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Reden ist silber...Schreiben ist gold

25.03.2013 Der Tabubruch der Enteignung

GFDK - Heinz Sauren

Ein finanztechnischer Tabubruch ist es auf jeden Fall und ein politischer Dammbruch ist wohl auch. Zwangsenteignung sind ab heute ein legitimes Mittel der europäischer Politik. Die Regierungschefs Europas haben beschlossen dem notleidenden Zypern einen Kredit in Höhe von 10 Milliarden Euro zu gewähren, unter der  Auflage die Privatkonten zu teilenteignen.

6,75 % vom Kontoguthaben bis 100.000,- Euro und darüber hinaus 9,99 %, werden mit sofortiger Wirkung eingefroren um eine Kapitalflucht zu verhindern, um sie dann anschließend auf staatliche Konten zu transferieren.

Finanztechnisch ist hier eine heilige Kuh geschlachtet worden, das Tor ist nun offen. Politisch ist der Beweis erbracht worden, dass jedes Konto, in jedem Land zu jeder Zeit gesperrt und geplündert werden kann, ohne Schuld und ohne Ermittlung, einfach auf Geheiß der Regierung, wenn sie es für nötig erachtet. Auch der Einwand, dass es für so etwas eine gesetzliche Grundlage geben müsse, gilt nicht mehr. Es gab in Zypern keine gesetzliche Grundlage, aber bevor in Zypern der erste Bankschalter öffnet, wird es sie geben. Sie wird mal eben während eines Wochenendes durchgepaukt.

Jeder Bürger in Europa sollte diese Botschaft verstehen, denn morgen kann es sein Konto sein, egal in welchem Land er lebt. Niemand kann sich von heute an, seines Geld auf einem Konto sicher sein.

Dabei war das Ergebnis abzusehen. Die EZB hatte ihren Zinssatz auf null gefahren um Banken die Möglichkeit zu geben, sich billiges Geld zu verschaffen. Das taten die Player im Finanzcasino und investierten das Geld, was sie sich zu null Prozent geliehen hatten, in europäischen Krisenländern um Märchenzinssätze von sieben Prozent zu bekommen. Zyperns Banken ersticken förmlich im Geld internationaler Anleger, können aber die Zinsen ihrer Gläubiger nicht erwirtschaften.

Ein gutes Geschäft für den Anleger, welches zwangsläufig mit der Pleite der Bank endet. Auch diesmal tragen die Investoren und Anleger kein Risiko. Sie können auf ihren Einfluss in der Politik zählen und so werden diesmal die Privatkunden teilenteignet. Es wurde offensichtlich bei der Formulierung sorgsam darauf geachtet, das keine Geschäftskonten betroffen sind. Das aber, wären die Verursacher, die Investoren und Anleger gewesen.

Zur Rettung des Finanzsystems und des Euros, haben wir gesehen wie bestehende Vereinbarungen ignoriert und Gesetze zurecht gebogen oder schlicht gebrochen wurden. Wir haben erlebt das Regierungen ohne demokratische Legitimation abgesetzt und durch eurohörige Technokraten ersetzt wurden. Wir mussten miterleben wie der südliche Teil Europas entrechtet wurde und an Sanktionen verarmte. Nun wurde die Enteignung legitimiert.

Wie viel muss noch zu sehen sein und wie viel muss noch ertragen werden, bevor dieses Volk darauf reagiert. Es ist offensichtlich, dass der Euro und sein gesamtes Finanzsystem nur noch mit Mitteln aufrecht erhalten werden kann, die allesamt noch vor wenigen Jahren strafbar gewesen wären.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

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25.03.2013 AGENDA 2010 Schall & Rauch

GFDK - Georg Wilhelm von Fürstenberg

Einst beweihräucherten sich ein Wirtschaftskrimineller Peter Hartz und ein Bundeskanzler Gerhart Schröder für ein Machwerk, das sie aus ihrer weltfremden Fernsicht auf Volk, der Realität in der Gesellschaft und wirtschaftliche Trends, als Innovation und gar noch als Revolution bezeichneten.

Unter den Eindruck entfesselter Finanzmärkte wurde die Agenda 2010 durch gepeitscht; um den Wohlfühlraum für das weltweit vagabundierende Kapital auch in Deutschland zu erweitern. Ein kurzsichtiger Blick für die Heilsbringer des Kapitals.

Dabei waren ihre Ideen so neu gar nicht, in dem sogenannten Lambsdorff Papier, wurde der Idee der Agenda 2010 bereits vorgegriffen. Wirtschaftskraft kontra sozialer Faktoren, insbesondere die Schwächung der Vertreter der Arbeiterschaft in der sozialen Marktwirtschaft, die Gewerkschaften waren das vorrangige Ziel. 1982 waren die Ideen des Wirtschaftsministers Otto Graf von Lambsdorff (FDP) praktisch der Vorreiter der Agenda 2010. Nach diesem Papier, war deutsche Politik immer mehr beseelt von dem Wahn der Liberalisierung der Wirtschaft mit Hilfe politischer Steuerung.

Das Lambsdorff Papier, was Helmut Schmidt noch ablehnte und mit den Worten kommentierte: „Dokument der Trennung“, welches als Wegweiser zu anderen Mehrheiten diene: „Sie will in der Tat eine Wende, und zwar eine Abwendung vom demokratischen Sozialstaat im Sinne des Art. 20 unseres Grundgesetzes und eine Hinwendung zur Ellenbogengesellschaft.“


Drei Wochen nach der Vorlage durch Wirtschaftsminister Otto Graf von Lambsdorffs und der Ablehnung des Papiers durch Bundeskanzler Schmidt, wurde Helmut Schmidt durch ein Misstrauensvotum gestürzt. Die Regierung Helmut Kohl übernahm. In Koalition von CDU/CSU und natürlich des „Kanzlermörders“ die FDP.
Nach diesen Papier, war deutsche Politik immer mehr beseelt von dem Wahn der Liberalisierung der Wirtschaft mit Hilfe politischer Steuerung.

Der Neoliberalismus übernahm die Herrschaft. Es folgten 25 Jahre konsequentes zusteuern auf die Demontage des Konzeptes der sozialen Marktwirtschaft. Das die Agenda 2010 nun nicht von einer CDU/CSU/FDP Koalition initialisiert wurde, sondern von einer Rot Grünen SPD Regierung, mag vielleicht überraschen. Doch im Kontext mit der neoliberalen Grundstimmung in der Politik eher leicht verständlich.

Der Preis ist hoch und die Erfolge stehen nur auf dem Papier, in geschönten Statistiken und sich selbst huldigenden Reden vieler Politik Größen. Das einzige, was man für wahr sehen kann, ist die magische Arbeitslosen Marke von drei Millionen. Die ist relativ stabil, bis jetzt noch. Dabei ist zu berücksichtigen, das geschätzte 8 Millionen Menschen in Deutschland, seit der Agenda 2010 in sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen verbleiben, die nicht zum Leben reichen und somit teilweise auch ergänzend mit Hartz VI aufgestockt werden.


Viele dieser prekär Beschäftigten, die nicht in der Statistik als so genannte Aufstocker auftauchen, haben zum teil bis zu drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Ein Fakt ist ob Aufstocker oder Einzelkämpfer, die Statistik der Arbeitslosen, ist um diese Bürger bereinigt.

Somit kann man die Zahl von 3 Millionen Arbeitslosen, wohl getrost vergessen. Da es sich hier nicht um Arbeit im alt hergebrachten Sinne handelt, die der Sicherung des Lebensunterhaltes dient.
Die Situation der 1-2 Millionen Leiharbeiter in Deutschland, den beliebt gewordenen Billig Arbeitnehmer zweiter Klasse, ist auch nicht, der einst gelobte deutsche Sozialstandards. Leiharbeiter sind rechtlich und im Bezug auf Vergütung, dem Festangestellten Betriebsangehörigen deutlich schlechter gestellt.


Die ca 5-6 Millionen Hartz IV Empfänger, die mit einen Dach über dem Kopf und Notgroschen für eher ungesunde Ernährung bei der Stange gehalten werden, sind durch drohende Sanktionierungen eingeschüchtert und handlungsunfähig gemacht worden. Diese Hartz IV Empfänger fallen natürlich auch aus der Statistik. Diese Bereinigung der Arbeitsmarktstatistik funktioniert. Der Bürger ist verunsichert und findet sich mit dem neuen Klima in der Bundesrepublik ab.

Man kann bei Betrachtung dieser Zahlen und den Fakten des Umfeldes, wohl ohne zu Übertreibung sagen. Eine ehrlich Arbeitsmarktstatistik in Deutschland, würde wohl eher 5-10 Millionen Arbeitslose ausweisen. Das kann man der erfolgreichsten Bundesregierung aller Zeiten in Deutschland schon mal sagen. Denn seit der Agenda 2010, sind echte Arbeitsplätze abgewandert, aber kaum neue echte Arbeitsplätze entstanden. Frühere Nebenjobs nennt man heute Minijobs. Das ist eine Neuerung. Ändert nur nichts an der Tatsache, das früher davon Niemand leben konnte und heute auch nicht.

Die Erfolgsgeschichte der Agenda 2010 ist nur für Unternehmen und Konzerne eine Erfolgsgeschichte. Das faktische Ende der Arbeitnehmerrechte, ihr Wohlfühlraum wurde tatsächlich deutlich erweitert.
Für den Bürger bedeutet diese Erfolgsgeschichte nur dies, der massive Abbau des Sozialstaates und die endgültige Verwässerung der Demokratie.

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22.03.2013 Eine Frage des Geschmacks

GFDK - Marie Allnoch

Lange ließ es sich erahnen, jetzt hat sich die Vermutung bestätigt. RTL ist nicht nur in der Lage, die Kulturlandschaft Deutschland vor dem intellektuellen Zusammenbruch zu bewahren. Nein, weitaus mehr.

Schon lange hat der Durchschnittsdeutsche (zumindest wird uns diese Wahrheit suggeriert) dank Supernanny und Peter Zwegat seine verzogene Gören und unverhältnismäßigen Katalogbestellungen in den Griff bekommen. Auch in seinen eigenen vier Wänden fühlt er sich dank den in zahlreichen Tiermessi-Reportagen zur Schau gestellten Normabweichungen wieder wohl.  Jetzt endlich hat sich der Sender auch in unser aller intimsten Bereich gewagt und das Allheilmittel gegen Lustlosigkeit entdeckt. Aufmerksam habe ich gelernt: Gegen das Ausbleiben ehelicher Zärtlichkeiten hilft nur eins. Eheliche Zärtlichkeiten. Diese weise Botschaft vermittelt das gewissenhaft recherchierte Format „Sieben Tage Sex".

Lernphase:

Das Einbüßen der Leidenschaft in einer langen Beziehung ist logische Konsequenz ebendieser und unumgänglich. Hierbei ist zu bemerken, dass das sexuelle Desinteresse am Partner gehäuft im Empfinden des passiven Parts der Beziehung auftritt. Diese Entwicklung ruft augenscheinlich Kommunikationsschwierigkeiten und Ignoranz gegenüber den Wünschen des Gespielen beim verschmähten Partner hervor. Merksatz: „Ich hab Lust auf Sex" – „Nein." – „Doch!" – „Nein." – Doch!"

Zur Begründung

Die Gründe für das Abflauen der sexuellen Anziehung sind einzig und allein im Vergehen der Zeit zu suchen. Vertrauensbrüche und Fremdgehen sind ebenso wie mangelnde Hygiene,  der liebevolle Kosename „Mutti" oder völlige Vernachlässigung der Beziehung lediglich unangenehme Randerscheinungen, die in keinerlei Verbindung zum Hauptproblem stehen. Daraus schließe ich meinen zweiten Merksatz: „Augen zu statt Haare waschen."

Fazit:

Nach Erkenntnis dieser komplexen Zusammenhänge bin ich dankbar für jegliche Hilfestellung, und so ziehe ich aus dem Format wichtige Schlüsse für mein zukünftiges Leben. Es ist nicht wichtig, ob Anziehung besteht. Das Einzige was wirklich zählt ist Durchhaltevermögen, sowohl körperlicher als auch mentaler Art. Zum Erreichen des scheinbar genügenden kleinsten gemeinsamen Nenners ist fleißiges Training ausreichend.

Niemand hat freiwillige Nähe oder etwa Spaß an der Sache verlangt. Diese Einstellung ist nicht neu. Vor Jahren hat sich der von mir hoch verehrte Komiker Loriot in seiner „Eheberatung" mit einer ähnlichen Problematik befasst. Es ist faszinierend, mit welch unterschiedlichem Anspruch ein Thema behandelt werden kann. Vicco von Bülow arbeitete stets mit dem nötigen Respekt vor menschlichen Wesen und einem Sinn für Ästhetik,  nie ging er einem anderen Anspruch als dem der Komik nach.

Ganz anders die Produzenten von „Sieben Tage Sex": es scheint als glaubten sie, unter dem Deckmantel des Helfersyndroms primitivste Szenen und Vulgärsprache salonfähig machen zu können und sich durch Spott und Selbstbeweihräucherung ihrer Zuschauer  - die sich selbstverständlich ganz anders als die gezeigten Protagonisten sehen – im Kampf um Einschaltquoten zu behaupten.

Marie Allnoch ist Redakteurin der Gesellschaft Freunde der Künste und zuständig für Literatur, Kino, und TV-Tipp

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21.03.2013 nachdenklich, bescheiden und reflektiert

GFDK - Christopher Lesko und Kai Sturm

Vox Chefredakteur Kai Sturm über die Bruce-Willis-Star-Doku

Manche Film-Zitate begleiten Generationen weit hinaus über die Filme, denen sie entstammen. Morgen nun macht VOX Zuschauern ein Angebot, dass sie nicht ablehnen können. Die sensible Begegnung mit einem beeindruckenden Mann, der viel mehr ist als “Yippie Ya Yeah, Schweinebacke!“: dem Menschen Bruce Willis. Im kurzen Gespräch mit Christopher Lesko erzählt Vox-Chefredakteur Kai Sturm, 52, von Entstehung und Nähe eines berührenden Portraits, von Programmierung und von künftigen Doku-Formaten.

Als in den 80ern neue Action-Heroes das Genre besetzten, bildete neben Arnold Schwarzenegger, Kurt Russel, Eddie Murphy und Mel Gibson ein junger Mann mit deutschen Wurzeln eine der zentralen Identifikationsfiguren für Fans: Bruce Willis.


Action-Freunde sollten über Jahre in mehrteiligen Movies von Schwarzenegger, Gibson und Willis ihren neuen Helden begegnen. Eine ganze Generation wuchs mit “Stirb langsam“ auf und wartete in Kinos und vor Fernsehschirmen auf jenen Satz, mit dem Willis Gangster ins Nirwana pustete: “Yippie Ya Yeah, Schweinebacke!“.

Man liebte Bruce Willis nicht nur, weil man wollte, dass die Guten gewinnen. Man liebte mit dem New Yorker Polizisten John McLane und anderen Willis-Figuren vernarbte Heldenfiguren mit kleinen Brüchen und mit ihnen Rollen, die vielleicht nur jene Schauspieler emotional glaubwürdig spielen können, deren eigene Entwicklung auch Täler und Kummer gesehen haben musste. Heroes, die berührbarer schienen als manche Stars des Film noir Jahre vorher.

In vielen Filmen begegnete man mit Willis einem Schauspieler mit deutschen Wurzeln. Einem Mann, der als Kind für seine Integration und gegen sein Stottern kämpfen musste. Einem Mann, der in seinen Rollen immer wieder Personen zeichnete, die Krisen und Niederlagen in einer Mischung aus Kampf, Humor, Selbstironie und leiser Traurigkeit verkörperten. Willis war nicht nur McLane: In Filmen wie “12 Monkeys“, “Last Man Standing“, “The Sixth Sense“ oder “Das fünfte Element“ fesselte er über Jahrzehnte Millionen von Zuschauern.

Gerade in Hollywood frisst der Erfolg viele seiner Kinder. Nicht wenige Kollegen des stillen Mannes verloren rasend schnell ihre Bodenhaftung. Exzentrische Fassaden millionenschwerer Kunstfiguren ließen häufig die Frage offen, ob und wo darunter noch ein Mensch zu finden sein mochte, der sich selbst wohl wirklich treu bleiben konnte. Bruce Willis bot diese Frage nie: Der Mann, der als nachdenklicher, bescheidener und reflektierter Mensch sein Privatleben stets zu schützten versuchte, bot der Öffentlichkeit ungern tiefe Einblicke in sein Leben.

Vox zeigt heute im Rahmen seiner besonderen Star-Doku-Reihe zunächst den Willis-Streifen “Stirb langsam 4.0“ und danach exklusiv und erstmalig im deutschen Fernsehen ab 22.40 Uhr eine sensible Dokumentation mit und über Bruce Willis: In Zusammenarbeit mit dem Sender und co-produziert von seiner Ehefrau Emma Heming, 34, gestatten Willis selbst, seine Familie und Kollegen Zuschauern eine sehr persönliche und intime Begegnung mit einem Großen der Filmwelt und einem bescheidenen, liebevollen Mann.

Im kurzen MEEDIA-Gespräch erzählt VOX-Chefredakteur Kai Sturm von der Doku, dem Kontakt zu Willis und seiner Frau Emma und künftigen VOX-Programmierungen:


Kai Sturm, erzählen Sie ein wenig über Entstehung und Niveau des Bruce-Willis-Portraits.
Bruce Willis hatte gestern seinen 58. Geburtstag. Dass annähernd zeitgleich unser Portrait bei VOX zu sehen sein wird, ist ein passender und schöner Zufall. Unsere Donnerstag-Reihe der Kombination Spielfilm und Star-Doku läuft mit Erfolg schon seit 2011 und wird auch nach dem Bruce-Willis-Abend fortgesetzt werden. Die Bruce-Willis-Doku allerdings hat aus unterschiedlichen Gründen ein absolutes

Alleinstellungsmerkmal:

Es ist paradox, aber man weiß insgesamt gar nicht so viel von diesem Weltstar. Wir hatten das große Glück, über das europäische Management von Bruce Willis und seiner Frau Emma Heming-Willis einen sehr engen Kontakt zu beiden direkt zu gewinnen: Unser verantwortlicher VOX-Executive Producer Christoph Richter konnte sich bei den Dreharbeiten zu “ A Good Day to Die Hard“ in Budapest mit beiden treffen und hier schon die Entstehung, den Ansatz, die Art und den Tiefgang der morgigen Dokumentation mit beiden persönlich und direkt besprechen. So privat und nah mit den Protagonisten arbeiten zu können, ist eine große Besonderheit.

Für unsere Doku konnten wir nicht nur mit beiden gemeinsam alle Aspekte besprechen und Möglichkeiten beleuchten, sondern Emma Heming-Willis hat eine Rolle als Co-Produzentin der Doku eingenommen. Wir berichten also nicht nur über den Weltstar, sondern Bruce Willis und seine Frau haben uns und damit den TV-Zuschauern viele Türen geöffnet und einen außergewöhnlichen Zugang ermöglicht: etwa die Premiere von Bruce Willis‘ Mutter Marlene, die erstmals überhaupt ein TV-Interview gibt und übrigens phantastisches Deutsch spricht. Wir kehren an den Ort seiner Kindheit zurück, haben in Idar-Oberstein gedreht und Zusammenhänge zur damaligen Zeit der Befreiung durch die Amerikaner aufzeigen können. Wir sprechen mit Menschen, die ihn von damals noch kennen und folgen ihm auf seinem Weg in die USA und in seiner außerordentlichen Karriere.

Dass Weltstars mit Zeit und Tiefgang einen Blick auf Person und Entwicklung zulassen, ist in der Tat nicht die Regel.


Ja: Kaum eine andere Doku hat jemals eine derartige Nähe zu einem Großen der Top-Five des Films hergestellt. Darüber sind wir sehr froh und darauf sind wir auch sehr stolz. Die für mich größte Überraschung war Bruce Willis selbst: Man kennt ihn ja als John McLane und in anderen Rollen als Draufgänger und man wird vielleicht überrascht sein, was für ein differenzierter, nachdenklicher, feiner Mensch hier in der Doku sichtbar wird.

Einer seiner größten Kassenerfolge war “The Sixth Sense“ vom in Indien geborenen Regisseur M. Night Shyamalan, 42. Als der hörte, dass Bruce Willis mit uns an der Doku arbeitet, war er sehr kurzfristig  bereit, seinen Teil dazu beizutragen und hat sein Interview selbst  aufgezeichnet und das Material unserer Doku zur Verfügung gestellt.

Bruce Willis gibt sein langes Interview ja an einem besonderen Ort.


Ja, wir haben nicht in irgendeinem Hotel bei einem Promo-Termin gedreht, sondern auf der kleinen Privatinsel “Parrot Cay“ in der Karibik, dem Rückzugsort der Familie. Dort haben Bruce und Emma auch geheiratet und ihre kleine Tochter wächst dort maßgeblich auf. Begonnen hat die Idee des gemeinsamen Projektes während der Dreharbeiten zu “A Good Day to Die Hard“. Im September 2012 haben wir uns getroffen und im Dezember letzten Jahres haben wir mit den Dreharbeiten begonnen. Seit vier Wochen ist der Film im Schnitt. Die deutsche Fassung wird übrigens sehr professionell vertont: “Blümchen“ Jasmin Wagner synchronisiert Emma Heming-Willis und Manfred Lehmann, seine deutsche Synchronstimme, spricht natürlich Bruce Willis.

Haben Sie selbst als Zuschauer denn früher gerne Bruce-Willis-Filme gesehen?


Ja, ich war immer und bin ein großer Fan von den “Die Hard“–Filmen. Ich mochte Bruce Willis sehr gerne in “The Sixth Sense“, ich liebte ihn als Taxifahrer in “Das fünfte Element“ und finde generell seine Darstellung von Heldenrollen als Underdog ganz besonders toll.

Was hat Sie denn in besonderer Weise bewegt, als Sie die Bilder der Doku sahen?


Die Mutter von Bruce Willis. Da zeigte sich mir viel Menschliches, gerade in Verbindung mit der deutsch-amerikanischen Geschichte der damaligen Zeit. Seine Mutter spricht nicht nur hervorragend Deutsch, sie schlägt auch eine Brücke, die so viel mit unserer eigenen Geschichte zu tun hat und die mich wirklich sehr berührt hat. Eine Brücke zur Entwicklungsgeschichte eines kleinen Jungen, der aus seiner Heimat gerissen und in der Schule verprügelt wird. Der Stotterer ist, eigentlich gar keine Chance hat, sich durchkämpft und dann in den USA letztlich so eine wahnsinnige Karriere macht.

Das ist faszinierend und wird gerade durch die Art, in der seine Mutter über Vergangenheit und Geschichte spricht, sehr deutlich. Dass Bruce Willis auf seinem Weg eben nicht stumpf, verbissen oder hart geworden ist, spürt man etwa auch, wenn man seine Tochter Rumer hört, die ebenfalls in der VOX-Dokumentation zu Wort kommt:


Sie erzählt sinngemäß, dass für ihren Vater immer besonders wichtig war, seine Kinder zum Lachen zu bringen, mit ihnen Spaß zu haben und immer für sie da zu sein. Da bekommt man ein gutes Gefühl dafür, was für ein Mensch Bruce Willis ist. Aber auch Kollegen und Freunde kommen zu Wort, selbst das Thema seiner Scheidung von Demi Moore wird nicht ausgespart.

Sagen Sie doch - über die Bruce-Willis-Doku hinaus  - ein paar Sätze zum Erfolg der Dokus und zu Elementen künftiger VOX-Programmierungen.


Insgesamt ist die Zuschauer-Resonanz wirklich herausragend. Darüber freuen wir uns sehr. Am 18.04. werden wir die Reihe der Kombination aus Spielfilm und Doku am Donnerstagabend mit einer Will-Smith-Kombination fortsetzen: Wir zeigen “Men in Black“ und danach eine Will-Smith-Dokumentation.

Neben diesen Star-Dokus haben wir mit den vier- und zwölf – stündigen Dokumentationen am Samstagabend eine ganz besondere Reihe einer eher ungewöhnlichen Programmierung historischer, populärwissenschaftlicher und spezieller Musik-Themen bei VOX. Auch damit haben wir große Erfolge erzielen dürfen. Wie unsere Star-Dokus werden auch diese Formate in diesem Jahr fortgesetzt:

Zum 50-jährigen Bühnenjubiläum der Bee Gees werden wir etwa im Sommer eine große Dokumentation zeigen.. Auch hier sind wir ganz nah herangekommen: Barry Gibb, 66, der letzte noch lebende Bruder der Bee Gees, hat uns sehr viel Nähe ermöglicht und wir konnten sehr privat mit ihm drehen. Das war für uns - und das wird für Zuschauer – wirklich sehr schön.

VOX zeigt am 21.03. um 20.15 “Stirb langsam 4.0“ und um 22.40 die Doku: “Bruce Willis - Warum die Legende niemals stirbt“


Mehr über den Autor Christopher Lesko
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20.03.2013 Leidenschaft für Heimat und Kultur

GFDK - Stefanie Tendler - 6 Bilder

Regina Dwomoh wurde in Kumasi geboren und wuchs in Mönchengladbach auf. Dort machte sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester. 2002 kam sie nach Berlin, um hier eine Ausbildung an der Schauspielschule Charlottenburg zu absolvieren.

Sich stets als sehr heimatverbunden fühlend, wurde der Wunsch in ihr immer größer sich mehr mit der kulturellen Vielfalt ihres Heimatlandes Ghana zu beschäftigen zu denen vor allem die bunten Stoffe gehören und so entschloss sie sich dazu Serwaa zu gründen.

Schnell wurde ihr bewusst, dass sie sich intensiver mit dem Thema Unternehmensgründung auseinander setzen musste und  vor zwei ein halb Jahren nahm sie deshalb ein Wirtschaftsstudium auf, das sie im Juli abschließen wird. Serwaa ist ein Modelabel dessen Fokus auf Bettwäsche liegt, die aus hochwertigen afrikanischen Stoffen handangefertigt wird.

Regina’s Wunsch ist es mehr Aufmerksamkeit auf die afrikanischen Stoffe und ihre Geschichten zu lenken. Afrika, den immer noch als exotisch angesehenen Kontinent, einen anderen Stellenwert zu geben und mehr Verständnis für die vielen kulturellen Nuancen der Kultur zu schaffen.

Bisher produziert Regina Serwaa mit ihrem Team in Ghana In kleinem Rahmen. Doch nach abgeschlossenem Studium möchte sie nach Ghana auswandern, um sich dort ihrer Idee Serwaa- African Home ganz zu verpflichten.

MADE IN GHANA -Bewusst wählt sie Ghana als Produktionsort um die Produkte durch die Stoffwahl authentisch gestalten zu können. Zudem ist es ihr wichtig im Laufe der Zeit eine vergütete Schneiderausbildung in Ghana zu etablieren. Der Status Quo sieht aktuell anders aus. In Ghana muss man für seine Lehre bezahlen. Damit sie diese Wege ebnen kann, will sie ihr Geburtsland in allen Facetten verstehen, um unterstützend wirken zu können.

Regina Dwomoh ist der persönliche Kontakt zu den Kunden sehr wichtig, da sie nicht nur Bettwäsche verkaufen möchte, sondern auch ein Stück ihrer Kultur. Sofern es ihr möglich ist,  trifft sie sich persönlich mit ihren Käufern. Bei Fragen oder Bestellungen kann sie unter: serwaa.bettwaesche@remove-this.googlemail.com kontaktiert werden oder über ihre Facebook Seite:

Serwaa Bettwäsche- afrikanische Inneneinrichtung

„Serwaa steht dir gut", so lautet der Slogan von Serwaa-African Home. Um herauszufinden was Serwaa ist, habe ich mich mit Regina Dwomoh getroffen.

Wie würdest du Serwaa beschreiben?

Mit Serwaa bist du ganz sicher kein Mauerblümchen. (beschreibt Regina keck ihr „Baby") Serwaa ist frech, stolz und selbstbewusst. Für mich ist es eine weibliche Schnittstelle der Kontinente, die räumliche Grenzen überschreiten möchte.

WelcheBedeutung hat Serwaa für dich?

Serwaa steht für meine persönliche Selbst­verwirklichung. Wünsche, Hoffnung und Neugier, gepaart mit Leidenschaft für Heimat und Kultur.

Gibt es etwas, dass du anderen Menschen mit auf den Weg geben würdest, wenn es um ihre Ideen geht?

Eine Idee kann zum Lebenselixier werden und da ein solches Rezept selten vom Himmel fällt, ist es wichtig geduldig zu sein und die Umsetzung mit Liebe und Ehrgeiz zu verfolgen.

Wann kam für dich der Schlüsselmoment, um mit Serwaa zu beginnen?

Das Leben kann dich ganz plötzlich wie ein Lastwagen überrollen, nur dass er dich nicht umbringt! Vor ca. 3 Jahren hatte ich dieses Erlebnis! (Regina lacht laut-natürlich mein ich das im übertragenen Sinne.) Ich wollte selbstständig sein, etwas gründen, das Freude macht, kreativ und vielseitig ist. Mein Hauptaugenmerk galt und gilt vor allem aber der Gestaltung eines fairen Unternehmens.

Hast du ein langfristiges, nachhaltiges Ziel, dass du mit Serwaa erreichen möchtest?

(Runzelt die Stirn) Nachhaltig: dieses moderne, auf alles übertragbare Wort ist immer sehr irritierend für mich.

Mein Ziel ist es mit Serwaa zu wachsen. Der Gesellschaft in Ghana möchte ich gerne etwas zurückgeben. Einen vergüteten Ausbildungsberuf für Schneider schaffen, statt dass sie landesüblich für die Ausbildung bezahlen müssen. Ich finde es schade, dass die afrikanischen Stoffproduzenten immer mehr an Wert verlieren. Die Globalisierung hat hier viel kaputt gemacht und die Wertschätzung für Kultur ist verloren gegangen.

Warum hast du dich für Bettwäsche entschieden und nicht vorrangig für Kleidung?

An Kleidern versucht sich irgendwie jeder! Bettwäsche haucht einem Schlafzimmer Leben ein, weg von dem Lifestyle: „außen hui innen pfui" – Schlafen mit Stil.

Wie finanziert sich Serwaa?

Eigenfinanzierung - im kleinen Rahmen!

Welche Bedeutung hat Schlafen für dich?

Ca. 1/3 meiner Lebenszeit verbringe ich im Bett, deshalb bin ich der Meinung, dass gerade dies ein Ort der Freude und  des Wohlfühlens sein sollte.

Worum geht es dir mit "Serwaa steht dir gut"?

Für mich ist die Kombination mit dem Bunten ausschlaggebend, denn Serwaa – die bunte Eleganz bedeutet nicht, dass man aussehen muss wie ein Paradiesvogel, es sei denn man steht darauf. Serwaa ist stillvoll und stolz und macht Spaß.

Wie wählst du die Stoffe aus, die du für deine Bettwäsche und deine Kollektion nutzt?

Die Geschichten der Stoffe sowie die Muster und Farbzusammensetzungen sind ausschlaggebend.

Worüber erzählen manche Stoffe?

Einer meiner liebsten Stoffe heißt „Familienmitglied": Kleine Steinchen sind hierauf zu sehen, die man unter seinen Schuhsohlen von den Straßen mit nach Hause trägt. Sie gehören zum Alltag dazu -sind ein Teil der Familie.

Was möchtest du Menschen, die mit Serwaa das erste Mal in Berührung kommen mit auf den Weg geben?

Ein entspanntes, buntes Aufstehen ist wie ein gutes Frühstück! Unersetzlich!

Stefanie Tendler schreibt für die Freunde der Künste Berliner Geschichten

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16.03.2013 Cicero-Kulturchef im Gespräch mit Christopher Lesko

GFDK - Christopher Lesko

Er gilt als einer der schärfsten Kritiker des RTL-Erfolgsformates “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“: Medienwissenschaftler und Kulturjournalist Dr. Alexander Kissler, 42, leitet das Kulturressort, den “Salon“, beim Monatsmagazin Cicero. In Berlin traf er mit MEEDIA-Autor Christopher Lesko einen Gesprächspartner, der zum Dschungelcamp eine gegensätzliche Haltung vertritt: Begegnung zweier Männer und Haltungen für ein langes Gespräch über Ekel und Moral, über Niveau, Erfolg und Handwerk.

RTL-Dschungel - widerlich oder lebensnah?

Alexander Kissler, wir sind zusammen gekommen, um uns auseinander zu setzen. Mit welcher Stimmung und welchem Ergebnis werden wir beide aus Ihrer Sicht nach Ende unseres Treffens in etwa zwei Stunden auf das vor uns liegende Gespräch zurückblicken?

(Lachend:) Es könnte sein, dass wir voneinander genug haben oder vom Dschungelcamp genug haben. Vielleicht haben wir eine neue Sichtweise kennen gelernt, Ich fürchte eher, dass wir gemerkt haben werden, dass das Thema nicht so lange trägt.

Ich bin optimistischer, weil ja auch wir das Thema tragen. Was am Thema des Dschungelcamps trägt denn nicht so lange?

Na ja, das Meiste ist schon gesagt worden. Auch von Ihnen und von mir erschöpfenderweise. Man arbeitet sich schnell an Typen und Charakteren ab, und damit ist man doch schneller zu Ende, als es uns eine intellektualisierende Kritik einreden will.

Sie haben ja in Ihrer Kolumne “Kisslers Konter“ bei Cicero online RTL und das Dschungelcamp scharf kritisiert, und Sie kennen ja auch meine an einigen Stellen diametrale Haltung. Fassen Sie doch bitte Ihre Sichtweise auf “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“ noch einmal kurz zusammen.

Das ist ein widerliches Format. Das Widerliche ist die Geschäftsgrundlage des Formates: Wir sollen Menschen dabei zuschauen, wie sie eklige Dinge tun, zu denen eigentlich kein Mensch bereit ist. Diese Menschen tun es dennoch, weil sie gierig sind nach Aufmerksamkeit und/oder Geld. Und wir schauen dennoch zu, weil wir einen gewissen angenehmen Schauder spüren, wenn wir sie bei Verrichtung dieser ekelhaften Dinge beobachten.

Insofern bringt das Format - bei dem die einen mitmachen und die anderen zuschauen - eigentlich nur schlechte Eigenschaften zum Vorschein: Schadenfreude und Unterwerfungsbereitschaft. Es ist es ein Format, vor dessen wachsendem Interesse ich mit Staunen stehe und dessen Auswirkungen nichts Gutes bergen.

Welche Auswirkungen?

Natürlich gibt es keine empirischen Untersuchungen über etwa Verrohung als Auswirkung bei den Betrachtern. Aber man gewöhnt sich doch daran, dass man Menschen widerwärtige Dinge zumuten kann. Das halte ich für keinen guten Zug. Die Dinge sind einfach ekelhaft und widerlich, egal unter welchen Bedingungen sie zustande kommen. Sie sehen das ja anders.

Ja, für mich ist der Dschungel  ein an vielen Stellen unterhaltsames, professionell gemachtes Format. Ich selbst ängstige mich nicht, durch Betrachten des Formates roher zu werden als ich ohnehin möglicherweise schon bin. In mir löste manche hohle Politiker-Laberei in redundanten Talk-Shows mehr Aggression aus als dynamische Prozesse im Dschungel mit Campern, die in Kontakt mit Grenzen geraten.

Die RTL-Psychologen argumentieren ja, die Teilnehmer seien alle Medienprofis, die genau wüssten was sie tun: Nein, das sind sie eben nicht! Ein 19-jähriger Joey, der mal in einer Casting-Show war, ist ebenso wenig ein Medienprofi wie eine Iris Klein oder andere. Man lässt dort Menschen in eine Situation kommen, die viele von ihnen nicht überblicken.

Ich finde das Psychologen-Argument auch falsch, wenn auch aus haarscharf anderen Gründen. Jeder Teilnehmer, der vorher den Dschungel im Fernsehen gesehen hat, ist als Teilnehmer plötzlich in der Situation eines Sportkommentatoren, der seine Kabine verlässt und plötzlich im Spiel den Elfmeter versenken muss. Zentral Beteiligter zu sein, ist es etwas völlig anderes, als die Dinge vorher von außen betrachtet zu haben. Wie viele Staffeln von “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ haben Sie denn gesehen?

Ich habe mich ja im Zuge meines Buches “Dummgeglotzt“ mit dem Format beschäftigt. Da habe ich die komplette Staffel gesehen. Von allen anderen Staffeln sah ich immer wieder einige Folgen, auch wenn mein Interesse abnahm.

Sie nutzen für Ihre Kritik vordringlich den Blick auf ethisch-moralische und humanitäre Aspekte. Dies ist aus meiner Sicht jederzeit ehrenwert, aber auch eindimensional. Teilen Sie meine Haltung, dass Art und Zugänge unserer Bewertungen und Beobachtungen wesentlich von Aspekten unserer eigenen Entwicklung, Sozialisation und Erfahrungen bestimmt sind?

Ein Serienkiller wird Schusswaffen anders wahrnehmen als jemand, der als Bankkassierer Opfer eines Überfalls war. Und, um in meinem gewöhnungsbedürftigem Bild zu bleiben: Einem Serienkiller immer wieder nahe zu bringen, es sei doch irgendwie lausig Menschen umzupusten, ignoriert eben auch vorhandene Fähigkeiten: Präzision der Schusstechnik, Kontrolle des eigenen Blutdrucks, oder sich nicht erwischen zu lassen.

Ein Serienkiller hätte all diese Fähigkeiten besser nicht. Dann würden mehr Menschen am Leben bleiben. Was den Rest angeht: Das ist völlig richtig, und als Medienjournalist muss ich natürlich zunächst einmal zur Kenntnis nehmen, dass das Format gut gemachte und wirkungsvolle Unterhaltung ist, die ihren Zweck erfüllt, maximales Interesse auf dem Weg von Unterhaltung zu entfachen. Dieser Zweck wird erreicht. Insofern muss man sagen, die Produktion erfüllt die formalen Kriterien gut gemachter Unterhaltung.

Ich denke allerdings, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Diesen Ansatz der Betrachtung finde ich sehr bedenklich. Folgte man ihm, gäbe es wahrscheinlich noch ganz andere Formate, die deutlich stärkeres Interesse bekämen: Unterhaltungsformate, in denen es noch stärker um körperliche Demütigung, Schmerz-Situationen oder Grenzerfahrungen ginge. Die Frage ist doch, warum gewöhnen wir uns in kürzester Zeit so schnell an ein Format, dessen Kern es ist Menschen in widerwärtige Situationen zu bringen? Meine These ist eben auch: Wir stumpfen ab.

Ich sehe den Kern des Formates darin, in einer verdichteten Situation unterhaltsam Themenfelder zu vermitteln, denen wir alle letztlich immer begegnen. Abzustumpfen ist aus meiner Sicht ein komplexes Phänomen unserer Zeit, in welcher sich tradierte Werte insgesamt ändern und flüchtiger werden. Einer Zeit, in der Kontakt und Information auch deshalb wertloser und beliebiger werden, weil sie auf allen Ebenen scheinbar unendlich verfügbar sind.

Auch in dieser Frage ist der Dschungel ein vitales Gegenmodell. Ich widerspreche dem Abstumpfen nicht. Ich glaube nur, es hat andere Gründe. Was an Ihrer Entwicklung auf Ihrem Weg zum Erwachsen-Werden war für Sie so kräftig, dass es den erwachsenen Medienjournalisten Alexander Kissler so hartnäckig seinen Fokus von Ethik und Werten wählen ließ?

Weiß ich nicht.

Es gäbe schon auch die Möglichkeit darüber nachzudenken.

(Lachend) Vielleicht aber nicht in diesem Forum. Ich glaube auch nicht, dass alles biographisch begründbar ist.

Unser Leben irgendwie schon.

Ich denke, das wird häufig überschätzt, und ich denke auch, dass man zu Einschätzungen bestimmter Situationen kommen kann, ohne sie durch einen geraden oder krummen Lebensweg herleiten zu müssen. Mit Sicherheit würde mir beim längeren Nachdenken das eine oder andere einfallen, und Sie haben auch Recht, dass es in der Betrachtung von Medien der menschliche Faktor ist, der mich am meisten umtreibt. Welches Bild von Menschen gezeichnet wird, interessiert mich in allen Feldern: in der Politik, im Show-Geschäft, der Unterhaltung und im Sport. Ich denke, was wir für ein gutes Mensch-Sein halten, hat sich in kurzer Zeit sehr schnell geändert.

Vielen Dank für Ihre ausführliche Beschreibung Ihres Lebensweges. Wenn Sie von Menschen sprechen, fokussieren Sie primär den humanistisch edlen Teil des emotionalen menschlichen Spektrums.

Mich interessiert der Mensch an sich, wie er erscheint, wie er anderen erscheint. Auch in meiner Zeit als Regisseur am Theater hat mich diese Frage stets interessiert: Wie ist der Mensch beschaffen, was zeichnet ihn aus, wo gibt es Grenzen, und wo wird es unmenschlich. Das ist, so glaube ich fest, die Frage unserer Stunde heute.

Wenn wir beide nun als zwei Menschen mit möglicherweise sehr unterschiedlichen Lebenswegen, Erfahrungen und inneren Zugängen zur Betrachtung des Dschungelcamps miteinander reden: Wo bleibt in Ihrer Betonung  von Menschen und Menschenbild die dunkle Seite von uns, die wie die verdeckte Seite eine Münze untrennbar zu uns und unseren edlen Seiten gehört? Eine Seite, die ungerecht, grausam, hilflos, ignorant und gar nicht edel ist?  Beide Seiten werden vom Camp gezeichnet.

Natürlich gibt es diese Seiten und diesen Zusammenhang. Meine Frage ist, ob es denn die Aufgabe von Unterhaltung sein darf, diese schlechten Seiten ans Licht zu zerren. Und da sage ich: Nein, das ist nicht die Aufgabe von Unterhaltung! Da überschätzt sich das Dschungelcamp. Da wird es maßlos und anmaßend. Da meint es, und es funktioniert ja auch leider Gottes, auf bestimmte Knöpfe drücken zu müssen, um bestimmte Effekte zu erzielen, und schon gehen sich die Leute an die Wäsche. Ja, es funktioniert. Aber es ist traurig, dass es funktioniert. Letzten Endes hat das Format einen sehr diktatorischen Blick auf die Menschen. Sie werden wie Versuchstierchen behandelt, man steckt sie in ein künstliches Ambiente, entzieht ihnen die Nahrung, und schon gehen die Leute aufeinander zu.

Sie meinen “los“. Aber “zu“ stimmt eben auch. Haben Sie persönlich Erfahrungen in ihrem Leben mit Krisen und der Konfrontation mit Ihren Grenzen je gemacht?

Natürlich. Mit gesundheitlichen oder beruflichen Krisen.

Wenn Sie Ihren bevorzugten Blick um andere Aspekte erweitern, die das Format ausmachen: Wie finden Sie etwa die Produktion, Dramaturgie, Intelligenz und Witz der Autoren-Texte oder die Art und Weise, in welcher die Moderatoren durch die Sendung führen? Also neben Licht, Schnitt, Bildern, Musik und Ton handwerkliche Facetten.

Ja: Die handwerklichen Fähigkeiten, die die Macher entwickeln, sind in der Tat sehr groß. Aber sie werden in ihrer Betrachtung weit überschätzt. Man ist zu einem hohlen Ästhetizismus bereit, betrachtet die Mache und nicht mehr das Material. Die Mache ist selbstverständlich sehr gut. Natürlich funktioniert es, verschiedene Leute in verschiedene Rollen zu setzen und sie durch Anreize dazu zu bringen, der Rolle gemäß zu handeln. Jemanden festzulegen auf die Zicke, das Dummchen oder den Macho, die eitle Schöne oder die schwachbelichtete Frau reiferen Alters.

Da haben Sie aber nett über Iris gesprochen.

All dies funktioniert hier sehr gut: aber eben in einem Medium, das ich für zu abgründig halte. Man darf sich bei allen Beobachtungen nicht darüber hinweglügen, dass wir es mit einer Zur-Schau-Stellung von Fäkalsprache und ekelhaften Vorgängen zu tun haben. Man muss gerade dies auch mal erwähnen.

Die Idee, Produktion und Sender bestimmten Rollenbesetzungen umfänglich, unterschätzt meiner Ansicht nach die Eigendynamik gruppendynamischer Prozesse in Belastungs-Kontexten. Wenn Sie also der Produktion von “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ große handwerkliche Fähigkeiten zusprechen, wieso schreiben Sie dies nicht? Reduzieren Sie komplexe (Format-) Wirklichkeit in Ihrer Kritik nicht auch auf einen bestimmten Aspekt und verfahren dadurch genau so, wie Sie es den Dschungel-Machern im Umgang mit ihrem Format vorwerfen?

Nein, das tue ich nicht. Natürlich schreibt man immer im Echoraum derer, die schon geschrieben haben. Kein Text kann eine Debatte mit allen Verästelungen noch einmal aufgreifen. Und über die handwerklichen Aspekte öffentlich positiv zu schreiben, das tun doch andere nun wirklich genug. Da muss ich es nicht auch noch schreiben. Der allgemeine Tenor ist: Das Dschungelcamp ist eine sehr gut gemachte Unterhaltung, vor der wir alle geschlossen den Hut ziehen.

Meine Frage, wie sehr Sie selbst den Zielen Ihrer Kritik möglicherweise gleichen, hat Ihren freudigen Zuspruch nur ungelenk finden können.

(Lachend) Ich bitte um Wiederholung: Vielleicht war Ihre Frage nicht ausreichend präzise formuliert.

So kenne ich mich. Ich habe als Nichtswürdiger auch meine Grenzen. Ich bot Ihnen die strategische Nähe zu den Dschungelcamp-Machern an: Die reduzieren Ihrer Meinung nach Menschen auf inhumane Zerrbilder, und Sie reduzieren Ihre Kritik am Format auf moralische Gesichtspunkte – ein identisches Vorgehen mit den ethisch attraktiveren Zielen auf Ihrer Seite.

In meinem Buch “Dummgeglotzt“ habe ich dies nicht getan. In manchen Kommentaren allerdings, da gebe ich Ihnen Recht. Ich tue es bewusst. Mit Absicht. Nur im Streit, in der Debatte, kommt man in der Wahrheitsfindung voran, und dazu ist es nötig, einen Return zu setzen.

Streit - haben Sie denn Ihrer Einschätzung nach dafür die nötige innere Beweglichkeit?

Ja! Ich habe zumindest die Beweglichkeit derer, die mich interviewen.

Langsam wird es mit unserem Kontakt, das gefällt mir. Über Ihre Entwicklung wollten Sie ja nicht so richtig sprechen?

Das ist richtig.

Was ist denn nicht in Ordnung mit Ihrer Entwicklung?

(Lachend) Das ist ein rhetorischer Trick. Herr Lesko. Sie sind angezogen: Was ist mit Ihrem nackten Körper nicht in Ordnung?

Ich möchte diese widerlichen Dschungelcamp-Aspekte aus unserem beschaulichen Austausch heraushalten. Auch wenn ich ein wenig bewundere, wie fein Sie den wesentlichen Aspekt  unseres bisherigen Gespräches mit Ihrer Bemerkung noch einmal herausgearbeitet haben.

Das Dschungelcamp ist ein Körperformat.

Immerhin beobachten wir beide, dass über eine lange Zeit Kritik und Journalisten-Kommentare den Dschungel – wie Sie aktuell – durchgängig als Ekel- oder Trash-TV zur Zielscheibe von Kritik machten, um dann wie Fähnchen in Winden dasselbe Format zu Comedy, Kunst oder Kult zu erklären.

Genauso ist es. Einerseits gehorcht dies dem journalistischen Gesetz, nur die Abwechslung erfreue. Dafür habe ich in gewissen Grenzen auch Verständnis. Andererseits werden Fronten gezeichnet. Wenn ich gerade beim geschätzten Kollegen Poschardt lese, es sei wohlfeil, das Dschungelcamp zu kritisieren: Das Gegenteil ist der Fall! Es ist wohlfeil, es zu belobigen und es quasi heilig zu sprechen. Es gibt kaum noch fundamentale Kritik an diesem Format, das über die Jahre noch ekliger geworden ist. Das zu beobachten ist sehr erstaunlich.

Welche Erklärung haben Sie denn dafür?

Neben dem Gebot der Abwechslung: Man muss Themen eine Zeit lang kritisch in den Fokus nehmen, um sie später positiv beurteilen zu können. Und dann: Populismus! Ein Format, das über Jahre hinaus hohe Popularität qua Quote bewiesen hat, weiter vordringlich kritisch zu betrachten, ist für viele Journalisten nicht mehr sexy.

Wie viele Journalisten haben Sie gefunden, die nach dem Wechsel ihrer Haltung schrieben, sie hätten sich geirrt und wären nun anderer Meinung?

Niemanden. Man schreibt heute in denselben Foren und Formaten unkommentiert anders über den Dschungel. Ihre Frage müssten Sie denjenigen selbst stellen. Es ist ein dauerhaft erfolgreiches, journalistisches Phänomen, die Dinge auch einmal von der berühmten anderen Seite sehen zu wollen. Journalisten und Autoren sehen sich ja ständig mit dem Vorwurf konfrontiert, sie pflegten ihre abgehobenen Vorurteile. Von Neurosen will ich gar nicht sprechen.

Sich diesem Vorwurf nicht aussetzen zu müssen, ist ein starkes Motiv. Man will also zeigen: Wir können auch lustig. Wir können Derbes, Lustiges, Grenzwertiges gut finden. Damit spricht man sich auf angenehme – und seinerseits intellektuelle – Weise vom Vorwurf des Intellektualismus frei. Wir beschreiben Trash so, als würden wir Trash gut finden. Für mich jedoch bleibt Trash Trash.

Die Bereitschaft zur Flexibilisierung von Standing und Position ist sicher häufig eine Form professioneller, journalistischer Deformation. Ich schätze dies auch nicht.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die politische Kommentierung: Zwei, drei Landtagswahlen genügen, um aus ewigen Bremsklötzen Hoffnungsträger zu machen und umgekehrt. Bis zum nächsten Anlass. Dann geht es wieder in die andere Richtung, und exakt dieselben Protagonisten werden wieder als Versager durch die Arena geführt. Der Journalismus ist heute an vielen Stellen meinungsgetrieben und setzt viel zu sehr auf Aufmerksamkeit.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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16.03.2013 ein gieriger alter kranker Mann

GFDK - Heinz Sauren

Seit nunmehr fünf Jahren schwappt die kapitalistische Systemkrise, in immer neuen Schüben und neuen Etiketten über den Globus. Finanz-, Währungs-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise waren die wechselnden medialen Erklärungen, für eine Symptomatik, die so ungeheuer scheint, dass niemand sie bei ihrem Namen nennen will.

Den Betroffenen, zumeist weniger gut betuchten Menschen, ist die wechselnde Deklarierung längst egal geworden. Bei ihnen kommt eine immer gleiche Wirkung an und offenbart wirkungsvoll, das eigentliche Wesen der wirtschaftlichen Verwerfungen.

Entgegen allen Verlautbarungen, handelt es sich jedoch nicht um eine Krise. Schon die Verwendung des Begriffs Krise, darf getrost als Manipulationsversuch der maßgeblich beteiligten Protagonisten gesehen werden. Eine Krise, so denn der Begriff korrekt verwendet würde, suggeriert ein zeitlich begrenztes Phänomen, das zu überwinden wäre.

Manipulationsversuch

Auch wenn dies zu Beginn, gerne von der Politik selbst so geglaubt wurde, ist doch allen Beteiligten längst klar geworden, dass dieses Phänomen nicht überwindbar ist, also kein wirtschaftlicher Ausnahmezustand herrscht, sondern wir leidtragende Zeugen eines Normalzustands sind. Des Normalzustands des sterbenden globalen Kapitalsystems, dass an den Ansprüchen seiner eigenen Erfüllung zerbrach.

Wissentlich unwahr ist die wirtschaftliche und politische Suggestion, dass diese global auftretenden Wirtschaftseinbrüche ohne jeglichen Zusammenhang sein und überwindbar wären. Ebenso wie falsche Annahme, es gäbe einen Weg zurück in eine vergangene wirtschaftliche Glückseeligkeit. Längst ist offensichtlich, dass in Politik und Wirtschaft nur noch wenige an dieses Ziel glauben, alle aber dieses Ziel zur ultima ratio erklärt haben.

Jedes wirtschaftliche System, ist die gesellschaftliche Antwort auf tatsächliche politische und makroökonomische Umstände und es funktioniert nur solange, wie es diesen entspricht. So verhält es sich auch mit dem Kapitalismus, der systemisch bedingt solange expandierte, bis er seine natürliche Grenze erreichte und auch im Weiteren den systemischen Gesetzmäßigkeiten folgen muss und kollabiert.

Wachstumszwang

Die Grenze des Kapitalismus ist sein zinsbedingter Wachstumszwang, der an der Unmöglichkeit des Wachstums seines wichtigsten Treibstoffs, den Ressourcen scheitert. Im Grunde ist die Zwangsläufigkeit dieses Mechanismus allen Ökonomen klar. Der Untergang eines Wirtschaftsystems ist kein Endzeitszenario, sondern historisch belegte und immer wiederkehrende Normalität. Fatal für alle Leidtragenden ist nur, dass sie in einer Epoche leben, die sie zu Zeitzeugen macht.

Es wird Politik betrieben. Die Menschen verlieren, durch den Glauben an eine Krise und eine Rückkehr in die beschauliche Gemütlichkeit der achtziger Jahre, den Blick für die ihnen drohende Zukunft. Eine Zukunft die mit großer Wahrscheinlichkeit so dunkel werden wird, dass kein Politiker oder Wirtschaftsboss es wagt die Realität zu benennen. Es wäre sein, vielleicht nicht nur politischer und wirtschaftlicher, Freitod. Auch wenn sie schweigen, handeln sie wie Menschen denen in vollem Umfang bewusst ist, dass dieses Wirtschaftssystem nicht mehr zu retten ist.

So ist es konsequent, wenn sie versuchen möglichst viele Gewinne in möglichst kurzer Zeit abzuschöpfen, um in einem erwartenden neuen Wirtschaftssystem die bestmögliche Startposition zu erhalten. Die Politik einer nachhaltigen Wirtschaft wäre ein gegenteiliges Indiz. Nachhaltig bedeutet nicht, wie viele gerne glauben, die Verlängerung von Produktionszyklen. Nachhaltig bedeutet keine Expansion und damit null Wachstum. Der Kapitalismus hat uns lange begleitet. Er war zu keiner Zeit, das gerechteste denkbare Wirtschaftsystem und doch er agierte zu keiner Zeit so exzessiv fahrlässig, dass er sich seiner eigenen Grundlage beraubte.

Gewinn erwartet

Bis heute. Es ist eine Tatsache, dass der Kapitalismus, seit Beginn der Globalisierung auch in den letzten Winkel dieser Erde vorgedrungen ist, jedwedes Leben und jede Ressource zu einem Produktionsmittel machte und nach den Gesetzen des Kapitalismus auch irgendwann daraus Gewinn erwartet. Offensichtlich für jedermann, gesehen von wenigen. Diese Welt bietet keine neuen Ressourcen mehr. Sie aber sind der unverzichtbare Brennstoff des Zinsmotors, werden sie nicht kontinuierlich hinein gepumpt, entwertet der Zins alles. Auch der Finanzmarkt ist keine Lösung zum Erhalt des Wirtschaftsystems.

Der Handel mit Geld oder Wertpapieren beruht auf dem Glauben an den Wert des gehandelten Papiers und der erhöht sich, wenn ein höherer Sachwert hinter dem Papier steht. Seit nahezu einem Jahrzehnt sind die Gewinne auf den Finanzmärkten geradezu explodiert. Gleichzeitig konnten immer weniger neue Ressourcen als Sachwerte dem Wirtschaftssystem zugefügt werden. Die Folgen ist heute, das weniger als ein Prozent des Nennwertes von Wertpapieren als Sachwert dahinter steht und nur drei Prozent des Buchgeldes auch tatsächlich gedruckt wurde.

Ein gieriger alter kranker Mann

Tatsächliche Werte, also Sachwerte werden an den Börsen nicht mehr gehandelt und imaginäre Werte bescheren imaginäre Gewinne und imaginäres Geld, welches nicht mehr tatsächlichen Werten folgt, sondern der Politik, die die gigantische Luftblase nicht zerstört. Der Kapitalismus ist ein gieriger alter kranker Mann, den Krücke und Tropf kaum auf den Beinen halten. Das gesamte Ökosystem und die Menschheit selber, können es sich nicht leisten, seiner Gier nach immer mehr, noch mal zu folgen. Sein letztes Aufbäumen nun, offenbart das Ausmaß, der zerstörerischen Möglichkeiten eines kapitalistischen Gesellschaftskonzepts.

Nicht erst jetzt fordert es seine Opfer, sie werden nur offensichtlicher, da ihre Anzahl größer wird. Er hinterlässt eine Gesellschaft, die geprägt ist von dem Verlust an bürgerlichen Freiheitsrechten und der Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz. Ein Blick auf die sozialen und rechtlichen Zustände in Griechenland, Spanien oder Portugal, ist der düstere Ausblick in eine Zukunft, die voraussichtlich in wenigen Jahren, gesamteuropäische Realität sein wird.

Das Bild, sich im Zerfall befindlicher gesellschaftlicher Sozialsysteme und einer Wirtschaft die weit mehr Verlierer als Gewinner produziert, birgt genügend gesellschaftlichen Sprengstoff, um Forderungen nach einer anderen, einer neuen Politik laut werden zu lassen. So ist es nicht verwunderlich, das alle etablierten Parteien kein Interesse an der Verbreitung dieses Bildes haben.

Zur Unzeit

Zum einen weil es in einem Wahljahr, sicher geglaubte politische Mehrheiten gefährdet und zum anderen, weil alle Parteien an der Erreichung dieses Zustandes maßgeblich mitgewirkt haben und keine über ein alternatives Konzept verfügt. Aus Sicht der Politik kommt der Turnus gemäße, Armuts- und Wohlstandsbericht der Bundesregierung zur Unzeit. Zwar war es die Bundesregierung, die den Bericht schönte, aber auch alle anderen in den Machtstrukturen eingebundenen politischen Kräfte, orakeln aus diesem Bericht die Legitimation ihrer Wahlprogramme.

Die absoluten Zahlen des Berichts, werden als Beweis politischer Transparenz veröffentlicht, wohl wissend, dass sie zwar erschrecken, aber auch vom eigentlichen Inhalt ablenken. Das Desaster offenbart sich nicht in den absoluten Zahlen, sondern in die Tendenzen die die Vorgänge verdeutlichen. Die Hälfte des Volksvermögens konzentriert sich in den Händen von nur wenigen Prozent der Bevölkerung, mit steigender Tendenz.

Machtlos und Schönfärbereien

Dieser Trend ist historisch gesehen nicht neu und schon aus der Zeit der Industrialisierung und Kolonialisierung bekannt, der Zeit in dem dieses Wirtschaftsystem etabliert wurde und er steht in krassem Widerspruch zu einer freiheitlichen und sozialen Gesellschaftsordnung. Die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger sind machtlos gegen die systemischen Gesetzmäßigkeiten des sterbenden Kapitalismus und versuchen ihren Hals, mit Schönfärbereien und inhaltslosen Beruhigungsfloskeln, aus der Schlinge der Verantwortung zu ziehen.

Während in den meisten Ländern der Welt, bereits die Sicherung der nackten Existenz der einzelnen Menschen und der Gesellschaften selbst, der einzig verbliebene Posten auf der politischen Agenda geworden ist, geht es in der westlichen Industriewelt noch um die finale Besitzstandsverteilung durch rücksichtslose Gewinnoptimierung und Verschleierung der tatsächlichen Zustände.

Statistiken werden bedeutungsgeschwängert und in ihrer Lesart so definiert, dass sie dem Volk zu erklären, alles was ihm widerfährt, sei nur eine zeitlich begrenzte Irritation. Zynismus scheint das letzte Mittel einer verzweifelten Politik zu sein und mit diesem Wesen erklärte der Vize-Kanzler und Wirtschaftsminister einer staunenden Bevölkerung, das es ihr doch nie besser ging als heute.

Arm und Reich

Der Armuts- und Wohlstandsbericht der Bundesregierung ist eine rein statistische Auswertung und spiegelt nicht den Zustand dieser Gesellschaft wieder. Statistisch gesehen ist das Durchschnittseinkommen nicht gesunken, wusste die Bundesregierung freudig zu berichten und verbarg. Es gab eine rasante Steigerung der Anzahl von Einkommensmillionären und jeder von diesen, kompensiert statistisch eintausend Arme, die er damit über die Armutsgrenze der Statistik schiebt. Ebenfalls ein statistischer Grundsatz in der Armutsberechnung ist.

Armut wird nicht durch die Steigerung von Einkommen beseitigt, sondern durch die Senkung des Durchschnittseinkommens und zwar soweit, das Armutseinkommen dem Durchschnittseinkommen nahe kommt. Arm ist schließlich statistisch nur der, der über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens verfügt. Ein Widerspruch? Ja aber ein bewährter, mit einer zuverlässigen „das kann doch nicht sein“ Abwehrreaktion, auf die sich schon das Politbüro der ehemaligen DDR gerne und lange verlassen konnte.

Stolz verkündet die Bundesregierung im Weiteren, als Zeichen steigenden Wohlstands, dass noch nie so viele Menschen in Arbeit sein wie heute und offenbart damit Arbeit als Selbstzweck einer Wirtschaft, die sich nunmehr auf die Ausbeutung der Ressource Mensch konzentriert hat. Arbeit die Menschen nicht ernährt ist volkswirtschaftlich wertlos und eine humanistische Phrase.

Die Profiteure dieser Arbeit sind ausschließlich die Arbeitgeber die nicht existenzfähige Löhne zahlen und dadurch ihren Gewinn optimieren. Der Staat subventioniert diese Ausbeutung der Ressource Mensch durch aufstockende Leistungen, um statistische Erfolge und sprudelnde Einnahmen aus den Sozialkassen verbuchen zu können.

Bitter und Existenz bedrohend

Es gibt Armut in diesem Land. Genau so bitter und Existenz bedrohend, wie Armut überall auf dieser Welt. Es ist ein politischer Offenbarungseid, wenn gewählte Volksvertreter diese Armut bagatellisieren, in dem sie Vergleiche mit einem Leben in noch größerem Hunger, in noch größerer Not, irgendwo auf diesem Globus heran ziehen und den Armen ein Klagen auf hohem Niveau attestieren. Armut ist in den westlichen Industrienationen ausschließlich eine Folge, der willkürlichen und ungerechtfertigten Verteilung von Besitztümern.

Sie ist Folge des Kapitalismus, der Armut braucht um Reichtum zu generieren. Eine zwangsläufige Folge aus der Begrenzheit der Ressourcen, die nur einmal verteilt werden können. Es ist eine alt bekannte Weisheit, die besagt. Nur weil viele arm sind, können wenige reich sein. Armut ist in der westlichen Welt kein unvermeidbares Übel, sondern eine systemrelevante Bedingung des Kapitalismus. Armut und Reichtum steigen in sich bedingendem und gleichem Maße an.

Notwendig für die Aufrechterhaltung des Gesellschafts- und Wirtschaftssystems wäre, ein ausgewogenes Verhältnis der Besitzstände und eine tatsächlich nachhaltige, also nicht expandierende Wirtschaft. Dies aber widerspricht schon grundsätzlich den Strukturen und Antrieben des Kapitalismus und ist in ihm nicht realisierbar. Der Kapitalismus konnte zu keinem Zeitpunkt die Armut beseitigen, er verschob sie nur oder hob ihre Bemessungsgröße. Er kann es nicht weil er die Armut der Menschen braucht. Nur sie liefert billige Arbeitskräfte und lässt Entmündigung ungestraft.

Börseboom

Das der Kapitalismus seinem Ende entgegen geht, kann jedem bewusst werden, der seine Sichtweise auf ihn, nicht durch Besitztümer oder ideologische Abwehrhaltungen vernebelt. Alle wirtschaftlichen Randdaten, sprechen eine deutliche Sprache, auch wenn vieles einen anderen Anschein hat. Ein solcher falscher Anschein ist der aktuelle Börseboom, der mit seinem DAX Index die maßgebliche Wohlstandsskala zu sein scheint. Es wird die Ansicht verbreitet, dass das unaufhörliche Steigen der Börsenindexe ein zuverlässiger Indikator für eine boomende Wirtschaft sei.

Die Börsianer agieren jedoch anders. Wer ihr handeln beobachtet, erkennt, das es sich bei dem Börsenboom um eine Kapitalflucht aus der realen Wirtschaft und dem Banksektor handelt, die keine Gewinne mehr versprechen und die Börse das frei werdende Kapital an sich zieht, als letzter Markt auf dem zumindest noch imaginäre Gewinne möglich sind.

Solche Verhaltenmuster der Anleger sind ein sicheres Indiz, für einen mangelnden Glauben an die Wirtschaft und prognostizieren einen bevorstehenden Crash, der dann nichts mehr ist, als ein weiterer kollektiver Abzug von Kapital, wenn auch dort keine Gewinnmöglichkeit mehr besteht. Als Folge wird das Kapital dann in statische und vermeintlich sichere Werte investiert, wie z.B. Gold oder Grundbesitz, entzieht sich damit dem Geldkreislauf und wird aus marktwirtschaftlicher Sicht zu totem Kapital.

Keine Ressoucen bedeutet keine Gewinne

Es kann den Motor des Kapitalismus, den Zins nicht mehr befriedigen und zwingt die Staaten neues Geld zu genieren in dem sie die Notenpressen anwerfen. Die Folge ist die Entwertung von Sachwerten und eine Inflation, der Kollaps des Wirtschaftssystems. Das geschah auch schon in der Vergangenheit und so bemühen sich die Wirtschaftsweisen dieses Szenario als systemisch bedingten Reset darzustellen, nach dem alles wieder, mit den gleichen alten Gesetzmäßigkeiten des Marktes beginnt.

Sie verschweigen jedoch eine Tatsache, die nach vergangenen Wirtschaftszusammenbrüchen die Grundbedingung für einen Neubeginn war. Neue, noch nicht vom System entwertete Ressourcen als Basis einer Wertstabilität und Rohstoff neuer Gewinne. Keine Ressoucen bedeutet keine Gewinne und ohne Gewinne keine Marktwirtschaft.

Der wirtschaftliche und sozialgesellschaftliche Verfall wird in diesem Wahljahr bestimmend sein. Die Menschen spüren bereits deutlich die ersten Auswirkungen des Zusammenbruchs des Wirtschaftsystems. Nur die wenigsten sind noch nicht von den Einschnitten betroffen. Die Zahl der Arbeitslosen stieg rückbereinigt auf 8 Millionen Menschen. 3,5 Millionen Hartz IV Empfänger, ca. 1,5 Millionen resignierte nicht mehr gemeldete Erwerbslose und 3 Millionen offiziell nicht Erwerbstätige also ALG I Empfänger.

Eine Zahl die wir auch schon mal in der Weimarer Republik der 1930er Jahre hatten und wie damals nutzen wir die gleichen marktwirtschaftlichen Instrumente. Wenn wir nun auch noch die gleichen Ergebnisse erhalten wie damals, dann wird die Bundeskanzlerin von einem Reichskanzler abgelöst werden.

Ungerechtigkeit

Alle politischen Parteien geben angestammte politische Positionen auf um möglichst glaubwürdig die soziale Gerechtigkeit vertreten zu können. Es entfaltet sich ein Gerechtigkeitswahlkampf, geschuldet dem Druck eines steigenden Ungerechtigkeitsempfindens. Die Ungerechtigkeit ist offenbar geworden und die Menschen beginnen ein Gefühl zu entwickeln, zu dem was mit ihnen geschieht. Die Welt der sicher geglaubten Werte, entwertet sich. Verunsicherung greift um sich und Gerechtigkeit verspricht Sicherheit.

Dieser Wahlkampf wird nicht um den Inhalt der Gerechtigkeit geführt werden, sondern um die Deutungshoheit, was überhaupt Gerechtigkeit sein kann und darf. Es wird weiterhin ein Wahlkampf der Wahlaufrufe werden. Möglichst viele Wähler sollen eine möglichst große Legitimation schaffen, für die unpopulären schmerzlichen Einschnitte, die nach der Wahl folgen werden. Eine neue Wahlkampfpartei wird für sich werben. Die aktiven Nichtwähler, aktiv ihre Überzeugung vertretend und nicht bereit noch irgend etwas in der Politik zu legitimieren.

Alle Fakten liegen offen und sind in der Informationsgesellschaft leicht verfügbar. Dennoch liegen keinerlei Konzepte für eine Zeit nach dem Kapitalismus vor. Die Politik kopiert der Kanzlerin wesenseigene Unverbindlichkeit, die Wirtschaft beschwört den Status Quo und die Medien verbreiten Endzeitszenarien.

Doch wer sich traut das Offensichtliche öffentlich auszusprechen, wird bestenfalls belächelt.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

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16.03.2013 Heinrich Schmitz über das deutsche Schöffensystem.

GFDK - Heinrich Schmitz

RA Schmitz schreibt hier über das deutsche Schöffensystem, doch die Geschworenen z.B. einer amerikanischen Jury sind nichts anderes als deutsche Schöffen - Laien, die über Recht entscheiden, in einigen (amerikanischen) Fällen sogar über Leben und Tod...!


Und auch hier gilt, dass gebildetere Schichten, Homosexuelle, Minderheiten etc. seltener vertreten sind. Oftmals mit Absicht, wie Untersuchungen zeigen, denn (z.B. bei der Todesstrafe) Schwarze, hoch gebildete Menschen, Homosexuelle und andere Minderheiten neigen dazu, die TS eher weniger auszusprechen und so versuchen Staatanwaltschaften sie auszuschließen und Geschworene zu bekommen, die leichter beeinflussbar sind.


Ein US-Strafverteidiger sagte einmal zu mir: "Sicher muss ich ein guter Schauspieler sein! Wenn die Geschworenen am Ende meines Plädoyers nicht weinen, habe ich meinen Job nicht gut gemacht!"
(Susanne Cardona, Initiative gegen die Todesstrafe e.V.)    

Schöffen - Rechtsprechung im Namen des Volkes?

Stellen Sie sich vor, Sie müssten zu einer Operation ins Krankenhaus. Zur Voruntersuchung erscheinen neben dem Anästhesisten und dem Operateur zwei weitere Menschen an Ihrem Bett, ein Rentner und eine Hausfrau. Sie schauen etwas verwundert. Aber diese beiden beraten ganz ernsthaft mit dem Chirurgen über die Notwendigkeit und die Durchführung der Operation.

Plötzlich kommt es zu einerMeinungsverschiedenheit und einer Abstimmung. Die Hausfrau und der Rentner überstimmen den Facharzt, so dass dieser tun muss, was die Laien meinen.

Absurd? Sollte man meinen.

Aber genau dasselbe kann passieren, wenn Sie wegen einer Straftat angeklagt werden. Außer beim Einzelrichter am Amtsgericht sitzen Ihnen immer zwei Laien gegenüber, die über Ihre Schuld oder Unschuld, über Geld- oder Freiheitsstrafe , über Bewährung oder Knast mitentscheiden. Laien, die weder Jura studiert, noch sonst irgendetwas gelernt haben müssen.

Ehrenamtliche Richter, Schöffen.

Beim Schöffengericht sitzen zwei von ihnen gemeinsam mit einem Berufsrichter über Sie zu Gericht, d.h. die können den Fachmann locker überstimmen. Naja, werden Sie vielleicht sagen, ist ja nicht so schlimm - wenn das Urteil falsch sein sollte, kann ich doch in Berufung gehen.

Ist ja schließlich ein Rechtsstaat. Rechtsmittel und so.

Ja stimmt. Aber wundern Sie sich dann bitte nicht, wenn in der Berufungsinstanz plötzlich wieder - in einer sogenannten kleinen Strafkammer - ein Berufsrichter und zwei Schöffen vor Ihnen sitzen.

Klingt seltsam, ist aber so.

Nur bei der großen Strafkammer haben Sie immerhin mit 3 Berufsrichtern auf 2 Schöffen zu tun. Nur da sind die Fachleute in der Mehrheit.

Ansonsten Laienmehrheit.

Auf der Suche nach der Begründung für diesen auf den ersten Blick recht unheimlichen Umstand stößt man auf folgende Begründungen:

"Die Beteiligung ehrenamtlicher Richter hat in Deutschland eine lange Tradition und ist trotz mehrerer Änderungen von Strafprozessordnung und Gerichtsverfassungsgesetz nie ernsthaft in Frage gestellt worden. Für die Beteiligung von Schöffen in der Strafrechtspflege sprechen vor allem folgende Punkte:

- Repräsentative Teilnahme des Volkes an der Rechtsprechung.

- Erhaltung und Stärkung des Vertrauens der Bevölkerung in die Rechtsprechung durch Teilnahme hieran.

- Besserung der Rechtskenntnisse des Volkes und seines Verständnisses der Rechtsprechung und der dabei auftretenden Probleme. Denn wenn man einen Angeklagten unmittelbar vor sich hat und seine Tat unter Berücksichtigung der konkreten Situation und seiner gesamten Lebensgeschichte beurteilen muss, versteht man manchmal ein Urteil, dass in den Medien als Milde bewertet wird, viel besser.

- Einbringen des "gesunden Menschenverstandes" in die Urteilsfindung.

- Notwendigkeit für die Berufsrichter, die eigenen - juristisch geprägten - Wertungen in eine allgemein verständliche Form zu bringen.

- Erweiterung des Informationsstandes der Berufsrichter durch Sachkunde und Lebenserfahrung der Schöffen."

(Quelle:
http://www.lg-aachen.nrw.de/service/informationen/schoeffen/index.php)

Aha, lange Tradition, das haben wir schon immer so gemacht. Kein wirkliches Argument. Was haben wir nicht alles schon an Traditionen abgeschafft. Nur weil man etwas schon immer gemacht hat, muss man das ja nicht immer weiter so machen. Das hat sogar Papst Benedikt erkannt und hat seinen Rücktritt angekündigt, obwohl die Tradition ja verlangt hätte, dass er sich gefälligst bis zum Tode mit der Bürde seines Amtes rumquält.

Wir haben auch traditionell in der Kneipe geraucht, jetzt stehen wir vor der Kneipe in Regen und Schnee, wir Raucher. Traditionen bedeuten erst mal nur, dass man etwas lange macht, aber nicht dass er auch noch sinnvoll ist.

Und die anderen Argumente?

Repräsentative Teilnahme des Volkes an der Rechtsprechung, Erhaltung und Stärkung des Vertrauens der Bevölkerung in die Rechtsprechung durch Teilnahme hieran. Da habe ich schon ganz große Zweifel. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Qualität der Strafjustiz scheint nicht das größte zu sein. Dafür dass das nicht so ist sorgt ja schon die BILD regelmäßig. Stichwort Kuscheljustiz.

Und dass die Schöffen das Volk repräsentieren, ist auch nicht gewährleistet.

Schon die Auswahl der Schöffen ist nicht gerade ein Musterbeispiel für eine demokratische Wahl.

Die Anzahl der Schöffen wird zunächst durch den Präsidenten des Landgerichts bestimmt. Aufgrund dieser Vorgabe werden von den Gemeinden Vorschlagslisten erstellt, die doppelt so viele Vorschläge enthalten müssen, wie Schöffen gebraucht werden. Auf diese Vorschlagslisten kommen erst mal die Bürger, die sich ganz bewusst für das Schöffenamt bei der Gemeinde bewerben.

Warum sie das tun, bleibt dabei offen. Es gab zum Beispiel einen Aufruf der NPD sich auf die Listen setzen zu lassen, um auf diese Weise die Rechtsprechung zu beeinflussen. Es gibt aber auch Leute, die sonst keine richtige Beschäftigung (mehr) haben. Und natürlich gibt es auch engagierte Bürger, die etwas für ihr Land tun wollen.

Aus den Vorschlagslisten wählt ein Wahlausschuss die Schöffen. Dieser Ausschuss besteht aus einem Richter des Amtsgerichts, einem sogenannten Verwaltungsbeamten sowie sieben Vertrauensleuten.

Diese Vertrauensleute werden von den Vertretungen der Kreise gewählt. Der Ausschuss wählt die Schöffen für das Schöffengericht des Amtsgerichts und für die Strafkammern des Landgerichts. Bei der Wahl soll darauf geachtet werden, dass alle Gruppen der Bevölkerung nach Geschlecht, Alter, Beruf und sozialer Stellung angemessen berücksichtigt werden.

Ob das so richtig klappt darf ebenfalls bezweifelt werden. Während immerhin die Verteilung auf Männer und Frauen eingermaßen zu funktionieren scheint, sind jedenfalls nach meiner persönlichen Beobachtung ziemlich wenige Selbständige, Arbeitnehmer, Menschen mit Migrationshintergrund, Schwarze, Schwule, Lesben und Personen unter 40 Jahren unter den robenlosen Richtern zu finden.

Die Verteilung von Alter und Beruf kann seit einigen Jahren eh nicht mehr kontrolliert werden, weil die Statistik im Jahre 1998 einfach eingestellt wurde.

Die Besserung der Rechtskenntnisse des Volkes und seines Verständnisses der Rechtsprechung können keine wirkliche Begründung für das Schöffenwesen darstellen. Da wäre das von mir seit Jahren geforderte Schulfach "Rechtskunde" über die bisherigen popeligen Arbeitsgemeinschaften hinaus wesentlich effektiver.

Aber diese intensive Besserung der Rechtskenntnisse der Bevölkerung will der Staat offenbar gar nicht so richtig haben. Die rechtskundigen Bürger könnten ja auf die Idee kommen, ihre Rechtskenntnisse dann auch in die Tat umzusetzen.

Aber Fortbildung als Rechtfertigung für die Beteiligung von Laien an der tatsächlichen Rechtsprechung - also sozusagen learning by doing - , dass würde auch als Argument für die Laienoperateure im Krankenhaus nicht greifen, auch wenn diese dann mehr Verständnis für ärztliche Kunstfehler entwickeln würden.

Das beliebte Argument "Einbringen des "gesunden Menschenverstandes" in die Urteilsfindung" ist mir aus zwei Gründen suspekt. Zum einen unterstellt es den Volljuristen ohne nachvollziehbaren Grund eine "kranken" Menschenverstand, zum anderen bewegt sich der "gesunde Menschenverstand" manchmal verdammt nah am "gesunden Volksempfinden", das sich in der Vergangenheit häufig als ganz ungesund erwiesen hat.

Man erinnere sich zum Beispiel an den Emden-Mob und ähnliche Aufwallungen der Volksseele.

Auch das Argument der durch Schöffen erzeugten Notwendigkeit für die Berufsrichter, die eigenen - juristisch geprägten -- Wertungen in eine allgemein verständliche Form zu bringen, hat offenbar in der Vergangenheit wenig Gewinn gebracht.

Dass Urteilsbegründungen von Schöffen- oder Berufungsgerichten allgemeinverständlicher wären als die des Einzelrichters, ist mir jedenfalls noch nie aufgefallen. Es gibt Richter, die sich verständlich und solche, die sich unverständlich ausdrücken. Daran ändert auch ein Schöffe nichts.

Auch das letzte Argument für die Schöffen, dass sie einer Erweiterung des Informationsstandes der Berufsrichter durch Sachkunde und Lebenserfahrung dienen, ist nicht überzeugend. Benötigt der Richter mangels eigener Sachkunde jemanden, der ihn bezüglich eines Themas schlau macht, dann kann und sollte er einen Sachverständigen befragen.

Woher soll der Richter denn wissen, ob das Wissen, dass der Schöffe ihm vermitteln will, auf dem neuesten Stand ist ? Was soll das bringen, wenn der Schöffe seine "Lebenserfahrung" einbringt ?

Nicht, dass ich das teilweise bewundernswerte Engagement von manchen Schöffen nicht zu würdigen wüßte. Es gibt sogar Schöffen, die in der Hauptverhandlung den Mut aufbringen, eigene Fragen zu stellen. Manchmal allerdings auch Fragen, mit denen sie sich wegen Befangenheit gleich aus dem Verfahren schießen, wie zum Beispiel,

"Warum gestehen Sie nicht endlich, wir wissen doch, dass sie schuldig sind ?". Die Schöffen können nichts dafür, sie sind ja Laien.

Aber nochmal, möchten Sie von einem Laien operiert werden ?

von RA Heinrich Schmitz
(Herr Schmitz ist nicht Mitglied der Initiative gegen die Todesstrafe e.V.)

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15.03.2013 der Wegaufzeichner

Eva Horstick-Schmitt - 5 Bilder

Martin Kippenberger war ein genialer,  sich selbstinszenierender Kunst-Clown mit radikaler Selbstironie.

Ich tauche mit Respekt ein in seine verletzliche Seele beim Blick auf sein umfangreiches Werk, präsentiert in der Nationalgalerie Hamburger Bahnhof Berlin.

Sein Leben als Mischpult der Kunst, in der er der Mittelpunkt sein wollte.

Er hinterfragt in seinen Werken sich, die Gesellschaft, die Kunst, den Markt – stilmixend, mit dem Hirn und Herzen eines chaotischen und sympathischen Treppentwisters. 

Die kunstbeflissene Jetztzeitgesellschaft - ob sie sein Werk versteht?

Seine Frösche am Kreuz glänzen auf uns herab wie ein Frosch-Ermahnung, uns besser mit der Natur zu versöhnen, als sie weiter zu quälen.

Martin Kippenberger - ich sage  Dir, egal wo du gerade bist im Universum - es ist ein Genuss  zu verstehen - wenn man mit dem Herzen sieht und nicht nur mit dem Verstand. Das Bild, welches Du von Dir vermittelst, zeigt mir einen Menschen, der auch geht, wenn ein Tor ohne Kontur ist. Deine Nase ragt ebenso vorwitzig in die Welt, wie die mich berührenden Plakate deiner Ausstellungsankündigungen mit den schrägen Slogans, die an Dadaismus erinnern lassen.

Dein umfangreiches und abwechslungsreiches Lebenswerk in Form von Installationen, Malerei, Fotografie, Grafik und mehr beeindruckt genauso wie deine Statements.

Der Martin in der Ecke - als Skulptur - erinnerte mich an meine eigene Schulzeit  "Eva in der Ecke", wie es viele erinnern wird an eine Zeit, in der das Diktat des Gehorsams galt.

Die Plakate, Malereien und Fotografien lassen nicht nur erahnen, welch ein kluger Kopf hinter dem allen stand, sondern sind der Beweis für humorvolles und zynisches "Zeit-voraus-denken".

Als permanente "Ermahnungsleuchte" im Dickicht dieser Welten sammelte Kippenberger scheinbar alles was ihm vor die Füsse fiel und verarbeitete es zu einem leckeren Menü diverser Speisen, die uns manches Mal auch im Hals stecken bleiben sollen. 

Mich beeindruckte auch der Aufbau der Show, wie sie präsentiert wurde durch die verantwortlichen Kuratoren. Das war eine Höchstleistung, wo es doch 300 Werke kreativ unterzubringen galt.

Diese Kippenberger Show lohnt sich - und es fiel mir äußerst schwer, diese Aura des Werkes zu verlassen. Ich hätte mir gern mein Zelt dort aufgebaut und mehrere Tage diese Ausstellung genossen.

Kippenberger wurde nicht nur zu Lebzeiten von Dortmund ignoriert. 

Als das U gebaut -  2010 gerade fertig geworden - verwarf man in Dortmund schnell die Überlegung den Platz vorm U  "Kippenberger Platz" zu nennen, weil er doch Frösche ans Kreuz nagelte und die Inhaber der Provinzpossen aus Dortmund nicht gerade Durchblick bewiesen haben mit ihrer Art des Denkens. Sie bekamen die Quittung. Eine Ausstellungsanfrage des Direktors des U wurde von den "Wächtern des Werkes Kippenbergers" zu recht abgesagt.

Martin Kippenbergers Mutter hat in Dortmund eh nur  kurz seine Windeln entsorgt, denn die Familie zog meines Wissen schon frühzeitig aus Dortmund weg.

Einige private sw Bilder des jungen Kippenberger lassen erahnen, welch inniges Verhältnis er zu seiner Mutter, seiner Familie hatte.

Auf mich wirkt er durch seine Kunst wie ein Mensch, der seinen Lebens-WEG ausdrücken wollte mit anderen Mitteln.  Einer, der durch seine Rastlosigkeit etwas suchte, was in der Welt ins Abseits geriet. 

Er verlor sich vielleicht auf der Autobahn des Lebens  und ertrug das alles nur noch mit einer nicht geringen Menge an Alkohol.

1997 starb er und wurde posthum zum berühmten Aussenseiter. Ich hätte ihm von Herzen gegönnt seinen Erfolg geniessen zu dürfen, der ihm seit einigen Jahren entgegen eilt.

Er wäre 2013  60 geworden. 

Trotz gefälltem Baum, eine Wurzel lebt   - und das ist diese seine Kunst. 

Die Kunst-Wurzel in die unendlich verschlungene Tiefe der Erde mit Abzweigwurzeln in alle Richtungen.

 

Eva Horstick-Schmitt

2013 im Februar 

arteve.de

 

Kuratiert von Udo Kittelmann und Britta Schmitz, Ko-Kuratorin: Miriam Halwani

Martin Kippenberger: sehr gut | very good

23. Februar - 18. August 2013

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin

Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin

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15.03.2013 Aus Kritikern werden Tastatur-Künstler

GFDK - Christopher Lesko

Kommenden Montag geht die zweite Folge von “Circus Halligalli“ über den Schirm. Der Start bescherte ProSieben vor einer knappen Woche neben guten Quoten die intensive Aufmerksamkeit der TV-Kritik. Einige Kritiker fanden deutliche Worte und ultimative Beschreibungen. An einigen Stellen schien es, als sei manchen Kritikern unbemerkt etwas verloren gegangen: Die Bereitschaft, Formaten auf längeren Sendestrecken Zeit für Wachstum und Entwicklung zu geben. Zeit für ein paar Grundsatzgedanken.

Dass Formate polarisieren freut TV-Verantwortliche weit mehr, als es durchgängig positive Kritiken je verwirklichen könnten. Schließlich entstehen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Identifikation zunächst unabhängig von ausschließlich angenehmen Gefühlen. Ob Zuschauer einschalten, weil sie auf hohem Niveau unterhalten werden, ob sie dabei blieben, weil ein Format  Ziele für Enttäuschung oder Ärger bietet, ob man gar in jener Art zuschaut, in welcher Unfallopfer auf Autobahnen betrachtet werden, ist der Quote egal solange Aufmerksamkeit gesichert ist.

Über eine sehr gute Quote hinaus bescherte der Start des ProSieben-Formates “Circus Halligalli“ Protagonisten, Machern und Verantwortlichen schnell die große Aufmerksamkeit der TV-Kritik.

Dass einige TV-Kritiker nach nur einer Sendung innerhalb eines sehr breiten Spektrums von Einschätzungen derart ultimativ urteilten, trägt paradoxe Züge. Mögliche Ursachen dafür, so scheint es, haben mit dem Format selbst nur symptomatisch zu tun: So schreiben Journalisten und Kritiker nicht im luftleeren Raum, sondern sind einer Reihe grundsätzlicher Aspekte und Phänomene ausgesetzt, die Tempo, Richtung und Qualität ihrer Kritiken mehr oder weniger beeinflussen. Nach einigen Tagen und vor der zweiten Folge der Show wollen wir jenen grundsätzlichen Aspekten einige Zeilen widmen.

Der Quoten-Irrtum

Der Startquote vieler Formate wird häufig paradoxerweise eine besondere Bedeutung zugemessen. Grob vereinfacht gesagt, misst sie die Qualität von Marketing, Promo oder Pressearbeit vor Formatstart. Natürlich repräsentieren erste Quoten auch die grundsätzliche Zuschauerbereitschaft zur Aufmerksamkeit für Inhalt und Protagonisten. Über Qualität des Formates oder gar Chancen auf den grundsätzlichen Erfolg einer Formatstrecke sagt sie annähernd gar nichts.

Dies gilt auch für “Circus Halligalli“. Die Rückkehr von Harald Schmidt zu SAT.1 bot gute Anfangs-Quoten, die im weiteren Verlauf der Sendestrecke völlig zerbröselten, und Schmidt bildet nur ein Beispiel dafür in einer längeren Reihe ähnlicher Beispiele.  TV - Kritiker mit Augenmaß vermeiden es, in Texten die Startquote in Verbindung mit grundsätzlich qualitativen Aussagen zum Format zu setzen.

Nicht nur in einigen Kritiken des “Circus Halligalli“ - Starts  werden allerdings Anfangsquoten immer wieder in Bezug zu einer weitreichenden, inhaltlichen Bewertung von TV-Produkten gesetzt. Die Wahrheit bleibt: Ob sich Formate erfolgreich oder dürftig entwickeln, sieht man kaum an der Quote der ersten Sendung.

Schreiben in Spannungsfeldern

Grundsätzlich handeln TV-Kritiker innerhalb dreier, wesentlicher Spannungsfelder:

Das erste Spannungsfeld beschreibt eine Medienkultur journalistischer Herkunftsorganisationen, die in Fragen ihrer Geschwindigkeit und in Vielzahl und Breite ihrer Kanäle in den letzten Jahren wesentliche Veränderungen erfahren hat: Boten früher TV, Print-Medien und Radio Kritikern sehr fokussierte Kanäle für ihre Bewertungen und Kommentare, stehen heute Lesern durch eine Fülle von Online-Medien und soziale Netzwerken unterschiedlichster Prägung Bewertungen von TV-Produkten annähernd zeitnah in endloser Breite zur Verfügung.

Für viele Journalisten alter Schule und klassische TV-Kritiker bedeutet dies zunächst ungewohnten Wettbewerb mit anderen, die in neuen Medien, in Blogs, usw. durch Veröffentlichungen Aufmerksamkeit und Leser binden.

Die Veränderung bedeutet auch, dass Tempo per se einen neuen Werte setzt und somit eine wichtige Rolle spielt: Viele kommentieren auf allen Kanälen vieles rasend schnell. Nicht schnell dabei zu sein nimmt Sichtbarkeit. Dieser Abhängigkeit unterliegen auch alle Online-Präsenzen großer, orthodoxer Medien.

Nun wäre der Königsweg, nicht nur schnell sondern schnell und gut zu kommentieren. An vielen beobachtbaren Stellen jedoch hat der Wert der Geschwindigkeit nicht zufällig das Bemühen um professionellen Tiefgang  überholt: Zugespitzt gesagt, generiert Tempo grundsätzlich mehr Klicks als Qualität. Zumindest generieren Tempo und hohe Frequenz schneller die erforderlichen Visits. Die nun regulieren nicht nur Reichweite und Bedeutung des jeweiligen Mediums und seiner Autoren, sondern auch Berechnungsgrundlage und Anzahl möglicher Werbekunden. Das zählt.

Es reicht also heute nicht mehr, von Lesern beachtet, geschätzt oder gar geliebt zu werden: Google muss Autoren und ihre Online Medien ebenso lieben. Und manches Mal frisst Tempo Qualität.

Kritiker, Journalisten und Autoren bewegen sich also bereits innerhalb des ersten  Spannungsfeldes in einem Gemisch unterschiedlicher Abhängigkeiten. Sie erleichtern es nicht unbedingt, mit Augenmaß und kritischer Distanz TV-Produkte eines Feldes zu bewerten, dass ohnehin mit der Produktion von Träumen, Unterhaltung und Phantasie weniger von nüchternen Sachaspekten geprägt ist als andere Branchen und somit mehr Anfälligkeit für Extreme bietet.

Kritiker

Ein zweites Spannungsfeld sieht den Kritiker selbst und betrachtet das Phänomen wachsender Angleichung zum TV-Feld,  dem er professionelle Aufmerksamkeit widmet. Vor vielen Jahren ergaben Untersuchungen verschiedener Arbeitskulturen und Branchen: Menschen neigen dazu, sich Besonderheiten ihres beruflichen Umfeldes sukzessive anzugleichen und  - ihnen vielleicht ursprünglich fremde - Charakteristika zu übernehmen. Mitarbeiter von Justizvollzugsanstalten etwa wiesen statistisch eine besonders hohe Kriminalität auf.

Das Phänomen der Angleichung birgt für TV-Kritiker die prinzipielle Gefahr eines zunehmenden Defizites an erwachsener Distanz und auch an der Fähigkeit zur Selbstkritik: Wer sich über viele Jahre mit Künstlern und TV-Größen auseinandersetzt und darüber hinaus noch passabel schreiben kann, ist grundsätzlich einerseits davon bedroht, selbst zum “Star“ zu werden. Und: Mit der professionellen, kritischen Betrachtung anderer geht nicht selten der kritischen Blick auf sich selbst verloren.

Abzuheben, dem Wachsen eigener, medialer Bedeutung kein Gewicht auf der bodenständigen, anderen Seite der inneren Waage entgegen zu setzen, führt potentiell zu Kritikern, deren Selbstwahrnehmung sich kaum noch von jener unterscheidet, die sie als TV-Größen betrachten: Aus Kritikern werden Tastatur-Künstler, denen schleichend Bodenhaftung verloren geht. Mehr und mehr bilden  Fans und Bewunderer den großen Teil ihres Umfeldes. Das Motiv des Schreibens aus Gründen eigener Sichtbarkeit gewinnt zunehmend Raum.

Genauso, wie ein TV- Format den Erwartungen seiner Zuschauer ausgesetzt ist, unterliegen TV-Kritiker den Erwartungen ihrer Leser: Schnell sein zu müssen, sich selbst schnell zeigen zu müssen, fördert statt erwachsener Kritik mit nötiger Distanz immer wieder undifferenzierte Extreme. In Verbindung mit dem oben erwähnten Wert der Geschwindigkeit keine hervorragende Ausgangssituation für profunde, fachlich fundierte und Formaten gegenüber faire Kritiken.

Abhängigkeit und Nähe

Natürlich sind Fernsehmacher abhängig davon, von Medien und Kritikern wahrgenommen und bewertet zu werden. Diese Abhängigkeit jedoch existiert in beide Richtungen: Auch Journalisten und Kritiker sind abhängig von gesunder, gelingender Nähe zu TV – Verantwortlichen, Protagonisten oder Künstlern: Sie reguliert in Teilen Zugänge, Existenz und Erfolg. 

Als Meinungsmacher mit persönlicher Macht und dem Einfluss des Mediums, für welches man schreibt, sensibel und reflektiert umzugehen, ist generell keine leichte Aufgabe. Der Umgang mit Abhängigkeit ist es auch nicht: Zwischen zwei Extremen, die auf der einen Seite des Spektrums Journalisten sehen mögen, die ohne wirkliche Bindung und Nähe aus Elfenbeintürmen auf die TV - Welt herab diagnostizieren und auf der anderen Seite des Spektrums jene finden, die sich durch kritikloses Anwieseln Zugänge erhalten wollen, ist jede Menge Platz für Gestaltung. Nicht jedem, so scheint es,  gelingt der Umgang mit Gegenabhängigkeiten dieser Ebene souverän, selbstbewusst und mit einem guten Gefühl für saubere Distanz.

Kritiker-Texte entstehen also auf dem Boden eines Raumes, der permanent von zumindest drei grundsätzlichen Spannungsfeldern beeinflusst wird. Wie sehr oder wie wenig diese häufig unreflektierten Phänomene für den Einzelnen eine Rolle spielen, hängt von seiner Persönlichkeit und der aktuellen Situation ab. Niemand ist dem schutzlos ausgeliefert. Und niemand kann generell die Bedeutung dieser Aspekte ignorieren.

Mal was vom Pferd

Um einen alten Satz zu bemühen: Natürlich ist es nicht so, dass ein guter Reiter vorher Pferd gewesen sein muss, ein guter Fußballtrainer vorher Spieler oder ein guter TV-Kritiker vorher Künstler oder Produzent.

Manchmal jedoch möchte man Journalisten und Kritikern wünschen, sie verstünden mehr – und anderes - vom Fernsehen: mehr von Leben und Atmosphäre in Produktionen. Mehr von Druck und Aufnahme-Stress. Mehr davon, wie wenig Fernsehen ein nine-to-five-job ist. Man wünschte, sie verstünden ein wenig mehr von inneren Organisations-Wirklichkeiten, mehr davon, wie klein und zwischenmenschlich schwierig einige der ganz Großen der Mattscheibe wirklich sein mögen. Und nicht zuletzt ein wenig mehr von den Sorgen der Verantwortlichen oder der Freude der Teams, wenn ein Format nach harter Arbeit richtig gut werden durfte.

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass eine saubere Bewertung des Formates “Circus Halligalli“ nie und nimmer nach einer Sendung erfolgen kann. Jedes Format mit längerer Sendestrecke braucht seine Zeit für Wachstum, nötige Veränderungen und Justierungen. Ob und mit welchen Modifikationen die große Plattform von ProSieben ein Format erfolgreich tragen kann, dessen Kern in ganz anderen Kontexten lebendig wurde, wird sich im Laufe der Zeit entscheiden.

Ob Joko und Klaas als Hoffnungsträger der Unterhaltung ihre Räume nutzen können, ob sie sich die nötige Zeit für ihr Erwachsen-Werden nehmen können oder gar durch den schnellen Erfolg der letzten Jahre professioneller Deformation und dem Verlust von Bodenhaftung nachgeben, wird man ebenso abwarten müssen.
Wie jedes Format hat “Circus Halligalli“ seine Chance verdient. Und mit dieser Chance Kritiker, die sich selbst und den Machern des Produktes ein wenig mehr Zeit lassen. Manchmal wäre es mutiger, angenehmer und fairer, wenn nicht so schnell, so laut und so extrem geurteilt würde.

Die Liebe von Google ist nicht alles. Hohes Tempo und eigene Sichtbarkeit der Kritiker sind es auch nicht.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

Ersterscheinung: meedia.de

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