hamburger-retina

Exklusiv Interviews

12.08.2015 „Lernt doch eure Künstler zu schätzen!“

GFDK - Michaela Boland

Müssen wir Deutschen eigentlich immer irgendwo einen Fehler finden? Können wir es tatsächlich nicht gut sein lassen? Wenn es denn gut ist? Diese Frage stellt jetzt eine junge Musikerin. Tiefgründigkeit in einfache Worte zu hüllen, ist eine Kunst, die wohl nicht viele zu vollbringen imstande sind. Und wer es vermag, kann sich noch nicht mal immer vor Verteufelung sicher wähnen. Davon wusste Erich Kästner gewiss auch schon ein Lied zu singen.

Sie hat dies durch manche Kritikerhand ebenfalls bereits am eigenen Leibe erfahren: Balbina. Die schöne Berlinerin mit polnischen Wurzeln, die mit bürgerlichem Namen eigentlich Balbina Monika Jagielska heißt, trägt Melancholie im Herzen und Nachdenklichkeit auf der Zunge. In einem Berliner Arbeiterviertel aufgewachsen, hat sie sich stets mit Büchern umgeben, tauchte ab in die Welt der Phantasie.

„Lernt doch eure Künstler zu schätzen!“

Jetzt lebt sie für die Musik. Ihre Liedtexte über das Nichtstun, die Seife oder den Goldfisch muten nur auf den ersten Blick oberflächlich an. Hört man wirklich hin, erschließt sich die Gedankenwelt der 32-Jährigen auf so wunderbar nachvollziehbare Weise, dass es wie Schuppen von den Augen fällt: Die hübsche Künstlerin beschreibt die Realität, die uns alle umgibt und der wir im Zuge der allgemeinen Schnelllebigkeit womöglich kaum mehr größere Aufmerksamkeit widmen.

Balbina sieht hin, fühlt, denkt und setzt um. Mit der außergewöhnlichen Stimme verleiht sie ihren Songs die besondere Note. Ihr Geschick fürs Detail, der Fleiß und das Gespür für Eleganz machen ihre Videos zu einem Augenschmaus. Jetzt geht die immerzu nachdenkliche junge Frau mit Herbert Grönemeyer auf Tour. Dabei singt sie, getreu dem Titel ihres neusten Albums, auch „über das Grübeln“.

Michaela Boland: Balbina, Du hast Dich bereits in früher Jugend der Kunst verschrieben. Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als du deine musische Begabung entdeckt hast?

Balbina: Eine Affinität zum Singen habe ich eigentlich schon immer gehabt, habe diese aber zunächst nicht so richtig ausgelebt. Ich hatte nie ein Feedback, ob ich singen kann oder nicht.

Im Alter von 16 Jahren bin ich dann über ein paar Umwege dazu gekommen, als Studiosängerin zu arbeiten. Zuvor hatte ich mich nämlich bei einem Chor angemeldet. Zu dieser Zeit habe ich dann gemerkt, dass ich ganz gut singen kann.

Aber während der Kindheit und in der Pubertät habe ich das nur für mich und eher so ein bisschen versteckt gemacht.

Michaela Boland: Du sollst als Kind bereits Gedichte verfasst haben?

Balbina: Ich war tatsächlich seit frühester Jugend sehr Text-fixiert, habe viel  geschrieben und  gedichtet. Außerdem habe ich viel gelesen, denn bei uns zu Hause wurde viel gelesen.

Mama hat viel gearbeitet und hat mir dann immer Bücher wie Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, Anne auf Green Gables oder Hanni und Nanni dagelassen. Ich habe mir dann immer damit die Zeit vertrieben, wenn sie arbeiten war. Denn ich sage ganz gerade heraus: Ich durfte nicht so viel Glotze gucken.

Michaela Boland: Daran gehalten?

Balbina: Zum einen hatten wir kein Kabelfernsehen und außerdem hat meine Mama das auch überprüft. Da gibt es ja diesen Standby-Knopf und wenn bei uns der Fernseher ausging, dann war dieser Knopf noch sehr lange an. Daher konnte ich auch nicht so gut betrügen. Dann habe ich eben gelesen.

Michaela Boland: War man in deiner Familie prinzipiell gegen das Fernsehen?

Balbina: Fernsehen ging schon, aber meine Mama mochte nicht, wenn ich zu viel geschaut habe. So durfte ich beispielsweise immer Disney-Club gucken. Das kam immer samstagnachmittags oder Sonntag früh mit Ralf Bauer, Antje und Stefan.

Michaela Boland: Ralf Bauer arbeitet heute als Schauspieler und tanzt derzeit bei der RTL-Produktion Let`s dance. Antje Pieper ist mittlerweile stellvertretende Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen. Stefan Pinnow ist seit vielen Jahren für den WDR bei „daheim und unterwegs“ im Einsatz. Also, von Anfang an nicht die schlechteste TV- Gesellschaft.

Balbina: Genau. Also, das durfte ich auch immer gucken, Außerdem waren auch das Sandmännchen oder die Sesamstraße und solche Sachen erlaubt.

Michaela Boland: Du wohnst Berlin. War es insofern das West- oder das Ost-Sandmännchen?

Balbina: Das West-Sandmännchen. Aber das Ost-Sandmännchen habe ich auch gesehen. Das fand ich auch gut. Aber wir haben, wie gesagt, viel gelesen.

Ich bin auch froh darüber, dass meine Mama mich quasi in die Welt der geschriebenen Phantasie eingeführt hat. Somit hat es eben nicht immer des Plakativen bedurft, also, dass ich Bilder sehen musste, sondern auf diese Weise konnte ich mich eben auch mittels Worten in Welten hinein versetzen. Das habe ich von meiner Mutter mitbekommen.

Michaela Boland: Die Literatur, die du konsumiert hast, war ausschließlich klassische Kinderliteratur? Oder bist du in frühem Alter auch schon mit Poesie in Berührung gekommen, nachdem Du ja bereits als Kind selbst Gedichte verfasst hast?

Balbina: Das waren bei mir eher Kindergedichte. Ich habe Kindersachen gereimt. Vor kurzem habe ich etwas gefunden und zwar ein Bild mit Mohrrüben. Da hieß es dann, „wenn die Möhren auf mich hören“. Das war dann immer so etwas in der Art, also Quatsch eben.

Michaela Boland: Das Singen hast du dir autodidaktisch beigebracht. Du sollst früher regelmäßig Whitney Houston –Stücke nachgesungen haben. Gab es darüber hinaus noch andere Künstler, die dich inspiriert haben?

Balbina: Mit Whitney Houston hat alles so ein bisschen angefangen. Allerdings habe ich mich dann relativ schnell in Jazz-Sachen hineingehört. Zunächst klassische Sachen,  z.B. Ellington oder Louis Armstrong.

Das gab es auch bei uns zu Hause. Und dann bin ich irgendwann mit Nora Jones und Kurt Elling in den moderneren Jazz gerutscht. Mittlerweile höre ich sehr viel Jazz. Auch Jazz-Radio, denn das inspiriert meinen Gesang sehr.

Wenn man viel Jazz hört, dann checkt man, warum ich manche Sachen mache. Gerade im Jazz sind ja teilweise Extreme in Klängen, große Unterschiede zwischen hoch und tief. Das habe ich mir aus dem Jazz herausgefiltert.

Michaela Boland: Aber dein Genre ist schon der Pop, nicht wahr?

Balbina: Ich denke schon. Vor allem, weil die Musik, die ich mit Nico Rebscher komponiere, sehr poppig ist. Ich mag auch poppige Musik gerne.

Michaela Boland: Als sonderlich Tanz-orientiert lässt sich deine Musik derzeit nicht beschreiben. Könnte es sein, dass sie sich noch einmal in diese Richtung hin entwickeln wird oder bist du auf das, was du augenblicklich tust, festgelegt?

Balbina: Tanz-orientiert wird es bei mir wohl deswegen nicht werden, weil ich nicht so die gute Tänzerin bin. Ich habe auch einfach keine Affinität dazu. Wahrscheinlich bin ich der schlechteste Tänzer der Welt.

Ich tanze vielleicht zwei Mal im Jahr auf irgendeiner Veranstaltung, wenn ich lustig bin. Trotzdem finde ich Tanz als Kunstform sehr interessant, doch es ist nicht wirklich mein Ding. Wenn ich Tanz-Musik machen würde, wäre das wahrscheinlich relativ lächerlich. Ich würde es mir echt nicht zutrauen.

Michaela Boland: Dein Album macht mit dem Titel: „Über das Grübeln“ neugierig. Wie lange hast Du selbst über den Titel nachgegrübelt?

Balbina: Der Titel kam dann irgendwann, als ich mit dem Nachdenken fertig war. Ich wusste, dass das Album vom Nachdenken und von allen Facetten des Nachdenkens handeln sollte.

Dann hat es mich schon beschäftigt, wie ich das Ganze nun nenne sollte. Nenne ich es, “ich denke nach“ oder “nachdenken über das Denken“?

Irgendwann nach Wochen kam mir dann der Einfall, “Über das Grübeln“. Dann wusste ich: ok, das ist es.

Michaela Boland: Du verfügst über ein außerordentlich sensibles Gespür in puncto Sprache und Wortkomposition. Inwieweit hat dich da möglicherweise auch die Literatur geprägt?

Balbina: Mir wird ja oftmals von Kritikern, die nicht bei mir sind, vorgeworfen, dass ich saloppe und zu einfache Metaphorik verwenden würde. Auch würde ich keine tiefgründige Sprache benutzen.

Für mich ist es aber eigentlich genau das Gegenteil. Ich benutze einfache Sprache, um ganz tiefe Zusammenhänge zu visualisieren. Diese würde ich sonst nicht schaffen auszudrücken.

Ich habe viel Inspiration innerhalb der Gebrauchslyrik gefunden. Also, all so etwas, was Ringelnatz oder Erich Kästner gemacht haben. Die haben sich ja auch teilweise sehr direkt und einfach ausgedrückt.

Michaela Boland: Du ziehst Ideen aus reiner Prosa?

Balbina: Genau. Das ist einfach eine große Inspirationsquelle gewesen. Ich bin eben ein Fan von Hauptsätzen. Auch wenn es viele sind, denn ich habe nun mal viele Hauptsätze. Ich ziehe auch einfache Worte und einfache Bilder vor.

Michaela Boland: Aus welchem Grund bevorzugst du die Einfachheit?

Balbina: Ich finde, etwas schwammig zu formulieren, das kann jeder. Den Nagel auf den Kopf zu treffen, das ist schon eine größere Herausforderung. Und dieser Herausforderung stelle ich mich einfach jeden Tag.

Michaela Boland: Deine Eltern sind getrennt, du bist ein Scheidungskind, wie zu lesen ist. Gibt es womöglich einen Zusammenhang zwischen diesem Umstand und deiner ganz besonderen Nachdenklichkeit?

Balbina: Ja. Ich bin natürlich ein Einzelkind, das ohne Vater aufgewachsen ist. Ohne leiblichen Vater. Ich denke, das beeinflusst einen schon im Leben. Schon von daher, weil man eine gewisse Facette einfach nicht hat.

Und man sieht das natürlich dann bei anderen Kindern: Die haben diese Facette. Ich glaube durchaus, auch, wenn man das nicht zugibt, dass einen das schon prägt. Denn natürlich vergleicht man sich auch mit anderen und fragt sich, warum haben die das und warum habe ich das nicht?

Vor allem auch die Frage: Habe ich damit etwas zu tun? Ich denke, das regt auf jeden Fall zur Grübelei an und beeinflusst das Leben nachhaltig.

Michaela Boland: Wieviel Zeit hat die Fertigstellung deines aktuellen Albums insgesamt in Anspruch genommen?

Balbina: Die Frage ist deswegen schwer zu beantworten, weil ich Sätze immer recht lange skizziere, also über eine längere Periode. Ich mache mir Notizen, habe auch immer meinen Notizblock dabei und schreibe regelmäßig Wortfetzen oder sonstige Sachen auf, die mir einfallen.

Wenn ich dann besonders viele Skizzen habe, die sich zu bestimmten Themen herauskristallisieren, dann setze ich mich hin und arbeite das Ganze aus.

Somit kann man sagen, das reine Brainstorming im Alltag macht ungefähr 50 Prozent aus. Die anderen 50 Prozent sind das Hinsetzen. Wenn ich nur dieses Hinsetzen hernehme, denn das kann ich zeitlich besser eingrenzen, dann würde ich sagen, dass ich für das Ausformulieren eines Songs im Schnitt eine Woche bis zehn Tage benötige.

Michaela Boland: Wie geht es dann weiter, wenn du an dieser Stelle bist?

Balbina: Dann begebe ich mich mit der Struktur ins Studio und fange an zu komponieren. Das dauert dann auch nochmal rund fünf Tage.

Somit kann man sagen, dass ich pro Song in der Erstellung der groben Skizze ungefähr drei Wochen bis zu einem Monat einplanen muss.

Michaela Boland: Also hast Du definitiv immer zuerst den Text und dann die Musik?

Balbina: Ja.

Michaela Boland: Musst du grundsätzlich darauf warten, dass dich etwas inspiriert, dass dich also die Muse küsst, oder kannst du dich auch einfach hinsetzen und sagen, „so, jetzt schriebe ich auf der Stelle ich einen Song“?

Balbina: Ganz konkret kann ich dir sagen, hier stehen ganz viele Sachen drin (Anm. d. Red.: deutet auf ihr kleines Notizbuch, das sie stets bei sich führt). So Zeug. Wenn ich zum Beispiel in der U-Bahn sitze, - denn ich muss immer sehr weit zu meinem Studio fahren -, dann schaue ich mir das manchmal durch.

Dann sehe ich beispielsweise Skizze 27 – ich notiere immer Nummern zu meinen Aufschrieben, damit ich es besser zuordnen kann – und bemerke, „oh, Skizze 27 ist sehr lang, dieses Wort erscheint total oft, ich glaube das ist ein Song über z.B. Gardinen.“

Dann denke ich, dass ich das nun ausbauen kann und nehme diese Skizze und damit habe ich die Eingebung ja schon. Die Inspiration ist dann längst schon über Tage oder Wochen zuvor gelaufen.

In dem Moment, in dem ich finalisiere, brauche ich eigentlich keine Inspiration, keine Eingebung mehr. Das ist dann einfach nur noch Arbeit.

Michaela Boland: Kannst Du mal so eine Skizze zeigen?

Balbina (lacht) Nein, das darf ich nicht.

Michaela Boland: Sind da womöglich tatsächlich auch kleine Gemälde dabei oder nur reine Wort-Skizzen?

Balbina: Das sind tatsächlich Worte.

Michaela Boland: Wann und warum kommt ein Wort innerhalb deiner Skizzen

besonders häufig vor?

Balbina: Ich weiß es nicht. Doch, wenn mich nun etwas inspirieren würde, während ich hier sitze, beispielsweise wenn ich hier aus dem Hotelzimmer-Fenster hinaus blicke, dann sehe ich eine Häuserwand, die recht dicht an dieses Gebäude hier grenzt.

Ich finde den Abstand total eng und mich inspiriert diese Enge. Dann schreibe ich auf, „es ist eng, es kommt auf mich zu, ich spiegele mich im Fenster gegenüber und ich spiegele mich auch in diesem hier..“ usw.

Dann schreibe ich mir das alles auf, versehe es noch mit einer Nummer und nehme es mit. Irgendwann bin ich woanders, wo eine ähnliche Situation stattfindet, weil ich mich auch beengt fühle oder das Gefühl auf andere Weise dasselbe ist und dann schreibe ich mir das wieder auf.

Dann fällt mir ein, „Moment, ich hatte doch so etwas schon einmal“. So schreibe ich die neue Situation dann eben zu der bereits erlebten. Je mehr und je voller eine solche Skizze dann wird, desto reifer ist sie. Und irgendwann ist sie dann reif genug dafür, dass ich sie ausformulieren kann.

Michaela Boland: Kannst du denn das bestimmte Gefühl, das du beispielsweise hier und heute in diesem Hotelzimmer hast, mit einer ähnlichen Situation, die du vielleicht irgendwann mal erleben wirst, absolut gleichsetzen? Oder ist es dann womöglich ein anderes Gefühl?

Balbina: Nein, das kann ich gleichsetzen. Also, dieses Hotelzimmer, das beengt mich total.

Michaela Boland: Mich, ehrlich gesagt, auch.

Balbina: Das nehme ich halt hier mit, beispielsweise als Erfahrung für ein Lied oder für ein Gedicht. Dass ich hier mit Menschen zusammen saß, die ich noch nie gesehen habe und die mich zu persönlichen Dingen befragt haben.

Das alles noch in einer verhältnismäßig persönlichen Atmosphäre, denn zischen uns steht ja auch noch dieses Bett.

Dann eben auch noch in dieser Enge, die vom gegenüberliegenden, dicht angrenzenden Nachbargebäude ausgeht. Das beeinflusst mich total. Ich frage mich auch, was es dann im Nachhinein mit uns macht?

Mich interessiert so etwas als Forschung. Wäre unser Gespräch beispielsweise in einer anderen Atmosphäre anders verlaufen? Wie offen würde ich reden, wenn wir in einem Konferenzraum statt in diesem engen Hotelzimmer säßen?

All solche Kleinigkeiten, wie Möbel, Kleidung oder Wetter setze ich in einen Zusammenhang und dann baue ich mir daraus meine Schlussfolgerungen, die vielleicht auch falsch sind. Doch so kreiere ich mir meine Analogien.

 

Michaela Boland: Das klingt fast so, als käme dein Denkapparat niemals zur Ruhe. Kannst du überhaupt mal ganz abschalten?

Balbina: Nein.

Michaela Boland: Also, dauerkreativ?

Balbina: Das ist Fluch und Segen zu gleich, aber ich kann halt nicht abschalten. Manchmal denkt man sich vielleicht, „ich habe jetzt keine Lust mehr, eine Idee zu haben“.

Aber dann denkt man sich wiederum, wenn man so tolle Sachen umsetzt, wie z.B. die Videos, die ich gerade gemacht habe, u.a. „Goldfisch“, „ein Glück, dass ich so gute Ideen habe“.

Es macht dann eben einfach Spaß. Man kann ein Team begeistern und arbeitet zu zehnt gemeinsam an so etwas Coolem. Am Ende hat man dann eben so ein tolles Produkt. Also, ist es auch gut.

Michaela Boland: Für deine Musik bis du nicht ganz allein verantwortlich?

Balbina: Nein, Nicolas Rebscher ist ein sehr toller Komponist und der komponiert das richtig, da ich kein Instrument spiele. Wir suchen immer zusammen. Ich habe die Melodie meistens schon und singe ihm das vor.

Dann legen wir erst mal die Akkorde darauf, anschließend die Drums und die Basslinien. Nicolas ist daran maßgeblich beteiligt, da er einfach ein Komponist ist.

Michaela Boland: Nimmt er grundsätzlich alles auf, was du an Ideen hast, oder  äußert er auch schon mal, wenn er mit etwas nichts anfangen kann?

Balbina: Nein, das gibt`s nicht. Die Voraussetzung, dass er mit mir arbeitet ist, dass er alles das nimmt, was ich ihm gebe und wir daran arbeiten. Also, es gibt keinen Kompromiss.

Es ist ja mein Projekt, denn ich bin ja die Künstlerin. Wäre es womöglich eine Band oder ein Gemeinschaftsprojekt, wäre es vielleicht etwas anderes. Doch es geht ja um mein Album.

Michaela Boland: Du bist sozusagen der Boss?

Balbina: Ja, aber das ist für ihn o.k. Er macht es ja, weil er das ja mag.

Michaela Boland: Oftmals verarbeiten Musiker, Liebe, Liebeskummer oder andere tiefgreifende Erlebnisse in ihrer Musik. Deine Themen handeln beispielsweise vom „Nichtstun“, wogegen du laut Text“ etwas tun musst“. Das klingt zunächst einmal belanglos. Ist es das?

Balbina: Nein, es ist für mich nicht belanglos. Für einige Kritiker ist es belanglos. Für mich hat aber jedes Wort so viel Gehalt, dass es platzen könnte.

Ich glaube, wenn man mir wirklich zuhört, dann hört man das. Wenn man allerdings so eine grundablehnende Haltung gegen meine Kunst hat, dann wird man das auch nicht wahrnehmen. Und dann ist es relativ einfach zu verstehen.

Michaela Boland: Wie gehst du mit Kritik um? Nervt dich das, wenn jemand dich nicht versteht?

Balbina: Also, es kommt drauf an. Dass ich polarisiere, das weiß ich schon. Seit zehn Jahren mache ich ja Musik. Ich war viel im Rap-Kontext unterwegs und da polarisiert man ja und es findet viel Diskussion statt, um das, was man herausbringt.

Ich bin es gewohnt und ich finde das eigentlich auch ganz gut, weil ich bemerkt habe, dass Dinge, die ich release meistens nicht egal sind. Sie werden geliebt oder gehasst und daran habe ich mich gewöhnt.

Ich bin fasziniert darüber, dass ich eine Emotionalität herauskitzele. Das mag ich in beiden Richtungen gleichermaßen. Ich freue mich natürlich über Lob, finde es aber auch faszinierend, wenn Leute das gar nicht mögen und es richtig verbissen kritisieren.

Michaela Boland: Sprichst du nun gezielt von den Kritikern innerhalb der Medien, die du gerade schon ansprachst oder meinst du damit ganz normale Hörer, die nichts mit deiner Musik anfangen können?

Balbina: Ich spreche da vor allem solche Dinge an, die im Internet kursieren. Beispielsweise in Diskussionsforen, wo eben jeder seine Meinung sagt. Häufig wird die Gesangsart und die Metaphorik vielleicht nicht als schön empfunden, weil sie eben auch untypisch ist. Es ist eben nicht jedermanns Sache und das ist o.k., finde ich.

Michaela Boland: Fällt man durch Untypisches nicht auch auf?

Balbina: Ja. Das einzige, was ich nicht mag, ist, wenn jemand nicht richtig zuhört oder nicht richtig recherchiert. Das finde ich schade. Dadurch, dass man durch das Internet jede Woche auch so etwas wie einen Release-Overload hat, hören manche Leute auch nur halbherzig zu und fällen zu schnell ihr Urteil.

Noch vor 30 oder 40 Jahren war das anders, als das Hauptmedium noch der Print, das Radio oder das TV waren. Da konnten und mussten Redakteure dann nur so einen gewissen Stapel an Musik durchhören. Die konnten sich besser darauf fokussieren und darauf einlassen.

Michaela Boland: Du glaubst, das läuft heute völlig anders?

Balbina: Heutzutage muss man sich irgendwie auf alles fokussieren, auf alles einlassen. Da kommen manche Sachen zu kurz. Da kann man den Leuten auch nicht sauer sein, aber es ist manchmal schade.

Michaela Boland: Reagierst du noch auf Kritik, insbesondere auf die Meinungen, die da so im Netz grassieren?

Balbina: Selten, weil ich das nicht lese. Ich lese es nur, wenn es mir wirklich ins Gesicht springt. Wenn mir also jemand sagt, „guck mal, der Spiegel hat das und das geschrieben“.

Beim Spiegel wusste ich schon, dass da etwas kommt, da ich dort ja auch ein Interview hatte. Insofern hat mich das schon erreicht. Ansonsten versuche ich schon, mich davor abzukapseln, damit ich mich davon nicht beeinflussen lasse, damit meine Kunst einfach frei bleibt.

Michaela Boland: Wen erreichst du mit deiner Musik in erster Linie?

Balbina: Es ist eigentlich Querbeet. Ich habe letztens ein Konzert in Berlin gespielt und da war ein Herr, der war schon über 60 Jahre alt.

Der hatte mich irgendwo gehört und den hat das so gefesselt, dass er extra aus Ostdeutschland angereist ist. Der hat noch ein Foto gemacht und mir erzählt, wie toll das war. Ich erlebe das ganz häufig.

Es gibt auch kleine Kinder, die meine Lieder singen. Mir hat jetzt jemand drei aufgenommene Videos von seiner Tochter geschickt, wie sie „Pechsträhne“ und „Nichtstun“ singt.

Michaela Boland: Du hast zuvor einen komplett anderen Musikstil gepflegt. In 2011 erschien zwar dein erstes Balbina-Studio-Album, aber als sehr junge Frau warst du mit den Masters of Rap unterwegs. Wie hat sich bei dir dieser Wechsel der Musikrichtung vollzogen?

Balbina: Das ist eine berechtigte Frage. Selbst mein erstes Album klingt ganz anders als dieses neue. Es ist von der Textdichtung, wenn man hinhört, genau die Fortführung des jetzigen.

Wenn man solche Lieder wie “Heizung“, “Film ab“ oder “rasender Stillstand“ hört, ist das schon die Gedankenwelt, die ich jetzt auch habe. Auch “Siegmund, jetzt holen sie mich“.

Nur damals habe ich eben auf Hip Hop-Playbacks recorded. Weil ich eben in diesem Hip Hop-Zusammenhang war. Doch jetzt habe ich den Komponisten, Nico Rebscher, und das ist einfach eine ganz andere Herangehensweise.

Das ist so, wie wenn man einen Film-Soundtrack komponiert. Das erste Album spiegelt mich zu der Zeit super, weil ich einfach in diesem Rap-Umfeld unterwegs war. Aber dieses Filmscore-mäßige wollte ich eigentlich schon immer machen.

Ich wollte mir schon immer so ein bisschen was von Disney-Soundtracks abgucken. Z.B. von Aladdin oder Arielle. Dass einfach jedes Instrument etwas Kleines spiegelt, was gerade passiert. Quasi die Worte illustrieren.

Michaela Boland: Von deiner Anmutung her hätte ich dich nicht in die Rap-Szene – selbst wenn diese Zeit bei dir nun länger zurückliegt- eingeordnet. Keine sichtbaren Tattoos, keine alten Fotos mit zu weiten Rapper-Klamotten etc.

Balbina: Ich habe auch nie gerappt, ich habe immer gesungen.

Michaela Boland: Dennoch hast du dich ja intensiv in diesem Umfeld bewegt.

Balbina: Das ist auch sehr schade, dass der Rap oberflächlich immer unter diesem gefährlichen Gangstermantel bekannt ist. Dabei gibt es viele Rapper, die sehr lyrische und teilweise politische Texte schreiben.

Michaela Boland: Das kenne ich vornehmlich aus Frankreich.

Balbina: Eben. Französischer Rap ist ja beispielsweise auch sehr eingefärbt. Das gibt es in Deutschland auch. Das sind die Leute, die mich inspiriert haben. Z.B. Justus Jonas, der auf dem Album ist.

Der hat ja wirklich hochgradig kunstvolle Lyrik geschrieben. Ist jetzt auch nicht bekannt in Deutschland, aber er ist ein wahnsinnig toller Texter. Auch das ist ja Rap. Es sind ja nicht nur Party und Gangster und Knarren und Goldketten, es ist eben teilweise auch nachdenkliche Musik.

Michaela Boland: Du hast ja geradezu eine Feen-hafte Erscheinung, kleidest dich stets sehr extravagant. War das schon immer so?

Balbina: Ich arbeite schon sehr lange als Verkäuferin in der Bekleidungsbranche. Das hat sich so ein bisschen entwickelt. Zwar habe ich schon immer für die Musik, aber von der Bekleidung gelebt.

Bis vor kurzem habe ich auch noch in einem Laden gearbeitet, der für seinen minimalistischen und avantgardistischen Stil bekannt ist. Das hat mich schon geprägt.

Dieses Umfeld hat mich in jedem Fall in meinem Look und in meinem Auftreten beeinflusst. Auch dass ich diese grafischen und geometrischen Muster, ebenso wie saubere Linien und Formen mag.

Michaela Boland: Entwirfst du für deine Auftritte auch schon mal selbst etwas oder stellst du es einfach nur zusammen?

Balbina: Ich habe eine Freundin, die Designerin ist. Susann Bosslau. Sie designt mir gerade jedes Kostüm auf den Leib.

Ich sage dann zum Beispiel, „ich würde gerne etwas aus Papier haben“. Susann designt quasi in meine visuellen Ideen. Wenn ich sage, „ich habe eine Idee für ein Video, das wird so und so sein, folgende Szenen finden da statt.

Ich brauche jetzt ein Kleid, auf dem Melonen drauf sind“, dann designt sie irgendeinen Schnitt und den Look. Dann kauft sie den Stoff und näht mir dieses Kleid.

Michaela Boland: Kann man sagen, dein Stil ist an irgendetwas angelehnt?

Balbina: Nein, eigentlich nicht.

Michaela Boland: Mich haben nämlich so manche Schnitte ein wenig an die 50-er Jahre erinnert.

Balbina: Ja, total. Komplett. Das ist lustig, dass du das sagst. Das erkennen nicht viele. Das ist komplett die 50-er Jahre-Ästhetik. Von den Farben her.

Und auch mit dieser leicht gebräunten Haut dazu. Ich bin da sehr von Doris Day-Filmen inspiriert. Ich mag die Farben einfach sehr gerne. Bettgeflüster und diese ganzen Filme mit Doris Day und Rock Hudson.

Michaela Boland: Technicolor-Dreams?

Balbina: Genau, technicolor Dreams. Aber nicht in die Lana del Rey-Richtung transportiert, dass es dann Vintage wird, sondern eben neu interpretiert und auf 2015 getrimmt.

Michaela Boland: Das gelingt vorzüglich, denn es sieht wirklich neu aus. Zeichnest du für die Farbkomposition in deinen Videos auch ganz allein verantwortlich? Man hat nämlich das Gefühl, dass hier tatsächlich auf jedes Detail geachtet wird.

Balbina: Ja, ich male das auch vorher.

Michaela Boland: Im Sinne eines Storyboards?

Balbina: Ich male Hintergründe, wo zunächst grob die Farben zu sehen sind und was noch darin ist. Und dann male ich die Dresses rein und das, was dann dort stattfindet.

Anschließend schneide ich das aus und lege es immer wieder neu zusammen. So sehe ich, wie all das miteinander interagieren kann.

Danach fotografiere ich alles ab und schicke es meinem Kameramann Moritz, der gleichzeitig auch mein Schnittmann, Lichtmann, Post-Mann und Special-Effects-Mann ist. Dann sage ich ihm, „das möchte ich gerne machen“. Meistens erwidert er dann „oh Gott“.

Michaela Boland: Es wird aber trotzdem realisiert?

Balbina: Genau. Als ich anfangs Videos machen wollte, haben immer alle gesagt, „das kriegst du nicht umgesetzt. Für das Budget kannst du es vergessen“.

Und dann habe ich das erste umgesetzt, das zweite umgesetzt, das dritte und das vierte. Und alle fanden das krass und fragten mich, ob ich mehr Budget bekommen hätte. Nein, hatte ich aber nicht.

Michaela Boland: Wieviel Zeit wendest du denn dafür noch auf?

Balbina: Also im Kopf auf jeden Fall über mehrere Wochen. Das Hinsetzen und ausschneiden, das nervt mich tatsächlich. Ich habe da immer keine Lust drauf, aber das dauert dann vielleicht zwei Stunden.

Michaela Boland: Arbeitest du immer mit dem gleichen Team?

Balbina: Ja, das sind immer dieselben und das sind meine Freunde. Es ist besser mit Freunden zu arbeiten, denn wenn sie die Vision tragen, dann ist es familiär. Wir arbeiten auch bis vier Uhr morgens, denn wir wollen es halt einfach fertig machen. Da geht es um die Kunst.

Michaela Boland: Ab Mai bist du im Vorprogramm bei Herbert Grönemeyers Tour zu sehen und zu hören. Wie kam es dazu?

Balbina: Ich wurde ihm von seiner Tochter vorgeschlagen, die ja immer so ein bisschen sein Scout ist für neu aufpoppende Bands. Sie hat ihm damals auch schon die Orsons und Dendemann vorgeschlagen.

Er bekommt dann immer so ein paar Vorschläge, nicht nur von seiner Tochter, sondern auch von seinem Management und von seinem Label. Dann guckt er sich das live an und entscheidet sich. Er hat sich dann für mich entschieden.

Michaela Boland: Hat er sich Auftritte von dir angesehen?

Balbina: Er wollte zu meinen Auftritten kommen und hat es nicht geschafft. Doch dann hatte ich das  wahnsinnige Glück, dass ich für Ampya dieses Live-Set gespielt hatte, bevor er sich entschieden hat.

Er war nie in der Stadt, in der ich war und umgekehrt und dann hat er sich dieses Internet-Konzert von Ampya angeguckt. Zwei Tage später hatte ich dann die Zusage.

Michaela Boland: Von ihm persönlich?

Balbina: Nein, die habe ich dann kommuniziert bekommen.

Michaela Boland: Wird das persönliche Kennenlernen dann erst noch stattfinden?

Balbina: Nein, wir haben uns schon im Rahmen des Reeperbahn-Festivals kennengelernt, wo er seine Podiumsdiskussion hatte. Danach habe ich ihn dann kennenlernen und mich mit ihm unterhalten können.

Michaela Boland: Hast du ein besonderes Gefühl für seine Musik?

Balbina: Ja, ich schätze ihn sehr als Musiker und als Textdichter. Ich finde es faszinierend, dass er genau die konträre Herangehensweise an seine Musik hat wie ich.

Da er immer die Texte der Musik anpasst und ich passe immer die Musik den Texten an. Darüber haben wir uns unterhalten und er fand das total lustig und ich ebenso.

Nichts desto trotz ist er für mich tatsächlich einer der größten Musiker und das größte musikalische Vorbild sowieso. Von daher ist es ein Traum, der in Erfüllung geht.

Michaela Boland: Du magst Polka Dots?

Balbina: Ich kenne die Bezeichnung Polka Dots aus dem Modefachhandel. Das bedeutet Punkte. Wenn du ein T-Shirt hast, auf dem Punkte sind, dann sagt man immer Polka Dots.

Da ich ja im Modefachhandel gearbeitet habe, kannte ich diesen Terminus schon sehr lange. Das ist für mich einfach etwas Schönes, Verspieltes. Immer, wenn irgendwo Punkte drauf sind, habe ich sofort gute Laune.

Michaela Boland: Das ist dann wohl der Grund dafür, dass sich jene Polka Dots recht häufig durch deine Videos ziehen?

Balbina: Ja, genau. Ich mag einfach Punkte. Ich kaufe mir auch immer welche. In Berlin gibt es einen Laden, der heißt Modulor. Dort gibt es Kunstfachbedarf, also alles.

Und eben auch diese Punkte in allen Größen und Farben. Ich hole sie mir immer und klebe sie überall drauf. Besonders auf Sachen, die ich nicht mag, oder, die ich vor mir herschiebe.

Ich habe beispielsweise so einen blöden Karton mit Rechnungen oder Sachen vom Finanzamt. Dann hilft es mir manchmal, wenn ich da bunte Punkte aufklebe. Dann habe ich  nicht so eine Angst davor.

Michaela Boland: Für viele vielleicht gar kein so schlechter Tipp.

Balbina: Ich würde eigentlich gerne das ganze Finanzamt mit Punkten bekleben. Ich fürchte mich sehr davor.

Michaela Boland: Du bist in Warschau geboren und hast bis zum Alter von drei Jahren auch dort gelebt. Gibt es dort noch familiäre Verwurzlungen?

Balbina: Ja, Oma und Opa sind in Polen. Ich spreche auch fließend polnisch.

Michaela Boland: Wie oft bist du noch vor Ort?

Balbina: Selten, weil mir mein Job allgemein nicht so viel Zeit zum Reisen lässt. Aber, wenn ich mal reisen kann, dann fahre ich gerne rüber.

Michaela Boland: Waren deine Großeltern schon einmal auf einem Konzert von dir?

Balbina: Ja, beim Sommerfest des Bundespräsidenten.

Michaela Boland: Waren sie stolz auf ihr Enkelkind?

Balbina: Ja, vor allem, weil der Bundespräsident dann auch irgendwann im Publikum saß und geklatscht hat. Das war echt witzig.

Michaela Boland: Als du damals von Polen nach Berlin gekommen bist, warst du ja noch sehr klein. Hast du dennoch Erinnerungen an die Zeit? Wie war das für dich?

Balbina: Daran kann ich mich sogar noch sehr gut erinnern. Ich habe ein sehr gutes Langzeitgedächtnis, aber ein sehr schlechtes Kurzzeitgedächtnis.

Aber so einschneidende Erlebnisse weiß ich noch. Ich kann mich zum Beispiel gut daran erinnern, wie wir die Grenze passiert haben, jene nach Ostdeutschland.

Auch kann ich  mich noch gut an die stehende Mauer und auch den Mauerfall erinnern. Wir haben auch nicht weit von der Mauer entfernt gewohnt. Das war sogar fußläufig.

Michaela Boland: Du hast in Moabit und danach in Neukölln gewohnt. Berlin-Moabit ist ja der Stadtteil, der früher als erstes von Hugenotten besiedelt gewesen sein soll und später dann zu einem traditionellen Arbeiterwohnviertel wurde. Fließen Erfahrungen, die du möglicherweise dort gesammelt hast, vielleicht auch in manche Texte von dir mit ein?

Balbina: Ja, Neukölln ist ja auch ein Arbeiterviertel. In den 90-er Jahren auch teilweise schon wieder zum Ghetto mutiert, jetzt wieder zum Trend.

Ja, klar, davon bin ich schon beeinflusst. Gerade auch in dieser Melancholie, die ich teilweise daraus entwickelt habe. Vor allem, da es ja schon Unterschiede in Berlin gibt.

Beispielsweise zwischen Wilmersdorf und Neukölln. Neukölln ist zweifelsfrei trister und ärmer als ein Wilmersdorfer Bezirk.

Wenn man in Neukölln aufwächst und eben einen gewissen niedrigen Standard kennt, dann beeinflusst einen das natürlich.

Vor allem, wenn man sieht, dass andere Leute es ein bisschen anders haben, grüner und die Spielplätze nicht kaputt sind und auch nicht irgendwelche Junkies an der Ecke stehen.

Michaela Boland: Macht es einen in gewisser Weise vielleicht auch abgehärteter, wenn man in weniger privilegierten Gegenden aufwächst?

Balbina: Ja, erstens abgehärteter, aber zweitens auch wirklich melancholischer, weil man viel Traurigkeit mitkriegt. Ich glaube, wenn man viel mit Traurigem und Schlimmem konfrontiert ist, dann bleibt das so ein bisschen an einem hängen.

Es ist wie so eine Aura, die an einem haftet. Ich glaube, das kann man nie wirklich abschütteln.

Vor allem, wenn man damit aufwächst und wenn man auch im Alltag aufpassen muss, welche Straße man zum Beispiel wählt oder zu welcher Uhrzeit man draußen ist. Das prägt einen schon.

Michaela Boland: Wann bist du glücklich?

Balbina: Wenn ich etwas fertiggestellt habe, was mir gefällt.

Michaela Boland: Dann augenblicklich, Gott sei Dank, häufig?

Balbina: Ja. Wenn es mir gefällt, dann bin ich wirklich glücklich. So war ich beispielsweise total glücklich, als ich endlich mit “Goldfisch“ fertig war. Das war für mich reines Glück.

Michaela Boland: Du hast auch mal  ein BWL-Studium begonnen.

Balbina: Ja, sehr unerfolgreich.

Michaela Boland:  War das so etwas wie ein Plan B für Dich?

Balbina: Ich glaube, Plan B bedeutet immer, dass man sich bewusst für einen Plan B entscheidet oder für einen Plan A.

Dadurch, dass ich immer zweigleisig gefahren bin und von Anfang an akzeptiert habe, dass ich von der Kleidung, aber für die Musik lebe, gab es für mich keine Entscheidung. Dass ich momentan ein bisschen mehr Musik mache, als arbeite, ist so ein fließender Prozess.

Aber, würde es jetzt zum Beispiel so sein, dass meine CDs sich nicht verkaufen oder ich kein Geld verdienen würde, dann hätte ich auch kein Problem damit, in der Produktionsphase der nächsten CD wieder mehr zurückzutreten und wieder mehr zu arbeiten.

Das erdet mich auch und ich finde das auch nicht so schlimm. Für mich ist es so: Ich brauche keinen Plan B, denn ich lebe schon Plan A seit eh und je. Ob ich arbeite oder nicht, es hält mich von der Kunst ohnehin nicht ab.

Jonathan Meese hat ja mal gesagt: „Wenn man Kunst macht und nicht erfolgreich ist, dann darf man nicht beleidigt sein, weil das nicht das Ziel des Kunstmachens ist. Das Ziel des Kunstmachens ist Kunst zu machen.“

Michaela Boland: Warum hast du dich unter diesem Gesichtspunkt für ein betriebswirtschaftliches Hochschulstudium entschieden?

Balbina: Das war reiner Zufall. Ich habe mich für Publizistik, Psychologie und BWL beworben. Ich habe es einfach angekreuzt.

Psychologie habe ich nicht bekommen und Publizistik auch nicht. Da gab es nur sehr wenige Studienplätze und man brauchte einen Abi-Durchschnitt von 1,0. Den hatte ich nicht.

Da habe ich BWL bekommen, doch ich hatte mir das überhaupt nicht überlegt, sondern habe einfach angefangen. Bis zum Vordiplom habe ich es durchgezogen, auch mit mangelndem Interesse.

Einfach aus einer Durchlaufhandlung heraus. Das ist so, wie wenn man neben dem Fernsehgucken Chips ist.

So war das BWL-Studium. Allerdings habe ich dort auch sehr viele Künstler kennengelernt, die ebenfalls Musiker sind und auch malen.

Michaela Boland: Damit rechnet man nicht zwingend.

Balbina: Das ist deshalb so witzig, weil man immer denkt, diese Leute tragen alle weiße Hemden und Krawatten oder tragen alle Brillen. Aber es ist tatsächlich so, dass man nicht immer alles aus Überzeugung macht.

Man macht auch mal Flachs oder man macht manchmal auch nur einfach Dinge. Genau davon handelt auch mein Song “Nichtstun“.

Ich habe halt  nichts getan, also, ich habe etwas getan, das Nichtstun. Und das habe ich da  irgendwie sehr erfolgreich getan.

Michaela Boland: Psychologie hätte dich aber wirklich interessiert?

Balbina: Ja, Psychologie hätte mich tatsächlich interessiert und Publizistik hat mich auch interessiert. Aber im Sinne von Verlagswesen, nicht im Sinne von Journalistik.

Da ich so viel lese, interessiert mich Verlagswesen allgemein. Das habe ich aber nicht gekriegt, sondern BWL und das hat mich wirklich Null interessiert.

Nur Volkswirtschaftslehre fand ich wirklich super, weil da ein paar Zusammenhänge klar wurden. Beispielsweise, wie große Volkswirtschaften funktionieren, was Schulden sind, insbesondere Staatsschulden.

Das ging aber auch nur ein Semester. Der Rest war Finanzierung und irgendwelche Quotienten von irgendwelchen Dividenden.

Michaela Boland: Was fasziniert dich an der Psychologie?

Balbina: Das finde ich wirklich interessant. Ich quäle mich auch immer wieder durch Siegmund Freud-Texte, die ich teilweise auch nicht verstehe. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal schlau genug bin, das zu begreifen.

Michaela Boland: Wie sieht es mit Carl Gustav Jung aus?

Balbina: Ich glaube, ich würde mich an Jung erst dann wagen, wenn ich Siegmund Freud rudimentär begriffen hätte. Aber ich lese auch viel über Freud selbst, z.B. Essays.

Die Briefwechsel Freuds mit seiner Tochter kann ich übrigens sehr empfehlen. Teilweise denke ich mir allerdings, Freud war selbst solch eine widersprüchliche Person, auch so hochgradig Kokain-abhängig, dass es das, was er schreibt, schon wieder komplett infrage stellt.

Aber ich möchte erst das, was ich bisher noch nicht begriffen habe,  begreifen, bevor ich ihn infrage stelle und bis ich dann wiederum Jung lesen kann, der ihn infrage stellt.

Michaela Boland: Klingt kompliziert.

Balbina: Ich muss das Thema eben erst mal von hinten aufrollen.

Michaela Boland: Gibt es im deutschsprachigen Musikbereich, abgesehen von Herbert Gronemeyer, eigentlich noch andere Kollegen, die du schätzt?

Balbina: Ja, Judith Holofernes finde ich wirklich super. Sie ist eine ganz tolle Texterin. Dann aus dem Rap-Bereich Justus Jonas, der meiner Meinung nach viel zu unbekannt ist.

Den kennt ja keiner, aber er ist ebenfalls ein sehr guter Texter. Ich finde auch Mieze von Mia super.

Sie textet zwar komplett anders als ich, aber mich berührt einfach, was sie schreibt. Das finde ich einfach wahnsinnig schön.

Ich hatte auch mal das Vergnügen im Vorprogramm bei denen zu spielen. Ich finde bei Menschen wie Judith Holofernes und Mia wird nicht genug wertgeschätzt, wie gut sie sind.

Michaela Boland: Mieze hat ja noch einen größeren Bekanntheitsgrad durch ihr Mitwirken als Jury-Mitglied bei DSDS erlangt.

Balbina: Als ich gesehen habe, dass Mieze bei DSDS war und dies ein Slot war, um vielleicht in den Medien zu sein, ist mir klar geworden, dass dieser kulturelle Dialog, den es viel in Frankreich oder auch in England gibt, hier beispielsweise gar nicht stattfindet. Die Genialität dieser Leute geht komplett unter und das finde ich manchmal schade.

Michaela Boland: Woran liegt das deiner Meinung nach?

Balbina: Ich glaube, teilweise erschrecken sich die Leute vor der Qualität und spielen sie dann runter, um sich davon nicht gefährdet zu fühlen. Mir kommt das jedenfalls einfach zu kurz.

Michaela Boland: Das ist in anderen Ländern nicht der Fall?

Balbina: Nein, hier kritisieren auch immer alle alles. Dann bringt Judith irgendetwas heraus, was ich total genial finde und dann zerreißen sich alle das Maul.

Dann denke ich, warum nehmt ihr das Werk nicht an, wie es ist? Es ist gut, ihr müsst  nicht den Fehler finden. Wieso müssen denn hier alle immer den Fehler finden?

Michaela Boland: Wer sucht, der findet, heißt es.

Balbina: Ja, wer sucht, der findet und das ist so krass! Ich denke, lernt doch, eure Künstler zu schätzen!

Michaela Boland: Käme für dich ein Ruf von DSDS nicht in Frage?

Balbina: Nein, da würde ich lieber Hosen verkaufen. Aber ich bin damit glücklich und mit meinem Lebensstandard komplett zufrieden. Würden nicht ständig irgendwelche Mahnungen kommen, wäre ich noch zufriedener. Aber, mein Gott, auch das ist o.k..

Michaela Boland: Kannst du in dem Bekleidungsladen, in dem du arbeitest, eigentlich jederzeit wieder mehr machen, sollte es nochmal erforderlich werden?

Balbina: Ich habe zum Glück einen tollen Chef.

Michaela Boland: Der deine Musik schätzt?

Balbina: Ja, genau. Die unterstützen mich sehr und die hoffen, dass ich  nicht mehr wiederkomme. Aber, wenn ich wiederkommen sollte, dann habe ich meinen Job in der Herrenabteilung – Herrenanzüge und Knabenanzüge-  wieder.

Michaela Boland: Wenn du vom Fach bist, kannst du bestimmt sofort alle Material-Bestandteile eines Kleidungsstücks erfühlen, oder?

Balbina: Ja, kann ich. Ich sehe auch meistens bei den Herren immer schon die Hosengröße und die Hemdgröße.

Michaela Boland: Bist du eigentlich liiert und in festen Händen?

Balbina: Sage ich nicht.

Michaela Boland: Das ist also geheim?

Balbina: Die ganz privaten Sachen versuche ich für mich zu behalten.

Michaela Boland: Treibst du Sport?

Balbina: Ich jogge. Ich laufe immer gerne Zehn-Kilometer-Strecken. Manchmal nehme ich auch an Läufen teil. Zuletzt bin ich im Herbst in Paris gelaufen.

Aber kein Stresslaufen. Ich mag es einfach loszulaufen und anzukommen. Ich werde von einem Sport-Artikel-Hersteller unterstützt.

Michaela Boland: Interessierst du dich auch für bildende Kunst?

Balbina: Es geht. Ich bin kein Profi, aber, das was ich sehe und was mich interessiert, wie zum Beispiel Tauba Auerbach, die ich absolut super finde, das bekomme ich mit.

Michaela Boland: Engagierst du dich in irgendeiner Form? Sozial oder politisch?

Balbina: Ich engagiere mich privat ein bisschen für den Tierschutz, Aber wirklich privat, das verbinde ich nicht mit der Musik. Aber, ich würde nicht sagen, dass ich da groß aktiv bin. Da gibt es Menschen, die viel mehr machen als ich. Dennoch habe ich dafür ein Auge, weil ich Tiere sehr mag.

Michaela Boland: Was liest du gerade?

Balbina: Ich lese gerade “Paradies der Damen“ von Emile Zola. Da geht es um das erste große Kaufhaus in Paris. Ich denke,  in Anlehnung an das Lafayette.

Es handelt von dem sozialen Konflikt, dass durch dieses Kaufhaus all die kleinen umliegenden Stoffläden Bankrott gehen, weil alle in diesem großen tollen neuen Einkaufsparadies kaufen wollen. Da findet sich natürlich auch das Interesse meinerseits an Kleidung und Mode wieder.

Michaela Boland: Liest du das Buch auf Deutsch oder direkt in französischer Sprache?

Balbina: Auf Deutsch. Ich kann auf Französisch nur: „Je veux un jambon s`il vous plait(Anm. d. Red.: Ich möchte bitte einen Schinken) Das wars.

Michaela Boland: Noch aus der Schule?

Balbina: Ja.

Michaela Boland: Prima. Verfolgst du derzeit die politische Situation besonders in Osteuropa?

Balbina: Ja, aber ich äußere mich in Interviews meistens nicht dazu. Ich verfolge das schon, aber ich habe zu wenig Wissen und man hat zu viel Verantwortung, wenn man in der Öffentlichkeit steht, als dass ich mich dazu äußern könnte.

Michaela Boland: Liebe Balbina, ganz herzlichen Dank für dieses ausführliche Interview. Für deine Zukunft im Musikgeschäft viel Erfolg.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

mehr

01.06.2015 im interview

GFDK - Elke Kreil

Der Krimi "Engelskalt" von dem norwegischen Autor Samuel Bjørk versetzt Fans des hartgesotteneren skandinavischen Thrillers in Angst und Schrecken!

Hinter dem Pseudonym Samuel Bjørk steht der norwegische Autor, Dramatiker und Singer-Songwriter Frode Sander Øien. Er wurde 1969 geboren, schrieb im Alter von 21 Jahren sein erstes Bühnenstück und veröffentlichte seitdem zwei hochgelobte Romane sowie sechs Musikalben. „Engelskalt“ ist sein erster Thriller. Derzeit lebt und arbeitet er in Oslo.

Worum geht es in Engelskalt?

Ein Spaziergänger findet im norwegischen Wald ein totes Mädchen, das mit einem Springseil an einem Baum aufgehängt wurde und ein Schild um den Hals trägt: „Ich reise allein.“ Kommissar Holger Munch beschließt, sich der Hilfe seiner Kollegin Mia Krüger zu versichern, deren Spürsinn unschlagbar ist. Er reist auf die Insel Hitra, um sie abzuholen. Was Munch nicht weiß: Mia hat sich dorthin zurückgezogen, um sich umzubringen. Doch als sie die Bilder des toten Mädchens sieht, entdeckt sie ein Detail, das bisher übersehen wurde – und das darauf schließen lässt, dass es nicht bei dem einen Opfer bleiben wird ...

Samuel Bjørk im Interview

Sie sind Musiker, Sänger, Songschreiber, bildender Künstler, Bühnenautor und Romanschriftsteller. Können Sie uns etwas mehr über Ihre vielfältigen Aktivitäten erzählen und wie Sie zum Schreiben kamen?

Ich wuchs in einer kleinen Stadt mitten in Norwegen auf, wo nicht besonders viel los ist. Als ich fünfzehn war, rief jemand eine Theatergruppe für Jugendliche ins Leben. Ich machte mit und merkte schon bald, dass ich mich sehr gern mit der fiktionalen Welt beschäftigte. Sie kam mir beinahe wie ein märchenhafter Ort vor, an dem man der Wirklichkeit entfliehen und so ziemlich alles sein und tun konnte, was man nur wollte. Dort schrieb ich meine ersten Lieder und mein erstes abendfüllendes Stück. Eins führte zum anderen, ich erhielt einen Plattenvertrag, mein erster Roman wurde veröffentlicht, ich schrieb Drehbücher für Fernsehserien und Stücke für die Nationalbühne. Ich versuchte immer das zu tun, was mir Spaß macht, und arbeitete einfach unentwegt.

„Engelskalt“ ist Ihr Thrillerdebüt. Es sorgte in Skandinavien für großes Aufsehen, erhielt enthusiastische Kritiken, und die Rechte zur Veröffentlichung wurden in 20 Länder verkauft. Was hat Sie daran gereizt, nach den zwei in Ihrer Heimat sehr erfolgreichen Romanen „Pepsi Love“ und „Speed for Breakfast“ nun einen Thriller zu schreiben?

Am meisten faszinierte mich am Thrillergenre das hohe Tempo. Ich war schon immer jemand, der nie still sitzen konnte, und ich langweile mich sehr schnell, daher wollte ich versuchen eine Geschichte zu schreiben, bei der die Spannung nie abreißt und eine überraschende Wendung nach der anderen folgt. Ich wollte etwas so Fesselndes schreiben, dass man es nicht aus der Hand legen könnte, es in einem Zug verschlingen müsste und, am Ende angekommen, gleich die Fortsetzung lesen wollte.

In „Engelskalt“ ermittelt die Polizei in einer Mordserie an Kindern, die kurz vor ihrer Einschulung entführt und getötet werden. Sie haben sich damit auf ein heikles Terrain gewagt, da bei der Thematisierung von Kindermorden leicht die Gefahr besteht, Leser emotional zu überfordern. Teilen Sie diese Bedenken, und falls ja, wie stark haben Sie diese bei Ihrer Arbeit beschäftigt?

Bei jedem meiner Projekte versuche ich, so „wahrhaftig” wie möglich zu sein, das heißt, ich bemühe mich, alles zu vermeiden, was zu konstruiert wirkt, zu grausam ist oder der bloßen Unterhaltung dient. Anfangs jagte mir die Idee zu dieser Geschichte selbst Angst ein, ich musste wirklich aufstehen und die Lichter in meiner Wohnung einschalten. Ich beschloss, dass ich sie trotzdem schreiben musste, was ich dann natürlich so einfühlsam wie möglich umzusetzen versuchte. In diesem Roman wird keine einzige Gewalttat detailliert beschrieben, dafür entschied ich mich bereits sehr früh.

Der extreme Druck, den Täter schnellstmöglich zu finden, ruft zwei außergewöhnliche Ermittler auf den Plan: den korpulenten Mittfünfziger Holger Munch, der als leitender Kommissar die höchste Aufklärungsquote vorweisen kann, und Mia Krüger, die sich ihrem genialen Spürsinn zum Trotz aus dem Polizeidienst zurückgezogen hatte und nun mit Anfang dreißig in einer schweren persönlichen Krise steckt. Können Sie etwas mehr über die beiden Ermittler und ihre Beziehung zueinander erzählen?

Es ist etwas merkwürdig, aber als mir die Geschichte einfiel, oder genauer gesagt der Handlungsablauf, gab es noch keine dieser Figuren. Doch ich fand sie so grausam und Furcht einflößend, dass ich meinte die besten Ermittler zu brauchen, die es je gegeben hatte, um sicherzugehen, dass dieser Mörder gefasst würde. Mia stellte ich mir allein auf einer Insel vor, wohin sie sich vor der Welt zurückgezogen hatte, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie hatte ihre ganze Familie verloren einschließlich ihrer Zwillingsschwester Sigrid, die an einer Überdosis Heroin gestorben war. Holger Munch ist in gewisser Weise Mias Gegenteil, zwar ebenfalls intelligent, aber viel gelassenerer, und beide verband früher eine sehr enge Beziehung zueinander. Munch hatte erst vor kurzem seinen Posten verloren, und dieser Fall führt sie nun wieder zusammen, was sich für beide als glückliche Fügung erweist.

Eine wichtige Rolle im Team von Holger Munch spielt Gabriel Mørk: Der junge Computernerd und Hacker hat soeben erst seine Arbeit in der Mordkommission aufgenommen. Welche erzählerischen Möglichkeiten eröffnet Ihnen die Perspektive des Neulings?

Ich liebe diese Figur, und es war mir sehr wichtig, einen Teil der Geschichte aus ihrem Blickwinkel zu erzählen. Gabriel ist eine Identifikationsfigur für den Leser, denn er war zuvor kein Polizist und hat nie irgendwelche Fälle bearbeitet. Dadurch ist es fast so, als würde man selbst in die Welt der Ermittler eintauchen, wenn man sie durch seine Augen sieht. Wenn man an seiner Stelle wäre, würde man vermutlich die gleichen Fragen stellen und genauso denken wie er. Mein Eindruck war, dass ich durch Gabriels Erzählperspektive dem Leser die Geschichte näherbringen konnte.

Können Sie etwas genauer erzählen, wie Sie über Polizeiarbeit recherchiert haben?

Was die Polizeiarbeit angeht, habe ich einfach versucht, mich an alles zu erinnern, was ich je darüber gelesen hatte, sowohl in Büchern über reale Fälle als auch in Kriminalromanen, oder was ich in Filmen und Fernsehserien gesehen hatte, und dann dort anzusetzen. Über Profiling habe ich gar nichts recherchiert. Ich versuchte lediglich, mich in Mia Krüger hineinzuversetzen und so zu denken und zu handeln wie sie. Manchmal war das ziemlich unheimlich, aber ich glaube, das hat ganz gut funktioniert.

„Engelskalt“ besticht durch exakt kalkulierte Szenenwechsel sowie die starke Symbolwirkung, die von Gegenständen, Räumen und Leichenfundorten ausgeht. Würden Sie zustimmen, dass Ihre Arbeit als Bühnenautor hier auch Ihren Thriller beeinflusst hat?

Ich würde sagen, dass dieser Roman von allem beeinflusst wurde, woran ich jemals gearbeitet habe, von meinen Theaterstücken, meinen Romanen und auch den Liedtexten, die ich zu meiner Musik verfasst habe. Ich habe immer versucht, allem eine tiefere Bedeutung zu geben und Bilder zu erschaffen, die lebendig, symbolhaft und deutlich vorstellbar sind, um dem Leser zu jeder Zeit das bestmögliche Erlebnis zu bieten.

Je weiter Mia Krüger die Aufklärung der Mordserie vorantreibt, desto intensiver wird sie mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Hatten Sie von Anfang an geplant, dass Mias persönliche Tragödie eine zentrale Rolle im Handlungsverlauf spielen sollte?

Nein, um ehrlich zu sein. Zuerst fielen mir die Geschichte und der Plot ein, erst danach kam ich auf die Idee zu Mias Figur und deren Geschichte. Aber als ich anfing zu schreiben, wurde mir immer deutlicher klar, dass beides auf eine Art verwoben ist, die ich so nicht vorhergesehen hatte. Ich wusste zwar, wer der Mörder war, aber ich wusste tatsächlich nicht, dass Mia so viel mit dem Fall tun hatte, wie sich am Ende erweist. Während ich an dem Roman arbeitete, versuchte ich an etlichen Stellen so schnell wie möglich weiterzuschreiben und machte oft nächtelang durch, weil ich selbst so gespannt darauf war zu erfahren, wie es weitergeht. Als der Mörder Mia am Ende die ganze Wahrheit eröffnet, hatte ich wirklich keine Ahnung, dass sich das so herausstellen würde. Bevor ich die Geschichte geschrieben hatte, wusste ich auch nicht, dass die einzelnen Handlungsstränge so eng miteinander verknüpft sind.

Sie zeigen in Ihrem Thriller genau die psychische Verfassung und innere Entwicklung Ihrer Figuren auf. Können Sie etwas mehr darüber erzählen, welche Rolle dabei die Aufklärung der Mordserie spielt?

Ich habe mir das auch überlegt, und meiner Meinung ist es schwer, darauf eine Antwort zu finden. Die Figuren sind für mich so vielschichtig und interessant, dass man eigentlich auch wunderbar ohne die Verbrechen eine gute Geschichte über sie schreiben könnte, aber andererseits – warum darauf verzichten? Ich glaube, dass man die Figuren gerade durch die Verbindung ihres psychischen Zustands und Seelenlebens mit den Verbrechen auf ideale Weise kennenlernen und Gefallen an ihnen finden kann.

Auch von Ihren Nebenfiguren zeichnen Sie genaue Psychogramme. Sie legen offen, welche Ereignisse im Leben eines Menschen zu psychischen Verwerfungen führen können und richten Ihr besonderes Augenmerk auf das Schicksal von Kindern. Steckt dahinter auch eine Form der Sozialkritik?

Ja, das ist ganz klar der Fall. Bevor ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, das mein erster Genre-Roman ist, beschloss ich, es nur zu schreiben, wenn ich darin auch meine Ansichten über die Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen könnte.

Unter den Spannungsautoren von Weltformat finden sich Skandinavier wie Håkan Nesser und Jo Nesbø. Sehen Sie Ihren Thriller in einer bestimmten literarischen Tradition?

Ja, ich denke schon. Dieser Roman drückt viel von der Dark-noir-Stimmung aus, für die skandinavische Kriminalautoren bekannt sind. Darüber hinaus wollte ich dem Roman noch etwas Besonderes hinzufügen, versuchen, etwas Neues auszuprobieren, eventuell die psychologische Ebene stärker auszuloten und Sozialkritik einzubringen, so dass man das Buch ebenso als literarischen Roman wie als Thriller betrachten könnte.

„Engelskalt“ ist der erste Teil einer Serie um das Ermittlerduo Holger Munch und Mia Krüger. Können Sie schon einen Ausblick geben, worum es im nächsten Band gehen wird?

Ich schreibe gerade den zweiten Thriller und stecke tatsächlich im Moment richtig tief drin, indem ich mich bemühe, die Figuren dazu zu bringen, das zu tun, was ich für sie bestimmt habe. Das ist nicht immer leicht, weil es ständig so aussieht, als wollten sie ihre eigenen Wege gehen. Holger Munch versucht immer noch, über die Trennung von seiner Frau hinwegzukommen. Mia ist vorübergehend vom Dienst freigestellt, sie braucht ein psychiatrisches Gutachten, bevor sie wieder arbeiten darf. Dann wird ein siebzehnjähriges Mädchen im Wald gefunden, nackt, gebettet auf einen Untergrund aus Federn, umkränzt von einem Pentagramm aus Lichtern, mit einer weißen Blume zwischen den Lippen. Mehr möchte ich im Augenblick nicht verraten…

Hinter dem Pseudonym Samuel Bjørk steht der norwegische Autor, Dramatiker und Singer-Songwriter Frode Sander Øien. Er wurde 1969 geboren, schrieb im Alter von 21 Jahren sein erstes Bühnenstück und veröffentlichte seitdem zwei hochgelobte Romane sowie sechs Musikalben. „Engelskalt“ ist sein erster Thriller. Derzeit lebt und arbeitet er in Oslo.

Erschienen im Goldmann Verlag April 2015

mehr

27.02.2015 Kunst Konsum Gastfreundschaft und Kultur

GFDK - Redaktion

Die Künstlerin Gila Abutalebi hat mit der Gesellschaft Freunde der Künste schon mehrere Kunst und Kultur Projekte veranstaltet, unter anderem das Goethe-Festival 255 Jahre Goethe "Wie sehen Künstlerinnen Goethe". Nun zeigt sie neue Arbeiten in Köln. Im letztem Jahr war sie zum 16. Islamic Arts Festival in Sharjah der Kulturhauptstadt der arabischen Welt eingeladen um ihre „In love with K – K Visuals” zu präsentieren.

Was hat Rewe mit Konsum, Kommunikation, Ordnung, Gastfreundschaft und Kultur gemein. Diese Fragen beantwortet uns die Künstlerin Gila Abutalebi in Köln.

Betitelungen sollen Aufsehen erregen und Neugier wecken. Das K steht für Gila Abutalebi nicht für Köln, obgleich die Stadt am Rhein ihre Wahlheimat ist und Köln ohne Zweifel als eine Stadt der Künste gilt. Der geheimnisvolle zweite Teil bezieht sich auf Gila Abutalebi (A), die sich als „Schreibkünstlerin“ dem Buchstaben (K) verschrieben hat. Wer ist und was tut diese geheimnisvolle, junge Künstlerin? Und wie kommt nun der Buchstabe (R) ins Spiel.

Die Perserin, in Österreich geboren und in Köln lebend, offeriert uns seit Jahren ein unverwechselbares, in sich homogenes Oeuvre. Die Begegnung mit zwei Kulturen, der persischen und der deutschen, geht ineinander über: fremdländische Aussagen finden eine europäische Darstellung. So vermittelt ihr Werk die Begegnung zweier Kulturen - der Besucher, zu eigener Interpretation aufgefordert, steht bei der konkreten Ausdeutung einer herrlichen Formenvielfalt und großartiger Farbgebung gegenüber.

Ist sie emotional tief berührt, freudig gestimmt oder nachdenklich geworden? In ihrer Serie „In Love with K - K Visuals“kreist die Arbeit Abutalebis allein um den Buchstaben (K), den sie so vielfältig aufgreift und darstellt: das böse (K) als Krieg, Krankheit, Krebs, Konflikt, Krise ebenso wie das gute (K) in Kultur, Kuss, Kommunikation, … und sogar in Köln.

Jetzt hängen die K' s von Abutalebi in der Hauptverwaltung der REWE Zentrale in K. Zu der gegenwärtigen Ausstellung in der Domstraße in Köln haben wir Gila Abutalebi befragt:

Frau Abutalebi, REWE beginnt doch mit einem R und nicht mit K. Wieso also Ihre K Werke bei der REWE-GROUP?

K und Rewe haben doch viel gemeinsam. K ist äußerst vieldeutig. Rewe (R) steht für Konsum, Kultur, Kulinarisches, Kochen, Körper, Konsument, Kunde, Konzept, Kaufen, usw. Da haben wir schon eine außerordentliche Schnittmenge. Konsum ist Kommunikation und mein K kommuniziert außerordentlich.

Sie erkennen also REWE in ihren Bildern wieder?

Aber ja, es gibt eine ungeheure Verbindung. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Blicken wir mal auf die Regale bei REWE, alles hat seine Ordnung, es herrscht ein Rhythmus, es gibt also eine Komposition bei den Konserven und Produkten, die Verführung des Kulinarischen, des Konsums, dem steht nun mein K gegenüber, in all seiner vielfältigen Interpretation.

Keine Vernissage?! Und trotzdem stellen Sie bei REWE aus?

Es geht doch um Inhalte. Nicht um Parties, so sehr ich diese auch liebe. Sehen Sie ich bin zwischen den Kulturen aufgewachsen. Ganz elementar in meiner persischen Kultur ist das Essen, die Gastfreundschaft. Essen bringt Menschen zusammen, ich lade regelmäßig 10 bis 15 Menschen zu mir ein, ich koche tagelang für sie. Was ich sagen will ist doch, dass REWE eine Art Plattform der Kulturen ist, somit der richtige Ort für eine Ausstellung.

Ihre Arbeiten sind vielschichtig, im Tatsächlichen wie im übertragenen Sinne.

Der Mensch ist mehrdimensional zu betrachten und meine Arbeiten kreisen um den Menschen, die Vielschichtigkeit, die Tiefe, die Reflexion provozierend. Der unbeleuchtete Raum hinter einem beleuchteten Körper, ist so spannend! Daher sind mir die Schattenspiele bei vielen Arbeiten sehr wichtig, das gezielt eingesetzte Licht. Es braucht ja die Provokation. Wir alle brauchen die Provokation.

Provokation? Der unbeleuchtete Raum hinter einem beleuchteten Körper, was meinen Sie genau?

Wir sehen zunächst, besser noch wollen nur das Schöne sehen, aber hinter dem Schönen verbirgt sich eben weit aus mehr, das Schöne ist die Summe von Vielem. Da sind wir bei der Vielschichtigkeit. Meine Bilder sind ja nicht einfach nur „schön“. Ich beleuchte. Ich studiere. Ich inhaliere die Menschen, Momente, Ereignisse und mache sie und alle und alles zu Buchstaben und Farben, auch mich selbst. Es gilt das „Dahinter“ hervor zu provozieren.

Warum diese Bilder Auswahl bei REWE?

Ich fand, dass diese Serie zur REWE passt. Der Vorstandsvorsitzende der Rewe Group, Alain Caparros ist ja auch ein Individualist, er läuft als der sogenannte Rebell der Supermärkte in seine eigene Richtung, im Sinne des Unternehmenserfolgs. Er wird häufig in der Presse als Diktator bezeichnet. Außerdem hängt ein Werk von Ludwig XIV, dem Sonnenkönig in der REWE Zentrale, in dem Moment als ich es erblickte, war mir klar, dass meine Arbeiten auch mit ihm korrespondieren.

K Visual 47 zum Beispiel ist einer meiner Lieblingskämpfer. Er hat den Segen der Liebe, er steht stets im Liebesstrahl, er kämpft für die Liebe. Dieser Krieger ist voller Kreativität, voller Würde, der Komplize, den man sich im Leben wünscht, der mit zum Erfolg beiträgt, der Erleuchtete, der wahre König der Herzen, er kämpft für das Gute. Die humanistische Komponente, auch ein bisschen der Kontrast zu Louis und Napoleon.

Sie schreiben nur mit lateinischen Buchstaben, obwohl der erste Blick die arabische oder persische Schrift vermuten lässt. Warum lateinische Buchstaben?

Ich liebe die lateinischen Buchstaben, sie sind eine optische Herausforderung, aber meine Schrift, meine Hand ist persisch. Meine persische Seele fließt in die lateinischen Buchstaben. Deutsch-persisches Gedankengut. Ich fühle deutsch, fühle persisch, ich bin mehrsprachig, dementsprechend träume und fühle und denke und schreibe ich mehrsprachig, aber meine Hauptsprache ist die deutsche Sprache.

Was erwartet uns als nächstes von Ihnen?

Die Frage müsste lauten: Was erwartet mich und uns? Das kann ich nicht beantworten. Ich weiß nur, das K ist weiterhin Held meiner Arbeiten, aber ich gebe zu, ich habe mich bereits in einen anderen Buchstaben verliebt, bereits vor einem Jahr. Aber auch ich kann gleichzeitig lieben, nicht nur einen Buchstaben.... Mal sehen, was passiert.

Es hängen 6 Arbeiten von Gila Abutalebi in der REWE Zentrale in Köln. Besichtigung nach Voranmeldung bei REWE Köln, Domstraße

Das Interview führte Gottfried Böhmer im Februar 2015 in Köln.

Weitere Infos über Gila Abutalebi unter www.transparente-lyrik.de

Gottfried Böhmer ist seit 1997 künstlerischer Direktor der Gesellschaft Freunde der Künste und Redaktionsleiter der GFDK.

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft


Transparente Lyrik

Gila Abutalebi

www.transparente-lyrik.de

look@transparente-lyrik.de

mehr

17.10.2014 MICHAELA BOLAND TRIFFT KABARETT-STAR MARGIE KINSKY

GFDK - Michaela Boland

Falls Sie bisher noch nicht wussten, dass bei ihr mit „Almut“ der Prototyp der perfekten Mutter gemeint ist, und dass Ursula von der Leyen nach Dafürhalten von Margie Kinsky da ganz gut ins Raster passt, waren Sie anscheinend noch in keiner Vorstellung der temperamentvollen Kabarettistin:

Sie trägt das Herz auf der Zunge und dabei ist sie nicht nur herrlich offen, ehrlich und direkt, sondern auch ausgesprochen lustig. Grund genug für die zahlreichen Fans gleich zu Hauf in ihre Vorstellungen zu stürmen: Die Schauspielerin und Sechsfach-Mama hat ihre italienische Heimat, Rom, bereits vor Jahren für das Studium der Romanistik in Bonn verlassen.

In der früheren deutschen Hauptstadt verdingte sie sich dann als Statistin am Theater und lernte bei einem Improvisations-Workshop ihren späteren Ehemann, Lindenstraßen-Urgestein Bill Mockridge, kennen und lieben. Jetzt hat Margie Kinsky endlich ein Buch herausgebracht. In „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeerpudding“ schildert die quirlige Italienerin Details aus ihrem Familienleben mit sieben Kerlen.

Die Tochter einer böhmischen Gräfin und eines Italieners hat darüber hinaus auch jede Menge hilfreiche Mama-Tricks auf Lager, wenn es um die Überwachung von flügge gewordenen Sprösslingen geht. Mit dem ihr eigenen unverwechselbaren Humor hat sie ihren Erfahrungsschatz so denn nun auch auf die Bühne gebracht.

Den richtigen Anstoß zum Versuch, sich mit über Fünfzig erstmals im Alleingang ins Rampenlicht zu wagen, gaben ihr Ehemann Bill, der ältere Bruder und ihre Freundin. Wäre sie dieses Wagnis nicht eingegangen, hätte sie nämlich nie herausgefunden, ob sie ganz allein ein Publikum „rocken“ kann. Davon, dass ihr dies hervorragend gelingt, zeugen die zahlreichen Fanbekundungen.

Derzeit tourt sie durch das Land und unterhält ihr begeistertes Publikum sogar schon vor dem offiziellen Show-Beginn: Sie mischt sich nämlich immer schon regelmäßig draußen unter die Zuschauer, begrüßt sie oder plaudert mit ihnen am Tresen. So schafft sie bereits eine vertraute Atmosphäre und kann ihr Publikum später einzeln beim Namen nennen und auf diese Weise in die Show miteinbeziehen. Ein Plan, der  wunderbar aufzugehen scheint.

Michaela Boland: „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeerpudding“ ist sowohl der Titel Deines aktuellen Buches als auch jener Deines neuen Bühnenprogrammes, mit dem Du derzeit sehr erfolgreich durch die Lande tourst. Bei dieser Überschrift denkt man, abgesehen von Deinem Nachnamen, wenngleich er am Ende auch mit „y“ geschrieben wird, zwangsläufig an den Schauspieler Klaus Kinski. Dieser war ja im Rahmen seines Autobiografie-Titels nach einem Gedicht von Paul Zech sprichwörtlich  „ so wild nach Deinem Erdbeermund“. Ist diese Parallele beabsichtigt?

Margie Kinsky: Es ist gewollt. Denn seit ich klein bin, haben die Leute mich immer gefragt, ob ich etwas mit diesem blonden, Domestos-melierten Klaus Kinski zu tun habe. Und ich antwortete, „nein, ich heiße Margie Kinsky mit `y`, und  er ist eigentlich Pole, heißt in Wahrheit Klaus Nakszynski und schreibt sich mit „i“. Das habe ich ständig wiederholen müssen.

Und bezüglich des Titels habe mir eben einfach überlegt, dass ich Mutter bin und sechs Jungs habe und dass Pudding tatsächlich glücklich macht, rund ist und keine Kanten hat, gemütlich ist, eine Beziehung oder auch eine 5 in Mathe ersetzt, gut tut und tröstet.

Meine Jungs haben immer Schüsselweise Pudding gegessen, wenn irgendein Mädel sie sitzen gelassen hat. Außerdem stellt dieser Titel auch eine Parallele zu meinen Kindern dar, denn wenn du versuchst, sechs Jungs in der Teenagerzeit zu erziehen, dann ist das genauso unmöglich wie das Unterfangen, Pudding an die Wand zu nageln.

Michaela Boland: Die Erziehung scheint dennoch gelungen zu sein. Man hört allenthalben nur Gutes über den Nachwuchs. Stichwort Luke Mockridge zum Beispiel.

Margie Kinsky: Ja, die sind allesamt wirklich super und toll.

Michaela Boland: Du hast Romanistik in Bonn studiert. War ein Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten, anfangs von Dir gar nicht geplant?

Margie Kinsky: Ich habe in Rom das deutsche Abitur gemacht, denn ich besuchte dort eine deutsche Schule. Mit 19 wurde ich dann ein bisschen schwierig und so haben meine Eltern, insbesondere meine Mutter, gesagt, „komm, die geht als Au-pair-Mädchen nach Bonn“. Das wollte ich aber nicht, denn meine ganze Clique war schließlich in Rom.

Da habe ich mich gefragt, was ich wohl tun könne, was schnell vorbei gehen würde. Da lag die Idee, etwas zu studieren, was ich schon konnte, nahe. Insofern studierte ich Romanistik, also Italienisch, Französisch. Dann habe ich eine Arbeit über Pasolini, diesen bekloppten tollen Regisseur und Autoren geschrieben und war da schon in der Theatergruppe an der Uni. Außerdem habe ich auch am Theater in Bonn Statisterie gemacht, da ich als Studentin kaum Knete hatte.

Dort hing dann irgendwann ein Zettel mit der Information, dass der kanadische Schauspieler, Bill Mockridge, Studenten für einen Workshop einer Impro-Theatergruppe suche. Ich dachte mir, „das klingt ganz lustig, gehst du mal gucken“. Und zack – war ich eine Springmaus. Ich habe das Improvisationstheater Springmaus auch mitbegründet und mir außerdem den Chef geangelt. Seither sind 30 Jahre vergangen und wir haben gemeinsam die sechs Jungs.

Michaela Boland: Hat es zwischen euch sogleich gefunkt?

Margie Kinsky: Zwei Jahre lang haben wir uns nur so angeguckt, aber irgendwie war es schon ziemlich klar. Da haben wir uns dann gedacht, „komm“, und nun ist es plötzlich 30 Jahre und sechs Söhne später (lacht).

Michaela Boland: Wie lange hast Du Dich dann im Springmaus-Theater betätigt?

Margie Kinsky: Insgesamt habe ich 30 Jahre Springmaus gemacht und habe in diesem Improvisationstheater auch sehr viel für das Leben gelernt. Das ist auch der Inhalt meines aktuellen Programms, ebenso wie der des Buches, nämlich die Frage „Wie backe ich mir ein glückliches Leben?“ Ein solches, das wirklich Sinn macht, denn wir haben nur ein Leben.

Michaela Boland: Dein älterer Bruder, Venceslau, hat bereits im Fellini-Film „La dolce Vita“ mitgewirkt. Hat Dich das zuvor in puncto Schauspielerei möglicherweise bereits angefixt?

Margie Kinsky: Nein, meine beiden Brüder sind Halbbrüder. Wir haben verschiedene Väter und beide sind  12 bzw. 13 Jahre älter als ich. Als mein Bruder die Filme gemacht hat, war ich winzig. Rom ist natürlich eine absolute Film- und Kulturstadt. Wenn du mit wunderschönen Kirchen, Ausblicken, einem tollen Klima und wundervollen Sonnenauf- und Untergängen aufwächst, bist Du wahrscheinlich automatisch irgendwie mit Kunst und Theater infiziert.

Michaela Boland: Deine Mutter, eine Gräfin, stammt aus Böhmen. Da kommt einem sogleich die k.u.k. (kaiserliche und königliche österreichisch-ungarische Monarchie) mit Böhmen und Mähren in den Sinn.

Margie Kinsky: Ja, genau. Das waren ja damals Böhmen und Mähren, heute Tschechien. Meine Mutter sprach mit uns Kindern Tschechisch. Somit bin ich wahrlich multikulti, denn ich wuchs in Rom auf, sprach daher Italienisch, war auf einer deutschen Schule, daher spreche ich Deutsch, bin mit einem Kanadier verheiratet, insofern spreche ich Englisch.

Michaela Boland: Aus welchem Grund hat man überhaupt in Erwägung gezogen, Dich auf eine deutsche Schule zu schicken?

Margie Kinsky: Wegen der Sprache. Meine Mutter sagte, die Schule sei um die Ecke, Italienisch könne ich sowieso, Tschechisch rede ich mit ihr, also solle ich auf die deutsche Schule gehen. Sprachen waren nicht nur schon immer etwas Tolles, sondern damals auch ein ganz wichtiges Gut. In den böhmischen Schlössern war es ja so, dass sie wenig konnten, aber sie konnten sämtliche Sprachen sprechen.

So war meine Mutter der Auffassung, wenn sie mir auf einem billigen Wege eine weitere Sprache schenken könne, dann werde sie es sehr gerne tun. Auf diese Weise war ich sogar schon in einem deutschen Kindergarten bei Tante Gaby und Tante Anneliese (lacht) und habe eben später das deutsche Abi gemacht.

Michaela Boland: Hast du noch vor der damaligen Oberstufenreform Abitur gemacht oder danach? Durftest Du Dir bereits Deine Leistungs- und Grundkurse zusammenstellen?

Margie Kinsky: Die hatte schon stattgefunden. Ich habe 1980 Abitur gemacht und hatte daher schon 1979 Leistungskurse und Grundkurse.

Michaela Boland: Was hast Du damals gewählt?

Margie Kinsky: Ich bin ja ein paar Mal sitzengeblieben, weil es eine Katastrophe war. Ich hatte Französisch als Leistungskurs, deshalb habe ich auch Französisch/ Romanistik studiert.

Michaela Boland: Hast Du Dich insoweit mit Camus, Sartre und Co befasst?

Margie Kinsky: Genau, Camus, „die Pest“ und so weiter (lacht). Außerdem hatte ich noch Deutsch und Italienisch im Abi.

Michaela Boland: Nun geht es in Deinem Programm sehr konzentriert um Deinen Nachwuchs.

Margie Kinsky: Ja, ich wollte immer viele Kinder und immer gerne Jungs. Ich hatte früher als Mädchen nur Puppen, die Jungs waren. Also, Barbies gab es bei mir nicht. Mein Teddybär war, ebenso wie mein Igel, auch ein Junge.

Michaela Boland: Dann dürftest Du mit sechs Söhnen ja rundum zufrieden sein.

Margie Kinsky: Ich bin total glücklich. Natürlich hätte ich auch gerne ein Mädchen gehabt, eine kleine Olivia.

Michaela Boland: Olivias sind super, kann ich sagen.

Margie Kinsky: (lacht) Nun, als der Sechste kam, habe ich dann aber gedacht, „besser so“. Denn wenn wir dann noch eine kleine Prinzessin gehabt hätten, wäre das mühsam gewesen.

Michaela Boland: Hast du eigentlich die italienische oder die deutsche Staatsbürgerschaft?

Margie Kinsky: Die italienische. Die Jungs haben die doppelte Staatsbürgerschaft, nämlich die italienische und die kanadische.

Michaela Boland: Wie häufig bist Du noch in Rom?

Margie Kinsky: Ganz oft. Wenn es hier so mild ist, dann bekomme ich derartiges Heimweh. Ich bin 30 Jahre in Deutschland und sage immer noch, „Ich fahre nach Hause“. Das ist eigentlich ganz schlimm. Aber die Mentalität, dieses lockere, „Hey, Ciao“ und so, ist einfach schön. Ich glaube, das ist bei jedem so, der irgendwo aufgewachsen und dann später irgendwo anders hingegangen ist. Ich habe hier mein Haus, meinen Mann, meine Jungs und meinen Beruf, also, es ist alles gut. Aber, einen guten Kaffee, eine Marktszene und bekloppte Freunde habe ich dort.

Michaela Boland: Gibt es nach wie vor Familie in Rom?

Margie Kinsky: Ja, ich habe ja zwei Brüder, wobei der eine leider verstorben ist.

Michaela Boland: Jener Bruder, der im Fellini-Film mitgewirkt hat?

Margie Kinsky: Ja, er ist leider gestorben. Der andere Bruder lebt nach wie vor halb in Rom und halb in Kanada, was sehr witzig ist, da mein Mann ja Kanadier ist.

Michaela Boland:  Was hältst Du von der deutschen bzw. speziell der rheinischen Mentalität, nachdem Du seit Jahr und Tag in Bonn lebst?

Margie Kinsky: Ich muss wirklich sagen, das Rheinland ist ein kleines Italien. Der Kölner oder auch der Bonner ist so offen und fröhlich, nicht zuletzt durch diesen Karneval. In Italien  haben wir zwar jeden Tag Karneval, aber diese offene Art hier, Motto: „Ey, Mensch, wie isset? Am besten jot“ und so, das ist sehr italienisch. Ich meine, die Römer waren ja am Rhein, haben da kampiert, also, das muss etwas zu sagen haben. Ich wäre wahrscheinlich in Hamburg, Bremen, Lübeck oder Berlin nicht so glücklich.

Oder gar in Mecklenburg-Vorpommern, das ist eine ganz andere Kiste. Die sind alle so ein bisschen trocken. Also, wenn schon Deutschland, dann das Rheinland. Bayern ist, glaube ich, auch ganz witzig, aber der Rheinländer ist sehr römisch, finde ich.

Michaela Boland: Im vorangegangenen Programm hast du Dich auch intensiv mit den jungen, knackigen Freundinnen deiner Söhne befasst und die Mädels ob ihrer körperlichen Vorzüge scharf unter die Lupe genommen. War es für Dich eigentlich leicht oder schwer, plötzlich ein wenig älter werden?

Margie Kinsky: Ja, da stehe ich einfach zu, Ich bin 56. Ich werde ganz oft gefragt, wie es so mit den Mädels ist. Ich glaube einfach, Du bist die Königin, wenn Du sechs Söhne hast und einen Mann. Ich lebe mit sieben Männern und davon habe ich sechs ja selber gemacht und ich bin die Mama, I`m the Queen.

Michaela Boland: Bestehst Du da auch drauf?

Margie Kinsky: Ich bestehe auch darauf. Und immer, wenn eine kommt, dann muss die schon wirklich fantastisch sein, bis ich sage, „ja“. Und die waren es bis jetzt noch nicht. Jetzt gibt es eine, die so ein  bisschen da herumschwirrt, die finde ich total nett und süß. Mal gucken. Aber du wirst eben älter und weißt, dass zwischen ganz jung und dann irgendwann Mutter werden noch so ein Weg ist und du denkst, „ach nein, das wird nichts mit der“. Irgendwie hast Du das im Gefühl. Vielleicht ist das auch meine italienische Mentalität.

Michaela Boland: Du hast oft geäußert, dass die ideale Schwiegertochter erst noch gebacken werden müsse. Wie wäre diese denn nach Deinem Dafürhalten?

Margie Kinsky: Sie muss humorvoll sein, auch wäre es praktisch, wenn sie aus einem Haushalt mit vielen Geschwistern kommen würde, damit sie uns versteht. Also, so ein Einzelprinzesschen ist schwierig. Verwöhnt finde auch ganz schrecklich. Sie muss anpacken können, also eine, die sich wirklich nicht zu schade ist zu sagen, „komm, das mache ich jetzt“. Ich sage immer zu den Jungs: „Wenn Du ein Mädel hast, dann muss sie Dich größer machen.

Sie muss Dich besser machen“. Das finde ich ganz besonders wichtig. Ich hasse es, wenn die solche Mädels haben, die sie runter ziehen. Ich will zwar nicht sagen, ich mache meinen Mann besser, aber er macht mich bestimmt besser. Auch sagt er von mir, ich mache ihn besser, einen besseren Menschen. Deshalb glaube ich einfach, dass es nicht ganz unwichtig ist, mit jemandem eine Beziehung zu haben, der ähnlich erzogen wurde wie Du.

Denn, wenn das eine ganz andere Kiste ist, gibt es irgendwann Probleme. Eine bestimmte Kinderstube und Manieren sind wichtig. Ich lege Wert darauf. Wenn ein Kind mit aufgestützten Ellbogen am Tisch sitzt, dann hoffe ich, dass das meine Jungs stört, denn wir haben immer gesagt, „bitte sitze gerade“.

Wenn er dann aber irgendwie so eine Prölle hat, der scheißegal ist, wie das Kind sitzt, dann kann die Liebe noch so groß sein, aber irgendwann fängt so etwas an, Dich zu stören. Und davor möchte ich sie bewahren, aber das verstehen sie natürlich nicht, wenn sie total verknallt sind in irgend so eine Cheyenne.

Michaela Boland: Wie war es zwischen Bill und Dir?

Margie Kinsky: Mit dem Bill war es so ein kleines Wunder. Wir haben auch die gleichen Ideen. Ich finde es toll, wenn eine ältere Frau den Raum betritt und ein junger Mann aufsteht,  sie begrüßt und ihr ins Gesicht schaut, die Tür aufhält oder fragt. „kann ich helfen“. Da steh ich drauf.

Michaela Boland: Wie alt sind Deine Söhne?

Margie Kinsky: Zwischen 17 und 30 Jahren.

Michaela Boland: Wie war denn so das Verhältnis zwischen Dir und den vermeintlichen Schwiegertöchtern in spe?

Margie Kinsky: Die Klappe zu halten, ist für Margie sehr schwer. Ich bin unheimlich geradeaus, ich sei schrecklich ehrlich, hat sogar mal ein Kollege von der Springmaus zu mir gesagt. Ich habe aber gelernt, die Klappe zu halten, weil es nichts bringt. Je mehr Du dem sagst, „Hör mal, das ist nichts mit der, lass es“, desto mehr wird er es tun.

Daher habe ich wirklich gelernt, mich herauszuhalten. Das ist zwar sehr schwer, aber, ich habe ja sechs, insofern hatte ich durchaus Zeit. Aber ich leide total, wenn ich sehe, dass sich einer meiner Jungs mehr und mehr in eine solche Beziehung hineindreht, von der ich denke, „NEIN!“.

Michaela Boland: Du sprichst ja auch frank und frei in TV-Sendungen über die jungen Damen an der Seite Deiner Söhne. Wie findet Dein Nachwuchs das?

Margie Kinsky: Das ist nicht schlimm. Ich bin sicher, dass eine Familie, die in sich stimmt und wo die Kinder wissen, was ist der Job meiner Eltern – mein Vater ist Schauspieler, meine Mutter ist Witzbold und Comedian – die werden damit groß und sagen sich, das gehört dazu, das ist unser Business.

Michaela Boland: Unter anderem hast Du in einem Programm die Tätowierungen auf der Haut einer Freundin Deines Sohnes kritisiert. Eine ausgebildete Pädagogin und Freundin von Dir soll Dich diesbezüglich beruhigt haben, woraus Du eine Programm-Nummer gestrickt hast.

Margie Kinsky: Ja, richtig. Es ging um eine der Freundinnen meines Sohnes. Was an ihr nicht tätowiert war, war gepierct, also, die sah aus wie so ein Bilderbuch. Meine Freundin sagte diesbezüglich, „Reg Dich doch nicht auf“ und meinte „Hör mal, die halten gut die Klappe, weil die immer Bildchen angucken“. Daraufhin habe ich in meinem Programm erzählt, dass diese Mädchen vergessen, dass sie einmal 60 sein werden und so haben sie dank ihrer dann faltigen Haut später ein Daumenkino.

Michaela Boland: War das Thema „Tattoos“ ein solches, was bei Euch eher verpönt war oder durften Deine Jungs sich von Dir aus tätowieren lassen?

Margie Kinsky: Es ist deshalb sehr schwer, weil Bill sich im Alter von 14 Jahren gemeinsam mit seinem Freund einen Puma auf den Arm hat tätowieren lassen. Er war nämlich mit 13 im Klub der Pumas. Sein Vater, ein Anwalt, war damals außer sich. Das Ganze war ein Riesending. Bill wäre schon fast aus dem Testament geknallt worden.

Zwischenzeitlich ist das Ding sowieso verblasst, Du denkst, er hätte da einen blauen Fleck auf dem Arm. Aber als tätowierter Papa ist es natürlich schwer. Trotzdem sagen wir immer“ lass es“. Wir haben einen der sechs, der hinten auf dem Rücken eine Tätowierung  mit seiner Schrift und dem Text, „So far from me“ hat. Das war eine Zeit, in der es ihm  nicht so gut ging. Zeit der Findung. Ich weiß es noch genau.

Er kam Weihnachten nach Hause, war ein Jahr weg gewesen. In Australien, da passiert diese Scheiße. Da sagte sein kleiner Bruder, „Ey, der Nicki hat ein Gedicht am Rücken“. Ich habe gedacht, Weihnachten sei gelaufen. Aber, es ist nur ein Satz mit seiner Schrift, es befindet sich am Rücken und Du siehst es nicht.

Michaela Boland: Bereut er es denn?

Margie Kinsky: Nein, überhaupt nicht. Es ist auch nicht schlimm, es stört ja keinen. Was ich hasse, sind aber diese Mädels, die wirklich den Hals, die Ohren, die Arme, die Beine, die Füße und auch noch die Fersen tätowiert haben. Ich denke, Tattoos machen süchtig. Total. Also ich hoffe, wir haben es geschafft. Ich habe immer so ein Goal (Ziel): Es wäre toll, wenn die nicht rauchen, aber zwei rauchen. Und es wäre eben toll, wenn sie es schaffen, sich nicht tätowieren zu lassen, denn mit 25 machst Du Dir keine Tätowierung mehr.

Michaela Boland: Das weiß man nicht immer, doch ich entnehme dem, dass Du selbst weit von einer Tätowierung entfernt bist?

Margie Kinsky: Ja, weit entfernt. Aber, ich male unheimlich gerne. Ich habe auch in meinem Buch selber gekritzelt und gemalt. Manchmal male ich mir mit so einem ganz dünnen schwarzen Filzstift etwas und frage mich, „Na, wie würde das denn aussehen“. Und dann sage ich mir, „Boa Margie, hast Du einen schlechten Tag, denn jetzt hast Du ein Smilie da, das ist doch auch doof“. Also irgendwie ist das einfach nicht meins.

Michaela Boland: Du hast  häufiger öffentlich zum Besten gegeben, wie Du Dich in den Chat-Account Deines Jungen manövriert und Dich als Dein Sohn ausgegeben hast, während Du mit seinem vermeintlichen Kumpel hin- und her schriebst, um Dinge herauszufinden und andere gerade zu rücken. Sehr lustig für das Publikum. Wie lustig war es für Deinen Sohn?

Margie Kinksy: Das ist Showbusiness. Es gibt 1000 Sachen, die ich natürlich nicht erzähle. Viele Sachen sind auch mit ein wenig Farbe gesprenkelt, da haue ich manchmal Sahne drauf. Es ist eigentlich wie bei Kindern von Ärzten. Wenn Du am Frühstückstisch sitzt und der Vater erzählt von irgendwelchen Fällen, dann werden die Kinder damit groß, für die ist es normal. Unsere werden eben mit Theater, Fernsehen und Talkrunden groß. Bill ist ja in der Lindenstraße.

Michaela Boland: Du hast über einen gewissen Zeitraum auch dort mitgespielt.

Margie Kinsky: Ich war auch kurz drin und unser Sohn Jeremy ebenfalls.

Michaela Boland: Hat er damals nicht den Sohn meiner geschätzten Lollo-Rosso Kollegin, Rebecca Simoneit-Barum alias Iffi-Zenker in der Lindenstraße verkörpert?

Margie Kinsky: Richtig, er spielte den Nico Zenker.

Michaela Boland: Was macht Jeremy heute?

Margie Kinsky: Er besucht derzeit die Ernst Busch Schauspielschule in Berlin.

Michaela Boland: Sind somit zwischenzeitlich alle Kinder außer Haus?

Margie Kinsky: Fast alle. Der 17-Jährige ist im Internat, weil er keinen Bock hatte, allein zu bleiben, was ich sehr gut verstehen kann. Wir müssen zwar sehr viel arbeiten, um uns das erlauben zu können, aber Bill und ich, wir haben beide gesagt, „o.k., go“. Denn es ist natürlich toll. Wir sind jetzt alleine, wir können uns begleiten. Wir haben ja wirklich 30 Jahre lang permanent Kinder und Chaos gehabt und das ist schon nett jetzt. Es liegt nichts herum und es ist alles schön.

Michaela Boland: Fehlt einem das Chaos nicht?

Margie Kinsky: Ja, aber es ist auch so sehr schön. Zwei unserer Jungs sind ohnehin in Köln. Also, das ist  von Bonn aus ein Sprung. Wir sind oft in Berlin. Ich fliege beispielsweise jetzt dort hin, weil Jeremy am Theater Premiere mit Faust hat.

Michaela Boland: Verkörpert Jeremy darin selbst den Dr. Faust?

Margie Kinsky: Ja, er spielt den Faust. Das ist natürlich für Bill total aufregend, weil er ja klassischer Schauspieler ist, während ich nur italienisch bin. Ich sage immer, jeder Italiener ist witzig. Das, was ich hier mache, würde in Italien gar nicht mal so aufregend sein. Ich glaube, da ist jeder so.

Michaela Boland: Innerhalb von 30 Jahren eignet man sich gewiss einen reichhaltigen Erfahrungsschatz in Sachen Familienleben an. Wie verlief der Prozess vom Durchleben der lustigen Begebenheiten bis hin zur Inszenierung der internen Geschehnisse auf der Bühne? Ist es leicht, das umzusetzen?

Margie Kinsky: Es ist gar nicht so schwer, denn Du lachst Dich deshalb so kaputt, weil es stimmt. Es gibt natürlich ganz persönliche Sachen, die Du nicht auf der Bühne erzählst, aber dennoch erkennt sich jede Mutter und sagt sich, „die war doch bei mir zu Hause“. Margie ist wie eine Freundin. Comedy ist: Du gehst, guckst, hörst etwas und sagst, „Hör, mal, das ist so unglaublich, merk Dir das“.

Diese urkomischen Situationen mit Kindern, zu Hause oder mit Freunden sind witzig, weil sie wahr sind. Ich mag beispielsweise keine Comedians, die solche abstrusen Sachen erzählen. Die nehme ich nicht ernst. Wenn ich mir sagen muss, „ das ist doch Quatsch, das hast Du noch nie erlebt“. Ich glaube, das Geheimnis von Margies Rezept ist, dass jeder Junge sagt, „das könnte meine Mutter sein“.

Ich liebe es, wenn die Leute aus der Vorstellung gehen und sagen. „von Anfang an war Margie meine Freundin“. Noch vor dem Einlass stehe ich ja draußen, begrüße mein Publikum und quatsche mit den Menschen. Auch in der Pause bin ich mit ihnen zusammen.  Und dann habe ich sie. Ich kenne sie alle, ich weiß beispielsweise, der Mann der einen Frau ist total sauer, weil er eigentlich heute Abend Fußball gucken wollte.

So etwas kann ich später dann ganz wunderbar in die Show einbringen. All diese kleinen Geschichten sind wie ein Bild mit 1000 kleinen Farbtupfern, das dann zusammengebacken wird. Wir kennen uns und sind alle per Du. Es ist eigentlich ein schöner Abend mit Mädels, denn es ist ein Mädelsprogramm.

Michaela Boland: Aber, wie Du erwähntest, kommen durchaus auch Männer und sind sicherlich willkommen?

Margie Kinksy: Ja und ich bin immer ganz nett zu denen, denn ich hasse diese Emanzen, die ständig sagen, „Männer sind Scheiße“. Männer sind toll und wir brauchen sie.

Michaela Boland: Du hast beschrieben, dass der Inbegriff der perfekten Mutter von Dir als „Almut“ bezeichnet werde. Also jene Mütter, die, egal in welcher Situation, immer perfekt gestylt sind und denen alles immer zu gelingen scheint. So hättest Du, zu Deinem Leidwesen, immer wieder eine solche in Deinem näheren Umfeld gehabt. In einer Ausgabe der Talkshow von Markus Lanz wurdest Du 2012 in diesem Zusammenhang auf Ursula von der Leyen angesprochen. Du bezeichnetest sie als die beste Almut Deutschlands.

Margie Kinsky: Habe ich das gesagt? Ja, die Almuts sind die, die ich nicht mag, die perfekten Mütter. Und sie ist eine. Sie ist total eine perfekte Mutter.

Michaela Boland: Du bist auch gemeinnützig unterwegs, denn Du setzt Dich für benachteiligte Mädchen ein. Was hat es konkret damit auf sich?

Margie Kinsky: Ich setze mich für indische Mädchen ein. Am 22. November 2014 wird es im Rahmen dieses Projekts ein Benefizprogramm in Bochum mit mir geben. Ich habe mir gedacht, „Margie, du hast sechs Jungs und Dir immer eine Tochter gewünscht. Da wäre es doch toll, wenn Du Dich auf diesem Wege Mädels zeigst“.

Das Projekt heißt: CHANCE AUF LEBEN. (Anm. d. Red.: Infos unter www.chanceaufleben.de ) Das mache ich unheimlich gerne, weil für mich der Weg aus der Armut die Bildung und die Kultur sind. Die Mädchen in Indien gelten ja leider gar nichts. Viele werden abgetrieben oder weggeschmissen. Kaum sind sie geboren, landen sie auf der Müllkippe.

Michaela Boland: Die vielen brutalen Vergewaltigungen in Indien sind darüber hinaus beängstigend.

Margie Kinsky: Die Vergewaltigungen sind ganz schlimm. Daher ist dieses Projekt eine tolle Geschichte. Sie machen es wirklich klasse und mich hat besonders fasziniert, dass sie den Familien der Mädchen einen Obolus entrichten, doch sie erhalten das Geld tatsächlich nur dann, wenn sie das Mädchen in die Schule schicken, was wir dann wieder finanzieren. Nur damit hältst Du sie, denn sonst kassieren sie das Geld und die darf nicht in die Schule. Daher finde ich das Konzept so pfiffig, es hat mir wirklich ganz toll gefallen.

Michaela Boland: Dein Beitrag besteht dann quasi darin, dass Du umsonst auftrittst?

Margie Kinsky: Ja, ich trete umsonst auf, werde meine Bücher signieren und in Bochum diesen einen Abend machen. Ich hoffe, dass es picke packe voll wird.

Michaela Boland: In welcher Location findet die Veranstaltung statt?

Margie Kinsky: Am Bermuda Dreieck im RIFF ( www.riff-bochum.de ).

Michaela Boland: Die AsA e.V. (Ausbildung statt Abschiebung) in Bonn ist ein weiteres Projekt von Dir. Dort warst Du sogar Schirmherrin.

Margie Kinsky: Ja, das habe ich auch  ein Jahr lang gemacht. Damit habe ich jetzt aber aufgehört, das ist nun vorbei.

Michaela Boland: Du hast geschildert, viele Jahre Impro-Theater gemacht zu haben. Wann hast Du beschlossen, nun mal  ganz allein Dein eigenes Ding auf der Bühne zu versuchen?

Margie Kinsky: Ich sage Dir ganz ehrlich, ich wollte das nicht. Du bist bei der Springmaus so verdammt gut aufgehoben. Da ist ein Büro, Du kriegst Deinen Tourplan, Du hast ein Auto unterm Arsch, es wird Dir bezahlt. Auch wirst Du pro Vorstellung bezahlt, egal, ob sie voll ist oder nicht. A very cushy comfi Job. Der Bill, der der Chef von der Springmaus ist, konnte mich auch nie loslassen und ich habe nie die Kurve gekriegt, um zu gehen.

Dann gab es zwei Sachen: Erst mal hat Bill immer gesagt, „So, jetzt mach mal alleine, Du hast das Zeug dazu“. Ich sagte aber immer nein. Dann müsste ich ja alleine hinfahren. Wir fahren bei der Springmaus immer zu viert, wir haben einen Techniker, da passiert Dir nichts. Du hast ein Mikro, das funktioniert. Du kommst da hin, da steht schon Dein Kaffee und Deine Brötchen, Du spielst Dein Ding.

Außerdem bist Du mit Deinen vier Kollegen da, wenn du also mal einen schlechten Tag hast, wirst Du beim Impro aufgefangen. Das ist so geil. Aber Bill ließ nicht locker und sagte immer wieder, „Margie, du kannst das“. Und mein leider bereits verstorbener Bruder, hat irgendwann zu mir gesagt, „ geh und mach das, bevor irgendjemand auf die Idee kommt, dass Du schon zu alt bist oder dass irgendein Doofkopp sagt,  das ist ja die Frau von dem und dem“.

Das hat mich wiederum so richtig gepitcht. Auch hätte mir das wirklich wehgetan, wenn die Leute sagen würden, „Kinsky, tschüss, Du hast einfach nichts“. Eine Freundin von mir sagte dann noch während eines Spaziergangs, „Wenn Du das nicht tust, Margie, wirst Du auch nicht wissen, ob Du es kannst“. Das ist ein Satz, den ich allen Frauen und Mädels empfehle.

Michaela Boland: Der richtige Motivations-Satz?

Margie Kinsky: Absolut. Der motiviert. Bill sagte stets, wenn das Scheiße werde, dann ließen wir das verschwinden. Das merke kein Schwein. Du spielst das ein paar Mal und wenn das nichts ist, lassen wir es weg, dann war es das und Du genießt Dein Leben. Ich habe dann Blut geleckt und es ist eine solche Challenge, so eine tolle Geschichte. Zu sehen, dass ich, Margie, 400 Leute ganz allein rocken kann. Genauso wie damals mit Springmaus.

Michaela Boland: Woher beziehst Du Deine Power?

Margie Kinsky: Die Leute geben sie mir. Die freuen sich und ich habe immer diese Frauen, die kommen und mir sagen, „Sie sind so toll und nett, kann ich Sie mal in den Arm nehmen und ein Foto machen“, und das ist so geil.

Michaela Boland: Wann genau hast Du solo begonnen?

Margie Kinsky: Das hat vor drei oder vier Jahren angefangen.

Michaela Boland: Hast Du extra Deinen Nachnamen „Kinsky“ beibehalten?

Margie Kinsky: Ja, denn es gibt so viele Mockridges. Für die Bühne gibt es ja den Bill Mockridge, den Luke Mockridge, Jeremy Mockridge, Nick Mockridge ist Regisseur in Berlin. Da habe ich gesagt, „weißt du was, I am the Mama, my name is Kinsky“. Ich heiße ja eigentlich Maria Grazia Alice Eleonora Kinsky.

Michaela Boland: Hast Du denn zumindest als Ehenamen „Mockridge“ angenommen?

Margie Kinsky: Ich heiße Kinsky-Mockridge.

Michaela Boland: Was erwartet Dein Publikum nun konkret im aktuellen Erdbeerpudding-Programm?

Margie Kinsky: Dieses Programm ist eine Stufe höher als „Kinsky legt los“. „Kinsky legt los“ war der erste Versuch und war wunderbar mit den Kindern, den tätowierten Freundinnen und sehr viel Schule, Laternen basteln und so weiter. Das hier ist nun noch eine Ecke persönlicher. Es ist sehr viel Margie und es ist nochmal die Bitte an alle, „Enjoy your life“.

Das Leben ist eine Achterbahn und Du allein entscheidest, wie die Fahrt ist. Du kannst entweder runter fahren und vor Angst und nicht vorhandener Lust sagen, „Nein, nein, nein“ und das alles nicht genießen. Oder Du fährst, genießt die Phasen und sagst einfach „ja“ zum Leben. Und der Lenny Mockridge, unser vierter Sohn, der Musik studiert hat, hat mir am Ende ein tolles Lied geschrieben: „Everybody says yes, yes“. Genieße also die Fahrt in der Achterbahn und sage „ja“, denn damit fährt es sich am besten.

Michaela Boland: Welchen Motivations-Tipp gibst Du denen, die sich bei der Achterbahnfahrt gerade steil nach unten bewegen und nach Luft ringen, um überhaupt noch  etwas sagen zu können?

Margie Kinsky: Das ist ganz einfach. Ich habe mit der Springmaus durch Zufall mal eine Vorstellung in Rom gespielt, genau an dem Abend des Tages, an dem mein Bruder gestorben ist. Das war in 30 Jahren zuvor noch nie passiert. Eine deutsche Versicherung hatte die ganzen Leute, die da gewonnen hatten, nach Rom gefahren.

Als wir dann da waren, ist morgens mein Bruder gestorben und am Abend hatte ich die Vorstellung. Weißt Du, das ist Dein Job. Die Leute haben bezahlt, die Leute wollen sich amüsieren und sie haben mit Deiner Geschichte nichts zu tun. Dann stellst Du so einen Schalter um und sagst Dir, „ o.k. die nächsten zwei Stunden wird das durchgezogen“, denn alles andere bringt ja nichts.

Ich kann da hinten stehen und sagen, „nein, nein, nein“, oder ich kann mich in den Wagen setzen, runterfahren und sagen „ja“. Ich hatte, Gott sei Dank, nie böse Schicksalsgeschichten. Ich hoffe, dass wir auch alle 100 werden und gesund bleiben. Ich bin nämlich sehr schissig.

Michaela Boland: Du wirkst keineswegs so.

Margie Kinsky: Doch, total. Aber ich versuche, die Hindernisse so zu nehmen, wie sie kommen. Es nützt nichts zu sagen, „Huah, da ist was“, sondern, „reg Dich doch erst auf, wenn Du da bist“. Das ist zwar sehr schwer und ich kann das schlecht, aber, ich probiere es.

Michaela Boland: Ein gläubiger Mensch bist Du ja, aber glaubst du denn auch an Vorhersehung?

Margie Kinsky: Ich bin sehr gläubig, aber an Vorhersehung glaube ich nicht. Ich habe in meinem Programm eine ganze Nummer über Wahrsagerinnen, Horoskope und Aberglauben. Ich will es nicht glauben, denn ich möchte nicht wissen, wenn die sagt, „übermorgen fällst Du tot um“.

Dann würde ich in Panik verfallen und denken, „Scheiße, was mache ich jetzt die zwei Tage“. Ich nehme all dies von der witzigen Seite. So hat meine Mutter beispielsweise, genau wie die Oma, immer gesagt, „Vorsicht, wenn Du Kirschen isst, darfst du nichts trinken, sonst wächst Dir da ein Baum im Bauch“.

Michaela Boland: Wie könnte man Deine Art von Kabarett genau bezeichnen?

Margie Kinsky: Es ist auf keinen Fall politisch. Es ist ein Gute-Laune-Programm. Es macht happy. Genau das möchte ich auch. Die Leute sollen nach Hause gehen und sagen, „Das war so ein lustiger Abend“. Wenn jemand einen Kack-Tag hatte, das Kind eine Fünf nach Hause gebracht hat, man gegen ein Auto geknallt ist, zu Hause Berge von Wäsche liegen, die nicht geschafft wurden und es aussieht wie Hulle, aber man nach der Vorstellung sagt, „ ich war bei Margie und es ist alles vergessen“ fände ich das toll. Das ist das Ziel und ich glaube, das gelingt, denn die Mädels kommen da raus und strahlen.

Michaela Boland: Bist Du eigentlich eitel oder uneitel?

Margie Kinsky: Ich bin nicht sehr eitel.

Michaela Boland: Deine Haare hattest du vor einiger Zeit noch gefärbt, jetzt fällt auf, dass Du nicht mehr färbst.

Margie Kinsky:  Ich bin jetzt seit einem Jahr grau. Wir waren im Sommer letzten Jahres in Kanada. Da sind wir immer sechs Wochen und da habe ich gesagt, „nein, ich habe jetzt keinen Bock mehr aufs Färben. Immer dieser Ansatz“. Dann habe ich es einfach gelassen und so ein kanadischer Holzfäller sagte, „o, you look so nice“. Da antwortete ich, „I`ll keep it“. Ich stehe dazu und fertig.

Michaela Boland: Inhaltlich hängt die Haarfarbe also nicht mit Deinem Programm zusammen? In sämtlichen Talkshows der jüngeren Vergangenheit sieht man Dich ja noch dunkelhaarig.

Margie Kinsky: Nein, es war eine ganz klare Entscheidung. Ich habe keinen Bock mehr auf dieses Gefärbe. Genauso wenig wie auf total nervige Diäten oder auf Falten.

Michaela Boland. Diäten hast Du wohl kaum nötig. Du bist ja rank und schlank.

Margie Kinsky: Ja, aber ich passe wahnsinnig auf. Ich versuche es zumindest. Aber dieses ganzen Weight Watchers und das darf man nicht und das nicht, das ist schlimm. Ich versuche daher einfach FDHD: Friss die Hälfte dauerhaft. (lacht).

Michaela Boland: Liebe Margie, herzlichen Dank für dieses Gespräch. Für die Zukunft alles erdenklich Gute für Dich und Deine sieben Männer und noch viele weitere tolle Programme.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

 

mehr

30.07.2014 Album "First Light"

GFDK - Uwe Kerkau Promotion

Andrew McCormack ist ein Komponist und Pianist im Vollbesitz seines kreativen Schaffens. Der 1978 in Großbritannien geborene McCormack lebt in New York. Mit Talent und Können hat er sich einen exzellenten Ruf erarbeitet und verdient einen Platz unter 'Britain's Hottest'.

2007 stürmte McCormack die Musikszene mit dem Debüt-Album Telescope, einer gelungenen Aufnahme, auf der sich seine ihm typischen fließenden Melodien mit einem kraftvoll rhythmischen Puls verbinden.

McCormack umrundet seitdem die Welt als Bandleader seines Trios und im Duett mit Saxophonist Jason Yarde. Zusammen haben die beiden das Album My Duo (2010) und Places and Other Spaces (2011) heraus gebracht.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

McCormack unterstützt viele heimische Talente und war die treibende Kraft hinter den Leuten wie Kyle Eastwood, Eric Alexander, Denys Baptiste und Jean Toussaint.

Geschickt entwickelt und verfeinert McCormack seinen originellen kompositorischen Ansatz und seine traditionelle Performance. McCormacks britischer Stil fesselt das Publikum, indem er die Sehnsucht nach ausdrucksvoller, gefühlsgeladener Ästhetik stillt. Der Umzug nach New York beflügelt den Swing und das dynamische Zusammenspiel  seines beeindruckenden Live-Sounds.

Das Resultat bislang ist ein Pianist und ein Komponist, der den ‚karriere-entscheidenden‘ Schritt auf die internationale Bühne wagt. Einer, der sich vom ‚Rising Star‘ der britischen Szene zu einem ernst zu nehmenden  Künstler weiterentwickelt hat, mit einem ‚festen Zuhause‘ bei Edition Records, neuem Management, großartigen Pressereaktionen und seinem neuen Trio-Album First Light, das mit den beiden New Yorkern Zack Lober am Bass und Schlagzeuger Colin Stanahan aufgenommen wurde.

Am 10. Juli 2014 war die Erstaufführung des Albums in Londons Pizza Express. Im zweiten Set trat McCormack mit dem außerordentlich talentierten finnischen Trompeter und Komponist Verneri Pohjola auf, einem neuen Edition Records Künstler. Der 36 jährige aus Helsinki steht seit wenigen Jahren im internationalen Rampenlicht und entwickelt sich zu einem Star in der Jazz Szene. Den Respekt der Kritiker hat sich Pohjola mit seinen beiden letzten Veröffentlichungen bei dem deutschen Label ACT verdient. Pohjolas neues Album erscheint Anfang 2015 bei Edition Records. An seiner Seite, der Pianist Aki Rissanen, der Bassist Antti Lötjönen und Teppo Mäkynen am Schlagzeug.

 

 

Uwe Kerkau Promotion
Hammermühle 34
D-51491 Overath
u.kerkau@uk-promotion.de

mehr

15.07.2014 exklusivinterview mit michaela boland

GFDK - Michaela Boland

21 Jahre, unfassbar tiefe Stimme, blonde Strubbelmähne und treuer Blick aus blauen Augen. All dies kombiniert mit einem sportlich durchtrainierten Körper im lässigen Jeans-Tanktop-Lederjacken-Look erklärt vermutlich schnell, aus welchem Grund auch BRAVO-Leser jetzt den Blues für sich entdecken.

Der Deutsch-Däne Jesper Munk verzaubert derzeit landesweit mit berührenden Eigenkompositionen, die hin und wieder an sein Idol Amy Winehouse erinnern. "For in my way it lies" lautet der Titel seines aktuellen Albums in Anlehnung an ein Zitat aus Shakespeare`s Macbeth. Eine Lektüre, die der in München beheimatete Soul-Musiker leider nie zu Ende las.

Grund: Für gemeinsame Jam-Sessions schwänzte er mit seinen Freunden gerne mal den Unterricht. Durchaus zu seinem Glück, denn der Sohn einer dänischen Mode-Direktrice und eines bayerischen Musikers musste währenddessen einmal derartig laut werden, dass seine bisher glockenklare Chorstimme brach, einen Sprung machte und "auf einmal total dreckig klang". Jetzt verschafft er sich Gehör, denn dieses besondere Timbre in der noch jungen Stimme prägt sich unverzüglich ein.

Während seiner ELECTRIC SHOW Tour 2014 durch Deutschland treffe ich den belesenen Newcomer und begeisterten Tom Waits-Fan. Dass in erster Linie Gefühl seine Musik prägt, wird schnell ersichtlich, wenn man mit dem natürlich-sensiblen und sympathisch zurückgenommenen, klugen Jesper ins Gespräch kommt. Von sich hören machen wird diese Neuentdeckung gewiss noch häufig, denn sie ist uneitel, frisch, markant und gut.

 

Michaela Boland: Hast du Macbeth in der Zwischenzeit nochmal gelesen?

Jesper Munk: Nein, habe ich immer noch nicht. Leider bin ich nicht dazu gekommen.

Michaela Boland: Hast du damals im Gymnasium keine Klausur über diesen Klassiker schreiben müssen?

Jesper Munk: Doch, klar.

Michaela Boland: Wie ist sie gelaufen, wenn du den Stoff nicht gelesen hast?

Jesper Munk: Ganz schlecht natürlich.

Michaela Boland: Ist es denn noch in Planung, das Stück irgendwann zu verinnerlichen oder schon ad acta gelegt?

Jesper Munk: Ich will es unbedingt mal lesen. Ich will überhaupt mehr von Shakespeare lesen, denn das darf man nicht auslassen. Auf keinen Fall. Leider bin ich gerade einfach zu inkonsequent. Zurzeit lese ich nämlich in einer Tom Waits-Biografie, die ich von einem guten Freund geschenkt bekommen habe. Ansonsten beschäftige ich mich in literarischer Hinsicht augenblicklich hauptsächlich mit Lyrics.

Michaela Boland: Der klassische Blues leitet sich von "I`ve got the Blues" ab. Dies heißt ja so viel wie, `ich bin traurig`. Bist oder warst du häufig traurig?

Jesper Munk: Ich würde zwar sagen, dass ich eigentlich schon ein sonniges Gemüt habe, allerdings staut sich natürlich hin und wieder mal etwas an. Denn, nicht immer läuft alles super rund. Wenn sich dann etwas anstaut und man keine Lust hat, diese Dinge so rauszulassen oder gar gegenüber jemandem direkt zu äußern, dann braucht man ein Ventil. Für manche ist das Sport, für andere ist es etwas anderes und für mich ist es eben die Musik.

Michaela Boland: Von deiner attraktiven Optik her könntest du ohne weiteres als eine Art Justin Bieber durchgehen. Nun steht er mit Pop für eine gänzlich andere Musikrichtung als du. Wäre Pop etwas, das du grundsätzlich ablehnen würdest?

Jesper Munk: Schrecklich. Das lehne ich zu hundert Prozent ab.

Michaela Boland: Im Bereich Blues würde man eher reifere Semester vermuten. Wie hast du als heute erst 21-Jähriger diese Musikrichtung schon vor Jahren für dich entdeckt?

Jesper Munk: Ich habe angefangen in einer Band namens Lila`s Riot Bass zu spielen. Mein Band-Kollege, Clemens, war damals auch schon dabei und hat Drums gespielt. Ich selbst konnte überhaupt keinen Bass spielen und viele unserer Musiker konnten ebenso wenig spielen. Also, haben wir uns darauf geeinigt, dass wir zwar wenig, aber dafür ausdrucksstark spielen. So sind wir bei den Sixties gelandet. Wenn man sich dann diese Songs anhört und weiß, dass das alles auf den Blues zurückgeht, fängt man an, sich dafür zu interessieren und sich hinein zu hören. Ebenfalls in die 1920, -30er und -40er Jahre. Und so bin ich auf den Blues gekommen.

Michaela Boland: Der Blues, der in seiner Entstehung Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts anzusiedeln ist, soll häufig in zwölf Takten und einer Melodie, die von drei Akkorden begleitet wird, auftreten. Hältst du dich womöglich auch streng an solche Formen?

Jesper Munk: Nein. Bei uns sind es nicht immer nur 12 Takte und drei Grundharmonien (lacht). Blues ist natürlich harmonisch simpel gedacht. Und das ist ja auch das Schöne daran, dass es einfach und ausdrucksstark ist. Das wenige, das du spielst, musst du mit dem maximalen Gefühl spielen. Das ist auch, was mich bis heute dabei gelassen hat.

Michaela Boland: Redakteure des Bayerischen Rundfunks sollen dich auf der Straße entdeckt haben. Klingt beinahe so wie vom Tellerwäscher zum Millionär. Wie ging das vonstatten?

Jesper Munk: Ralf Sommer hat mich auf der Straße spielen sehen und mich ins schöne Studio 12 beim BR eingeladen und das war in der Tat der erste Radiotermin.

Michaela Boland: Du hast mit 15 Jahren verhältnismäßig spät angefangen, Gitarre zu erlernen. Wie lange hat es gedauert, bis du dein Spiel perfektionieren konntest?

Jesper Munk: Ich habe mit 16 Jahren angefangen Bass zu spielen und eigentlich erst mit 17 ein halb begonnen, Gitarre zu spielen. Allerdings lernt man stetig weiter. Pro Gig und pro Session geht es immer weiter voran. Auf dem Stand, auf dem ich jetzt bin, war ich noch nie. Wenn man es richtig angeht, wird sich das wohl auch nie ändern.

Michaela Boland: Hast du dir auch die Anfänge autodidaktisch angeeignet, hast du jemals eine Musikschule besucht oder dir einfach viel bei deinem Vater, der ja ebenfalls Musiker ist, abgeguckt?

Jesper Munk: Ich habe viel mitbekommen, mir viele Konzerte angeschaut als ich noch jünger war. Da guckt man sich natürlich alles Mögliche ab und ansonsten bin ich ein Autodidakt.

Michaela Boland: In Interviews hast du häufig den Moment beschrieben, wie dir einst beim gemeinsamen jammen während des kollektiven Schule Schwänzens, urplötzlich die Stimme gebrochen sei, als du recht laut gesungen hast. So soll dir laut eigenen Angaben erstmalig bewusst geworden sein, wozu du mit deiner Stimme im Stande bist. Denkst du, ohne diesen Vorfall hätte sich alles so entwickelt wie es sich nun entwickelt hat?

Jesper Munk: Nun, ja. Hätte, würde, könnte. Keine Ahnung. Definitiv war meine Stimme in irgendeinem anderen, was-auch-immer-Teil, von mir versteckt. Und auf diese Weise kam sie eben dann heraus. Mir war zuvor nicht bewusst, dass ich meine Stimme in der Art benutzen kann.

Michaela Boland: Manche deiner Lieder erinnern in ihrer gesanglichen Umsetzung stark an Amy Winehouse. Bist du ein Fan von ihr?

Jesper Munk: Ja, total. Amy war einfach großartig.

Michaela Boland: Du hast in München Abitur gemacht und ganz brav erst danach deine Solokarriere gestartet. Wie dezidiert lässt sich so etwas eigentlich im Vorfeld vorausplanen?

Jesper Munk: Wir hatten dieses Studio-Closing im BR und das hat einfach immer mehr Aufmerksamkeit nach sich gezogen. Konzerte haben wir allerdings schon gespielt als ich noch in der Schule war. Ich habe im Juni Abi gemacht und im Januar hatten wir sogar schon Konzerte, die ausverkauft waren. Ich hatte da auch Bock drauf und wusste schon länger, dass ich das machen will. Mit viel Hilfe meines Vaters konnte ich dann sogar nach dem Abi mein erstes Album aufnehmen.

Michaela Boland: Hätte es insoweit überhaupt eine berufliche Alternative für dich gegeben oder hast du womöglich so etwas wie einen Plan B?

Jesper Munk: Die Alternative wäre Gitarrenbauer.

Michaela Boland: Einen Korpus-gewölbten Bau würdest also vermutlich hinbekommen?

Jesper Munk: Vielleicht verbirgt sich auch nur die charmante Idee dahinter, denn ich weiß natürlich, dass das eine Wahnsinns-Arbeit und viel Gefitzele ist. Dennoch wäre das auf jeden Fall etwas, was auf diesem Plan stehen würde.

Michaela Boland: Deine Texte definierst du häufig als Gefühls-Mosaik. Was ist konkret damit gemeint?

Jesper Munk: Du fährst irgendwo hin und du schreibst hier und da mal etwas auf. Du hast eben immer dein kleines schwarzes Lederbüchlein dabei. Und dann landet halt zwischendurch auch schon mal so richtig viel Schwachsinn darin. Manche Songs entstehen in einem Rutsch und andere werden über Wochen mit mir herumgetragen und dann irgendwann zusammengefügt. So entstehen dann diese Gefühls-Mosaike.

Michaela Boland: Wie gehst du üblicherweise beim Songschreiben vor?

Jesper Munk: Gar nicht. Erzwingen kann ich es nicht. Ich kann mich nicht drei Stunden hinsetzten und irgendetwas aufs Blatt zwingen. Aber, ich bewundere Leute, die das einfach so können. Das funktioniert bei mir nicht oder zumindest noch nicht. Bei mir muss das einfach kommen. Und da muss der richtige Moment da sein und ein Stift und ein Blatt.

Michaela Boland: Es soll da eine Liebesgeschichte gegeben haben, durch die dein Song 7th Street entstanden sein soll, den du ja in New York geschrieben hast. Was hat es damit auf sich?

Jesper Munk: Schwamm drüber! Bloß nicht so viel Aufmerksamkeit darauf richten! Da ist etwas schief gelaufen und ich bin trotzdem hingefahren und dann bin ich wieder zurück, hatte aber zumindest einen neuen Song und eine neue Gitarre auf dem Weg nach Hause im Gepäck. Das ist die Kurzversion der Geschichte.

Michaela Boland: Bist du denn gerade liiert?

Jesper Munk: Das kann ich natürlich nicht sagen. (Anm. d. Red.: Grinst verschwörerisch).

Michaela Boland: Geheimnisvoll und der Spekulation Tür und Tor öffnend.

Jesper Munk: (lacht)

Michaela Boland: Die BRAVO hat sich ebenfalls bereits für dich interessiert. Ist das etwas, das dich freut oder ist dir das eher gleichgültig, nachdem das Traditionsjugendmagazin ja klassischerweise eher über die Justin Biebers dieser Welt berichtet?

Jesper Munk: Bewusst sind wir das nie mit einem Promo-Plan angegangen, da wir ja Blues machen. Ich finde es natürlich schön, dass da jemand drin saß, der cool fand, was ich mache.

Michaela Boland: Das ZDF beschrieb dich im Rahmen eines Fernsehauftritts als "Deutschlands gehypten Blues-Act". Kannst du mit solchen Attributen etwas anfangen?

Jesper Munk: Die Formulierungen sind ja in dem Sinne nicht für mich, denn ich muss ja nichts damit anfangen. Ich finde es natürlich nett, wenn man diese Art von Aufmerksamkeit bekommt und ein Feedback, das positiv ist. Aber ich in erster Linie, weiß nicht, was ich damit anfangen sollte.

Michaela Boland: Dein Vater, Rainer Germann, ist ebenfalls Musiker und einigen bekannt durch seine Band, Cat Sun Flower, die unter anderem schon als Vorgruppe von Oasis auftrat. Mittlerweile ist er dein Berater, Bassist und Co-Produzent. Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit in der Familie?

Jesper Munk: Sehr gut. Seitdem das mit der Musik abgeht, ist natürlich diese ganze standardmäßige Vater-Sohn- warum-gehst-du-nicht-in die Schule-was-soll-das-mach-was-G´scheits-Problematik hinfällig. Wir machen einfach miteinander Musik und so wie man zusammen Musik macht, genau so läuft es.

Michaela Boland: Hast du noch Geschwister oder bist du Einzelkind?

Jesper Munk: Ich bin Einzelkind.

Michaela Boland: Deine Mutter, Helle Munk, soll in der Modebranche arbeiten. Ist sie dort ebenfalls im kreativen Bereich tätig?

Jesper Munk: Meine Mutter hat digitale Schnitt-Direktrice erlernt und arbeitet heute als Schnittbildlegerin beim Modeunternehmen Rena Lange. Sie berechnet quasi diese Schnitte am Computer und danach wird dann der Stoff eingekauft.

Michaela Boland: Bist du auch schon einmal in Dänemark aufgetreten?

Jesper Munk: Nein, noch nie.

Michaela Boland: Du firmierst als Deutsch-Däne, bist allerdings in München aufgewachsen. Wie sieht es denn da mit deiner Staatsbürgerschaft aus?

Jesper Munk: Ich habe einen dänischen Pass.

Michaela Boland: Doppelte Staatsbürgerschaft?

Jesper Munk: Nein, ich habe nur einen dänischen Pass.

Michaela Boland: Sprichst du denn Dänisch?

Jesper Munk: Nur ein paar Schimpfwörter. (lacht)

Michaela Boland: Du trägst den Nachnamen deiner Mutter. Hast du ihn dir als Künstlernamen angeeignet?

Jesper Munk: Nein, ich heiße so. Das steht auch so im Pass. Meine Eltern sind gar nicht verheiratet. Ich bin ein Bastard. (lacht). Ich lass mich jetzt ohnehin von Clemens adoptieren, damit ich einen Grafen-Titel bekomme. (lacht). Jesper Graf Finck von Finckenstein, hieße ich dann. (lacht)

Michaela Boland: Ihr seid derzeit auf Tour. Wie verläuft denn das Tourleben so?

Jesper Munk: Der Begriff Bettruhe ist zumindest dehnbar. Wir waren jetzt im Kölner Bruegel, da war eine Jam-Session, da habe ich noch zwei Songs gespielt.

Michaela Boland: Dein Weg führte über die sogenannten Fish`n Blues Veranstaltungen, ein Event, das in München stattfindet. Hattest du dort natürlicherweise Heimvorteil? Oder wie leicht ist es grundsätzlich, dort Bestandteil zu werden?

Jesper Munk: Das waren für mich die ersten Male, dass ich überhaupt live gespielt habe. Zu Beginn hatte ich gerade mal zwei Songs, doch das Publikum dort ist sehr nett. Da hast du beispielsweise deinen harten Kern, der immer kommt, dann natürlich auch Menschen, die neu dazu kommen, zeitgleich auch ein sehr wechselndes, flexibles Publikum, das aber natürlich auch während des Essens gerne mal quatscht. So etwas ist natürlich sehr gut um Songs auszuprobieren. Denn wenn sie dann endlich mal ruhig sind, dann hast du es irgendwie geschafft.

Michaela Boland: Bist du denn vor Auftritten nach derartig viel Live-Bühnenerfahrung zwischenzeitlich überhaupt noch aufgeregt?

Jesper Munk: Ich bin auf der Bühne aufgeregt. Den ganzen Gig lang. Das ist dieses Hin- und-Hergeben von Musik zwischen Künstler auf der Bühne und Publikum. Ja, das regt einen auf (lacht).

Michaela Boland: Für wen schreibst du deine Songs in erster Linie?

Jesper Munk: Darauf gibt es eigentlich gar keine Antwort. Teilweise für mich, aber eigentlich hauptsächlich für den Clemens. In erster Linie immer für den Drummer (lacht).

Michaela Boland: Hast du selbst auf deinem aktuellen Album ein Lieblingsstück?

Jesper Munk: Nein.

Michaela Boland: Das nächste Album ist in Arbeit?

Jesper Munk: Ja, es ist in Arbeit und die Fertigstellung ist für Anfang 2015 anberaumt. Das ist zwar noch nicht offiziell, aber, man kann sich darauf einstellen.

Michaela Boland: Bleibt dir neben der Musik eigentlich noch Zeit für andere Hobbys?

Jesper Munk: Was Sport anbelangt, so schaut man halt, wenn man auf Tour ist, dass man so halbwegs in Form bleibt. Wenigstens nach dem Aufstehen erst mal so ein paar Liegestütz machen. Ansonsten trinke ich gerne und spiele Billard und Darts. Manchmal auch Kino. Wobei ich eigentlich am liebsten zu Hause Filme schaue. Der letzte richtig geile Film, den ich gesehen habe war, "Limits of Control". Am Ende kommt Bill Murray darin vor.

Michaela Boland: Zur Zeit liest du, wie du sagtest, ja die Biografie von Tom Waits, den du sehr verehrst. Was ist für dich das Besondere an ihm?

Jesper Munk: Der Mensch hat sich in seiner eigenen Musikrichtung gehalten. Durch eine Eigenart und sein Durchhaltevermögen. Auch hat er eine wahnsinnige, unbeschreibliche künstlerische Identität. Er ist dabei geblieben und ist darin auch noch nach wie vor einzigartig.

Michaela Boland: Bist du Fußball-interessiert?

Jesper Munk: Nein, Fußball nicht so. Aber, ist ja auch langweilig. Bayern gewinnt ja die ganze Zeit. (lacht)

Michaela Boland: Wie sieht es mit bildender Kunst aus?

Jesper Munk: Nur ganz laienhaft. Ich kann mir etwas ansehen und sagen, es gefällt mir aus dem und dem Grund. Aber ich kann jetzt nicht aus einem geschichtlich fundierten Wissen schöpfen. Ich genieße aber Fotografien und Bilder.

Michaela Boland: Engagierst du dich für irgendetwas?

Jesper Munk: Bisher noch nicht, weil ich einfach noch nicht genug darüber weiß. Das wird sich höchstwahrscheinlich ändern, sobald ich die Zeit habe, mich damit auseinanderzusetzen. Und politisch engagiere ich mich zur Zeit nicht aktiv.

Michaela Boland: Lieber Jesper, vielen Dank für dieses ausführliche Interview und alles Gute weiterhin für deine Karriere.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.


Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle grossen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Seit Mitte 2009 ist sie verantwortlich für die Ressorts:

Exklusivinterview und Porträt des Monats

© Michaela Boland und Gesellschaft Freunde der Künste

 

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

mehr

12.06.2014 alles nur geldmacherei?

GFDK - Michaela Boland

Ist das vielbeschriebene phönixhafte Revival des deutschen Schlagers in Wahrheit nur Augenwischerei? Tatsächlich sollen dort nämlich einzig drei Künstler präsent sein: Andreas Gabalier, Andrea Berg und natürlich Helene Fischer. Letztere werde augenblicklich ganz schön verheizt, findet zumindest Haluk Koudsi. 

Der Schlagersänger und Urenkel des früheren syrischen Staatspräsidenten, Nazim al- Kudsi, ist sich sicher, dass man lediglich glaube, der Schlager habe eine kometenhafte Renaissance erfahren. In Wirklichkeit jedoch handele es sich bei der gerade angesagten deutschen Musik um Disco-Sounds a la Avicii bzw. volkstümlich angehauchte Rock-Pop-Klänge. 

Welchen Stellenwert der echte Schlager tastsächlich hat, wie man seinen Weg in der Branche ohne Vitamin B oder peinliche Auftritte in massentauglichen Busch-TV-Shows meistern kann und warum das Genre seit 25 Jahren sein Leben ist, hat der Mann, dem ZDF-Hitparaden-Ikone Uwe Hübner einen entscheidenden Schubs gab, im Gespräch verraten. Michaela Boland trifft Schlagersänger Haluk Koudsi.

Zwei augenscheinlich gut situierte Herren im eleganten Outfit des 19. Jahrhunderts reiten vor der düsteren Kulisse eines alten Grusel-Gemäuers in Richtung Innenhof. Ihre Mission: Die Seelen-Rettung des holden Eheweibes des einen der beiden. Während sein Kumpan, der in gewisser Weise an Igor, Dr. Frankensteins buckligen Gehilfen, erinnert, mit Augenklappe und Zylinder letzte eindringliche Worte an den verzweifelten Ehemann richtet, soll dieser das scheinbar Unmögliche bewerkstelligen:

Einen Holzpfahl durch das Herz der nur vermeintlich Toten jagen, die innerhalb des hauseigenen Kellergewölbes in einem Sarg verweilt und einmal die Seine war. So beginnt der geradezu phantastisch umgesetzte Videoclip zum Song, "Atemzug", des Gesangsduos Paradies

Haluk Koudsi und Kollege Ingo Himmelmann hatten das Musikprojekt vor genau zehn Jahren gestartet und sich Schlager auf die Fahne geschrieben. Wohl mutet das Gänsehaut-Video zum Song für die gewählte Musikrichtung auf den ersten Blick ungewöhnlich an, überzeugt jedoch sowohl von der szenischen Umsetzung her als auch durch den Schnitt. Bässe, Drums und jede Menge Gitarrenriffs mag man vielleicht weniger in Schlagermusik für möglich halten, wird aber schnell eines Besseren belehrt.

 Die eingängige melodiöse Klangfarbe des Stücks fügt sich nämlich perfekt mit Lyrics und Beat ineinander. Alles ist stimmig. Und wer Vampire-Stories mag, wird ohnehin begeistert sein. Nicht umsonst hat sich Koudsi für die Produktion dieses Meisterwerks Crew-Mitglieder des weltweiten Kino-Erfolgs "Matrix" mit Keanu Reeves an die Seite geholt. Heute treffe ich den gebürtigen Hildener zum Gespräch.

Für die Gesellschaft Freunde der Künste hat mir der sympathische Rheinländer mit türkisch-syrischen Wurzeln schon einmal von seinen neusten Projekten berichtet.

Michaela Boland: Mit eurem Video zu „Atemzug“ ist euch im Zeitalter von Twilight und Vampire-Diaries ein außergewöhnlicher und aufwendiger Clip gelungen. Wie kam es dazu?

Haluk Koudsi: Mein bester Freund ist Filmregisseur und arbeitet auch als Kameramann für Fußballstadien. Bei der Sportschau siehst du ihn regelmäßig. Es war schon immer sein Traum, mal ein Musik-Video zu drehen. Wir haben aus Hollywood die Leute von dem Film Matrix eingeflogen. Also, wir haben enorm viel Geld dafür ausgegeben. Mein Freund hat dann das Drehbuch geschrieben, gedreht und die komplette Produktion übernommen. Die Gothic-Leute fanden das auch gut. 

Michaela Boland: Am 25. Juni erscheint der aktuelle Paradies-Titel. „Jeder neue Tag mit dir“. Hier gibt es ein entscheidendes Novum.  

Haluk Koudsi: Normalerweise fahre ich Auto, dann fällt mir eine Melodie mit einem Text ein, danach schalte ich schnell über Bluetooth das Diktiergerät an und ich singe da hinein. Dann habe ich den Titel. Anschließend schreibe ich die Akkorde heraus, schreibe den Text durch und wenn das Ganze dann mit allem Drum und Dran fertig ist, schicke ich es meinem Kollegen Ingo zu, der es dann arrangiert. So lief es bisher.

Bei dem ganz neuen Titel, der jetzt herauskommt, ist es aber ganz anders gelaufen. Da bin ich auch über meinen Schatten gesprungen. Wir haben den Produzenten Didi Hamann kennengelernt

Er hat Banaroo aus den 90er Jahren zum Erfolg geführt, mit Chris Roberts, Howard Carpendale und Cicero gearbeitet. Jetzt hat Didi Hamann unseren neuen Song, „Jeder neue Tag mit dir“, komplett geschrieben und getextet. Passend dazu wird es auch noch eine Disco-Fox-Version für die DJs geben.

Michaela Boland: Der Schlager scheint derzeit einen enormen Aufwind auf der Beliebtheitsskala der Gesellschaft zu erfahren. Wirkt sich dieser Trend auch auf euch aus?

Haluk Koudsi: Man muss immer vorsichtig sein mit dem Schlager. Man denkt, er sei jetzt da und extrem präsent, das ist aber gar nicht der Fall, denn präsent sind nur drei Künstler: Andreas Gabalier und Andrea Berg, von der man ja zeitweilig auch weniger gehört hat. Doch dank Dieter Bohlen war sie ja dann wieder da, und natürlich Helene Fischer. Wenn man sich jedoch Songs von Helene Fischer anhört, ist das ja in dem Sinne kein Schlager. Das ist schon fast Disco-Musik, so wie es Avicii machen würden oder auch jedweder Disco-DJ täte. 

Nur weil es in deutscher Sprache gesungen wird, wird es eben als Schlager gewertet. Auch Andreas Gabalier ist tatsächlich ein Volks-Rock `n Roller, wie er sich ja auch selber nennt. Auch das ist kein richtiger Schlager. Wenn man mal in seine Konzerte hineinschaut, stellt man fest, dass zwar ein wenig Volksmusik dabei ist, aber er singt immer wieder auch ganz normale Popsongs und ganz normale Rocksongs. Ich finde natürlich gut, dass diese drei Künstler mal etwas anderes machen, aber als Schlager würde ich das keineswegs bezeichnen.

Michaela Boland: Wie würdest du diese Stilrichtungen nennen?

Haluk Koudsi: Vielleicht Neo-Schlager. 

Michaela Boland: Wie auch immer man es bezeichnet, warum ist die Akzeptanz deiner Meinung nach scheinbar plötzlich so ungeheuer hoch?

Haluk Koudsi: Es ist die Sehnsucht nach deutschsprachiger Musik. Es gab ja Anfang der 80er Jahre die Neue Deutsche Welle. Da kam sehr viel Zeug raus, was auch sehr banal war, aber das hat trotzdem etwas Lustiges gehabt. Die Leute haben es akzeptiert, es lief aber nur zwei drei Jahre. Mit Markus und Nena, die sich noch gehalten hat. Auch die Humpe-Schwestern, haben sich gehalten und waren über Jahre hinweg erfolgreich, später mit 2-Raumwohnung und Ich und Ich. Die Neue Deutsche Welle war zwar sehr erfolgreich, aber nach diesem Zeitraum war die deutsche Musik auch wieder weg. 

Dieses Phänomen hast du in Frankreich übrigens nicht, denn da gibt es eine Quote. Ein gewisser Prozentsatz an französischen Liedern muss dort im Radio gespielt werden. Hier in Deutschland gibt es diese Quote nicht. Dann kam bei uns aber dieses Niveauvollere. Solche Leute wie Grönemeyer und Lindenberg. Lindenberg war zwar auch schon in den Siebzigern da, aber mehr als Schlagzeuger. Es gab Westernhagen und PUR, Illegal 2001. Dazwischen gab es auch immer mal wieder die Münchener Freiheit. 

Plötzlich wurden auch ernstere Sachen ein Thema in der Musik. Politik und sozialkritische Dinge. Diese Sache ist aber mittlerweile auch vom Tisch. Dafür haben sich solche Künstler wie Xavier Naidoo etabliert. Schaut man heute in die Album-Charts, findet man bis zu 60% deutschsprachige Alben. Nicht nur Helene Fischer, die ja gerade sogar mit zwei Alben vertreten ist und Xavier Naidoo, sondern auch Jan Delay, Revolverheld oder Silbermond.

Michaela Boland: Was hältst du persönlich von Helene Fischer und ihrer Arbeit?

Haluk Koudsi: Sie kommt aus dem Musical-Bereich und hat natürlich eine einwandfreie Ausbildung genossen. Sie liefert eine gute Qualität ab. Sie kann singen, tanzen und sich wunderbar bewegen, sieht gut aus. Außerdem haben ihre Produzenten es verstanden, die Musik vom Schlager ins Moderne zu verwandeln, ohne die alten Fans zu verprellen, aber neue hinzuzugewinnen. Bei Helene Fischer habe ich aber generell die Angst, dass sie verheizt wird.

Man sieht sie zu viel. Ich bin der Meinung, da sollte das Management wirklich mal bremsen, denn sie ist ja momentan nicht nur in sämtlichen Schlagershows zu sehen, sondern auch in der Werbung und macht ihre Tourneen. Es gibt natürlich Nutznießer davon. Ich finde aber, sie wird derzeit fast schon aufgebraucht. 

Michaela Boland: Hat sich der Anspruch der Menschen oder die Musik in erster Linie verändert?

Haluk Koudsi: Ich denke, es liegt zum Teil daran, dass man die Texte wieder verstehen möchte und die deutsche Musik hat sich natürlich auch gewandelt. In der Weise, dass sie sich der internationalen Musik angepasst hat. Die Sachen von Naidoo sind ja schon Soul, ein bisschen Gospel-angehaucht. Er kommt ja aus dem kirchlichen Bereich in Mannheim. Gruppen wie PUR haben unten in Bietigheim und Stuttgart in amerikanischen Kasernen gespielt und sind dort gewachsen. 

Sie waren auch Beatles-Fans. Darüber dass Westernhagen im Grunde amerikanische Musik ist, brauchen wir auch nicht zu reden. Das Instrumentale dahinter ist sehr englisch oder amerikanisch geworden. Weil man das ja hier eigentlich auch gerne gehört hat, sagte man dann eben, „o.k., ich nehme die deutschen Texte dazu“. Der Rap ist natürlich auch modernisiert worden.

 Erst die Fantastischen Vier haben ihn etabliert. Dann kam Fettes Brot noch raus und diverse andere. Früher gab es bei uns nur Volksmusik und Schlager. Heute gibt es eben einfach eine große Vielfalt: Hip Hop, R`n B, House-Elemente, Rock und Pop. Gerade die Vielfalt hat alle Gesellschaftsschichten wieder eingeholt. Die Mixtur macht es aus. 

Michaela Boland: Du beschäftigst dich seit den 80er Jahren, deiner Teenager-Zeit, aktiv mit Musik. Was war der Moment, in dem du beschlossen hast, Musiker zu werden?

Haluk Koudsi: Seit 1982 war ich, wahrscheinlich genauso wie du Bee Gees-Fan bist, ein absoluter Duran Duran-Fan. Ich wollte einfach genau wie sie sein, denn ich dachte mir, „die verdienen Geld, sehen gut aus und können singen“. So habe ich schon zu Schulzeiten Musik gemacht, meine Pausen am Flügel in unserer Aula verbracht. 

Michaela Boland: Hattest du zuvor Musikunterricht?

Haluk Koudsi: Nein, ich habe mir alles selbst beigebracht. Wie die meisten Leute habe ich es dann zuerst einmal in englischer Sprache versucht. Doch gegen Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger habe ich festgestellt, dass Englisch zu singen doch nichts für mich war, da ich mich nicht mitteilen konnte und mein Englisch nicht wirklich gut klang.

Michaela Boland: Hätte man daran nicht arbeiten können?

Haluk Koudsi: Schon, aber ich habe dann irgendwann damit begonnen, deutsche Texte zu schreiben. Zunächst waren es Gedichte, später dann Texte und so begann ich irgendwann damit, auf Deutsch zu singen. 

Michaela Boland: Als Schlager bezeichnet man gemeinhin leicht eingängige, instrumentalbegleitete Gesangsstücke der Popmusik mit oft deutschsprachigen, weniger anspruchsvollen, oftmals sentimentalen Texten. Das entspricht ja auch genau dem Image, das dem Schlager per se viele Jahre anhaftete.

Haluk Koudsi: Aber nicht mehr bei den Künstlern von heute.

Michaela Boland: Lässt du dir denn diese Definition für deine Musik im Hinblick auf mangelnden Anspruch auch gefallen?

Haluk Koudsi:  Nein, wir haben schon anspruchsvolle Musik. Von den Texten her ist ja nun nicht gerade, „ich liebe dich, du liebst mich nicht“. Unter meinen Stücken fanden sich zwar auch Liebeslieder, meistens Dramen, aber ebenso auch sozialkritische Stücke. Damals hat man sich sehr für Greenpeace interessiert, die Grünen kamen neu heraus. 

Ich habe zwar später mit den Grünen nichts mehr zu tun gehabt, aber damals waren sie interessant und wurden somit inhaltlich auch musikalisch thematisiert. Kernkraft oder Umweltverschmutzung. Was die Künstler von heute anbelangt, zumindest die, die wirklich etabliert sind, so machen sie dieses Banale ja auch gar nicht mehr. Selbst ein Text wie „Atemlos durch die Nacht…“ ist ja im Grunde genommen kein banaler Schlager mehr.

Michaela Boland: Was wäre nach deinem Dafürhalten im Sinne der oben genannten Definition dann ein banaler Text?  

Haluk Koudsi: Vom Wendler die ganze Scheiße. (lacht). „Sie liebt den DJ, sie liebt den DJ…“ Aber fragen wir uns mal ehrlich: Was ist Schlager? Sachen von Gruppen wie PUR gelten auch als Schlager. Die laufen bei WDR 4. Andersherum: Helene Fischer läuft auch bei WDR 4 und Marius Müller-Westernhagen ist ebenfalls kein Schlager, aber läuft genauso bei WDR 4.

Michaela Boland: Apropos Michael Wendler. Es hat den Anschein, dass er kommerziell recht erfolgreich ist.

Haluk Koudsi: War. Der hat sich ja selber abgeschossen durch dieses Dschungel-Camp usw. Man muss dazu sagen, dass er von den TV-Sendern und Medien an sich hochgehalten wird. Michael Wendler ist überwiegend im Ruhrgebiet erfolgreich. Wenn er in Bayern oder Ostdeutschland aufträte, kämen vielleicht nur 1000 Leute, hier in NRW 25.000.

Michaela Boland: Die Ole-Partyreihe mit ihm und unterschiedlichsten weiteren Größen der Party-Sektor-Szene scheint gut zu laufen. 

Haluk Koudsi: Um mal eben eine Party zu machen, dafür ist der Party- oder Pop-Schlager ganz o.k., aber die verkaufen keine Platten. Kein Mensch geht nach Hause und kauft sich dann später eine Platte von Willi Herren. Das sind Künstler, die einen Namen haben, die verdienen ihre Sporen durch Auftritte. Die Platten sind im Grunde so ein bisschen Merchandising. Niemand geht nach Hause, sitzt beim Frühstück, trinkt Kaffee und legt sich dann Michel Wendler auf. Vielleicht die Hausfrau, die auch schon mal bei Frauentausch mitgemacht hat.

Michaela Boland: Woran glaubst du lag das lange Zeit eher schlechte Image des Schlagers?

Haluk Koudsi: Das Problem an der ganzen Sache ist, dass der Schlager ja wirklich leicht gewesen ist, nämlich leicht zu schreiben und leicht arrangierbar. Zumindest der banale Schlager, der ja auch nicht mehr so erfolgreich ist. Auf diese Weise ist ja jeder drittklassige Sänger, der allein in der Badewanne sitzt und vor sich hin trällert, der Meinung, dass er tatsächlich singen könne. 

Oder, wenn er irgendwann einmal zwei Karaoke Lieder in einer Karaoke-Kabine aufgenommen hat, ist er davon überzeugt, das Singen zu beherrschen und meint, Geld damit machen zu können. Dann geht er in ein Studio, um mal eben schnell einen Schlager zu machen, weil er etwas anderes ja ohnehin nicht hinkriegt. 

Michaela Boland: Ihr habt u.a. ein Stück mit dem Titel, „Er oder ich“ herausgebracht. Da heißt es beispielsweise im Text, „Doch ich weiß, ich spür es, du bist was ganz Süßes, ich komme einfach nicht mehr von dir los“. Was genau ist darin nun das Anspruchsvolle?

Haluk Koudsi: Die Wortwahl an sich. Ich achte bei meinen Texten schon darauf, dass sie ein wenig Niveau haben. 

Michaela Boland: Der absolute Durchbruch wollte zu jener Zeit nicht so recht gelingen. Wie bewertest du deine Vorgehensweise im Rückblick?

Haluk Koudsi: In jungen Jahren habe ich womöglich den Fehler gemacht, die Musik zu machen, die ich selbst gut fand. Zwar mache ich heute auch noch Musik, die ich gut finde, überlege aber trotzdem, ob das etwas für den Markt ist oder nicht. Außerdem hat man ja heute auch seine Berater sowie die Plattenfirma die ganz klar sagen“, das ist nicht geeignet“. 

Michaela Boland: Gibt es bei dir eigentlich eine familienbedingte Disposition im Hinblick auf die Musikalität?

Haluk Koudsi: Von meinen Eltern hat niemand etwas mit der Musik zu tun gehabt. Alles absolut unmusikalische Menschen. Mein Vater ist 30 Jahre lang als Stations-Pfleger in einem Krankenhaus tätig gewesen und hat nur schief gesungen, meine Mutter war Hausfrau. Sie war in Istanbul allerdings ausgebildete Lehrerin.

Michaela Boland: Hast du noch Geschwister?

Haluk Koudsi: Ja, einen zwei Jahre jüngeren Bruder. Er ist kaufmännischer Angestellter und mittlerweile Abteilungsleiter in seinem Betrieb.

Michaela Boland: Du selbst bist 1972 in Hilden geboren. Kommt deine Familie ursprünglich aus der Türkei?

Haluk Koudsi: Meine Mutter war Türkin, mein Vater ist Syrer.

Michaela Boland: Sprichst du beide Sprachen deiner Eltern?

Haluk Koudsi: Türkisch ja, Arabisch nur zu 40 Prozent. Wenn ich muss, kann ich mich verständigen, ansonsten traue ich mich nicht. Wenn ich mit meinen Cousins aus Syrien skype, mittlerweile leben sie in der Türkei, denn sie sind ja alle geflüchtet, dann spreche ich Englisch und sie antworten auf Arabisch.

Michaela Boland: Hast du selbst denn dein ganzes Leben bisher in Deutschland verbracht?

Haluk Koudsi: Fast. 1978 kamen meine Eltern nämlich auf die Idee, nach Syrien zurückzuwollen. Meine Mutter, mein Bruder und ich sind schon vorgereist, weil wir dort einen neuen Haushalt aufbauen sollten, mein Vater musste hier noch seinen Arbeitsvertrag erfüllen. Dann haben meine Mutter mein Bruder und ich für zwei Jahre in Syrien gelebt.

Michaela Boland: Welche Erinnerungen hast du noch an die Zeit?

Haluk Koudsi: Dass der Krieg zwischen dem Libanon und Syrien ausgebrochen ist und wir deshalb zurückkamen. 

Michaela Boland: Waren es also ausschließlich schlimme Erinnerungen, die du mit dieser Zeit verbindest?

Haluk Koudsi: Nein. Es ist schon ein schönes Land, muss man ja ehrlich sagen. Meine gemeinsame Kindheit mit all den Cousins war sehr schön. Wir sind eine Großfamilie. Es ist ja eine adelige Familie gewesen. Wir hießen auch früher „al Koudsi“, quasi wie „von Koudsi“ und mein Ur-Großvater, Nazim al-Kudsi, war früher syrischer Staatspräsident. Er wurde von Assad (Anm. d. Red.: Hafiz al-Assad) gestürzt.

Michaela Boland: Von wann bis wann war das?

Haluk Koudsi: Von 1961 bis 1963. Er hat dann später im Exil in Jordanien gelebt und ist dort auch verstorben.

Michaela Boland: Hatte dieser Umstand für dich noch irgendwelche Auswirkungen?

Haluk Koudsi: Nein, aber mein Vater ist bei der Einreise nach Syrien einmal verhaftet worden. Er wollte dort Urlaub machen. Sie suchten nämlich einen Namensgleichen, haben ihn verhaftet und dann aber festgestellt, dass er es nicht sein kann, weil der Gesuchte 22 Jahre alt sein sollte, mein Vater aber schon 40 war.

Michaela Boland: Was hast du selbst damals vom Krieg mitbekommen?

Haluk Koudsi: Ich erinnere mich noch daran, wie unser Haus durchsucht worden ist, und wie es Einschüsse in die Fensterscheiben gehagelt hat. Wir mussten uns auf den Boden legen. Die Wohnung wurde auch quasi gebrandmarkt. An der Türe wurden mit Kreide Kreuze angebracht, um zu verdeutlichen, dass sie bereits durchsucht wurde.

Michaela Boland: Verfolgst du denn die Politik Syriens regelmäßig?

Haluk Koudsi: Ja, ich verfolge schon die Politik. Es tut einem auch leid, wenn man so wie jetzt sieht, dass der älteste Bazar der Welt in Aleppo an zwei Enden zerstört wird. Es wird hier im Westen nicht alles mitgeteilt. Und mein Vater schaut natürlich Al Jazeera und wenn wir zusammen sitzen, dann erzählt er schon mal davon.

 Von meinen Cousins erfährt man auch manchmal etwas. Allerdings bekommen sie natürlich nicht alles mit, da sie ja jetzt in der Türkei leben. Sie haben die doppelte Staatsbürgerschaft, die türkische und die syrische, denn als das Gebiet früher zum osmanischen Reich zählte, kam meine Oma von der türkischen Seite aus Aleppo. Deshalb hatten alle sogleich beide Staatsbürgerschaften und konnten ganz normal in die Türkei einreisen.

Michaela Boland: Wie war es für dich, zurück nach Deutschland zu kommen?

Haluk Koudsi: Wir hatten die deutsche Sprache komplett verlernt und konnten nur noch Arabisch. Aber die syrische Kultur wurde komplett gekappt. Ich wurde in die dritte Klasse eingeschult und weiß nur noch, dass mein Vater meinem Bruder und mir sagte, „wir sind jetzt wieder in Deutschland und wollen auch nicht mehr in dieses schreckliche Land Syrien zurück. 

Wir werden jetzt Deutsche und ihr werdet jetzt nur noch Deutsch sprechen, auch zu Hause. Alles wird jetzt Deutsch sein. Feierabend“. Seither wurde zu Hause mit unserem Vater auch nur noch Deutsch gesprochen. Das ist bis heute so geblieben. Unsere Mutter sprach schon noch Türkisch mit uns. 

Michaela Boland: Du bist selbst Vater von vier Kindern. Ist es dir wichtig, ihnen auch ein Stück der arabischen Kultur zu vermitteln?

Haluk Koudsi: (lacht) Die können noch nicht mal Kölsch.

Michaela Boland: Wie alt sind die Kids?

Haluk Koudsi: 10 und 7, die Zwillinge sind erst sieben Monate alt. 

Michaela Boland: Hast du deine Gattin einst im Musikbereich kennengelernt?

Haluk Koudsi: Nein, sie war Vorstandssekretärin bei der Landeszentralbank in Düsseldorf und kellnerte  ab und zu zum Spaß in einem Laden, in dem ich einmal auftrat, um Menschen kennenzulernen.

Michaela Boland: Du bist auch schon gemeinsam mit Schlager-Legende Jürgen Drews aufgetreten. Er betätigt sich seit vielen Jahren erfolgreich auf dem Party-Sektor. Die Party-Schlager haben seit vielen Jahren gerade auf Mallorca, aber ebenso bei jedweder Apres Ski-Feier Hochkonjunktur. Hat sich dir dieses Genre jemals erschlossen?

Haluk Koudsi: Hast du schon mal Micki Krause gehört? Er hat jetzt gerade ein Lied herausgebracht, in dem es irgendwie um Bier geht. Also, das ist vom Text her noch banaler. Bei dieser Musikrichtung geht es beispielsweise nicht mehr um Liebe, sondern um saufen, grölen und viel Hejooh. So, dass die Leute, wenn sie einen gewissen Pegel erreicht haben, es auch mitsingen können.

Michaela Boland: Kann man sagen, dass seit man innerhalb dieser Musik mit mehr Off-Bass zwischen den ersten Takten arbeitet, der musikalische Bereich des Partysektors einen ganz schönen Schub erfahren hat?

Haluk Koudsi: Eigentlich schon seit Ibo (Anm. d. Red.: Schlagersänger, 2000 bei einem Autounfall in Österreich ums Leben gekommen). Sein Song, „Ibiza“ war ja der erste Song, der heute als Pop-Schlager gewertet wird. Ibo hat tatsächlich als erstes diese achte Base Drum hineingebracht. Vorher war im Grunde genommen nur „Naturschlagzeug“ angesagt. 

Allerdings wesentlich leiser, ähnlich wie noch in den Siebzigern, nur ein wenig darunter gemischt. Beispielsweise wie bei den Stücken von Roland Kaiser.  In jedem Fall war Ibo der erste, der den Pop-Schlager etabliert hat. Erst danach sind ja diese ganzen Künstler wie Olaf Henning, Matthias Carras oder Sandy Wagner gewachsen. Das waren zumindest diejenigen, die anschließend bei Uwe Hübner in der Hitparade auftraten und mit noch stärkeren Base Drums arbeiteten als Ibo. Mit Ibos Bruder, Cäsar, habe ich mal zusammen Musik gemacht. Was diesen Partyschlager anbelangt, so kann man aber sehen, dass er wieder abnimmt.

Michaela Boland: Woran wird das festgemacht?

Haluk Koudsi: Nachwuchs wird beispielsweise gar nicht mehr genommen. Selbst von den DJs nicht mehr. Es waren ja seinerzeit die DJs, die die ganzen Künstler von hier nach Mallorca geholt haben. Z.B. Micki Krause, Tim Toupet oder Jürgen Drews, nachdem dieser zusammen mit Stefan Raab und „Ein Bett im Kornfeld“ erneut ganz groß raus gekommen war. All das nimmt aber derzeit stark ab, insbesondere deshalb, da neue Künstler nicht mehr nachkommen. Sie werden auch von jenen DJs nicht mehr akzeptiert.

Michaela Boland: Aus welchem Grund?

Haluk Koudsi: Man will es nicht mehr. Man möchte auch auf Mallorca diese Musik nicht mehr haben. Die bereits Etablierten haben natürlich jetzt noch ihre Auftritte und die ziehen auch noch. Aber heute geht der Trend tatsächlich auch auf Mallorca eher dahin, dass man lieber Sachen wie beispielsweise die von Avicii spielt. Man holt sich nun eher DJs wie DJ Antoine dorthin als diese Gröl-Party-Geschichten. 

Hinzu kommt natürlich auch, dass sich die Gesetzeslage auf Mallorca dahingehend geändert hat, dass man draußen am Strand nun keinen Alkohol mehr trinken darf. Genauso wenig darf man noch in Badehose auf den Straßen herumlaufen. Somit ist alles in die Clubs hineingezogen worden. Zwar wird die ganze Sache nun so ein bisschen an den Goldstrand nach Bulgarien verlagert, aber Nachwuchskünstler gibt es keine mehr. In zehn Jahren wird der Partysektor auf Mallorca aussterben. 

Michaela Boland: Was hörst du privat für Musik?

Haluk Koudsi: Alles. Ich höre Klassik, Rock, Hard Rock und Metal von Metallica, Linkin Park, genauso wie alten Pop von Duran Duran und Spandau Ballet oder Keisha oder Pink.

Michaela Boland: In diesem Jahr feierst du nun zehnjähriges Jubiläum mit deiner Band „Paradies“. Offensichtlich hast du den Solo-Pfad irgendwann aufgegeben und dich mit deinem Musik-Partner zusammengetan. Wie kam es dazu?

Haluk Koudsi: 2004 habe ich Ingo Himmelmann über eine Anzeige kennengelernt. Wir haben zuerst experimentelle Musik gemacht, also 80-er Jahre Musik, New Romantic. Das entsprach in etwa so der Musik der Anfänge von Bands wie Depeche Mode, Duran Duran oder Spandau Ballet. Zuvor war die Musik Ende der 70er Jahre ja sehr stark durch Punk, z.B. die Sex Pistols etc. geprägt.

 Und die Jungs Anfang der 80er sind dann aber ganz schnieke und geschminkt daher gekommen und haben eine musikalische Mischung aus David Bowie und Musik mit sehr vielen Synthesizern, also recht vielen „Kraftwerk“-Instrumenten und wenigen Gitarren gemacht. Und wir haben das Ganze eben auf Deutsch versucht. Letztendlich war es allerdings Musik, die keine Sau interessiert hat. 

Vor drei Jahren habe ich nochmal eine Solo-CD gemacht, „Katharina“. Die ist aber gefloppt. Ingo und ich hatten dann schon eine Weile zusammengearbeitet als wir irgendwann Uwe Hübner (Anm. d. Red.: ehemaliger Moderator der legendären ZDF-Hitparade) kennenlernten. Ihm hatte ich bei einer Schlagerveranstaltung in Köln eine CD von uns in die Hand gedrückt. Die fand er gut und setzte sich mit mir in Verbindung. Er sagte, „Mensch, das ist gute Musik, aber mach doch mal einen Disco Fox“. 

Michaela Boland: Wollte Hübner euch dazu bewegen, eure Musik tanzbarer zu machen?

Haluk Koudsi: Ja, vollkommen richtig. Also habe ich mit meinem Kollegen Ingo darüber gesprochen, doch er hat es zunächst abgelehnt. Ich war der Meinung, dass wir einfach mal etwas wagen sollten, da wir schon vier Jahre mit unserer Musik unterwegs waren, die Interessentenzahl sich in Grenzen hielt und wir ja womöglich durch diesen Versuch die Chance gehabt hätten, ein wenig kommerzieller zu werden.

Michaela Boland: Dass eure Musik aber auch schon zuvor gut ankam, belegt doch der Umstand, dass ihr jede Menge Live-Auftritte, wie beispielsweise allein in Gelsenkirchen vor 9000 Zuschauern, vorweisen konntet. 

Haluk Koudsi: Richtig. Wir haben auch für Uwe Hübner schon diverse Auftritte gemacht. Auch solche zusammen mit Kollegen wie Jürgen Drews oder Christian Anders. Zum guten Schluss jedenfalls haben wir dann tatsächlich einen Disco-Fox-Titel produziert. Kurze Zeit später fand erneut ein Schlagerevent mit Uwe Hübner in Köln statt. Dort hieß es dann, dass der letzte geplante Auftritt des Abends demjenigen Künstler vorbehalten sei, der im Rahmen einer Art Tombola gezogen würde. 

Ich füllte also einen Teilnahmezettel für unsere Band, „Paradies“, aus und gab ihn ab. Genau dieser Zettel wurde später gezogen. Wir haben irgendwann einmal erfahren, dass das kein Zufall war, aber Hübner hat sich so für uns interessiert, weil er schon seinerzeit ein Schlagerportal führte, das sich „Hitparadies“ nennt. Parallel dazu gibt es auch noch die Hitparadies-Zeitung.

Michaela Boland: Hübner hat ja einige Jahre die über lange Zeit erfolgreiche ZDF-Hitparade moderiert und dürfte Ahnung von der Materie gehabt haben.

Haluk Koudsi: Das ZDF hat ja die Sendung einfach abgesetzt, wie er mir damals erzählt hat, weil es nicht mehr zeitgemäß gewesen und auch die Zuschauerzahlen runtergegangen seien.

Michaela Boland: Wie ging es für euch weiter?

Haluk Koudsi: Durch Uwe Hübner sind wir eigentlich in die Schlagerschiene hineingerutscht. Wir machten beim Künstlercontest mit und belegten unter 600 Teilnehmern den dritten Platz. Durch Hübner kam es dann bei uns zu solchen Dingen wie „engelsgleicher Duft“. Das Video hierzu habe ich auch selbst gedreht. Ich verstehe zumindest mein Handwerk, ich komponiere und produziere selbst, ich texte, drehe häufig selbst Videos und manage die Band.

 Wir arbeiten uns Stück für Stück voran und nach oben. So haben wir mit Paradies 2013 bei der Müller Music Group einen Bandübernahmevertrag unterschrieben. Das ist eine Plattenfirma, die zu DA Music gehört. Münchener Freiheit oder Rosenstolz sind dort. 

Michaela Boland: Ihr habt ein neues Album fertig. Wann dürfen wir mit dem Erscheinen rechnen?

Haluk Koudsi: Als erste Single haben wir daraus bereits den Titel „Entlieben“ ausgekoppelt. Das lief auch in den Radiostationen. Bei HR 4, Bayern plus, RBB und NDR 1. Wir haben einen Radiopromoter aus Berlin, der das gut untergebracht hat. Dieter Pön. Er hat auch schon unseren früheren Titel „engelsgleicher Duft“ bei „Gute-Laune-TV“ und „Sky“ aufgestellt und außerdem hat es der Song auch zwei Wochen lang auf Platz 1 der Fan-Hitparade geschafft. Den zweiten Titel des Albums brachten wir dann mit „Atemzug“ heraus. Das komplette Album wird dann voraussichtlich 2015 veröffentlicht.

Michaela Boland: Was muss man deiner Meinung nach tun, um Chart-Entries zu bekommen?

Haluk Koudsi: Selber die Platten kaufen (lacht). Das haben die Beatles gemacht und auch Take That. Nein, es ist schwer. Wahrscheinlich muss man einfach viele Live-Auftritte machen, sehr viele Konzerte geben und im Radio präsent sein, aber gleichzeitig ein paar Fernsehauftritte bekommen. Für uns wäre beispielsweise der Fernsehgarten interessant, oder „Immer wieder sonntags“. Damit hat es aber bisher noch nicht geklappt. 

Michaela Boland: Was steht in nächster Zukunft an?

Haluk Koudsi: Wir haben in Kürze einen größeren Auftritt in Leverkusen bei Saturn und im Rathauscenter. Wir haben auch weitere Konzerte geplant und sammeln so unsere Zuschauer Stück für Stück.

Michaela Boland: Lieber Haluk, dafür wünsche ich euch viel Glück. Vielen Dank für dieses Interview.

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

 

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

mehr

22.05.2014 Terri Hooley im interview mit Michaela Boland

GFDK - Michaela Boland

Für die Freunde der Künste hat Terri Hooley exklusiv Michaela Boland seine Geschichte  über den legendären Plattenladen Good Vibrations  erzählt. Belfast Nordirland - Zwischen 1969 und 1998 beherrschte ein blutiger Identitäts und Machtkampf zwischen zwei Bevölkerungsgruppen die Politik: pro-britische Protestanten gegen irisch-nationalistische Katholiken.

Während sich die Menschen in den Siebziger Jahren bis aufs Äußerste bekämpften und feige Morde durch Bombenattentate auf der Tagesordnung standen, behielt ein Mann einen kühlen Kopf: Terri Hooley. 

Die Musik schien sein Schutzschild, der Punk sein Elixier. Mutig eröffnete er auf der meist bombardierten Straße Belfasts einen Plattenladen und förderte Punkbands mit seinem Label. Er glaubte an die Wirkung der Musik und landete prompt einen Erfolg: Mit “Teenage Kicks“ brachte er nicht nur „The Undertones“ groß heraus, sondern konnte auch für ein kleines bisschen mehr Frieden im Land sorgen.

Er verschenkte Platten für das Versprechen, nicht mehr zu töten. Jetzt ist der Film über ihn und sein Leben in deutschen Kinos angelaufen. „Good Vibrations“ lautet der Titel, genau wie der Name seines legendären Geschäfts. „

Michaela Boland: Vermag Musik die Welt zu verändern, Terri?

Terri Hooley: Ich würde das gerne glauben. Sie hat sicherlich meine Welt sehr verändert.

Michaela Boland: Während des Nordirlandkonflikts hast du ausgerechnet in der meist bombardierten Grand Victoria Street in Belfast einen Platten-Landen namens "Good Vibrations" eröffnet, später ein eigenes Plattenlabel gegründet, die Straßenunruhen mit ständiger Waffengewalt quasi ignoriert und trotzdem überlebt. Wenn Musik eine solche Kraft vermitteln kann, was geht in dir vor, wenn du augenblicklich Bilder aus der Ukraine siehst, wo politische Konflikte mit Russland teilweise ebenfalls mit Gewalt auf den Straßen ausgetragen werden?

Terri Hooley: Als ich im Fernsehen sah, in was Moskau und die Ukraine sich da gerade verwickeln, erinnerte mich das sehr stark daran, was damals bei uns in Belfast passiert ist als wir in diesen Konflikt mithineingezogen wurden. Ich sah kurz darauf auch noch einen Film über Musiker, die sich dagegen wandten, dass sich dieser politische Konflikt in der Form ausweitet. Der Nordirlandkonflikt bei uns zog sich über zehn lange Jahre mit all den Bombardements und Morden. Wir hatten wirklich mehr als genug von all dem.

Michaela Boland: Du wurdest am 23. Dezember 1948 in Belfast geboren und wohnst auch heute noch dort. Hast du eigentlich dein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht oder zwischendurch auch einmal woanders gelebt?

Terri Hooley: Ich hatte nie den Wunsch irgendwo anders zu leben. Man hat mir Jobs in Amerika angeboten, aber ich habe nie einen anderen Ort entdeckt, an dem ich mir hätte vorstellen können zu leben. Belfast ist ja nur eine kleine Stadt und ich kenne dort so viele Menschen, dass es für mich recht einfach ist, dort etwas zu organisieren. Auch wäre ich mir wie ein Verräter vorgekommen, wenn ich Belfast verlassen hätte.

 Ich war früher in der Friedensbewegung tätig, wir waren insgesamt 40 Leute und nannten uns „The Tribe“. Nach dem ersten Bombenanschlag war die Stadt jedoch auf einmal derart geteilt. Ganze Straßenzüge wurden niedergebrannt. Wenn Katholiken aus einem Gebiet wegzogen, brannten die Protestanten ihre Häuser nieder und wenn Protestanten bestimmte Häuser bezogen, fielen Katholiken dort ein. Was sich da abgespielt hat, war unglaublich.

 Einige derer, die paramilitärisch waren, kannte ich noch aus meiner Kindheit und so konnte ich mit ihnen reden. Manchmal kam es zum Streit mit diesen Menschen aus der Arbeiterklasse, die sogar ihre eigenen Leute erschossen. Das ging dann so lange, bis gesagt wurde, „sei nun still oder ich erschieße dich“.

 Von den ursprünglich 40 Leuten des „Tribe“ war ich am Ende der einzige, der übrig geblieben ist, denn die anderen sind aufgrund von unterschiedlichster Einschüchterung von Seiten der paramilitärischen Organisation oder des Militärs fortgegangen. Daher wollte ich nicht auch noch das Feld räumen.

Michaela Boland: Ihr habt dort in der Titanic-Werft-Stadt unter 300.000 Einwohner?

Terri Hooley: Ja, ich glaube schon. Ganz genau weiß ich es nicht. Ich biete dort Wandertouren an. Das nennt sich dann: “Terri Hooley`s Alternative Belfast Walking Tour“. Da erzähle ich aber rein gar nichts Historisches, ich spreche auch nicht über die Unruhen oder gar über die Titanic. Ich berichte nur über Sex, Drugs und Rock `n Roll. Dabei geht es um alle möglichen Rockstars wie Van Morrison, Jim Riley, Fergal Sharkey, Snow Patrol oder The Undertones. Auch um John Peel.

Michaela Boland: Du bist auch Vater?

Terri Hooley: Ja, ich habe eine 34-jährige Tochter und einen 14-jährigen Sohn. Daher sagten all meine Freunde immer, dass ich offensichtlich 20 Jahre lang viel zu betrunken war, um Sex zu haben.

Michaela Boland: Wie bist du aufgewachsen?

Terri Hooley: Ich bin in Armut aufgewachsen. Wir waren in keiner Weise reich, aber niemand in meiner Umgebung war das damals. Alles, was wir hatten, war ein riesiges Radio und ich liebte dieses Gerät abgöttisch. Ich hörte immerzu Radio. Mein Vater war Politiker.

 Er war eigentlich Engländer und begegnete meiner Mutter während des Zweiten Weltkriegs in Belfast. Dann zog meine Mutter mit nach England, aber sie fühlte sich dort überhaupt nicht wohl. Mein Vater war als Politiker in England zuvor recht etabliert gewesen, als er jedoch nach Nordirland kam, konnte er dort niemals so richtig Fuß fassen.

Michaela Boland: Hast du noch Geschwister?

Terri Hooley: Ja, einen Bruder. Er wurde noch in England geboren, ich bereits in Belfast. Ich mochte meinen Bruder allerdings auch nie (lacht). 

Michaela Boland: Wie hat sich deine besondere Leidenschaft für gepresstes Vinyl entwickelt?

Terri Hooley: Meine Eltern gingen abends schon mal aus und dann habe ich mich regelmäßig aus dem Bett geschlichen und dem Radio gelauscht. Das war Radio Luxemburg. Ich liebte das so sehr. Als ich dann sieben Jahre alt war, bekam ich meine erste Schallplatte. 

Michaela Boland: Mit welchem Titel und von welchem Interpreten?

Terri Hooley: Sie kam als Beilage einer Margarine-Werbung durch den Briefkastenschlitz. Es war der Titel "Swinging on the garden gate" von einem Jazz-Künstler namens Humphrey Lyttelton. Jazz war zu dieser Zeit sehr angesagt. Da ich meinen Bruder, der kein sehr angenehmer Zeitgenosse war, kannte, war mir sofort klar, dass er mir die Platte wegnehmen würde, sobald er sie sähe, und so rannte ich dem Austräger hinterher und bettelte ihn an, mir noch eine zu geben. Ich hütete diese Schallplatte wie einen Schatz und ich versteckte sie.

 Ich wickelte sie in Bettlaken ein und verbarg sie im Badezimmer. Auch las ich dann immer wieder die Textzeilen auf dem Cover, jedes einzelne Wort, denn es vergingen noch Monate, bevor ich die Scheibe zum ersten Mal hören konnte. Schließlich hatte ja niemand in unserer Straße einen Plattenspieler. Eines Tages bat mich ein Freund, dabei behilflich zu sein, Kohle zu seiner Tante zu tragen. Sie hatte einen Plattenspieler. Also bat ich sie, meine Schallplatte abzuspielen. Und sie war genauso wundervoll wie ich es mir vorgestellt hatte.

Michaela Boland: Wurdest du auf diese Weise mehr oder weniger „infiziert“?

Terri Hooley: Ja. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich zum Platensammler und zwar zu einem fanatischen. Leute von überall her brachten mir dann Schallplatten. Und auch ich klapperte Häuser ab, besonders in den 60ern, als alle so wild auf die Beatles und die Stones waren. Die Leute fragten mich dann häufig, "warum hörst du dir denn die Plattensammlung meiner Eltern an", denn ich spielte gerne Charlie Parker, Patsy Cline oder sogar Paganini. Mein Musikgeschmack war sehr umfassend.

 Ich liebte einfach all das. Und obgleich ich vor zehn Jahren meine komplette Plattensammlung in meinen Laden verbracht habe, und man ihn nur drei Wochen später niedergebrannt hat, besitze ich die allererste Scheibe noch immer.

Michaela Boland: Spielst du als Musikliebhaber auch selbst irgendwelche Instrumente?

Terri Hooley: Nein. Das überlasse ich den Profis. Ich kann weder singen noch Noten lesen. Aber, ich habe Platten gemacht. In meinem Herzen bin ich einfach ein großer Fan. Ich habe sehr viele Musiker-Freunde, sogar schon in den 60-er Jahren gehabt und jedes Mal, wenn ich sie auf der Bühne spielen hörte oder höre, geht mir das Herz auf. Ich selbst könnte das nie.

Michaela Boland: Nachdem du deinen Plattenladen hattest, hast du auch jede Menge junge Musiker unterstützt. Wie kam es dazu?

Terri Hooley:  Ich war im Großen und Ganzen glücklich und bin es nach wie vor. Ich bin nie ein Punk gewesen, aber habe immer damit weiter gemacht, mir all diese Punk-Bands anzuhören. Es kamen ja auch immer mal sehr junge Künstler zu mir in den Laden, die anderswo keine Unterstützung erfuhren. Die ersten waren “ The Outcasts“, die ich anfänglich überhaupt nicht gut fand, aber deren Manager und Plattenproduzent ich neun Monate später wurde.

 Die nächste Band war “Rudi“. Ich habe sie dann gefragt, wie es für sie wäre, wenn wir eine Platte produzieren würden. Und genau das haben wir dann auch getan. Ebenso wie mit vielen weiteren Bands. Einige Leute aus der Punk-Szene kamen dann später sogar zu mir und haben sich dafür bedankt, dass ich ihr Leben gerettet hätte.

 Sie meinten, wenn sie bei mir nicht mit dem Punk in Berührung gekommen wären, hätten sie bestimmt beim Arbeitsamt gesessen und wären früher oder später wohl bei den paramilitärischen Organisationen gelandet, hätten gemordet und seien wohl im Gefängnis geworfen worden. 

Michaela Boland: Was war deine ursprüngliche Motivation dieses große Engagement?

Terri Hooley: Dass ich letztendlich das Label gegründet habe, lag daran, dass ich die Menschen wissen lassen wollte, dass nun etwas passiert. Der Grund, warum mir so viel daran lag, den jungen Bands zu helfen, war der, dass es zu der Zeit als ich in Belfast aufwuchs, in den 60er Jahren, noch sogenannte Edie-Clubs gegeben hat. Dort konnten wir in unserer Jugend noch hingehen.

Michaela Boland: Was ist darunter zu verstehen?

Terri Hooley: Treffpunkte mit Live-Musik: Bars, Tanzhallen oder Ballsäle. Leider waren nach zehn Jahren des Konflikts nur noch ein oder zwei davon übrig. Einige waren nämlich schlicht zerbombt worden. Aber niemand kam am späten Abend oder gar nachts mehr in die Belfaster Innenstadt. Es war die einzige europäische Stadt, in deren Zentrum sich die Menschen abends nicht mehr trauten.

 Definitiv hatten sie aber auch eine Art Drahtseil um das Stadt-Zentrum gespannt, sodass die Menschen auch gar nicht mehr mit ihren Autos hineinfahren konnten. Außerdem musste man sich ja auch ständig vor Autobomben vorsehen. Sogar tagsüber, wenn du arbeiten wolltest, haben sie dich schon mal gesucht, die Barrieren durchbrochen und Läden in Brand gesetzt oder Bomben gezündet. Das war schon Grund genug für die Menschen, nachts erst recht nicht in die Stadt zu kommen. 

Michaela Boland: Wie macht man unter solchen Bedingungen Bands bekannt?

Terri Hooley: Es war natürlich für uns besonders schwer, Auftrittsmöglichkeiten für unsere Bands aufzutun. Was wir dann schon mal getan haben, war, Hotels abzutelefonieren und zu sagen, dass eine Party zum 21. Geburtstag von jemandem stattfinden sollte und wir dafür ein paar Bands organisiert hätten. Wenn jene Hotels dann aber herausfanden, dass es in Wahrheit um ein Punk-Konzert ging, sagten sie, obwohl sie froh darüber waren, Publikum zu haben und Alkohol zu verkaufen, „Kommt bloß nicht wieder“. Dieser Aufforderung unverzüglich nachzukommen, unterbrach natürlich so ein Konzert der Bands.

Michaela Boland: Habt ihr Alternativen gefunden?

Terri Hooley: Dann haben wir eine Location namens „Hard Bar“ aufgetan, die ein Strip-Club war. Das war für Belfast eher ungewöhnlich und auch der einzige seiner Art. Es hatte zwar vorher auch mal einen gegeben, aber der wurde zerbombt. Eine Stripperin habe ich da eigentlich auch nie gesehen. Ich habe dann Kontakt dorthin aufgenommen und gesagt, dass wir Live-Musik dort machen wollten und so konnten wir dort Konzerte veranstalten.

 Die Leute kamen von ganz Belfast dorthin. Manchmal war der Weg ein richtiger Kampf für sie, denn egal aus welcher Gegend du kamst, du musstest die Absperrung passieren. Für Leute des „anderen Stammes“ war es recht gefährlich, nachts in die Innenstadt zu kommen, denn die anderen konnten sie einfach so erschießen.

 Tatsächlich hat es in Belfast Straßen gegeben, auf denen du, wenn du nachts auf der rechten Seite fuhrst, für einen Katholiken gehalten wurdest und wenn du auf der linken Seite gingst, hieß das, dass du ein Protestant warst. Aber der Künstler Jerry Gleason sagte stets: Terri und seine Bandjungs laufen immer in der Mitte.

Michaela Boland: Bist du katholisch oder evangelisch?

Terri Hooley: Ich wurde einmal als Protestant geboren. Ich habe nie so ganz ausmachen können, was für eine Konfession mein Vater hatte. Hooley ist eigentlich ein eher katholischer Name. Aber es gibt den Namen nur zwei Mal in Nordirland. Nur mein 14-jähriger Sohn und ich heißen so. Und die Leute sagen sogar noch, das seien zwei zu viel.

 Hooley ist außerdem ein aus Märchen bekannter irischer Begriff. Er bedeutet, `eine Party machen`. Da gibt es ein bekanntes Lied in Irland, es heißt: “We`re gonna have a hooley…“ Ich bin als Methodist erzogen worden, meine Mutter war auch sehr religiös. Mein Vater war ein Mann der Arbeit und eher radikal.

 So wurde ich durch meinen Vater als Sozialist und durch meine Mutter als Christ erzogen. Allerdings konnte ich eigentlich nie einen großen Unterschied zwischen diesen beiden Positionen finden. Ich habe in jedem Fall gelernt, jeden zu respektieren und jedem die notwendige Ehrerbietung entgegenzubringen. Wir sind schließlich alle Gottes Kinder. 

Michaela Boland: Hast du während des Glaubenskonflikts für eine der Seiten Partei ergriffen?

Terri Hooley: Nein. Ich habe mich nie auf eine der Seiten gestellt und bin auch sehr stolz darauf. Und ich wurde bereits von beiden Seiten angegriffen, sogar noch in jüngster Vergangenheit. Ich vertrete die Einstellung, dass ich einen Bruder in Melbourne, eine Schwester in Paris und Cousins in Köln habe. Wir sind doch alle eine Menschen-Familie. Ich denke, es gibt zwei Sorten von Menschen: Uns und die anderen. Diese anderen mag ich nicht, aber ich mag uns.

Michaela Boland: Nun hast du ja bereits erzählt, dass dein Vater Politiker war. Ich las, dass du weniger an Politik interessiert sein sollst. Entspricht dies der Wahrheit und wenn ja, ist es nicht eher untypisch, dass Politiker-Kinder rein gar nichts damit am Hut haben wollen?

Terri Hooley: Ich interessiere mich durchaus für Welt -Politik. Nur die Politik Nordirlands interessiert mich nicht im Geringsten, denn sie ist dumm. Dass sie noch immer einen Kampf austragen, der sich schon im Jahre 1690 ereignet hat. Naja, die Protestanten haben gewonnen. König Wilhelm III. von Oranien, der schwul war und die Unterstützung vom Papst erhielt, was ja in sich schon lächerlich ist, schlug König James II. von England und Irland.

 Dieser Kampf am Fluss Boyne war Anlass zu einer der größten Demonstrationen Europas am 12. Juli und die Loyalisten des Oranier-Ordens mit all ihren Bannern schlagen dort regelmäßig auf. Als Nordirland zu Beginn des letzten Jahrhunderts vom Süden getrennt wurde, kontrollierten und dominierten die Protestanten die katholische Bevölkerung. Sie kontrollierten die Politik und Katholiken wurden diskriminiert. Aber die Zeiten haben sich geändert. 

Wir haben jetzt eher eine gleichwertige Gesellschaft. Aber trotzdem verletzten sie sich nach wie vor. Es gibt immer noch Leute, die ein vereinigtes Irland wollen. Einmal haben die Loyalisten unmittelbar vor Weihnachten das Leben der Stadt zum Stillstand gebracht. Sie blockierten die Straßen. Es ging nichts mehr. All die Restaurants blieben leer. Im vergangen Jahr haben mich die Loyalisten angegriffen, vor 14 Jahren haben sie versucht, mich zu töten. 

Was allerdings mittlerweile schön ist, ist der Umstand, dass wir mehr und mehr gemischte Schulen haben, die von katholischen und protestantischen Kindern besucht werden. Dies erschwert herauszufinden, ob jemand katholisch oder evangelisch ist.

Michaela Boland: Glaubst Du, dass die Menschen im Hinblick auf ihre Vergangenheit lernfähig sind?

Terri Hooley: Nein. Es ist einfach bizarr. Ich glaube nicht, dass ich immer Recht habe und jeder andere Unrecht. Ich fühle mich nur so lange im Recht bis jemand anderes mich eines besseren belehrt.

Michaela Boland: Was für einen Beruf hast du eigentlich ursprünglich mal erlernt, bevor dein Leben als Plattenshop-Besitzer und Label-Inhaber begonnen hat?

Terri Hooley: Ich habe für Kodak in der Entwicklung gearbeitet. Hauptsächlich war ich in der Schwarz-Weiß-Vergrößerung eingesetzt. Ich habe zwar die Schule verhältnismäßig früh verlassen, aber das Fotografieren von der Pike auf erlernt. Fotografie und Musik waren schon immer meine Leidenschaften, aber als ich dann angefangen musste, sechs Tage die Woche zu arbeiten, habe ich irgendwann das Interesse verloren. 

Eines Nachts war ich mal da um zu arbeiten, es war in einer kalten Novembernacht, und ich kam gerade aus dem Gebäude als plötzlich drei bewaffnete Männer aus einem Auto sprangen und versuchten, mich zu entführen. Glücklicherweise kamen mir zwei befreundete Männer zur Hilfe, sie sprangen herbei und retten mir das Leben. Das war der Punkt, an welchem ich mich dazu entschlossen habe, einen Plattenladen aufzumachen. Ich dachte, ich müsse das tun, bevor man mich eines Tages umbringen würde.

Michaela Boland: Bist du jemand, der so gar keine Angst empfindet? Sich während andauernder Waffenunruhen ein Ladenlokal in der meist bombardierten Straße zu nehmen, ist nicht unbedingt naheliegend.

Terri Hooley: Viele Leute haben mich gefragt, woher der Mut kommt. Ich denke, es war einfach Verrücktheit. Eine Sache, über die beispielsweise in Nordirland gesprochen wird, ist, dass ich ein Zusammentreffen bei den ständig von der Britischen Armee von Dächern aus überwachten “Divis Flats“ (Anm. d. Red.: fast ausschließlich von arbeitslosen irischen Nationalisten bewohnte Siedlung im Westen Belfasts, Hochburg der Untergrundorganisationen IRA und INLA und Schauplatz zahlreicher Straßenschlachten, Bombenanschläge und Schießereien) organisiert habe.

 Und ich schaffte es, die IRA dazu zu bringen, für einen Tag ihre Waffen niederzulegen und die Britische Armee dazu, sich zurückzuhalten. Wenn wir jetzt zurückblicken, dann fragen wir uns natürlich, wie uns das nur gelingen konnte. Naja, ich habe mit der IRA bis in die Morgenstunden in einem Club getrunken. 

Michaela Boland: Warum musste es denn unbedingt ein Ladenlokal in der gefährlichen Grand Victoria Street sein?

Terri Hooley: Naja, wir waren ja sehr an Bomben gewöhnt. Irgendwann wird so etwas einfach mal zur Alltäglichkeit. Ich habe diese Straße auch sehr gemocht, da ich als Kind ganz in der Nähe aufgewachsen bin. Früher bin ich immer an der Hand meines Großvaters durch diese Straße spaziert und kannte zu dem Zeitpunkt alle Ladenbesitzer. Früher gab es dort einen Musikinstrumente-Laden, einen Süßigkeiten-Laden, einen Antiquitäten-Shop und Kleidungsgeschäfte. Ich liebte diese Meile.

Michaela Boland: Wie lief es dann zu Beginn mit deinem Plattenshop „Good Vibrations“?

Terri Hooley: Als ich das leere Ladenlokal entdeckte, hatte es schon keine Fensterscheiben mehr. Also haben wir zuerst mal die Toiletten für die Damen gerichtet und eine Party darin gefeiert. Anschließend standen uns jede Menge helfende Hände zum Renovieren des Ladens zur Verfügung. Und als wir damit fertig waren, haben wir wieder eine große Party geschmissen. 

Wir lieben es, Partys zu feiern. Ab einer bestimmten Uhrzeit am Abend haben wir uns das natürlich nicht mehr getraut, da wir durch die Bombenaschläge, die ja auch häufig Pubs zum Ziel hatten, viele Freunde verloren haben. 

Da gehst du beispielsweise mit einem Kumpel und dessen Bruder aus und fünf Minuten später ist dieser Bruder tot und liegt mit aufgeschnittener Kehle auf dem Boden. Nur weil er katholisch war. Somit war es schon besser, die Feste bei uns zu feiern und häufig habe ich meine Gäste auch nicht mehr heim geschickt, sondern bei mir auf der Erde oder auf dem Sofa übernachten lassen. 

Michaela Boland: Kann man mit dieser latenten Dauerbefürchtung jeden Moment sein Leben verlieren zu können, überhaupt ruhig schlafen?

Terri Hooley: Sehr oft haben wir nachts alle zusammen John Peel im Radio gehört. Das ist auch der Grund, warum er für uns eine solche Bedeutsamkeit hat.

Michaela Boland: Er war der Mann, der den Song „Teenage Kicks“ von den Undertones später zum Erfolg verholfen hat.

Terri Hooley: Niemand mochte beispielsweise die Undertones, aber John Peel hat damit angefangen, die Platte, Teenage Kicks“ zu spielen, was wirklich großartig von ihm war. Als ich selbst diesen Titel zum ersten Mal hörte, glaubte ich einfach an seinen Erfolg.

 Also, nahm ich den Song mit rüber nach London und machte mich beim größten Independent-Label vorstellig, welches viel Punk im Programm hatte. Dann habe ich ihnen die Scheibe vorgestellt und sie erwiderten nur, dass dies die schrecklichste Platte sei, die ihnen je untergekommen wäre. De facto waren natürlich alle Platten deren Platten Müll, aber sie verkauften sich. Dann klapperte ich EMI und CBS und jeder meinte, es wäre Scheiße.

Michaela Boland: Du sollst ja in einer Plattenfirma vor lauter Wut einfach mal sämtliche goldenen Schallplatten von den Wänden gerissen und auf den Boden geschmettert haben. Sonderlich kontrolliert konntest du zu diesem Zeitpunkt wohl nicht mit der Art von Kritik umgehen?

Terri Hooley: Mein Herz war einfach gebrochen. Aber immerhin: Im vergangenen Jahr wurde bei einer Veranstaltung in Dublin „Teenage Kicks“ gespielt und 42.000 Menschen sangen den Text geschlossen mit. Spätestens das hat mich entschädigt. Nun, damals jedenfalls, habe ich in London einfach mal ein Paar Scheiben für John Peel bei der BBC gelassen. 

Dann habe ich mich mit ein paar Freunden aus Belfast betrunken, kam montags mit dickem Schädel zurück nach Belfast und brach heulend vor meiner Frau zusammen. Ich hoffte, dass John Peel die Schallplatte am Abend spielen würde und: er spielte sie tatsächlich mit den Worten, „ist das nicht eine großartige Platte und jetzt tue ich etwas, was ich noch nie gemacht habe“, und er legte die Platte zum zweiten Mal auf. 

Dass so etwas passierte, war das erste Mal in der Geschichte der BBC. Schon am nächsten Tag meldeten sich Leute, die die Rechte für den amerikanischen Markt haben wollten. Wir baten sie, einfach herüber zu kommen und sie kamen kurz darauf und so nahm alles seinen Lauf. Und noch heute sind die Undertones aktiv und spielen. Genauso wie die Outcasts.

Michaela Boland: Wie ist so ein typischer Arbeitstag in deinem Plattenladen verlaufen zum Zeitpunkt der Unruhen?

Terri Hooley: Ich kam gegen 12.00 Uhr mittags mit einem Kater in den Laden. Manchmal haben ja auch andere Personen nach dem Geschäft gesehen, da ich häufig mit den Bands unterwegs gewesen bin. Vormittags kamen immer mal Leute herein, die Bestellungen aufgegeben haben. Wir hatten als Erkennungsmerkmal und Maskottchen draußen einen riesigen Elvis angebracht. Der wurde zwar wiederholt gestohlen, aber wir haben ihn immer wieder zurückbekommen. Alles in allem lief der Laden ganz gut, obwohl es mehrere Platten-Geschäfte in Belfast gab.

Michaela Boland: Stimmt es. Dass du manchmal Menschen Platten umsonst gegeben hast, wenn sie dir versprochen haben, dass sie keine Menschen mehr töten?

Terri Hooley: Ja, das ist richtig. In gewisser Weise zeigte das auch Wirkung. An materiellem Wohlstand war ich ohnehin nie so recht interessiert. Den kann man schließlich am Ende nicht mitnehmen. Ich betätige mich allerdings in vielen Wohltätigkeitsprojekten. So etwas wie Amnesty International und andere. Ich finde auch gut, wenn man beispielsweise Werkzeuge recycelt und für bestimmte Länder zur Verfügung stellt. Manchmal ist es nämlich nicht genug, nur Geld zu spenden.

 In Äthiopien hat die Regierung eine Whisky –Bestellung für 150.000 Pfund aufgegeben, während die Bevölkerung dabei war zu sterben. Ich glaube ja, dass Geld die Ursache allen Übels auf der Welt ist. Die Leute werden so habegierig. Da kommt dann wieder die christliche Erziehung meiner Mutter durch.

Michaela Boland: Bist du auch sehr gläubig?

Terri Hooley: Mir wurde einmal von einem Arzt gesagt, dass ich meinen 30. Geburtstag nicht mehr erleben würde. Dann haben sie mir weismachen wollen, dass ich die 40 nicht erreiche und jetzt bin ich schon 65. Daher glaube ich, dass es Gottes Plan zu sein scheint. Aber, ich weiß noch immer nicht, warum er mich bisher hat so alt hat werden lassen. Was meine konkrete Aufgabe ist, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Michaela Boland: Warum hat man dir dies prognostiziert?

Terri Hooley: Wegen meines früheren Alkohol und Drogenkonsums. Das Kuriose an der ganzen Sache ist allerdings, dass ich nicht verstehe, warum ich schon so viele Freunde verlieren musste. Vor sieben Jahren-, die Unruhen waren alle vorüber, verlor ich auf einen Schlag 37 Freunde in nur einem Jahr. Und sie waren keineswegs alle in meinem Alter, sondern teilweise bedeutend jünger.

 Der jüngste Mann, Terri Little, nach mir benannt, starb bei einem Autounfall, die jüngste Frau, eine wirklich enge Freundin, Lucy Higgins, Tochter eines sehr berühmten Richters, den die IRA unzählige Male zu töten versucht hatte, wurde nur 38 Jahre. Sie starb an Krebs. Andere Freunde von mir starben durch Explosionen, wieder andere begingen Selbstmord. Ich habe einfach nicht verstanden, warum so viel jüngere Menschen als ich schon sterben mussten. Ich hätte es bei mir aufgrund meines Alters verstanden.

Michaela Boland: Glaubst an so etwas wie Schicksal?

Terri Hooley: Frühe habe ich das einmal geglaubt, aber manchmal denke ich, “naja“. Eigentlich bin ich mir da keineswegs sicher.

Michaela Boland: Mit wie vielen Verlusten hattest du insgesamt während der Unruhen in Nordirland zu kämpfen?

Terri Hooley: Ungefähr acht Freunde pro Jahr. Deshalb war es für mich ganz besonders erschreckend zuletzt 37 Freunde in nur einem Jahr zu verlieren.

Michaela Boland: Du hast nun mehrfach im Gespräch Alkohol erwähnt. Auch las ich, dass es Drogenerfahrungen gab. Wie intensiv hast du beides konsumiert?

Terri Hooley: Ich wusste damals nicht wirklich, welche Auswirkungen Alkohol haben kann, Dann traf ich all diese älteren Mädchen. Es war irgendwie wie ein Hollywoodfilm, sie fragten mich immer, was ich gerne trinken wolle. Ich habe aus der Szene viel mitgenommen. 

Sie nahmen mich zu Klassik-Konzerten mit. Mir wurde in der Szene irgendwie auch dieses Sex Drugs and Rock `n Roll –Ding vermittelt. Ich lernte einige sehr schlechte Angewohnheiten bei ihnen. Aber: sie haben mir auch das Lesen und Schreiben beigebracht, was eine gute Sache war.

Michaela Boland: Gerade ist der „Good Vibrations“ in den Kinos angelaufen. Wie zufrieden bist du mit dem Film über Dich?

Terri Hooley: Sehr zufrieden.

Michaela Boland: Warst du in die Arbeiten mit involviert?

Terri Hooley: Nicht all zu sehr. Ich habe mich da auch nicht eingemischt, weil ja jeder die Story kannte. Ich bin vor zehn Jahren zur Filmvertragsunterzeichnung nach Dublin gekommen. Wir haben eine sehr lange Zeit gewartet bis wir die richtigen Leute zum Besetzen gefunden hatten. Ursprünglich sollte Michael Fassbender (Anm. d. Red.: X-Men; 12 Years a Slave, Inglourious Basterds) übernehmen, aber wir waren dermaßen von Richard Dormer begeistert, dass wir einfach davon ausgingen, dass er mich besser als irgendjemand anders verkörpern würde.

 Ich selbst spiele ja auch eine kleine Rolle in dem Streifen, nämlich einen Akkordeonspieler im Studio. Meine Tochter und mein Sohn haben auch jeweils eine kleine Rolle übernommen. An dem Tag kam noch Pete Doherty vorbei, mit dem ich einen Drink nehmen wollte. Leider brach ich mir ein Bein und der arme Pete Doherty wurde von allen dafür verantwortlich gemacht, dabei konnte er überhaupt nichts dafür.

Michaela Boland: Bewundernswert, dass du dir nach all den schlimmen Dingen, die du vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts ja auch erleben musstest, noch immer auf so wunderbare Weise deinen Humor beibehalten hast.

Terri Hooley: Immer, wenn ich abends nach Hause komme, dann lache ich und lache ich und mache mich über alles Mögliche lustig.

Michaela Boland: Lieber Terri Hooley, herzlichen Dank für dieses Interview und für den weiteren Weg alles Gute und viel Erfolg. 

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

mehr

21.05.2014 am 23. Mai 2014 erscheint sein erstlingswerk

GFDK - Michaela Boland

Sein Weg nach oben scheint unaufhaltsam. In Frankreich und Belgien ist er längst ein Star. Sänger, Musiker und Songwriter Bastian Baker. Der 23-jährige Schweizer, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Bastien Kaltenbacher heißt und zugunsten der Musik auf eine Profi-Eishockey-Karriere verzichtete, hat sich dem Rock-Folk verschrieben. 

Gerade noch fungierte er erfolgreich als Juror der belgischen Ausgabe von „The Voice“. Gemeinsam mit seinen Band-Kollegen, Nathan Bonjour, Chris Zindel, Joris Amann und Simon Jaccard, firmiert der schöne Jungstar derzeit als erfolgreichster Musikexport der Schweiz.

 Nach dem MTV Music Award zählt Bastian Baker nun auch zu den Gewinnern des Swiss Music Awards in den Kategorien „Best Act Romandie“ und „Best Album Pop/Rock National“. Schon am 23. Mai feiert sein in der Schweiz bereits 2011 erschienenes Erstlingswerk, das Album, „Tomorrow may not be better“ bei uns in Deutschland Release. Zuvor hat der charmante Sänger der Gesellschaft Freunde der Künste in Köln schon einmal Rede und Antwort gestanden.

Michaela Boland: Wie und wann ist dein Interesse für die Musik erwacht?

Bastian Baker: Das ist schon vor langer Zeit passiert. Die erste Erinnerung, die ich an Musik habe, ist auf einem Foto an Weihnachten festgehalten, das meine Eltern von mir gemacht haben als ich gerade mal drei Jahre alt war. Ich hielt eine Gitarre und imitiere Michael Jackson vor einem Mikrofon. Mit fünf Jahren habe ich dann zum ersten Mal ein kleines Konzert auf dem Bar-Tresen des Restaurants meines Vaters gegeben, gemeinsam mit einem amerikanischen Gitarrenspieler.

 Ich liebte das einfach schon immer. Zwischen zehn und 13 Jahren war ich dann Mitglied in einem Kinderchor. Dort hatten wir schon riesige Erlebnisse, wie beispielsweise Aufführungen vor 300 Menschen, gegen Ende des Jahres sogar regelmäßig vor 1000 Leuten. Zum Schluss haben wir sogar ein Album mit Dave Richards, dem Tontechniker von Queen, produziert. Dann habe ich mit dreizehn meine ersten Bands gegründet und bin mit ihnen in Bars, auf Dorffesten oder Hochzeiten aufgetreten.

Michaela Boland: Also, war klar, dass Du auch beruflich einmal in diese Richtung gehen würdest?

Bastian Baker: Für mich schon, aber ansonsten, war es alles andere als klar. Ich habe ja kein klassisches Musikstudium absolviert und auch hatte ich eigentlich nie das Gefühl, dass meine Musik den Leuten derart gefallen würde. Insoweit ist das, was heute passiert, tatsächlich eine echte Überraschung für mich.

 Allerdings war mir in meinem Innersten von jeher klar, dass ich das tun würde, selbst, wenn ich keinen Erfolg damit gehabt hätte. Ich halte das auch für einen guten Grund, denn innerhalb meiner Band wissen wir alle, warum wir Musik machen, nämlich weil wir Musik lieben.

Michaela Boland: Du kommst von einem Sport-Gymnasium und hättest auch Karriere als Profi-Eishockeyspieler machen können, denn dir wurde ein entsprechender Vertrag beim Verein "HC Fribourg-Gotteron angeboten. Das heißt, Du musst in dieser Disziplin ebenfalls sehr gut gewesen sein. Warum hast Du diese Chance zu Gunsten der Musik verstreichen lassen?

Bastian Baker: Das Eishockey war zeitweilig meine größte Leidenschaft. Nur deswegen habe ich überhaupt ein Sport-Gymnasium besucht. Mein Vater war Eishockey-Profi, insoweit war das so ein bisschen das Familiending, zumal dieser Sport in der Schweiz auch ganz groß geschrieben wird. Ich selbst habe 13 Jahre lang gespielt und habe sehr viel dabei gelernt, auch unglaubliche Erlebnisse dadurch gehabt. 

So waren auch meine ersten größeren Reisen mit dem Eishockey verbunden, beispielsweise anlässlich der U-14 Weltmeisterschaft. Ich bin auf diese Weise nach Kanada und Russland gekommen. Man konnte sich so erstmalig der Welt öffnen und ich muss sagen, dass ich dadurch ganz viele Dinge gelernt habe. Zum Beispiel, jeden Menschen zu respektieren oder auch stets pünktlich zu sein. Auch weißt du, wenn du Hockey spielst, dass falls du einmal hinfällst, du sogleich wieder aufstehen musst, denn sonst war es das für dich.

 Dieser Sport verleiht dir zum einen Kämpfermentalität, aber zum anderen genauso Teamgeist. Das habe ich dort mitgenommen. So ist Bastian Baker zwar mein Name, aber dennoch ist es auch wie eine Mannschaft, die ein und denselben Namen trägt. Ich spiele jetzt mit denselben Jungs auf der Bühne zusammen, seit ich 15 Jahre alt bin zusammen und das ist auch sehr wichtig für uns. Und der Übergang vom Eishockey zur Musik hat sich eigentlich ganz einfach vollzogen.

 Zum Ende der Saison 2011 wurde ich von Claude Nobs, dem Mitbegründer des Montreux-Jazz-Festivals, in einer Bar in Zermatt entdeckt. Er ermöglichte mir, erstmals auf diesem Festival aufzutreten. Gerade in jenem Jahr hatte ich auch meine Platte aufgenommen, viele Festivals gespielt und Promo betrieben und so kam es, dass ich im September, als die Eishockey-Saison wieder begonnen hätte, nicht im Stadion war, sondern eine Album-Veröffentlichung hatte. Für mich hat es sich einfach so angefühlt, als sei es auch genau der richtige Zeitpunkt gewesen, um diesen Wechsel zu vollziehen. Es war einfach perfekt und hätte nicht besser sein können.

Michaela Boland: Kennst du deine Bandkollegen praktisch schon von der Schulbank, wenn ihr bereits so lange miteinander Musik macht?

Bastian Baker: Ja. Mit meinem Schlagzeuger habe ich die Schulbank gedrückt. Unser Gymnasium war einerseits auf Sport und andererseits auf Musik ausgerichtet. Der Schlagzeuger hat mich sodann meinem späteren Base-Player vorgestellt. Dann waren wir zuerst mal ein Trio. Aber, nach zwei bis drei Jahren haben wir dann auch einen Gitarrenspieler und einen Klavierspieler gefunden.

Michaela Boland: Wie läuft die Zusammenarbeit?

Bastian Baker: Sehr gut. Wenn ich beispielsweise Simon, meinem Pianisten, der ein wirklich sehr talentierter Musiker ist, kurz vor einem Konzert sage, "Hey, Simon, morgen hätte ich gerne ein bisschen Ukulele auf diesem oder jenem Song", und er mir dann antwortet, "ich kann aber keine Ukulele spielen", dann erwidere ich, "du kannst es aber lernen", dann sagt er, "o.k" und am nächsten Tag kann er es. Er macht einfach alles. Bei manchen Songs hat er daher die Ukulele zwischen den Beinen, spielt Klavier, anschließend Harmonika und macht Percussions. Der Wahnsinn.

Michaela Boland: Du kommst aus Lausanne, der französischsprachigen Schweiz und sprichst mit charmantem Akzent fließend Deutsch. Ab welchem Schuljahr erlernt ihr die Sprache?

Bastian Baker: Danke für das Kompliment. Deutsch lernen wir bei uns so ab 10 oder 11 Jahren, allerdings habe ich auch sehr viel durch das Eishockey gelernt. Also, eigentlich müsste ich viel mehr Schwizerdütsch reden. Deutsch und Schweizerdeutsch sind eigentlich zwei verschiedene Sprachen. Und in Schweizerdeutsch bin ich eigentlich besser. 

Michaela Boland: Fällt keineswegs auf. Du sprichst Deutsch als ob du nicht im Geringsten mehr übersetzen müssest und es wie automatisch aus dir heraussprudele.

Bastian Baker: Nun, es wird immer besser. Manchmal weiß ich allerdings gar nicht, wie ich etwas sagen soll und so kann es passieren, dass ich auch Englisch oder Französisch mitbenutze, um mich zu verständigen.

Michaela Boland: Im Musikbereich sind internationale Acts in der Vergangenheit neben den USA besonders häufig aus dem United Kingdom und auch Schweden hervorgebracht worden. Was hatte da bislang die Schweiz zu bieten?

Bastian Baker: Ich glaube, dass die Schweiz ein sehr cooles Land für Musik ist. Man darf natürlich nicht vergessen, dass wir nur ein sehr kleines Land sind, aber dafür sind die Möglichkeiten ja auch riesig. Im Sommer vergeht beispielsweise kaum ein Tag, an dem es kein Festival gibt. Wir haben 300 Festivals pro Jahr in einem Sieben- Millionen- Land. Es gibt also in fast jedem Dorf ein Festival. 

Wer kein solches hat, ist quasi ein Loser (lacht). Deswegen können mehr und mehr neue Bands spielen. Das hat auch zu einer Änderung im Denken der Menschen geführt. Ich erinnere mich nämlich daran, dass, als ich noch jünger war und zur Schule ging, die Antwort häufig war, " das ist Scheiße", wenn erzählt wurde, dass eine Band aus der Schweiz kam. Heute geht das Schweizer Publikum zu Schweizer Konzerten und das ist unglaublich.

 Die Schweizer machen jetzt aber auch viel mehr. Zum Beispiel Rock-Folk-Music in englischer Sprache. So etwas können sie natürlich auch in jedem Teil der Schweiz spielen. Im französischen oder im deutschen Teil. Es kommt immer besser an. Die zwei Bands, die es augenblicklich im Ausland versuchen, sind "77 Bombay Street" und "Pegasus".

 Außerdem gibt es ja da noch Bands, die in der Schweiz überhaupt nicht bekannt sind, aber dafür im Rest der Welt, wie beispielsweise "Eluveitie". Sie machen Heavy Metal und sind besonders in Asien bekannt. Und dann natürlich nicht zu vergessen: "DJ Bobo".

Michaela Boland: Du bist neben Deiner Heimat derzeit recht viel im Ausland unterwegs.

Bastian Baker: Wir haben jetzt sehr viel in Frankreich und Belgien gearbeitet. In Deutschland wird es auch immer besser. Wir waren vor kurzem sogar in Asien, haben dort in Südkorea gespielt und das war wirklich absolut verrückt. Wir haben 9000 Leute im Konzert gehabt! In einem Stadion. Wir waren zwei Tage dort und ich habe geglaubt, es sei ein Traum.

Michaela Boland: War es dir noch möglich, dich dort frei zu bewegen oder haben die Fans dich bis zum Hotel verfolgt?

Bastian Baker: Nein, sie waren sehr sehr lieb.

Michaela Boland: Ist dein Album, " Too old to die young" dort bereits erhältlich?

Bastian Baker: Das wird es noch, aber bisher macht das Internet schon sehr viel aus. In Japan ist mein Album jetzt seit Februar veröffentlicht. Wir haben drei Shows in Tokio gespielt, die auch super waren. 

Michaela Boland: Hast du deine Karriere eigentlich konkret geplant oder die Dinge auf dich zukommen lassen?

Bastian Baker: Es ist alles verrückt. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, gibt es neue Informationen und alles ist anders als gestern noch. Die CD-Krise, dieses oder jenes Konzert findet nun nicht mehr statt, dafür aber ein anderes, auf dem du spielst. Plötzlich musst du ganz schnell eine Reise organisieren. Es ist oft chaotisch, aber ich denke, dass gerade dies auch die Schönheit und das Besondere an diesem Business ausmacht.

 Ich weiß beispielsweise immer ungefähr ein bis drei Monate zuvor, was ich machen möchte, aber nachher weißt du nicht wirklich, ob das alles genauso klappt. Es ist aber einfach cool, wenn du ein Konzert spielst und das führt dich wiederum zu einem anderen Konzert, du triffst neue Leute und sie machen dir dann hier und da weitere Connections. 

Wir sind da auch ein bisschen verrückt und versuchen, immer so viele Dinge wie möglich zu machen, weil wir wirklich diese Leidenschaft dafür haben und es auch sehr lustig finden, dass wir es endlich machen dürfen, weil wir nun ein Publikum haben. Deshalb haben wir manchmal so komische Wochen wie jetzt, wo wir zwei Tage in Korea sind, anschließend in Hamburg und Köln, morgen geht es nach Cannes und danach nach Brüssel. Es ist einfach nur lustig.

Michaela Boland: Hat sich dein Privatleben insofern seit 2011 extrem verändert?

Bastian Baker: Mein Privatleben nicht wirklich. Ich sehe zwar meine Eltern nicht viel, das ist klar. Aber, ich habe eine super Jugend gehabt, muss ich sagen. Ich war sehr glücklich und bin in einer tollen Familie aufgewachsen.

Michaela Boland: Bist du Einzelkind?

Bastian Baker: Nein, ich habe zwei kleine Schwestern.

Michaela Boland: Sie sind bestimmt sehr stolz auf dich. Wie alt sind die beiden?

Bastian Baker: Ja, sie sind cool. 20 und 17 Jahre alt. Eine ist in Amerika. Sie studiert Management und sie ist Tennisprofi. Und die andere steckt noch mitten im Abi in der Schweiz. Bei wichtigen Konzerten sind sie regelmäßig dabei. Es ist klasse.

Michaela Boland: Haben deine Eltern dich im Hinblick auf die Musikkariere eigentlich unterstützt? Waren sie überhaupt damit einverstanden? Immerhin hast du die mögliche Eishockey-Karriere einfach so ausgeschlagen.

Bastian Baker: Ja, denn ich habe es gut angestellt. Ich bin ja nicht angekommen und habe zu ihnen gesagt, "hey, liebe Leute, liebe Eltern, ich nehme jetzt meine Gitarre und ziehe durch die Welt". Ich habe wirklich alles vorbereitet. Sie wussten rein gar nichts von meinen Projekten und als ich zum ersten Mal vor ihnen davon gesprochen habe, konnte ich sie schon in mein eigenes Büro einladen und ihnen präsentieren, was ich schon alles erreicht hatte. Dann erst habe ich ihnen eröffnet, dass ich nun noch viel mehr im Bereich Musik machen wolle. Da waren sie zunächst etwas erstaunt, doch dann war alles im grünen Bereich.

Michaela Boland: Wo lebst du augenblicklich hauptsächlich?

Bastian Baker: Ich habe sozusagen kein Zuhause. Aber, das ist o.k. Wenn ich in der Schweiz bin, gehe ich zu meinen Eltern oder zu meiner Großmutter, die auch in Lausanne wohnt und super cool ist. Ich habe auch noch eine gemeinsame Wohnung mit meinen Kollegen, aber dort sind immer viel zu viele Leute. Wenn man also mal etwas ruhigen Schlaf benötigt, dann will man eigentlich nicht dorthin gehen.

Michaela Boland: Schreibst du all deine Songs eigenständig?

Bastian Baker: Ja. Das kann nachts oder auch tagsüber sein, das kann während einer guten Stimmung passieren oder auch während einer schlechten. Für mich ist einfach nur wichtig, dass es schnell geht. Für mich ist ein Song ein Moment. Es ist Gänsehaut. Wenn etwas passiert, muss ich darüber reden und zwar zack-zack-zack. Eine Melodie gehört zu einem Text, sofort, es ist nämlich für mich sehr schwierig, einen Text zu kreieren und die Melodie erst sechs Monate später zu komponieren.

Michaela Boland: Was hast du denn in der Regel zuerst? Text oder Musik?

Bastian Baker: Das ist immer unterschiedlich. Manchmal das eine zuerst, manchmal das andere. Hin und wieder schreibe ich auch mal sechs Monate gar nichts. Dann wiederum zehn Songs innerhalb einer Woche. Das Gefühl muss eben da sein. Ich schreibe sehr viel in den Zeiten im Jahr, in denen es sehr viele Emotionen gibt. Also, zum Beispiel an Weihnachten oder Neujahr. Das sind die besonderen Momente, in denen ich recht produktiv bin.

Michaela Boland: In deinem Song, "Tomorrow may not be better" heißt es in englischer Sprache, "es ist hart zu beschreiben, wie es in mir aussieht. Es ist noch schlimmer zu sehen, dass niemand an meiner Seite ist". Klingt doch recht traurig. Was für einen konkreten Aufhänger gab es in deinem Leben hierfür?

Bastian Baker: Manchmal brauche ich nicht allzu viel Metapher, sondern sage einfach, wie ich mich fühle. Dieser Song ist sehr speziell. Zwar weiß ich nicht warum, aber ich habe früher immer, wenn mir ein Titel einfiel, diesen auf meiner Matratze notiert. Als ich den Song geschrieben habe, muss ich ungefähr 17 oder 18 gewesen sein und habe mir geschworen, dass wenn ich einmal die Chance haben würde, eine Platte zu machen, dann würde sie diesen Titel bekommen. Als ich den Song schrieb, war ich gerade sehr pessimistisch drauf.

Es war damals die Angst vor der Zeit, die Angst davor stecken zu bleiben. Ich fühlte während dieser Zeit in mir, dass ich es brauchte, zu verreisen, dass ich auch mal neue Menschen kennenlernen müsse. Ich wollte einfach kein Leben, in dem ich jeden Tag den gleichen Bus nehmen, jeden Tag auf demselben Bürostuhl sitzen und mit denselben Kollegen zusammen arbeiten müsste. Es gibt ja Leute, die genau das lieben, denn es verleiht ja auch Sicherheit. Du fühlst dich wohl, es ist bequem. Doch für mich war diese Vorstellung wie Horror. Deswegen habe ich dieses Lied geschrieben und es wurde tatsächlich mein Lebensmotto. 

Heute ist "Tomorrow may not be better" etwas sehr Positives. Ich weiß nämlich, dass ein Tag nicht kurz ist. Zuvor habe ich gedacht, ein Tag sei recht kurz. Nun ist mir bewusst geworden, dass man innerhalb eines Tages wirklich sehr viele verschiedene Dinge machen kann. Insofern war dieser Song für mich wie eine Therapie. Ich war, ehrlich gesagt, ein wenig depressiv, hatte viele Fragen. Durch mein erstes Album habe ich dann allerdings einiges gelernt.

Wenn man seine erste Platte schreibt, hat man dieses blöde Gefühl als Künstler mit einem riesen Ego, dass man der einzige sei, der sich so fühlt. Das ist richtig dämlich. Wenn das Album dann erst mal veröffentlicht ist, und Menschen lesen deinen Text und du erhältst plötzlich Briefe und E-Mails von Leuten, die sich bedanken mit den Worten, "ich fühle mich ganz genauso wie du. 

Danke, du hast mir sehr geholfen". Dann denkst du, "mein Gott, war ich blöd. Seither hat sich viel verändert in meinem Leben. Ich habe nun nicht mehr dieses große Künstler-Ego. Das Schreiben der kompletten ersten Platte war sehr autobiografisch. Lediglich zwei Songs entsprangen meiner reinen Fantasie.

Michaela Boland: Wer gehört zu deinem Publikum?

Bastian Baker: Du hättest mein Publikum von gestern in Hamburg sehen müssen (lacht). Ich mache ja Rock-Folk-Musik, die wirklich jeder hören kann. Die Texte sind auch sehr universell, sie sind nicht nur für bestimmte Leute. Ich finde super, dass wir sowohl junge Frauen und schwule Männer als auch Heavy- Metal-Fans und Großväter haben. Musik hat meiner Meinung ja auch das Ziel, Leute zusammenzubringen. 

Und wenn das passiert, bin ich happy. Ich habe einmal einen super Kommentar von einer Großmutter auf Facebook gesehen. Der lautete: Dankeschön Bastian, du hast gleichsam mich, meine Tochter und meine Enkelin begeistert. Das fand ich cool, denn das ist etwas, das ich liebe.

Michaela Boland: Ist dir Facebook sehr wichtig? Schaust du dir dort täglich die Kommentare an?

Bastian Baker: Ich habe keine persönliche Seite, weil ich denke, es ist wie eine Zeitung, wo du jeden Tag eine neue Hauptseite kreieren kannst und das ist nicht gut. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich einen Song geschrieben, der hieß, "The FAKEBOOK". Ich glaube, dass Facebook für viele schlechte Gefühle der Menschen verantwortlich ist, denn du siehst ja unter einer Fotografie alle Nase lang, was die anderen Leute machen.

Da kannst du sehr schnell neidisch werden und dich fragen, warum war ich nicht auf dieser oder jener Party eingeladen? Deswegen verzichte ich auf so etwas. Allerdings denke ich, dass es für die Fans ganz gut ist. Denn es ist ein Weg, sich auf dem Laufenden zu halten, wenn wir eine Ankündigung machen. Facebook ebenso wie Twitter. 

Wir haben jetzt sogar eine eigene App entwickelt. Das ist eine Weltpremiere, denn wir sind die ersten, die so etwas haben. Da kannst du direkt Musik über unsere App kaufen. Du zahlst acht Schweizer Franken pro Jahr und du hast all meine Musik: Alle Platten, alles Songs und Fernsehauftritte. Und das läuft ganz ohne I-Tunes oder Ähnliches. Wir bemühen uns immer, die Musik den neuen Technologien mehr anzupassen. Da ist sehr wichtig. 

Michaela Boland: Wenn du nicht persönlich auf Facebook bist, können deine Fans dennoch mit dir direkt kommunizieren?

Bastian Baker: Definitiv. Nach den Konzerten zum Beispiel. Ich denke, ich habe viel Geduld. Ich versuche, immer das Beste zu machen, damit die Fans happy sind. Wobei das manchmal ein kompliziertes Thema ist. Zum Beispiel bei Autogrammstunden. Die Leute, die am wenigsten lang warten, die haben dann oft etwas und die, die am längsten warten, haben oftmals noch nichts bekommen, wenn ich schon weg muss. Dann sind diese natürlich frustriert. 

Deshalb handhabe ich das jetzt so, dass wenn ich einmal anfange, bringe ich es auch zu Ende. Lieber fange ich sonst gar nicht erst an, bevor ich es nicht zu Ende bringen kann. Sonst bist du ohnehin am Ende das Arschloch. Die Leute sind sehr schnell frustriert. Auch hat sich die Beziehung zwischen Künstler und Fan im Vergleich zu früher sehr stark verändert. 

Es ist in keiner Weise mehr so wie zu den Zeiten der Rolling Stones. Wenn man damals einen Brief an jene Künstler gesandt hatte, hätte man tatsächlich nie eine Antwort erwartet. Wenn ein Fan aber heutzutage einen Tweet setzt und keine Re-Tweet erhält, schreibt er sogleich, "What the fuck! Who do you think you are". Das ist in der Musikbranche wirklich eine relativ neue Sache.

Michaela Boland: In der letzten Staffel der belgischen Ausgabe von "The Voice" warst du als Jury-Mitglied mit von der Partie. Was für eine Erfahrung war das für dich?

Bastian Baker: The Voice war für mich ein unglaubliches Abenteuer. Es ist ja so umfassend. Zuerst triffst du ein Talent, nachher wählst du die Songs für ihn, machst das Arrangement, du wählst die Tonart, die Struktur, das Tempo und nachher siehst du, was dabei herauskommt im Fernsehen. Wenn dir etwas missfällt, rufst du den Realisator an und sagst, in der und der Minute gefällt mir das nicht so gut und er erwidert, "kein Problem, das nehmen wir raus". 

Später checkst du die Sounds. Es ist wirklich die Arbeit eines Produzenten. Ich habe das wirklich gerne gemacht. Und wenn du dann am Ende dieses Talent hast, ist es unglaublich. Da kommen zum Teil Leute, die sind 16 Jahre alt und sie bereiten dir Gänsehaut. Ich habe sehr viele coole Leute kennengelernt.

Michaela Boland: Wie kam die Verbindung zu Belgien?

Bastian Baker: Ich wurde nach einem Festival angesprochen und gefragt, ob ich Lust hätte, mitzumachen. Da ich immer für neue Herausforderungen bin, habe ich zugesagt. Seit anderthalb Jahren bin ich in Belgien sehr erfolgreich. Dort bin ich zwischenzeitlich fast bekannter als in der Schweiz. Da kann ich tatsächlich nicht mehr unentdeckt durch die Straßen gehen. Das ist insofern schade, als ich immer gesagt habe, dass ich jemand sehr diskretes bin und mich, wenn ich es darauf anlegte, niemand erkennen würde. Da ist es nicht mehr möglich. 

Michaela Boland: Was hörst du selbst für Musik?

Bastian Baker: Eigentlich von Allem etwas. Vor allem die klassischen Sachen zum Beispiel The Kooks oder Fools Garden, Pearl Jam, Led Zeppelin. Auch Nirvana. Es kann auch Eminem sein oder The Wishing Well, eine hier noch relativ unbekannte Band. Auch Lana del Rey finde ich gut.

Michaela Boland: Dein bürgerlicher Name lautet eigentlich Bastien Kaltenbacher. Wie bist du auf Baker als Nachnamen gekommen. Anlehnung an Josephine Baker?

Bastian Baker: Nein, ich bin kein Fan von ihr. Sie ist auch nicht meine Großmutter (lacht). Es ist eigentlich sehr einfach. Mein Urgroßvater kam aus München. Ich habe gedacht, auch in der französischen Schweiz ist der Namen sehr schwer auszusprechen. Schon beim Eishockey war es immer schwierig, wenn durch den Lautsprecher, "Tor durch Kalten-bärgär, Kalten-Bürgär, Kalten-Beschär" gerufen wurde. 

Ich glaubte dann einfach, wenn ich mit Producern zusammen wäre, sie mich nach meinem Namen fragen würden und ich Kaltenbacher sagte, würden sie schon drei Mal weglaufen sein, bevor ich überhaupt ausgesprochen hätte. Und weil die Leute in Amerika ohnehin Coltenbaker sagen, habe ich eben schlicht Baker daraus gemacht. D.h., am Anfang war ich sogar nur Bastian Cold. Doch das kam nicht so gut. So bin ich jetzt eben Bastian Baker. Die Unterschrift geht schnell, alles gut.

Michaela Boland: Hast du eigentlich noch Zeit für herkömmliche Hobbies?

Bastian Baker: In der Schweiz sind meine Hobbies ganz einfach, nämlich Abendessen mit Kollegen, Partys, meine Familie besuchen, ein bisschen Wake-Surfen auf unserem unglaublichen See. Das ist der schönste Platz der Welt.

Michaela Boland: Bist du liiert?

Bastian Baker: Nein, meine Freundin ist mein Gepäck, meine Gitarre. 

Michaela Boland: In Deutschland warst du schon häufiger. Gibt es etwas, was dir hier besonders gut gefällt?

Bastian Baker: Ja, was ich absolut schätze, sind die Vibes. Die Leute sind in meinen Augen sehr nett. Es gibt eine coole Kultur, Leute zu treffen und nicht so schüchtern zu sein. Schöne Architektur und diese Biergärten. Es gibt hier auch so viele coole Alternativen für Konzerte: Clubs, Bars, wo wir es lieben zu spielen. Gestern in Hamburg waren wir in einer Fabrik. Eigentlich kann man sagen, dass das meine Lieblingssache in Deutschland ist: Die Clubszene.

Michaela Boland: In der Schweiz, Frankreich und Belgien bist du schon längst ein Star. Hierzulande bist du noch dabei, deinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Wer kommt bisher zu deinen Konzerten in Deutschland? Woher kennen dich die Besucher?

Bastian Baker: Es gibt es viele verschiedene Ursachen. Eine Sache hat mir sehr geholfen: Ich habe eine TV-Show auf TV5 Monde gemacht, die "Acoustic" heißt. Die Show wird in 250 Ländern ausgestrahlt. Mehrmals sind schon Leute an mich herangetreten, die mir sagten, dass sie mich in genau dieser Show gesehen hätten. 

Dann haben sie mich gegoogelt und gesehen, dass ich nach Deutschland komme. Manchmal ist es auch so, dass Schweizer ihren Deutschen Freunden empfohlen haben, sich einmal ein Konzert von mir anzusehen. Andere wiederum haben einfach nur mal ein Interview gesehen oder einen Song im Radio gehört und kommen dann eben. Ich mache aber auch in Deutschland immer sehr viel eigene Street-Promotion. 

Wenn ich in ein Restaurant gehe, mache ich Werbung für mich. Oder während des Fluges. Zwei Stewardessen, die mit uns auf dem Flug von Seoul nach Frankfurt waren, sind später zum Konzert nach Hamburg gekommen. Das war schön. Im Moment ist mein Publikum in Deutschland noch sehr persönlich, noch gibt es Leute in der Halle, die ich persönlich kenne und das finde ich gut. 

Es fühlt sich so an wie am Anfang meiner Karriere in der Schweiz. Es war Mund zu Mund-Propaganda. Allerdings hat mir mein Konzert, dass ich im vergangenen Jahr am Tag der Deutschen Einheit in Berlin gegeben habe, auch sehr geholfen. Da waren wahnsinnig viele Leute. 

Michaela Boland: Interessierst du dich für bildende Kunst?

Bastian Baker: Nicht sehr. Ich bin ein Fan von Andy Warhol und Keith Haring. Das ist der einzige Stil, den ich mag. Kunstausstellungen schaue ich mir nicht sehr viele an. Bildende Kunst berührt mich einfach nicht so sehr. 

Michaela Boland: Hast du den Eurovision Song Contest (ESC) verfolgt?

Bastian Baker: Ich habe nur mitbekommen, wie alle Leute, dass ein Mann mit Bart als Frau gewonnen hat und dass der Sieg an Österreich ging. Ja, cool. Spaß für sie. Aber der Name ist ja echt totaler Mist. Conchita Wurst - wir gratulieren.

Michaela Boland: Könntest du dir vorstellen, auch einmal für die Schweiz oder für Frankreich bzw. Belgien beim ESC anzutreten?

Bastian Baker: Nein, ich habe immer gesagt, dass das nichts für mich wäre. Aber ich würde gerne den Song dafür schreiben. Eine Kollege von mir, JB Meijers, hat den Song für Holland geschrieben. Er hat mir ein Bild von den Charts aus ganz Europa geschickt. Verrückt. Er war überall Nummer Eins. Beim ESC sind sie dann Zweiter geworden.

Michaela Boland: Mit wem würdest du gerne mal zusammenarbeiten?

Bastian Baker: Wenn du einen Lieblingskünstler hast, ihn triffst und sich herausstellt, dass er ein Arschloch ist, würde ich kein Duett mit ihm machen. Wenn es jemand ist, den ich überhaupt nicht kenne, wir aber einen Draht zueinander haben, kann das durchaus passieren. 

Michaela Boland: Dein Album "Tomorrow may not be better" erscheint am 23. Mai?

Bastian Baker: Ja, genau.

Michaela Boland: Glaubst du an Schicksal?

Bastian Baker: Ich denke eigentlich in good Vibes. Ich glaube, wenn jemand lieb ist und ehrlich, wird es ihm im Leben immer helfen, dasselbe auch zurückzubekommen. Auch wenn Leute zu mir böse sind, habe ich immer ein Lächeln für sie und sage, „kein Problem, dann gehe ich irgend woanders hin“. Das ist sehr hilfreich. Es gibt in meinem Leben jede Menge Beispiele, bei denen das sehr geholfen hat. 

Ich war mit 16 einmal beim Tennis und ein Typ kam in unseren Club hinein, ganz in weiß gekleidet, so ein bisschen Wimbledon-mäßig. Auch trug er eine ganz komische Sonnenbrille. Alle meine Kumpels lachten und sagten amüsiert, „guck dir mal den Vogel an“. Ich dachte, ich wird einfach „Hallo“ sagen und ging zu ihm herüber. 

Ich habe mich ganz nett auf Englisch mit ihm unterhalten und alles war cool. Nur zwei Tage später rief mich mein Tennis-Lehrer an und sagte, „hier ist ein Typ, der ist Musiker und er möchte gerne mit dir spielen“. Da antwortete ich, „o.k.“. Ich komme also an, um mit ihm zu spielen, treffe auf ihn und sage, „ach, du bist das“. Er stellt sich als James Valentine vor, ich sage, ich bin Bastian. Ich frage ihn dann, „also, du machst hier Musik“, und er antwortet, “ ja, wir produzieren unser Album hier“. 

Dann möchte ich wissen, ob sie zufällig bei Dave Richards sind. Er erklärt mir daraufhin, dass sie ein Haus am See hätten und ich denke, „wow, das funktioniert für eine Band schon ziemlich gut“. Komischerweise wollte er mir den Namen seiner Band aber noch immer nicht verraten, doch ich bohrte und bohrte. Dann hat er irgendwann ganz ruhig gefragt: „Sagt dir die Band Maroon 5 etwas?“

Ich war baff und sagte nur, „Mensch, ich covere derzeit `This love“ und `She will be loved``, natürlich kenne ich Maroon 5“. Er war der Gitarrist der Band, James Valentine. Anschließend habe drei Monate lang mit ihm gespielt. Er hat mich in deren Studio eingeladen, ich konnte erleben, wie es ist und habe die ganze Band mehrmals getroffen. Nur weil ich „Hallo“ gesagt hatte. Das ist wirklich für mich die Attitude. Man kann durchaus mal einen schlechten Tag haben, aber wir probieren immer, diese freundliche innere Einstellung zu beizubehalten.

Michaela Boland: Du wirkst grundsätzlich recht entspannt. Gelingt dir das immer?

Bastian Baker: (lacht). Ja, ich habe immer gesagt, „Panik bringt gar nichts“, weißt du. Aber, ich war nicht immer so. Ich denke, die Musik hat mich dahin gebracht.

Michaela Boland: Vorhin hast du ja bereits kurz die depressive Phase in deinem Leben angesprochen. Was war ursächlich hierfür?

Bastian Baker: In dem Sommer als ich James Valentine traf, war ich noch ein wenig depressiv. Doch genau in dieser Zeit sind ein paar entscheidende Dinge passiert. Zwei Wochen nachdem ich James getroffen hatte, habe ich ein Konzert für die Alinghi gegeben. Mein Vater war auch dort und als ich fertig war, erinnerte er mich daran, dass ich vergessen hätte, einen bestimmten Song zu spielen. 

Da habe ich meine Gitarre wieder eingestöpselt und damit begonnen, diesen Song zu nachzuholen als plötzlich ein Blitz durch die Nacht schoss und ich mich frage, „Mein Gott, was ist das denn nun los“. Ich spielte dann den Song zu Ende und plötzlich ertönte eine grelle Stimme mit den Worten, „Hey, dies ist MTV-Rumania. Wie heißt du“. 

Ich war in Villeneuve, meiner Heimat, und plötzlich war MTV Rumänien vor Ort? Dann sagte sie, „ Komm, wir spielen` We love Rock `n Roll ` von Joan Jett zusammen“, also stimmte ich zu und begann das Stück zu spielen. Auf diese Weise hatte ich plötzlich ein kleines Video bei MTV Rumänien als ich gerade mal 16 Jahre alt war. Und all das habe ich nur dem Umstand zu verdanken, dass ich mir wieder die Gitarre geschnappt und weiter gespielt hatte.

Michaela Boland: Welcher von all deinen Songs ist dir persönlich der liebste?

Bastian Baker: Ich glaube, von meinem ersten Album, „Tomorrow may not be better“, am ehesten das Stück mit dem meisten Gefühl, „Lucky“. Das ist auch wirklich der Starter-Song. Damit habe ich mich selbst auch zum ersten Mal im Radio gehört. Und das war fucking crazy, ein unvergleichliches Gefühl. Ich fuhr da gerade zum Eishockeytraining und kam gleich nach Coldplay. 

Ich hätte vor Aufregung fast einen Unfall gebaut. Wann immer ich diesen Song live spiele, haben die Leute so viel Freude und singen mit. Auf meinem zweiten Album habe ich ein Stück mit dem Titel, „Prime“. Es ist der Song, der genau beschreibt, wer ich bin und wer ich überhaupt nicht bin. Innerhalb dieses Stückes gibt es ein paar Sätze, bei denen ich noch immer Gänsehaut bekomme, wenn ich sie singe. Der Song lässt sehr tief hineinblicken, denn darin erkläre ich wirklich, warum ich Musik mache und was ich an der Musikindustrie hasse.

Michaela Boland: Was wäre das?

Bastian Baker: In gewissen Momenten hat mich die Musikindustrie ein bisschen kaputt gemacht. Gerade in Frankreich hat man versucht, mir manches aufzuzwingen. Sie haben probiert, mich dazu zu bringen, in französischer Sprache zu singen. Ich habe dann gesagt, „merde, ich komme mit meinem Produkt in Englisch. Entweder du liebst es so und akzeptierst es oder du nimmst mich nicht“. Auch gab es noch recht viele weiter komplizierte Dinge. 

Ich war in Frankreich sehr schnell sehr berühmt. Das war insofern ein bisschen schade, weil ich in den anderen Ländern diese Berühmtheit Schritt für Schritt aufbauen konnte. Von Bars in Clubs, über Stadien bis zu den großen Festivals. Da ich in Frankreich sehr viel im Fernsehen zu sehen war, war das dort sofort eine größere Sache.   

Michaela Boland: Du bist vor kurzem mit Boy George in Köln aufgetreten. Wie ist er so drauf?

Bastian Baker:  Wirklich cool. Ich muss sagen, ich kannte den Mann vor diesem Auftritt nicht persönlich. Ich habe ja für ihn das Opening gemacht. Er war wirklich sehr lieb und sehr spontan. Er kam sofort, um "Hallo" zu sagen. Hat sich auch ein paar Songs von mir von der Seite der Bühne aus angeschaut und das machen nicht alle. 

Michaela Boland: Hast du eigentlich auch einen Plan B?

Bastian Baker: Falls das mit der Musik einmal nicht mehr funktioniert, habe ich so viele andere Möglichkeiten. Ich mache jetzt zum Beispiel viel mehr Co-Writing, schreibe und produziere für andere Leute. Ich habe jetzt auch meine eigene Gesellschaft und nehme neue Talente in mein Label auf. Da gibt es jede Menge coole Dinge zu tun. Daher fühlen wir auch wenig Druck. Ich weiß, was auch immer ich tue, es wird stets mit Musik zu tun haben, weil ich das wirklich super finde. Oder ich werde Tennisprofi (lacht). Ich weiß noch nicht.

Michaela Boland: Tennis gehört auch zu deinen bevorzugten Sportarten?

Bastian Baker: Ich liebe Tennis. Und es ist viel einfacher, ein Tennis-Match zu organisieren als ein Eishockey-Match.

Michaela Boland: Lieber Bastian, vielen Dank für dieses Gespräch und viel Erfolg für deine Album-Veröffentlichung in Deutschland.

 

Michaela Boland ist Journalistin und TV-Moderatorin. Bekannt wurde sie als Gastgeberin der Sommer-Unterhaltungsshow „HOLLYMÜND“ des Westdeutschen Rundfunks Köln. Seit 1988 schrieb sie für die Rheinische Post, unterschiedliche Publikationen der WAZ-Gruppe Essen, Bayer direkt und Kommunalpolitische Blätter.

Außerdem präsentierte sie die ARD-Vorabendshow „STUDIO EINS“ und arbeitete als On-Reporterin für das Regionalmagazin „Guten Abend RTL“. Auf 3-Sat, dem internationalen Kulturprogramm von ARD, ZDF, ORF und SRG, moderierte sie die Kulturtalkshow „Doppelkopf“, sowie für TV NRW, die Casino

Show „Casinolife“ aus Dortmund-Hohensyburg. Michaela Boland arbeitet auch als Veranstaltungsmoderatorin und Synchron- sowie Hörspielsprecherin.

Infos unter: www.michaela-boland.de

Für die Gesellschaft Freunde der Künste moderiert sie den Kaiserswerther Kunstpreis sowie alle großen Kulturveranstaltungen der Gesellschaft.

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

mehr

06.05.2014 an eine Straßenecke oder unter eine Brücke

GFDK - Stefanie Tendler

Die Geschichte der Trouble Notes beginnt in New York, abends am East River in Greenpoint, Brooklyn. Hier begegneten sich auf einer Loft Party der Geiger Bennet „The English“ Cerven, und Sylvain „The French“, bei einer spontanen Jam Session.

Auf ihr drittes Mitglied, den Cahón-Spieler Olli / Oliver Maguire stießen die beiden auf ihrer Europa Tour in London und nannten sich kurzum "The Trouble Notes". Nach New York, London, Dublin und Prag folgte das Trio dem Lockruf der Straßen Berlins.

Stefanie Tendler: Welche Bedeutung hat Straßenmusik im Leben eurer Band?

The Trouble Notes: Es gibt keine bessere Art und Weise sein Können unter Beweis zu stellen, als sich an eine Straßenecke (oder unter eine Brücke) zu stellen und einfach nur zu spielen. Straßenmusik erlaubt es auf natürliche Weise Musik zu schreiben. Nahezu all unsere Songs mit ein-zwei Ausnahmen sind in der Straße geschrieben worden und haben unter den Einflüssen der verschiedenen Kulturen, denen wir auf unseren Reisen begegnet sind, neue Formen angenommen.

Einen Song, den wir zwei Monate Lang in London und Dublin gespielt hatten, veränderte in Prag von einem Moment auf den anderen seinen Klang. Warum das so ist, lässt sich nicht ganz genau sagen, aber wir waren uns einig, dass er den letzten Schliff just in diesem Augenblick auf der Straße in Prag erhalten hatte. Das Formen unserer Songs, der Einfluss unserer Begegnungen und unsere Reisen sind ein großer Anteil unserer Identität und werden es immer bleiben.

Manche fragen uns sogar- Warum spielt ihr auf der Straße? Ihr seid doch professionelle Musiker. Worauf wir in der Regel antworten- Hättet ihr uns gehört, wenn wir nicht auf der Straße spielen würden? Und meistens lautet die Antwort- Wahrscheinlich nicht. Welche bessere Weise gibt es Menschen zu zeigen- Hey das machen wir, das sind wir, das sind unsere Songs und das ist unser Sound.

Stefanie Tendler: Wie kamt ihr auf die Idee durch Europa oder sogar die Welt zu touren, um Straßenmusik zu machen?

Bennet Cerven: Das Musical Once, über das Leben eines irischen Straßenmusikers, hat mich inspiriert und so sehr bewegt, dass ich bereits in meinem Sitz in Manhattan, Midtown, im Broadway, mir dachte- Das will ich machen. Ich werde meinen Job bei einem Hedgefond aufgeben und abhauen, nicht im wortwörtlichen Sinn natürlich. Aber ich war von der Idee gefesselt und wollte reisen und Straßenmusik machen.   

The Trouble Notes: Es gibt eigentlich keinen Ort an den wir nicht reisen wollen. Somit sind wir offen für überall. Spanien, Niederlande, Belgien und noch viele weitere Ziele stehen auf der unendlich langen Liste und zwar nicht, um damit angeben zu können wo wir schon überall gespielt haben, sondern weil wir unsere Musik mit der Welt teilen wollen. Als wir New York verlassen haben, hatten wir nur ein Apartment in London.

Wir kamen dort an, ohne jemanden zu kennen und sind einfach raus auf die Straße um zu spielen. Kurz darauf hatten wir bereits die ersten Auftritte. Für Irland hatten wir im Vorfeld etwas organisiert, in Prag und Berlin sind wir auch einfach nur aufgetaucht. Es ist sogar relativ schwierig im Voraus etwas zu buchen, da viele Clubs keinen Anlass dafür sehen, wenn du als Band kein Renommee hast. Wichtig für uns ist es deshalb auch unser Können permanent unter Beweis zu stellen.

S2S: Wie ist der Bandname “The Trouble Notes” entstanden?

The Trouble Notes: Ursprünglich wollten wir uns Notes from Underground nennen, da wir oft auch in U-Bahnstationen spielen und es eine Widmung an Bennet’s Lieblingsautor: Dostojevsky wäre. Leider mussten wir allerdings feststellen, dass es bereits eine Band mit dem Namen gab. Wir wollten einen einzigartigen Namen. French hat vieles immer als “Trouble” bezeichnet und schlug vor uns “The Trouble” zu nennen. Bennet ergänzte den Namen um Notes, womit wir beide sehr glücklich waren.

Stefanie Tendler: Wollt ihr mit eurer Musik jemand bestimmten erreichen?

The Trouble Notes: Nein. Uns hatte in London jemand gesagt: „Wenn ihr so weiter macht, bekommt ihr einen Plattenvertrag.“ – Ja vielleicht, aber darum geht’s uns nicht wirklich. Wir spielen für diejenigen, die Gefallen an unserer Musik finden. Wenn du ein großes Label im Rücken hast, oder du mit der Musikindustrie zu tun hast, wird deine Musik über jeden denkbaren Kanal verbreitet und auch an jene, die vielleicht gar kein Interesse daran haben.

Die Gefahr besteht die Kontrolle über die eigene Arbeit zu verlieren. Keiner von uns will einen Vertrag unterschreiben, nur um ihn zu unterschreiben. Wenn es dazu kommen sollte, muss das Gesamtpaket stimmen. Unser potentieller Geschäftspartner muss uns ins unserem Bestreben verstehen. Wir möchten sicherstellen, dass die musikalische Unterhaltung zwischen uns als Trio am Leben bleibt.

Stefanie Tendler: Wie würdet ihr euren Musikstil beschreiben. Welche Künstler haben euch musikalisch beeinflusst?

The Trouble Notes: Was uns ausmacht sind die zahlreichen verschiedenen Einflüsse diverser Künstler und Genres, das es schwer fällt unsere Musik zu definieren und wir uns eigentlich auch nicht festlegen möchten. Musikalisch kommen wir alle aus unterschiedlichen Bereichen. Bennet hat eine klassische Ausbildung hinter sich und hat sich erst nach 15 Jahren in eine andere Richtung entwickelt.

French war ein Reggae Gitarrist und hat unter anderem auch Techno Beats entwickelt und Olli war in der Hip Hop, Grunge und Grime Szene in London unterwegs. Drei Typen, die also aus komplett unterschiedlichen Hintergründen kommen. Wir haben auch gemeinsame Einflüsse wie Rodrigo y Gabriela. Jeder der ein Fan von den beiden ist, wird vermutlich auch unsere Musik schätzen.

Gogol Bordello- Gypsy Punk, sind auch ein großer Einfluss. Sie sind in Städte gereist, nicht um Geld zu machen, aber weil es ihnen Spass gemacht hat. Heute sind sie ein riesiger Act. Wir lieben die Energie, die sie ausstrahlen und die sie auf ihr Publikum übertragen. Vor allem aber das französische Duo der 30er Jahre, Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die Pioniere des Gypsy Jazz- Hot Jazz, hat uns stark geprägt und wir haben ihnen den Song „Steal my Soul“ als Hommage gewidmet.

Bennet Cerven: Mich persönlich beeinflusst vor allem auch Muse. Wenn man den Gesang wegnehmen würde und sich nur dem instrumentellen Part von Muse widmet, erkennt man, dass sie Meister ihres Werkes sind. Vor allem aber haben sie eine Rock Symphonie komponiert, etwas das ich auch schon immer machen wollte. Olli und French sind vor allem durch Reggae geprägt.

The Trouble Notes: Man kann den Reggae Einfluss in unseren Songs hören. Es gibt Momente in denen sich Songs auftrennen und wenn man die Geige wegnehmen würde, und sich nur auf Gitarre und Cahon konzentrieren würde, könnte man behaupten, dass es sich um einen Reggae Tune handelt.  Und das ist das Spannende an unserer Musik und viele unserer Songs. Sobald ein Instrument entfernt wird, verändert sich der ganze Song.

Wenn ihr die Band live erleben wollt, dann steigt am 10. Mai die abgetretenen Treppen in den wahren Berliner Untergrund hinab, denn Notes from Underground halten einen weiteren pulsierenden Abend für euch bereit. Die Alten Mauern im Herzen Kreuzbergs sind ein Geheimtipp abseits vom Hochglanz und Hipsterchic.

Als internationales Trio residieren The Trouble Notes aktuell in Berlin.  Eine eklektische Symbiose aus verschieden Genres fusioniert mit einem musikalischen Spektrum, dessen Ursprung nicht vielseitiger sein könnte. Die erste EP der Band „Court the Storm“, die europaweit Anklang gefunden hat, erschien im August 2013 und wird nun Ende Mai von der zweiten EP „Shades of Éire“ Gesellschaft erhalten.

Jungle Radio kombinieren Musikinstrumente, die augenscheinlich nicht zusammen passen - Schlagzeug, Akkordeon, Saxofon, Kongas, Didgeridoo und elektronische Klänge treffen bei den vier Herren, die aus unterschiedlichen musikalischen Bereichen stammen, zusammen. Die elektronische Basis in Kombination mit dem Schlagzeug und den hypnotischen Klängen des Didgeridoos und Saxofons motivieren das Tanzbein. Ein musikalischer Hochgenuss aus den Schattierungen: Funk, Disco, Rock, Pop, Jazz, Club und Balkan Vibes erwartet euch.

Also kommt und werdet Teil eines fetzigen Abends den SubCut mit feinstem Vinyl Zauber für euch versüßen wird.

Einlass: 22 h

Eintritt: EURO 6

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

mehr
Treffer: 176
Top