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03.12.2019 In seiner Sammlung „Vier Stücke“

GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Selbstverständlich habe auch ich seinerzeit, so um 2005, Daniel Kehlmanns wohl berühmtestes Buch gelesen. Ein Weltbestseller, der sich bis dato weltweit über sechs Millionen Mal verkauft hat. Nichtsdestotrotz konnte ich dem Werk rein gar nichts abgewinnen. Es war mir zu bildungsbürgerlich, um ehrlich zu sein, roch schon aus der Ferne nach Feuilleton und viel zu kluger Konstruktion. Nach dem Motto:

Der Autor ist cleverer als sein Publikum. Kehlmanns weiteren Bücher und die davor habe ich seitdem, muß ich ehrlicherweise zugeben, nur noch kurz angelesen. Doch jetzt habe ich eine ganz andere Seite dieses Schriftstellers kennengelernt, die des Dramatikers. Grandios.

In seiner Sammlung „Vier Stücke“ - bei Rowohlt für 24 Euro erschienen - schafft es Kehlmann tatsächlich, Leben auf die Bühne zu bringen. Glaubhaftes Leben. Unbedingt empfehlenswertes Leben, und wer bislang noch kein Theaterstück gelesen hat, sondern nur als Darstellung kennt, hier einige Anmerkungen meinerseits:

Zu wissen, wie man ein Stück liest, ist keine komplexe oder entmutigende Angelegenheit. Wenn Sie einen Roman lesen und der Schriftsteller Ihnen einen Sonnenuntergang beschreibt, lesen Sie nicht nur die Worte, Sie „sehen“, was die Wörter beschreiben, und wenn der Romancier ein Gespräch beendet, „hören“ Sie still, was Sie automatisch lesen, ohne darüber nachzudenken.

Warum ist dann davon auszugehen, dass ein Spieltext für den Leser weitaus schwierigere Probleme bereitet? Am einfachsten ausgedrückt: Theaterstücke sind Literatur und während sie den meisten Menschen durch Aufführungen zugänglich sind, sind sie vollständige Erfahrungen ohne sie.

Ich bin davon überzeugt, dass bei einer ordnungsgemäßen Aufführung alles verschwinden sollte - Schauspielerei, Regie, Design, sogar das Schreiben - und allein die Absicht des Autors bleiben sollte. Fatal ist die Annahme, dass die Interpretation auf einer Ebene mit der Schöpfung des Stücks steht.

Natürlich ist Ihre Lektüre eines Stücks auch eine Meinung, eine Interpretation, aber Sie haben weniger Hände und weniger Verstand zu beseitigen, um sich mit dem Autor auseinanderzusetzen. Kehlmanns „Vier Stücke“, ohne in weitere Details gehen zu wollen, sind ein großes Vergnügen. Sein oben erwähnter Weltbestseller hieß übrigens „Die Vermessung der Welt.“

Sönke C. Weiss

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02.12.2019 Autobiografie „Mein Land, unsere Erde“

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Im Oktober diesen Jahres hatten die Fotografin Eva-Maria Horstick und ich das seltene Privileg, den brasilianisch-französischen Fotografen Sebastiao Salgado auf der Frankfurter Buchmesse kennenzulernen, wo ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde.

Und lese ich nun seine Autobiografie „Mein Land, unsere Erde“, die bei Nagel & Kimche in deutscher Übersetzung für 22 Euro erschienen ist, spüre ich sofort, dass dieser Mensch den Preis wohl verdient hat. Seine sozialdokumentarischen Bilder, für die Salgado seit Jahrzehnten um den Globus reist, halten uns den Spiegel vor und zeigen uns zugleich die Welt als Schöpfung von überwältigender Schönheit.

Seine Bilder zeugen von der Würde des Menschen ebenso wie von der Majestät und der Verletzlichkeit unseres Planeten, wie der Fotoband „Africa“, der bei bei Taschen (www.taschen.com) für 60 Euro erhältlich ist. Dazu Salgado in seiner Autobiografie, die er der französischen Journalistin Isabelle Francq erzählt hat:

„Afrika ist Brasiliens andere Hälfte. Betrachtet man die Weltkarte, läßt sich gut erkennen, dass Afrika, Lateinamerika und die Antarktis ursprünglich ein Ganzes bildeten. Schon als Kind träumte ich davon, dorthin zu reisen.“

So erzählt er sein Leben, einfach so, und beim Lesen habe ich wirklich den Eindruck, als spreche Salgado zu mir, berichtet von seinen berühmtesten Reportagen, deren Hintergründe und gewährt einen außergewöhnlichen Einblick in sein Privatleben, das er seit über 50 Jahren mit der gleichen Frau führt. „Manche behaupten, ich sei Fotojournalist.

Das ist nicht wahr. Andere, ich sei Aktivist. Das ist auch nicht wahr. Wahr ist nur, dass die Fotografie mein Leben ist.“ In der Tat. Eine Fotografie von Sebastiao Salgado zu betrachten heißt, den Wert eines Menschen zu spüren. „Mein Land, unsere Erde“ hat 192 Seiten und enthält zahlreiche repräsentative Salgado-Fotos.

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19.11.2019 der Kampf zwischen Gut und Böse,

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Fesselnd, düster und sexy. So hat Gil Mehmert „Jekyll & Hyde“ jetzt an der Oper Dortmund inszeniert. In dem Musical von Steve Cuden und Frank Wildhorn, das aus der gleichnamigen Novelle von Robert Louis Stevenson entstanden ist, geht es um den Kampf zwischen Gut und Böse, um einen tüchtigen wie ehrgeizigen Arzt, Henry Jekyll, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Trennung dieser so gegensätzlicher Eigenschaften zu erforschen, was ihm im viktorianischen England verboten und er zu seinem eigenen Versuchskaninchen und so zu Edward Hyde wird, einem grausamen Sadisten.

1990 habe ich als Dramaturg am Alley Theater in Houston, Texas, an der Entwicklung und Uraufführung dieses Stücks mitgewirkt, bevor es ans Broadway ging und kann nur betonen, dass sich die Dortmunder Inszenierung in absolut keiner Art und Weise vor den US-amerikanischen verstecken braucht; ganz im Gegenteil.

Das Ensemble mit dem grandiosen David Jakobs als Jekyll/Hyde und der atemberaubenden Bettina Mönch als Lucy Harris liefert solides Theater ab, das durch Können wie Kunst überzeugt. Die Musik reißt mit, ist mal romantisch, mal rockig und immer wohl temperiert.

Nicht aufhörend wollende Ovationen aus einem fast ausverkauften Saal waren der Dank des Publikums. Was mich indes überhaupt nicht überrascht. Seit nunmehr fünf Jahren besuche ich regelmäßig die Aufführungen des Theater Dortmunds.

Ob Schauspiel, Ballett oder Oper: Was hier präsentiert wird, ist wirklich Weltkunst, was meine unverblümte wie objektive Feststellung ist und nichts, aber auch gar nichts mit irgendeinem Lokalpatriotismus zu tun hat, sondern im Gegenteil mit meinem Qualitätsempfinden. Wie zum Beispiel auch das Stück „Das Reich der Tiere“ von Roland Schimmelpfennig, in dem ein Schauspiel-Ensemble vor einer offenen Zukunft steht, weil es nicht weiß, wie es beruflich mit ihm weitergeht. Vertrag oder Straße? Und wen interessiert’s?

So sind die fünf desolaten Darsteller eines lächerlichen Tier-Musicals zur namenlosen Verfügungsmasse der Unterhaltungsindustrie degradiert. „Das Reich der Tiere“, flott, amüsant und engagiert inszeniert, ist eine Geschichte vom Theater auf dem Theater und eine Parabel vom Ende einer Epoche.

Auch auf Dortmund gemünzt, da der überaus erfolgreiche Intendant und Regisseur Kay Voges nach Wien wechselt und viele Künstler ihm folgen werden. Die er will zumindest. Wer aber bleibt zurück und wird von der neuen Intendanz übernommen, als Altlast quasi?

Die Spielzeit 2019/20 ist auf jeden Fall der Knaller und voller Überraschungen. „Jekyll & Hyde“ wie „Das Reich der Tiere“ sind im Repertoire zu sehen. Das Theater Dortmund bietet jetzt übrigens auch ein Weihnachtsabo als Geschenkidee an. Weitere Informationen gibt es auf www.theaterdo.de

Sönke C. Weiss

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16.11.2019 Roald Amundsen der erste Mensch am Südpol

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Am 14. Dezember 1911 erreichte der Polarforscher Roald Amundsen als erster Mensch den geografischen Südpol und gewann die Jagd nach diesem Triumph gegen seinen Rivalen, dem Engländer Robert Falcon Scott, der bei seiner Reise ums Leben kam, wie sein Team übrigens auch, weil der Norweger einfach besser vorbereitet war. Amundsen wurde zum Weltstar.

17 Jahre später, am 18. Juni 1928, machte er sich auf den Weg, um den italienischen Polarforscher Umberto Nobile zu retten, der mit seinem Luftschiff bei der Rückkehr vom Nordpol abgestürzt war und verschwand spurlos.

Davon handelt das Buch „Amundsens letzte Reise“, das die norwegische Polarforscherin und Schriftstellerin Monica Kristensen 2017 geschrieben hat und was es jetzt erstmals in deutscher Übersetzung von Christel Hildebrandt im btb Verlag für 22 Euro gibt.

Basierend auf bis zum Teil bisher unveröffentlichten Quellen beschreibt die Autorin die letzten Tage und Stunden vor dem Verschwinden Amundsens und stellt immer wieder Frage, wie es sein konnte, dass so ein besonnener wie gründlicher Mann einen solch fatalen Fehler machte, der ihm und seinen Männern das Leben kostete.

Leider bleibt die Autorin in ihren Darstellungen auf der Sachbuchebene. Wenig finden wir über den Menschen Amundsen heraus, auch geht sie in keiner Weise auf die Karriere dieses ungewöhnlichen Mannes ein, den in Norwegen vermutlich jedes Kind kennt, weltweit man ihn indes dechiffrieren muß, so komplex war sein Charakter.

Ich hatte das Privileg, die Rolle des Amundsen Anfang der 90er Jahre in dem Theaterstück „Terra Nova“ von Ted Tally spielen zu dürfen; vermutlich gefiel dem Regisseur mein norddeutscher Akzent, der dem norwegischen wohl ähnlich klang. Zur Vorbereitung habe ich Amundsens Südpoltagebücher gelesen und alles, was über ihn bis dato geschrieben worden war.

Von daher hatte ich bei „Amundsens letzter Reise“ einen Heimvorteil, ohne den das Buch streckenweise eher Fachliteratur gleicht. Schade, haben wir es hier doch mit einem Helden zu tun, wie er sicher nur alle hundert Jahre geboren wird. Nichtsdestotrotz, wer sich für die Polarforschung interessiert, der wird hier wohl bedient.

Anderen empfehle ich den Film „Das rote Zelt“ von Michail Kalatosow von 1969 mit Hardy Krüger, der Amundsens Suche nach Umberto Nobile dramatisiert. Absolut sehenswert.

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13.11.2019 Federball und der Fuchs

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Dass nicht nur Greta, die unter dem Asperger-Syndrom leidet, die Welt verändern kann, beweist der jüngste Held aus der Feder von Frederick Forsyth: Luke Jennings ist 12 Jahre alt, klappert auf seinem Computer herum und hackt dabei - nur um zu zeigen, dass er es kann - in die Hochsicherheitsrechner der CIA und richtet so großen Schaden an, dass man den Autisten gleich einen Job gibt, was die Familie selbstverständlich zuläßt, weil die Alternative lebenslanger Knast wäre.

Und so verändert Luke auf 315 Seiten Geopolitik und wird schnell selbst zum Gejagten. Interessanter als der Plot selbst ist das Insiderwissen des Autoren hinsichtlich der Geheimdienste und wie diese mal mehr mal weniger verdeckt operieren.

„Der Fuchs“, spannend und rasant geschrieben, wie alle Bücher des ehemaligen Journalisten und Kampfpiloten, ist bei C. Bertelsmann erschienen und kostet 20 Euro.

Vier Euro mehr kostet John le Carrés neuestes Werk „Federball“ und ist so irreführend wie der Titel selbst: Nat, der Held der Geschichte, ein mit 47 Jahren bereits in die Jahre gekommener Spion, verbringt seine Zeit meist beim Badminton, ein Sport, der mit Federball nun gar nichts gemein hat. (Wer bei Ullstein auf diesen Titel gekommen ist, sollte seine Berufung in Frage stellen.

Im Original heißt das Buch übrigens:( Agent Running in the Field.) Hier trifft Nat auf den jungen wie ambitionierten Ed, von dem wir nicht wissen, ob er nun ein Agent ist oder nicht, vielleicht sogar ein doppeltes Spiel spielt oder schlicht und ergreifend einfach nur da ist. Es ist, wie gesagt, alles sehr verwirrend.

Die Auflösung gibt es auf Seite 349, bis dahin passiert nie wirklich nichts. Le Carré, der mit seiner Smiley-Reihe und Werken wie „Marionetten“ und „Der ewige Gärtner“ in seinem Genre Weltliteratur geschaffen hat, scheint hier in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein, aus dem ihn nicht einmal seine treuen Freunde und Vorableser geweckt haben. Bleibt zu hoffen, dass „Federball“ nicht sein letztes Buch war.

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13.11.2019 Tannenduft mit Todesfolge

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Himmlische Ruh? Bei Tatjana Kruse, Königin der Krimödie, wie der Haymon Verlag aus Innsbruck die Autorin bezeichnet, niemals nicht! In ihrem neuen Buch mit dem schicken Titel „Tannenduft mit Todesfolge“ hat sie kriminell komische Weihnachtsgeschichten, in denen es alles andere als besinnlich zugeht, aus ihrem Repertoire in einem Band zusammengefaßt.

Ihre Stories heißen „Süßer die Fäuste nie fliegen“, „Der Ruckizucki-Weihnachtsgansmord“, „Der Killer-Santa von Backemoor“ oder „Wenn Santa zweimal klingelt.“ Tatjana Kruse, die in eine Vielschreiberin ist, auf ihrer Wikipedia-Seite findet man rund 30 Bücher von ihr, hat einen ziemlich schwungvollen wie schrägen Humor - ich lehne den Begriff schwarzer Humor bewußt ab - und weiß, wie man sein Publikum bei Laune hält.

Kann man sich auch schenken und dann schön unterm Weihnachtsbaum vorlesen, falls einem der Gesprächsstoff ausgehen sollte. „Tannenduft mit Todesfolge“ kostet 9,95 Euro.

Apropos Geschenke: In den zurückliegenden Jahren habe ich regelmäßig den Photodarium-Kalender aus dem Hause www.seltmannundsoehne.de empfohlen.

Kurzum: frivole Polaroids fürs ganze Jahr. Für 2020 indes rege ich die „Art of Vinyl Covers-Kalender“ aus dem gleichen Hause an. Vinyl Schallplatten und Record-Stores erleben aktuell ein Revival und damit rücken auch die kunstvoll gestalteten Cover der vergangenen Jahrzehnte wieder ins Bewusstsein.

Jeder Abreißkalender besteht aus 366 Vinyl-Covern von bekannten und unbekannten Musikern aller Genres. Es gibt auch eine Punk-Version. Super ist: die Kalender haben Spotify-Codes, so dass man jedes Album gleich Probehören kann. Ziemlich cool. Preis: 24,80 Euro. So hat man dann was zu tun am heiligen Abend, wenn die Bio-Gans erst aufgefuttert worden ist.

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12.11.2019 Duisburgs Rache

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Sönke C. Weiss ist richtig sauer, und zu Recht meinen wir. Eines vorweg: Grundsätzlich ist die Serie „111 Orte in...“ aus dem Emons Verlag originell und empfehlenswert. Autoren präsentieren Sehenswürdigkeiten in Städten, die sie offensichtlich schätzen.

Überzeugt hat mich beispielsweise die Neapel-Ausgabe, in der man spürt, wie sehr Natalino Russo diese Stadt liebt und einem zeigen möchte, so dass man sich ebenfalls darin verliert. Umso geschockter war ich - als Wahl-Dortmunder - bei der Lektüre dieser eher verstörenden Nummer, die Ralf Koss zu verantworten hat.

Ehrlich gesagt, ich war sprachlos. Beispielsweise versäumt Koss so wichtige Höhepunkte zu erwähnen wie etwa das Westfalenstadion. Heimat des BVB. Europas viertgrößtes Fußballstadion und - in der Tat - das Wahrzeichen der Stadt, in das jährlich unzählige Besucher aus der ganzen Welt strömen und immer ausverkauft ist.

Selbst auf Japanisch werden Touren angeboten. Dafür schickt er den Leser zu einem vollgekackten Taubenturm irgendwo in der Innenstadt. Zweites Beispiel: Statt über das Mahnmal Bittermark zu berichten, zu dem regelmäßig Hunderte pilgern, um den 300 Opfern der Nazis zu gedenken, die hier wenige Tage vor Kriegsende ermordet wurden, lotst Koss den uneingeweihten Leser zum einem beschmierten Friedrich-Ebert-Denkmal nach Dortmund-Hörde, an das regelmäßig Alkis pissen und das auch so aussieht.

(Pardon.) Der Phönix-See in unmittelbarer Nähe aber, einst ein Stahlwerkareal, heute ein beliebtes Wohn- und Naherholungsgebiet, scheint für ihn nicht zu existieren. Apropos Nazis: Allen Ernstes bewirbt Koss einen Kletterturm in Dortmund-Dorstfeld, Hochburg der Neo-Nazi-Szene, die jedem Besucher, der nicht ihrer Gesinnung nachkommt, potentiell als Feind betrachtet und dementsprechend behandelt.

Dorstfeld ist eine No-Go-Area, Herr Koss!

Auf der anderen Seite vernachlässigt er so wunderbare Dinge wie die Syburg, von wo aus man kilometerweit bis ins Sauerland blicken und in einem schönen Park spazieren gehen kann; den Rombergpark hat er auch unterschlagen, ein botanisches Kleinod für Forscher aus aller Welt; das Kreativzentrum Dortmunder U fehlt ebenfalls, wie das wunderbare Kreuzviertel, ein total cooles Szeneviertel; das Hoesch-Gelände wie das Hoesch-Museum, das dem Besucher die Geschichte des Industriestandortes Dortmund erklärt, und natürlich das ehrwürdige Café Strickmann im Zentrum, wo man sich an das Wien der Jahrhundertwende erinnert fühlt, um nur einige Beispiele zu nennen: alles fehlt oder wurde schlicht totgeschwiegen.

Ich meine: Entweder kennt sich der Autor in Dortmund nicht aus, vielleicht aber ist sein Buch auch nur die Rache dafür, dass er aus Duisburg kommt. Nun, die Reihe „111 Orte in...“ kostet übrigens 16,95 Euro. 

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10.11.2019 Veröffentlichte Tagebücher

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Veröffentlichte Tagebücher prominenter Zeitgenossen sind eine delikate Angelegenheit. Meist muten sie schöngefärbt an, und das echte Leben scheint redigiert zu sein, oder sie sind so schonungslos, dass man sich beim Lesen fast fremdschämen muß

Die Schauspielerin Angela Winkler indes erzählt in ihren autobiografischen Skizzen mit dem Titel „Mein blaues Zimmer“ so warmherzig und offen von all ihren Dramen auf und von der Bühne entfernt, dass man sie am liebsten in den Arm nehmen möchte.

Dabei wird sie zum Glück nie zu privat, sondern bewahrt sich eine wohl temperierte Diskretion. Sie schreibt über ihre Anfänge in der deutschen Provinz - sogar in Gescher ist sie in den 70er Jahren aufgetreten - bis hin zu den Inszenierungen mit Regie-Stars wie Peter Zadek, Robert Wilson und Volker Schlöndorff, der sie fürs Kino entdeckt hat, doch nur das Theater nimmt Angela Winkler, 1944 in Templin geboren, so ernst wie ihr Leben und glaubt bis heute, trotz aller internationaler wie nationaler Erfolge, dass sie vielleicht gar keine richtige Schauspielerin sei.

„Mein blaues Zimmer“, das Angela Winkler mit der Autorin Brigitte Landes geschrieben hat, umfasst 229 Seiten und hat viele schöne Fotos. Es kostet 22 Euro und ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Anmerkung der Redaktion: Erst im August diesen Jahres hat Angela Winkler mit 75 Jahren den Deutschen Schauspielpreis für ihre Leistung im Theater erhalten.

Ebenso wahrhaftig liest sich Benoite Groults irisches Tagebuch mit dem Titel „vom fischen und von der liebe“, das Ullstein jetzt drei Jahre nach ihrem Tod der Autorin des Weltbestsellers „Salz auf unserer Haut“ posthum herausgebracht hat.

Auf 398 Seiten läßt Benoite Groult, die ihren Feminismus stets mit großer Lebenslust paarte, 26 Sommer in Irland Revue passieren, uns am Wunder ihrer Schönheit teilhaben und den Dämonen des Älterwerdens begegnen.

Sie ist Intellektuelle und Liebende zugleich, schreibt über geistiges und sinnliches Begehren, über Sehnsüchte und Verlangen und zeigt dem Leser darüber hinaus, dass auch eine Frau Jägerin sein kann.

Benoite Groult war eine bemerkenswerte Hochseefischerin, vor der selbst ein Hemingway seinen Hut gezogen hätte. „Vom fischen und von der liebe“ kostet ebenfalls 22 Euro. Beide Bücher sollten auch von Männern gelesen werden.

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09.11.2019 echte Helden sind langsam Mangelware

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Salman Rushdies „Quichotte“ ist ein Reisender, der besessen ist von der „unwirklichen Wirklichkeit“ des Fernsehens. Er will das Herz der Königin der Talkshows erobern und begibt sich auf eine Fahrt quer durch die USA, um sich ihrer als würdig zu erweisen.

Erschienen bei C. Bertelsmann, nimmt uns „Quichotte“ - eine Satire, ein Roadtrip-Roman, eine Parabel - auf 459 Seiten für 25 Euro mit in unsere eigene verrückte Gegenwart von Fake-News und Post-Wahrheiten.

Es geht um Vater-Sohn-Beziehungen, den alltäglichen Rassismus, Cyber-Spione und natürlich die ewige und wahre Liebe. „Quichotte“ ist in der Tat scharfsinnig, komisch, absurd und messerscharf und Rushdies bestes Buch seit Jahren. Es passt wunderbar in unsere digitale Zeit, wo echte Helden langsam Mangelware werden.

In den kommenden Wochen befindet sich der Autor auf Lesereise in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Termine siehe unten. Gleichermaßen intelligent wie unterhaltsam ist Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“, den Rowohlt verlegt hat und ebenso 25 Euro kostet. Worum es geht: um Krieg und Lüge, also wie bei „Quichotte“ auch um Fake-News, die uns wohl schon immer begleitet haben.

John Glueck, US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln, befindet sich tief im Hürtgenwald. Das Jahr: 1944. Die Wehrmacht verteidigt das Gehölz bei Aachen eisern. Hier entdeckt unser Held ein Geheimnis, das ihm auch zwanzig Jahre später in Vietnam erneut begegnet.

Kopetzky gelingt es, über 490 Seiten einen Spannungsbogen zu halten, der den Leser tief in Schlachten, aber auch tief ins Innere eines Mannes mitnimmt, der letztendlich nur eines retten will: seinen eigenen Charakter. Zugabe.

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Salman Rushdie kommt nach Deutschland, Österreich und die Schweiz: Berlin, 11. November, Babylon Berlin Mitte. Hamburg, 12. November, Altonaer Theater. Köln, 13. November, Großer Sendesaal WDR. München, 14. November, Große Aula der LMU. Zürich, 15. November, Volkshaus. Wien, 16. November, Volkstheater Wien. 

Foto: commons.wikimedia.org/wiki/User:Heike_Huslage-Koch

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08.11.2019 Spaß beim Lesen im Herbst

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„Messer“ heißt der neue Krimi des norwegischen Starautoren Jo Nesbo, in dem sich wieder alles um seinen Helden Harry Hole dreht, der Ehe und Karriere versoffen hat und sich als einfacher Ermittler auf die Jagd nach einem Serienvergewaltiger macht.

Aus den 575 Seiten trieft Testosteron, Männerschweiß und Erbrochenes, was manche Leser in einer tief anachronistischen Weise sicher anmacht, auf Dauer aber ermüdet.

„Messer“ ist bei Ullstein erschienen und kostet 24 Euro. Weitaus charmanter und subtiler ermittelt Martin Suters Gentleman-Gauner-Privatdetektiv Johann Friedrich von Allmen, Heino Ferch spielt diese Rolle übrigens sehr wohl in den TV-Verfilmungen dieser Reihe, auch in seinem sechsten Band „Allmen und der Koi“, in dem sich Allmen und sein Sidekick Carlos, der zu dieser Serie gehört wie Butter bei die Fische, nach Ibiza in die Szene der Koi-Sammler aufmachen.

Auf der Suche nach einem verschwundenen Exemplar, Wert: eine Million Euro, erleben die beiden allerlei Kurioses, womit sich der Autor offensichtlich auszukennen scheint.

Nicht umsonst sind die Allmen-Bücher große Erfolge, auch und gerade, weil sie nicht diese Brutalität transportieren, wie sie beispielsweise in „Messer“ geschildert wird, sondern immer wieder überraschen, ohne den Leser zu unterschätzen. 213 Seiten. Preis: 22 Euro, Verlag: Diogenes.

Aus diesem Hause kommt auch Dror Mishanis Thriller „Drei“, der in Tel Aviv spielt und von drei Frauen handelt, die alle im selben Mann etwas anderes suchen.

Auf was für dünnes Eis sie sich dabei begeben und wie tödlich die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit sein kann, erzählt Mishani in einer atemberaubenden Art und Weise, so dass man „Drei“ gar nicht mehr aus der Hand legen mag.

In Israel ist das Buch bereits ein Mega-Bestseller, eine Verfilmung ist geplant, was bei der Qualität des Buches kaum verwunderlich ist. Seit Dan Browns „Da Vinci Code“ habe ich so etwas Spannendes nicht mehr gelesen. 330 Seiten für 24 Euro. Absolut gerechtfertigt. 

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