hamburger-retina

Reden ist silber...Schreiben ist gold

03.12.2012 Lesung im Literaturhaus München

GFDK - Liane Bednarz - 3 Bilder

Lesung aus dem Bestseller „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ im Literaturhaus München.

„Die ‚Welt der Frau‘, eine Beilage der ‚Gartenlaube‘, meldet in Nummer 5: ‚Das Abendkleid dieser Saison zeichnet sich durch luxuriöse Gepräge und phantastische Drapierungen aus, die auch der geschicktesten Schneiderin manch harte Nuss zu knacken geben.‘ Man kann sich für die schönsten Kleider direkt Schnittmuster bestellen. Interessant sind die möglichen Hüftbreiten: 116, 112, 108, 104. Darunter ist nichts denkbar. Erst in der Nummer 9 hat dann die Redaktion ein Erbarmen und kündigt groß an: ‚Mode für schlanke Damen‘!“ Rund 99 Jahre später, im November 2012 nämlich, sorgt diese Meldung aus dem Jahr 1913 für große Heiterkeit. Ja, es war anders, das Leben damals, in das uns Florian Illies in seinem neuen und rasant auf die Bestsellerlisten geschossenen Buch „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ hineinzoomt.


„Berlin, Paris, München, Wien. Das waren die vier Frontstädte der Moderne 1913“, heißt es in Illies' bei S. Fischer erschienenem Buch. In München nun las der Autor daraus. Eingeladen dazu hatte das Literaturhaus. Zu einem Podiumsgespräch mit Illies ebenfalls eingeladen: Michael Krüger, Geschäftsführer des Münchner Hanser-Verlags.

Ein Jahr des geistigen Umsturzes: Avantgarde vs. Tradition

Illies, ehemaliger Feuilletonchef der ZEIT, ist heute geschäftsführender Gesellschafter des Auktionshauses „Villa Grisebach“. Sein als Sachbuch eingestuftes neuestes Werk erntete flächendeckendes Lob von der taz bis zur WELT, von der FAZ bis zur SZ, vom SPIEGEL und vom Deutschlandradio Kultur.


Was ist so interessant am Jahr 1913? Zunächst einmal war es das letzte Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs. Ein „Schlüsseljahr“ also, gewissermaßen das „Gipfeljahr der neueren Kulturentwicklung Europas“, wie Reinhard G. Wittmann in seiner Begrüßung hervorhob. Für den Leiter des Literaturhauses ist 1913 ein „Jahr des geistigen Umsturzes“ und ein „Gegeneinander“ avantgardistischer Bestrebungen einerseits und konservierender Kräfte andererseits. Nicht nur in den Künsten, auch in den Wissenschaften und in Alltagsphänomenen. Fortschrittsbegeisterung traf auf den Untergang der Titanic als „Menetekel“.

Die Lust am Verfall und am Untergang

Hoffnung also traf auf Verfall. Bestens illustriert durch Michael Krüger, der seine Einführung mit einem Schlüsselsatz Thomas Manns begann: „Mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall, und das ist es wohl eigentlich, was mich hindert, mich für den Fortschritt zu interessieren.“ Ach ja, die Lust am Verfall, die Lust am Untergang. Man gefiel sich darin, anno 1913: „alle wollen jetzt kompliziert und geheimnisvoll sein“, zitierte Michael Krüger aus der Novelle „Am Südhang“ des verarmten baltischen Grafen Eduard von Keyserling, natürlich auch ein Protagonist in „1913“. Und dann war da natürlich jenes Leiden, das damals so viele Künstler peinigte, jenes Leiden, das irgendwo zwischen Weltschmerz und Depressionen angesiedelt war und sich wie ein roter Faden durch „1913“ zieht: die „Neurasthenie“, bei Musil etwa wie folgt diagnostiziert: „allgemeine Neurasthenie schweren Grades unter Mitbeteiligung des Herzens (Herzneurose). Illies schreibt dazu: „Schöner lässt sich das Leiden an der Moderne nicht zusammenfassen.“

„1913“ – „ein Schnitt durch die Zeit“

Was aber ist nun das Besondere an Illies „1913“? Für Krüger – mit dem Blick des Verlegers – ist es Illies‘ „Schnitt durch die Zeit“, mit dem er das Jahr in zwölf Monate unterteilt und in diesen wiederum die Geschehnisse in kurzen Sequenzen aneinanderreiht. Und so das „Disparate“, das „Zentrifugale“ zusammenfasst, ohne „dass ein großer Thesenapparat aufgebaut wird“. Vielmehr überlasse der manchmal süffisante, manchmal ironische Ton Illies‘ dem Leser die Interpretation dieser bisweilen „komischen Leidensgeschichten“. Gemeint sind die Leiden all jener Geistesgrößen, deren Namen uns bis heute elektrisieren: Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Oskar Kokoschka, Alma Mahler und viele andere mehr.

Duchamp und Malewitsch - Beginn statt Ende im Jahre 1913

Illies, klassisch elegant gekleidet mit rosa Hemd und dunklem Sakko, berichtete zunächst von zwei Kunstwerken, die 1913 entstanden und ihn zu seinem Buch inspirierten: Marcel Duchamps erstes „Ready-Made“ und Kasimir Malewitschs „Schwarzes Quadrat“. Urpunkte der Moderne, die Illies vor die zentrale Frage stellten: „Könnte es so sein, dass 1913 gar nicht alles zu Ende ging, sondern eigentlich alles begann?“ Illies, so erfuhren wir, interessiert sich nämlich nicht so sehr für den Verfall. Blickt also gewissermaßen Thomas-Mann-antipodisch auf die Welt. Und eben dieser Focus auf den Beginn, ohne schon die Ereignisse des Folgejahres 1914 im Blick zu haben, die ja auch die Künstler 1913 noch nicht kennen konnten, sei die eigentliche Herausforderung beim Schreiben gewesen. Dem Münchner Publikum versprach Illies einen Sprung durch die Monate, um so ein Gefühl für das „ungleichzeitige Gleichzeitige“ zu vermitteln, das das Buch in seiner Collagentechnik ausmache.

Humorvoller Parforceritt durch das Jahr 1913

Chronologisch korrekt begann der 42-jährige Autor am Anfang des Jahres 1913: „Es ist die erste Sekunde des Jahres 1913. Ein Schuss hallt durch die dunkle Nacht.“ Abgefeuert durch den damals Zwölfjährigen Louis Armstrong. In New Orleans. Das zentrale Jahr der kontinentaleuropäischen Moderne fängt bei Illies in New Orleans an. Mit der zweiten „Livetickermeldung“, wie die taz die einzelnen Passagen nannte, landet Illies im Herzen Europas, in Prag. Und im leidenden Herzen Franz Kafkas, der sich – wie auch das weitere Jahr 1913 hindurch - in an Skurrilität kaum zu toppenden Liebesbriefen nach Felice Bauer in Berlin verzehrt. Weiter geht es nach Paris. Dort wurde im Louvre die „Mona Lisa“ gestohlen.


Das Münchner Publikum im ausverkauften Literaturhaus erlebt einen Parforceritt durch das Jahr 1913. Und man muss immer wieder über den trockenen Humor Illies‘ lachen, wenn er seine spitzen ironischen Kommentare zu all den Begebenheiten vorliest, die das Buch so ungemein leichtfüßig machen. Man erfährt etwa, wie sehr sich Arnold Schönberg mit seiner Phobie vor der Zahl „13“ herumplagte. So sehr, dass er aus dem Titel seiner Oper „Moses und Aron“ das zweite „a“ von „Aaron“ strich, um bloß nicht 13 Buchstaben zu haben. Und was für eine Angst er hatte, an einem Freitag, den 13. zu sterben. Doch Illies-typisch heißt es sodann trocken: „Aber es half alles nichts. Arnold Schönberg starb an einem Freitag, dem 13.“ Schwarzer Humor at its best. Lachen im Publikum.


Wir begegnen Rilke, der „zeitlebens angewiesen war auf die Handlungsanweisungen reifer Damen“ und wiederum Kafka, der Felice in seinem „etwa zweihundertsten Brief“ fragt: „Kannst Du eigentlich meine Schrift lesen?“ Wieder muss man herzlich lachen. Wie sehr sich die Zeiten doch ändern. Denn heute schreibt man längst auch Liebesbriefe durchaus via Email oder Facebook.

München – die Gediegene unter den „Frontstädten der Moderne“

In München – wir erinnern uns: eine der „Frontstädte der Moderne“ - ging es, Frontstadt hin, Frontstadt her, alles einen Tick gediegener als andernorts zu, blies der Sturm der Moderne nicht ganz so orkanartig, wie Illies das Münchner Publikum wissen lässt: „München hingegen war stilvoll und doch etwas zur Ruhe gekommen – was am deutlichsten daran zu sehen ist, dass man in München bereits mit der Selbstglorifizierung anfängt (wofür in Berlin kein Mensch Zeit hat)“.


Wesentlich wilder war das Leben in Wien, für Illies die „Zentrale der Moderne anno 1913“. Zu erleben etwa an der zügellosen Leidenschaft, die Oskar Kokoschka für Alma Mahler - das „schönste Mädchen Wiens“ - ergriffen hatte und die ihn aus lauter Angst vor potentiellen Nebenbuhlern leiden lies, wie Illies mit hoher Stimme intonierte: „Almi, ich möchte nicht, dass irgendein Auge Deinen offenen Busen sieht, im Schlafrock oder Kleid.“ Alma wiederum war „besessen von seiner Besessenheit“.

Doch Illies nimmt dem Publikum schon im Februar jede Illusion und kündigt an, dass Alma dereinst nicht Kokoschka, sondern Gropius ehelichen wird: „Aber unter uns“ – Illies schaut direkt ins Publikum – „er ist es am Ende, der Alma heiraten wird, nicht Kokoschka.“ Im Juni begegnen wir wieder Kafka, der Felice Bauer mit einer pathetischen Selbstanklage in Briefform, „The Worst Heiratsantrag in the World“ macht. „Ein Heiratsantrag als Offenbarungseid“, wie Illies treffend vorliest. Das Jahr endet schließlich am 31. Dezember mit einem Tagebucheintrag Arthur Schnitzlers, in dem er über die Abendgesellschaft an jenem Tag schreibt: „Es wurde Roulette gespielt.“

LEIDENschaftliche Lieben

Unterbrochen wurde Illies' Ritt durch die Monate durch ein Gespräch mit Krüger, der immer wieder mit klugen Anmerkungen glänzte. Etwa damit, dass die Liebesgeschichten der Künstler in „1913“ nie gut ausgehen, egal ob bei Kafka, Rilke oder Kokoschka, der sich für Alma Mahler „abgemüht hat wie ein Depp“. Illies griff den Gedanken auf und beleuchtete das doch recht „freizügige Zusammenleben in der Avantgarde“, das weite Kreise bis in die bürgerliche Welt hinein zog und zu regelrechten „Zivilisationsbrüchen“ und Auflösungen vieler gesellschaftlicher Prägungen des 19. Jahrhunderts führte. Und der Autor erklärte weiter, dass die Maler jener Zeit für ihn besondere „Seismographen“ waren, was sich etwa bei Franz Marc zeige. Er, der sonst in „paradiesischen Tiervisionen“ schwelgte, in denen er Tiere fast unanimalisch zeigte, sei 1913 plötzlich hiervon abgerückt, habe in dem Bild „Die Wölfe (Balkankrieg)“ das Zerfleischen zum Thema gemacht.


Nach 90 fesselnden Minuten ging es zurück ins Jetzt. Zurück aus dem Jahr 1913 ins Jahr 2012. Und hin zu einem lang anhaltenden Beifall des Publikums. Und einer beeindruckenden Schlange am Signiertisch. Illies hat es ohne Zweifel geschafft, das Zentraljahr der Moderne dem postmodernen Publikum so nahezubringen, als wäre man selbst dabei gewesen.

 

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert. Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und schrieb für die "Westfalenpost Schwelm."

mehr

27.11.2012 Carla Berling - "Die Rattenfänger"

GFDK - Heinrich Schmitz

Kurz nach unserer Hochzeit in den 80er Jahren erschienen nach telefonischer Anmeldung bei uns zu Hause zwei Herren in schicken Anzügen, angeblich auf Empfehlung eines Kommilitonen, unterhielten sich freundlich mit meiner Frau und mir - und zogen nach zweieinhalb Stunden mit einem Antrag für eine Kapitallebensversicherung von dannen. Da war ich noch Student. Unser Familieneinkommen reichte so gerade.

Hätte ich damals bereits Carla Berlings "Die Rattenfänger" gelesen, wäre mir das garantiert nicht passiert. Gab's aber leider noch nicht. In der ein oder anderen Form hat vermutlich nahezu jeder von uns einmal Kontakt mit einem oder mehreren Strukturvertrieben gehabt, mit mehr oder weniger großem finanziellen oder persönlichem Schaden, oft ohne es tatsächlich zu bemerken.

Wer meint, ein Roman über den Aufbau und die Methoden eines Strukturvertriebes, der zudem auch noch in den 80ern spielt, sei kalter Kaffee, überholt, überflüssig und langweilig, der irrt gewaltig. Carla Berlings Roman ist auch heute brandaktuell, notwendig, lebensnah, informativ. Trotz aller Not, die die beiden Protagonisten, Kellnerin Rena und DJ Mike, vor den Augen des Lesers erleiden, äußerst vergnüglich. Filmreif.

Noble Hotels, Seminare, Alkohol, Sex und Eitelkeiten

Rena und Mike, gerade frisch verheiratet, chronisch klamm und voller Träume, geraten an die JUNO, einen Strukturvertrieb des Pegasus-Konzerns. Sie erliegen schnell dem Sog der wunderbaren Versprechungen von Reichtum, Reisen und Luxus und geraten innerhalb kurzer Zeit in ein Netzwerk, dass fortan ihr Leben bestimmt und beinahe auffrisst. Noble Hotels, Seminare, Alkohol, Sex und Eitelkeiten.

Dieser Roman enthält zweifellos Insiderkenntnisse über Methoden, Argumentationsstrategien, Orgien, Provisionen und kleine und große Betrügereien. Informationen ,die mehr leisten als jede Verbraucherberatung. Informationen, die einen den großen Beschiss durchschauen lassen. Hier schreibt eine Autorin, die drin war, die weiß wie es läuft und das auch verrät.

Kein Satz Langeweile

Wie persönliche Beziehungen zwischen Menschen eiskalt dem Profit eines Strukturvertriebes geopfert werden, wie die nächste Stufe innerhalb der Struktur zum wichtigsten Lebensziel wird, wichtiger als ein Baby, wie arglose Mitarbeiter zu gewissenlosen Arschlöchern werden, die auch Freunden und Familienmitgliedern ohne mit der Wimper zu zucken unsinnige Finanzprodukte verkaufen, das erzählt Carla Berling unterhaltsam und trotz der ja eigentlich drögen Thematik spannend und folgerichtig. Kein Satz Langeweile.

Neben der verständlichen Darstellung der Geschäftspraktiken ist der Roman auch eine flotte Zeitreise in die 80er mit ihrer aus heutiger Sicht merkwürdigen Mode, ihrer Musik und ihrer Discoszene. Bei der Lektüre bekam ich "Money for nothing and chicks for free" nicht aus dem Kopf. Für diejenigen, die diese Zeit bewusst miterlebt haben, eine bildhafte Erinnerung, für die jüngeren ein kleiner Ausflug in die skurrile Vergangenheit ihrer Eltern.

Nach der Lektüre dieses Romans werden sie sich so schnell nichts mehr von freundlichen "Anlageberatern" aufschwatzen lassen. Sie werden bei entsprechenden Versuchen mit Freude feststellen, dass die im Buch beschriebenen rhetorischen Tricks immer noch angewendet werden und vielleicht werden sie manche davon selbst mit Vergnügen anwenden. Vielleicht legen Sie auch ab und zu einfach mal den Telefonhörer auf oder gar nicht erst ab.

Die Kommerzialisierung persönlicher Beziehungen

Heute nennt man Strukturvertriebe vielleicht nicht mehr Strukturvertriebe ,sondern MLM (Multi-Level-Marketing ), Netzwerk-Marketing oder auch weniger stylisch Mundpropaganda - am zynischen Vertriebssystem hat sich aber nicht viel geändert. Der pyramidenartige Hierarchieaufbau hat genauso überlebt wie die Kommerzialisierung persönlicher Beziehungen.

Die Feststellung, dass Carla Berling (http://www.carla-berling.de/) selbst das Prinzip des beschriebenen Mundpropaganda-Marketings äußerst geschickt für die Vermarktung ihrer Bücher z.B. bei facebook eingesetzt hat, sei gestattet. Aber, damit hat sie niemandem, der sich wegen der persönlichen Empfehlung von Freuden zum Kauf und zur Lektüre der "Rattenfänger" entschieden hat, geschadet. Das Gegenteil ist der Fall.

Ergo, die Anlage von 19,90 € für dieses Buch ist eine sehr gute Anlage, die Sie vor größerem Schaden bewahren wird und die Ihnen erheblichen Profit bringt.

Ich beglückwünsche Sie zu dieser Entscheidung, die ihr Leben verändern wird. Die beiden letzten Sätze werden sie nach der Lektüre der "Rattenfänger" vielleicht nochmal lesen und kritisch überdenken. Ganz falsch sind sie jedenfalls nicht.

mehr

24.11.2012 vor dem Schmerz der Armut

GFDK -Heinz Sauren

Je größer eines jeden Angst, vor dem Schmerz der Armut, desto einfältiger sind seine Begründungen, dieser Armut zu entrinnen. Sie sind dem Wahn verfallen das Lebensqualität sich in Besitz bemisst und sehen nicht den eigenen Verlust an Leben, den ihr Besitz mit sich bringt.

Gehetzt und geschunden an Geist und Gemüt, zermürbt auf der nie enden wollenden Flucht, vor dem permanent lauernden Abgrund der Mittellosigkeit, ist ihr Leben ein beständiges Leiden, zum Nutzen der Gemeinschaft.

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

mehr

20.11.2012 spanischer Minister mit Hirsch Hoden auf dem Kopf

GFDK - Rock the Nature Germany

Das ist Carlos Delgado, seines Zeichens Tourismusminister der Balearen. Von so einer Person sollte man Würde und Anstand erwarten können. Das, was Herr Minister Delgado auf dem unteren Foto auf dem Kopf trägt, das sind die Hoden des erlegten Hirsches. Ein Minister, der sich mit den Hoden eines Tieres schmückt. Wir können das nicht sonderlich bewundern.


Zu Herrn Delgado sei zu sagen, dass er öffentlich zur Vetternwirtschaft in der spanischen Politik Stellung nehmen musste. Er hatte seine Freundin Lourdes mit einem Jahresgehalt von 63.000 Euro in der balearischen Tourismusbehörde eingestellt. Schon damals war seine Entlassung gefordert worden. Ein König der Elefanten schießt und ein Minister mit Hoden auf dem Kopf. Lassen wir uns überraschen, was als Nächstes kommt.

Lieber Herr Minister Delgado, Sie können sich zusätzlich noch mit unserer Verachtung schmücken. Denn so viel Geschmacklosigkeit muss gewürdigt werden. Shame on you!

Rock the Nature – die Tierschutz Lobby

http://www.rock-the-nature.com/

 

mehr

15.11.2012 " Kann Spuren von Weisheit enthalten"

GFDK - Heinrich Schmitz

"Fast niemand mag ihn" titelte die TAZ 2005 unverhohlen und Matthias Matussek hat als katholischer Talkshowrabauke einiges dafür getan dieser Behauptung gerecht zu werden. Ob Heiner Geißler, Angelika Kallwass oder ein komischer Imam - wer etwas sagte, das die religiösen Gefühle des SPIEGEL-Autors verletzte, sah sich einem geradezu alttestamentarischen Verbalfuror ausgesetzt.

Stets mit dem griffbereiten "katholischen Abenteuer" unterwegs, ließ er sich zur Freude seiner Fans durch diverse Quasselsendungen weiterreichen und verteidigte seine Kirche, seinen Papst, seinen Glauben. Zwar hat er nie mit seinem Buch geworfen und auch mit dem Buch der Bücher nicht. Auf viele wirkte er dennoch befremdlich.

Ein Wüterich der schreiben kann wie kaum ein zweiter

Dass dieser Wüterich schreiben kann wie kaum ein zweiter, dass seine Essays wie jüngst beispielsweise der über Hermann Hesse, inhaltlich wie stilistisch zum Besten gehört, was das deutsche Feuilleton zu bieten hat, ist unzweifelhaft. Trotzdem machte er sich durch seinen eigenwilligen Diskussionsstil nicht gerade beliebt, was ihm angesichts seiner Mission aber wohl auch herzlich egal war.

Wer aber nun händereibend erwartete, das würde bis in die Ewigkeit so weitergehen, der kann sich auf eine Überraschung gefasst machen. Denn eine anrührende Erzählung, eine vielschichtige Weihnachtsgeschichte hätte man wohl – wenn überhaupt, dann nur mit letzter Tinte von ihm erwartet.

"Die Apokalypse nach Richard". Richard, ein 85-jähriges Familienoberhaupt, der mit seiner Frau Waltraud auf die Ankunft seiner Kinder und Enkelkinder zum gemeinsamen Weihnachtsfest wartet. Richard, der davon überzeugt ist, dass an diesem Heiligabend etwas besonderes geschieht. Richard, zu dem die Familienmitglieder aus allen Richtungen hinreisen wie die heiligen drei Könige zur Krippe. Richard, eine Art grauer Star.

Klingt nach süßlichem Weihnachtskitsch für Religioten, wie man Gläubige in gewissen atheistischen Kreisen auch gerne mal nennt. Ist es aber nicht. Vielmehr eine Novelle, die es in sich hat, die alles hat, was man von einer großen literarischen Erzählung erwarten kann. Intelligent, nachdenklich, unterhaltsam, humorvoll und, na klar: sprachlich brillant.

Alle Familienmitglieder haben ihre Leichen im Keller

Alle Familienmitglieder haben ihre Leichen im Keller, egal ob es Enkel Nick ist, der im Internat beim Kiffen erwischt wurde, dessen Vater und Richards Sohn Roman, der als Journalist matusseksche Probleme mit seinem Redakteur hat, Wilhelm, sein Bruder, der als Banker angesichts der Krise zunehmend die Panik bekommt und selbst Richards Frau, die treusorgende Waltraud ist längst nicht so simpel gestrickt, wie man zunächst annimmt. Sie alle streben am 23.12. zu Richard, zur traditionellen Gans und - ohne es zu wissen - zu Richards Apokalypse.

Es wäre eine fiese Indiskretion, hier zu verraten, worin diese Apokalypse besteht. Es ist eine Überraschung und muss es auch bleiben. Aber der Schriftsteller und bekennende Atheist Alexander Wallasch, der das Buch für "the european" rezensiert hat, hat recht. Das ist nicht nur ein wunderbares Buch, sondern es schreit laut nach einer Verfilmung. Man sieht Richard förmlich durch das verschneite Hamburg gehen, man riecht den Markt, den Schnee. It works.

Leicht und unterhaltsam kommt die Geschichte daher - und doch immer wieder auf leise Art nachdenklich machend. Weit und breit kein katholischer Holzhammer, ab und an ein kleines Hämmerchen. Feine Ironie ohne Zynismus.

In Nick, Roman, Bill und womöglich auch Richard erkennbar biografisch beeinflusst, aber ohne Missionierungseifer, mit viel Humor und Liebe zu seinen Figuren und deren persönlichen Brüchen und Macken. Feinfühlig, ja tatsächlich, Matussek kann nicht nur feinfühlig: Er ist es in Cinematoskope!

Übersteigerte Erwartungen

Wer mit dem christlichen Glauben, Weihnachten und all dem "Gedöns" nichts am Hut hat, braucht sich dennoch nicht zu fürchten, auch er wird Vergnügen haben. Wer die christliche "Szene" von innen kennt, wird manches wiedererkennen und ebenfalls schmunzeln. Übersteigerte Erwartungen an das Weihnachtsfest und Erwartungen auf einen handfesten apokalyptischen Familienkrach gehören zu Weihnachten wie Christbaum und Krippe.

Hier wird nicht gepredigt, nicht belehrt und nicht bekehrt

Bei Richard ist alles etwas anders und auch wieder nicht. Hier wird nicht gepredigt, nicht belehrt und nicht bekehrt, hier wird erzählt. Einfach erzählt, wobei jeder weiß wie schwer es ist, einfach zu erzählen. Alleine das lohnt die Lektüre. Wo gibt es heute noch gute Erzähler ? Bei der Lektüre überkam mich immer wieder ein Drang vorzulesen. Das Buch schreit danach gelesen und vorgelesen zu werden.

Wer die Gelegenheit hat, eine Lesung mit Matthias Matussek zu besuchen, sollte nicht zögern sie wahrzunehmen. Versprochen: Es lohnt. Einziger kleiner Wermutstropfen, die Erzählung endet schon auf Seite 190. Bleibt zu wünschen, dass Matthias Matussek auch selbst soviel Spaß am Erzählen gefunden hat, dass es auch mal einen dicken Roman über Richards Familie geben wird. Ein unfrommer Weihnachtswunsch wird wohl erlaubt sein.

Wunder und Weihnachtszauber - Matthias Matusseks Erzählung „Die Apokalypse nach Richard“

Von Liane Bednarz

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/reden-ist-silber/meinung/wunder-und-weihnachtszauber-matthias-matusseks-erzaehlung-die-apokalypse-nach-richard.html

Live in München - Erleben Sie Matthias Matussek am 15. November 2012 im Bayerischen Hof

Von Export-Club Bayern

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/medien-ausschreibungen/ankuendigung/live-in-muenchen-erleben-sie-matthias-matussek-am-15-november-2012-im-bayerischen-hof.html

 

mehr

14.11.2012 Nee, watt wör datt schön

GFDK - Heinrich Schmitz

Meine Mutter war traurig. " Isch hann extra de Käätzje in de Finster gestellt. Dann koom de Zoch , de Kapell hätt tapfer jespellt, ävver meenste do hät eene metjesonge ?" Ich wusste nicht auf Anhieb, was sie meinte. Kerzen im Fenster, Zug, Kapelle, keiner hat mitgesungen ? Dann war es mir klar.

"Meenste de Märteszoch ?" . "Jo, die kenne die Leeder all jar nit mieh. De Pänz net un de Eldere och net."

Wen kümmert's, dachte ich zunächst, aber das kurze Gespräch mit meiner Mutter ging mir den ganzen Tag über nicht aus dem Kopf. Ich war plötzlich wieder Kindergarten und Grundschulkind. Der Martinzug war früher ein Ereignis. Schon Wochen vorher bastelten wir mehr oder weniger schöne Laternen. Mit echten Kerzen drin. Feuer, offenes Feuer. Die einzelnen Schulen wetteiferten um die schönsten Kreationen. Ältere Schüler begleiteten den Zug mit Pechfackeln. Wann bin ich endlich so alt, dass ich eine Pechfackel tragen darf, das war die Frage.

Und während der Bastelphase wurden Lieder geübt. Die hochdeutschen wie "St. Martin, St. Martin", die man auch heute noch googeln kann, und noch viel wichtiger, die Lieder im heimischen Dialekt, nach denen man vergeblich googelt. Ein paar findet man noch in Archiven, aber - und da hat meine Mutter recht - viele sind vergessen. Die Kapellen haben noch die Noten, die Texte kennt kaum noch einer. Schade.

"Dörch all die Strooße trecke mir, Sank Määtes, Sank Määtes,

met Fackel un met Määtesfüer, Sank Määtes, Sank Määtes,

mir don dich och veriehre,

moss os och aanhüehre,

Sank Määtes, Sank Määtes, Sank Määtes, Sank Määtes, "

und da verließen sie ihn. Auch mir fällt der ganze Text nicht mehr ein, obwohl ich meine Mundart, der Rheinländer spricht hier von "singer Muttersprooch" ( das "o" offen , wie in Woche ), im Gegensatz zu manch anderem nie verleugnet und neben dem rheinisch-gefärbeten Hochdeutsch immer gesprochen habe.

Dass im Zweifelsfall ein Großteil der Kinder und der Eltern gar nicht mehr weiß, warum sie mit den Laternen hinter einem Mann auf einem Pferd her rennen, soll hier nicht das Thema sein. Dafür gibt ja Matthias Matussek. Mir geht es nicht um den katholischen Hintergrund, sondern um die Sprache.

Was wird aus unseren heimischen Dialekten, wenn die Kinder sie nicht mehr sprechen ? Sie gehen verloren. Warum sprechen die Kinder nicht mehr im Dialekt ? Weil die Eltern es nicht mehr tun, sei es , weil sie es selbst schon nicht mehr lernen durften, sei es weil sie es zwar noch können, aber mit ihren Kindern nicht sprechen.

In der Sozialisation der frühen 60er Jahre, der Zeit also, als neben Hochdeutsch vor allem in den Familien noch Dialekt gesprochen wurde, aber auch auch im Kindergarten, fing es langsam an. Plattdissing. Hochdeutsch sollte gesprochen werden. Die Bildungsbürgereltern meiner Freunde verboten ihren Kindern im Dialekt zu sprechen. "Das sagt man aber nicht so". Dialekt gleich doof, Hochdeutsch gleich "jebildet". "Watt ene Driss", möchte man da schreien. Kein Mensch kommt aus "Hochdeutschland", höchstens ein paar Hannoveraner. Jede Region, jeder Ort, ja teilweise jedes Stadtviertel hatte einmal ihre eigene Sprache. Pygmalion lebt von dieser Tatsache, Professor Higgins kannte sie alle. Und heute ?

Ist die Sprachkompetenz unserer Kinder heute besser als in den 60er Jahren, Alter ? Weit und breit kein Dialekt mehr zu hören, aber Hochdeutsch auch eher nicht. Was hat's gebracht, die Dialekte auch aus den Schulen und Kindergärten zu verbannen ? Dass Sprache sich verändert, ist normal. Dass eine ganze Sprache bzw. eine ganze Reihe von Sprachen mit der Generation meiner Eltern ausstirbt, ist bedauerlich. Und dass der heimische Dialekt eine eigene Sprache ist, mit eigenen Wörten, eigener Grammatik und eigenem Wert, ist doch kein Geheimnis.

Im Rheinland wird, nicht zuletzt durch die vielen Mundartgruppen, wie BAP, Bläck Föös, Brings und wie sie alle heißen, eine Art Mundart immerhin noch ein wenig am Leben erhalten - auch wenn es weder das echte Kölsch noch sonst irgendein echter Dialekt ist, der da in der Regel verwendet wird. Klingt aber wenigstens so ähnlich. Leider wird diese Sprache aber oft nur zu Karneval aus dem Giftschrank geholt und am Aschermittwoch mit dem Nubbel wieder verbrannt. Dialekt nur als Karnevalsaccessoire ?

Na und, fragt der ein oder andere Hochkulturer ? Diese niedere Sprache ist doch nicht wertvoll, nur etwas für Volkstheater. Falsch. Die Dialekte sind eine untergehende Kultur. Wenn es sich um andere untergehende Kulturen weit weg , am Arsch der Welt handelt, sind die selben hochnäsigen Bildungsbürger gerne bereit ins Portemonnaie zu greifen und für deren Rettung zu spenden. Aber für die eigenen Wurzeln ? Kaum. Es gibt einige Projekte wie z.B. die in Köln ansässige "Akademie för uns kölsche Sproch " (http://www.koelsch-akademie.de/) und kleiner örtliche Projekte. Gesprochen wird die "Sproch" aber nur noch von älteren, sie trocknet aus, sie verschwindet.

Mir tut das weh. Bevor jetzt die Nationalisten denken, sie hätten eine deutsch-nationale Schwachstelle bei mir entdeckt und ich sei ein heimlicher Deutschtümeler. Falsch. Das Gegenteil ist der Fall. In der Vielfalt der Dialekte zeigt sich die Vielfalt der Menschen, ein buntes Deutschland, ein buntes Europa und eine bunte Welt. Es ist nicht nötig seine nationale oder regionale Herkunft zu verleugnen und seine Muttersprache , hier den Dialekt, zu verraten und zu verkaufen. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken - und zwar im doppelten Sinne.

Natürlich ist das sogenannte Hochdeutsch als Amts- und Kommunikationssprache zwischen allen Bürgern wichtig und natürlich sollte jeder Bürger diese Sprache beherrschen. Aber nicht um den Preis, damit eine Einheitsidentität überzustülpen und seine Herkunft zu verleugnen. "Deutschsprach, Deutschsprach über alles" kann nicht das Ziel sein. Vielmehr Erhaltung und Wiederbelebung der Dialekte.

Dass Dialekt und Nationalismus nichts, aber auch gar nicht miteinander zu tun haben, zeigen alle Künstler die an der größten antirassistischen und antinationalistischen Demonstration am 9.11.1992 und am 9.11.2012 teilgenommen haben. Die heißt nicht "Hintern hoch - Zähne auseinander", nein, die heißt kraftvoll "ARSCH HUH - ZÄNG USSSENANDER". Ich versteige mich mal zu der Behauptung, dass ein lebender Lokalpatriotismus eine natürliche Immunisierung gegen jede Form von Nationalismus mit sich bringt. Auf Hochdeutsch wäre eine solche Veranstaltung mit dieser emotionalen Intensität kaum vorstellbar, "do fählt et Hätz".

Ich erinnere mich an eine "Einer wird gewinnen" - Sendung mit Hans Joachim Kulenkampff, lange her. Auf der Bühne stand ein Statist in britischer Beefeater-Uniform für irgendein Zuordnungsspiel. Nach dem Spiel fragte der Moderator diesen Statisten, "where do you come from" und der antwortet in herzerfrischendem Kölsch, "Isch bin uss Nippes". So muss es sein, unvergesslich, mein Held, der Nippesser.

Vielleicht können die Kindergärten ja mal in den Altersheimen vorbeischauen. Vielleicht können die Alten ihnen die alten Martinslieder vorsingen. Vielleicht können die Kindergärtnerinnen das mit ihren schicken smartphones aufnehmen, die alten Texte aufschreiben. Vielleicht kann meine Mutter beim nächsten oder übernächsten Martinszug wieder die alten guten Lieder hören.

Nee, watt wör datt schön.

mehr

10.11.2012 Hirntod ist ein gefährlicher Begriff

GFDK - Heinz Sauren

Der Hirntod ist ein gefährlicher Begriff. Wer vor zehn Jahren, nach Stand der damaligen Meßtechnik Hirntod war, dürfte es heute bereits nicht mehr sein, da genauere Meßungen möglich sind. Wie immer auch der Stand der Technik sein wird, ist dieser Stand nicht mehr als ein "momentaner", und sagt wenig über den tatsächlichen Tod aus.

Das Gehirn steuert unsere Körperfunktionen. Sobald das Gehirn tatsächlich tot ist, zersetzen sich die neuralen Vernetzungen. In diesem Fall wäre auch eine künstliche Lebenserhaltung nicht mehr möglich, da es auch keinen Stoffwechsel mehr geben würde. Solange ein Mensch künstlich am Leben gehalten werden kann, mögen gewisse Funktionen (noch) nicht mehr meßbar sein, aber er ist nicht tot. Auch wenn es unserem Glauben an eine allwissende Medizin widerspricht, eine Organspende eines Toten ist nicht möglich.

Der Tod ist kein plötzlich eintretendes Ereignis, ähnlich einem Lichtschalter den man ausknippst. Er ist wie alles in unserem Leben ein Prozess, der seine Zeit braucht und erst abgeschlossen ist, wenn sich alle Organe durch mangelnde Versorgung zersetzen und ihre Funktion verlieren. Dann aber sind sie auch für eine Transplantation nicht mehr zu gebrauchen.

Nach dem Herztod bleibt das Gehirn noch mehrere Minuten funktinonstüchtig, bis dann der Hirntod festgestellt werden kann. Auch nach dem Hirntod ist das Gehirn noch aktiv, hat noch Kontakt mit den Nervenbahnen, reagiert nur nicht mehr auf äussere Stimulation.

Ich muss davon ausgehen, das mein "ich" sich mit meinem Tod auflöst, aber erst aufgelöst ist, wenn das Gehirn zu 100% seine Tätigkeit eingestellt hat und nicht wenn noch x% verbleiben die aber noch nicht meßbar sind.
Eine große Problematik sehe ich auch in dem entnohmenen Organ. Wir alle wehren uns gegen Gen manipulierte Nahrung, weil wir nicht wissen, welche Folgen sich für unseren Körper daraus ergeben. Bei einer Transplantation lassen wir uns Gewebe oder Organe eines anderen Menschen einpflanzen.

Unser Körper wehrt sich gegen fremdes Gewebe, den fremden Gen-Code, daher müssen Transplantionspatienten den Rest ihres Lebens Medikamente schlucken, die diese Abwehrreaktion unterdrücken sollen. Ich glaube nicht, dass unser Körper das aus ideologischen Gründen tut, sondern weil es ein Schutzfunktion ist.

Sie dürfte uns vor etwas bewahren wollen, was wir wohl erst bennenen können, wenn unsere Medizin es entdeckt hat und dann auch noch propagieren will. Wir sollten nicht vergessen, das unsere medizinischen Systeme nicht dazu dienen möglichst vielen Menschen zu helfen, sondern wie jedes andere Wirtschaftssystem auch, Gewinne machen will und muss.


Ich lehne für mich jegliche Organtransplantation ab, als Spender und Empfänger.

 

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno


 

 

mehr

08.11.2012 Ehemaliger EBS-Chef weist Untreue-Vorwürfe zurück

Marco Kreuter

Der frühere Chef der privaten Wiesbadener Elite-Universität European Business School (EBS), Christopher Jahns, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Wiesbadener Staatsanwaltschaft, von der er sich zu Unrecht verfolgt sieht. Jahns wirft der Staatsanwaltschaft vor, einseitig ermittelt zu haben. In der Sendung „defacto“ im hr-fernsehen sagt Jahns: „Ich habe zu keiner Zeit im staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren Fairness erfahren.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben mir die existenzielle Grundlage entzogen in wesentlichen Teilen. […] Ich hab meine Autos verkauft. Ich habe das Haus verkauft.“

Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden hat Jahns wegen des Verdachts der Untreue zu Lasten der EBS angeklagt. Die Anklagebehörde wirft dem früheren Hochschul-Chef vor, auf Kosten der EBS Scheinrechnungen über rund 180.000 Euro an ein Unternehmen beglichen zu haben, an dem Jahns damals selbst beteiligt war. Jahns weist das zurück: „Zu den Vorwürfen kann ich ganz klar sagen, dass ich von meiner Unschuld zu einhundert Prozent überzeugt bin.“

Erstmals seit der Eröffnung des Ermittlungsverfahrens äußert sich Jahns im hr-fernsehen auch dazu, was die massiven Vorwürfe für ihn persönlich bedeuteten. Bis zu dem Ermittlungsverfahren galt Jahns als schillernde Figur in der hessischen Hochschulszene. Danach kam ein tiefer Absturz. In der Sendung „defacto“ berichtet er, er habe zwischenzeitlich Selbstmordgedanken gehabt: „Es gab einen Morgen, da hat meine Partnerin mich auf dem Balkon gefunden. Ich kann mich da nicht mehr so richtig dran erinnern. Und da wollte ich wohl vom Balkon springen. Aus der sechsten Etage.“

Unterdessen hat Jahns eine eigene Klage gegen das Land Hessen angestrengt und vor wenigen Tagen nochmals erweitert. Er fordert mindestens 155.000 Euro Entschädigung plus Schadensersatz wegen schwerwiegender Rechtsverstöße. Jahns wörtlich: „Ich wurde beschuldigt und in der Öffentlichkeit vorverurteilt, brutal vorverurteilt von der Staatsanwaltschaft.“

Dem hr-Magazin „defacto“ gegenüber verteidigte Jahns auch die rund 600.000 Euro teure Feier zur Eröffnung der EBS-Universität in Wiesbaden. Jahns: „Ich denke diese Universitätsfeier war richtig. Mit tausend Leuten das zu feiern. Mit der Wirtschaft, mit den Förderern, mit zukünftigen Förderern. Das ist nicht aus Steuergeldern bezahlt worden, sondern aus dem Budget der EBS.“

Jahns gibt erstmals auch eigene Fehler zu: So sei es nicht richtig gewesen, nach der Umwidmung der EBS von einer privaten Business School in eine Universität, den Chefposten behalten zu haben. Jahns: „Dann kamen bei der Unigründung die Steuergelder dazu. Und das würde ich im Nachhinein anders machen. Weil: Ich hätte, glaube ich, damals als Präsident auch sagen müssen: Okay, ich habe das alles hingebracht und jetzt konzentriere ich mich wieder ganz auf mein Unternehmen. Ich glaube nicht, dass das in Deutschland richtig möglich ist: Präsident einer Hochschule zu sein - auch wenn es eine private ist - und gleichzeitig Unternehmer.“

Eine Rückkehr an die EBS schloss Jahns auch für die Zukunft aus: „Ich denke das Thema EBS und Jahns, das Kapitel ist abgeschlossen. Ja, und das ist auch gut so.“

Die Anklage gegen Christopher Jahns liegt derzeit beim Landgericht Wiesbaden. Dort wird nun entschieden, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. Jahns: „Ich bin voller Hoffnung, dass gerade die jetzt mit der Sache beschäftigen Gerichte absolut fair und rechtsstaatlich entscheiden werden.“

Das komplette Gespräch wird in der Sendung „defacto“ am Sonntag um 18 Uhr im hr-fernsehen ausgestrahlt.

Untreue-Verdacht EBS-Präsident Jahns festgenommen

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region/untreue-verdacht-ebs-praesident-jahns-festgenommen-1622181.html

Eliteschmiede EBS Hochschule durchsucht, Präsident verhaftet

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/eliteschmiede-ebs-hochschule-durchsucht-praesident-verhaftet-a-755002.html

 

mehr

06.11.2012 also rechtlich eine Leiche

GFDK - Prof. Dr. med. Axel W. Bauer

Der Hirntod wurde 1997 im deutschen Transplantationsgesetz (TPG) aus drei Gründen verankert, die nichts mit der medizinischen, philosophischen oder theologischen Korrektheit dieses neuen Todeskriteriums zu tun hatten. Vielmehr nahm der Gesetzgeber Bezug auf Probleme, die eintreten könnten, wenn man den Hirntod nicht als den Tod des Menschen betrachten würde:

1. Der Arzt würde den Patienten bei der Organentnahme töten; 2. die aktive Sterbehilfe könnte begünstigt werden; 3. die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung könnte abnehmen.

Die Begründung des Hirntodkriteriums leitete sich also nicht aus der Sache an sich, sondern aus den unerwünschten Folgen einer Zurückweisung eben dieses Kriteriums ab. So entstand nicht zu Unrecht der Eindruck, der Staat wolle schwer kranke und am Beginn des Sterbeprozesses stehende Menschen nur deshalb rechtlich für tot erklären, um ihnen Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können.

Die daraufhin vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer formulierten Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes sehen deshalb auch vor, dass durch die entsprechende Diagnostik „nicht der Zeitpunkt des eintretenden, sondern der Zustand des bereits eingetretenen Todes“ festgestellt werde. Als Todeszeit wird die Uhrzeit registriert, zu der die Diagnose und Dokumentation des Hirntodes abgeschlossen sind.

Eigentlich wäre der Hirntote nun also rechtlich eine Leiche. Aber noch niemand ist auf die Idee gekommen, einen solchen Menschen zu bestatten. Denn für eine Bestattung ist der Hirntote längst noch nicht tot genug. Er lebt nämlich noch! Zunächst müssen also die intensivmedizinischen Maßnahmen abgebrochen und die künstliche Beatmung beendet werden, damit der Hirntote nach einer Weile tatsächlich sterben kann. Und erst dann, wenn der Tod des gesamten Organismus nach dem irreversiblen Herz- und Kreislaufstillstand eingetreten ist, kann die Bestattung des Verstorbenen erfolgen.

Das Hirntodkriterium wurde von Anfang an instrumentalisiert, um einem Sterbenden lebende Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können.

Das Transplantationsgesetz wurde auf juristisch raffinierte Weise dazu benutzt, diesen Zusammenhang zu vernebeln. In den Organspendeausweisen ist nur davon die Rede, dass „nach meinem Tod“ bzw. „nach der ärztlichen Feststellung meines Todes“ Organe entnommen werden dürfen. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass mit dem Tod nur der Ausfall der Gehirnfunktionen gemeint ist.

Bewusste Irreführung der Öffentlichkeit

Diese bewusste Irreführung der Öffentlichkeit wird durch das Transplantationsgesetz formal legitimiert, denn § 3 Absatz 1 Nr. 2 TPG sagt ausdrücklich, dass die Entnahme von Organen oder Geweben nur zulässig ist, wenn „der Tod des Organ- oder Gewebespenders nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist“.

Mit anderen Worten: Wann wir tot sind, entscheidet autoritativ der Mainstream der medizinischen Wissenschaft in eigener Regie. Und dieser Mainstream, der natürlich vorrangig auf die Interessen der einflussreichen Transplantationsmediziner Rücksicht nimmt, hat sich eben derzeit auf den Hirntod als das entscheidende Todeskriterium geeinigt. Der Gesetzgeber selbst hat dies in kluger, aber auch raffinierter Weise nicht selbst getan.

Er hat lediglich in § 3 Absatz 2 Nr. 2 TPG festgelegt, dass Organe und Gewebe frühestens dann entnommen werden dürfen, wenn „der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist.“

Sowohl der Staat als auch die Kirchen vertreten seit mehr als 20 Jahren die verfehlte Auffassung, dass die Kriterien für die Feststellung des Todes von der medizinischen Wissenschaft nach medizinisch-naturwissenschaftlichen Regeln zu definieren seien. Die Definition des Todes sei keine Aufgabe der Politik oder des Gesetzgebers.

Allein die natur­wissenschaftliche Forschung könne für alle Menschen in gleicher Weise feststellen, welche körperlichen Befunde Leben und Tod voneinander abgrenzen, unabhängig von einem be­stimmten Menschenbild oder einem subjek­tiven Verständnis von Leben und Tod. So hat diesen Grundgedanken der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 25. Juni 1997 formuliert.

Vom Mainstream der Medizin gewünschte Kriterien

Verfehlt ist diese Auffassung aber deshalb, weil es zwar die medizinische Wissenschaft ist, mit deren Methoden ein Arzt feststellen kann, ob die für die Bestimmung des Todes geltenden Kriterien im Einzelfall tatsächlich vorliegen oder nicht. Es kann aber nicht der Medizin überlassen werden, welche gerade aktuellen, vom Mainstream der Medizin gewünschten Kriterien für den Tod herangezogen werden.

Eine derartige Autonomie der Medizin darf es in einem Rechtsstaat nicht geben.  Hier geht es um eine Grundfrage des menschlichen Lebens und seines vom Staat zu gewährleistenden Schutzes. Der Hirntod ist nicht der Tod des Menschen, sondern er markiert das vorzeitige Ende des seinen Bürgern vom Staat garantierten Rechts auf Leben.

 

Prof. Dr. med. Axel W. Bauer
Mitglied des Deutschen Ethikrates

von April 2008 bis April 2012

http://www.ethikrat.org/

Organtransplantation - Von der Gesundheits- zur Tötungsindustrie ?

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/reden-ist-silber/meinung/organtransplantation-von-der-gesundheits-zur-toetungsindustrie.html

 

 

mehr

05.11.2012 Zarathustra-Hedda triumphiert – und scheitert

GFDK - Liane Bednarz

Sie hat schwarze Hände. Voller Ruß von den Ascheresten eines Manuskripts, das sie im lodernden Feuer verbrannt hat. Als sie eine weiße Wand berührt, hinterlassen ihre Hände merkwürdigerweise jedoch keine Spuren. Nichts bleibt von Hedda Gabler - ihr gehören die Hände. Weder im Leben, noch im Tod. Dieses besonders eindringliche Bild prägt Intendant und Regisseur Martin Kusej dem Publikum im Residenztheater München ins Gedächtnis ein.

„Hedda Gabler“ im „Resi“. Da erwartet man Großes, Neues. Denn hier wurde Ibsens Meisterwerk am 31. Januar 1891 uraufgeführt. Also Chance und Herausforderung für Martin Kusej zu Beginn seiner zweiten Spielzeit am Bayerischen Staatsschauspiel. Und der gebürtige Kärtner ist mutig ans Werk gegangen: So düster, so abgründig, so niederträchtig hat man Ibsens Antiheldin in den letzten Jahren selten auf deutschen Bühnen gesehen. Hedda Gabler in der Lebensgruft, tot schon zu Lebzeiten.

Düsterfrau im fahlen Licht

Ibsens dramatischer Vierakter erzählt die Geschichte einer Generalstochter, die sich mehr von einer Ehe erhoffte, als sie bekam, damit furchtbar hadert und sich in Allmachtsphantasien flüchtet. Noch vor dem ersten Wort aus Ibsens Feder hört man aus dem Off Worte aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“: „Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das Höchste.“ Zarathustra als Opener für „Hedda Gabler“? Übermensch und Übermenschin?

Die Inszenierung beginnt düster-puristisch, und düster-puristisch bleibt sie (Bühne: Annette Murschetz). Kaum Weiß im dominierenden Schwarz. Harte, klare Schnitte trennen die einzelnen Szenen voneinander: völlige Dunkelheit, untermalt von dissonanten Tönen (Musik: Jan Faszbender). Die teure Villa, in die Hedda mit Ehemann Jørgen Tesman kurz nach der ebenfalls teuren Hochzeitsreise einzieht, ist links nur durch eine strahlend weiße, stuck-verzierte Wand und Tür angedeutet. Der Rest der weit nach hinten reichenden Bühne bleibt schwarz. An den seitlichen Wänden dunkelgraue, schieferartige Platten, rechts ein fahl angeleuchteter Haufen aufeinander geworfener schwarzer Bistro-Stühle.

Leere Villa, leere Seelen, leere Ehe

Barbara de Koy als Juliane, die Tante Tesmans, lässt durchblicken, was es mit den Lebensumständen der Tesmans auf sich hat. Die in Michigan geborene Schauspielerin zeichnet spielsicher eine hysterische und besitzergreifende eifersüchtige alte Jungfer. Alles ist auf Pump finanziert, alles auf einen nahenden beruflichen Erfolg Tesmans gesetzt. Er, der Kulturwissenschaftler, soll bald zum Professor ernannt werden. Aber Alternativen gäbe es sowieso keine, denn Generalstochter Hedda verlangt nach einem standesgemäßen Leben. Kleinbürgertum kommt für sie nicht in Frage. Das war, sozusagen, der „Deal“ einer Ehe, die Hedda nicht aus Liebe eingegangen ist.

Aber was soll man schon machen, wenn man selbst älter und der Heiratsmarkt langsam leerer wird? Dann tut es notfalls auch ein Tesman, jedenfalls dann, wenn er vielversprechende Karriereaussichten zu haben scheint. Man ahnt: das kann nicht gut ausgehen. Und Norman Hacke spielt ihn wunderbar, diesen ahnungslosen, hoffnungslos verliebten, braven Deppen. Ständig ist Tesman bemüht, Hedda bei Laune zu halten, ihr alles recht zu machen. Seine Unterwürfigkeit erntet indes nur eines: Verachtung.

Ennui und Verachtung einer toten Lebendigen

Hedda macht keinen Hehl daraus, dass sie Tesman, die Tante und das „lächerliche“ Leben, das sie nun führt, verachtet. Birgit Minichmayrs Darstellung der Hedda lässt das Blut in den Adern gefrieren. Fleischgewordene Verachtung. Gelangweilt und angewidert von einer Kleinbürgeröde innerhalb einer viel zu großen Villa. Für Möbel reichte selbst das geborgte Geld nicht mehr aus. Man wohnt in fast leeren Räumen einer potemkinschen Edelbehausung.

Heddas einziger Zeitvertreib ist das Herumschießen mit ihren Pistolen – Erbstücke des General-Vaters. Ihr bleiches und gefühlloses Gesicht könnte direkt aus einem Wachsfigurenkabinett entstammen. Keine Spur einer menschlichen Regung, die über Gefrierschranktemperatur hinausreichen würde. Minichmayrs reduziertes Mimikspiel könnte kaum präziser sein.

Wie alle Figuren erscheint auch Martin Kusejs Hedda im historischen Kleid der Ibsen-Zeit (Kostüme: Heide Kastler). Ihr langer schwarzer satinartiger Rock und die cremefarbene Bluse, die später einem schwarzen, ebenfalls satinartigen Oberteil weicht, haben nichts Verspieltes an sich. Steife Korsettartigkeit. Das für diese Zeit eigentlich untypische, kurze Haar passt indes nicht ins Bild. Oder soll es ihre strenge Erscheinung unterstützen, sie abgrenzen?

Auch ihre Stimme ist rauh und hart. Mit klirrenden Worten und giftigen Blickpfeilen spießt Hedda ihre Mitspieler auf und treibt diese mit der Macht der Verachtung vor sich her. Deklassierend. Man erlebt einen fast asexuellen Zombie. Ein Rätsel, wie diese Hedda überhaupt schwanger werden konnte. Aber der Bauch, über den sie sich jedes Gespräch verbietet, ist unübersehbar.

Ibsenesker Wiedergänger aus der Vergangenheit

Ibsen-gemäß bricht nun in diese Ehehölle unvermittelt die Vergangenheit ein und lässt keinen Stein auf dem anderen stehen. Anders als etwa in den „Gespenstern“ oder der „Wildente“ deckt Ibsen in „Hedda Gabler“ jedoch keine Lebenslügen auf, entlarvt keine streng verheimlichten Vaterschaften. Sondern bringt mit Ejlert Løvberg – ebenfalls Kulturwissenschaftler und Studienkollege Tesmans – eine Figur ins Spiel, die die Ehe endgültig zur Komplettfarce degradiert.

Zur Erklärung: Ejlert Løvberg war einst Heddas Verehrer, und vertraute ihr seine dionysisch-satyrischen Ausschweifungen an. Eben jene stoppten jedoch auch seine Karriere. Nun steht er plötzlich wieder vor ihr. In der Villa. Geläutert. Nicht nur den Exzessen hat er abgeschworen, er hat obendrein einen kulturgeschichtlichen Bestseller geschrieben und bereits nachgelegt mit einem neuen Manuskript, ebenfalls bestsellerverdächtig. Sebastian Blomberg spielt Løvberg so bemüht selbstkontrolliert – das wilde Tier in ihm scheint nur auszuruhen –, dass man schmunzeln muss. Er wirkt wie ein Gummibaum, der sich als harte Eiche verkleidet hat. Ja, es gibt durchaus auch Amüsantes.

Die Vernichtung

Durch Løvbergs Ruhm wirkt nun also Tesmans Werk über den „Hausfleiß im Brabant des Mittelalters“ noch lächerlicher. Bestsellerpotential null. Das erkennt auch Hedda überdeutlich und holt zum Vernichtungsschlag aus, indem sie Løvbergs Schwachstelle bearbeitet: Seine dionysisch-satyrische Natur. Auch Thea Elvsted kann ihn davor nicht retten, ein scheinbar naiv-liebes, zugleich aber enorm enervierendes Frauchen, das Løvberg aus der Provinz nachgereist ist.

Die gerade aus Hannover ans Residenztheater verpflichtete Schauspielerin Hanna Scheibe schafft es meisterhaft, den Spagat zwischen platt-motivierender Künstlermuse und nervigem Dummchen dazustellen. Ständig plappernd, ständig Løvberg betüddelnd, ständig bemüht, ihn vor sich selbst zu schützen. Dabei so unaufgeräumt und fahrig wie ihre dauerzerzausten Haare. Aber ihre Besorgtheit ist durchaus ambivalent. Je mehr es mit Løvberg bergab geht, umso mehr bejammert Elvsted sich selbst. Løvbergs Karriere war auch ihr „Kind“. Kusej führt Elvsted so als Paradebeispiel des Menschen mit Helfersyndrom vor, dessen Antrieb vor allem eines ist: das eigene Ego.

Zarathustra-Hedda triumphiert – und scheitert.

Als Løvberg sein unveröffentlichtes neues Manuskript in einer durchzechten Nacht, die im Bordell endete, verliert, sieht Hedda ihre Chance kommen. Jene Hedda, die, da ausgerechnet ihr Ehemann das Manuskript auf der Straße gefunden hat, genau dieses längst selbst in den Händen hat. Von da an spielt Hedda – wie Nietzsches Übermensch – Schöpfer(in): „Ja! Ein einziges Mal in meinem Leben möchte ich Macht haben über das Schicksal eines Menschen.“ Und für Hedda heißt das: Ejlert Løvberg zum Suizid, also zur Selbstvernichtung zu überreden. Und zwar „in Schönheit“, unbedingt und bitte bitte „in Schönheit“, also mit einem präzisen Schuss aus einer ihrer Pistolen. Erbärmliche Machtphantasien einer gescheiterten Frau.

Aber es kommt es, wie es kommen muss. Nichts ist es mit der erträumten Schönheit der Tat des Suizidenten. Nein, nur ein hässlicher Unfall geschieht. Ausgerechnet bei einem weiteren Bordellbesuch Løvbergs löst sich ein Schuss aus der Pistole unter seiner Jacke und lässt ihn qualvoll verenden. Als Hedda die Nachricht vom schäbigen, so nicht geplanten Ende erhält, ist ihre Wut so groß, dass sie nur noch hilflos heiser fauchen und schreien kann.

Richter Brack, Überbringer der Nachricht, ist ein korpulenter, schmieriger Mann mit fettigem Haar. Von dem herausragenden Oliver Nägele wird er so treffend gezeichnet, dass man Heddas Ekel vor ihm förmlich selbst spüren kann. Und ausgerechnet der lässt dann auch noch durchblicken, dass er um alles weiß und die Polizei leicht dazu bringen könnte, Fragen nach dem Eigentümer der Pistole und dem Warum und Weshalb zu stellen. Könnte, aber nicht müsste. Solange Hedda eben, na ja, sie wisse schon. Als Vorgeschmack auf Kommendes knutscht er sie schon einmal ab.

Und Hedda? Erkennt ihre Nicht-Macht. In der Hand eines anderen sein? Niemals! Sie geht nach hinten ab. Und drückt ab. Ende einer Pistolenfrau. Derweil versuchen Tesman und Thea, Løvbergs Manuskript zu rekonstruieren, das Hedda in einer schon dem Wahnsinn anheimfallenden Allmachtsphantasie zuvor im offenen Feuer verbrannt hatte. Ab da hatte sogar Ehemann Tesman genug. Vom Suizid Heddas ein paar Meter weiter sind Tesman, Thea und Brack demgemäß lediglich kurz indigniert. Ungerührt gehen sie weiter ihrem Tagwerk nach. Vorhang.

Hedda Gabler hinterlässt keine Spuren. Sie ist nicht Zarathustra. Sie wollte nur wie Zarathustra sein. Aber dieser großartige Abend in München geht an den Zuschauern nicht spurenlos vorbei. Die düstere Inszenierung wirkt nach. Hier wurde man Zeuge eines Abstiegs in die Untiefen einer verlorenen Seele. Zurückgekehrt an den Ort, an dem das Stück einst uraufgeführt wurde.

Dr. Liane Bednarz

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert. Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und schrieb für die "Westfalenpost Schwelm."

Spielplan:

http://www.residenztheater.de/inszenierung/hedda-gabler

 

mehr
Treffer: 641
Top