienen. Wann haben sie selbst damit begonnen, die Kamera zu zücken und zu fotografieren?

Michael Horbach:

Ich habe immer schon geknipst und Urlaubsfotos gemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich einen ganz guten Blick habe. Mit der Technik habe ich es nicht so, da kenne ich wirklich nur das Notwendigste. Allerdings habe ich jetzt auch immer wieder in Fachbüchern gelesen, dass das gar nicht sein muss, wenn man Fotografie künstlerisch betreiben will, wobei ich den Anspruch noch immer nicht erhebe ein Künstler zu sein. Ich war vor ungefähr sieben Jahren zwei Jahre hintereinander in Argentinien, Buenos Aires, in Patagonien, da habe ich angefangen, intensiver zu fotografieren. Dabei hatte ich immer im Kopf, meiner Umgebung ein anderes Gesicht von Schönheit zu zeigen.

Michaela Boland:

Wie sollte das aussehen?

Michael Horbach:

Gesichter sollten einfach natürlich sein, möglichst ungeschminkt. Gesichter, die auch Spuren aufweisen, da wo nichts bearbeitet wird, wo Augen sind, die einen einfach umhauen. Dafür sterbe ich, dafür lebe ich. Das kann man bei kleinen Kindern bekommen, bei alten Männern oft und bei Frauen natürlich. Da habe ich schon sehr viele Portraits fotografiert. Ich nehme mir dann Amateure aus der Umgebung, spreche junge Frauen auf der Straße an und sage sofort, "es geht nur um Portraitfotografie, um interessante Gesichter“

Michaela Boland:

Und die sagen dann immer sofort, "ja"?

Michael Horbach:

In der Regel ja, nicht alle, aber der überwiegende Teil schon.

Michaela Boland:

Gab es eine bestimmte Motivation, ausgerechnet kubanische Gesichter für ihre Fotografie zu wählen?

Michael Horbach:

Ich habe Kuba durch mehrere Besuche sehr schätzen gelernt, vor allen Dingen die Menschen, die Lebensweise, die Landschaft und die Natur.

Michaela Boland:

Was zeichnet die Menschen dort ihrer Meinung nach aus?

Michael Horbach:

Dass sie einfach erstens Zeit haben und zweitens in der Regel immer gut drauf sind. Sie sind noch befreit vom Wettbewerb, also dem, was unser System natürlich ganz stark fördert. Außerdem habe ich das Gefühl, die Menschen dort haben noch soziale Bindung. Die sind zwar materiell arm, aber von denen könnten wir sehr viel lernen. Die sind auf ihre Art auch reich. Beispielsweise vom Charakter her, einfach von der Weise her, wie diese Menschen leben. Und das ist das, was ich zeigen wollte.

Das Negative kennen wir durch unsere Presse zur Genüge. Das ist ja eine Diktatur, die sind ja alle arm und das ist natürlich alles der Kommunismus schuld usw. Ich wollte da einfach einen Gegenpol bilden und den Menschen, seine Schönheit, seine Heiterkeit und den Reichtum Kubas durch meine Fotografie zeigen und ich denke, das ist mir ganz gut gelungen. Die meisten kommen, staunen und sagen: "Ja, die lachen ja alle. Hast du die dazu aufgefordert?" Das habe ich kein einziges Mal gemacht.

Michaela Boland:

Insofern ist die Lebensfreude der Menschen offenbar eine ganz andere als hier bei uns. Woran, glauben sie, liegt das?

Michael Horbach:

Jetzt kann man sagen, das ist das Wetter, das ist die Karibik, o.k. In jedem Fall kann man aber sagen, durch das System wird das nicht zerstört. Dazu kommt, dass auch viele Halbwahrheiten oder Unwahrheiten in unserer Presse stehen. Es ist ein anderes System und da muss offenbar aus Sicht unserer bürgerlichen Presse immer alles schlecht sein. Ich wäre daher froh, wenn wir so ein Selbstbewußtsein hätten, dass wir zwar auf die Fehler hinweisen, aber vor allen Dingen auch zeigen, wo wir von dem anderen System etwas lernen könnten. Soweit müssten wir eigentlich sein.

Michaela Boland:

Fotografieren sie die Menschen auch schon mal hier in unseren heimischen Gefilden oder gehen sie dafür dann regelmäßig in andere südliche Länder?

Michael Horbach:

Ich habe das schon hier in der Galerie, auch auf Mallorca gemacht, aber sehr oft mit meinem Lieblingsmodel und das ist die Iranerin Pari Moradi.

Michaela Boland:

Die nicht nur Stipendiantin ihrer Stiftung, sondern jetzt auch ihre Lebensgefährtin ist.

Michael Horbach:

Ja (lacht), es macht einfach Spaß, weil sie natürlich ist. Ich brauche im Grunde gar nichts zu sagen (beim shooting), sondern nur abzuwarten und dann zu fotografieren.

Michaela Boland:

Wie alt ist sie?

Michael Horbach:

36.

Michaela Boland:

Wie hat sich die Liebesgeschichte zwischen ihnen beiden entwickelt?

Michael Horbach

Das war eigentlich beim ersten Treffen klar. Manchmal geht das so. Außerdem wollte ich nur eine Marokkanerin oder eine Iranerin als Partnerin haben. Männer haben ja manchmal so einen Spleen. Ich war acht Jahre mit einer Marokkanerin zusammen, aber das ging aus religiösen Gründen nicht mehr, das war alles ein wenig kompliziert. Pari ist Iranerin, hat aber mit Religion "nichts am Hut", wie man  so schön sagt. Aber der sogenannte Unreligiöse kann religiöser sein als der, der jeden Tag in die Kirche geht. Es kommt immer darauf an, was man tut.

Michaela Boland:

Sie fördern insbesondere KünstlerInnen. Unter anderem auch durch einen mehrmonatigen gesponserten Aufenthalt hier bei ihnen vor Ort. Wie sieht das konkret aus?

Michael Horbach:

Ich habe hier auch ein Atelier, das ich jungen Künstlerinnen aus dem Ausland für drei bis sechs Monate zur Verfügung stelle. Sie erhalten ein kleines Stipendium, das mit einer monatlichen Zahlung von 300.- bis 600,- Euro verbunden ist. Sie können hier arbeiten und wohnen. In der Regel mache ich auch anschließend eine Ausstellung.

Michaela Boland:

Welche besonderen Vorteile hat das für die Künstlerinnen? Geht es für Nicht-Europäerinnen in erster Linie darum, Kontakte zu knüpfen?

Michael Horbach:

Ja, natürlich. Meine Vorliebe ist Südamerika und wenn es sich ergibt, sage ich eben, "ja, o.k."

Michaela Boland:

Che Guevara ist übrigens in ihren Ausstellungsräumen, wie ich gerade sehe, auch recht präsent.

Michael Horbach:

Eine Sache, bei der ich emotional immer sehr berührt bin, ist, wenn versucht wird, ihm irgend etwas vorzuwerfen. Che ist ein Mensch, der bestimmt viele Fehler gemacht hat, aber es war Krieg, Revolution. Was soll man da mehr zu sagen? Für mich ist sein Lebensweg einfach etwas besonderes. Dass er als Medizinstudent in Südamerika diese unglaubliche Armut kennengelernt und sich deshalb verpflichtet hat, in Lepra-Stationen ärztlich tätig zu werden.

Wer macht das? Das sagt doch alles. Es wird ihm vorgeworfen, dass er „während der Revolution Verräter hingerichtet habe. Diese hatten drei, vier Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und hunderte Menschen wurden dabei getötet. Dass man im Kriegszustand das nicht einfach hinnimmt und selbst irrationale Entscheidungen trifft, das hat die Geschichte in den letzten 2.000 Jahren hundertmal bewiesen.

Heutzutage wird ihm ja auch vorgeworfen, er hätte selbst Leute erschossen. Ob das stimmt, weiß man nicht. Aber, was ist heute? Heute läuft alles vom Schreibtisch aus. Wenn man überlegt, was Amerika so alles in 50 Jahren verursacht hat, aber das sind die feinen Herren hinter den Schreibtischen, die gab es zu allen Zeiten in allen Ländern.

Michaela Boland:

Kommen wir einmal zu ihrer früheren sehr erfolgreichen Karriere als Anlageberater. Sie haben in kurzer Zeit ein Vermögen gemacht. Ist ihnen das leicht gefallen?

Michael Horbach:

Ich bin wie die Jungfrau zum Kinde dazu gekommen, Unternehmer zu werden. Ich habe das mit Begeisterung gemacht und ich denke, ich habe es auch gut gemacht. Gerade in dieser verrufenen Branche habe ich ein Beispiel dafür abgegeben, dass man es auch ganz anders machen kann und dass es dafür auch einen riesigen Bedarf gibt.

Denn jeder Deutsche braucht in finanziellen Bereichen Beratung. Ob das Finanzierungen und Versicherungen sind oder Existenzgründungen betrifft. Jeder wünscht sich einen Berater, dem er vertrauen kann und das ist sehr wichtig. Dies wird von Banken und den meisten Finanzdienstleister in der Regel nicht abgedeckt. Wenn man es dann mal anders macht, dann kann man einen Riesenerfolg haben.

Michaela Boland:

Wie schafft man denn dieses Vertrauen?

Michael Horbach:

Nach meinem Studium war es mein Ziel 2000,- DM im Monat zu verdienen. Ich hatte es nicht im Sinn, dass ich Millionär werden muss. Aber wenn man das macht, wozu man super geeignet ist und das auch noch vernünftig macht, dann kommt das Geld von allein. Ob man vertrauenswürdig ist oder nicht, hängt natürlich auch vom Charakter ab. Da kann man zum Teil gar nichts für, das hat man geerbt. Viele sagen immer zu mir, "dein Vater war genauso". Man kann sehr ehrgeizig sein, man darf arbeiten wie verrückt, aber man sollte ehrlich arbeiten.

Mich hat die fünfte Stelle nach dem Komma auch nicht mehr interessiert, aber mein Prinzip war stets: Ich empfehle dem Kunden immer das, was ich an seiner Stelle auch machen würde. Das ist eigentlich das eine Geheimnis. Und das zweite Geheimnis ist, dass ich wohl eine Selbstverständlichkeit ausgestrahlt habe. Für mich war immer klar, das hatte ich in mir, "dem anderen kann nichts Besseres passieren als in meine Finger zu geraten".

Michaela Boland:

Klingt recht selbstbewußt.

Michael Horbach:

Ja, in dem Bereich. Ich habe auch Bereiche, in denen ich mit Sicherheit nicht so selbstbewußt bin, wie es immer scheint.

Michaela Boland:

Welche wären das?

Michael Horbach:

Das hat man als Aachener oder Kölner allein durch die Sprache (lacht).  Egal, wo man auftaucht in der Welt, kommt die Frage: "Kommst du aus Köln?"

Michaela Boland:

Sie haben eine langjährige Verbindung zu Köln. Wie oft sind sie noch in der alten Heimat, Aachen?

Michael Horbach:

In Aachen-Würselen steht mein Elternhaus. Ich war in der letzten Woche gerade dort und werde im alten Rathaus und in zwei Krankenhäusern meine Kuba-Fotos ausstellen. Zuerst habe ich mich gefragt, ob das einen Sinn hat, aber dann war mir plötzlich klar, dass gerade kranke  Menschen Trost durch die Lebensfreude erhalten könnten, die die Kuba-Bilder ausstrahlen.

Michaela Boland:

Leben ihre Eltern noch?

Michael Horbach:

Nein, die sind schon mehr als zehn Jahre tot.

Michaela Boland:

Sind sie Einzelkind gewesen?

Michael Horbach:

Nein, ich habe noch einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester.

Michaela Boland:

Sind ihre Geschwister in ähnlichen Bereichen wie sie tätig?

Michael Horbach:

Nein, mein Bruder ist Arbeiter. Er hat Fliesenleger gelernt. Ich war im ganzen Familienumkreis der einzige, der studiert hat. Mein Vater war Arbeiter, Pflasterer, aber höchstwahrscheinlich war er der Beste in Aachen.

Michaela Boland:

Was haben sie aus ihrem Elternhaus an persönlichen Dingen mitgenommen?

Michael Horbach:

Einmal das Vorbild. Ich habe einmal in einer Rede zum 10-jährigen Jubiläum der Firma Horbach als meine Eltern anwesend waren gesagt, "Papa, ich habe im Grunde genommen nichts anderes gemacht als du. Ich habe immer mit viel Pflichtbewußtsein und Emotionen gearbeitet". Das ist eigentlich dasselbe. "Im Grunde", habe ich gesagt, "bin ich Arbeiter". Auch wenn ich in einem Bereich gearbeitet habe, in dem es um Finanzen ging. Wobei mich die Finanzen, das Geld oder die Geldanlage  selber nie sehr interessiert haben.

Dafür hatte ich später sehr schnell meine kompetenten, qualifizierten Mitarbeiter. Mich hat es interessiert, den Menschen zu gewinnen und zu überzeugen. Sowohl den Kunden in der Beratung als auch später bei der Mitarbeitersuche. Ich habe nichts lieber getan als zur Uni zu gehen und junge Studentinnen und Studenten, von denen ich dachte, dass sie zu uns passen könnten, anzusprechen. Dann habe ich sie gefragt: "Hören sie mal, Finanzberatung, wäre das was für sie? Sie würden gut zu uns passen." Das habe ich nachdem beurteilt, was von den Menschen herüber kam. Da kann man sich manchmal irren, aber oft hatte ich auch Erfolg.

Michaela Boland:

Was wollten sie eigentlich ursprünglich mal werden?

Michael Horbach:

Ich wollte eigentlich einen Beruf im sozialen Bereich, also beispielsweise in Richtung Gewerkschaften oder Journalismus. Das war eher mein Wunsch. Ich war ein schlechter oder sagen wir, ein durchschnittlicher Schüler, so war das einzige, was ich damals studieren konnte, die Volkswirtschaftlehre. Ich wußte ehrlich gesagt nicht wirklich, was das ist. Aber da lag genau meine Begabung, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erkennen.

Darum sage ich heute auch immer zu jungen Leuten, "sucht, guckt, wo ihr emotional betroffen seid und nicht, wo man viel Geld verdienen kann und was in fünf Jahren gefragt ist". Wenn ich kein wirkliches Interesse habe, kriege ich keinen Job, kann vor allen Dingen nicht vernünftig Geld verdienen und die Familie ernähren usw.  Man sollte dahin gehen, wo seine Emotionen liegen. Und wenn es Ethnologie ist, dann eben Ethnologie. Das ist übrigens ein fantastischer Beruf.

Michaela Boland:

Glauben sie an Vorhersehung?

Michael Horbach:

Hm, da bin ich hin und her gerissen. Ich habe nicht so viele Bereiche, wo ich schon weiß, das ist so. Manchmal denke ich, das kann kein Zufall sein, wie jetzt die Geschichte mit meiner Lebensgefährtin. Auch habe ich durch Zufall Roger Willemsen kennengelernt und das ist eine Freundschaft geworden, von der ich sehr viel profitiere. Ist das Schicksal? Der hat ja nun wirklich sehr wenig Zeit, trotzdem war er hier in meinen Kunsträumen und hat eine Lesung aus seinem Buch "Die Enden der Welt" gehalten.

Ich sage immer, Deutschland bräuchte tausend Roger Willemsens. Von seiner kritischen Einstellung und seinem Hinterfragen her. Mein Wunsch ist es, dass er irgendwann mal zwei Tage Zeit hat, mit mir auf Mallorca auf der Finca zu sitzen, was er im übrigen schon seit fünf Jahren vorhat, damit er mir vielleicht mal erklärt, wie er es aushält, dieses ganze Wissen darüber zu haben, wie Gesellschaft funktioniert und wie brutal Geld und Macht eine Gesellschaft lenken. Ich würde gerne wissen, wie er das verarbeitet und wie er damit umgeht.

Michaela Boland:

Wie häufig verbringen sie Zeit miteinander?

Michael Horbach:

Er war für die Lesung hier und ich habe zwei Stunden vorher mit ihm gequatscht, da war ich so aufgedreht, dass ich keine Ansprache mehr halten konnte. Und dann hat er zwei Stunden aus seinem Buch gelesen, aber ohne Buch, sondern auswendig. Danach sind wir noch zu mir herübergegangen und es fiel irgendwo das Stichwort "Afghanistan", da hat er nochmal einen zweistündigen Vortrag über Afghanistan gehalten. Das ist unglaublich (lacht).

Michaela Boland:

Wodurch entstand eigentlich ursprünglich ihre Liebe zur Kunst?

Michael Horbach:

Als ich damals meine Firma hatte, habe ich irgendwann gespürt,  zwei Seelen schlagen, ach in deiner Brust. Ich war ungefähr 25 als ich angefangen habe, Kunst zu sammeln. Damals noch sehr bescheiden. Von meinem Elternhaus her war da ja nichts. Null Komma null, außer dem, was man natürlich auch braucht, nämlich eine intakte Familie, Wärme, Anstand usw. Das erste Bild habe ich dann mal auf der Art Cologne gekauft. Das war natürlich eine Zeichnung von einer schönen Frau.

Michaela Boland:

So lockt das holde Geschlecht wohl doch immer wieder?

Michael Horbach:

(lacht). Immer und immer wieder. Das wird auch nie enden. Dann habe ich in bescheidenem Maße gesammelt. Dabei habe ich nie die bekannten, also die teuren Künstler gewählt, sondern ständig versucht, junge Künstler zu unterstützen. Das hat mir einfach emotional mehr Spaß gemacht. Für mich war eben Kunst auch immer so eine Oase abseits des Kapitalismus und abseits vom harten Wettbewerb.

Michaela Boland:

Klingt nach der ausgleichenden Waagschale als Gegengewicht zum wohl eher harten Wirtschaftsbusiness.

Michael Horbach:

So kann man das von außen sehen, aber ich habe es eben gemacht. Mir ging es nie um Business. Ich war, glaube ich, der erste, den Vorstände mit Bart, langen Haaren und Rollkragenpullover empfangen haben. Ich war immer dagegen. Einige haben das auch nicht kapiert und gefragt, "was will der denn", aber der eine oder andere hat doch gemerkt, da brennt etwas.

Nun gut, irgendwann habe ich auch einen Anzug angezogen und irgendwann hatte ich auch Spaß daran, eine Krawatte zu tragen. Aber Kunst war für mich immer etwas, was nichts mit Kapitalismus zu tun haben darf. Jetzt habe ich mich allerdings durch diese Kunsträume und durch die Stiftung noch einmal damit beschäftigt, was in der Kunst wirklich los ist und das ist gruselig.

Michaela Boland:

Warum geht es teilweise in die falsche Richtung?

Michael Horbach:

Da gibt es Künstler und Galeristen, die sind durch die Kunst Milliardäre. Aber das sind null Komma null ein Prozent. 99 Prozent der Künstler sind froh, wenn sie im Jahr drei oder vier Mal ein Bild verkaufen, so dass sie davon leben können. Mit speziell jener Kunst, die inzwischen auch ganz klar von der Schickeria und den Superreichen besetzt ist, will ich nichts zu tun haben.

Michaela Boland:

Ist es ihnen insoweit ein regelrechtes Anliegen, dort eine Gegenströmung als Akzent zu setzen?

Michael Horbach:

Ja, genau. So will ich beispielsweise in meinen Kunsträumen künftig Rheinländer ausstellen, die schon eine gewisse Vita haben und schon bekannt sind. Aber eben keinen Richter oder Polke. Die sind in Museen, die brauchen das nicht. Dann will ich in einem Raum drei bis vier Mal im Jahr junge Künstler ausstellen, aber auch ältere Künstler, die gut sind, es aber nicht mehr in bekannte Galerien schaffen, weil sie für diese nicht mehr lukrativ sind. Solche, die quasi bereits ein bisschen vergessen worden sind, denen will ich auch eine Heimat geben.

Michaela Boland:

Mit ihrer Stiftung wollen sie ja neben Künstlern auch armen Menschen helfen. Aus welchem Grund apostrophieren sie auch dabei besonders die Frauen?

Michael Horbach:

Ich denke eben, dass Frauen am meisten benachteiligt werden. Ich will ja besonders armen Familien helfen und da eben insbesondere alleinstehenden Frauen mit Kindern. Denn die haben es nun mal besonders schwer. Bei Künstlern ist es ähnlich. Ich brauche das auch, ich muss mich auch mit dem Weiblichen umgeben. Mit zu viel Männlichem und diesem ständigem Wettbewerb, das gegenseitige Aufplustern, das muss ich in meinem Alter nicht mehr haben. Ich bin davon überzeugt, dass es uns wesentlich besser ginge, wenn Frauen die Welt regieren würden. Natürlich keine Margaret Thatcher. Also, wenn Frauen schlimmer werden als Männer, naja.

Michaela Boland:

Daraus ist wohl zu schließen, dass sie kein Anhänger der Politik der kürzlich verstorbenen eisernen Lady waren?

Michael Horbach:

Nein, die ganze neo-liberale Wirtschaftstheorie- und Politik hat entsetzlichen Schaden in der Welt angerichtet. Da gibt es tolle Bücher drüber und wenn man das liest, dann denkt man, das kann nicht wahr sein. Aber sogar Sozialdemokraten sind zeitweise darauf reingefallen. Deregulierung der Märkte heißt ja nichts anderes als dass das Geld frei und ohne Beschränkung wandern können muss. Das ist genau das Falsche. Dadurch haben wir jetzt eine Weltwirtschaftskrise, die sehr wahrscheinlich 50 Millionen mehr Hungernde besorgt hat.

Michaela Boland:

Also sind doch nicht nur Lehman Brothers die Buhmänner, wozu man sie so gerne gemacht hat, soweit der Ursprung des ganzen Desasters in Wahrheit wesentlich weitreichendere Ursachen aufweist?

Michael Horbach:

Ja, das ganze ist ja auch vorbereitet worden durch eine Philosophie, die wie Adam Smith sagt, "Das freie Spiel der Kräfte" lautet. Da ist eine unsichtbare Hand, die regelt alles. Die regelt zu 90 Prozent alles, aber es gibt eben 10 Prozent, wo bei Angebot und Nachfrage der Marktmechanismus nicht funktioniert, sondern Stilblüten in die Welt setzt. Menschen, die gesellschaftlich wertvollste und harte Arbeit leisten, wie Krankenschwestern und Pfleger, die von ihrem Geld kaum leben können, stehen beispielsweise Angestellten bei der Deutschen Bank gegenüber, die mit Derivaten spekulieren und zum Teil 20 Millionen Jahreseinkommen haben.

Man sagt uns ja immer, "wer viel Geld verdient, der schafft auch viele Werte. Die haben eine Weltwirtschaftsfinanzkrise geschaffen. Und da sage ich, das kann man nicht laufen lassen. Da bin ich wirklich erbitterter Gegner jeder liberalen Wirtschaftspolitik. Und das ist der große Fehler der FDP, dem Markt total zu vertrauen. Ich sage, der demokratisch legitimierte Staat muss eingreifen, wo der Marktmechanismus nicht funktioniert. Das ist seine Pflicht, dafür ist er gewählt.“

Michaela Boland:

Wie sollte konkret eingegriffen werden?

Michael Horbach:

Man muss nach unten korrigieren. Wenn ich höre, "wir leben in einer Zivilisation" und dann gibt es welche, die für fünf Euro hart arbeiten, dann ist das ein Widerspruch. Das geht nicht. Genauso oben. Es kann nicht sein, dass auch von Politikern gesagt wird, wenn einer zehn Millionen im Jahr verdient, dann hat der keine Lust mehr, wenn er nicht die Möglichkeit hat 15 Millionen zu verdienen oder wenn er nur zwei Millionen verdient, dann sei er demotiviert. Was ist das für ein Menschenbild? Wenn das stimmen würde, dann sage ich, "gute  Nacht". Die Politiker, die so etwas von sich geben, und das sind ja nun eher mal die Liberalen und Konservativen, die müssten mal darüber nachdenken, was sie für ein Menschenbild haben .

Michaela Boland:

Was kann man ihrer Meinung nach, abgesehen vom Absehen davon, sein Votum zum nächsten Stimmabgabezeitpunkt erneut in gleicher Weise zu setzen, denn dagegen unternehmen?

Michael Horbach:

Mehr Demokratie. In allen Bereichen mehr Demokratie.

Michaela Boland:

Lohnt es sich heute noch, auf die Straße zu gehen?

Michael Horbach:

Das ist natürlich ein Mittel, um zu zeigen, wir sind wach. Es gibt durch Facebook oder Youtube ja inzwischen auch andere Mittel oder was auch immer.

Michaela Boland:

Etwa die sogenannten Shitstorms?

Michael Horbach:

Ja. Ich denke, links sein, kann nur bedeuten, mehr Demokratie und mehr Kontrolle zu fordern. Und da haben wir viel zu wenig. Alle vier Jahre mal wählen zu gehen, das ist der Anfang.

Michaela Boland:

Würden sie insoweit in einer verkürzten Legislaturperiode eine mögliche Lösung sehen?

Michael Horbach:

Hm, eher einfach ein wenig mehr Basisdemokratie. Ich bin ganz klar dafür, dass erstens die, die die Krise verursacht haben, und das sind nun mal die Reichen, mit dazu beitragen, dass wir aus der Krise herauskommen. Ich bin derjenige, der auch Interviews zum Thema Reichensteuer gibt. Also, ich bin bereit dazu, deutlich mehr Steuern zu zahlen.

Michaela Boland:

Würden sie in dem Zusammenhang auch die augenblickliche Politik der EU auf Zypern hinsichtlich der Enteignung Reicher als gerechtfertigt und moralisch vertretbar ansehen?

Michael Horbach:

Ich versuche, möglichst nur noch den Kulturteil zu lesen und Politik nur so im Groben, nicht mehr so sehr in die Tiefe gehend, denn ich will mich emotional nicht mehr so hinein begeben. Ob die in Zypern jetzt damit die Richtigen packen, also, ob wirklich die Milliardäre, die da anlegen, jetzt auch zehn oder zwanzig Prozent ihrer Einnahmen zahlen, ist fraglich. Wenn das so wäre, dann wäre das o.k. Wenn Europa, also die anderen Steuerzahler, nicht helfen würden, dann wären die Einlagen auch sehr wahrscheinlich sehr viel weniger wert.

Die Frage ist nur, und da bin ich sehr skeptisch, trifft es wirklich die, die man treffen will? Wir müssen den Markt da regulieren, wo er nicht funktioniert. Das ist ja auch in dem System der Marktwirtschaft möglich, denn da wo keine Marktwirtschaft mehr ist, weil Monopole da sind oder Milliardäre regulieren, da muss der Staat eingreifen. Das ist Pflicht, um die Marktwirtschaft zu erhalten. Das hat also nichts mit Sozialismus oder Kommunismus zu tun.

Michaela Boland:

Und welchen Ansatz sehen sie da?

Michael Horbach:

Ich habe im Grunde zwei Ansätze: Zurück zu den Zeiten Helmut Kohls und der war kein Sozialist. Da zahlte man aber 53 Prozent Steuer. Da gab es Vermögenssteuer. Heute werden unglaubliche Leitartikel in der FAZ und so weiter darüber geschrieben, dass Vermögenssteuer überhaupt nicht ginge. Vor 15 Jahren ging das noch. Das würde überhaupt nicht funktionieren und wäre auch rechtlich gar nicht möglich. Da denke ich, "nanu, wo sind wir denn? Wir hatten es doch".

Das Zweite, was ich vorschlage, ist folgendes: Ich würde mir wünschen, das dass, was in den letzten zehn Jahren passiert ist, wieder rückgängig gemacht wird. Dass wir also wieder die Verteilung haben wie bei Helmut Kohl. In den letzten zehn Jahren hat ja eine eindeutige Umverteilung stattgefunden, aber von unten nach oben. Ich will zwar keine Umverteilung von oben nach unten, ich will nur wieder, dass das, was in den letzten zehn Jahren passiert ist,  rückgängig gemacht wird. Bin ich jetzt Sozialist?

Michaela Boland:

Dass insoweit also die Ober- und Unterschicht nicht mehr so weit auseinanderklafft und die Mittelschicht droht, gänzlich wegzukippen?

Michael Horbach:

Genau. Es werden ja immer Zahlen genannt. Zehn Prozent der Deutschen gehört 50 Prozent des Vermögens. Die Zahl ist nicht schön, aber viel schlimmer finde ich die Zahl, die dafür steht, wieviel die 50 Prozent von unten aus betrachtet an Besitz haben. Wissen sie das?

Michaela Boland.

Nein.

Michael Horbach:

1,2 Prozent. Es waren vier Prozent vor ca. sieben oder acht Jahren und das ist auf 1,2 herunter gegangen. Das ist die schlimmste Zahl und die liest man  viel zu selten. Und das macht klar, dass etwas passieren muss.

Michaela Boland:

Wenn man ein derart soziales Denken hat, wie es offenbar bei ihnen der Fall zu sein scheint, inwieweit berührt einen dann, wenn man erfährt, dass ausgerechnet das Unternehmen, an welches sie wahrscheinlich zu keinem allzu schlechten Kurs ihre Firma veräußert haben, öffentlich stark ins Kreuzfeuer der Kritik gerät, weil ahnungslose Kunden durch Fehlberatung im Hinblick auf den Erwerb hochriskanter Anlagen um ihr Erspartes gebracht wurden? AWD-Kunden soll ja bereits von verschiedenen Gerichten Schadensersatz zugesprochen worden sein. Ihr Lebenswerk steckte nun mit im Unternehmen, was war das für ein Gefühl?

Michael Horbach:

Ja, das war ja immer so. Ich merke dadurch eben, was für eine tolle Arbeit die Firma Horbach macht. Die Firma Horbach besteht ja vom Namen her noch, sie nennt sich jetzt Horbach Finanzplanung. Das war ja AWD und dann hat der Maschmeyer an Swiss life, eine Schweizer Versicherungsgesellschaft, verkauft. Den Name AWD gibt es nun nicht mehr. Aber Horbach gibt es noch. Bei Hannover 96 gibt es sogar jetzt Bandenwerbung, da steht Horbach Finanzplanung für Akademiker. Wenn es 20 solcher Firmen gäbe, sähe es in der Finanzberatung besser aus.

Das Problem sind ja die Strukturvertriebe. Der größte ist, glaube ich, DVAG. Die haben ungefähr 10.000 Mitarbeiter, wie die allerdings ausgebildet werden, ist eher ein Wahnsinn. Die tun so als wenn sie Makler wären, sind aber im Grunde ein Firmenvertreter der AachenMünchener. Wenig Ausbildung und viele arbeiten nur nebenberuflich. Auch wenn die Mitarbeiter es gut meinen würden. Sie können es nicht anders. Sie können nicht ordentlich beraten. Darum habe ich immer gesagt, man sollte als Berater möglichst ein abgeschlossenes Studium mit sich bringen.

Es gibt zwar auch Berater ohne Studium, die hervorragend sind, aber die mit Studium wollen in der Regel einen Beruf ausüben und nicht nur einen Job machen. Als ich an AWD verkauft habe, war außerdem meine Bedingung, dass es keinen Strukturvertrieb und keine nebenberufliche Mitarbeiter mehr gibt. Das hatte Maschmeyer mir zugesagt.

Die Idee war, durch unser Geschäftsmodell AWD beeinflussen zu können. Und Maschmeyer hat mir am Anfang auch ganz klar das Gefühl gegeben, dass er sich daran hält. Der Maschmeyer ist ja ein sehr Geschickter. Das hat zwar gedauert, aber irgendwann, als die merkten, dass wir weiterhin super super erfolgreich waren, da hat der schon geguckt nach dem Motto: Was ist los? Und dann ist die eine oder andere Leitidee oder Vision vom AWD übernommen worden.

Michaela Boland:

Wie kam es überhaupt zum Verkauf an Carsten Maschmeyers AWD?

Michael Horbach:

Natürlich gebe ich auch gerne zu, dass ich mit 50 frei sein wollte. Ich habe mich lange gegen ein Treffen mit AWD, also Maschmeyer, gewehrt. Irgendein Vorstand sagte mir dann, "komm, dann lernst du den doch mal kennen". Eigentlich war der Strukturvertrieb ja mein Feindbild. Dann habe ich aber irgendwann gesagt, "naja, warum nicht". Und Maschmeyer hat mir den Hof gemacht. Also, das können sie sich nicht vorstellen, aber der kann das.

Michaela Boland:

Also, ist er ein charismatischer Mensch?

Michael Horbach:

Ja. Im Nachhinein muss ich sagen, es war alles richtig. Da war auch kein anderer Interessent. Wir waren seiner Zeit in Deutschland die Nr. 2 und sind es ja heute auch noch. Wir hatten uns ja  auf Akademiker spezialisiert. Das, was AWD gemacht hat, war ja mehr so das Normale. Eigentlich haben die uns nur gekauft, um ihr Ansehen vor dem Börsengang aufzupolieren.

Michaela Boland:

Wie hat sich die Firma Horbach zu dem entwickeln können, was sie wurde?

Michael Horbach:

Meine damalige Freundin wurde mit dem Medizinstudium fertig und sagte zu mir, "du bist kritischer Verbraucher, ein Volkswirt. Was muss ich machen". So ist die Firma Horbach entstanden. Ich habe mich dann schlau gemacht und sie beraten, dann hat sie andere PJ-ler herangebracht. Irgendwann wusste ich, es gibt Krankenhäuser, wo sich weitere PJ-ler aufhalten, dann bin ich dahin gegangen. (Anmerkung der Redaktion: Als PJler bezeichnet man einen Medizinstudenten bzw. eine Medizinstudentin im Praktischen Jahr oder auch „Hakenhalter“.

Michaela Boland:

Dann haben sie quasi Krankenhäuser nach Kunden abgeklappert?

Michael Horbach:

Ja, ich bin dann vom einen zum anderen gegangen, von einer Empfehlung zur nächsten. Auch heute sage ich noch zu den Leuten, die mich fragen, wie ich das damals gemacht habe, "gib mir einen guten Kunden, der davon überzeugt ist, dass ich alles für ihn richtig gemacht habe, mit dem baue ich die Firma Horbach nochmal auf".

Michaela Boland:

Aber PJ-ler verdienen doch noch kaum etwas und haben früher gar nichts verdient.

Michael Horbarch:

Ja, aber da habe ich die schon beraten und ihr Vertrauen gewonnen. Natürlich gibt es da noch nichts zu verkaufen (verdienen), denn die haben ja noch kein Einkommen. Aber denen konnte ich schon wertvolle Tipps geben wie z.B dass es für das PJ (praktische Jahr) eine kostenlose Berufshaftpflicht gibt usw. Irgendwann treten sie ins volle Berufsleben ein und dann brauchen sie eine Krankenversicherung. Für die meisten Ärzte ging es darum, "wie kann ich jetzt sparen, also investieren, damit ich später günstig eine Niederlassung finanzieren kann".

Michaela Boland:

Ist speziell die Branche der Anlageberatung dazu geeignet, schnell aus dem Ruder zu laufen?

Michael Horbach:

Maschmeyer ist natürlich einer, der im Mittelpunkt steht und sie deshalb  von rechts und links um die Ohren kriegt. Es gibt ja noch andere. Andere sind eigentlich von dem her, was sie machen, viel viel schlimmer. Da sitzen dann im Aufsichtsrat irgendwelche Politiker, da kommt keine Kritik. Die werden mit Geld gefüttert und gemeinsame Fotos des Chefs z.B mit dem damaligen Bundeskanzler oder anderen Politikern auf irgendwelchen Veranstaltungen fotografiert.

Und die Mitarbeiter sind dann zu den Kunden gelaufen, zu den alten Omas, und haben gesagt, "gucken sie mal, der Chef mit dem Bundeskanzler. Kann da was  falsch sein? Um Gottes Willen, unterschreiben sie". Das hasse ich bei den Politikern, dass sie sich kaufen lassen. Nun, was die Strukturvertriebe auf der einen Seite anbelangt, so gibt es da genug Kritik und ich denke, wir haben dadurch schon etwas verändern können. Wenn man sich allerdings mal den ganzen Bereich der Banken ansieht, ist das, was da passiert, noch viel schlimmer.

Dagegen ist der Maschmeyer ein kleiner Wurstel. Als die Firma Horbach größer wurde, hat man mir gesagt, "du musst einen Namen haben, du musst die Deutsche Bank als Bankverbindung haben". So bin ich dort Kunde geworden. Aber, wenn ich den Ratschlägen der Deutschen Bank gefolgt wäre, hätte ich die Hälfte meines Vermögens verloren.

Also, was die Banken da machen und was da passiert, nehmen wir zB die Steueroasen, ist das doch viel schlimmer. Das mit den Banken, das können sie über Jahrhunderte hinweg zurück verfolgen. Es war immer so. Die Banken haben die Politik nicht nur beeinflusst, sondern auch die Macht über die Politik gehabt und das ist bis heute so.

Michaela Boland:

Das Sprichwort "Geld regiert die Welt" trifft also ausnahmslos zu?

Michael Horbach:

Ja. Es ist so. Darum sage ich, "mehr Demokratie" und ich sage, "es  muss einen Mindestlohn geben", denn alles andere ist menschenunwürdig  und hat nichts mit Zivilisation zu tun. Kein Mensch braucht mehr als eine Million im Jahr zu verdienen. Wer nur Geld als Motivation hat, wäre bei mir an der falschen Adresse. Eine Gesellschaft lebt davon, dass alle Menschen innerhalb einer Gesellschaft von ordentlichen Einkommen leben können. Das wird heute vernachläßigt.

Außerdem muss man schauen, wen bevorteilt der Marktmechanismus und wen nicht. Wo funktioniert er überhaupt nicht, Beispiel Krankenschwestern und Spekulanten. Deshalb sollte es oben und unten Grenzen geben. Wenn man demokratisch denkt, muss man verhindern, dass Menschen so viel Geld haben, dass sie zum Beispiel die Presse regulieren können. Ein national-konservativer Peter Scholl-Latour sagt zum Beispiel, "Pressefreiheit? Ja, gibts: für einige Milliardäre"

Michaela Boland:

Pressefreiheit ist nach ihrem Dafürhalten insoweit nicht existent?

Michael Horbach:

In Kuba gibt es drei Zeitungen, das stellt die gesamte Presse dar. Wir haben sehr wahrscheinlich 3000, aber die gehören fünf Milliardären. Also, wo ist der Unterschied? Wenn man es abstrakt sieht, also wirklich einmal über das Kleinkarierte blickt, ist das doch alles ein Einheitsbrei. Alles, was beispielsweise, Russland, China oder Kuba anbelangt, muss schlecht sein. Ich möchte nicht dort leben, ich möchte auch nicht solche Systeme haben, aber ich möchte, dass wir objektiv sind und nicht dasselbe machen, was wir diesen Ländern vorwerfen.

Michaela Boland:

Woran machen sie das Nicht-Objektive konkret fest?

Michael Horbach:

Ich kann ihnen ein gutes Beispiel nennen. Das betrifft Kuba und ich mache es an meiner eigenen Erfahrung fest. Vor wenigen Monaten kam groß in der Presse, "Endlich Reisefreiheit für Kuba". Vorher hieß es ja immer, die Kubaner sind unfrei, dort herrscht eine Diktatur. Ich habe vor fünf Jahren eine nette Kubanerin aus dem Kulturbereich kennengelernt.

Die wollte auch mal hierher nach Deutschland kommen. Es ging daher zunächst um ein Visum. Also ging sie zur kubanischen Botschaft in Havanna und erhielt sofort ein Visum. Das wird dort für ein Jahr ausgestellt. Das Ganze hat nur einen Haken: Wenn die Kubaner dann nicht innerhalb eines Jahres nach Kuba zurückkehren, dann heißt es von kubanischer Seite, "dann bleibt draußen". Das Problem sind aber hier wir Deutschen.

Michaela Boland:

Inwiefern?

Michael Horbach:

Nun, meine Bekannte benötigte ja auch ein deutsches Visum für die Einreise. Dafür musste ich sorgen. So ging ich zur deutschen Botschaft. Dort teilte man mir komischerweise mit, " Nein, diese Leute bleiben nachher hier". Also antwortete ich, " ich habe eine Stiftung und  hinterlege 50.000 Euro als Sicherheit". Da haben sie zuerst gesagt: "Nein, nein, das wollen wir nicht." Aber dann haben sie es nachher doch gemacht.

Also, Tatsache ist, die Kubaner dürfen verreisen, aber wir verhindern, dass die Kubaner frei verreisen können. Ich kann sogar verstehen, dass sie die Kubaner und auch die Afrikaner nur eingeschränkt hierher lassen, denn wir können weder ganz Kuba noch ganz Afrika hier unterbringen. Aber ich möchte zumindest in der Presse die Wahrheit lesen, damit das auch alle verstehen.

Michaela Boland:

Sie halten mit ihrer Meinung glücklicherweise nicht hinterm Berg.

Michael Horbach:

Natürlich ist es einfacher, wenn man mit dem Strom schwimmt. Ich habe immer alles kritisch hinterfragt. Der liebe Gott hat mir nun mal so einen Kopf gegeben. Das tut zwar hin und wieder auch ein bisschen weh, aber so ist es dann eben.

Michaela Boland:

Ist es leichter, nicht mit dem Strom zu schwimmen, wenn man über die finanziellen Mittel verfügt, sich den möglichen Konsequenzen dafür gegebenenfalls nicht ausgesetzt sehen zu müssen?

Michael Horbach:

Nun, ob das einfacher ist? Ich habe den einen oder anderen Kontakt zu vermögenden und eher konservativen Leuten, wo ich mir nicht sicher bin, dass ich sie von meinen Ansichten überzeugen könnte. Gerade hatte ich wieder einen Fall, da dachte ich mir, "ich lasse es einfach, denn das macht mich nur wahnsinnig". Die sagen dann tatsächlich zu mir, "du bist durch dieses System reich und unabhängig geworden, also schieß jetzt gefälligst auch nicht dagegen".

Dann frage ich zurück: "Moment mal, wo steht das denn geschrieben?" Nun habe ich sehr wahrscheinlich das Glück, dass ich zwar keinen Euro zu Unrecht verdient habe, allerdings habe ich für meine Arbeit viel zu viel verdient. Der Markt gibt das so her, dass es, wenn du eine Lebensversicherung verkaufst oder ein Haus finanzierst, eben zwei oder viertausend Euro gibt. Jetzt habe ich natürlich nicht gesagt, "nein, ihr braucht mir nur die Hälfte zu überweisen". Klar. Aber, mir ist schon bewußt, dass ich durch drei oder vier Beratungen am Tag das verdient habe, was eine Krankenschwester in drei Monaten verdient.

Michaela Boland:

Ist das auch ein Grund dafür, dass sie heute verhältnismäßig viel an die Gesellschaft zurück geben?

Michael Horbach:

Ich habe mit Sicherheit kein schlechtes Gewissen, weil ich etwas Positives in die Welt gesetzt habe. Gerade in der Branche, wo es am dringendsten notwendig ist. Denn die Firma Horbach lebt weiter und ist gerade im Hinblick auf das Management mit Menschen besetzt, die mir aus der Seele sprechen. Die sind alle sozial eingestellt und leben den sozialen Gedanken weiter.

Bei mir war es auch schon im Alter von 30 Jahren so, dass ich zehn Prozent meines Einkommens in soziale Belange investiert habe. Das habe ich sowohl während meiner Zeit mit der Firma Horbach so gehalten, als auch später beim Verkauf des Unternehmens. Augenblicklich wird es zwar nicht mehr im selben Maße von meiner früheren Firma, die nach wie vor meinen Namen trägt, gehandhabt, aber immer noch recht engagiert durchgeführt. Das ist schon irgendwo drin.

Michaela Boland:

Lieber Herr Horbach. Für die Ausstellung sowie alle weiteren Projekte auch weiterhin viel Erfolg und vielen Dank für dieses Interview.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

mehr

04.04.2013 weltklasse jazz

GFDK - ACT Music

Sängerinnen, die es vermögen, ein ganzes Genre wachzurütteln, sind selten. Diana Krall und Norah Jones waren solche Ausnahmeerscheinungen und haben dem Jazzgesang einen neuen Stempel aufgedrückt. Auch die Koreanerin Youn Sun Nah ist solch ein Phänomen. In den letzten Jahren und vor allem mit den beiden ACT-Alben „Voyage“ (2009) und „Same Girl“ (2010) hat sie die Musikwelt im Sturm erobert.

„Ein Wunder“, „Ganz große Kunst“, „Bezaubernd“ oder „Weltklasse-Gesang“ befand auch die hiesige Presse, binnen zweier Jahre bekam Nah ihren mittlerweile vierten „Korean Music Award“, den Publikumspreis des BMW Welt Jazz Awards und den ECHO als Jazz-Sängerin des Jahres international. In Frankreich, ihrer zweiten Heimat, war „Same Girl“ das meistverkaufte Jazzalbum des Jahres 2011, Nah erhielt unter anderem den „Prix Mimi Perrin du Jazz Vocal“ als Sängerin des Jahres, vom führenden Magazin Jazzman gar den „Choc de l'annee 2012“ als Künstlerin des Jahres, und vom Kulturminister die Adelung zum „Chevalier de l‘Ordre des Arts et des Lettres“, womit sich Nah in illustrer Gesellschaft unter anderem von David Bowie, Dee Dee Bridgewater oder Dustin Hoffman befindet.

Was aber ist das Geheimnis dieses beispiellosen Erfolgs? Das neue Album „Lento“ gibt Antwort, bündelt es doch, wie unter einem Brennglas, Youn Sun Nahs einzigartige Stärken. Da ist zuallererst der selbstverständliche Zugriff auf von den unterschiedlichsten kulturellen wie musikalischen Quellen gespeistes Material. Außer beim Jazz oder bei Jazz affinem bedient sich Nah respektvoll, aber sehr freimütig bei Chanson, Pop oder Folk – so auch wieder auf „Lento“: Neben Eigenkompositionen der Sängerin und ihrer Bandmitglieder findet sich eine hauchzarte Version des koreanischen Volksliedes „Arirang“, ebenso wie „Hurt“ von den Dark-Rockern Nine Inch Nails und Stan Jones' „Ghost Riders In The Sky“, ein vor allem von Johnny Cash berühmt gemachter County-Klassiker.

Erstmals verarbeitet Nah auch ein Werk der europäischen Klassik: Alexander Skrjabins Prelude op. 16 Nummer 4 in e-Moll, dessen Tempobezeichnung „Lento“ nicht ohne Grund den Albumtitel inspirierte. Sie gibt den Tenor vor für einen intimen, stimmungsreichen, in sich ruhenden musikalischen Kosmos. Es sind die ruhigen und langsamen Momente, aus denen Youn Sun Nah ihre ganze Ausdruckskraft entwickelt, ob sie Stücke wie „Full Circle“ als hauchzarte Chansons anstimmt, zu sich bis zum Herzzerreißen steigernden Klagen auftürmt wie bei „Lament“ oder artistische Unisono-Vokalesen abfeuert wie bei „Momento Magico“.

Deutlicher denn je wird auf „Lento“, wie Youn Sun Nahs Gesangsstil das Material wie ein Katalysator harmonisiert. Es ist ihre Präzision bei Intonation und Phrasierung, ihr unvergleichliches Timing und ihr kristalliner Glanz, durch welche aus minimalistischen Formen höchste Eleganz, mystischer Zauber und tiefes Gefühl entspringen. Das verlangt höchst filigrane und aufmerksame Begleiter, und so war das Erfolgsteam von „Same Girl“ auch für „Lento“ erste Wahl: Nahs langjähriger Duett-Partner Ulf Wakenius an der Gitarre, der Bass-Streichler Lars Danielsson und der feinsinnige Perkussionist Xavier Desandre-Navarre. Eine neue Stimme kommt freilich hinzu: Der französische Akkordeon-Zauberer Vincent Peirani. Zwei Titel auf „Lento“ stammen aus seiner Feder, und auch sonst scheinen seine Variationen und Einfälle genau wie bei Youn Sun Nah einer inneren Stimme zu entströmen, weshalb die beiden perfekt harmonieren.

Mit ihrer individuell artikulierten Universalität ringt Youn Sun Nah dem traditionellen Jazzgesang eine neue Note ab. Originell und eigenwillig, dabei scheinbar ganz unangestrengt, eröffnet sie dem Hörer höchst reizvolle Räume. Und ist damit die aktuell vielleicht überzeugendste Repräsentantin eines Jazz, der, stilistisch aufgefächert, das ganze Spektrum professioneller Kunstmusik einverleibt.

 

Bilder Youn Sun Nah © Sung Yull Nah

ACT Music & Vision GmbH & Co.KG
E-Mail: info@actmusic.com

mehr

14.03.2013 leute dreht die bässe auf! Redaktions-Tipp!

GFDK - Beats International - 3 Bilder

Nach Adele und den ganzen Brit-Röhren endlich mal wieder ein wahres Highlight der Newcomer-Szene. Leute dreht die Bässe auf! Die Stimme sprengt alles. Ein absoluter Redaktions-Tipp!

Bei ihr ist nichts gekünstelt, konstruiert oder aufgesetzt. Im Gegenteil: Ihre massive Soul-Stimme, ihr Sound, ihre ganze Präsenz – das alles ist einfach nur natürlich und echt. Und gerade deshalb immer wieder umwerfend: Ganz gleich, ob sie mit ihrer 16-köpfigen Band (!) eine Masse von 4000 Fans selbst im heftigsten Regen zum Bleiben und schließlich sogar zum Tanzen bewegt (so geschehen beim Montreal Jazz Festival) oder im sehr viel kleineren Club-Rahmen mit „nur sechs Mann“ Begleitung auftritt.

Sobald sie ihre gewaltige Soul-Voice auspackt, zieht diese junge Britin das Publikum in ihren Bann. Und wer dermaßen lässig-unbeeindruckt die Bühne nach einer nüchternen Amy Winehouse betritt oder eine Legende wie Roy Ayers bei „Everybody Loves The Sunshine“ dermaßen (stil-)sicher unterstützt, darf sich auch nicht wundern, wenn die Medien nur Lob für sie übrig haben und sich unter die Fans längst auch diverse andere Musikgrößen mischen – so zum Beispiel Gilles Peterson, David Byrne, Dennis Coffey, Daddy G von Massive Attack oder die Jungs von Groove Armada.

Auch haben in den letzten Jahren diverse Produzenten bei ihr angeklopft und sie als Albumgast ins Boot geholt: Mr Scruff zum Beispiel, Quantic und Nostalgia 77, wobei sie mit letzterem zusammen sogar jene Coverversion von „Seven Nation Army“ aufnahm, die noch Jahre später die Tanzflächen in Brand setzen sollte. Nach der Veröffentlichung von „Under The Munka Moon“, so der Titel ihres Debüts, arbeitete Alice Russell jedoch größtenteils mit TM Juke zusammen, ihrem Stamm-Producer und Band-Leader. Angefangen mit dem gemeinsamen Debüt der beiden, „My Favourite Letters“, bis hin zum „Pot Of Gold“-Album, hat dieses Dream-Team ein paar der größten Soul-Tracks seit den Heydays einer Aretha Franklin aufgenommen.

„Wir beide sind halt extrem offen, was den Songwriting-Prozess angeht“, berichtet Alice über die Zusammenarbeit mit TM Juke. „Das mag auch daran liegen, dass wir beide auf so unglaublich viele Genres und Musikstile stehen – also Puristen sind wir definitiv nicht. Wenn man einen Blick auf unsere Einflüsse wirft, findet man da alles von Sarah Vaughan bis Bach, von Kate Bush bis Arvo Pärt – oder auch von J Dilla bis Alice Coltrane. Mal feiern wir richtig dreckigen Dubstep ab, und im nächsten Moment ist es schon wieder richtig krasser Soul von der alten Schule. Wir geben uns da immer gegenseitig einen Stups in die richtige Richtung.“

So wichtig ihr die Studioarbeit und das Schreiben neuer Songs auch ist: Mitzuerleben, wie Alice Russell einen Club oder eine Konzerthalle verwandelt und ein Publikum in ihren Bann zieht, ist kaum in Worte zu fassen. Und ob das nun mit gewaltiger Band und viel Bläser-Nachdruck im Rücken oder im ganz kleinen Rahmen geschieht, tut dabei wie gesagt nichts zur Sache: „Ja, auf der Bühne ist das alles einfach viel direkter“, sagt sie auch selbst. „Ich stehe generell auf Dinge, die noch wandelbar sind – auf Freiräume! Im Studio hingegen kann sich das schon mal so anfühlen, als ob einer ein Foto von dir machen will. Das eigentliche Schreiben im Studio meine ich gar nicht, das ist der Hammer, aber dann den perfekten Take aufzunehmen, das ist gar nicht so leicht, wobei es auch echt aufregend sein kann. Nur live gibt’s diesen zweiten Versuch nun mal nicht, da muss man einfach automatisch alles geben.“

Ihre Liebe zur Bühne hat ihr schon diverse grandiose Momente und etliche Anekdoten beschert – so zum Beispiel das eine Mal in Japan, wo sie ihren Aufenthalt ursprünglich nur verlängert hatte, um das Dorf zu besuchen, aus dem ihr Tourpromoter stammte – allerdings wurde ihr dort ein interessantes Angebot gemacht: Fast schon wie im Film, konnte sie so lange wie sie wollte über ihr Hotelzimmer verfügen, wenn sie im Gegenzug ein improvisiertes Konzert im Dorf geben würde. „Und natürlich haben wir sofort zugesagt“, strahlt Alice noch heute. „Sämtliche Omas und Babys wurden angekarrt, und wir haben dann über so eine improvisierte Anlage, irgendwelche Boxen und Verstärker gespielt. Ganz klar einer der wunderschönsten Gigs, den ich je gespielt habe.“

Zu weiteren Bühnen-Highlights zählt z.B. auch ihr Auftritt mit The Roots in deren Heimatstadt Philadelphia, während eine noch größere Legende sie zwar nicht auf die Bühne, aber erst kürzlich ins Studio bat: David Byrne, der sie für sein aktuelles Album als Vokalgast engagierte.

„Überhaupt ist das Singen für mich der beste Weg, um meine Gefühle rauszulassen“, berichtet Alice weiterhin. „Manchmal fühle ich mich dann richtig high, gerade wenn ich in höheren Tonlagen singe. Mir tut es einfach gut: Wenn man das Gefühl hat, dass nichts so richtig klappt, geht’s einem gleich viel besser, wenn man die richtige Melodie auf den Lippen hat. Ich hab selbst Panikanfälle schon erfolgreich damit beenden können: Einfach ‘Songs In The Key Of Life’ von Stevie Wonder mitsingen – das ganze Album. Sollten vielleicht auch mal die Ärzte in ihren Maßnahmenkatalog aufnehmen: Gesang auf Rezept.“

Das 2012 gemeinsam mit Quantic veröffentlichte „Look Around The Corner“-Album wurde rund um den Globus abgefeiert: Soul und Blues kombinierten die beiden hier auch mit Folk- und Gospel-Elementen, wobei Quantics Combo Bárbaro für sämtliche Instrumente verantwortlich war. Über den Tracks, die sie in Quantics Sonido del Valle-Studio in dessen Wahlheimat Cali (nicht Kalifornien, sondern die Stadt in Kolumbien) aufnahmen, bewies Alice wieder einmal, wie vielseitig und scheuklappenfrei sie als Sängerin und Songschreiberin ist. Auch die ausverkaufte Tour zu dieser Albumveröffentlichung entpuppte sich Abend für Abend als ein einziges großes Fest.

Womit wir also beim neusten Kapitel in der Karriere von Alice Russell angekommen wären: Gemeinsam mit ihrem Producer-Buddy TM Juke aufgenommen, präsentiert sie das neue Album „To Dust“, das am 15.02.2013 erschienen ist. Schon mit ihrer ersten Singleauskopplung „Heartbreaker“ unterstreicht sie, dass sie heute mehr Soul denn je hat: „Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung“, so ihr Kommentar, „von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“ Im Videoclip zu „Heartbreaker“ spielt übrigens Hollywood-Schauspieler Harry Shearer mit, der neben etlichen anderen Rollen auch als eine der wichtigsten Stimmen von The Simpsons bekannt ist.

Im Folgenden berichtet Alice Russell über die Entstehung von „To Dust“ und geht dabei auch detailliert auf eine Auswahl der neuen Tracks ein...

Entstanden ist „To Dust“, indem ich mich einfach mit Alex getroffen und wir beide Ideen ausgetauscht haben. Wir haben sehr viel mit der Live-Band ausprobiert, und viele der neuen Songs haben wir etliche Male umgeschrieben und verändert, bis dabei schließlich diejenige Version herauskam, die sich für uns richtig anfühlte. Was meine Kommentare zu den einzelnen Songs angeht, ist es letzten Endes doch so: In unseren Köpfen wissen wir ganz genau, was diese Stücke bedeuten, doch sobald ein Song veröffentlicht wird, sind die Zuhörer an der Reihe – sie sollen das darin finden und sehen, was sie nun mal für sich darin entdecken und dem jeweiligen Stück abgewinnen können. Manchmal ist das dann hinterher etwas vollkommen anderes als das, was ich im Kopf hatte, als der Song entstanden ist – aber auch das ist vollkommen okay.

Es geht doch immer darum, eine Idee zu kommunizieren; ein Gefühl oder irgendeine Gemütsregung, und wenn auch nur ein klitzekleiner Teil davon bei den Zuhörern ankommt, dann genügt das vollkommen. In einem Wort: Vielleicht sollte man die folgenden Zeilen gar nicht lesen, sondern einfach nur genau hinhören und darauf achten, was die Songs mit einem anstellen. Aber fangen wir mal an...

„HEARTBREAKER“

„Heartbreaker“ basiert auf einem Gitarrenriff, das sich Al ausgedacht hat. Ich bin sofort drauf abgegangen. Ausgangspunkt war danach der Refrain: „Heartbreaker, I cannot breathe, it’s so over, self-signed decree“. Ich hab diverse Harmonien dazu ausprobiert, und der Rest ergab sich dann wie von selbst... „there’s a river in my mind, and it won’t stop running just for you, there’s a thousand forest fires between us, and I can’t get through.“ Der Track handelt von einem gebrochenen Herzen, dem Ende einer Beziehung, von der Phase also, in der man emotional vollkommen fertig ist und sich schließlich mit dem Gedanken abfindet, dass alles vorbei ist.“

„FOR A WHILE“

Das war eines der ersten neuen Stücke, die wir für dieses Album geschrieben haben. Der Beat ist ganz schön heftig verschroben, und im Text geht’s darum, sich einfach mal in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen: „If you were me just for a time, maybe you’d think about it more and realise“ – ich wollte dafür ganz viele Harmonien übereinander schichten, denn ich liebe Harmonien einfach! Schließlich hat Alex mir auch das Abmischen überlassen bei diesem Track, denn bei so vielen Harmonien kann einem als Mann schon mal schwindelig werden.“

„HARD AND STONG“

Der Arbeitstitel dieses Tracks lautete ursprünglich „Petrol Station“. Hat ganz schön lange gedauert, bis wir zum Kern dieser Idee vorgedrungen waren; wir nahmen immer noch eine weitere Version auf, dabei hatte alles ganz spontan angefangen: Alex gab mir einen Loop und ich nahm dazu mit meinem iPhone mal eben die erste Strophe und somit auch die Melodie auf. Das Stück handelt davon, wie eine Idee plötzlich in den Köpfen der Menschen ankommen kann; von der Kraft, die frei wird, wenn wir zusammenkommen und gemeinsam versuchen, etwas zu verändern. Wenn also plötzlich alles klar ist, die Leute aufstehen, um ihre Meinung zu sagen, und man auch kein Geld mehr braucht, um eine Meinung zu verbreiten, weil der Ball so oder so schon längst ins Rollen gekommen ist und langsam unaufhaltbar wird. Es geht darum, sich selbst wieder zu ermächtigen – in einer Welt mit Kanälen wie Twitter und Wikileaks, in der die Leute zum ersten Mal auch selbst Gehör bekommen können, ohne den Umweg über die Medien gehen zu müssen. Ich habe das Gefühl, dass sich die großen Jungs immer schwerer damit tun, ihr Versteckspiel erfolgreich am Laufen zu halten. Darum auch: „you can’t stop the lights from turning on, dull these words but back they come hard and strong.“

„TWIN PEAKS“

Wir haben einen einwöchigen Abstecher nach Frankreich gemacht, und „Twin Peaks“ ist der einzige Song, der aus dieser Zeit auf dem Album gelandet ist. Wir hatten einfach all unser Aufnahme-Equipment in den Wagen gepackt und waren zur Familie von Jack Baker aufs Land gefahren in Frankreich; dort angekommen bauten wir also alles auf, und genau genommen entstanden diverse Songs während dieser Sessions – und vielleicht wird davon auch später noch mal was erscheinen – aber was dieses Album angeht, fühlte es sich richtig an, genau diesen Song dafür auszuwählen. Die Woche selbst war grandios: Vollkommen abgeschnitten von der Welt, konnten wir uns voll und ganz auf die Musik konzentrieren und schauen, was dabei herauskommt. Komplett im Kasten war „Twin Peaks“ natürlich noch nicht, als wir zurückkamen, aber ich habe dann zu Hause noch den Text und die Melodie überarbeitet und dann hat’s gepasst. Was die Harmonien angeht, hatte ich wohl Prince im Hinterkopf. Hört man auch deutlich raus, den „Purple“-Einschlag...

BREAKDOWN

Dieser Song entstand ehrlich gesagt, als es mir gerade nicht besonders gut ging. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, ist schließlich keine Therapiesession hier, aber ich war auf jeden Fall ziemlich traurig: Ein paar Freunde hatten sich entschlossen, zum nächsten Ort weiterzuziehen – wo oder was auch immer dieser Ort sein mag – und dazu kam, dass ich echt wütend war auf einen Menschen, der mich mies behandelt hatte, wie ich fand. Problem war nur, dass ich meine Gedanken dazu irgendwie nicht ordnen konnte. Und genau aus dieser Stimmung heraus entstand nun also dieser Song, der teilweise wie ein Mantra funktioniert, dessen wichtigste Worte wohl das „Let go“ sind. Loslassen! Abschließen mit dem Thema! Irgendwann wird wohl jedem klar, dass die Sachen von uns Besitz ergreifen, an denen wir zu verkrampft festhalten, die wir nicht loslassen können oder wollen. Und damit sie uns nicht ganz auffressen oder zum Durchdrehen bringen, muss man sich auch mal wieder locker machen. Let go!

„TO DUST“

Der Song soll unter anderem eine Ode ans Finanzamt sein – und überhaupt an alles, was vollkommen überflüssig zu sein scheint, aber doch einen Großteil unserer wertvollen Zeit in Anspruch nimmt: Der ganze Papierkram halt. „To Dust“ entstand, als ich gerade eine Reihe von unschönen Briefen erhalten hatte, woraufhin ich sogar eine Abneigung gegen meinen Briefträger entwickelte – wobei der bestimmt ein ganz akzeptabler Kerl ist! Mir war das einfach zu viel, und so entstand also „To Dust“, was leider auch bedeutet, dass ich nun jedes Mal an diese Zeit erinnert werde, wenn ich das Stück live singe. Trotzdem kann sich bestimmt jeder damit identifizieren!

„CITIZENS“

Das ist noch so ein Stück, das schon vor einer ganzen Weile entstanden ist. Wir haben „Citizens“ dann immer wieder anders gespielt, bis eines Nachts diese Version dabei im Studio entstand: Es war drei Uhr in der Früh, wir hatten schon den ganzen Tag lang an den anderen Songs gearbeitet, und eigentlich brauchten wir nur etwas, um nach so einem verrückten Tag hinterm Mischpult mal wieder ein wenig herunterzukommen. Man hört wohl auch das Rauchige in meiner Stimme raus - aber es ist ja auch ein Ruf zu den Waffen... „stop and think a little about what you’ve got/citizens of planet earth don’t get caught in the catch/just take a little time to contemplate/are you still moving on everytime you fall...“

„I LOVED YOU“

Den hier hat Alex geschrieben. Er sah darin ursprünglich einen Disco-Track, und so präsentierte er mir „I Loved You“ auch zunächst, nur konnte ich damit nichts anfangen und schlug daher vor, einfach mal das Tempo zu drosseln, das alles etwas zu reduzieren – und diese Version fühlt sich nun genau richtig an. Inhaltlich geht’s dabei um einen verflossene Liebe, die man sich zwar zurückwünscht, aber andererseits auch genau weiß, dass es nichts bringt, dass es vorbei ist; es geht also schon um Trauer und um Herzschmerz.

 

Am 24. Mai 2013 spielt Alice im Postbahnhof Berlin

 

Beats International
Peter & Stephan GbR
email: sven@remove-this.beatsinternational.com oder birgit@remove-this.beatsinternational.com

 

mehr
Treffer: 66
Top