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19.11.2019 der Kampf zwischen Gut und Böse,

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Fesselnd, düster und sexy. So hat Gil Mehmert „Jekyll & Hyde“ jetzt an der Oper Dortmund inszeniert. In dem Musical von Steve Cuden und Frank Wildhorn, das aus der gleichnamigen Novelle von Robert Louis Stevenson entstanden ist, geht es um den Kampf zwischen Gut und Böse, um einen tüchtigen wie ehrgeizigen Arzt, Henry Jekyll, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Trennung dieser so gegensätzlicher Eigenschaften zu erforschen, was ihm im viktorianischen England verboten und er zu seinem eigenen Versuchskaninchen und so zu Edward Hyde wird, einem grausamen Sadisten.

1990 habe ich als Dramaturg am Alley Theater in Houston, Texas, an der Entwicklung und Uraufführung dieses Stücks mitgewirkt, bevor es ans Broadway ging und kann nur betonen, dass sich die Dortmunder Inszenierung in absolut keiner Art und Weise vor den US-amerikanischen verstecken braucht; ganz im Gegenteil.

Das Ensemble mit dem grandiosen David Jakobs als Jekyll/Hyde und der atemberaubenden Bettina Mönch als Lucy Harris liefert solides Theater ab, das durch Können wie Kunst überzeugt. Die Musik reißt mit, ist mal romantisch, mal rockig und immer wohl temperiert.

Nicht aufhörend wollende Ovationen aus einem fast ausverkauften Saal waren der Dank des Publikums. Was mich indes überhaupt nicht überrascht. Seit nunmehr fünf Jahren besuche ich regelmäßig die Aufführungen des Theater Dortmunds.

Ob Schauspiel, Ballett oder Oper: Was hier präsentiert wird, ist wirklich Weltkunst, was meine unverblümte wie objektive Feststellung ist und nichts, aber auch gar nichts mit irgendeinem Lokalpatriotismus zu tun hat, sondern im Gegenteil mit meinem Qualitätsempfinden. Wie zum Beispiel auch das Stück „Das Reich der Tiere“ von Roland Schimmelpfennig, in dem ein Schauspiel-Ensemble vor einer offenen Zukunft steht, weil es nicht weiß, wie es beruflich mit ihm weitergeht. Vertrag oder Straße? Und wen interessiert’s?

So sind die fünf desolaten Darsteller eines lächerlichen Tier-Musicals zur namenlosen Verfügungsmasse der Unterhaltungsindustrie degradiert. „Das Reich der Tiere“, flott, amüsant und engagiert inszeniert, ist eine Geschichte vom Theater auf dem Theater und eine Parabel vom Ende einer Epoche.

Auch auf Dortmund gemünzt, da der überaus erfolgreiche Intendant und Regisseur Kay Voges nach Wien wechselt und viele Künstler ihm folgen werden. Die er will zumindest. Wer aber bleibt zurück und wird von der neuen Intendanz übernommen, als Altlast quasi?

Die Spielzeit 2019/20 ist auf jeden Fall der Knaller und voller Überraschungen. „Jekyll & Hyde“ wie „Das Reich der Tiere“ sind im Repertoire zu sehen. Das Theater Dortmund bietet jetzt übrigens auch ein Weihnachtsabo als Geschenkidee an. Weitere Informationen gibt es auf www.theaterdo.de

Sönke C. Weiss

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16.11.2019 Roald Amundsen der erste Mensch am Südpol

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Am 14. Dezember 1911 erreichte der Polarforscher Roald Amundsen als erster Mensch den geografischen Südpol und gewann die Jagd nach diesem Triumph gegen seinen Rivalen, dem Engländer Robert Falcon Scott, der bei seiner Reise ums Leben kam, wie sein Team übrigens auch, weil der Norweger einfach besser vorbereitet war. Amundsen wurde zum Weltstar.

17 Jahre später, am 18. Juni 1928, machte er sich auf den Weg, um den italienischen Polarforscher Umberto Nobile zu retten, der mit seinem Luftschiff bei der Rückkehr vom Nordpol abgestürzt war und verschwand spurlos.

Davon handelt das Buch „Amundsens letzte Reise“, das die norwegische Polarforscherin und Schriftstellerin Monica Kristensen 2017 geschrieben hat und was es jetzt erstmals in deutscher Übersetzung von Christel Hildebrandt im btb Verlag für 22 Euro gibt.

Basierend auf bis zum Teil bisher unveröffentlichten Quellen beschreibt die Autorin die letzten Tage und Stunden vor dem Verschwinden Amundsens und stellt immer wieder Frage, wie es sein konnte, dass so ein besonnener wie gründlicher Mann einen solch fatalen Fehler machte, der ihm und seinen Männern das Leben kostete.

Leider bleibt die Autorin in ihren Darstellungen auf der Sachbuchebene. Wenig finden wir über den Menschen Amundsen heraus, auch geht sie in keiner Weise auf die Karriere dieses ungewöhnlichen Mannes ein, den in Norwegen vermutlich jedes Kind kennt, weltweit man ihn indes dechiffrieren muß, so komplex war sein Charakter.

Ich hatte das Privileg, die Rolle des Amundsen Anfang der 90er Jahre in dem Theaterstück „Terra Nova“ von Ted Tally spielen zu dürfen; vermutlich gefiel dem Regisseur mein norddeutscher Akzent, der dem norwegischen wohl ähnlich klang. Zur Vorbereitung habe ich Amundsens Südpoltagebücher gelesen und alles, was über ihn bis dato geschrieben worden war.

Von daher hatte ich bei „Amundsens letzter Reise“ einen Heimvorteil, ohne den das Buch streckenweise eher Fachliteratur gleicht. Schade, haben wir es hier doch mit einem Helden zu tun, wie er sicher nur alle hundert Jahre geboren wird. Nichtsdestotrotz, wer sich für die Polarforschung interessiert, der wird hier wohl bedient.

Anderen empfehle ich den Film „Das rote Zelt“ von Michail Kalatosow von 1969 mit Hardy Krüger, der Amundsens Suche nach Umberto Nobile dramatisiert. Absolut sehenswert.

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13.11.2019 Federball und der Fuchs

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Dass nicht nur Greta, die unter dem Asperger-Syndrom leidet, die Welt verändern kann, beweist der jüngste Held aus der Feder von Frederick Forsyth: Luke Jennings ist 12 Jahre alt, klappert auf seinem Computer herum und hackt dabei - nur um zu zeigen, dass er es kann - in die Hochsicherheitsrechner der CIA und richtet so großen Schaden an, dass man den Autisten gleich einen Job gibt, was die Familie selbstverständlich zuläßt, weil die Alternative lebenslanger Knast wäre.

Und so verändert Luke auf 315 Seiten Geopolitik und wird schnell selbst zum Gejagten. Interessanter als der Plot selbst ist das Insiderwissen des Autoren hinsichtlich der Geheimdienste und wie diese mal mehr mal weniger verdeckt operieren.

„Der Fuchs“, spannend und rasant geschrieben, wie alle Bücher des ehemaligen Journalisten und Kampfpiloten, ist bei C. Bertelsmann erschienen und kostet 20 Euro.

Vier Euro mehr kostet John le Carrés neuestes Werk „Federball“ und ist so irreführend wie der Titel selbst: Nat, der Held der Geschichte, ein mit 47 Jahren bereits in die Jahre gekommener Spion, verbringt seine Zeit meist beim Badminton, ein Sport, der mit Federball nun gar nichts gemein hat. (Wer bei Ullstein auf diesen Titel gekommen ist, sollte seine Berufung in Frage stellen.

Im Original heißt das Buch übrigens:( Agent Running in the Field.) Hier trifft Nat auf den jungen wie ambitionierten Ed, von dem wir nicht wissen, ob er nun ein Agent ist oder nicht, vielleicht sogar ein doppeltes Spiel spielt oder schlicht und ergreifend einfach nur da ist. Es ist, wie gesagt, alles sehr verwirrend.

Die Auflösung gibt es auf Seite 349, bis dahin passiert nie wirklich nichts. Le Carré, der mit seiner Smiley-Reihe und Werken wie „Marionetten“ und „Der ewige Gärtner“ in seinem Genre Weltliteratur geschaffen hat, scheint hier in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein, aus dem ihn nicht einmal seine treuen Freunde und Vorableser geweckt haben. Bleibt zu hoffen, dass „Federball“ nicht sein letztes Buch war.

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13.11.2019 Tannenduft mit Todesfolge

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Himmlische Ruh? Bei Tatjana Kruse, Königin der Krimödie, wie der Haymon Verlag aus Innsbruck die Autorin bezeichnet, niemals nicht! In ihrem neuen Buch mit dem schicken Titel „Tannenduft mit Todesfolge“ hat sie kriminell komische Weihnachtsgeschichten, in denen es alles andere als besinnlich zugeht, aus ihrem Repertoire in einem Band zusammengefaßt.

Ihre Stories heißen „Süßer die Fäuste nie fliegen“, „Der Ruckizucki-Weihnachtsgansmord“, „Der Killer-Santa von Backemoor“ oder „Wenn Santa zweimal klingelt.“ Tatjana Kruse, die in eine Vielschreiberin ist, auf ihrer Wikipedia-Seite findet man rund 30 Bücher von ihr, hat einen ziemlich schwungvollen wie schrägen Humor - ich lehne den Begriff schwarzer Humor bewußt ab - und weiß, wie man sein Publikum bei Laune hält.

Kann man sich auch schenken und dann schön unterm Weihnachtsbaum vorlesen, falls einem der Gesprächsstoff ausgehen sollte. „Tannenduft mit Todesfolge“ kostet 9,95 Euro.

Apropos Geschenke: In den zurückliegenden Jahren habe ich regelmäßig den Photodarium-Kalender aus dem Hause www.seltmannundsoehne.de empfohlen.

Kurzum: frivole Polaroids fürs ganze Jahr. Für 2020 indes rege ich die „Art of Vinyl Covers-Kalender“ aus dem gleichen Hause an. Vinyl Schallplatten und Record-Stores erleben aktuell ein Revival und damit rücken auch die kunstvoll gestalteten Cover der vergangenen Jahrzehnte wieder ins Bewusstsein.

Jeder Abreißkalender besteht aus 366 Vinyl-Covern von bekannten und unbekannten Musikern aller Genres. Es gibt auch eine Punk-Version. Super ist: die Kalender haben Spotify-Codes, so dass man jedes Album gleich Probehören kann. Ziemlich cool. Preis: 24,80 Euro. So hat man dann was zu tun am heiligen Abend, wenn die Bio-Gans erst aufgefuttert worden ist.

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12.11.2019 Duisburgs Rache

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Sönke C. Weiss ist richtig sauer, und zu Recht meinen wir. Eines vorweg: Grundsätzlich ist die Serie „111 Orte in...“ aus dem Emons Verlag originell und empfehlenswert. Autoren präsentieren Sehenswürdigkeiten in Städten, die sie offensichtlich schätzen.

Überzeugt hat mich beispielsweise die Neapel-Ausgabe, in der man spürt, wie sehr Natalino Russo diese Stadt liebt und einem zeigen möchte, so dass man sich ebenfalls darin verliert. Umso geschockter war ich - als Wahl-Dortmunder - bei der Lektüre dieser eher verstörenden Nummer, die Ralf Koss zu verantworten hat.

Ehrlich gesagt, ich war sprachlos. Beispielsweise versäumt Koss so wichtige Höhepunkte zu erwähnen wie etwa das Westfalenstadion. Heimat des BVB. Europas viertgrößtes Fußballstadion und - in der Tat - das Wahrzeichen der Stadt, in das jährlich unzählige Besucher aus der ganzen Welt strömen und immer ausverkauft ist.

Selbst auf Japanisch werden Touren angeboten. Dafür schickt er den Leser zu einem vollgekackten Taubenturm irgendwo in der Innenstadt. Zweites Beispiel: Statt über das Mahnmal Bittermark zu berichten, zu dem regelmäßig Hunderte pilgern, um den 300 Opfern der Nazis zu gedenken, die hier wenige Tage vor Kriegsende ermordet wurden, lotst Koss den uneingeweihten Leser zum einem beschmierten Friedrich-Ebert-Denkmal nach Dortmund-Hörde, an das regelmäßig Alkis pissen und das auch so aussieht.

(Pardon.) Der Phönix-See in unmittelbarer Nähe aber, einst ein Stahlwerkareal, heute ein beliebtes Wohn- und Naherholungsgebiet, scheint für ihn nicht zu existieren. Apropos Nazis: Allen Ernstes bewirbt Koss einen Kletterturm in Dortmund-Dorstfeld, Hochburg der Neo-Nazi-Szene, die jedem Besucher, der nicht ihrer Gesinnung nachkommt, potentiell als Feind betrachtet und dementsprechend behandelt.

Dorstfeld ist eine No-Go-Area, Herr Koss!

Auf der anderen Seite vernachlässigt er so wunderbare Dinge wie die Syburg, von wo aus man kilometerweit bis ins Sauerland blicken und in einem schönen Park spazieren gehen kann; den Rombergpark hat er auch unterschlagen, ein botanisches Kleinod für Forscher aus aller Welt; das Kreativzentrum Dortmunder U fehlt ebenfalls, wie das wunderbare Kreuzviertel, ein total cooles Szeneviertel; das Hoesch-Gelände wie das Hoesch-Museum, das dem Besucher die Geschichte des Industriestandortes Dortmund erklärt, und natürlich das ehrwürdige Café Strickmann im Zentrum, wo man sich an das Wien der Jahrhundertwende erinnert fühlt, um nur einige Beispiele zu nennen: alles fehlt oder wurde schlicht totgeschwiegen.

Ich meine: Entweder kennt sich der Autor in Dortmund nicht aus, vielleicht aber ist sein Buch auch nur die Rache dafür, dass er aus Duisburg kommt. Nun, die Reihe „111 Orte in...“ kostet übrigens 16,95 Euro. 

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10.11.2019 Veröffentlichte Tagebücher

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Veröffentlichte Tagebücher prominenter Zeitgenossen sind eine delikate Angelegenheit. Meist muten sie schöngefärbt an, und das echte Leben scheint redigiert zu sein, oder sie sind so schonungslos, dass man sich beim Lesen fast fremdschämen muß

Die Schauspielerin Angela Winkler indes erzählt in ihren autobiografischen Skizzen mit dem Titel „Mein blaues Zimmer“ so warmherzig und offen von all ihren Dramen auf und von der Bühne entfernt, dass man sie am liebsten in den Arm nehmen möchte.

Dabei wird sie zum Glück nie zu privat, sondern bewahrt sich eine wohl temperierte Diskretion. Sie schreibt über ihre Anfänge in der deutschen Provinz - sogar in Gescher ist sie in den 70er Jahren aufgetreten - bis hin zu den Inszenierungen mit Regie-Stars wie Peter Zadek, Robert Wilson und Volker Schlöndorff, der sie fürs Kino entdeckt hat, doch nur das Theater nimmt Angela Winkler, 1944 in Templin geboren, so ernst wie ihr Leben und glaubt bis heute, trotz aller internationaler wie nationaler Erfolge, dass sie vielleicht gar keine richtige Schauspielerin sei.

„Mein blaues Zimmer“, das Angela Winkler mit der Autorin Brigitte Landes geschrieben hat, umfasst 229 Seiten und hat viele schöne Fotos. Es kostet 22 Euro und ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Anmerkung der Redaktion: Erst im August diesen Jahres hat Angela Winkler mit 75 Jahren den Deutschen Schauspielpreis für ihre Leistung im Theater erhalten.

Ebenso wahrhaftig liest sich Benoite Groults irisches Tagebuch mit dem Titel „vom fischen und von der liebe“, das Ullstein jetzt drei Jahre nach ihrem Tod der Autorin des Weltbestsellers „Salz auf unserer Haut“ posthum herausgebracht hat.

Auf 398 Seiten läßt Benoite Groult, die ihren Feminismus stets mit großer Lebenslust paarte, 26 Sommer in Irland Revue passieren, uns am Wunder ihrer Schönheit teilhaben und den Dämonen des Älterwerdens begegnen.

Sie ist Intellektuelle und Liebende zugleich, schreibt über geistiges und sinnliches Begehren, über Sehnsüchte und Verlangen und zeigt dem Leser darüber hinaus, dass auch eine Frau Jägerin sein kann.

Benoite Groult war eine bemerkenswerte Hochseefischerin, vor der selbst ein Hemingway seinen Hut gezogen hätte. „Vom fischen und von der liebe“ kostet ebenfalls 22 Euro. Beide Bücher sollten auch von Männern gelesen werden.

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09.11.2019 Wikipedia Gläubige sollten aufpassen

GFDK - Reden ist Silber - Gottfried Böhmer

Aus aktuellen Anlass kommen wir noch einmal auf einen Artikel von Gottfried Böhmer zurück, der schon vor einigen Jahren Manipulationen bei Wikipedia angeprangert hatte. Nun wurde ein neuer Fall bekannt, der für Aufregung sorgte.

Der Wikipedia-Eintrag zu Claas Relotius soll nach einem Bericht über Monate hinweg geschönt worden sein. Bis die Manipulationen aufflogen. Der Wikipedia-Eintrag über den „Spiegel“-Fälscher Claas Relotius ist nach einer Recherche des Schweizer „Tages-Anzeigers“ manipuliert worden.

An den Versuchen, ein alternatives Bild des ehemaligen „Spiegel“-Reporters auf Wikipedia anzufertigen, waren nach der Beschreibung mehrere Autoren beteiligt. Ziel war es wohl, ein alternatives Bild des ehemaligen „Spiegel“-Reporters auf Wikipedia anzufertigen, sprich seine Taten sollten in einem besseren Licht erscheinen.

Das es bei Wikipedia schon seit Jahren nicht mit rechten Dingen zugeht habe ich schon am 30. Oktober 2013 ausfühlich beschrieben. Nun schreibt Jens Berger von den "nachdenkseiten" wie die Wikipedia sich selbst zerstört.

Premärquellen, Relevanz, Blogs

"Für viele Menschen stellt die Wikipedia ein Internetlexikon dar, das über jeden Zweifel erhaben ist. Was in der Wikipedia steht, stimmt auch so. Weit gefehlt. Die Wikipedia mag ja für naturwissenschaftliche Einträge, bei denen es eine vergleichsweise klare Definition von „wahr“ und „falsch“ gibt, in der Tat ein ordentliches Nachschlagewerk sein.

Für das weite Feld der Geisteswissenschaften ist die Wikipedia jedoch leider auch eine Tummelwiese für Schreibtischkrieger, die unter dem Banner der „Neutralität“ dafür kämpfen, ihre eigene weltanschauliche Sichtweise zur „objektiven Wahrheit“ zu machen. Das ist genau so grotesk, wie es sich anhört."

Auf den Punkt gebracht: Primärquellen sind bei Wikipedia verpönt - Und was Zeitungen schreiben ist relevant, was Blogs schreiben irrelevant?

30. Oktober 2013 - Glaube nichts, was Du nicht selbst geschrieben hast. Diesen Leitsatz sollten sie verinnerlichen oder beherzigen. Vor allen Dingen sollten sie nicht alles glauben, was bei Wikipedia steht. Seit 2011 werden immer mehr Fälle von Manipulationen bekannt.

Im Fokus der Aufklärung steht aber nicht die deutsche Wikipedia, sondern vorwiegend englischsprachige Artikel, und das halten wir für einen Fehler. Blauäugig meinte die Sprecherin der deutschen Wikipedia-Stiftung allen Ernstens, die deutsche Wikipedia-Foundation wäre von Manipulationen nicht betroffen.

Am 22. Oktober 2013 teilte die Wikipedia-Foundation mit, dass sie 250 Accounts gesperrt hätte und mit Härte gegen gefälschte Nutzerprofile vorgehen werde, hinter denen keine echten Autoren stehen würden. Sue Gardner (Wikipedia Direktorin) erklärte, dass es mehrere 100 Profile gebe, die gegen Bezahlung Wikipedia Artikel verfassen würden.

Ärgerlich ist, dass Wikipedia so tut, als ob sie alles im Griff hätten. Diesen Eindruck wollen die Wikipedia Verantwortlichen zumindest der Öffentlichkeit vermitteln. Das dem aber in keiner Weise so ist, darauf werde ich gleich kommen.

Wikipedia betont, seit Jahren gebetsmühlenartig, immer wieder, das sie das Onlinelexikon neutral halten wollen. Noch ärgerlicher ist, dass es bei den nun gesperrten Accounts nur um britische Seiten geht, die von einer PR-Agentur namens Wiki-PR betrieben werden. Von deutschen Agenturen oder Autoren war leider keine Rede, dazu später.

Wiki-PR gab auf Anfrage unumwunden zu, dass man bei ihnen „Wikipedia-Autoren“ mieten kann und das sie große Unternehmen vertreten, um in deren Auftrag Organisationen, Produkte etc zu begünstigen. Offiziell wirbt Wiki-PR sogar damit, dass sie 45 Wikipedia-Verfasser und sogar Administratoren mit besonderen Rechten beschäftigen, deren Arbeit der kritischen Überprüfung jederzeit standhalten könnte. Wiki-PR meinte sogar in einer Stellungnahme gegenüber newscom „wir bezahlen 100 weitere Verfasser für ihre Arbeit“.

Das klingt wie Hohn und Spott

Auf Wikipedia kann man lesen, dass sich derartige Manipulationen nicht lohnen würden. Dort heisst es: „Die Möglichkeit, das es einen fachlich gleich höher qualifizierten Wikipedia-Nutzer gibt, der sich den Artikel anschaut, wird von PR Leuten in der Regel verkannt“. Ich halte diese Aussage für vollkommen verblödet.

Weiter heisst es bei Wikipedia: Die Wahrscheinlichkeit einer Entdeckung von Missbrauch ist aufgrund der Wikipedia internen Qualitätsanstrengungen seit Jahren kontinuierlich gestiegen. Darüber läßt sich nur lachen, wenn man bedenkt, dass Wiki-PR seine Dienstleistungen schon seit Jahren ganz fett auf ihren Internetseiten anbietet.

Und jetzt kommen wir zum Thema

Vor exakt 3 Wochen wurde ich von einer IT-Agentur mit Sitz in Wiesbaden angesprochen. Ich sei doch Journalist und ob ich auch für Wikipedia Beiträge schreiben würde. Ich habe das verneint, da ich genug andere Aufgaben hätte. Daraufhin wurde ich erstmal zu einem Kaffee eingeladen, wahrscheinlich um die Stimmung aufzubessern. Ohne lange drumherum zu reden, kam der freundliche Herr zum Thema. Ob ich nicht interessiert sei 10 bis 15.000 € im Monat dazuzuverdienen.

Ich staunte nicht schlecht, was ich denn dafür tun solle. Das wäre ganz einfach, ich sollte nur erstmal 30 bis 40 relevante Artikel zu verschiedenen Themen auf Wikipedia veröffentlichen, so wie etwa 200 Fremdartikel bearbeiten. Da mein Name als Autor für die Gesellschaft Freunde der Künste ja schon lange bekannt sei und es etliche google-Einträge gibt, hätte ich sehr schnell das Vertrauen der Wikipedia Gemeinde.

Sollte heissen, wenn die dich erstmal als Autor akzeptiert haben, schauen die auch nicht mehr so genau hin, was du schreibst oder welche Artikel, links etc du veränderst. Der freundliche Herr meinte weiter, dass er schon ein großes Netz von Journalisten hätte, die für Wikipedia  schreiben, diese würden mich zu gegebener Zeit als Administrator vorschlagen.

Anmerkung der Redaktion:

Administratoren in Wikipedia sind Benutzer, mit besonderen Rechten. Sie können zB Beiträge, links zu Artikeln und auch ganze Seiten löschen. Das Wichtigste ist aber, dass die Administratoren nicht unter Beobachtung stehen und somit bestens in der Lage sind, Artikel gegen Bezahlung zu schreiben oder zu verändern. Das kann natürlich auch jeder normale Benutzer, er muss nur vorsichtiger sein, da er unter Beobachtung steht.

Neugierig gemacht hat mich das schon, also wollte ich mehr erfahren. Wer denn die Kunden seien, fragte ich interessiert. Das seien große und kleine Unternehmen, Organisationen und zunehmend immer mehr auch Privatpersonen. Privatpersonen frage ich erstaunt? Ja, das ist ein großer Markt mit Wachstum, meint mein Gegenüber. Das wären zB Geschäftsführer von Unternehmen, Wissenschaftler, Anwälte, leitende Angestellte in gehobenen Positionen, Ärzte, Musiker, Musiklabels etc.

Also alle Leute, die von öffentlichem Interesse sind, in der Öffentlichkeit arbeiten und ihre Reputation bei Wikipedia verbessern wollen. Das Ganze wäre auch sehr einfach für mich. Um in der ersten Phase nicht aufzufallen, sollte ich erst mal kleine Veränderungen vornehmen, Artikel editieren, Rechtsschreibfehler korrigieren, links zu relevanten Inhalten setzen oder auch Zahlen aktualisieren.

Das Ganze nennt man vertrauensbildende Maßnahmen, die Administratoren würden mich schnell als regen Teilnehmer mit Kompetenz wahrnehmen und wohlwollend meine spätere Bewerbung als Administrator unterstützen. Das Ganze hörte sich wirklich sehr einfach an und nun wollte ich auch wissen, wie das mit der Bezahlung läuft.

Manipulationen bei Wikipedia lohnen sich

Für geschriebene Artikel mit Bewertungen und Verlinkungen zB das kann für ein Unternehmen aber auch für ein Produkt sein, sollte ich zwischen 800 € und 1.200 € bekommen. Bei kleineren Aufträgen, oftmals nur einen Satz ändern, damit er eine andere Bedeutung bekommt, dazu einen Verweis oder link setzen, bringt 350 € bis 500 €. Ich musst zugeben, dass dies leicht verdientes Geld ist und dachte mir noch, dass angesichts der vielen arbeitslosen Journalisten sich bestimmt genug Schreiber finden lassen. Dennoch habe ich mich höflich verabschiedet und für den Kaffee bedankt.

Die Geschichte ging mir aber nicht aus dem Kopf und ich fragte mich, wer hier schon alles manipuliert hat. Dass sich Manipulationen wie Wikipedia verkündet nicht lohnen würden, kann ich nun nicht bestätigen, ganz im Gegenteil.

Manipulationen bei Wikipedia

Im Juni 2011 wurde bekannt, dass Mitarbeit des Projekts Wiki-Watch unter Verwendung von mehreren Benutzernamen Artikel verändert haben, bei den seinerzeitigen Manipulationen ging es weitgehend um die Themenbereiche Homosexualität, Religion und Evangelismus, das wohl ein viel beachtetes Konfliktfeld ist. Im März 2012 wurde ein weiterer prominenter Fall bekannt, der Daimler-Konzern hatte einen unliebsamen Abschnitt mit dem Übertitel „Lobbying“ entfernt. Blöd war nur, dass die Imagekorrektur von einer IP-Adresse vorgenommen wurde, die zum Server von Daimler führte.

Was Daimler und andere damals noch nicht wussten, dass es seit 2007 einen sogenannten Wiki-Scanner gibt, damit kann man über zuvor eingegebene IP-Adressen herausfinden, welche Firmen und Organisationen Einträge verändert haben. Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn die IP-Adresse tatsächlich zu dem Unternehmen führt.

Der Daimler Konzern soll in der Vergangenheit über 30 Artikel manipuliert haben. Neu ist das auch nicht. 2008 wurde schon in einer Untersuchung festgestellt, dass jeder dritte DAX-Konzern seinen Wikipedia Eintrag manipuliert hatte.

Im September 2012 kam auch noch heraus, dass hochrangige Wikipedia Mitarbeiter (Direktoren der britischen Wikipedia-Foundation) sich fleissig als PR-Berater betätigten und Artikel für ihre Kunden an prominenter Stelle bei Wikipedia platzierten. In einem anderen Fall stellte sich heraus, dass der Wikipedia Mitarbeiter sogar eine eigene PR Agentur betreibt.

2011 kam auch heraus, dass eine PR Agentur ebenfalls mit Sitz in England hunderte von Wikipedia Einträgen umgeschrieben hatte. Die PR Agentur teilte den Reportern des Independent seinerzeit auf Nachfrage mit „man habe ein Team um Wikipedia in Ordnung zu bringen“.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wikipedia in Ordnung bringen.

Festhalten können wir, das Wikipedia an Glaubwürdigkeit verloren hat. Die PR Agenturen lernen täglich hinzu, wie man die Kontrollen und Überprüfungen aushebeln kann. Im November 2012 vermeldete Wikipedia den 1,5 Millionsten Artikel für die deutschsprachige Wikipedia. Wer bitte könnte 1,5 Millionen Artikel 30 Millionen Verweise und Verlinkungen überwachen, wahrscheinlich nur die NSA.

Ich muss zugeben, dass ich meine Schadenfreude nicht ganz verbergen kann. Bei Wikipedia haben sich in der letzten Zeit ganze Benutzergruppen und Administratoren zusammengeschlossen, die sich wie Halbgötter aufspielen und ihnen nicht genehme Artikel, ganze Seiten und links komplett löschen.

Vielleicht sollte ich folgendes noch erklären:

Der ein oder andere wundert sich vielleicht darüber, warum es Unternehmen, Organisationen und Personen so wichtig ist, bei Wikipedia gut auszusehen und warum sie sich das was kosten lassen.

Eines vorweg: Die hierfür aufgewendeten Honorare sind spottbillig, man kann sogar sagen, fast geschenkt. Gehen sie mal ins Internet und suchen nach einer Person, Produkt, Unternehmen, Organisation, Stiftung usw. In fast allen Fällen erscheint auf Seite 1 der google Suche der Wikipedia Eintrag. In vielen Fällen ist es sogar der erste Eintrag unter den Top 10. Wenn der user dort nun lesen kann, wie toll ihr Unternehmen, ihr Produkt, ihre Weltanschauung oder sie selbst sind, haben sie gewonnen.

Wikipedia Gläubige sollten aufpassen

Noch besser, fast alle Journalisten machen ihr Quellenstudium bei Wikipedia und geben die dort vorgefundenen Informationen in ihren Artikeln als eigene Erkenntnis weiter. Besser geht es doch nicht. Um ein deratiges Ergebnis in der Google Suche zu erzielen, müssten sie eine SEO (Suchmaschinen Marketing) Agentur beauftragen. Die Honorare für solche Ergebnisse liegen bei den SEO-Agenturen zwischen 10 bis 100.000 €. Da ist das Honorar für den Schreiberling doch fast umsonst.

Gottfried Böhmer

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09.11.2019 echte Helden sind langsam Mangelware

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Salman Rushdies „Quichotte“ ist ein Reisender, der besessen ist von der „unwirklichen Wirklichkeit“ des Fernsehens. Er will das Herz der Königin der Talkshows erobern und begibt sich auf eine Fahrt quer durch die USA, um sich ihrer als würdig zu erweisen.

Erschienen bei C. Bertelsmann, nimmt uns „Quichotte“ - eine Satire, ein Roadtrip-Roman, eine Parabel - auf 459 Seiten für 25 Euro mit in unsere eigene verrückte Gegenwart von Fake-News und Post-Wahrheiten.

Es geht um Vater-Sohn-Beziehungen, den alltäglichen Rassismus, Cyber-Spione und natürlich die ewige und wahre Liebe. „Quichotte“ ist in der Tat scharfsinnig, komisch, absurd und messerscharf und Rushdies bestes Buch seit Jahren. Es passt wunderbar in unsere digitale Zeit, wo echte Helden langsam Mangelware werden.

In den kommenden Wochen befindet sich der Autor auf Lesereise in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Termine siehe unten. Gleichermaßen intelligent wie unterhaltsam ist Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“, den Rowohlt verlegt hat und ebenso 25 Euro kostet. Worum es geht: um Krieg und Lüge, also wie bei „Quichotte“ auch um Fake-News, die uns wohl schon immer begleitet haben.

John Glueck, US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln, befindet sich tief im Hürtgenwald. Das Jahr: 1944. Die Wehrmacht verteidigt das Gehölz bei Aachen eisern. Hier entdeckt unser Held ein Geheimnis, das ihm auch zwanzig Jahre später in Vietnam erneut begegnet.

Kopetzky gelingt es, über 490 Seiten einen Spannungsbogen zu halten, der den Leser tief in Schlachten, aber auch tief ins Innere eines Mannes mitnimmt, der letztendlich nur eines retten will: seinen eigenen Charakter. Zugabe.

Sönke C. Weiss

Salman Rushdie kommt nach Deutschland, Österreich und die Schweiz: Berlin, 11. November, Babylon Berlin Mitte. Hamburg, 12. November, Altonaer Theater. Köln, 13. November, Großer Sendesaal WDR. München, 14. November, Große Aula der LMU. Zürich, 15. November, Volkshaus. Wien, 16. November, Volkstheater Wien. 

Foto: commons.wikimedia.org/wiki/User:Heike_Huslage-Koch

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08.11.2019 Spaß beim Lesen im Herbst

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

„Messer“ heißt der neue Krimi des norwegischen Starautoren Jo Nesbo, in dem sich wieder alles um seinen Helden Harry Hole dreht, der Ehe und Karriere versoffen hat und sich als einfacher Ermittler auf die Jagd nach einem Serienvergewaltiger macht.

Aus den 575 Seiten trieft Testosteron, Männerschweiß und Erbrochenes, was manche Leser in einer tief anachronistischen Weise sicher anmacht, auf Dauer aber ermüdet.

„Messer“ ist bei Ullstein erschienen und kostet 24 Euro. Weitaus charmanter und subtiler ermittelt Martin Suters Gentleman-Gauner-Privatdetektiv Johann Friedrich von Allmen, Heino Ferch spielt diese Rolle übrigens sehr wohl in den TV-Verfilmungen dieser Reihe, auch in seinem sechsten Band „Allmen und der Koi“, in dem sich Allmen und sein Sidekick Carlos, der zu dieser Serie gehört wie Butter bei die Fische, nach Ibiza in die Szene der Koi-Sammler aufmachen.

Auf der Suche nach einem verschwundenen Exemplar, Wert: eine Million Euro, erleben die beiden allerlei Kurioses, womit sich der Autor offensichtlich auszukennen scheint.

Nicht umsonst sind die Allmen-Bücher große Erfolge, auch und gerade, weil sie nicht diese Brutalität transportieren, wie sie beispielsweise in „Messer“ geschildert wird, sondern immer wieder überraschen, ohne den Leser zu unterschätzen. 213 Seiten. Preis: 22 Euro, Verlag: Diogenes.

Aus diesem Hause kommt auch Dror Mishanis Thriller „Drei“, der in Tel Aviv spielt und von drei Frauen handelt, die alle im selben Mann etwas anderes suchen.

Auf was für dünnes Eis sie sich dabei begeben und wie tödlich die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit sein kann, erzählt Mishani in einer atemberaubenden Art und Weise, so dass man „Drei“ gar nicht mehr aus der Hand legen mag.

In Israel ist das Buch bereits ein Mega-Bestseller, eine Verfilmung ist geplant, was bei der Qualität des Buches kaum verwunderlich ist. Seit Dan Browns „Da Vinci Code“ habe ich so etwas Spannendes nicht mehr gelesen. 330 Seiten für 24 Euro. Absolut gerechtfertigt. 

Sönke C. Weiss

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06.11.2019 Schuld und Scham

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Was bedeutet Verantwortung? Wie greifen Schutz und Herrschaft ineinander? Was haben Hoffnung und Versöhnung miteinander zu tun? Diesen und anderen Fragen geht Nora Bossong in ihrem neuen Roman „Schutzzone“ nach.

Ihre Heldin Mira, die nach Stationen bei den UN in New York und Burundi, nun für die Vereinten Nationen in Genf arbeitet, gerät in tiefste Gewissenskonflikte, als ihre Rolle bei der Aufarbeitung des Völkermords in Burundi, den es neben dem Genozid in Ruanda auch gab, hinterfragt wird.

Ihre innere „Schutzzone“ gerät ins Wanken, Schuld und Scham ersetzen die große politische Bühne, auf der sich die Akteure des Friedens und der Kriege sonst so gerne aufspielen.

Nora Bossong schafft es auf 328 Seiten diese oftmals weltfremde Atmosphäre hinter den geschlossenen Türen von Geopolitik spannend und wohl informiert zu beschreiben, das Äußere nach innen zu kehren und uns in eine Welt mitzunehmen, in der Wahrnehmung und Wirklichkeit nichts miteinander zu tun haben.

„Schutzzone“ ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 24 Euro. Ebenso spannend ist Karin Kalisas neuer Roman „Radio Activity“, der bei C.H. Beck erschienen ist und 22 Euro kostet. Ihre Heldin namens Nora hat eine perfekte Radiostimme und einen Plan: Sie will um jeden Preis den Täter stellen, dessen Opfer ihre Mutter als Kind geworden war.

Dabei strapaziert Nora die Grenzen der Legalität und die Autorin unser vermeintliches Verständnis, wenn es um Rache oder Gerechtigkeit geht. Die 348 Seiten lesen sich kurzweilig und sind prickelnd konstruiert, wie eine gute Partie Schach. Starke Nerven verlangt Sandra Newman auch von ihren Lesern. „Ice Cream Star“ heißt ihr neuer Roman, der bei Matthes & Seitz in Berlin erschienen ist und 28 Euro kostet:

In einer nicht allzu fernen Zukunft sorgt eine Pandemie dafür, dass in den USA die Weißen vollständig vernichtet werden, während die Schwarzen jung sterben. Ice Cream, so der Name unserer Heldin, die mit 15 Jahren bereits zur älteren Generation zählt, wird zur Anführerin berufen, um über das Schicksal ihrer Leute zu entscheiden, was immer wieder auch an „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins und „Cloud Atlas“ von David Mitchell erinnert.

Auf 667 Seiten schreibt Sandra Newman, wirklich sehr geschickt von Milena Adam aus dem Englischen übersetzt, in einem Slang, an den sich der Leser erstmal gewöhnen muß, der aber notwenig ist, um in diese Vision dieser speziellen Zukunft einzutauchen.

Wer die ersten 100 Seiten schafft, wird dafür aber später umso mehr belohnt und Teil eines unerschütterlichen Optimus werden, der „Ice Cream Star“ ausmacht. Kurzum gesagt: drei ungewöhnliche Autorinnen, die uns drei ebenso außergewöhnliche Heldinnen schenken. Mehr davon.

Sönke C. Weiss

Foto: mons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57417153 CC BY-SA 4.0

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