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Exklusiv Interviews

18.04.2017 detailverliebte Kreationen für Frauen

GFDK - Steffen Schraut

Seit 2002 entwirft der deutsche Modemacher STEFFEN SCHRAUT minimalistische und gleichzeitig detailverliebte Kreationen für Frauen mit einer raffinierten, femininen Komponente – und vor allem mit Trendund Stilsicherheit.
"Ich möchte Lieblingsteile entwerfen, die Frauen viele Jahre lang tragen, weil sie sich darin wohlfühlen."

Die Mode liegt STEFFEN SCHRAUT quasi in den Genen: Aufgewachsen im schwäbischen Familienunternehmen Blusen Hämmerle, bekam er schon früh einen Einblick in das Business. Stationen bei Escada, Hirsch und als Trendscout bei Peek & Cloppenburg folgten.

Steffen Schraut - Mode-Designer mit Gespür

Seine jahrelange Erfahrung und sein treffsicheres Gespür für das was kommt, helfen ihm im Prozess der Ideenfindung und bei seiner kreativen Arbeit. Dabei steht immer das Produkt im Mittelpunkt und weniger der Kreative, der es erschafft.

Schon früh erkannte die Modegröße Albert Eickhoff sein Talent und ermutigte ihn zu einem eigenen Label. Innerhalb von zehn Jahren hat STEFFEN SCHRAUT es geschafft, sich in der Branche als Top-Marke zu etablieren.

STEFFEN SCHRAUT entwirft luxuriöse Mode mit Wohlfühlcharakter und einem Hauch Sexiness. Figurbetonte Schnitte in den Größen 34 bis 44. Modisch,  attraktiv und unaufgeregt chic. Seine Looks unterstreichen stets die Persönlichkeit der Trägerin.

Seine Zielgruppe: Die Frau mitten im Leben, sowohl Mutter als auch Tochter. STEFFEN SCHRAUT legt sehr viel Wert auf das Zusammenspiel von Proportionen, Konturen und edlen Materialien – alle Musteranproben finden an „echten“ Frauen statt. Schließlich soll jede Frau in STEFFEN SCHRAUT eine gute Figur machen.

Steffen Schraut "Mode soll unkompliziert sein"

Der Modeunternehmer STEFFEN SCHRAUT entwirft zusammen mit seinem Design-Team pro Saison eine KOLLEKTION zu je drei Lieferterminen. Knappe Orderstrukturen von 10 Tagen ermöglichen es STEFFEN SCHRAUT frühe Auslieferungen zu gewährleisten und auf Trends zu reagieren. Moderate Preise sind ebenfalls ein Plus von STEFFEN SCHRAUT: "Mode soll unkompliziert und ein Mitnahmeartikel sein."


STEFFEN SCHRAUT ist international in den besten Stores vertreten. Seine Kollektionen befinden sich bei Premium-Händlern in über 20 Ländern weltweit, u.a. im KaDeWe in Berlin, bei Breuninger in Stuttgart, bei Unger in Hamburg, bei Apropos in Köln und Düsseldorf, bei Föger in Österreich, bei Lorenz Bach in der Schweiz, bei LuisaViaRoma in Florenz und weltweit online bei Stylebop.com – und dort ganz selbstverständlich neben allen namhaften Designern. 2012 feiert STEFFEN SCHRAUT mit seinem Label sein 10- jähriges Jubiläum.

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28.03.2017 Terrani fotografiert die Stars

GFDK - Gottfried Böhmer

Der in Köln geborene Marcel Terrani ist einer Künstlerfamilie entsprungen. Der Großvater war Fotograf und sein Urgroßvater Maler. Und so lag es wohl in der Wiege, dass der Enkel auch zu den Künsten neigte - wenn auch über Umwege.

Seine berufliche Laufbahn begann als Mediendesigner/-gestalter für den WDR, obwohl er einen Studienplatz an der Columbia University in Kalifornien für Regie hatte. Den konnte der junge Marcel aber nicht antreten, da der Staat Kalifornien pro Semester 10.000 Dollar Kapitalnachweis forderte und so musste die künstlerische Laufbahn noch etwas auf sich warten lassen.

Aber vor 10 Jahren war es dann soweit. Der innere Ruf drängte zur Kunst und Marcel Terrani hat etwas daraus gemacht. Heute gehört er zu den Künstlern, die von Ihrer Kunst leben können. So kostet ein Original 5.000 Euro, aber es gibt auch kleine Editionen, allerdings nur in DIN 4-Größe.

Eine Besonderheit ist auch, dass Marcel Terrani seine Stars meistens selber fotografiert. Wie er den Kontakt zu diesen findet, bleibt sein Geheimnis. Die Basis seiner Arbeit ist die Medienkritik, über die er im übrigen auch wenig schmeichelhafte Worte findet.

Privat ist Marcel Vater eines zweijährigen Jungen. Er reist mit Vorliebe nach Holland, wegen deren Architektur. Er ist begeisterter Cineast, liebt französische Filme und wer ihn treffen will, kann das in der Kunstbar, dem ehemaligen Wartesaal in Köln tun.

Hier läuft auch seine aktuelle Ausstellung, zu deren Eröffnung 400  Gäste kamen. Es war so voll, dass der Künstler große Mühe hatte in seine Ausstellung zu kommen.

die kunstbar
chargesheimerplatz 1
50667 köln

Dr.Wolfgang Delseit über die Ausstellug  »Paparazzo« von  Marcel Terrani

Der »Paparazzo« wird definiert als ursprünglich scherzhafte, heute jedoch übliche Bezeichnung einer bestimmten Art von (Berufs-)Fotografen (der Sensationsjournalist à la Bild-Zeitung ist eine ähnliche Kategorie), die Prominenten in von denen unerwünschte Art und Weise nachstellen, getarnt, versteckt oder ganz offen in deren Privatsphäre eindringen. 

Der Paparazzo ist sensationslüsternd, sucht den richtigen Moment für den »Abschuss« seiner »Beute«, der ›berühmten‹ Persönlichkeit, die er am liebsten in einer kompromittierenden Situation ablichtet, damit er die Neugier der ›normalen‹ Menschen am Leben der Anderen befriedigen kann.

Paparazzi arbeiten zumeist für Boulevardmedien. Erstmals verwendete der italienische Regisseur Frederico Felline den Begriff für den aufdringlichen Pressefotografen, den Walter Santesso im Film La dolce vita (1960) verkörperte.

Nun denn, wer die Arbeiten von Marcel Terrani kennt, ist erst einmal irritiert angesichts des Ausstellungstitels Paparazzi. Terranis Arbeiten kamen bisher gar nicht so »sensationslüsternd« des Weges, gar auf Effekthascherei ausgerichtet…?!

Doch wer die Bilder, die hier ausgehängt und aufgestellt sind, betrachtet, wird schnell erkennen, dass es hier eben um eine andere Form des »Paparozzotums« geht:

Man findet keinen betrunkenen David Hasselhoff, der vor sich hinlallend einen Burger zu verspeisen sucht, keine derangierte Brittney Spears, keine alt gewordene Amanda Lear, die sich mit jugendlichem Latin-Lover am Strand vergnügt…

Terrani zelebriert den Künstler, die Künstlerin. Unterkühlt in Silber die Männer, selbstbewusst und wärmer in Gold die Frauen; ikonografisch abbildet mit Auriole und einer Aura von Entrücktheit.

Terranis Bilder gefallen, sind dekorativ, auch kommerziell (was kann sich ein Künstler auch Schöneres wünschen) – passen eigentlich in jedes Ambiente; sie darauf zu reduzieren, hieße die Intention des Künstlers zu verkennen!

Die Bilder sind Manipulationen! Manipulationen eines groben Ausgangsmaterials – im vorliegenden Fall: PR-Bilder, gestellte Bilder, von den Künstlern selbst freigegebene Bilder, keine Schnappschüsse minderer Qualität, sondern Hochglanz-Fotos, eigene und diverser namhafter Fotografen, die Plattencover oder Coverseiten von Magazinen zieren.

Davon ausgehend bearbeitet Terrani das Bildmaterial mittels Computer neu, bringt es in einen anderen Zusammenhang, gibt zutatengleich neue Komponenten hinzu.

Schönheit und Ästhetik dominieren die Bilder auf den ersten Blick; dann folgt die Verstörung des Betrachters, der Denkanstoß – mögen diese in der ungewohnten Kombination einzelner Gegenstände zu finden sein oder in den eingebauten Textteilen.

Lady Gaga, deren Song der Ausstellung ihren Namen gab, und deren Bild den Besucher der Ausstellung begrüßt – spielt mit dem Paparazzi-Image: die Schmike verlaufen, die Frisur kunstvoll zerzaust, mit Stahlkorsage

Rihanna begrüsst lasziv – im Maske und von Stacheldraht umhüllt – mit Welcome to the Kit-Cat-Club

Beyonce streicht über selbstbewussten Blickes über ihr wohlgeformtes Gesäß: Ass…sylum.

Penelope Cruz’ Blick verrät: Be an original

Justin Timberlake kommt als sensibler Swanlake daher.

David (»Dave«) Gahan (Sänger der britischen Synthie-Popgruppe Depeche Mode) als Personal Jesus – fast der Realität einer Drogenhölle entrückt.

Heidis (Klum) – offener, selbstbewusster Blick sagt uns: Tja, ich weiß, was ihr über mich denkt, aber es ist mir egal…

Madonna – gekreuzigt oder die Welt umgreifend, fast tragend, ein Sinnbild vermeintlich ewig-währender Schönheit, teilt uns mit: Enjoy Plastic Surgery, denn Lancaster does not help.

Aus der Rolle fallen zwei Bilder:

In Prada – Buy or Die rekurriert Terrani auf seine Anfänge als Collagist. Das Bild zeigt viele Komponenten früherer Arbeiten (etwa den über das Stacheldraht springenden Soldaten, die Matroschka-Figur, das Prada-Girl), die Terrani mit neuen Einflüssen und Bildaussagen anreichert.

Verschiedene Bilder desselben Titels kommen dem, der einige Arbeiten von Marcel kennt, in den Sinn; aber man achte einmal auf die Jünger, mit denen Russel »Jesus« Crowe sein Abendmahl teilt…

The holy Vincent entspricht zwar seiner Machart den anderen heute hier gezeigten Bilder, doch nirgendwo ist die Aureole augenscheinlicher als hier: I Vincent say: Fuck the Gallery.

Im Blick des Gezeigten ist nicht Selbstbewusstsein, sondern der Zorn des Verkannten, des zu Lebzeiten gescheiterten Genies. Und es ist nicht – wie es sich dem Betrachter aufdrängen will – das Bild von Kirk Douglas als Van Gogh… Doch dazu mag Ihnen der Künstler selbst etwas erzählen können.

Und zuletzt: Es mag sein, dass sich nicht jedem Betrachter die Botschaft der Bilder erschließt – doch auch das ist legitim: Ein jeder kann die Ästhetik der Bilder genießen, ohne einen Schlüssel zur Bedeutung mitgeliefert zu bekommen. Erfreulich in Anbetracht der Tatsache, das die »Sucht nach tieferer Bedeutung« (Olaf Hauke) den Kunstmarkt noch immer beherrscht…

I'm your biggest fan

I'll follow you until you love me

Papa-Paparazzi

Baby, there's no other superstar

You know that I'll be your

Papa-Paparazzi

                    Lady Gaga, Paparazzi

 

Ich bin dein größter Fan

Ich verfolge dich bis du mich liebst

Papa-paparazzi
Baby es gibt keinen anderen Superstar

Du weißt, das ich dein

Papa-Paparazzi sein werde

 

 

 

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14.02.2017 ohne Konsum und Luxus

GFDK - Gottfried Böhmer

Ein Leben für Tiere - Eine bemerkenswerte Geschichte aus Deutschland. "Er will den sogenannten Nutztieren eine Würde geben und erreichen, dass immer mehr Menschen das anerkennen und darauf hin auf Fleisch- und Milchkonsum verzichten".

Ohne Günter Garbers wären der Highland-Bulle Schmusi und die Schweine Rudolf und Steiner längst auf dem Schlachthof gelandet. Der Tierfreund aus Seevetal hat sie gerettet. Immer wieder nimmt er Tiere bei sich auf.

Menschen, Marken und Produkte

Die kleine Schafherde von Günter Garbers betreibt Landschaftspflege auf einem Deich an der Seeve. Sie genießt bei ihm ihr Gnadenbrot, ebenso wie seine kleine Ziegenherde. Zehn Hektar Ackerland bewirtschaftet er zur Gewinnung von Heu und ist als einer der letzten Schafscherer in der Region gefragt.

Ohne Konsum und Luxus

Ein Leben für die Tiere, das ist die Mission von Günter Garbers. Der kauzige Bartträger aus Glüsingen, der ursprünglich Landschaftsarchitektur studiert hat, lebt heute ein ungewöhnliches, selbst gewähltes Leben, ohne Strom, Konsum und Luxus.

Seine Tierrettungsaktionen bringen ihn regelmäßig in die Schlagzeilen der Lokalpresse und halten den 63-Jährigen immer auf Trab. In seinem Arbeitsleben ist Garbers viel herumgekommen. Als gelernter Schäfermeister hat er in Großbritannien und Neuseeland gearbeitet.

Und er hat in seinem Beruf viel erreicht: 1984 gewann er sogar die Deutschen Schafschurmeisterschaften. 20 Jahre lang zog er mit einer Herde von 1.000 Tieren durch die Lüneburger Heide, lebte damals vom Schlachten der Schafe und Fleischverkauf.

Ein würdiges Leben bis ins hohe Alter für seine Tiere

Vor 20 Jahren kam die große Wende: Er entschied sich aus Liebe zu den Tieren für ein veganes Leben und gab den Beruf des Schäfers auf. Er beschloss, keine Tiere mehr zu töten, und wurde Tierschützer. Der 63-Jährige lebt vom Biogemüseverkauf auf Wochenmärkten und ist als einer der letzten Schafscherer in der Region gefragt. Das Wohl der Tiere ist jetzt sein Leben, seine Mission.

Der streitbaren Tierschützer am 22.02.2017, 21:00 Uhr, NDR Fernsehen

Der Hof von Günter Gabers erwirtschaftet natürlich keine Profite, aber bei der Haltung und Pflege der Tiere fallen hohe Kosten und viel Arbeit an. Neben dem täglichen Futter sind tierärztliche Untersuchungen notwendig, auch müssen Zäune erneuert und am Hof immer wieder Kleinigkeiten ausgebessert werden. Wenn sie seinen Hof unterstützen möchten setzen sie sich direkt mit Günter Garbers in Verbindung.

Die Dokumentation aus der Reihe "Tierische Typen" begleitet Günter Garbers bei Tierrettungsaktionen und porträtiert einen streitbaren Tierschützer mit seinem außergewöhnlichen Engagement.

Die Ziele des Tierschützers

Die vegane Bewegung zu unterstützen und bundesweite Patenschaften für seine Tiere zu ermöglichen.

Medienberichten über die Arbeit von Günter Garbers finden Sie unter:

Günter Garbers bei Blogsport
Hallo Niedersachsen – Eine zentnerschwere Freundschaft

Günter Garbers
Am Mühlenbach 17
21217 Seevetal
Tel: 004916091355112

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19.01.2017 Portrait des Monats

GFDK - Michaela Boland

Ihr Metier war lange Zeit reine Männerdomäne. Wenngleich sich der Anteil weiblicher Vertreter auch in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöht hat, befinden sich die XY-Chromosomenträger in diesem Fach mengenmäßig noch immer klar im Vorteil.

Doch diese Tatsache muss sich gar nicht immer so schlecht auswirken, findet sie: Kabarettistin Sylvia Brécko.

Eine Frau mit jeder Menge Energie. Seit 2007 ist sie mit ihren Programmen erfolgreich auf deutschen und europäischen Bühnen unterwegs und begeistert ihr Publikum mit gesellschaftspolitischen Themen, die sie mit einem Augenzwinkern auf wunderbar leichte Art und Weise aufrührt. Kurzweilig, vielfältig und dennoch tiefgründig, so will die Kölnerin mit österreichischem Pass ihre Zuschauer unterhalten.

Dass ihr dies seit Langem gelingt, beweist schon mal ein Punkt: Das empfehlenswerte aktuelle Programm, die-Dauerbrenner One-Woman-Show mit Text und Musik: "Liebling, wir müssen reden" wird im Oktober von der schon sehnsüchtig erwarteten Fortsetzung ("Liebling, wie war ich?“) abgelöst und befasst sich mit dem immerzu aktuellen Mann-Frau-Thema. Zwar geht es nicht nur um die Kommunikation zwischen den Geschlechtern, sondern ebenfalls um Verständigung an sich, die allgemeine Unterhaltung und um Werte.

Große Sprachkrise

Doch vor allem setzt die ausgebildete Schauspielerin eine Beobachtung um: Die große Sprachkrise, auf die wir ihrer Meinung nach zusteuern. "In vielen Schulen wird immer weniger Deutsch gesprochen und die deutsche Sprache nicht mehr richtig erlernt", konstatiert sie.

Sicherlich nicht von der Hand zu weisen, denn seit sich schockierende Erlebnisse von der Bildungsfront sogar aus erster Hand in Lehrerdokumentationen wie beispielsweise der mit dem Titel "Isch geh Schulhof" bis in die  Bestsellerlisten hoch katapultierten, wie wir seit Autor Philipp Möller wissen, erhärtet sich der Verdacht, dass es mit korrekter Sprache hierzulande tatsächlich abwärts gehen könnte.

So schildert auch Sylvia Brécko, wie sie zwar manchmal über Gespräche zwischen Jugendlichen, die sie beim Bahn fahren hin und wieder zwangsläufig mitbekomme, lache, ihr aber jenes Lachen gleichzeitig im Halse stecken bleibe. Immerhin: Derartiges eignet sich regelmäßig ganz gut fürs Kabarett.

Wo sich die Diplom-Sportlehrerin sonst noch Inspiration holt, wie sie neben ihrer Sprech- Tanz- und Gesangsausbildung auch noch einen Magister in Theater-Film- und Fernsehwissenschaften sowie Germanistik und Kunstgeschichte erworben hat, während sie beim WDR moderierte und Filme machte, hat sie beim Gespräch im Klettenberger Café 333 verraten.

Sylvia Brécko erinnert an die Filmdiva Marlene Dietrich

Mit ihren 1,75m, blauen Augen, der hellblonden Mähne und einer Traumfigur lässt Sylvia Brécko gewiss so manches Männerherz höher schlagen. Zwar ist die Wahlkölnerin, die um ihr Alter ebenso ein Geheimnis macht, wie einst Marlene Dietrich und Fragen hiernach regelmäßig genau wie die legendäre Filmdiva mit den Worten, "Der Geburtsschein ist ein Gerücht, das eine Frau jederzeit durch ihr Aussehen dementieren kann", abbürstet, längst in festen Händen, doch  Bewunderer sind der gebildeten Kabarettistin sicher.

Einst habe sie ein Programm über weibliche Mythen gemacht. Neben der gerade zitierten Dietrich seien darin auch Edith Piaf, Marilyn Monroe, Judy Garland und Tochter Liza Minnelli vorgekommen.

Ein Kulturamtschef habe sie daraufhin im Jahre 2007 gefragt, ob sie sich denn nicht auch vorstellen könne, politisches Kabarett zu machen. Doch reine Politik reizt die Blondine weniger. "Ich bin ein politisch durchschnittlich interessiertes Wesen", sagt sie. "Um politisches Kabarett zu machen, musst du überdurchschnittlich an der Politik interessiert sein", findet Brécko.

Immerhin sei sie auf diese Weise jedoch dazu gekommen, es einfach einmal mit gesellschaftspolitischem Kabarett zu versuchen. "Ich habe dann mit Beziehungskabarett begonnen", erzählt sie. "Daran habe ich Spaß, da stehe ich hinter, das sind meine Themen", bekräftigt sie ihre Entscheidung. Wichtig sei ihr, dass ihr Publikum einen schönen unterhaltsamen Abend habe und sich in den darauffolgenden Tagen und Wochen immer einmal wieder daran erinnere, was sie gesagt habe und Dinge wiedererkenne.

Dass ihre Vorstellungen durchaus für Bewusstseinserweiterungen sorgen, bestätigen die zahlreichen E-Mails, die sie häufig als Reaktion auf ihr Programm von Zuschauern erhält. So schrieben ihr die Menschen beispielsweise, "Genau das habe ich dann auch gesehen." Auf die Frage, ob man es nach ihrem Dafürhalten als Frau im Kabarett grundsätzlich schwerer habe als ein Mann, antwortet sie: "Offenbar hat man es schwerer".

Das siehst du ja schon daran, dass es wesentlich weniger Frauen gibt, die Kabarett machen", doch fügt sie lachend hinzu, "das hat ja auch Vorzüge, dass wir in der Minderheit sind". Hintergrund: Vor kurzem war Sylvia Brécko auf einem Ball eingeladen und konnte sich als Stargast für eine geplante Kabarettveranstaltung der Lions ins Gespräch bringen. So wurde ihr nämlich gesagt, dass es doch durchaus etwas wäre, wenn sie als erste Frau dort aufträte, nachdem man bisher nur Männer gehabt habe. "Ich lasse das auf mich zukommen und fühle mich in der Szene nicht benachteiligt", erklärt die im Sternzeichen des Löwen Geborene.

Benachteiligt dürfte sich auch Kollegin Carolin Kebekus derzeit keineswegs fühlen. Der weibliche Shootingstar, der 2011 sein Debütalbum "Ghetto Kabarett" herausbrachte, Deutscher-Comedypreisträgerin und seit 2013 Ensemble-Mitglied der heute-show ist, sorgte jüngst mit dem bei RTL ausgestrahlten, eigenen Programm "Pussyterror Teil 1 und 2" für hohe Einschaltquoten. "Was hältst Du von dieser etwas platteren, aber kommerziell recht erfolgreichen Art des Humors der Kollegen, wie beispielsweise Kebekus und Barth aus dem Comedy-Bereich", möchte ich von Sylvia Brécko wissen.

" Auch wenn es heutzutage sehr durcheinander fließt und man es vielleicht nicht mehr so trennen kann, wie man es einmal konnte, unterscheide ich immer noch zwischen Kabarett und Comedy. Auch denke ich, dass es für jede Richtung, ob es nun rein politisches, gesellschaftspolitisches Kabarett oder Comedy ist, eine Klientel gibt.

Es gibt für alles überall ein Publikum und von daher hat alles seine Legitimation", antwortet die Kabarettistin diplomatisch. Überhaupt: Ihre Ausdrucksweise ist gewählt, die Anmutung elegant. Dann zitiert sie die von ihr hochgeschätzte Kollegin Gerburg Jahnke mit den Worten, "Comedy macht man wegen dem Geld und Kabarett wegen des Geldes".

Welche Motivationen auch immer hinter den Menschen stehen mögen, als Freiberufler bedarf es hin und wieder eines langen Atems. Da trifft es sich gut, dass Durchhaltevermögen durchaus eine Stärke Sylvia Bréckos` zu sein scheint.

Bevor die Tochter eines Österreichers endlich ihre Abschlüsse in Theater-Film und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte sowie Sport machte, absolvierte sie parallel zum Studium noch ihre Schauspiel-, Tanz-, Gesangs- und Sprechausbildung, fungierte als Ansagerin im WDR Fernsehen, moderierte bei der Hobbythek an der Seite von Jean Pütz und arbeitete als Realisatorin für die Lokalzeit im Sender.

"Ich musste immer mehrere Dinge auf einmal machen", erinnert sich Brécko, gibt aber weiterhin zu, "ich habe auch ziemlich lange studiert". Das Beiträge machen sei aber auf Dauer nichts für sie gewesen, gesteht sie. "Ich wollte immer ein Kunstwerk aus den Filmen machen. Für mich musste es immer eine Dramaturgie haben“, erklärt die früher einmal leicht Rothaarige. "Ich war nicht so ein schneller Produzierer und habe mir dann einfach gesagt, `das machen andere besser`".

Es sei "input-output-mäßig" gewesen, man habe unglaublich viel recherchieren und vorbereiten müssen und hinterher nur einen Dreiminüter gehabt, der dann einfach so verpufft sei. Demgegenüber hat sie in ihrem derzeitigen Betätigungsfeld jedwede Gelegenheit ihre Vorstellungen umzusetzen. "Im Theaterbereich entwickle ich eine Show, aber ich kann sie dann auch immer wieder reproduzieren und immer wieder aufs Neue leben und erleben", erläutert Sylvia.

"Wie bestückst du deine jeweiligen Programme, gibt es da einen bestimmten Ablauf", frage ich die passionierte Bühnenfrau. "Es gibt natürlich Arbeitserfolge. Das heißt, man setzt sich hin, man hat den Druck, ich brauche auch immer den Druck, habe jetzt meine Premiere für das Programm auf den ersten Oktober festgelegt und das heißt, ich muss mich einfach hinsetzten und schreiben", erklärt Brécko. Sie treffe sich sodann alle ein bis zwei Wochen mit ihrer Regisseurin und müsse dort auch etwas abliefern.

"Den Ehrgeiz habe ich natürlich, damit wir beide dann produktiv arbeiten können." Zunächst würden einzelne Nummern, die zu einem größeren Themenkreis gehörten, verfasst, die dann in der Gemeinschaftsarbeit sprachlich verfeinert und in eine Dramaturgie gebracht werden müssten. Derzeit laufe sie mit extrem offenen Augen und Ohren durch die Gegend und alles, was ihr auffalle und zu ihrem Thema passe, schreibe sie sogleich auf.

Ihr Geheimnis: Ein kleines rotes Buch, was sie stets bei sich führt und worin sie alles notiert, was ihr in den Sinn kommt, was sie erlebt oder sieht. Inhaltlich, so verrät sie schon einmal, gehe es im geplanten Fortsetzungsstück, "Liebling, wie war ich?" um Dinge, die etwas zu tun hätten mit Ängsten, Unsicherheiten und Selbstbewusstsein, die sich im Leben eines Künstlers oftmals abwechselten. Dieses gewisse Wirrwarr von Emotionen und Zuständen, denen man sich eben auch als Künstler ausgesetzt sehe.

So soll sich dann mit der Premiere am ersten Oktober der "Liebling-Kreis, nach, "Liebling, bin ich zu dick?" und "Liebling, wir müssen reden!" schließen. Getreu dem Motto ihres letzten Trilogie-Teils, "Liebling, wie war ich?", richtet sie als Künstlerin diese Frage, wohlgemerkt in subtilerer Weise, um sich zeitnah ein erstes Feedback einzuholen, spätestens in der Pause gleichsam an ihre private Begleitung.

Eine Art Personal-Kritiker, der bei jeder Show dabei ist und den Verlauf von Anbeginn mitverfolgt? Gut, ein solches Menschen-Barometer zu haben, doch gibt es eigentlich auch Möglichkeiten, die Kabarett-Tauglichkeit des Erdachten schon im Vorfeld auszutesten, interessiert es mich. Brécko`s Testphase sah, wie sie erzählt, wohl immer folgendermaßen aus: "Ich habe zuvor immer befreundete Pärchen zu mir eingeladen und dann haben wir Dinner & Show gemacht." Soll heißen:

Es habe zunächst eine kleine Vorspeise gegeben, Brécko trug erste Show-Elemente vor, es folgte eine Pause, die Zeit für erstes Feedback der Freunde ließ, bevor nach dem Hauptgang der zweite Programmteil zum Besten gegeben worden sei, und das Multitalent Brécko sich nach dem Nachtisch die ehrliche Abschlusskritik hat einholen dürfen. Auf dieses Weise konnte die Künstlerin erkennen, wo etwas ankam und wo nicht.

Ihr häufig gemischtes, aber tendenziell eher intellektuelles Publikum bewegt sich hauptsächlich zwischen 35 und 55 Jahren, wobei ihr jüngster Fan gerade mal zwölf Jahre zählt, die ältesten durchaus schon 80. Gelegentlich verirrten sich durchaus auch solche Menschen in ihre Vorstellung, die wegen des Titels ein Programm mit Mario-Barth-Charme erwarteten. "Was mir auffällt, ist, dass die Leute im Theater heute wesentlich mehr den Anspruch haben, im Sinne eines Schenkelklopfers einfach mal so loslachen zu wollen.

Am besten einer nach dem anderen, wobei das nicht immer eine qualitative Aussage ist. Die Menschen sind da heute sehr verwöhnt, gerade wenn sie viel fernsehen, haben sie einfach einen anderen Humorpegel", analysiert Brécko. Die Nachfrage nach ihren Vorstellungen jedenfalls ist groß. So gastierte sie neben Köln, Bonn, Berlin, Rostock, Lübeck, Hannover, Celle und München sogar im schon im Ausland: In Spanien und in der Schweiz erfreute sie deutschsprachiges Publikum mit ihren Shows.

Im Leben der emsigen Sylvia dürfte es in diesem Jahr wohl kaum zu einem Moment der Langeweile kommen. Neben den Vorbereitungen zum neuen Programm im Herbst plant sie nämlich zum einen noch eine Weihnachtsshow und entwickelt als Choreographin die Tanzeinlagen für die in Köln bekannte Karnevals-Tanzgruppe "De Höppemöztjer".

Bei derartig vollem Terminkalender bleibt die Frage: Wo findet die Kabarettistin Entspannung? Ein bis zweimal im Jahr verweilt Brécko, die in Melbourne Verwandtschaft hat, in Australien. Die unglaubliche Natur und das Meer faszinieren die Künstlerin. Sie liebe das Wellenreiten und die Freundlichkeit der Menschen dort mit ihrer positiven Lebenshaltung, was auch für ihr Programm von Bedeutung sei.

" Ich glaube, dass es mir in gewisser Weise gelingt, etwas von der positiven Energie mitzubringen." Sogar als Reisejournalistin für Fachmagazine hat sich Brécko während ihrer Aufenthalte in Australien schon betätigt. In der knapp bemessenen Freizeit schaut sie sich durchaus schon mal romantische Komödien a la Harry und Sally an.

Beim bevorstehenden Arbeitspensum wird sie in nächster Zeit wohl eher kaum dazu kommen. Doch dafür dürfen sich ihre Fans wohl in Kürze auf ein köstliches neues "Liebling-Programm" freuen. Und darin gibts von der ausgebildeten Tänzerin diesmal sogar einen echten Spagat zu sehen.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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29.12.2016 Wie identifiziert man nun aber das Neue als Neues?

Andreas Wildhagen - Christopher Schwarz

2008 führten die Journalisten Andreas Wildhagen, und Christopher Schwarz ein Interview mit Professor Bazon Brock das Exklusiv auf GFDK veröffentlicht wurde. Ob die traditionellen Gesellschaften in der Lage sind neues zu schaffen ist eine Frage die 8 Jahre danach sich ganz neu stellt. Im Angesicht von Donald Trump, einer fast schon verfallenden EU, Konflikten auf der ganzen Welt, war das eine Frage, die sich heute mehr denn je stellt.

Professor Bazon Brock im Gespräch mit Andreas Wildhagen und Christopher Schwarz

Die Geheimnisse der Entstehung von Kreativität und Innovation 

Die Düsseldorfer Journalisten Christopher Schwarz und Andreas Wildhagen* trafen den Ästhetik-Philosophen Bazon Brock in seinem Haus im Bergischen Land.

Schwarz, Wildhagen: Herr Professor Brock, wie entsteht Kreativität in unseren Köpfen?

Bazon Brock: Vereinfacht gesagt, entsteht sie in einer immer erneuten Konfrontation mit etwas Unbekanntem, Unbestimmten, das man seit hundert Jahren in allen Disziplinen „das Neue" nennt. Wenn das Neue neu ist, hat es freilich keine Qualifikation. Wie aber soll man auf etwas eingehen, was neu ist, wenn es dadurch ausgezeichnet ist, keine Bestimmung zu haben?

Die natürliche Methode, die wir heute noch bei jedem Hund beobachten können, besteht darin, das Neue erst zu beschnuppern, weil es irritiert, und es dann zu ignorieren oder zu zerstören. Dass die meisten Menschen vor neuer Malerei davonlaufen oder aggressiv reagieren und nur wenige aufmerksam werden und „aha" sagen, ist also ein ganz normaler, im Evolutionsschema unseres Gehirns fest verankerter Vorgang.

Wir sind von Natur darauf angelegt, auf die Begegnung mit Neuem mit einer Fluchtreaktion zu antworten. Der Kunsttheoretiker Max Bense** hat die Ästhetik von der Informationstheorie herkommend aufgebaut, Max Bill, Architekt, Designer und Mitglied der Künstlerbewegung Abstraction-Creation***, von der Seite des praktischen, künstlerischen Gestaltens  - ich selber in den fünfziger Jahren über den Aspekt des Aktionismus und des Agitprop.****

Wie identifiziert man nun aber das Neue als Neues?

Bazon Brock: Immer in Hinblick auf das Alte, von dem es sich absetzt. Das Neue ist stets definiert durch die Differenz zum Vergangenen. Darin liegt eine andere Pointe beschlossen: Indem ich mich vom Neuen, Unbekannten auf etwas Altes, Bekanntes beziehe, stelle ich nämlich fest: Das Alte ist ja gar nicht alt! Unter dem Druck des Neuen zeigt es interessante, neue Aspekte.

Nehmen wir ein Beispiel aus der bildenen Kunst: die Maler der „Brücke", die deutschen Expressionisten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kunstwelt herausforderten. Ihre Kunst erschien dem Publikum so neu, dass es sich verstört abwandte oder die Bilder gleich auf den Schutthaufen der Kunstgeschichte werfen wollte. Andere dagegen ließen sich vor der damals entstehenden Gestaltpsychologie anleiten, suchten nach Vorbildern, die Ähnlichkeiten aufwiesen mit den Bildern der Expressionisten, und stießen so auf die Werke El Grecos.

Plötzlich sahen sie unter dem Druck der Expressionisten einen alten, fast schon versunkenen Maler, den seit 1614 niemand mehr ausgestellt hatte, ganz anders, eben neu. Unter dem visuellen Terror der Expressionisten entdeckte man El Greco als Zeitgenossen. Auch aus der Architektur kennen wir solche Wiederentdeckungen.

So erinnerten die nackten, kahlen Wände des Wiener Architekturpioniers Adolf Loos an Palladio und Bruneleschi, die ebenso nackte, unfreskierte Wände als Struktursprache der Architektur benutzen. Erst durch Adolf Loos wurde sichtbar, was niemand zuvor bemerkt hatte: Dass Palladio und Bruneleschi dem Publikum pausenlos nackte Wände zugemutet hatten.

Der auf das Neue abonnierte Avantgardist Loos war also mit einem Mal zum Schöpfer einer neuen Sicht auf die Tradition geworden. Die Architektur-Moderne erwies sich als kreativ, indem sie uns zwang, die Tradition mit anderen Augen zu sehen.

Gehört die Orientierung am Alten, das Festhalten von eingeschliffenen Seh-, Hör- oder Denkgewohnheiten nicht eher zu den Bremsern im Gehirn?

Bazon Brock: Nicht unbedingt. Wieso bauen wir mit demselben Gehirn, mit dem unsere Vorfahren Mammuts erlegt haben, heute Atomanlagen? Weil es immer wieder Umformulierungen des längst konventionell und langweilig Gewordenen gab. Weil das Alte keine stimulierenden Informationen mehr bereit hielt.

Das Gehirn kann sich in solchen Situationen zwingen, sich selber zu überraschen. Es kann etwas produzieren, was über das eigentlich Geplante hinaus geht. Dabei ist das Neue gar nicht auf Zustimmung angewiesen. Im Gegenteil: Wo Sender und Empfänger übereinstimmen, gelingt zwar der Austausch, aber es entsteht nicht Neues.   

Sind auch traditionelle Gesellschaften in der Lage, Neues zu schaffen?

Bazon Brock: Durchaus. Da entsteht automatisch Neues durch Uminterpretationen des Alten. Etwa durch das mündliche Weitergeben von Informationen. Das kennen wir aus der Gerüchtekaskade: Spätestens beim vierzigsten Mann, der scheinbar dasselbe erzählt, stellen wir eine Abweichung fest, wahrscheinlich schon viel früher.

Und kann man diese gleichsam naturwüchsige Kreativität organisieren?

Bazon Brock: Die Aufklärung hat es versucht: Sie machte sich das Neue - und die Angst vor ihm - systematisch zunutze, indem sie soziale Institutionen errichtete, in denen das Neue aufgesogen, gespeichert und reflektiert wurde: Akademien, Archive und Museen. Fortschritt in der Nutzung unserer Kultur heißt seither, dass das durch die jeweilige Avangarde neuformulierte Alte aller Zeiten jederzeit präsent bleibt.

Es geht dabei nicht um Ad-hoc-Brains, sondern um das gesamte Wissen, das uns die historische Forschung zur Verfügung stellt. Die Moderne im epochalen Sinn beginnt erst da, wo man die Gleichzeitigkeit aller ehemaligen Vergangenheiten als Gegenwart wissenschaftlich organisiert.

Wirklich Neues gibt es also gar nicht?

Bazon Brock: Doch, aber die, die es in die Welt setzen, sind immer Zwerge auf den Schultern von Riesen. Das Neue entsteht auf der Grundlage der Vergangenheit. Eine Creatio ex Nihilo gibt es nicht. Unsere Devise müsste deshalb lauten: halte immer genügend Ressourcen für die Konfrontation mit der Zukunft bereit, indem Du immer mehr vergegenwärtigte Vergangenheiten produzierst.

So haben wir die Romantik inzwischen als eigenständige Kunstepoche sehen gelernt, für unsere Vorfahren hingegen war sie eine kindische Durchgangsphase zur Vorbereitung des Neoklassizismus. In diesem Sinn müssen Traditionen immer neu geschaffen werden. Jede Gegenwart schafft sich ihr neues Goethe- und ihr neues Tizianbild.  

Gilt das auch für die Werke von Mozart und Bach?

Bazon Brock: Mozarts Kompositionen fußen in der Musiktradition seiner Zeit, er brauchte die Wiener Musikkultur, um zu reüssieren. Bach konnte zwei Kantaten am Tag schreiben, auf Grund seiner Genialität und weil er sich innerhalb eines stabilen Formenkanons bewegte.

Selbst wenn er es versucht hätte, sich zu wiederholen, wären Abweichungen zustande gekommen, schon aufgrund der Funktionslogik des Gehirns, das beim Versuch der Wiederholung des Immergleichen ein Potenzial von Abweichungen erzeugt, die wiederum auf einem Grundtypus bezogen sind. Nur Varianten sind möglich.

Kann Politik kreativ sein. Wilhelm II etwa gilt unter vielen Historikern auch als ein Mann der technisch-wissenschaftlichen Innovation - „mit Volldampf voraus"!

Bazon Brock: Da ist etwas dran. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war jedenfalls höchst effizient in der Organisation wissenschaftlicher Dynamik. Deutschland hatte einiges aufzuholen. Die Engländer hatten 1852 auf der Weltausstellung ihre wissenschaftlich-technische Überlegenheit demonstriert.

Übrigens waren es dann die Österreicher, nicht die Deutschen, die erkannten, dass es nicht nur um politische Vorherrschaft durch industrielle Waffenfertigung ging, sondern um die Produktion von Massenprodukten für ein anspruchsvolles Publikum. Der Konsument und das Markenprodukt wurden im 19. Jahrhundert entdeckt.

In Österreich wurden Hochschulen für angewandte Kunst gegründet, um Qualitätskriterien für industriell gefertigte Gebrauchsprodukte zu entwickeln - zum Beispiel im Design. Es ging den österreichischen Innovatoren darum, einem geschmacks- und bildungsfähigen Publikum zeitgemäßes, gutes Design anzubieten.

Sind Kreativität und Organisation Gegensätze? Kann eine straffe Organisation Kreative vertragen? Oder braucht der Kreative Einsamkeit?

Bazon Brock: Seit der Renaissance ist bekannt, dass extrem entwickelte, kreative Köpfe besonders teamfähig sind. Das können Sie auch bei Walter Gropius sehen. Die Verbindung von Kunst, Architektur und Ingenierskompetenz im Dessauer Bauhaus setzte Teamfähgikeit und offene Kommunikation voraus - so wie in den mittelalterlichen Bauhütten.

Töten militärische Organisationen die Innovationsfähigkeit des Individuums ab?

Bazon Brock: Militärische Planung alten Stils heißt: Die ersten drei Tage nach Kriegsbeginn können wir planen, danach ist Schluss. Heute sind die geplanten Anfangsphasen länger, das nennt man dann Strategie. Aber ein moderner Militär muss auch das Kalkül des Scheitern, der verlorenen Schlacht, mit einbeziehen und sich fragen: Wie reagiere ich darauf?

Diese Fragestellung ist kreativ, sie kann auch impulsiv sein, das Überraschungsmoment ist eine wichtige Waffe, wenn nicht gar die wichtigste. Auf die Unberechenbarkeit der militärischen Antwort kommt es an. Das ist dem Generalstabsoffizier in Fleisch und Blut übergegangen.

Kein Wunder, dass die jüngeren Oberste nach dem Krieg sofort eine Anstellung in der Wirtschaft bekamen. Hitler dagegen hatte keine Strategie, er war ein typischer Laie, ein militärischer Dummkopf. Er hat keinen Gedanken darauf verschwendet, dass er scheitern könnte.

Braucht man für Kreativität Konkurrenz oder schadet sie eher? 

Bazon Brock: Konkurrenz kann in einem Team dazu führen, dass man sein Wissen nicht mehr mit anderen teilt. Deshalb ist in einer kreativen Umgebung Vertrauen von essenzieller Bedeutung. Der Kapitän kann den Winden nicht befehlen, aber er muss auf das Schiff vertrauen. Ich kann mich auf das Nicht-Beherrschbare nur dann kämpferisch einlassen, wenn ich auf einem festen Fundament stehe, um das ich nicht mehr kämpfen muss.

Herr Professor Brock, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

*Dr. Christopher Schwarz und Dr. Andreas Wildhagen sind Redakteure der WirtschaftsWoche in Düsseldorf. Das Gespräch entstand während der Recherchen für den WirtschaftsWoche-Innovationspreis. 

Buchhinweise: **Max Bense: Ungehorsam der Ideen, Köln 1965, ders.: von der Verborgenheit des Geistes, Berlin 1948. *** Eduard Hüttinger: Max Bill, Abc-Verlag, Zürich 1977, **** Bazon Brock: Kopfstand, 1959 

Bazon Brock, 71, ist Professor für Ästhetik und Kunstvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Entwicklung einer Neuronalen Ästhetik. Der Kunstkenner, der sich an Happenings zusammen mit Friedensreich Hundertwasser und mit Joseph Beuys beteiligte, war ordentlicher Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und später an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Anschließend übernahm er die Professur in Wuppertal, wo er 2001 emeritiert wurde.  

Christopher Schwarz ist Redakteur der WirtschaftsWoche und schreibt dort seit acht Jahren in den Ressorts Leben und Reportagen. Der Wiesbadener war vorher Redakteur bei der FAZ. 

Andreas Wildhagen war Redakteur der Wirtschafts-Woche und schrieb dort fast 14 Jahre in den Ressorts Unternehmen, Leben und Reportagen. Der Hamburger war vorher Deutschland-Korrespondent der Tageszeitung DIE WELT und Autor bei Forbes von Burda in München.


Hier geht es zu weiteren Exklusiv Interviews die GFDK mit Künstlern, Schriftstellern, Musikern, und Schauspielern geführt hat

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05.12.2016 MICHAELA BOLAND TRIFFT

GFDK - Michaela Boland

Was ist aus dem „Off The record-Treff“ geworden, fragen sich nicht nur die Kölner. 2010 hat man sich da noch getroffen um nett zu plaudern. Michaela Boland hatte damals für GFDK darüber berichtet.

Köln. Howard Carpendale zeigte sich zu fortgeschrittener Stunde zumindest noch für einige Minuten. Dann hatte der in Durban/ Südafrika geborene Schlagersänger und Komponist jedoch offenkundig noch weitere Pläne und zog von dannen.

Dafür vergnügten sich zahlreiche andere Gäste beim „Off The record-Treff“ im „Consilium“ am Kölner Rathaus um so länger. Ex-Lindenstraßen-Beauty Liz Baffoe kam mit Schauspielkollegen Ivan Robert (Die Anrheiner/ WDR Fernsehen) und genoss die laue Spätsommerabendatmosphäre im Restaurant-Innenhof unter freiem Himmel wohl ebenso wie Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters(SPD).

Baffoe (Diplomatentochter und Schwester von Ex-Fußballspieler und Fernseh-Moderator Anthony Baffoe), die seit 2008 die „Hadiya Wedekind“ in der WDR-Produktion „Die Anrheiner“ spielt, hatte im vergangenen Monat als prominenter Gast an verschiedenen Stationen der A1-Clubtour von Audi durch unterschiedliche Städte in Deutschland und Österreich teilgenommen.

Die spannende Frage jedoch, wie es mit dem in Köln-Mülheim produzierten WDR-Serienhit rund um Menschen wie Du und ich aus dem Veedel, in dem auch Ex-Bläck Föös –Front- Sänger Tommy Engel, Schauspieler Ernst Hilbig und die Krekel-Schwestern, Hildegard und Lotti, mitspielen, weitergeht, war der schönen Liz leider nicht zu entlocken.

Organisator Bernhard Böringer hatte im Namen der aktuellen Gastgeber EMI, Ströer AG und Prinz Verlag erneut zu Kölns edler Cocktail- und Networkveranstaltung „Off the record“ geladen, die nur alle vier Monate stattfindet.

Gemeinschaftlich ins Leben gerufen hatten dieses Event seinerzeit Kommunikationsfachmann Bernhard Böringer und Schauspieler und Ex-Quiz-Taxi Moderator Thomas Hackenberg „Aus der Erkenntnis heraus, dass sich viele Menschen, die sich in dieser Stadt im Medien-, Kultur-, Politik- und Wirtschaftsleben engagieren, oft nur in den eigenen Kreisen bewegen, bietet diese Veranstaltung dem Gast die Gelegenheit mit spannenden „Machern“ aus anderen Bereichen zusammenzutreffen“, heißt es denn auch auf der Hompage des beliebten Events.

Um Exklusivität und Intimität der Veranstaltung zu wahren, seien die Gäste handverlesen und ihre Anzahl auf 180 bis 250 Personen begrenzt, denn Anonymität und Oberflächlichkeit sollten draußen bleiben.

Verhältnismäßig intim konnten so denn auch die Besucher des letzten Treffs miteinander plaudern, nachdem Moderator Andreas Dieck (Deutsche Welle) den Abend eröffnet und Neu-Schrimherrin Elfi Scho-Antwerpes (Bürgermeisterin und erste Vertreterin von OB Jürgen Roters) begrüßt hatte.

Neben „Unter Uns“-Serien-Star Ben Ruedinger (RTL), Karl-Heinz Angsten (Ex-Redaktionsleiter „Schreinemakers live“ sowie Ex-Infotainmentchef bei VOX) und Moderator Wolfgang Link (Zockershow/ RTL 2) folgte auch SportTreff-Veranstalter Hans-Jürgen Schmidt der Einladung Bernhard Böringers und schaute erstmalig bei der „Konkurrenz“ vorbei.

„Eine wirklich gelungene Veranstaltung“, urteilte der gelernte IT-Experte so denn auch über den exklusiven Treff. Hermann Meyersick, Geschäftsführer bei STRÖER (Außenwerbung) verriet, dass er sich nur auf ausgewählten Veranstaltungen sehen lasse.

Der vielbeschäftigte ehemalige Tourismusdirektor der Stadt Münster leitet seit Januar 2008 die strategische und operative Führung der Stöer Deutsche Städte Medien für die Region West mit Sitz in Düsseldorf und freue sich regelmäßig über ein bisschen Zeit fürs Familienleben.

Ob er insoweit der Einladung Hans-Jürgen Schmidts zum nächsten SportTreff folgen wird, bleibt daher abzuwarten. Ebenfalls unter den Gästen: „Mieten Kaufen Wohnen“-Maklerin Simone Berngen . Die elegante Immobilienfachfrau versucht derzeit regelmäßig auf VOX exklusive Behausungen an den Mann oder die Frau zu bringen.

Dabei trifft sie ab und zu sogar schon mal auf prominente Namen. Ob die Wahl-Düsseldorferin dem einen oder anderen beim „Of the record-Treff“ auch schöne Domizile schmackhaft machen konnte, ist allerdings nicht bekannt.

Außerdem zugegen: KOELNER Medientreff-Veranstalter Michael Busemann, Lebensgefährtin Valeria Barth, BILD Köln Redaktionsleiter Hans-Jürgen Schäfer, BILD Redakteurin Stephanie Kayser, Radio Moderator Manuel Japes („Mehr davon“/ UKW 107,1)Express-Chefreporter Philipp J. Meckert und Unternehmer Ralf Dormagen (Lambertz & Dormagen).

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Foto 1)   Valeria Barth und Michaela Boland

Foto 2)   Hermann Meyersick und Hans-Jürgen Schmidt

Foto 3)   Michaela Boland und Bernhard Böringer

Foto 4)   Wolfgang Link, Andreas Dieck und Philipp Meckert

Foto 5)   Hans-Jürgen Schmidt, Hermann Meyersick und Elfi Scho-Antwerpes

Foto 6)   Ralf Dormagen

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02.12.2016 Eine junge, besondere Frau. Hübsch und apart

GFDK - Gottfried Böhmer

Die als Tochter türkischer Einwanderer in Berlin geborene Elif Demirezer schrieb bereits als Teenager ihre ersten eigenen Lieder. Im März 2013 brachte Universal ihre erste Single „Unter meiner Haut“ auf den Markt. Schon Mitte April stieg sie auf Platz 80 der deutschen Single-Charts ein.

Manche Dinge sind einfach nur eine Frage der Perspektive. Eine ausgeprägte Leidenschaft fürs Basteln zum Beispiel, kann nicht nur mit Schere und Papier zum Ausdruck gebracht werden. Elif erklärt uns euphorisch mit leuchtenden Augen: „Du kannst auch mit Musik basteln, du nimmst Eindrücke, Gefühle, vielleicht eine Melodie die dir morgens in den Sinn kommt – und daraus bastelst du dann ein Lied.

Eine junge, besondere Frau. Hübsch und apart

Und genau so bastelst du auch dein Leben. Wir alle tun das!“ Und spätestens seit ihrem berührenden Auftritt bei Inas Nacht mit dem Song „Nichts Tut Für Immer Weh“ Ende 2011 haben viele sehnlichst darauf gewartet mehr von Elif zu hören. Mehr von dieser entwaffnenden Stimme, die unverwechselbar ist und in ihren Songs all die schönen Schnipsel von Erinnerungen weckt, aus denen die Collage unseres eigenen Lebens besteht.

In ihrer ersten Single „Unter Meiner Haut“ geht es um eine besondere Begegnung in einer dieser besonderen Nächte von denen man sich wünscht, dass sie nie enden. Und auch um das, was Elif sich daraus gebastelt hat.

Elif ist nicht abgeklärt. Oft ist sie romantisch

Denn Elif ist eines dieser Mädchen, dieser jungen Frauen, die sich Hals-über-Kopf verlieben: in den vermeintlich „Einen“, mit dem man die ganze Nacht tanzt und „Panic At The Disco“ Songs singt, mit dem man wach bleibt bis weit in den nächsten Tag, aus Angst, dass der Rausch des Zusammenseins enden könnte.

Und der dann, wie so oft, doch geht bevor es verbindlich wird. Elif hat ihn nie wieder getroffen. Doch sie war verliebt, „aber mehr in die Idee, in das, was er sein könnte, in meine Träume, die ich in ihm gesehen habe“.

Portrait des Monats

Wenn sie nicht so große, braune Kulleraugen hätte, könnte man fast sagen sie sei "blauäugig". Aber genau diese ungefilterten, nicht zerdachten Emotionen sind es, die uns berühren wenn wir Elifs Musik hören. Aus den kleinen Momenten und den großen Träumen ihres jungen Lebens bastelt sie ihre Lieder.

Elif veröffentlicht nun ihr erstes Album – ein Album, von dem erzählt wird, dass bereits die ersten Demosongs diese enorme emotionale Kraft hatten, die nun musikalisch vollendet zu hören ist. Ina Müller zumindest schien davon überzeugt zu sein, als sie Elif bereits im Jahr 2011 zu ihrer Show „Inas Nacht“ einlud, um die junge Künstlerin der Welt vorzustellen.

Frischer Wind aus Berlin

Eine junge, besondere Frau. Hübsch und apart, mit schrägem Humor und funkelnder Schüchternheit, bescheiden und mit der Gabe, zu berühren. Eine, der man zuhören möchte wie sie wächst, erlebt, liebt und verliert, versucht und vergibt.  Eine Berlinerin, deren Lieder aus kleinen Momenten und großen Träumen entstehen, in denen wir uns wiederfinden.

Eine Künstlerin, eine Persönlichkeit, die so besonders ist, und dennoch so nah. Man wundert sich eigentlich warum es so eine Künstlerin bisher nicht gab. Bisher. Denn es gibt sie: Sie heisst ELIF.

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13.10.2016 Verständigung zwischen Völkern und Ländern

GFDK - Elisabeth Salwiczek

Während die deutschen Medien seit Monaten einen kalten, heißen Krieg mit Russland herbeischreiben, macht Putin Politik, Kultur-Politik. Selbst die Heute Show schaltete in den Feindmodus um und folgt damit Spiegel, ZDF-Frontal, der TAZ, der FAS, Monitor usw. schrieb zuletzt Albrecht Müller von den "nachdenkseiten". Putin läßt sich davon nicht abhalten weiter auf Völkerverständigung zu setzen. Die Berufung von Professor Hans-Joachim Frey läßt daran keinen Zweifel.

Wladimir Putin läßt keinen Zweifel an seiner Freundschaft zu Deutschland

Professor Hans-Joachim Frey, Vorstandsdirektor und Künstlerischer Leiter der LIVA (Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH, Österreich) sowie Gründer und Künstlerischer Gesamtleiter des SemperOpernballs in Dresden wird Leiter des neuen internationalen Kultur- und Festivalzentrums in Sotschi (Russische Föderation), welches durch das Zentrum für Begabtenbildung „Sirius“ errichtet wird.

Der Bau des modernen, multifunktionalen Kultur- und Festivalhauses auf dem Gelände des früheren Presse- und Medienzentrums der Olympischen Winterspiele von 2014 hat bereits begonnen. Die Fertigstellung soll bis 2019/20 erfolgen.

Erster deutscher Kulturmanager in Russland

Der 51-jährige Kulturmanager und Regisseur wird das komplette Bauprojekt begleiten sowie das künstlerische Gesamtkonzept und mehrere große Festivals entwickeln. Er ist damit der erste deutsche Kulturmanager, der in eine solche herausgehobene Position nach Russland berufen wird.

„Ich bedanke mich für das Vertrauen, das in Russland in mich gesetzt wird, und empfinde die Berufung als eine außerordentliche Auszeichnung und große Ehre. Die Chance, ein so potentialstarkes Kultur- und Bildungsprojekt an einem der zurzeit spannendsten Orte der Welt von Beginn an zu prägen und von baulichen bis zu künstlerischen Aspekten zu begleiten und zur Vollendung zu bringen zu einem der wichtigsten Festivalcenter weltweit, ist faszinierend und von besonderem Reiz.

Verständigung zwischen Völkern und Ländern

Eine solche Möglichkeit bekommt man als Kulturschaffender wohl nur einmal im Leben. Durch meine bisherigen Tätigkeiten und Projekte in verschiedenen europäischen Ländern, in Übersee, Asien und der Russischen Föderation sehe ich die Kultur und die Kunst sowie die Arbeit für und mit etablierten und jungen Künstlern in einer immens wichtigen Brückenfunktion für die Verständigung zwischen Völkern und Ländern, insbesondere auch zwischen Österreich und Russland.

Es gibt wohl keine friedlichere und verständlichere Sprache als die Sprache der Musik. Ich habe mich immer als Brückenbauer zwischen Menschen und Kulturen gesehen und hoffe, das in meiner neuen Funktion in noch wirkungsvollerer Weise tun zu können.

Brücken bauen mit Bildung und Kultur

Ich freue mich darauf, diese großartige ganzheitliche Vision in Russland einerseits für junge Talente und Begabungen mit aufregenden Kulturprojekten und Inszenierungen unterstützen und fördern zu dürfen und andererseits werde ich helfen, aus der jungen und dynamischen Stadt Sotchi eine der wichtigsten weltweiten Festivalstädte á la „Salzburg am Schwarzen Meer“ zu machen“, erklärt Frey.

Das neue internationale Kultur- und Festivalzentrum wird Teil des Sirius-Wissenschaft- und Bildungszentrums in Sotschi sein. Dieses wurde von der russischen „Stiftung für Talent und Erfolg“ ins Leben gerufen und widmet sich der Förderung junger Talente in den Bereichen Naturwissenschaften, Sport, Bildung und Kultur.

Das neue Kultur-Center, das von weltweit renommierten Architekten erbaut wird, wird als Festivalhaus konzipiert, das unter anderem die Aufführungen von Konzerten, Opern und Ballettveranstaltungen auf höchstem akustischem Niveau ermöglicht.

2018 Opernballgala zur Fußballweltmeisterschaft

Bisherige Stationen führten den gebürtigen Hannoveraner u.a. nach Hamburg, Bremen, Dresden und Linz. Bei zahlreichen Regieproduktionen inszenierte Hans-Joachim Frey in den vergangenen Jahren in Russland und im Fernen Osten. Seit 2014 ist er Berater des Direktors des Bolschoi-Theaters in Moskau. Zudem ist er seit vielen Jahren als Professor in Seoul in Südkorea tätig.

Zehn Jahre war Frey Operndirektor an der berühmten Dresdner Semperoper und ist seit 2006 bis heute der Leiter und Gründer des Dresdner SemperOpernballs, dem er parallel zu seiner Tätigkeit in Sotchi weiter vorstehen wird und der am 3. Februar 2017 zum 12. Mal stattfindet. Im Juli 2018 findet am Vorabend des Finalspieles zur Fußballweltmeisterschaft unter seiner Leitung eine große Opernballgala am Moskauer Bolshoitheater statt.

Über Prof. Hans-Joachim Frey

Hans-Joachim Frey ist ein deutscher Kulturmanager und Regisseur. Er wurde 1965 in Hannover geboren. 1997–2007 war er Operndirektor an der Semperoper Dresden, 2007–2010 Generalintendant am Theater Bremen. 2006 initiierte Hans-Joachim Frey den SemperOpernball in Dresden und ist seitdem 1. Vorsitzender und Künstlerischer Gesamtleiter.

Seit 2010 ist er regelmäßig mit Projekten in Russland tätig, weitere Regiearbeiten führten ihn daneben bisher nach Weißrussland, Georgien, Bulgarien, Österreich, Deutschland und China. Seit 2012/13 ist er Künstlerischer Leiter der LIVA (Linzer Veranstaltungsgesellschaft mbH) in Linz/Österreich, wo sein Vertrag am 31.12.2017 endet.

Seit vielen Jahren leitet er zudem den Internationalen Gesangswettbewerb der italienischen Oper „Competizione dell’Opera“, dem wichtigsten Europäischen Nachwuchs- und Talentwettbewerb für junge Sänger und Sängerinnen, der gerade sein 20jähriges Jubiläum am Moskauer Bolshoitheater gefeiert hat.

Über das Zentrum für Begabtenbildung „Sirius“

Das in Sotchi befindliche Zentrum für Begabtenbildung „Sirius“ wurde durch die Stiftung „Talent und Erfolg“ geschaffen und nutzt die bestehende Infrastruktur der Olympischen Winterspiele. Dessen Anliegen ist die frühzeitige Identifizierung, Entwicklung und professionelle Förderung talentierter Jugendlicher, die außerordentliche Begabungen in Kunst und Kultur, Sport und Naturwissenschaften zeigen sowie erfolgreich im Bereich technischer Kreativität sind.

Die Bildungsprogramme des Zentrums konzentrieren sich auf drei Bereiche: „Kunst und Kultur“, „Wissenschaft“ und „Sport“. Jeden Monat kommen bis zu 600 Kinder im Alter von 10 bis 18 Jahren aus allen Regionen Russlands ins Bildungszentrum „Sirius“. Seit der Eröffnung haben mehr als 7.500 talentierte Jugendliche aus allen Regionen der Russischen Föderation an den Ausbildungsprogrammen teilgenommen. Über 1.500 Lehrer sorgen in Lernprogrammen, Workshops und Seminaren für die Ausbildung.

 

 

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14.07.2016 MICHAELA BOLAND TRIFFT SKY DU MONT

GFDK - Michaela Boland

Schlussstrich gezogen. 14. Juli 2016 - Aus bei Sky und Mirja du Mont. Nach 16 Ehejahren geben Sky und Mirja du Mont ihre Trennung bekannt.

Meldung 10. Dezember 2013

Sky du Mont erklärte bei "Maischberger" seiner Sicht, warum die FDP scheiterte. Vor allem Blogger, diese "blassen Menschen, die im Keller sitzen und Schinkensandwiches essen", würden heute mit erstaunlicher Häme über die Liberalen herziehen, beklagte sich der Schauspieler. "Ich wurde auch schon auf der Straße angesprochen: Sie sind doch das Arschloch, das FDP wählt", sagte du Mont bei Maischberger.

Meldung 13. August 2013

Sky du Mont ist sauer über Shitstorms.

Seine Frau Mirja hat in einem Interview, das nur gekürzt gesendet wurde, gemeint "Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen".

Im Internet formierte sich schnell eine Welle der scheinbaren Empörung, die Mirja du Mont vorwarfen heuchlerisch und rassistisch zu sein.

Nun platzt Sky du Mont der Kragen.

Er fragt: "Ist Deutschland in der Lage alle Flüchtlinge aufzunehmen? Nein. Es sei beschämend wie zumeist von anonymen Bloggern seine Frau beleidigt wird, nur weil sie ihre Meinung vertritt, die im übrigen von der Mehrheit der Deutschen geteilt wird. Dass viele Menschen in Deutschland Angst vor der Überfremdung haben, ist wohl auch nicht von der Hand zu weisen, so Sky du Mont. Mit der Meinungsfreiheit in dem so liberalen demokratischen Deutschland ist es wohl nicht gut bestellt. "

Hier geht es zum Interview mit Sky du Mont - geführt von Michaela Boland über das Filmgeschäft:

"Die Deutschen mögen nicht, wenn ihre Leute im Ausland Karriere machen - es sei denn, es ist eine blonde Frau"

Er ist ein wahrhaft formvollendeter Gentleman und das kann ich nun höchstpersönlich bestätigen. Sky du Mont (65), charmant, höflich, klug und natürlich immer noch schön. In den mehr als 40 Jahren seiner andauernden Film- und Fernsehkarriere, ob seiner Rollen nur immmerwieder allzu gern als blasierter Beau, schöner Schurke oder unwiderstehlicher Herzensbrecher tituliert, hat er einiges erreicht.

Denn, was viele nicht wussten: Neben mehr als 20 Auftritten in den früheren Freitagskrimis des ZDF, Derrick und Der Alte,  und seinem Mega-Erfolg in Bully Herbigs "Schuh des Manitu", hat der attraktive Bestager unlängst mit seiner Rolle des Count Claus Schenk von Stauffenberg in "War and Remembrance" (dt. Titel: Feuersturm und Asche)  in den USA für Furore gesorgt.

Das preisgekrönte Format, das neben zahlreichen anderen Trophäen wie dem Primetime Emmy oder dem People's Choice Award  1989 sogar den Golden Globe in der Kategorie "Best Mini-Series or Motion Picture made for TV" abräumte, und Star-Regisseur Stanley Kubrik gleichsam derart von du Monts schauspielerischer Leistung  begeisterte, dass dieser den gebürtigen Argentinier blitzschnell und ohne Casting für den Kinofilm Eyes wide shut  an die Seiten von Nicole Kidman und Tom Cruise engagierte, hat in der deutschen Heimat erstaunlicherweise kaum Beachtung gefunden.

Sky du Mont, der seinen Vornamen dem Umstand verdankt, dass der ältere Bruder Christian, welcher noch Probleme mit der Aussprache und die Mutter falsch verstanden hatte, als diese das Baby, das eigentlich Cayetano hieß, nach Hause brachte und mit den Worten, "Das is Cay" vorstellte, stört es nicht. In unzähligen Fernsehproduktionen hat der späte Vater, der seit 2000 in vierter Ehe mit der blonden schönen Mirja verheiratet ist, sein Können in charismatischster Manier unter Beweis gestellt. Du Mont beschränkt sein Talent jedoch längst nicht mehr nur auf die Schauspielerei.

Eigentlich war dem Mann mit den perfekten Umgangsformen von jeher klar, dass er sich gleich mehrere Standbeine verschaffen müsse. Und so ist der Mime auf unterschiedlichen Sektoren unterwegs. Als Werbe- und Hörspielsprecher ist der entfernte Neffe Alfred Neven du Monts mit der wohlklingend warmen Stimme einem breiten Publikum ohnehin längst vertraut. Seine größte berufliche Leidenschaft stellt jedoch das Schreiben dar.

Und so hat der fleißige du Mont in den letzten Jahren bereits sieben Romane veröffentlicht. Derzeit präsentiert Sky du Mont sein aktuelles Buch "Fullhouse: Liebeserklärung an die Chaosfamilie" im Rahmen einer Lesetour. Grund genug, einander zu treffen und für die Gesellschaft Freunde der Künste darüber zu plaudern. Gegen halb sieben sitzt der Schauspielstar schon einige Zeit in seiner schwarzen Limousine vor dem verschlossenen Kulturhaus in Dormagen. Es ist nämlich nicht nur ziemlich kalt, sondern auch noch niemand von den Veranstaltern vor Ort.

Und so bietet mir der kultivierte Autor an, erst einmal in seinem Wagen Platz zu nehmen. Nachdem er mir die Tür zum Einstieg höflich geöffnet und aufgehalten hat, haben wir so Gelegenheit uns ein wenig "warmzureden" , bevor die Verantwortlichen der "Kulle" eintreffen, um letzte Vorbereitungen für den Leseabend vor zahlendem Publikum zu treffen. Auf diese Weise erfahre ich schon mal, wie die vorangegangenen Lesungen gelaufen sind, warum er innerhalb NRWs gerne in Düsseldorf sein Basislager aufschlägt und dass nicht alle Frauen in Sky du Monts Privatleben immer nur blonde Haare trugen.

Michaela Boland:

Sie führen regelmäßig Lesungen durch. Wann genau haben sie damit begonnen?

Sky du Mont:

Ich mache das bestimmt schon seit 20 Jahren. Ich habe schon früher Thomas Mann und Weihnachtsgeschichten gelesen. Ich mache wahnsinnig gerne Lesungen, weil es live vor Publikum ist. Thomas Mann zu lesen, war ein Wendepunkt in meinem Leben, da er ja nun drei Seiten braucht, um die Tür aufzumachen und wenn ich dann 90 Minuten Thomas Mann gelesen und nach 15 Minuten in die Gesichter der Leute geguckt habe, dann wußte ich, dass ich jetzt eigentlich hätte Schluß machen müssen, aber ich hätte die Leute so ungern geweckt.

Doch das traut sich keiner zu sagen. Aber dann habe ich irgendwann mal gesagt, "nein, ich lese jetzt keine ernsten Sachen mehr, sondern ich lese von nun ab etwas Lustiges, worüber die Leute einfach lachen". Als Schauspieler tue ich mich natürlich leicht damit, die Leute zum Lachen zu bringen. Dann habe ich auch noch Patrick Süskind, "Das Parfum", gelesen. Es ist eben immer schwierig, Ausschnitte aus ernsten Büchern zu lesen, weil man nicht weiß, woher kommt er und wohin geht er. Demgegenüber ist es bei etwas Komischem ganz leicht, weil man einfach Anekdoten liest und das reicht.

Michaela Boland:

Was ist für sie das Schöne an Lesungen?

Sky du Mont:

Es ist wie Theaterspielen, live mit dem Publikum Kontakt aufzunehmen. Ich habe ja früher sehr viel Theater gespielt. Das ist einfach ein einmaliges Erlebnis. Gerade jetzt, ich bin ja nun von den prominenteren Persönlichkeiten einer der wenigen, der sein Buch wirklich selber geschrieben hat, und wenn dann die Leute über Dinge lachen, die man sich selber ausgedacht hat, ist das ganz toll, wie ein Dankeschön oder ein Bravo. Das liebe ich.

Michaela Boland:

Gab es auch besondere Erlebnisse mit ihren Zuhörern?

Sky du Mont:

Während der Lesungen  nicht, aber ich unterhalte mich ja dann nacher immer so ein bisschen mit den Leuten. Das mache ich ganz gerne, es geht zwar meistens ein wenig stockend los, doch dann wird es in der Regel recht lustig. Eine Frau stand auf und  fragte: "Wird das Buch verfilmt?" Und ich antwortete, "Keine Ahnung, das weiß ich nicht, warum?" Daraufhin sie: "Dann möchten mein Mann und ich bitte die Hauptrollen spielen, denn bei uns gehts genauso zu."

Oder eine andere Dame stand auf und äußerte eine Frage, die eigentlich gar nichts mit der Lesung zu tun hatte, nämlich folgende: "Entschuldigung, ich habe auch einen Freund, der soviel älter ist als ich, ebenso wie es bei ihrer Frau und ihnen ist. Glauben sie, dass das eine Chance hat?" Daraufhin haben natürlich 200 Leute gelacht und sie bekam ganz rote Ohren. Es passieren also schon manchmal ganz lustige schöne Sachen und das ist nett.

Michaela Boland:

Was möchten die Menschen am Ende einer Lesung denn so von ihnen, der sie einmal gesagt haben, sich darüber bewusst zu sein, dass sie polarisieren, wissen, wenn sie während des Signierens ihrer Bücher die Gelegenheit erhalten, mit ihnen zu sprechen?

Sky du Mont:

Sie fragen, wie ich dazu kam oder woher mein Name Sky kommt. Manchmal auch, was ich gerade drehe. Ganz privat werden sie nicht, das würde ich auch nicht beantworten. Ich polarisiere eigentlich nur noch durch meine politische Gesinnung, die ich inzwischen auch schon etwas eingeschräkt habe. (Anm. d. Red.:Sky du Mont hat zu keinem Zeitpunkt ein Geheimnis aus seiner früheren Unterstützung der FDP gemacht).  Aber ich glaube, dass die Leute durch die vielen Talkshows und Auftritte, die ich gemacht habe, gesehen oder gelernt haben, dass ich nicht so bin wie die Rollen, die ich früher gespielt habe.

Michaela Boland:

In ihrem aktuellen Buch, "Fullhouse, geht es auf humoristische Art um ein Ehepaar, das vor kurzem zu Eltern geworden ist und das Aufzeigen dessen, was sich nach diesem Ereignis so alles im Leben verändert. Wie kam es dazu?

Sky du Mont:

Es ist ja mein siebtes Buch und ich erzähle auch immer vor der Lesung, wie sich das Ganze ergeben hat. Wir waren ganz oft bei Jauch, bei "Typisch Frau -  Typisch Mann" und das war sehr erfolgreich. Dann hat mich ein Verlag angesprochen, ob ich denn mit meiner Frau ein Buch  über das Thema, "Männer und Frauen", was ja ein sehr dankbares ist, schreiben wolle. Mario Barth macht das ja nun ununterbrochen recht erfolgreich.

Das haben wir dann geschrieben und dieses Buch war dann ebenfalls sehr erfolgreich. Dann rief Lübbe (Anm. d. Red.: Verlag in Köln) an und sagte zu mir, wie es wäre, wenn ich nun die Fortsetzung schriebe, nämlich, wenn die Kinder gekommen sind. Also geht es da um die Kinder. Ich habe die ganzen Namen geändert, weil ich schon beim ersten Buch gemerkt habe, dass die Leute sehr stark auf uns reflektieren und meinen, es sei unsere Geschichte, was sie natürlich gar nicht ist.

Michaela Boland:

Noch nichtmal teilweise?

Sky du Mont:

Naja, teilweise. Es ist ja immer das gleiche. Man geht sich auf die Nerven, man liebt sich, man lacht, man streitet sich. Also diese üblichen Klischeegeschichten. Frauen haben Schuhe, Männer haben Technik. Im aktuellen Buch sind natürlich so ein paar Ansätze von uns drin, aber ich würde sagen, mehr als zehn Prozent nicht. Allerdings habe ich bei den Lesungen gemerkt, die Leute nehmen das nicht zur Kenntnis. Die meinen, das ist unsere Geschichte und da habe ich dann teilweise bei Lesungen schon statt des Namens Richter, so heißt die Familie, um die es im Buch geht, den Namen du Mont genannt. Das finden sie dann noch viel lustiger, wenn sie das Gefühl haben, das ist dem passiert.

Michaela Boland:

Gibt es ausschließlich positive Reaktionen auf ihr Buch oder auch schon mal kritische Anmerkungen?

Sky du Mont:

Ich gehe natürlich im Buch sehr zynisch mit Kindern um und da gibt es einen Satz, der lautet: "Ich liebe meine Kinder über alles, vor allen Dingen, wenn sie eine Woche bei meinen Schwiegereltern sind." Auch habe ich da solche Kapitel, in denen es heißt, "Kinder halten nicht jung". Ein einziges Mal hat eine Frau nachher, allerdings sehr nett, etwas dazu gesagt. Da habe ich  sie gefragt, ob sie Kinder habe und sie antwortete, "ja, drei". Also habe ich zu ihr gesagt: "Sagen sie mal ganz ehrlich, wenn die kleinen Monster abends alle um 20.30 Uhr im Bett sind und sie sitzen mit ihrem Mann auf dem Sofa und trinken ein Glas Wein, atmen sie dann nicht tief durch?"  Alle guckten sie an und sie lachte und sagte dann, "ja, da haben sie recht".

Da erwiderte ich, "das ist eine deutsche Angewohnheit". Wissen sie, ich liebe meine Frau, ich liebe meine Kinder, aber manchmal könnte ich sie an  die Wand klatschen. Das ist doch völlig klar. Warum kann man das nicht zugeben? Natürlich liebe ich meine Kinder. Aber sie halten weder jung noch irgend etwas anderes, denn sie kosten irrsinnig viel Kraft und wenn die Kraft vorbei ist, stehen sie auf und sagen, "ich wollte nicht geboren werden" und ziehen dann aus, wenn sie denn ausziehen.

Michaela Boland:

Nun wird im Buch aus der Perspektive des Mannes recht eindrucksvoll geschildert, was plötzlich alles anders ist, wenn man Vater wird. Sie selbst sind verhältnismäßig spät Vater geworden. Hat das nach ihrem Dafürhalten Vorteile?

Sky du Mont:

(lacht) Da habe ich nie drüber nachgedacht, weil sich das vorher einfach nicht ergeben hat. Kinder müssen sich ergeben, finde ich. Vorteile gibt es sicherlich insofern, als ich keinerlei Karriereinteressen habe. Aber, das Schlimme ist, die hatte ich auch vorher nicht. Mir waren Karrieren immer relativ egal. Ich wollte gut leben, ich wollte meinen Beruf dazu benutzen, Geld zu verdienen, aber ich bin nie Schauspieler geworden aus Berufung, wie so viele.

Ich wollte ja eigentlich gar nicht Schauspieler werden. Insofern genieße ich die Kinder natürlich jetzt, weil ich mehr Ruhe habe und vor allem, weil ich selbst auch jetzt ruhiger bin und natürlich, weil ich es mir jetzt leisten kann, zu sagen," nein, ich gehe nicht drei Monate nach Tibet oder sechs Wochen auf das Traumschiff", oder so etwas. Ich sage einfach," nein, länger als zwei Wochen gehe ich nicht weg", und das ist angenehm.

Michaela Boland:

Ihre Kinder haben alle drei interessante Namen. Haben sie die immer gemeinschaftlich ausgesucht?

Sky du Mont:

Was geschieht in einer Beziehung zwischen Mann und Frau schon gemeinschaftlich? Irgendwo übernehmen alle Frauen die Regentschaft nach einer gewissen Zeit. Steter Tropfen höhlt den Stein. Wie kamen wir denn auf Justin? Keine Ahnung. Tara wollte natürlich meine Frau, weil sie "Vom Winde verweht" ganz toll findet und Fayn habe ich tatsächlich geträumt. Ich bin morgens aufgewacht und dachte mir, ich kriege einen Sohn, der heißt Fayn, denn den Namen gibts ja nicht. Aber, womöglich habe ich den doch irgendwo mal gehört oder gelesen oder irgendwas, ich bin ja kein Medium.

Michaela Boland:

Wer weiß?

Sky du Mont:

Ja, wer weiß (lacht). Kleine Glaskugel. Ich habe gerade eine Sendung darüber gesehen, was für schreckliche Namen Eltern ihren Kindern zum Teil geben, wie beispielsweise Winnetou oder Schneewittchen. Das geht ja gar nicht, was tun die ihren Kindern an?

Michaela Boland:

Warum haben sie erst verhältnismäßig spät mit dem Schreiben begonnen, wenn das schon immer ihr Traum war?

Sky du Mont:

Ich habe gar nicht spät damit angefangen, sondern sehr früh. Ich habe mit 19 schon Drehbücher geschrieben, die wollte nur keine Sau lesen. Es ist ja so, dass wir in einem Land leben, wo dieses Können brach liegt, sonst hätten wir nicht solche beschissenen Drehbücher. Die Leute fingen erst an, meine Bücher zu lesen, als ich so einen gewissen Prominentenstatus erreicht hatte. Aber geschrieben habe ich schon immer, denn ich bin jemand, der ganz gerne allein ist.

Da schafft man seinen eigenen Kosmos, und da hat man dann seine Ruhe. Wenn sie etwas schreiben, dann sind sie ja so etwas wie der liebe Gott. Man soll mir das bitte nicht übel nehmen. Sie können Menschen dick oder dünn machen, sie sterben lassen, andere auf die Welt kommen lassen, das ist ganz toll, Schreiben ist ganz ganz toll.

Michaela Boland:

Wo nehmen sie ihre Inspirationen her, wenn sie sich nicht gerade aus dem näheren Umfeld bedienen?

Sky du Mont:

Die fallen mir ein, gerade diese komischen Sachen. Ich will aber, glaube ich, jetzt nichts Komisches mehr schreiben. Ich möchte jetzt etwas Ernstes schreiben.

Michaela Boland:

Wie schnell oder langsam entsteht ein Buch bei ihnen?

Sky du Mont:

Unterschiedlich. Dieses hier ging relativ locker, aber es ist trotzdem eine sau Arbeit. Sie schreiben zehn Seiten und drei bleiben übrig, weil ich eben immer nur nachts schreibe. Ich bin ja tagsüber im Studio. Außerdem habe ich Kinder und einen Hund, der bellt andauernd und der will immer rein und raus und dann wieder rein und dann raus.

Michaela Boland:

Was ist das für ein Hund?

Sky du Mont:

Das ist so eine Mischung zwischen Westie und etwas anderem, nicht ganz so quadratisch wie ein Westie. Er wurde gekauft als ich auf Mallorca gedreht habe. Ich wollte nämlich eigentlich keinen Hund, da ich mein Leben lang Hunde hatte und weil ich weiß, wie das ist.

Michaela Boland:

Vor allem, wenn sie gehen. Wenn sie sterben, ist das auch nicht schön.

Sky du Mont:

Das ist auch ganz schrecklich, ja, ganz schlimm. Dann wurde der Hund gekauft, aber jetzt liebe ich das Viech schon sehr.

Michaela Boland:

Wie alt ist der Hund jetzt?

Sky du Mont:

Drei.

Michaela Boland:

Dann haben sie gewiss noch viel Zeit mit ihm.

Sky du Mont:

Bestimmt. Aber, wenn es regnet, bin ich derjenige, der immer mit dem Hund raus muß.

Michaela Boland:

Das soll die Abwehrkräfte stärken.

Sky du Mont:

Na, toll!

Michaela Boland:

Sie werden wohl eher selten erkältet sein?

Sky du Mont:

Nun, das stimmt schon. Aber trotzdem, das geht auch ohne Hund (lacht).

Michaela Boland:

Sie erwähnten, dass sie tagsüber im Studio seien. Machen sie dort auch Synchronarbeit?

Sky du Mont:

Synchron eigentlich nicht. Ich mache sehr viel Sprache, also sehr viel Werbung und Kommentare.

Michaela Boland:

Man hört ja augenblicklich nicht ausschließlich ihre Stimme in der Werbung, sondern sieht sie dort auch recht häufig im On. Da gibt es gerade einen Möbel-Spot und einen Pralinen-Spot.

Sky du Mont:

Ja, Werbung.

Michaela Boland:

Ihre Stimme klingt übrigens auch am Telefon sehr angenehm warm.

Sky du Mont.

Schön. Ja,  das ist ein Werkzeug. Die Stimme ist ein Instrument. Wir mussten damals am Staatstheater in Berlin  regelmäßig zum Stimmunterricht gehen.

Michaela Boland:

War das 1972 oder 73/74?

Sky du Mont:

Na, wenigstens hat sie mich nachgeschaut. (lacht)

Michaela Boland:

Aber selbstverständlich.

Sky du Mont:

Ja, das war 1972. Das musste man damals und das ist auch gut so.

Michaela Boland:

Ingrid Steeger erzählte vor Kurzem, dass sie keine klassische Schauspielausbildung absolviert habe und sich, nachdem sie mit ihrer Stimme beim ersten Zwei-Personen-Bühnen-Stück nicht bis in die hinteren Publikumsreihen durchdringen konnte, die Bühnenwirksamkeit durch das Spielen erst mit der Zeit erarbeiten mußte. Stimme scheint insoweit ein extrem wichtiges Element zu sein?

Sky du Mont:

Ingrid Steeger hat sich immer in die Regisseure, die sie hatte, verliebt und die haben sie immer schlecht behandelt. Ich kenne sie nicht, aber sie hat mir immer irgendwie sehr leid getan. Eigentlich wäre das schon wieder ein Buch. Ich kenne da noch zwei Schauspielerinnen. Das Gefährliche  ist, wenn man arbeitet, dass man dann sehr nahe ist und als Schauspieler natürlich sehr verletztlich ist.

Man steht ja dann immer auf der Bühne da oben und unten sitzt der Regisseur. Er ist im Dunkeln, sie sind im Hellen und sie sind sehr unsicher, weil sie nicht wissen, ist das jetzt richtig, was ich da mache? Und da entstehen sehr oft Verhältnisse, also dass die Frauen sich in die Regisseure verlieben. Ingmar Bergmann war ganz berühmt, der hat meistens mit seinen Hauptdarstellerinnnen ein Verhältnis gehabt.

Michaela Boland:

War das bei ihm pathologisch?

Sky du Mont:

Da gibt es ja ganz viele. Ich will jetzt keine deutschen Namen nennen, aber da gibt es ganz viele. Und diese zwei Frauen sind alle daran zerbrochen. Weil kaum war das Stück vorbei, war es vorbei.

Michaela Boland:

Dann war der Zauber verflogen?

Sky du Mont:

Ja, aber die Liebe ist geblieben bei denen.

Michaela Boland.

Ist das bei Frauen nicht ohnehin oftmals anders als bei Männern?

Sky du Mont:

Ja, viellleicht. Ich glaube nur, dass Männer schneller darüber hinweg kommen. Männer sind da sehr viel vergesslicher. Aber ich denke, dass die Intensität der Liebe, naja, vielleicht haben sie recht. Wahrscheinlich haben sie sogar recht.

Michaela Boland:

Erinnern sie sich eigentlich noch an die Entstehungsgeschichte ihres ersten Romans, Prinz und Paparazzi?

Sky du Mont:

Ja, das lag daran, dass ich so gerne Krimis mochte und damals habe ich auch in sehr vielen Krimis gespielt. Da war natürlich immer so der Gedanke dahinter, dass wenn ich ein Buch schreiben, dieses vielleicht auch verfilmt werden würde. Es wurde dann auch prompt verfilmt. Zwei sind ja von mir verfilmt worden. Aber, wir sind ja so etwas von überladen mit Krimis im Fernsehen heutzutage, dass mich Krimis langweilen. Ich gucke auch im Fernsehen keine Krimis mehr. Ich gucke keinen Tatort.

Michaela Boland:

Was, sie haben jetzt ihren Kollegen Til Schweiger verpasst? (lacht)

Sky du Mont:

Nein, den habe ich nicht verpasst, den habe ich mir angeschaut. Haben sie ihn gesehen?

Michaela Boland:

Nur ein bisschen davon, bin, wie häufig abends, leider eingeschlafen.

Sky du Mont.

Genau. Da haben sie mich dann angerufen und ich habe gesagt, "wenn ihr irgendwelche Promis anruft, wird kein Mensch sagen, dass der Tatort Scheiße war". Vielleicht nicht wegen Til Schweiger, sondern wegen des NDR, klar. Aber haben sie "Unsere Mütter, unsere Väter" gesehen?

Michaela Boland:

Leider nicht.

Sky du Mont:

Da haben sie etwas verpasst. Den müssen sie sich aus der Mediathek herausholen. Das ist für mich, ganz ehrlich, das beste Fernsehen, das Deutschland je gemacht hat.

Michaela Boland:

Warum?

Sky du Mont:

Weil es eine Qualität hat. Es arbeitet eine Geschichte auf, die Dialoge sind unkitschig. Die Kameraführung, die Schauspieler, es ist ein Meisterstück. Ich habe mir den ersten Teil angeschaut, den zweiten und dritten Teil habe ich nicht gesehen, den hole ich mir aus der Mediathek heraus. Das ist ein Muss, das sollten sie sich wirklich anschauen, wenn sie die Zeit dazu haben, denn es ist eine Sensation. Wirklich, ich habe so etwas Gutes noch nie in Deutschland gesehen. Gut, das schauen sie sich eh nicht an.

Michaela Boland:

Wenn sie mir sagen, dass es gut ist, schaue ich mir es an.

Sky du Mont:

Das wäre gut.

Michaela Boland:

Ist der Name du Mont bei der ersten Romanveröffentlichung eigentlich schädlich gewesen?

Sky du Mont:

Nein, das erste Buch hatte natürlich viel Publicity, weil da war "Der Schuh des Manitu" und "Eyes wide shut" und insofern war ich da gerade, wie man sagt, "the flavour of the month" und das war kein Problem. Aber der Name du Mont hat mir zuvor geschadet. Ich heiße ja Neven du Mont, ich komme ja aus diesem Verlag und das hat natürlich früher geschadet, weil die Leute gesagt haben, "der hat so viel Geld, der kommt aus einer reichen Familie, einer Medienfamile". Und mein anderer Onkel war damals Unterhaltungschef des ZDF, und wenn ich eine Rolle gespielt habe, dann haben die Leute gefragt, "sind sie mit dem verwandt?". Wenn ich dann antwortete, "Ja", hieß es, "ach so". Deshalb habe ich das Neven abgelegt.

Michaela Boland:

Offiziell oder nur für Künstlerzwecke?

Sky du Mont:

Nur für Künstlerzwecke. In meinem Pass steht allerdings beides. Da steht Neven du Mont und es steht auch Sky du Mont darin.

Michaela Boland:

Früher gab es ja die Möglichkeit, einen Künstlernamen dort eintragen zu lassen.

Sky du Mont:

Die gibt es jetzt wieder. Das ist witzig. Das wurde vor vier Jahren abgeschafft, weil man gedacht hat, man brauche das nicht. Dann gab es einen Riesenterror. Otto Waalkes und auch ich, wir sind am Flughafen stehengeblieben, denn so war mein Flugticket beispielsweise auf Sky du Mont ausgestellt, im Pass stand allerdings Neven du Mont. Da haben die gesagt," nein, nein, das sind zwei verschiedene Personen". Jetzt haben sie es wieder geändert, aber nicht wegen uns blöden Schauspielern, sondern wegen der ganzen Ordensschwestern und Brüder, denn die heißen ja auch nicht wirklich Bruder Jakob oder Bruder Friedolin und Schwester Anna. Die haben ja auch ganz andere Namen und das ging nicht. Da haben sie das mit den Künstlernamen jetzt wieder eingeführt.

Michaela Boland:

Stimmt es, dass sie eigentlich Marco Claudio Cayetano mit Vornamen heißen?

Sky du Mont:

Ja, das stimmt.

Michaela Boland:

Wäre ihre Karriere wohl als Marco du Mont ebenso erfolgreich verlaufen wie als Sky du Mont? Sky klingt immerhin recht außergewöhnlich.

Sky du Mont:

Es ist so, dass der Verlag geschlossen wurde, meine Familie vor den Nazis geflohen und nach Argentinien gegangen ist. Meine Eltern wollten mich Kai nennen. Das ging aber nicht, denn als ich nach dem Krieg geboren wurde, durfte man dort nur lateinische Namen geben und dann haben mich meine Eltern Cayetano genannt.

Michaela Boland:

Und dann konnte ihr älterer Bruder diesen Namen nicht richtig aussprechen und sagte Sky zu ihnen und so ward ihr Rufname geboren?

Sky du Mont:

Sie kennen die Geschichte?

Michaela Boland:

In Interviews haben sie darüber gesprochen, allerdings war mir nicht bekannt, dass sie zusätzlich auch noch Marco Claudio heißen.

Sky du Mont:

Das sind ja nur zusätzliche Namen, aber, ich glaube  mich haben sie seitdem ich fünf Tage alt war, immer Sky genannt. Und insofern gibt es für mich keinen anderen Namen. Das war ein bisschen schwierig am Anfang. Auch als ich in Amerika gedreht habe, haben die Leute zu mir gesagt. "you have to change your name. It sounds like Babyunderwear" (Anm. der Red.: Sie müssen ihren Namen ändern. Er klingt wie Babyunterwäsche). Ich wechsle nicht meinen Namen, ich heiße halt so.

Michaela Boland:

Sie erwähnten, dass ihre Familie gegen Kriegsende vor den Nazis geflüchtet ist. War das reine Profylaxe, gab es einen jüdischen Hintergrund?

Sky du Mont:

Nein, mein Vater war bei der Abwehr und Canaris wurde ja hingerichtet und diese ganzen Leute, die bei Stauffenberg und Canaris waren, sind deswegen ja alle abgehauen und haben versucht zu fliehen.

Michaela Boland:

Haben sie auch noch die argentinische Staatsbürgerschaft?

Sky du Mont:

Ich habe beide. In Südamerika verlieren sie nie die Staatsbürgerschaft. Letzendlich könnten meine Frau und meine Kinder alle argentinische Pässe haben. Weil die damals nicht genügend Leute hatten, hat man das Gesetz erlassen, dass jeder, der in Argentinien geboren ist, sein Leben lang Argentinier bleibt. Seine direkten Nachkommen dürfen ebenfalls alle einen argentinischen Pass haben. Die sehen schön aus, aus Leder und dunkelblau.

Michaela Boland:

Sind sie, nachdem sie Argentinien verlassen haben, jemals wieder dort gewesen?

Sky du Mont:

Nein, nie wieder.

Michaela Boland:

Bereuen sie das nicht? Wollten sie das Land nie ihren Kindern zeigen?

Sky du Mont:

Meine Kinder interessiert das überhaupt nicht. Mich interessiert es eigentlich auch nicht. Mein Vater hat dort gelebt und der ist tot.

Michaela Boland:

Aber  ihre Mutter lebt noch in London?

Sky du Mont:

Ja.

Michaela Boland:

Wie alt ist sie?

Sky du Mont:

91 und richtig fit.

Michaela Boland:

Hat sie regelmäßig Sport getrieben?

Sky du Mont:

Nein, sie geht nur immer wild spazieren. Aber, sie ist geistig völlig fit. Also ganz toll und: Nichts Alzheimer! Meine Mutter leidet nur darunter, dass ihre ganzen Freunde tot sind. Da gab es eine sehr hübsche Geschichte, die ich einmal in der Süddeutschen gelesen habe. Der älteste Bayer war 108 und da sind sie zu seinem Geburtstag gegangen und haben gratuliert, worüber er sich sehr gefreut hat und sie haben ihn gefragt: "Wie geht das, sie haben so eine ruhige Ausstrahlung?" Da antwortete er: "Finden sie? Also, ruhig wurde ich eigentlich erst als alle meine Kinder im Altenheim waren." Kleine Anekdote.

Michaela Boland:

Sie sind in Argentinien geboren, haben ihre Schulzeit in England verbracht und Abitur in der Schweiz gemacht. Hat dieses frühe Globetrotterdasein ihren Weg in die Schauspielerei in irgendeiner Weise begünstigt?

Sky du Mont:

Nein, Schauspieler bin ich eigentlich durch Zufall geworden. Das wollte ich gar nicht werden.

Michaela Boland:

Sie waren ja zuerst Komparse, nicht wahr?

Sky du Mont:

Ja, so ging das los. Ich lebte ja in England, es gab keine EU und ich arbeitete dort. Als ich dann vom Skifahren zurückkam, haben die mich gefragt, ob ich jetzt wieder in meinen Job zurückginge. Und da habe ich, dumm wie ich bin, gesagt, "das weiß ich nicht". Und das dürfen sie nicht. Auch wenn sie nach Amerika gehen und dort sagen, dass sie einen Job suchen, dann fliegen sie sofort wieder raus. Das war in England auch so.

Dann  haben die mich nach München zurückgeschickt und dann saß ich da ohne Geld, und dann habe ich dort in einem Restaurant Teller abgewaschen und als Assistent eines Gärtners  in Gärten Laub gerecht und auch Komparserie gemacht. Und so wurde ich dann entdeckt und habe dann Schauspielschule gemacht. Also, ich wollte nie Schauspier werden, aber ich habe so mein erstes Geld verdient. Dann hatte ich plötzlich eine Zwei-Zimmerwohnung, ein Auto und eine Freundin und wir konnten ausgehen. Und dann habe ich gesagt, "also, jetzt noch mal irgendwie neu anfangen mit  150 Mark im Monat? Nein, dann bleibe ich lieber dabei, wo ich Geld verdiene".

Michaela Boland:

Sie haben in unzähligen TV-Produktionen mitgewirkt. Allein 21 mal im Derrick und in Der Alte. Erinnert man sich da noch an einzelne Geschichten oder ist das komplett weg?

Sky du Mont:

Ich sowieso nicht.

Michaela Boland:

Sind sie dann überrascht, wenn sie sich in alten Produktionen wiedersehen?

Sky du Mont:

Ich bin kein Sammler, deswegen. Ich sammle keine Fotos, ich sammle keine Briefe. Ich bin niemand, der aufhebt, sondern jemand, der sich sehr schnell von diesen vergangenen Dingen trennt.

Michaela Boland:

Sie leben im Jetzt?

Sky du Mont:

Nein, das will ich nicht sagen. Ich lebe auch in der Zukunft. Ich bin jemand, der sich schon Sorgen macht. Ich habe auch kaum Kinderfotos, vielleicht auch durch das viele Umziehen. Deswegen spielt das keine große Rolle.

Michaela Boland:

Sie haben früher recht viel Theater gespielt. Sie waren am Staatstheater Berlin und in München. Schaut man sich heute ihre Vita an, dann fällt auf, dass bei ihnen in den letzten Jahren nahezu ausschließlich TV- und Filmproduktionen im Vordergrund standen. Warum ist das Theaterspielen ins Hintertreffen geraten?

Sky du Mont:

Ja, ich kann ihnen sagen, warum. Wenn sie Theater spielen, gehen sie jeden Abend auf die Bühne. Wenn ihre Frau oder Freundin sie verlassen hat, ihr Kind von einem Auto angefahren wurde, oder wenn irgendwetwas Schreckliches passiert ist, scheißegal, sie müssen auf diese Scheißbühne. Dieses Opfer bin ich nicht mehr bereit zu geben. Weil ich das selber erlebt habe. Ich habe das auch bei Sonja Ziemann erlebt, da hat sich der Sohn umgebracht und sie stand zwei Tage später wieder auf der Bühne. Das ist es mir nicht wert. Und ich habe sehr sehr schnell die Erkenntnis gehabt, dass viele meiner großen Kollegen, wie Peter Pasetti, sein ganzes Privatleben seinem Beruf geopfert hat.

Sky du Mont:

Kennen sie Peter Pasetti?

Michaela Boland:

Der erste "Die drei ???"-Erzähler und Hitchcock-Sprecher, na klar. (lacht)

Sky du Mont:

Ich habe mit ihm eine Tournee gemacht und er ist als armer einsamer Mensch geendet. Das lohnt sich nicht. Karrieren sind so einfach vorbei. Aber Familien oder Freunde, das bleibt. Das war mir ganz schnell klar. Deswegen hätte ich nie meine Familie oder irgend etwas geopfert für meine Karriere. Ich hatte Glück: Ich war zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle.

Michaela Boland:

Sie haben unter anderem Götz von Berlichingen gespielt und Graf von Stauffenberg gegeben. Ist es dann ein merkwürdiges Gefühl für einen selbst, sich plötzlich auch mal bei "Unser Charly" wiederzufinden?

Sky du Mont:

Ja, natürlich. Aber, das ist mein Beruf und ich mss davon leben, meine Familie ernähren und meine Krankenkasse davon bezahlen. Auch ein Arzt möchte Herztransplantationen machen und sie würden am liebsten Laurence Olivier oder Gregory Peck interviewen. Es ist einfach mein Job. Und, das hat Günter Strack mir übrigens beigebracht, solange ich nicht meinen nackten Hintern in die Kamera hängen oder einen Kindermörder spielen muss, mache ich es.

Michaela Boland:

Also, einen Kindermörder zu spielen, wäre die Grenze?

Sky du Mont:

Nein, das würde ich nicht mehr machen wollen. Ich habe so viele böse Rollen gespielt, das muss nicht sein. Das ist halt mein Job und deswegen mache ich das. Aber natürlich ist das anders, es ist nicht weniger wert, aber es ist anders.

Michaela Boland:

Sie blicken auch auf eine schöne Karriere im US-amerikanischen Fernsehen zurück. Allein in 59 Folgen der weltbekannten Soap-Opera "General Hospital" haben sie mitgespielt. Wie kam es dazu?

Sky du Mont:

Die haben meinen Stauffenberg gesehen. Mein Stauffenberg hat einen Golgen Globe in Amerika gewonnen. Das wurde ja in Deutschland völlig missachtet. Das hat keinen Menschen interessiert. Typisch.

Michaela Boland:

Erfolgte die Beachtung erst als sie neben Tom Cruise und Nicole Kidmann in Stanley Kubriks Kinofilm "Eyes wide shut" gespielt haben?

Sky du Mont:

Ja, aber auch das relativ kurz. Die Deutschen mögen nicht, wenn ihre Leute im Ausland Karriere machen. Es sei denn, es ist eine blonde Frau. Das ist wirklich wahr. Es ist so, dass dieser Stauffenberg sehr erfolgreich in Amerika war, eigentlich auf der ganzen Welt, auch in England. Auch Stanley Kubrik hat mich daraufhin engagiert. Ich war der einzige Schauspieler, der nicht gecastet werden musste, weil er das gesehen hatte. Die sahen den Stauffenberg und haben mich daraufhin nach Amerika geholt.

Ich lebte damals gerade in Scheidung und dachte mir, das ist eine tolle Idee, wenn ich jetzt in Amerika General Hospital mache, weil jeder Schauspieler den Traum von Hollywood hat. Sonne, Palmen. Sehen sie, ich fange nicht mit Karriere an, sondern mit Sonne und Palmen (lacht). Ich habe dann aber gemerkt, dass mir das gar nicht gefällt. Amerika ist nicht mein Land, um dort zu leben. Da kannst du eigentlich nur gut leben, wenn du Geld hast und alle anderen sind arme Schweine. Ich bin ein relativ sozialer Mensch, das mag ich nicht.

Michaela Boland:

Als Soapie in den Vereinigten Staaten verdient man bestimmt nicht allzu schlecht, nachdem es gerade dort seit Langem sogar diverse eigene Hochglanzpublikationen rund um Soap-Operas gibt. Das scheint eine wirklich gigantische Industrie zu sein.

Sky du Mont:

Das Geld war mir nicht so wahnsinnig wichtig. Wenn es nach dem Geld gegangen wäre, hätte ich viele Dinge gemacht. Mir geht es ja gut. Also, mehr als ein Wiener Schnitzel kann ich an einem Abend nicht essen, insofern ist mir das wurst.

Michaela Boland:

Ist die Arbeitsweise der Amerikaner angenehmer als  die der Deutschen?

Sky du Mont:

Ja, die ist toll. Das ist für mich unbegreiflich. Es hat etwas mit der Mentalität zu tun. Wenn eine Produktion einem Steven Spielberg mit 26 einen Etat von zehn Millionen gibt, damit er den Weißen Hai macht, das wäre bei uns undenkbar. Jetzt ändert es sich langsam, denn wir haben jetzt junge Regisseure. Aber hier bei uns sitzen Redakteure, darüber will ich mich gar nicht auslassen, man könnte ja einen ganzen Abend darüber sprechen. Die Amerikaner haben einfach mehr Mut und sie sind professionell und haben einen riesigen Markt, denn sie verkaufen ihre Sachen ja in der ganzen Welt.

Die Amerikaner kaufen grundsätzlich keine synchronisierten Filme, aber alle unsere Filme müssen synchronisiert werden, also kaufen sie sie nicht. Und wenn sie gekauft werden, ist es auch so eine Sache. Wenn einer in einem New Yorker Kino läuft, wo eine Klimaanlage ist, na klar, dann gehen die ganzen Gammler rein, weil es dort schön kühl ist. Man muss die Sachen beim Namen  nennen.

In Amerika ist es unglaublich professionell. Die haben mich damals gefragt, ob wir eine Serie haben und ich sagte ihnen, "ja, die Schwarzwaldklinik", war das zu jenem Zeitpunkt. Da wollten sie wissen, wieviele Autoren an dieser Serie beteiligt seien. Ich antwortete ihnen, "einer". Da sagten sie, "ah, you're full of shit, come on", das konnten die gar nicht fassen. Da sehen sie es schon. Ich glaube, wir hatten bei General Hospital 26 Autoren.

Michaela Boland:

Als die amerikanischen Autoren vor einigen Jahren einmal gestreikt haben, hat dies der gesamten Industrie wohl sehr geschadet?

Sky du Mont:

Und deswegen fielen ja auch viele Veranstaltungen aus, weil die Autoren ja auch die Laudatien für die Stars schreiben. Da geht keiner hin wie Boris Becker und sagt: "Guten Abend meine Damen und Herren, ich bin da um, äh, den besten..." Da fallen mir ja die Augen raus. In Amerika kommen die heraus mit einer Rede, die ist witzig, die ist dramatisch, die ist toll. Alles geschrieben von den Autoren. Und damals hatten die Stars alle keine Leute, die ihnen die Laudatien geschrieben haben, deshalb haben sie gesagt, "I 'm not going". Das war der Grund, warum es ausfiel.

Man kann zwar auch einen Golden Globe ohne Autoren machen, also, die müssen nicht im Publikum sitzen, die Stars müssen dort sitzen, aber die sind nicht hingegangen, weil keiner eine Laudatio halten wollte. Aber das zeigt, wie professionell sie sind. Bei uns geht doch jeder Idiot auf die Bühne. Ich habe ein bisschen beim Echo hereingeschaut. Das ist ja der Wahnsinn, was die so von sich geben. Nicht witzig, langweilig, Til steht auf der Bühne und sagt, "ja, ich brauch 'ne Brille". Das ist ja ein Schenkelklopfer des Monats, meine Güte, wenn sie wissen, was ich meine.

Michaela Boland:

In Stanley Kubriks "Eyes wide shut" hatten sie eine sehr nahe Szene mit Nicole Kidman. Entspricht es den Tatsachen, dass diese eine heftige Knoblauchfahne hatte, worauf sie sie erst aufmerksam machen mussten?

Sky du Mont:

Das stimmt, ja. Die sind es erstaunlicherweise nicht gewohnt, dass jemand kritisch mit ihnen umgeht. Wir konnten sehr gut miteinander, wir waren richtig befreundet, auch mit Tom Cruise. Tom Cruise war ein wahnsinnig netter Kerl. Wir haben sogar über diese Geschichte mit seiner Sekte gesprochen (Anm. d. Red: Tom Cruise ist seit vielen Jahren bekenneder Scientologe), weil da ja ein Film von ihm in München boykottiert wurde.

Die beiden waren ganz toll. Sie erzählte mir immer, "Sky, du musst mitgehen. Wir haben so tolle französische Restaurants und da essen wir abends immer". Da sagte ich zu ihr, "Nicole, das rieche ich. Wir haben hier fast die ganze Zeit Liebesszenen und das ist nicht gut". Ich esse immer Pfefferminz, bevor ich solche Szenen habe, und das sah sie, und dann fing sie auch an, Pfefferminz zu essen. Also, die Geschichte stimmt.

Michaela Boland:

Wie kam der Film insgesamt an?

Sky du Mont:

Es ist ein Film, der gefloppt ist, auch in Amerika. Das liegt daran, dass er sehr männerkritisch ist. Es ist ja nichts anderes als die Geschichte von Schnitzler, dass Frauen damit umgehen können, dass Männer sich einen Playboy kaufen oder Pornos herunterladen, aber ein Mann kann nicht damit umgehen, wenn sie sagt, es war einmal eine Zeit, in der es einen Offizier gab, mit dem ich mir hätte vorstellen können, ins Bett zu gehen, den fand ich unglaublich sexy. Damit kann er ja gar nicht umgehen und geht raus und er sieht jetzt alles nur noch sexuell.

Eigentlich eine geniale Geschichte, denn es stimmt auf den Punkt. Männer können damit nicht umgehen, Frauen ja, denn die müssen es seit Jahrhunderten. Ich glaube, worum es eigentlich geht, haben die alle hier in Deutschland nicht geschnallt. Da ist in dem Film auch so eine riesige Theke mit Frischfleisch, wo die Kamera drüberschwenkt. Dann hat mir Stanley Kubrik, mit dem ich mich sehr gut verstanden habe, gesagt, "das ist absichtlich so". Alles in Stanniol eingepackt, weil, wenn du die ganze Zeit so viel Schönheit siehst, da tanzen ja auch die ganze Zeit nackte Frauen, ist es irgendwann ermüdend. Nehmen sie mal das Besispiel Micaela Schäfer, sie sagt ihnen etwas?

Michaela Boland:

Ja, schöner Körper.

Sky du Mont:

Ja, aber völlig unerotisch. Den hat man so oft in jeder Situation gesehen, dass ich mir sage...(gähnt demonstrativ). Wir kommen vom Thema ab. Jedenfalls ist es ein ganz schlauer Film.

Michaela Boland:

Sie haben bereits mit international großen Namen gespielt wie William Holden, Gregory Peck, Anthony Quinn und Rod Stiger. Ist man da eigentlich grundsätzlich immer ein bisschen aufgeregter?

Sky du Mont:

Ich nicht, nein. Ich habe keine Stars, für die ich schwärme oder so etwas. Die einen waren nett, die anderen waren nicht nett. Anthony Quinn war nicht wahnsinnig nett. Gregory Peck hat mich in sein Herz geschlossen und mich jeden Abend zum Abendessen eingeladen. Also, das ist ganz unterschiedlich. Gregory Peck ist ja nun für mich einer der Megamegamega-Stars der Geschichte. Von dem habe ich unglaublich viel gelernt, was Lebenseinstellung zu diesem Beruf betrifft. Das war ganz  toll. Insofern habe ich schon für ihn geschwärmt, weil er mir menschlich so viele Dinge beigebracht hat.

Michaela Boland:

Was hat er ihnen im Hinblick auf die Lebenseinstellung zu diesem Beruf denn mit auf den Weg gegeben?

Sky du Mont:

Er hat gesagt, dass dieser Beruf nicht sehr viel mit Talent zu tun hat, sondern sehr viel mehr mit Fleiß und Glück. Es gab eine Szene zwischen Laurence Oliver, den ich für den größten Theaterschauspieler der letzten hundert Jahre halte, und ihm. Und da sind wir alle hingeschlichen, denn diese Szene wollten wir alle sehen. Als sie die Szene gespielt haben, hat jeder nur Laurence Olivier angeschaut. Und jetzt kommt der Witz: Im Kino haben alle nur noch Gregory Peck angeschaut. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, was Charisma ist. Ausstrahlung, die kannst du nicht lernen. Der eine hat es, und der andere hat es eben nicht.

Michaela Boland:

Sie haben geäußert, dass wir in Deutschland nicht die Möglichkeit hätten, Schauspieler in alle Alterstufen mitzunehmen. Stichwort: Den Liebhaber geben bis man in Jopie Heesters Alter ist. Warum ist das ihrer Meinung nach hier so?

Sky du Mont:

Richard Gere hat die Liebhaber gespielt, dann hat er die Ehemänner gespielt und in dann spielte er den betrogenen Ehemann. Wenn ein Schauspieler Charisma hat, wie es ja nun die Stars in Amerika haben, und bei uns gibt es ja auch ein paar, die Charisma haben, es gibt sogar ganz viele, wir haben nämlich ganz tolle Schauspieler, wieso nimmt man die dann nicht mit?

Michaela Boland:

Wer kommt da nach ihrem Dafürhalten in Betracht?

Sky du Mont:

Matthias Habich zum Beispiel.  Wow, unglaublich. Einem Regisseur, der mich gefragt hat, wer den Wallenstein spielen könnte, habe ich einmal gesagt, nimm den und den. Aber: Nein. Oder für eine Verfilmung eines meiner Bücher habe ich gesagt, "nehmt doch den O.W. Fischer". Antwort: "Nee, der ist schwierig." Hallo? Wollen die den heiraten und mit ihm zum Abendessen gehen oder wollen die mit dem einen Film machen? Das sind Dinge, die ich nicht verstehe. Viele Menschen sind schwierig und trotzdem arbeitet man mit ihnen zusammen. Man muss das trennen und das wird bei uns nicht so gemacht. Ich finde, Schnaps ist Schnaps und Geschäft ist Geschäft.

Michaela Boland:

Würde es sich lohnen, in diesem Punkt auf die Barrikaden zu gehen, um das Denken  der Besetzer zu ändern?

Sky du Mont:

Nein, es ändert sich doch gar nichts.

Michaela Boland:

Hatten sie jemals Angst davor, ihr gutes Aussehen irgendwann einmal einzubüßen und dass es mit den Rollenangeboten dann schwieriger werden könnte?

Sky du Mont:

Nein, im Gegenteil. Ich habe gesagt, ich bin froh um jede Falte, denn wenn sie in Deutschland gut aussehen, zumindest zu dem Zeitpunkt als ich anfing, wenn man die Nase mit dem Gesicht hatte, dann wurden sie abgestempelt. Ich sollte damals eine Hauptrolle in "Das Erbe der Guldenburgs" spielen, hatte die Bücher auf dem Tisch, habe gelernt und dann hat ein Redakteur vom ZDF gesagt, "Wieso Sky du Mont? Der kann doch nicht die Rolle spielen, das ist doch nur ein Dressman".

Michaela Boland:

Oh, nicht nett.

Sky du Mont:

Naja, das ist bezeichnend. Das ist Deutschland. Erst durch die Soaps sieht man gutaussehende Leute hier. Plötzlich sieht man gutaussehende Frauen und auch gutaussehende Männer. Das ist ganz neu, das gab es ja früher nicht. Je häßlicher, je begabter.

Michaela Boland:

70% der Schauspieler verdienen angeblich zu wenig Geld. Woran liegt das?

Sky du Mont.

Weil wir zu viele in dem Beruf haben und zu wenig machen. Wir sind ein Land, das nur für sich selbst produziert oder vielleicht für Österreich. Die Amerikaner haben ja die ganze Welt, die machen sehr viel mehr. Das heißt, das Angebot an Schauspielern ist viel größer als die Nachfrage. Es gibt ja keine Schauspielprüfungen hier, es gibt keine Schauspielergewerkschaft, keine wirklich funktionierende. In England oder Amerika kriegen sie keine Arbeitsgenehmigung, wenn sie nicht in der Gewerkschaft sind und in die können sie nur hinein, wenn sie ein ausgebildeter Schauspieler sind.

Michaela Boland:

Sie selbst haben ja die staatliche Schauspielprüfung absolviert?

Sky du Mont:

Ja.

Michaela Boland:

Was raten sie jungen Menschen mit unbedingtem Karrierewillen , die in diesen Beruf streben?

Sky du Mont.

Ich würde ihnen erst mal abraten. Aber, viele wollen es ja werden. Da müssen sie Disziplin  und sehr viel Fleiß und sehr viel Geduld haben, weil Karriere zu machen, ist sehr schwer.

Michaela Boland:

Sie sind ja sehr gut im Geschäft.

Sky du Mont:

Das ist aber Glück gewesen.

Michaela Boland:

Trotzdem haben sie sich unterschiedliche Standbeine geschaffen. Lag das auch daran, dass Karriere als Schauspieler doch eher unwägbar scheint?

Sky du Mont:

Das wusste ich von Anfang an. Als ich angefangen habe in diesem Beruf, gab es nur ARD, ZDF und die Dritten. Das wusste ich damals schon, ich brauche mehrere Standbeine, wenn ich mir das leisten möchte, was ich mir leisten möchte. Ich esse sehr gerne, ich trinke gerne gute Weine. Das war mir damals klar, deshalb habe immer sofort auch andere Sachen gemacht. Ich habe moderiert, ich habe geschrieben, alles mögliche.

Michaela Boland:

Sie haben ein Gesellschaftsformat moderiert und Prominente interviewt. Bei welchem Sender war das?

Sky du Mont.

Stimmt, Skylights. Allerdings nicht nur Prominente. Ich habe auch Politiker und Unbekannte interviewt. Das wollten die, dass ich nur Prominente mache, aber ich habe gesagt, "nein, das mache ich nicht. Ich mache dann immer drei in einer Sendung". Ich hatte zum Beispiel Hape Kerkeling, Gregor Gysi und einen Mann, der alle Stradivaris auf der Welt aufkauft und dadurch den Markt so hoch getrieben hat. Wenn du eine Stradivari willst, und die brauchst du natürlich als junger Geiger, dann musst du so und so viel Geld auf den Tisch legen, weil er alle besitzt.

Michaela Boland:

Wo ist es gelaufen?

Sky du Mont:

SWR. Das war eine sehr erfolgreiche Sendung. Dann hat mich damals der Programmchef zu sich rufen lassen und gesagt, "Herr du Mont, sie machen ja leider nur Schwule und Kommunisten". Da habe ich gesagt, "ach so, wen hätten sie denn gerne"? Daraufhin erwiderte er, "ja, ich hätte gerne Dagmar Berghoff". Ich mag Dagmar Berghoff sehr gerne, aber das war nicht die Richtung, in die ich wollte und da war mir klar, das hat keine Zukunft. Aber es war eine tolle Sendung und dann habe ich ja Oskar-Preisträger für Premiere interviewt. Das war ganz toll. Da habe ich Jane Fonda und Douglas und solche Leute interviewt. Aber dann wurde Premiere ja an Sky verkauft, das war es dann.

Michaela Boland:

Sky auf Sky wäre dabei doch gar nicht so schlecht gewesen.

Sky du Mont:

Ja.

Michaela Boland:

Sie sollen ja auch einmal Industriefilme für Wälzfräsmaschinen in Nürnberg gemacht haben?

Sky du Mont:

Ja,  ich musste Geld verdienen.

Michaela Boland:

Das Thema Rente bei Schauspielern ist nach wie vor ein schwieriges. Aus welchem Grund ist das gerade in dieser Berufsgruppe besonders problematisch?

Sky du Mont:

Naja, wenn man nicht regelmäßig einzahlt, dann kriegt man wenig Rente. Ich habe regelmäßig eingezahlt, weil ich natürlich nebenbei immer Sachen gemacht habe. Ich habe gesprochen, ich habe Hörspiele gemacht. Ich habe eigentlich immer relativ  viel gemacht und Sozialversicherung bezahlt. Die letzten 30 Jahre habe ich bestimmt Rentenversicherung bezahlt.

Michaela Boland:

Welche von all ihren Tätigkeiten üben sie am liebsten aus?  Die Schauspielerei, das Sprechen, das Moderieren oder Schreiben?

Sky du Mont.

Schreiben.

Michaela Boland:

Sie engagieren sich politisch für die FDP. Seit wann tun sie das?

Sky du Mont:

Nicht mehr. Ich habe so ein bisschen meine Probleme mit der Partei, gebe ich ehrlich zu. Ich bin liberal, das sind sie auch. Jeder halbwegs intelligente Mensch ist liberal. Es ist nur die Frage, ob die Partei immer das bringt, was man innerlich fühlt. Das geht bei der CDU und bei der SPD genauso. Es gibt eben rauf und runter. Als Herr Willy Brandt an der Macht war, war die SPD meine Partei, weil ich Willy Brandt sehr verehrt habe. Als Helmut Schmidt da war, auch. Im Augenblick ist da so ein bisschen ein Vakuum. Außerdem sind mir sehr unangenehme Sachen passiert. Ich gehe mit meinen Kindern über die Straße und es kommt ein Mann und sagt, "Sie sind doch das Arschloch, das die FDP wählt".

Das passiert mir andauernd. Auch habe ich jetzt wieder Mails bekommen, wo die Leute mich beschimpfen. Das möchte ich nicht, das geht mir auf die Nerven, das finde ich unfassbar.

Michaela Boland:

Das ist auch unfassbar. Rote Teppiche sind ihnen nicht so wichtig. Bringen die in Wahrheit wirklich gar nichts?

Sky du Mont.

Keine Ahnung. Also, ich glaube nicht, dass sie mir jemals etwas gebracht haben. Ich gehe da nur hin, weil meine Frauen da so gerne auf dem roten Teppich sind und das verstehe ich. Die sehen ja auch immer ganz knackig aus mit ihren schönen Kleidern.

Michaela Boland:

Sie sind seit 2000 in vierter Ehe verheiratet. Pflegen sie noch einen guten Kontakt zu den Ex-Partnerinnen?

Sky du Mont:

Über dieses Thema spreche ich nicht.

Michaela Boland:

Sprechen sie nicht? O.k..

Sky du Mont:

(lacht)

Michaela Boland:

Ja gut, wenn sie nicht darüber sprechen...(lacht), aber ich frage sie trotzdem, sie müssen es ja nicht beantworten. Es wirkt nämlich so, als hätten ihre Ehen so ein bisschen nahtlos aneinander angeschlossen.

Sky du Mont.

Das ist bei Männern doch immer so. Männer sind keine Trauerfälle. Männer sind nicht in der Lage, sehr lange allein zu sein.

Michaela Boland:

Ach so, ich dachte schon, sie haben so ein Ehrgefühl und wollten aus ihren Partnerinnen immer direkt eine sogenannte "ehrbare Frau" machen.

Sky du Mont:

Nein, nein.

Michaela Boland.

Hätte ja sein können.

Sky du Mont:

Nein.

Michaela Boland:

Wenn man mit einem so guten Aussehen bedacht wurde wie sie, hat man es dann schwerer als andere Männer, sich vor weiblichen Angeboten zu retten?

Sky du Mont:

Ja. Eindeutig. Ach nein, wir meinen etwas anderes. Ich habe ja viele Kollegen erlebt, die dann Karten bekamen und dann im Lift angemacht wurden und so. Das ist mir nie passiert. Das ist mir wirklich nie passiert. Vielleicht wirke ich unnahbar, keine Ahnung, ich weiß es nicht. Also, als ich jünger war, hat mich das schon ein bisschen geärgert, muss ich ehrlich sagen. Ich musste immer sehr hart arbeiten, um meine Frauen zu erobern.  Das ist wirklich kein Scherz jetzt. Ich musste richtig ackern. Viele meiner Partnerinnen waren sehr unnahbar.

Michaela Boland:

Hat das nicht auch wesentlich mehr Reiz?

Sky du Mont:

Finden sie? (lacht). Ich weiß nicht.

Michaela Boland:

Sagt man doch häufig so, was leicht zu erlegen ist, verliere den Reiz.

Sky du Mont:

Ja.

Michaela Boland:

Sind sie ein gläubiger Mensch?

Sky du Mont:

Nein.

Michaela Boland:

Sind sie katholisch oder evangelisch oder waren es?

Sky du Mont:

Ich war katholisch.

Michaela Boland:

Sind sie ausgetreten? Ja. O.k.

Sky du Mont:

Ja. (lacht)

Michaela Boland:

Was halten sie von der getroffenen Papstwahl?

Sky du Mont:

Ist mir völlig schnurzpiepegal.

Michaela Boland:

Interessiert es sie gar nicht?

Sky du Mont.

Also, ich hoffe, dass es ein guter Papst ist, weil die katholische Kirche ja im Prinzip sehr viel aufzuarbeiten hat und sehr viele Menschen an diese Kirche glauben und insofern wünsche ich denen, dass es ein guter Papst wird. Ich bin ja Papst als Argentinier. Tja, sie nicht mehr. (lacht).

Michaela Boland:

Cool. Waren sie vom Rücktritt Papst Benedikts des XVI. schockiert?

Sky  du Mont:

Nein, im Gegenteil. Ich empfand das als eine sehr menschliche Reaktion. Und ich ahne, dass er vielleicht zurückgetreten ist, weil er gesehen hat, was da für ein Klüngel im Vatikan ist, wie es da zugeht. Und das finde ich ganz toll, dass ein Mann in dem Alter die Größe hat, und krank ist er, aufzustehen und zu sagen, "nein, ich will damit nichts mehr zu tun haben" und ich glaube, dass es daran lag, dass er zurückgetreten ist. Finde ich aber toll.

Michaela Boland:

Was sagen sie zur EU-Enteignungspolitik in Zypern?

Sky du Mont:

Unfassbar. Das geht gar nicht. Das ist unglaublich, das geht nicht. Man kann das auch nicht damit rechtfertigen, dass da irgendwelche Russen Schwarzgeld haben. Enteignung ist Enteignung. Wo sind wir denn? Das ist eine Katastrophe. Mich wundert, dass nicht durch ganz Deutschland ein Aufschrei geht, vor allem von meiner Partei.

Michaela  Boland:

Sind sie ein sparsamer Mensch?

Sky du Mont:

Nein, aber ich bin einer, der rechnen kann.

Michaela Boland:

Da sage ich: Chapeau! Haben sie irgendwelche abgefahrenen Hobbys, was machen sie in der Freizeit?

Sky du Mont:

Nein, (lacht), ich habe keine abgefahrenen Hobbys.

Michaela Boland:

Sport?

Sky du Mont:

Ja, Sport mache ich. Ich reite und ich fahre sehr gerne Ski.

Michaela Boland:

Schauspielkollege Heiner Lauterbach äußerte wiederholt, dass seine heutige Ehefrau ihn geradezu "gerettet" habe. Hat ihre jetzige Frau, Mirja, sie womöglich auch in irgendeiner Hinsicht, "gerettet" ?

Sky du Mont:

Nein, also gerettet hat mich noch keine Frau. Aber sie hat mir sehr viel gegeben, indem sie einfach mit Konsequenz gesagt hat, dass sie Kinder haben möchte, sonst würde das bei uns nicht funktionieren. Diese Ehrlichkeit schätze ich sehr an einem Partner. Ich wollte eigentlich keine Kinder mehr haben, weil ich sehr unter dem Verlust meines älteren Sohnes gelitten habe. Das war eine ganz schwere Zeit. Und heute bin ich froh, dass sie das gemacht hat, weil das ganz toll ist. Ich freue mich tierisch über meine zwei kleineren Kinder.

Michaela Boland:

Haben sie bei einem verhältnismäßig großen Altersunterschied in der Partnerschaft, so wie es bei ihnen der Fall ist, auch manchmal Sorge, dass es vielleicht irgendwann zu Ende sein könnte?

Sky du Mont:

Ja, klar. Locker bin ich aber nie in einer Beziehung gewesen. Ich hatte immer Verlustängste.

Michaela Boland:

Gerade sie?

Sky du Mont:

Ja, große.

Michaela Boland:

Was tut ihr Bruder, dem sie ihren schönen Namen verdanken, heute?

Sky du Mont:

Der macht nichts mehr. Der wird ja jetzt 70 und der macht gar nichts.

Michaela Boland:

Interessieren sie sich für bildende Kunst?

Sky du Mont:

Ja. Ich verstehe nicht sehr viel davon. Ich finde Malerei sehr interessant. Ich war heute bei meinem Onkel, der hat mir tolle Bilder gezeigt, wahrscheinlich irsinnig teure. Ich wusste wieder nicht, wer das war. Ich gebe zu, dass ich das sehr vernachlässigt habe. Das ist nicht gut.

Michaela Boland:

Lieber Herr du Mont, vielen Dank für dieses Gespräch, alles erdenklich Gute und weiterhin viel Erfolg auf ihrer Lesetour mit "Fullhouse".

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

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12.10.2015 Journalismus heißt auch einordnen und bewerten

GFDK - Michaela Boland

Michaela Boland trifft für die Gesellschaft Freunde der Künste den Journalismus-Experten Prof. Dr. Frank Überall

Zugegeben: Um sich bei Politikern beliebt zu machen, gibt es bessere Wege, als deren Verstrickungen im Klüngel zu enttarnen. Wer  untersucht, wie sich zweckgerichtetes Zusammenwirken am Rande der Legalität vollzieht und die Erkenntnisse dann auch noch veröffentlicht, braucht nicht nur Rückgrat: Er geht im Zweifel sogar ein Wagnis ein. Ihm war dies zum Glück egal: Prof. Dr. Frank Überall.  

Wenngleich die Intention auch wissenschaftlich war, der Korruptionsforschungs-Experte und Journalismus-Dozent hat die Domstadt am Rhein ganz schön aufgemischt. Denn nachdem er über den `Klüngel in der politischen Kultur Kölns` promoviert und auch noch ein Buch darüber herausgebracht hatte, geschah etwas Außergewöhnliches: Verwaltungsmitarbeiter reflektierten plötzlich ihr Tun und Politiker querbeet buchten ihn für Lesungen und Diskussionen zum Thema.

Ob es daran lag, dass der 44-Jährige die „situative Kooperation“  nicht nur verteufelt, sondern zunächst wertfrei unter die Lupe genommen hat, ist nicht gewiss. Doch immerhin zeigte der zweifache Vater, der ein Faible für das Strukturieren hat, Alternativen auf, die zwischenzeitlich Einzug in die Kommunalpolitik gehalten haben.

Es stimmt also doch: Man kann etwas bewegen. Was der Politologe und Medienspezialist vom Schlag des Grossisten  MPV (Mitteldeutscher Presse Vertrieb GmbH & Co KG) gegen den  Bildzeitungs-boykottierenden Edeka-Markt in Chemnitz hält, worin er die Probleme der Studenten von heute sieht und warum Korruption auch sexy sein kann, hat mir der vom Staat berufene Professor jetzt im Vierscheibenhaus des WDR verraten.

Michaela Boland: Was gehört bei der täglichen Zeitungslektüre für Sie zum Pflichtprogramm?

Prof. Dr. Überall:  Beim Kölner Stadt-Anzeiger gehört bei  mir auf jeden Fall der Politikteil zum Pflichtprogramm. Es gehört auch der Lokalteil dazu, da ich ja ursprünglich aus der Kommunalpolitik komme. Da habe ich mit der Berichterstattung begonnen.

Das Schöne ist, dass Köln ja auch bundesweit immer noch so interessant ist, dass man an dieser Stadt selbst dann nicht vorbeikommt, wenn man den Schwerpunkt etwas verlagert hat. Auch die Medienseite ist mir wichtig. Genauso wie Wirtschaft und Kultur. Sport nicht. Ich bin bekennender Nicht-Sport-Leser.

Michaela Boland: Sie sind nicht nur Politologe, Soziologe und freiberuflicher Journalist, der kontinuierlich für Print und Rundfunk wie u.a. die taz und den WDR im Einsatz ist.

Sie sind auch  berufener Professor, Schatzmeister im Bundesvorstand des DJV, betreiben ein eigenes Weblog und sind seit 2012 als Journalismus-Dozent an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln und Berlin tätig.

Wie muss man sich bei Ihnen in Anbetracht dieses Pensums eine typische Arbeitswoche vorstellen?

Prof. Dr. Überall: Sie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es keine typische Woche gibt. Manchmal stelle ich  mit zwei bis drei Tagen Vorlauf fest, „da hast du ja mal einen richtig freien Tag“.

Es sind manchmal etliche Wochenenden hintereinander, die es dann auch durchgeht. Aber in der Tat, kann ich mir eben auch diese Inseln schaffen, was ich in der Vergangenheit oft am Wochenende getan habe.

Meine Kinder werden jetzt 16 und 18 Jahre alt. Da sie zurzeit ihre eigenen Wege gehen, brauche ich mir mittlerweile nicht mehr ganz so häufig die Wochenenden freizuschaufeln. Ansonsten liebe ich aber genau das.

Michaela Boland: Also keine klassische Nine-to-Five-Struktur?

Prof. Dr. Überall: Natürlich ist nun seit 2012 ein gewisses Korsett hineingekommen. Während der Vorlesungszeiten habe ich jetzt natürlich Seminare an der Hochschule und die muss ich geben.

Michaela Boland: Wie läuft das zeitlich konkret ab?

Prof. Dr. Überall: Im Arbeitsvertrag steht, dass ich zwei Tage die Woche im Semester Präsenzpflicht  habe. Das heißt, die ganzen Seminare müssen auf diese beiden Tage gelegt werden. Das ist meistens mittwochs und donnerstags.

Alles andere kann ich ja irgendwo mit dem Laptop unterwegs machen. Das interessiert dann keinen, wann ich Klausuren oder Bachelor-Arbeiten korrigiere.

Michaela Boland: Die Studenten wahrscheinlich schon. Die möchten doch gewiss erfahren, wie schnell es die Arbeiten zurückgibt, oder?

Prof. Dr. Überall: Das geht auf diese Weise meistens sogar noch schneller, als wenn ich dort im Büro sitzen würde. Wenn ich im Büro sitze, kommt sowieso dauernd ein Kollege zum Plaudern rein. Da komme ich auch nicht zum Arbeiten.

Die Studenten merken nur insofern etwas, als sie nicht ohne Weiteres jederzeit bei mir ins Büro kommen können. Was mir aber ohnehin lieber ist.

Michaela Boland: Aus welchem Grund?

Prof. Dr. Überall: Ich unterhalte mich zwar gerne mit jemandem auf dem Flur, aber über eine Bachelor-Arbeit nicht. Da habe ich einfach gerne schon mal fünf Zeilen, wo man sich schon mal erste Gedanken gemacht und sich strukturiert hat.

Denn, wer sich etwas aufschreibt, muss es strukturieren. Dann kann man nämlich ganz anders in das Gespräch gehen. Man muss die jungen Menschen dann auch zwingen, ihre Gedanken mal zu ordnen.

Das müssen sie im Berufsleben später auch tun, denn sie müssen eben auch da eine Arbeitshaltung finden.

Michaela Boland: Hat sich die Arbeitsweise der heutigen Studenten nach Ihrer Auffassung von jener der Studenten von vor 20 Jahren gravierend verändert?

Prof. Dr. Überall: Das hat weniger mit den Kids zu tun, sondern viel mehr mit dem System. Das Bachelor-System ist ein schwieriges. Das hat mit dem Studieren, wie wir es damals gemacht haben, nicht mehr viel zu tun.

Es ist sehr Stundenplan-mäßig, es ist sehr klar, es gibt wenige Wahlmöglichkeiten. Bei uns war es doch so, dass man die ersten zwei Stunden zu einem Professor hingegangen ist und wenn das Seminar doof war, musste der damit rechnen, dass er nach drei Stunden dann allein da steht. Das ist heute alles anders. Sich selbst Themen-Schwerpunkte zu suchen ist schwierig.

Allerdings hat das heutige System auch den Vorteil, zumindest, wenn es um Usability (Anwendbarkeit im Beruf) im Fachbereich Journalismus geht, dass jeder von jeder Mediengattung auch mal etwas gehört und es auch mal selbst gemacht haben sollte. Das halte ich auch für richtig.

Michaela Boland: Worin besteht dann das Problem?

Prof. Dr. Überall: Was ich schade finde ist, dass dieses System auch dazu führt, dass der Workload schon mit reiner stumpfer Anwesenheit so hoch ist, dass die Studenten mit der ganzen  zusätzlichen Vor- und Nachbereitung zu zwei Dingen nicht kommen.

Erstens: Tatsächlich mal Fachliteratur zu einem Seminarthema zur Hand zu nehmen und aus Interesse zu lesen. Zweitens: In der Praxis schon Erfahrungen zu sammeln. Das ist gerade im Journalismus unglaublich wichtig. Möglichst früh anfangen, Referenzen zu sammeln.

Journalismus heißt auch einordnen und bewerten

Michaela Boland: Das Jahr 2015 hat uns Journalisten in puncto Ereignisreichtum bisher nicht allzu viele Atempausen gelassen.

Vom Ausklang sämtlicher Pegida-Demonstrationen, über die Ukraine-Krise, das Charlie-Hebdo-Attentat, den Mord am russischen Regierungskritiker Boris Nemzow, den Wirbel um Milliardenkredite für Griechenland - oder gar den Varoufakis` Stinkefinger, den bewusst herbeigeführten Germanwings-Absturz über den französischen Alpen bis hin zum Fifa-Korruptionsskandal rund um Joseph Blatter.

Wie leicht ist es nach Ihrer Einschätzung heute noch der sogenannten Gatekeeper-Funktion des Journalisten nachzukommen und brauchen wir sie überhaupt noch, wo doch heute eigentlich fast jeder über das Netz publizieren kann?

Prof. Dr. Überall: Genau das ist ja die Aufgabe der Journalisten, da Ordnung hineinzubringen. Derjenige Journalismus im Allgemeinen, der dann von manchen Verlagsmanagern vielleicht nur als Content-Show gesehen wird, die auch noch möglichst billig sein soll, bringt genau das eben nicht.

Nur auszuwählen nach dem Motto, „was nehme ich denn jetzt aus den Agenturen“, das ist kein Journalismus. Journalismus ist eben tatsächlich einzuordnen und auch zu bewerten.

Allein das Einordnen ist eine Reduzierung von Komplexität, von der wir in der Soziologie sprechen. Sie ist für uns lebenswichtig und zwar in allen Lebensbereichen. Gerade im Informationsbereich ist sie besonders wichtig.

Wir brauchen gute Lesestücke

Michaela Boland: Wie gut funktioniert die Reduzierung von Komplexität heute denn noch?

Prof. Dr. Überall: Es gibt sehr viele Missverständnisse in der Journalismus-Forschung. Komplexität heißt da nicht: kurze Texte. Manche Verlagsmanager sagen, „da machen wir kurze Texte und haben so die Komplexität reduziert“ und dann schwafeln sie irgendetwas pseudowissenschaftlich daher.

Aber das ist es ja nicht. Wir brauchen einfach gute Lesestücke, wo beispielsweise auch die Syrien-Krise von Fachleuten mal gut erklärt wird. Das kann dann der Journalist als Experte sein oder der Journalist, der sich Experten anhört,  Meinungen zusammenträgt und mittels professionellen Handwerks und mit professioneller Ethik ein rundes Bild zeichnet. Deswegen haben beispielweise Zeitungen wie die Zeit auch Rekord-Auflagen.

Michaela Boland: Also nicht zu viel Information, die uns überflutet?

Prof. Dr. Überall: Das Ganze geht ja von der Prämisse aus, dass 2015 so unglaublich viel war, was es nie gegeben hätte. Also, eine Spiegel-Affäre im kalten Krieg hatte nochmal eine ganz andere Qualität.

Es ist immer so, dass man den Eindruck hat, dass in der Zeit, in der man gerade ist, besonders viel passiert.  Es ist immer schwierig, da irgendwo den Durchblick zu behalten und es war auch immer schwierig. Mittlerweile haben wir viel mehr Medien, die viel mehr abbilden.

Unser Problem ist natürlich, dass wir medial mittlerweile so viel zur Kenntnis nehmen, dass sich die Grenzen zwischen Journalismus und virtuellem Stammtisch unglaublich verschieben.

Mehr darauf achten, was die Kollegen machen

Michaela Boland: Befindet sich der Journalist trotzdem nicht auf dem Weg vom Gatekeeper zum Gatewatcher?

Prof. Dr. Überall: Es gibt natürlich mehr Player. Journalisten verlieren ihre Gatekeeper-Funktion aber nicht. Da kann man sich drüber streiten, ob sie dann schon zum Gatewatcher werden, was bedeuten würde, dass sie an der Stelle ihre Funktion aufgeben. Und ich sage: Das ist nicht so.

Aber sie müssen in der Tat mehr darauf achten, was ihre Kolleginnen und Kollegen machen und dazu müssen wir eben heute auch Leute zählen, die nicht das klassische Berufsbild des Journalisten erfüllen.

Michaela Boland: Befinden wir uns da nicht schon im Bereich des sogenannten Citizen-Journalism (Bürger-Journalismus), auch Graswurzel- oder partizipativer Journalismus genannt? Wie sehen Sie diese Entwicklung, bei der Bürger durch eigene Medien am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen und durch die neuen Publikationsmöglichkeiten im Internet eine große Verbreitung bewirken können?

Prof. Dr. Überall: Es gibt einige, die da auch hoch qualitativ Lücken füllen. Wir haben ja zum Teil wirklich das Problem, dass  es in manchen Bereichen schon gar keine Tageszeitung mehr gibt und da ist es auch nie so interessant, dass da jemals Radio oder Fernsehen hinkommen würden.

Da, wo Regionalzeitungen sterben, haben wir Lücken gerissen, die zum Teil dann von engagierten Bürgern gefüllt werden. Die eignen sich dann Handwerkszeug an, was wir übrigens mit dem Bürgerradio in Nordrheinwestfalen ganz bewusst installiert haben. Ich habe sogar selbst mal mit Bürgerfunk angefangen.

Michaela Boland: Also in einer demokratischen Ordnung unerlässlich oder auch gefährlich, wenn nun Hinz und Kunz unter dem Deckmantel des Journalismus über das Netz jederzeit alles behaupten und verbreiten können?

Prof. Dr. Überall: Gegen falsche Tatsachenbehauptungen haben wir ja nun ein gutes juristisches Instrumentarium. Wenn es in diese Kategorie fällt, und Verschwörungstheorien hat es immer gegeben, dann ist die Erfindung des Drucks entsprechend auch schon so etwas gewesen.

Ich finde bei diesen Diskussionen immer so putzig, dass man häufig sagt, „Jetzt ist alles ganz schlimm, denn jetzt können die Bürger selbst sagen, was sie wollen“. Ja, und nicht mehr gefiltert durch Leser-Redaktionen.

Es war doch nie so. Es hat auch zur Nazi-Zeit Leute gegeben, die von irgendwelchen Balustraden Flugblätter geworfen haben. Etwas, das wir heute eigentlich hoch verehren. Also lasst uns doch bitte nicht so tun, als ob das alles komplett neu wäre.

Auch gab es damals Bürgerzeitungen von Bürgerinitiativen und Piratensender. Sicherlich hat sich das Schwergewicht verlagert. Nur, ob ich mich auf der Seite von Lieschen Müller adäquat über die Eurokrise informieren kann? Ich glaube, das merkt auch der Dümmste.

Personalisierter Journalismus wird Einzug halten

Michaela Boland: Heißt das, im Prinzip ist alles easy?

Prof. Dr. Überall: Ich habe mich innerhalb der Politikwissenschaften viel mit Rechtsextremismus- und Rechtpopulismus-Forschung befasst und kann sagen, wir bekommen dann ein Problem, wenn  Gruppierungen radikaler Art es schaffen, über Personen eine solche Glaubwürdigkeit in ihren Medien zu bekommen.

Ich wage vorauszusagen, dass wir hier, ähnlich wie in den USA schon jetzt, eine viel deutlichere Personalisierung des Journalismus erleben. Also, dass es Journalisten-Typen gibt, die in der Öffentlichkeit für bestimmte – auch politische – Richtungen stehen.

Eigentlich sagt man im Journalismus ja immer: neutral sein! Aber kein Journalist ist komplett neutral. Es ist natürlich Handwerk, etwas in einem Beitrag erst mal neutral darzustellen und es dann zu kommentieren. Aber selbst das geht ja komplett durcheinander.

Auch in der Süddeutschen, auch in der FAZ. Also, dann kann man eben auch den Mut haben, dass man ganz bewusst sagt, „ja, jemand steht für eine bestimmte Richtung“. Und das wird kommen.

Michaela Boland: Lassen Journalisten Ihrer Meinung nach die persönliche Einstellung niemals ganz außen vor?

Prof. Dr. Überall: Sie außen vor zu lassen, ist in der Theorie eine tolle Idee. Natürlich gehört auch zum Handwerk, keine Information zu vernachlässigen, nur weil sie dem eigenen Weltbild und der eigenen Auffassung widerspricht.

Aber, wenn man sich anschaut, wie Medien heute gemacht werden, stellt man Folgendes fest: In Deutschland hat in den heutigen Medien gegenüber den Medien der letzten 30 bis 40 Jahre eine Boulevardisierung stattgefunden.

Ich nenne es immer dramatisieren, simplifizieren, personalisieren und damit auch emotionalisieren.

Michaela Boland: Funktioniert es anders grundsätzlich überhaupt nicht mehr?

Prof. Dr. Überall: In den seltensten Fällen. Den Text zu verkaufen, in welchem Medium auch immer,  bedeutet auch, ihn in eine moderne Form zu bringen. Da, wo wir im Fernsehen ganz schnelle und harte Schnitte gewöhnt sind und da, wo wir viel mehr Reizen ausgesetzt sind, muss dieses Format eben auch mit irgendwelchen Reizen mithalten.

Medienvielfalt am Leben halten

Michaela Boland: Die Meinungs- und Pressefreiheit, die bei uns in Art. 5 der deutschen Verfassung verankert ist, stellt per se eines der wichtigsten Grundrechte dar, das wir in unserer westlichen Welt haben.

Aufgrund des Boykotts der Bildzeitung des Chemnitzer Edeka-Supermarktes “Heymer“ seit Ende März, durch den die Medienvielfalt dort eingeschränkt wurde, warnen verschiedene Verbände jetzt vor einer „Pressezensur durch den Einzelhandel“.

Wie beurteilen Sie das Verhalten des Supermarkt-Betreibers, der sich mit seinem Boykott gegen die BILD offenbar kleineren Tankstellen, Geschäften und Kiosken angeschlossen hatte?

Prof. Dr. Überall: Ich muss vorweg sagen, dass ich auch ein paar Jahre für die Bildzeitung gearbeitet und auch heute immer noch ganz gute Kontakte dorthin habe.

Außerdem müssen wir sehr klar und fein zwischen einfachen Bürgern und Teilnehmern am System Presse-Grosso unterscheiden. Wir reden ja nicht über Kioskbesitzer Heinz oder Ali, der die Cola-Fläschchen aus dem Programm genommen hat, worüber ich mich auch ärgere.

Natürlich ist jeder Händler erst einmal autonom darin zu entscheiden, was er bei sich ins Regal stellt. In dem Moment, wo ich aber einen Vertrag mit einer Organisation schließe, hier also dem Presse-Grosso, muss ich mich an den Vertrag halten.

Da kann ich nicht den ganzen Tag da sitzen und jede Zeitung von vorne bis hinten durchblättern und sagen, „oh, bei der Bunten hat mir die Wulff-Berichterstattung nicht gefallen, bei der Bildzeitung dieses und bei der Jungen Freiheit jenes nicht“.

Ich finde die Junge Freiheit tendenziell volksverhetzend und halte sie wirklich für äußerst problematisch. Trotzdem: Wenn sie an dem Presse-Grosso teilnimmt, ist sie einerseits viel schlimmer als die Bildzeitung, auf der anderen Seite hat sie aber auch da das Recht.

Dann kann man politisch ansetzen und versuchen, mit den anderen Verlagen irgendetwas zu unternehmen. Man kann sich von mir aus auch an die Öffentlichkeit wenden und sagen, „Ich finde das blöd“.

Aber es aus dem Programm zu nehmen, ist eben einfach nur ein Vertragsbruch. Das System, Presse-Grosso, ist ja auch geschaffen und mehrfach gerichtlich bestätigt worden, um eine Pressevielfalt in Deutschland am Leben zu halten.

Das sind nun mal die Spielregeln, auf die wir uns geeinigt haben. Er kann sich ja aus dem Presse-Grosso insgesamt verabschieden.

Michaela Boland: Das braucht er jetzt wohl nicht mehr, nachdem der zuständige Grossist, MPV (Mitteldeutscher Pressevertrieb), laut Medienberichten zwischenzeitlich die Zusammenarbeit mit  dem Supermarkt gekündigt haben und ihn mit keinerlei Presseerzeugnissen mehr beliefern soll.

Denken Sie, dass diese Maßnahme auch wie eine Art Mahnmal vor Nachahmungsversuchen weiterer Einzelhändler schützen sollte?

Prof. Dr. Überall: Wenn ich mir professionelle Partner hole, und da mag man sich vielleicht darüber beklagen, dass es eine Monopol-artige Struktur ist - diese ist allerdings gesellschaftlich gewollt - dann muss ich entweder das Spiel mitspielen oder nicht.

Da ist das Verhalten des Grossisten nur konsequent. Aber, da würde ich nicht von abschrecken sprechen, sondern davon, dass die logische Konsequenz aufgezeigt wurde.

Er hätte sich ja vorher verabschieden können und dann hätte er eben mit seinem Wägelchen zu Gruner + Jahr fahren und da ein paar Zeitschriften abholen können. Die kann er sich ja dann in den Laden stellen oder er muss sich eben ein System ausdenken.

Als Edeka-Supermarkt gehört er ja auch einer Kette an und  könnte ja nun auch nicht sagen, ich kaufe jetzt bei Rewe meine Sachen, da sind die immer viel billiger und dann verkaufe ich die teurer hier bei Edeka. Da steckt er ja genauso in Vertragsproblemen drin.

Und wenn er sagt, "ich mag aber keine Zitronen“, und ich sage Ihnen, Zitronen können manchmal ganz schön sauer sein, genauso wie die Bildzeitung auch manchmal extrem anstrengend sein kann, die Bildzeitung ist sozusagen die Zitrone des Zeitschriftenregals, aber trotzdem muss ich auch Zitronen verkaufen, wenn ich den Gesamtliefervertrag über Obst und Gemüse eingegangen bin.

Notwendigkeit der Berichterstattung war gegeben

Michaela Boland: Der Protest in Form des Bild-Boykotts richtete sich konkret gegen die Art der Berichterstattung der großen Boulevardzeitung im Rahmen des Germanwings-Absturzes.

U.a. wurde kritisiert, dass der vollständige Name des Copiloten, der den Absturz bewusst herbeigeführt haben soll, Andreas Lubitz, veröffentlicht wurde. Des Weiteren wurde beanstandet, dass auch Personen im Umfeld des Mannes befragt wurden.

Zählt so etwas Ihrer Auffassung nach denn  nicht zum journalistischen Auftrag: die Öffentlichkeit umfassend zu informieren, wenn bei einer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorsätzlichen Handlung viele Menschen mit in den Tod gerissen werden?

Prof. Dr. Überall: Mittlerweile hat der Presserat ja auch eindeutig dazu Stellung genommen. Er hat klar gesagt, den Namen  durfte man dann ab einem gewissen Zeitpunkt nennen.

Es ist ein ganz schwieriger Grat, in dem Moment, in dem es um eine Suizid-Frage geht und dann um den sogenannten erweiterten Suizid. Da muss es eine öffentliche Relevanz geben.

Das heißt, jemand, der vom Hochhaus springt und dabei den Blumenkasten meiner Oma kaputt macht, lässt  jenen Kasten in der Abwägung wohl kaum so wichtig erscheinen, als dass dies ein Medienthema wäre.

Man muss vom Vergleich her manchmal in diese Extreme gehen, um sich das bewusst zu machen. Der Blumenkasten meiner Oma rechtfertigt das nicht, der Tod von derartig vielen Menschen schon.

Das mutmaßlich vorsätzliche Steuern eines Flugzeugs in ein Gebirgsmassiv mit der logischen Folge des Todes aller Insassen hat dann schon eine andere Qualität. Es hat aus meiner Sicht die Notwendigkeit der Berichterstattung gegeben.

Auf der einen Seite konsumieren viele von uns  elektronische und nicht-elektronische Boulevardmedien, das sagen allein die Zahlen. Auf der anderen Seite verurteilen wir unglaublich die Methoden, wie sie an die Informationen kommen.

Ich habe in der Zeit, als ich für die Bildzeitung gearbeitet habe, ein oder zwei Crime-Geschichten gemacht und dann damit aufgehört. Diese Arbeitsweise, irgendwo an Wohnungen zu klingeln und mit Menschen, die gerade einen Angehörigen oder Freund verloren haben, darüber zu sprechen, da habe ich keine Lust drauf. Das will ich  nicht.

Wir dürfen aber auch nicht ganz ausblenden, dass es eben das Interesse daran gibt. Das ist doch im Menschen drin, wenn es dann Medien bedienen, die sich einem ethischen Moralkodex unterwerfen, dann finde ich das auch in Ordnung.

Das muss man aushalten

Michaela Boland: Während sich die Bildzeitung im Zuge der Germanwings-Berichterstattung einem regelrechten Shitstorm im Netz ausgesetzt sah und ob ihrer Arbeit nicht nur kritisiert, sondern Mitarbeiter öffentlich angefeindet und beleidigt wurden, gab es keine Kontrolle  über die ungefilterten und teilweise völlig falschen Informationen, die von Seiten wütender Bürger im Netz verbreitet wurden.

Brauchen wir Ihrer Meinung nach ein spezielles Kontrollgremium auf Seiten der Citizen-Journalisten, so wie es auf klassischer Journalistenseite einen Deutschen Presserat gibt?

Prof. Dr. Überall: Das ist doch albern. Wir sind als Journalisten auch Personen des öffentlichen Lebens und dass wir uns da mit Meinungsäußerung konfrontiert sehen, ist völlig normal. Das, was wir heute Shitstorm nennen, waren früher Leserbriefkampagnen oder das Lästern am Stammtisch.

Michaela Boland: War dieser Wirkungskreis nicht eingegrenzter als die Verbreitungsmöglichkeiten durch das World Wide Web?

Prof. Dr. Überall: Gucken Sie Sich doch mal Filme an, wo etwas vom Stammtisch berichtet wird! Gehen Sie doch mal sonntags morgens zu einem wirklich konservativen Stammtisch, wenn es die noch irgendwo gibt!

Was die Leute da vom Leder ziehen, wenn Sie dem berühmten einfachen Volk mal zuhören. Mein Gott, was die über Politiker herziehen und was die über Journalisten herziehen. Da stehen wir im Ansehen mit Bankern ganz weit hinten am Ende.

Michaela Boland: Trifft Sie so etwas auch schon mal?

Prof. Dr. Überall: Das kriege ich auch im Alltagsleben mit. An manchen Tagen ist es schwierig bei der Kölner Stadtverwaltung anzurufen, weil ich gerade wieder etwas Böses berichtet habe und die stinksauer auf mich sind.

In der politischen Berichterstattung lernen Sie wie in keinem anderen Bereich, den Menschen, über die sie gerade geschrieben haben, möglicherweise noch am gleichen Tag über den Weg zu laufen.

Das muss man aushalten. Und dass diese Menschen auch schon mal ausfallend werden, das muss man auch aushalten.

Manchmal wird man „Arschloch“ genannt

Michaela Boland: Was war das Übelste, was Ihnen da schon mal widerfahren ist?

Prof. Dr. Überall: Es hat diverse unschöne Dinge gegeben, aber das schwierigste war ein damals noch amtierender Politiker, der nachhaltig damit gedroht hat, mich zu verklagen.

Er hatte einen Presserechts-Anwalt auf mich gehetzt und später stellte sich heraus, dass ich mit den Dingen, die ich angenommen hatte, definitiv Recht hatte. Aber, da dieser Mensch auch Jurist ist, hat er eben mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wobei ich  nicht eingeknickt bin.

Manchmal wird man einfach blöd angemacht oder ignoriert oder „Arschloch“ genannt. Das finde ich alles nicht so furchtbar schlimm.

Was jedoch ein extrem mulmiges Gefühl verursacht ist, wenn man kritisch über Rechtsextreme berichtet. Wenn man dann auch noch vor Ort ist, wenn die ein demonstratives Anliegen haben, also die berühmte rechts-/links-Demonstration, dann wird man als kritischer Journalist, gerade bei den Rechtspopulisten, schon mal von der Bühne aus namentlich begrüßt. Beispielsweise, „hier vorne steht dann auch Frank Überall, ein Hetzer vom Westdeutschen Rundfunk“.

Wenn Sie dann 20 Glatzen haben, die recht interessiert zu Ihnen schauen, ist das schon ein merkwürdiges Gefühl.

Michaela Boland: Brauchten Sie da schon mal Polizeischutz?

Prof. Dr. Überall: Nein, Polizeischutz hatte ich noch nicht, aber schon diverse unangenehme Begegnungen.

Alibi-Investigativ-Ressorts nützen nichts

Michaela Boland:  Wie frei wird nach Ihrem Dafürhalten tatsächlich in Deutschland berichtet?

Noch einmal zurück zum Airbusabsturz: Die Auswertungsergebnisse des Voice-Recorders der abgestürzten Germanwings-Maschine, aus denen hervorging, dass die Katastrophe wohl bewusst herbeigeführt wurde, wurden seinerzeit zuerst von den amerikanischen Journalisten-Kollegen der New York Times an die Öffentlichkeit gebracht.

Was hat das für eine Aussagekraft? Sind wir hier zu lahmarschig oder unterwerfen sich alle irgendeiner Maulkorb-Macht und halten dicht, wenn es verlangt wird?

Abgesehen davon macht sich im Printmedienbereich bedauerlicherweise ja auch immer mehr die Unart der sogenannten Interview-“Autorisierungen“ breit.

Prof. Dr. Überall: Ich glaube schon, dass wir immer noch recht frei arbeiten, aber dass es zum Teil ein Problem der Ressourcen ist. In dem Moment, wo Journalisten von Herausgebern und Sendern als Content-Schaufler gesehen werden, haben sie genau diejenigen nicht mehr, die dafür brennen und die nicht mehr intensiv und investigativ recherchieren.

Da nützt es auch nichts, wenn man sich Alibi-mäßig ein sogenanntes Investigativ-Ressort mit irgendwelchen Selbstdarstellern dahin setzt, sondern das muss man wirklich ernst nehmen.

Da hilft auch keine kleine Gruppe, die das innerhalb eines Verlages oder Senders macht. Das muss einfach Lebensstil im Berufsleben sein. Das scheint an manchen Stellen in der Tat ein Stück weit abhandengekommen zu sein.

System der Kettenduldungen und ständiger Angst um den Job

Michaela Boland: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Prof. Dr. Überall: Das hat unterschiedliche Gründe. Wenn man in ständiger Angst um den Job leben muss, wirkt sich das nicht gerade darauf aus, dass man die meiste Kraft in den Job steckt.

Wenn man in einem System der Kettenduldungen festgehalten wird, also sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelt, regt das nicht zum selbständigen Denken oder vielleicht auch mal zum kritischen Denken gegenüber der Redaktions- Verlags- oder Anstaltsleitung an. Da kommen verschiedene Dinge zusammen. Gerade freie Journalisten, wenn sie so schlecht bezahlt werden – wir sprechen von zehn Euro pro Foto und zehn Cent pro Zeile –, dass jeder PR-Auftrag ihnen die Miete rettet, dann läuft da etwas schief.

Dann ist das ein System der Autokorrektur. Das hat nichts damit zu tun, dass da irgendjemand eine Linie vorgeben würde oder sonst etwas. Man kann es böse “Faulheit“ nennen.

Abgesehen davon bleibt heute auch gar keine Zeit mehr für ausreichende Recherche. Ich kenne noch die Zeiten, wo Zeitungsredakteure morgens hereingekommen sind, sich überlegt haben, was sie denn heute mal schreiben und dann am Tag einen Artikel geschrieben haben.

Extreme Arbeitsverdichtung

Michaela Boland: Wie kennen Sie es heute?

Prof. Dr. Überall: Das ist heute alles völlig undenkbar. Die müssen dann noch Facebook bedienen, noch schnell etwas bei Twitter posten, dann mal schnell noch einen Termin wahrnehmen und es heißt, „nimm Dein Handy mit und mach noch ein Foto, aber denk an online first“.

Insofern gibt es eine extreme Arbeitsverdichtung, die dazu führt, dass man vielen Dingen auch nicht mehr so intensiv nachgeht. Gleichzeitig öffnet man damit natürlich auch das Tor, dass man diese Auseinandersetzung mit Wirtschaftsmanagern und Politikern dann scheut, denn sie kostet einfach nur Zeit.

Stichwort Freigabe –Autorisierung von Interviews: Da sagt man dann, „ja, gut, ich will den Namen im Blatt haben, dann mache ich das eben jetzt so“. Ich halte das für ein hohes Maß an Bequemlichkeit, die zum Teil durch die Arbeitsbedingungen vorgegeben ist, weil es zum Teil gar nicht mehr anders geht.

Und die andere Seite hat sich da einen Spaß draus gemacht.  Es ist doch heute schon so, wenn  ich als freier Journalist möglicherweise 4000,- Euro dafür bekomme, dass ich dem Vorstandsvorsitzenden einer Aktiengesellschaft die Rede schreibe und 40,- Euro für meinen Artikel über die gleiche Aktionärsversammlung, wo liegen denn dann meine Loyalitäten?

Und nicht jeder trennt das so klar, wenn er es macht. Es gibt immer mehr Schwierigkeiten, weil der Bereich der professionellen Pressearbeit unglaublich aufrüstet bis hin zu dem Umstand, dass man sagt, „wir bedienen nur noch diejenigen, die unkritisch berichten.

Dann gibt es bei Politikern oder Wirtschaftsmanagern eben den beschränkten Zugang. Wer sich nicht wohl verhält, der kriegt halt nichts.

Vielen Journalistinnen und Journalisten ist das Selbstbewusstsein abhandengekommen, weil wir auch selbst nicht so richtig wissen, wie geht es mit unserem Berufsstand weiter?

Mein Handwerk kann ich aber nur dann ausüben, wenn ich davon überzeugt und auch selbstbewusst bin. Ein Schreiner, der zaghaft mit der Säge an das Holz geht, wird kein richtig gutes Möbel machen können.

Michaela Boland: Insgesamt also ein rein strukturelles Problem?

Prof. Dr. Überall: Ja. Ich kann nur sagen, und da kommt der Gewerkschafter wieder durch, Leute, wenn ihr Journalisten beschäftigt, bezahlt sie anständig! Es gibt so viele Verlockungen auf der anderen Seite.

Wenn ihr dann nicht Leute habt, die wirklich loyal zu ihrem Beruf stehen, dann wird es schwierig. Denn dann wird auch das Produkt nicht gut werden.

Michaela Boland: Sie arbeiten für die taz (die Tageszeitung). Sie verfügt als eine von wenigen Blättern im Zuge von inhaltlicher Unabhängigkeit redaktioneller Mitarbeiter über ein Redaktionsstatut.

Ist das ein Instrumentarium, das das Selbstwertgefühl von Journalisten möglicherweise auch woanders schon von innen her stärken könnte?

Prof. Dr. Überall: Nein. Papier ist geduldig. Ich komme aus der Korruptionsforschung und jede Kommune hat ein ganz tolles Anti-Korruptionskonzept. Es kennt nur keine Sau.

Also, das nützt nichts. Es ist schön so etwas zu haben, aber es muss konsequent gelebt werden.

Korruption ist Klüngel ohne Charakter

Michaela Boland: In jüngster Vergangenheit füllten Korruptionsvorwürfe gegen die Fifa die Schlagzeilen. Nach Angaben des US-Senders ABC ermittelt jetzt sogar das FBI gegen den Fußballfunktionär und frisch zurückgetretenen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter.

Auch in den vergangenen Jahren hat es bereits diverse Vorwürfe betreffend Korruption und Schmiergeld gegen Blatter gegeben, jedoch hat es den Anschein, als sei der Mann immer wieder quasi rehabilitiert daraus hervorgegangen.

Liest man manche Zitate des Schweizers, gewinnt man hin und wieder den Eindruck, als halte der Mann seine Handlungen in gewisser Weise für völlig harmlos, als sei es ein wenig wie ein netter, bedenkenloser Klüngel.

In puncto Klüngel sind Sie insoweit versiert, als Sie Ihre Dissertation diesem Thema – wenngleich auch auf Köln bezogen - gewidmet haben. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die Fifa-/Blatter-Affäre? Ist so etwas noch Klüngel?

Prof. Dr. Überall: Klüngel im klassischen Sinne, wie Kölner ihn verstehen, hat erst mal  nichts mit Korruption zu tun. Sondern: Korruption ist Klüngel ohne Charakter.

Klüngel ist eine Mischung aus Nachbarschaftshilfe und  “Trink-doch-eine-mit“-Mentalität. Etwas, das ja erst mal nicht zu verteufeln, sondern zutiefst liebenswert ist.

Wenn ich in Situationen komme, wo ich einfach mal ein Bier ausgegeben bekomme, oder wo ich gerade auf der Straße an irgendetwas herum werkele und der Nachbar kommt vorbei und sagt: „Hör mal, das musst du doch so machen! Komm, lass mich mal eben.“

Michaela Boland: Wie schreiben Sie so schön in Ihrem Buch, “Der Klüngel in der politischen Kultur Kölns“? „Klüngel ist situative Kooperation.“

Prof. Dr. Überall: Genau. Insofern ist nicht alles Korruption, was Klüngel ist. Man muss das fein unterscheiden. Die Fifa ist einfach ein unglaubliches Eigengewächs gewesen, wo es aufgrund des Schweizer Rechts sehr schwierig war, überhaupt heran zu kommen.

Zwar habe ich im Detail noch nicht nachvollzogen, wie sie es hinbekommen haben, nun doch gegen die Fifa ermitteln zu können.  Da ja bei solchen internationalen Organisationen in der Schweiz neben der Gemeinnützigkeit auch viele rechtliche Regeln dort gelten, weswegen man an so etwas nicht heran kommt, also gar nicht erst ermitteln darf.

Ähnlich wie bei uns bei Abgeordneten. Das ist ein Fehler im System gewesen und jetzt hat man offensichtlich eine Möglichkeit gefunden es doch hinzubekommen. Aber da  hat man sich auch Zeit mit gelassen.

Die ersten validen Aussagen sind  ja erst zwei Jahre alt. Mit Klüngel hat das nicht mehr viel zu tun. Es war ja auch unglaublich, wie Blatter mit Kritikern umgegangen ist. Der berühmte Satz: „Ich vergebe fast immer, aber ich verzeihe nie“, das war der Pate und das hat nichts mit Klüngel zu tun.

Wenn sich das alles so bestätigt, dann war das ein Korruptionsnetz und damit organisiertes Verbrechen. Klüngel ist demgegenüber kein organisiertes Verbrechen, sondern ist organisierte Kooperation.

Michaela Boland: In Ihrer Doktor-Arbeit haben sie ja auch sämtliche positive Aspekte des Klüngels herausgearbeitet. Macht man sich ansonsten Feinde, wenn man in Köln lebt und arbeitet und dann den Kölschen Klüngel untersucht, seziert  und aufdeckt?

Prof. Dr. Überall: Das habe ich in der Tat auch reichlich getan und das hat vielen nicht gefallen. Aber ich bin nicht allein auf der Welt, um allen zu gefallen. Das liegt im Job und dabei liegt dann Wissenschaft auch sehr nahe am Journalismus.

Dass mich einige dafür hassen, dass sie in diesem Buch vorkommen, ja, so ist das Leben (lacht). Wir wären wahrscheinlich sowieso nie wirkliche Freunde geworden. Auf der anderen Seite haben aber auch viele einmal darüber reflektiert, was sie da getan haben.

Es war eine stinknormale Doktor-Arbeit, aber sie hat in dieser Stadt tatsächlich einiges an Diskussionen ausgelöst. Das lässt sich auch nachvollziehen anhand der Anfragen und Anträge im Stadtrat von Politikern, die das aufgegriffen haben.

In Köln gab es beispielsweise immer die gelebte Alternativlosigkeit. Verwaltungsvorlagen im Stadtrat liefen immer so, dass gesagt wurde, „ja, wir müssen das jetzt machen. Stimmt zu“. Ich habe dann irgendwann in der Doktor-Arbeit formuliert, dass es in anderen Parlamenten durchaus üblich ist, auch die Alternative darzustellen.

Das gab einen riesen Aufschrei. Jedoch muss zur Abwägung für den Souverän in der kommunalen Selbstverwaltung die Meinungsbildung nicht allein auf der reinen Verwaltungsseite stattfinden. Der Souverän, nämlich die Ehrenamtler, die juristisch gesehen Mitglieder einer Selbstvertretung der Bürger sind, haben ein besonderes Vorrecht an diesem Meinungsbildungsprozess innerhalb der Verwaltung teilzunehmen.

Das hat aber Jahrzehnte in Köln nicht stattgefunden, weil man sowieso gesagt hat, „wir schicken ja unsere `Vettern` dahin und die werden das schon richtig machen“. So ist es aber nicht vorgesehen.

Deshalb habe ich massiv dafür plädiert, die Alternative hineinzuschreiben. Dann kann man ja darüber abstimmen, man kann sich aber auch für die Alternative entscheiden.

Beispiel: „Wir reißen dieses Haus ab, weil es nicht sanierungsbedürftig ist“ oder „wir sanieren es.“ Wenn das Abreißen eine Million kostet und das Sanieren Eins Komma Zwei Millionen kostet, dann muss ich die Chance haben zu sagen, „ich will aber das“, selbst, wenn es teurer ist.

Alternativlos irgendetwas dahin rotzen, das geht so nicht. Es ging aber in Köln Jahrzehnte lang. So kann man mit Kleinigkeiten etwas bewegen und heute ist es selbstverständlich.

Michaela Boland: Wie schnell hat sich das Umdenken in Köln vollzogen?

Prof. Dr. Überall: Es hat ziemlich lange gedauert. Über ein Jahr. Aber interessant war, dass ich dann bei wirklich allen politischen Kräften, von der Linkspartei bis zum Wirtschaftsflügel der CDU Diskussionsrunden oder Lesungen hatte.

Dadurch, dass ich den Klüngel nicht einseitig verteufelt habe und mithilfe von klassischer Soziologie, nämlich erst einmal wertfrei an etwas heranzugehen, versucht habe, habe ich es geschafft, in allen gesellschaftlich politisch relevanten Bereichen eine Diskussion hinzubekommen. Damit habe ich in der Weise selbst nicht gerechnet.

Michaela Boland: Wie sind Sie ursprünglich auf das Thema für Ihre Dissertation gekommen?

Prof. Dr. Überall: Ich habe öfter mal über Klüngel berichtet und dann gab es einen Professor aus Tübingen, der bei der Landeszentrale für politische Bildung einen Vortrag zum Thema Klüngel angefragt hat.

Diesen Vortrag habe ich dann gehalten und dann sagte er, „Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht zu promovieren? Ich suche da seit Jahren jemanden, der mal über den Klüngel promoviert.“

Michaela Boland: Im Inhaltsverzeichnis Ihres 237-Seiten umfassenden Buches „Abgeschmiert – Wie Deutschland durch Korruption heruntergewirtschaftet wird“ aus dem Jahre 2011 beschreiben Sie Korruption im Inhaltsverzeichnis als: „sexy“, „lässig“, aufregend“, verführerisch“, vielversprechend“, verlockend“, „betörend“ und „geheimnisvoll“. Wie kann man ihr unter diesen Umständen am besten widerstehen?

Prof. Dr. Überall: Wir haben seit dem Altertum immer Korruption gehabt und wir werden sie immer haben. Widerstehen kann man nur, indem man sich selbst auch immer wieder mal infrage stellt.

Sein eigenes Handeln. Auch, wenn man sich vor allem mit Menschen umgibt, die dieses Infrage-Stellen ungestraft tun können.

Man muss ein Korrektiv haben

Michaela Boland: Sie sagen, Korruption gibt es überall und jederzeit. Schon der Staatstheoretiker Jean Jacques Rousseau äußerte, dass die in zivilisatorisch entwickelten Gesellschaften lebenden  Menschen selbstsüchtig, unwahrhaftig und eitel seien.

Liegt es somit womöglich in der Natur des Menschen, irgendwann Macht zu missbrauchen, wenn er für längere Zeit welche innehat?

Prof. Dr. Überall:  Ich erlebe es immer wieder bei Menschen, die dann irgendwann in eine Machtposition kommen, die sich vorher auch kritische Meinungen angehört haben, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre Komplexität reduzieren und dann  keine Kritik mehr zulassen. Vielleicht auch zum Selbstschutz.

Das öffnet das Tor dafür, sich in Beziehungsgeflechte zu begeben, wo man sich gar nicht mehr infrage stellt. Durch die Paradoxie des menschlichen Geistes ist es in uns angelegt, auch mal gierig und verführbar zu sein.

An der Stelle muss ich eben ein Korrektiv haben, wie beispielsweise gute Freunde. Dafür muss ich offen bleiben.

Michaela Boland: In Ihrem Buch ist auch die Rede von Korruptionsethik. Sind das an für sich nicht zwei Begrifflichkeiten, die einander widersprechen?

Prof. Dr. Überall: Es ist durchaus ein bisschen provokant. Aber es ist der Versuch deutlich zu machen, dass es Menschen gibt, die sich Korruption –platt gesagt- schönreden.

Solche, die also Rechtfertigungsstrategien entwerfen. Dieses berühmte „M`r dun et ja nur för Kölle“ (Anm. d. Red.: Wir tun es ja nur für Köln). Das Köln, was die meinen, ist ein anderes, als das, was wir als Gesellschaft meinen.

Es gibt Menschen, die leben das und sehen das wirklich als eine Ethik der Korruption. Bis hin zu solchen Unternehmern, die sagen, „wenn ich kein Schmiergeld bezahle, bekomme ich keine Aufträge“.

Mit dem Begriff der Ethik geht es auch darum, anzuerkennen, dass es Dilemma-Situationen geben kann.

Michaela Boland: Können Sie konkrete Situationen beschreiben?

Prof. Dr. Überall: Nehmen wir an, wir haben einen mittelständischen Unternehmer im ländlichen Bereich. Dieser hat massive finanzielle Probleme und steht kurz vor der Insolvenz.

Die Mitarbeiter, genau wie er, als Chef, sind bereits in der X-ten Generation im Betrieb. Er hat selbst als junger Mann diejenigen Leute, die jetzt als Auszubildende da sind, schon in Windeln gesehen.

Auch die älteren Herrschaften im Betrieb, die kurz vor der Rente stehen, haben ihn schon als Kind erlebt. All jenen gibt der Unternehmer mit seinem Betrieb Arbeit. Es kann aber morgen vorbei sein.

Jetzt ergibt sich die Möglichkeit, an einen Auftrag zu kommen. Der zuständige Mensch bei der örtlichen Straßenmeisterei sagt dem Unternehmer, „ Wenn Du 100,- Euro für die Kaffee-Kasse hast, kannst du den Auftrag bekommen“.

Diese 100,- Euro tun dem Unternehmer nicht weh und er rettet den Mitarbeitern die Arbeitsplätze. Andernfalls, wenn die Firma Pleite geht, ist der Unternehmer bei seinen Mitarbeitern unten durch, in seinem Ort unten durch und im privaten Freundeskreis unten durch. Zumindest wird das subjektiv so empfunden.

Das alles könnte er abwenden durch die Zahlung von einmaligen 100,- Euro. Wie würden Sie entscheiden? Viel Spaß in der Situation. So etwas auch mal bewusst zu machen, dass es neben den gierigen Arschlöchern eben auch ein ethisches Dilemma geben kann, darum geht es.

Es gibt eben mehrere Dimensionen. Auch um das Abgehoben-Sein der korrupten Klasse, Formationen und Freundschaftskreise, die sich das gegenseitig schöndichten. Wenn all das so ein Eigenleben gewinnt und plötzlich zur Normalität wird. Motto: Wer nicht mitmacht, ist doof.

Michaela Boland: Für die HMKW (Hochschule für Medien, Kommunikation, und Wirtschaft) moderieren Sie im Rahmen Ihres Journalismus-Kurses eine Talk-Reihe unter Mitwirkung Ihrer Studenten. Wie selbständig arbeiten die Studierenden an dieser Produktion mit?

Prof. Dr. Überall: Extrem unterschiedlich. Es kommt auf den Kurs an. Ich habe Kurse gehabt, wo das sehr schwierig war. Am Anfang haben wir das komplett zusammen gemacht, aber die Ressourcen haben wir nicht mehr.

Da ich auch viele andere Dinge machen muss und will, komme ich sozusagen jetzt nur noch zur Moderation da rein. In Zukunft ist daran gedacht, das Ganze im Klüngelpütz-Theater auch als Veranstaltung zu setzen.

Heute tritt keiner mehr zurück, weil er mit einer anderen Frau erwischt wird

Michaela Boland: Mit Ihrem Journalisten-Kollegen, Pascal Beucker, haben Sie im Rahmen verschiedener Projekte zusammengearbeitet. U.a. entstand auch das Buch “Endstation Rücktritt“. Welche Fälle haben Sie dabei in erster Linie untersucht und was war die Motivation hierfür?

Prof Dr. Überall: Es ging darum, einmal zu strukturieren. Wir sind beide Journalisten, Pascal in der Inlandsredaktion der taz. Man hat immer wieder die Situation, wenn ein Rücktritt passiert, dass man fragt, „Hat es denn so etwas schon mal gegeben“.

Das Witzige war: Es gab dazu nichts, also keine Publikation. Wir haben dabei eigentlich weniger Interviews geführt. Es war mehr Recherche anhand von Rücktrittsreden und Berichterstattungen usw.

Dann haben wir anhand dessen und unseres Fachwissens, sowie der Möglichkeit auf Archive zurückgreifen zu können, einfach mal eine Kategorisierung vorzunehmen. Der freiwillige Rücktritt, der unfreiwillige Rücktritt wegen Korruption, der Rücktritt wegen moralischer Verfehlungen.

Heute übrigens nahezu undenkbar, dass jemand zurücktritt, weil er mit einer anderen Frau erwischt wird, oder weil ihm Homosexualität angedichtet wird. Aber das hat es ja nun auch in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben. Wir wollten da mal so eine gewisse Ordnung hineinbringen. So wird auch der verhinderte Rücktritt beleuchtet. Unter welchen Bedingungen hält sich eigentlich jemand? Das einmal aufzuarbeiten, fand ich unglaublich spannend.

Michaela Boland: Bei Ihrem aktuellen Buchprojekt geht es um Verbote. Auf welche Weise haben Sie Sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt?

Prof. Dr. Überall: Mit einem Kollegen habe ich zusammen sieben Jahre lang Verbote gesammelt. Da gibt es bei Facebook auch eine Seite zu: „Es ist untersagt“. Außerdem gibt es einen Twitter-Kanal und bei Instagram läuft es im Moment auf meinen Namen.

Da werden Verbotsschilder fotografiert. Zum Teil habe ich sie auch im Internet oder auf Flohmärkten gekauft. Die Idee war in der Tat, irgendwann ein Buch daraus zu machen, wo Vertreter verschiedener Fachrichtungen über Verbote philosophieren.

Um als Interview-Partner an ein paar Promis wie Eckart von Hirschhausen, Gerhart Baum  oder den stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Bundes Deutscher Kriminalbeamter  zu kommen, habe ich dann noch schnell ein Feature beim Deutschlandradio Kultur gemacht. Denn leider ist dann etwas sehr trauriges passiert: Mein Kollege ist verstorben.

Wir haben das Projekt in groben Zügen vorher noch abgesprochen, gemeinsam auf die Schiene gesetzt und ich habe ihm zugesagt, dass ich dieses Buch machen werde und die Erlöse an seine Familie gehen.

Er war Mitte 50, hat aber zwei kleine Zwillinge, die gerade zur Schule gehen. Recherchiert ist das Ganze im Prinzip, ich muss nur mal anfangen zu schreiben. Das steht jetzt gerade an.

Michaela Boland: Interessieren Sie Sich für Kunst?

Prof. Dr. Überall: Im Prinzip schon (lacht). Kunst ist ein extrem weites Feld. Ich habe selbst mal Projekte gemacht und zusammen  mit meiner Ex-Freundin Schlecht-Wetter-Postkarten hergestellt.

Michaela Boland: Wie sahen die aus?

Prof. Dr. Überall: Die Postkarte, wie es hier in Köln im Sonnenschein ist, kennt jeder. Aber mal eine verzerrte Wolke über dem Kölner Dom, kann unter Umständen sehr viel interessanter oder schöner sein.

Es ging darum, die positive Energie aus der Ästhetik des schlechten Wetters zu ziehen. Schlechtes Wetter hat eigentlich immer die geilsten Bilder verursacht. Da haben wir dann eben Postkarten von gemacht.

Es gab auch die Domain schlechtwetterpostkarten.de, die haben wir dann für einen guten Zweck weggegeben. Leider bleibt mir viel zu wenig Zeit, regelmäßig in Vorstellungen, ins Museum oder ins Kabarett zu gehen.

Michaela Boland: Für alle anstehenden Projekte viel Erfolg und herzlichen Dank für dieses Interview.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

 

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