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Reden ist silber...Schreiben ist gold

10.12.2012 Eine gänzlich erfundene Fallgeschichte

GFDK - Christopher Lesko

Eine alte Lebensweisheit sagt: Manchmal wachsen die größten Erfolge aus schwierigsten Anfangssituationen. Häufig werden zu besten Freunden jene, mit denen die Beziehung anfangs schwer beginnt. Dass vor morgendlichem Sonnenaufgang die Nacht saudunkel sein kann, weiß man auch im Fernsehen. “Als das Ziel fiel, war der Weg weg“ stimmt jedoch nicht für RTL. Dies zeigt die nicht ganz so ernst gemeinte, fiktive Entstehungsgeschichte der RTL-Begattungs-Saga: Aus “Bauer bucht Sau“ wurde “Bauer sucht Frau“.

Nicht jedes Erfolgsformat hat in der Konzeptphase einen leichten Start. MEEDIA gilt nicht zu Unrecht als treusorgende Mutter dokumentarischer Mediendienste: Wir lieben nicht nur Fernsehen. Wir lieben auch Zuschauer. Wir lieben Journalisten und Mediendienste. Im Grunde genommen lieben wir alles und jeden. Täglich sprechen wir mit ihm, dem Markt, als hätten wir eine wahrhaftige Person vor uns. Wir leiern in Interviews Prominenten gelangweilte Reaktionen aus der Jacke. Wir schleimen, was das Zeug hält, ohne genau zu wissen, was das eigentlich sein soll - das Zeug.

Aber, wir haben es: das Zeug zu erschütternd dokumentarischer Recherche. Auf eben diesem steinigen Weg der Recherche sind wir auf wahrhaftig frei erfundene Geburtswehen des Ächt-Tee-Äll-Wegschmeißer- und Knaller-Formates “Bauer sucht Frau“ gestoßen. Sie belegen, wie schwer selbst für nobelpreisverdächtige Erfolgsformate konzeptuelle Anfänge geraten können.

Gerade in schnelllebigen Zeiten emsiger Betriebsamkeit geht Zuschauern frühlingsleichter TV-Formate, wie “Bauer sucht Frau“  der Kontakt zu jenem Bündel aus Blut, Schweiß und Tränen verloren, dass Fernsehmacher auf ihren Irrwegen vor Formatstart zu meistern haben. Wir wollen - und wir dürfen! - aus historischer Verantwortung unseren Lesern diese Informationen keinesfalls vorenthalten. Brisanz und Sensibilität des Ursprungmaterials dieser Zusammenfassung haben uns dazu bewogen, unseren Quellen absolute Vertraulichkeit zuzusichern. Wir bitten diesbezüglich um Nachsicht. Hier die Bilanz eines schweren Beginns:

Formatidee: russisches Roulette

Als vor Jahren zwei spätrussische, freiberufliche TV-Formatentwickler in Köln ihre Konzeptidee vorstellten, bestand die erste Reaktion der Senderverantwortlichen in rückblickend tiefem, Misstrauen gegen die Versprechungen deutscher Politik der späten 80er Jahre. Sie nämlich sicherte zu, dass - bis auf hochfrequente Zufuhr unterschiedlichster Pilzsorten - der Reaktor-Unfall in Tschernobyl keinerlei Beschädigungen für die Bevölkerung hinterlassen haben sollte. Zweifel schienen angebracht: Nun also saßen zwei Format-Russen am Konferenztisch des Senders und präsentierten ihre verstrahlte Idee:

Eine Moderatorin aus dem Osten sollte ein Suchformat moderieren. Irgendetwas mit Glück. Einfach sollte es sein. So insgesamt. Auch sprachlich. Sächsinnen also schieden aus. Nett sollte sie sein, am besten auch noch singen können: Man wisse ja nie. Kern des Formates: Irgendwer sollte über längere Programmstrecken irgendetwas oder irgendwen suchen und finden. Oder auch nicht.

Die Idee kam einer Revolution gleich. Sie begeisterte und irritierte gleichzeitig. Gut, die Idee der Russen schien bislang noch nicht bis ins letzte Detail präzise ausgereift. Aber, der epochale Geist des Großen wehte durch den Konferenzraum: Die Russen hatten Sprit, ihre Idee Spirit.

Daumen hoch fürs Erste, so der Sender. Eine Kölner Projektgruppe erarbeitete mit Unterstützung eines Muster-Russen Feinheiten des Russenmusters. Zunächst Thema und Titel.

Schnell war klar: Hunde und Kleintiere schieden aus. Das Thema “Hundchen sucht Frau“ sollte dem kleinen Schwestersender VOX vorbehalten bleiben, um die knappen Zwischenräume der Koch-Shows mit Naturalien füllen zu können.

Das Entspannungsformat “Urlaub für lau-rein in den Stau!“ wurde schnell verworfen, die Handwerker-Formate: “Ärger beim Bau: klage nicht, hau!“ und: “Bunt im Verhau - Farbe statt grau!“ fanden auch keine Mehrheit. Beide Ansätze schienen zu saisonal. Auch für den Hacker-Contest „Nerd oder Ratte - wer hackt uns die Platte?“ schien zielgruppentechnisch die Zeit noch nicht gekommen.

Als die Russen nach Wochen entmutigt von Bord gingen, wuchs die entscheidende Idee: Irgendetwas mit Land. Hof mit Vieh und seinen Hütern. Bauern, Schweinezüchter oder Schäfer, so fand man, passten am besten bei RTL auf den Schäfer-Court. Eine nimmermüde Saga einsamer Lands- und Landmänner, die in intellektuell schlichter Grundhaltung nach Stubenkameradinnen Ausschau halten sollten.

Immerhin: Suchen und Sammeln war kein leichtes Thema. Nicht wenige Mitglieder von Projektgruppe und Redaktion hatten als Fußballbild-Sammler am eigenen Leib erfahren müssen: Die größte Krise tritt für Sammler und Sucher immer dann ein, wenn man am Ziel ist, man gefunden hat und das Album plötzlich entsetzlich voll ist. Mit dem Verlust des Sammeln-Dürfens bricht ein zentraler Sinn des Lebens weg. Dennoch, so beschloss man,  sollte der Arbeitstitel des Formates zunächst das Finden, nicht die Suche, im Blick haben.

“Bauer sucht Bau“ schied also aus. Trotz erster, moralischer Bedenken entschied man sich halbherzig für “ Bauer bucht Sau.“ Man folgte so der Empfehlung einer renommierten Agentur: Nach Abschluss eines aufwändigen und kostenintensiven, kreativen Prozesses, in dessen Verlauf Horden gepflegter, junger Agentur-Berater mit mittellangem Haupthaar monatelang in Cabrios vorfuhren um Senderparkplätze zu blockieren, zu brainstormen und ihre Apple-Produkte auszulasten, war klar:

Moral, so die hippen Werbegurus, sei irgendwie total Eighties und quotenfeindlich. Dass sie in ihrer Abschlusspräsentation Ethik ohne “h“ schrieben, sei als bewusstes, kreatives Gestaltungselement vorgesehen, um “die Message zu fokussieren“. Senderseitig war man tief beeindruckt. Die hohe, sechsstellige Summe für die Agentur schien gut investiert:

“Bauer bucht Sau“ war als Arbeitstitel gebunkert.

Von Toren und Moderatoren

Mit der Wahl der Moderatorinnen hatte man zunächst kein Glück: Carmen Nebel ließ den Sender lange im ebensolchen und sagte letztlich ab. Mit Achim Mentzel war man sich handelseinig, bis dem hausinternen Juristen kurz vor Unterschrift des Vertrages auffiel, dass Favoritenbarde Mentzel gar keine Frau war. Man sagte ihm ab, auch Mentzel konnte nach mehrwöchigem Nachdenken die Begründung spontan nachvollziehen.

Zu welcher Botox-Birne also sollte man greifen? Wer blieb auf der Shortlist? Vera int Veen formattechnisch aufzublähen, schien unverdaulich.  Britt Hagedorn war bei den Sportskameraden der Konkurrenz, die darüber hinaus auch die Wiederbelebung der rüstigen Rentnerin Ulla Kock am Brink planten. Barbara Schöneberger “sehe zwar Synergien im Kontext avisierter Angebote für ihren Weg als Webe-Ikone für Elektroautos“, sei jedoch “absehbar mehrjährig“ in Aspekten der Vervollständigung ihrer Familie gebunden.

Eine Initiativ-Anfrage von Bild-Reporterin Alice Schwarzer lehnte man mit der Begründung ab, sie sei versehentlich im Spam-Filter versackt. Man bedauere dies zutiefst und habe inzwischen andere Wege beschritten.

Thomas Gottschalk hatte sich selbst ins Spiel gebracht und durch seinen Agenten vorsorglich absagen lassen, weil er mit den Bedingungen, die er nicht kannte, keinesfalls einverstanden wäre, würde er sie denn kennen. Man könne ihn allerdings jederzeit anrufen. Er, Gottschalk, habe sich bislang noch nie durch geschlechtsspezifische Hürden irritieren lassen.

Die Wahl fiel auf Inka Bause. Inka war eben nicht, wie Kritiker es später hinter vorgehaltener Hand andeuten sollte, ein grenzdebiles Sonnenscheinchen, sondern eine ehemalige Zonenamsel in allerbestem Sinne: Kaum verstrahlt, sondern strahlend. Sie konnte singen, hatte diese Energie eines Hartgummiballs, der nie aufhört zu springen, und sie hatte jenes harte Arbeiten  gelernt, wie man es aus der Zeit von Fünfjahres-Plänen kannte. Und Inka war drahtig: Kameraleute konnten sich das Int-Veen-Weitwinkel sparen, um sie formatfüllend auf den Screen zu beamen. Inka, die Frau mit der Sandmännchen-Frisur,  hätte man jederzeit an die Seite von Harald Glööckler stellen können, um Fummel an jene Hausfrauen zu verkaufen, die ihre Garderobe bislang aus Altkleidersäcken an Straßenrändern zerrten. Mit Inka ging einfach die Sonne auf.  Man war erleichtert.

Auch Inka.

Bauern. Wir brauchen Bauern!

Schnell waren eine Gruppe begattungswilliger Bauern gecastet:  Man warb in Stadtmagazinen und Bauernzeitungen mit dem Text: “ Einsam? Schnepfen-Schießen? Ab ins Fernsehen, Bauer!“ Der Formatverantwortliche Sascha Naujoks selbst, so hörte man, soll Hand an den Auswahlprozess gelegt haben. Alle Kandidaten absolvierten vor dem Casting einen Intelligenztest mit spiegelverkehrter Bewertungsskala: Aus der Wahl sollten jene Kandidaten fallen, deren Testergebnisse Belege durchschnittlicher oder gar überdurchschnittlicher Intelligenz aufwiesen. Diese feine Differenzierung, so die späteren Testergebnisse, hätte es nicht unbedingt gebraucht. Jeder der Kandidaten fiel auf, niemand fiel heraus. Eine teuflische Hürde bot die integrierte Freitext-Aufgabe mit annähernd philosophischem Ansatz. Sie nutzte Elemente bäuerlicher Alltagsroutinen und setzte die Kandidaten unter mörderischen Kreativ-Druck:

“Schreiben Sie einen kurzen Aufsatz mit freiem Text (Achtung: müssen Sie sich ausdenken!!!) zum Thema: Nicht jeder, der Hand an sich legt, ist ein Selbstmörder“.

Viele Zettel blieben leer. Insgesamt erzielten alle Kandidaten Ergebnisse im oberen Drittel der spiegelverkehrten Skala. Kaum jemand versaute sich durch hinderliche Intelligenz die potentielle Teilnahme: Bei einigen ließen die Testergebnisse selbst den Erwerb eines handelsüblichen Graubrotes aufgrund intellektueller Unauffälligkeit weitgehend ausgeschlossen erscheinen.

Schnell war eine Gruppe von Landmännern und Mägden für einen möglichen Piloten zusammengestellt: Zoltan, Sabine, Willy, Wilma, Werner, Bernd , Waldemar und andere sollten den Anfang machen.

Man war also gut unterwegs, und die gute Laune im Team von Produktion und Sender schlug durchaus Purzelbäume. Als einer der Autoren beim Pausen-Prosecco fand, irgendwie fehle noch etwas, “irgendwas mit Alimenten oder so“, wollte sich niemand die Stimmung versauen lassen: “Mach mal“, antwortete man ihm. Der Autor googelte, der Prosecco tat, was Prosecco tut, wenn er gallonenweise in Autorenmünder fließt: “Alimente“ wies zu viele Suchergebnisse für weiterführende Recherche auf. Das Stilelement der Alliteration war geboren:

Inka Bause sollte keck aus dem Off die Bauern durch Buchstabendopplungen aufeinander folgender Anfangssilben necken. Was für Cäsar mit “veni, vid, vici“ gut genug war, sollte bei “Bauer bucht Sau“ mit “Freier, Frauen und Fäkalien“ doch locker eine sinnvolle Fortsetzung finden können.

Absturz des Piloten

Prosecco-Piloten gehören nicht in Kanzeln. Auch im Fernsehen stürzen Piloten manchmal ab, bevor sie überhaupt auf Sendung gehen.

Zu ungelenk schraubten die Erst-Bauern an ihren Auserwählten herum. Vieles, so schien es,  blieb ungescripted einfach zu langweilig, und bäuerliche Trägheit konterkarierte die quicklebendige Inka Bause. Inka selbst tat sich schwer mit Alliterationen, die aus Autorenfedern ihre Kommentare färbten. Der Autor -inzwischen Gefangener der eigenen Idee- kannte kein Halten mehr:

“Der zotige Zerberus Zoltan und die suppende Sause Sabine säuseln süffig in Bauses blumigem Bauernbegattungs-Bunker. Wo weiland der wühlende Willy sich wohlig an Wurm-Wilma wärmte, wuppt “Wettbewerbs-Wotan Werner“ Wilhemas Vagina, weil Waldbauer Waldemar wiehernd wankte.

Bananen-Bäuerchen Bernd, bisexuell, baut bange Busen-Burgen. Beseelt bricht Beate Butterblumen, doch zu banal  baldowert Bernd Beates bärtige Basis. Bernd baggert blank, Beate bangt: bizarr! Haltlos und harsch hämmern Hormone, zu lästig lauert der liebende Lurch. Landlust lebt Liebe leider langsam.“

Die Wende. Der Erfolg.

Es kam, wie es kommen musste: Der Prosecco-Autor öffnete seine Schleusen und verliebte sich in Inka Bause. Inka schien zunächst geschmeichelt. Doch kurz, bevor seine tiefen Gefühle ihrer Vollendung zustreben konnten, sagte Bause genervt ab. Der gekränkte Autor reagierte mit Alliterationen: Als Inka eine Sequenz mit den Worten beginnen sollte:

“Ideale, Irrlicht und Immergrün? Irrtum und Irrweg! Schnell schnappt das scharfe Schaf: Schmink-Inka schmollt schmalbrüstig Schmutz.  Schauder statt Schloss und Scham statt Chance. Statt Schönheit Schmerz und schaler Schluss!“, war die Zusammenarbeit beendet. Man vereinbarte noch am Set ein Treffen zwischen Produktionsleitung, verantwortlichem Redakteur und Autor: Man sei zusammen gekommen, um sich auseinander zu setzen, und wo man gerade schon beim Thema sei: 

Man danke dem Autor für seine bahnbrechenden Leistungen und rege nachhaltig an, es sei ab heute nun Zeit für ihn als “Mann der ersten Liga“, nach neuen Herausforderungen zu suchen. Diese Formulierung, so Produktion und Sender dem Autor gegenüber, habe sich in vielen Pressemitteilungen nach Trennung von intern Verantwortlichen bestes bewährt. Auch für ihn als Autoren müsse dies nicht grundsätzlich das Ende des Weges bedeuten. Man greife bei Gelegenheit jederzeit gerne wieder auf ihn zurück, im aktuellen Format jedoch sei er einfach unterfordert.

Nach Abschluss seiner Psychotherapie, so raunen Eingeweihte,  leite der Autor inzwischen selbstständig ein Text-Büro für Kontaktanzeigen in den Neuen Bundesländern und  nimmt  nebenberuflich als Schatzmeister eine zentrale Steuerungsfunktion der “Unsere Inka: glücklich Single“ - Fangruppe Bitterfeld wahr. Bitterfeld selbst betrachte er nach erfolgreicher Therapie als sprachliches  Symbol seiner überwundenen Krise. Prosecco trinke er nicht mehr, auch Alliterationen habe er insgesamt abgeschworen.

Die Produktion des  Piloten wurde gestoppt, der “Bauer bucht Sau- Pilot“ selbst komplett neu überarbeitet.

Auch die Agentur ging, so wörtlich “…den Change der Message, die in die Welt geht,  echt total offen mit!“. Man brainstormte und brainstormte, bis ein neuer Titel geboren war: “Bauer sucht Frau“.  Auf den Begriff der Ethik verzichtete  man in der 60-minütigen Abschlusspräsentation. Aber das fiel niemandem mehr auf.

Als die ersten Sendungen On Air ging, blies der Erfolg der ersten Staffeln den halben Sender weg. Man hatte alles richtig gemacht! Die Zuschauer schalteten scharenweise ein. Viele Menschen wollten dabei sein, um betagten Herzen auf ihrem Weg zueinander zur Seite zu stehen. Trümmer, Tragik und Traktoren – ein Genre war in Köln geboren.

Niemand im Sender hatte nach den zähen Anfängen mit diesem Erfolg gerechnet. Mehr noch: Deutschlandweit beschäftigten sich Journalisten und Medienbeobachter mit dem Format und gaben der Quote so den entscheidenden, zusätzlichen Schub. Endlich war es wieder möglich, als Journalist Teil einer friedensnobelpreisverdächtigen Glaubensgemeinschaft zu sein und in Deutschland über Anstand und Moral zu schreiben. Alles fühlte sich für alle einfach gut an. Tom Sänger, so hörte man, soll unter der Dusche mehrmals seinem Nachnamen alle Ehre gemacht haben.

Bis heute scheint der Begattungsmarkt für Bauern und Mägde nicht gesättigt. Und ein Format, das so lange darum ringen musste, sich aus dem zähen Schleim ernster Geburtswehen heraus zu kämpfen, hat wahrhaftige TV-Geschichte schreiben dürfen.

Auch wir von MEEDIA erinnern uns gerne an Lichtgestalten und magische Momente.

An Schlüpfer- und Chart-Stürmer Schäfer Heinrich etwa. An Josef und Narumol: Wie gerne waren wir mit  Narumol “fick und fertig“ auf dem Schäfer-Court!

“Bauer sucht Frau“, Folge 11 der 8.Staffel läuft heute um 21.15 auf RTL.

www.leadership-academy.de

www.pferdeakademie-berlin.de

meedia.de

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07.12.2012 Der syrische Schurke

GFDK - Heinz Sauren

Der amerikanische Präsident stimmt zur medialen Primetime sein Volk auf einen neuen Krieg ein. Wenig Fantasie hatte er allerdings bei der Begründung. Seit mehr als einem Jahrzehnt dient der vermeintlich drohende Einsatz von Chemiewaffen, der US – Administration als Generallegitimierung für Kampfeinsätze.

Auffälliger Weise steht der Einsatz von Chemiewaffen immer dann zu befürchten, wenn ein schurkischer Diktator die diplomatischen Beziehungen zu den USA abgebrochen hat und eine nicht westliche Entwicklung des betroffenen Landes wahrscheinlich wird.

Bezeichnend ist auch, das solche Chemiewaffen dann für gewöhnlich unauffindbar bleiben.

Syrien ist seit einem Jahr im Bürgerkrieg und es gab genügend Gründe militärisch zu intervenieren, sowohl völkerechtliche als auch moralische. Nun gibt es auch einen machtpolitischen Grund. Die Besetzung Syriens durch US- oder NATO Truppen erlauben ein effizientes Drohszenario vor den Toren Teherans, lösen Israel aus seiner geopolitischen Isolation auf der arabischen Halbinsel und schaffen Raum für die Stationierung und Raketenabwehrstellungen.

Ein unschätzbarer militärischer Vorteil für den amerikanischen Verbündeten Israel, insbesondere in Hinsicht auf die bevorstehende israelisch – iranische Auseinandersetzung. Ein wenig machtpolitische Widergutmachung an Israel dürfte ebenfalls im Spiel gewesen sein, da Amerika trotz seines Vetos die de facto Anerkennung Palestinas nicht verhindern konnte.

Business as usual. God bless America.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

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03.12.2012 Weihnachtliche Vorfreude trotz familiärer Risse

GFDK - Liane Bednarz

„Die Apokalypse nach Richard. Eine festliche Geschichte.“ So heißt eine gerade erschienene Weihnachtserzählung. Der Titel deutet schon an, um was es geht: Apokalyptische Vorgänge und anheimelnde Feststimmung. Wunder und Weihnachtszauber. Übersinnliches und Beschauliches. Das alles aufgeschrieben vom Literaten Matussek. Nicht vom Bestseller-Provokateur. Und nicht vom „Krawallkatholiken“, den der eine oder andere vielleicht erwartet. Aber der Reihe nach.

Weihnachtliche Vorfreude trotz familiärer Risse

Alles beginnt frühmorgens am 23. Dezember. In Hamburg, bei Richard und Waltraud, den Großeltern, die dem Weihnachtsfest mit ihrer ganzen Familie entgegenfiebern. Oder fast der ganzen Familie, denn die heile Welt hat – wie in so vielen Familien heute – Risse bekommen, die sich selbst an Weihnachten nicht mehr so einfach wegretouchieren lassen. Sohn Roman, Berliner Journalist und Reporterlegende, kommt Heiligabend alleine, ohne Rita, denn Rita ist jetzt seine Ex-Frau. Der gemeinsame Sohn Nick soll den Heiligen Abend wie gewohnt bei ihr und ihrem neuen Mann verbringen.

Tochter Lisa, Waltrauds „kleiner Engel, der leider so weit weg war und später überhaupt kein Engel mehr war“, kommt auch nicht. Sie ist „mit diesem kolumbianischen Naturschützer und Esoteriker davongelaufen, der doch mal Germanistik studiert und diesen vernünftigen Eindruck gemacht hatte“. Und für den ist sie gerade unverzichtbar, weil man gemeinsam Kolumbien aufforstet und begrünt.

Vollständig samt Kindern und hochschwangerer Frau angesagt hat sich nur Sohn Wilhelm, ehrgeiziger Banker und seit seiner Zeit in den USA von allen nur „Bill“ genannt. Bill jedoch ist seit der Finanzkrise ziemlich durch den Wind, hat viel von seiner kühlen, fast technokratischen Gelassenheit eingebüßt und leidet unter Albträumen im Hieronymus Bosch-Höllenformat.

Richard sieht Großes kommen

Richard und Waltraud, beide bereits hochbetagt und beide liebevoll vom Autor gezeichnet, sind genau jene Vertreter der Großelterngeneration, deren Leben für das postmoderne Auge so spießig, langweilig und kleinbürgerlich erscheint. Ihr Leben spielt sich vorwiegend in der „Etagenwohnung eines schmucklosen Baus aus den 50er Jahren“ in der „Oberstraße“, dem „kleinbürgerlichen Müllermeierschulze unter den Straßennamen“ ab. In einer Straße, die noch dazu direkt an ein großbürgerliche Gründerzeitviertel - von Richard „Tortenviertel“ genannt - angrenzt und sich so noch exakter dechiffriert.

So weit, so unspektakulär. Oder? Nicht ganz. Denn bei Müllermeierschulzes passieren Wunder. Spürt der unter beginnender Demenz leidende Richard schon am frühen Morgen des 23. Dezembers, dass sich Großes ankündigt. Denn plötzlich kann er, der vom Grauen Star gequält ist, kurz nach dem Wachwerden auf einmal scharf sehen. Wenn auch nur für kurze Zeit. Aber lang genug, um eine Vorahnung zu haben. Aber mehr soll noch nicht verraten werden.

Richard und Waltraud verkörpern bei Matussek emotionale Stabilität, Glaubensfestigkeit und große Stetigkeit. Eine, nennen wir es, Lebensunverzweiflung, die selten geworden ist. Zu idealisiert, zu verklärt? Lebensbrüche und seelischen Schmerz gab es schließlich schon immer, keine Generation ist frei davon. Sicher, aber fraglos zugenommen hat heute eine große Rastlosigkeit, haben Quantität und Qualität der Lebensbrüche.

Gekrümmte Lebenswege

Am Beispiel Romans und Ritas zeigt Matussek die schmalen Lebensfeldwege, auf denen man sich wiederfindet, weil man irgendwann falsch abgebogen ist, sich verlaufen oder verrannt hat. Aus der großen Liebe Romans und Ritas wurde eine wacklige Beziehung voller Streit und Hader. Und dann kam ein neuer Mann. Mit dem – natürlich – alles zunächst fantastisch war. So fantastisch, dass Rita Roman verließ und mit dem gemeinsamen Sohn Nick kurzerhand zum Neuen nach München zog. Der hat – fast logisch – selbst auch schon eigene Kinder.

Willkommen im Patchwork-Leben. Fast schon normal anno 2012. Und Matussek? Entidealisiert das, was schon viel zu viele krampfhaft schönreden. Für Nick war es nie schön. Denn Paul - so heißt der Neue - ist Chefarzt, der klassische Klassenprimus qua Geburt und Wesen und hält Nick für einen Versager. Streit und familiärer Unfriede sind also in München an der Tagesordnung. Die Lösung? Ein Klassiker: Das Internat. Und Rita? Ein langes Erwachen. Und die Erkenntnis, dass es der Neue nicht so mit der Treue hat.

Nick, der von Matussek feinfühlig dargestellte pubertierende Teenager, sehnt sich in seinem Internat nach der Wärme in der heilen Welt der Großeltern. In diesem Kontrast liegt bereits eine der großen Stärken der Novelle. Was andernorts kitschig wirkt, wird bei Matussek lesenswert. Der Mann kann einfach brillant schreiben: distanziert und emotional zugleich, mal sensibel und einfühlsam, dann wieder schonungslos-bissig und fein-ironisch. Dabei bleibt der Ton empathisch, wird nie zynisch-kalt, arrogant oder gar hämisch. Ganz leicht öffnet sich so das Erkenntnisfenster hinüber zu etwas, das Roman, Rita, das auch uns heute fehlt: Heile Welt. Familie. Beständigkeit. Oder anders ausgedrückt: Ein Sehnsuchtsort als Wunder, das alles zum Guten wendet.

Vom Wunder zu Richards Apokalypse

Kommen wir vom Wunder zur Apokalypse: Nicht nur Richard erlebt am Ende seine persönliche Apokalypse – für ihn eine Erlösung. Matussek streut auch immer wieder apokalyptische Radionachrichten ein. Katastrophenfilmähnliche Elemente verkünden und erinnern dabei an Illies‘ Eilmeldungen, die so schön das Tempo in dessen neuem Buch „1913“ im Gleichgewicht halten. Und über das - nebenbei bemerkt - Matussek gerade erst eine wunderbare Rezension im „Spiegel“ veröffentlichte. Dass aber ausgerechnet Richard am Ende seine persönliche Erlösung erlebt, erscheint fast folgerichtig. Denn jener hat nie an der Existenz von Wundern gezweifelt.

In „Die Apokalypse nach Richard“ ist eben jener Richard Fels in der Brandung. Fest im Glauben, fest in der Ehe mit Waltraud, fest als Familienvater, fest in der Perzeption der Welt, fest in der Wahl seiner Vorbilder Augustinus, Thomas von Aquin und Pascal: „Aber wie recht Pascal doch hatte. Gerade jetzt! Wie können sich die Menschen in den Banalitäten des Lebens verlieren, oder in Ehrgeiz, in Machtspielen oder den kurzen Lockrufen der Triebe davontreiben, wenn es doch um die Ewigkeit geht.“

Standortbestimmung eines sensiblen Rock’n‘Rollers

Wer Matusseks „Katholisches Abenteuer“ gelesen hat, erkennt vieles wieder. In Romans Vater Richard fraglos Matusseks eigenen Vater, der im Bestseller von 2011 ein eigenes Kapitel einnimmt und dem das Buch gewidmet ist. Es sind diese behutsam eindringlichen Roman-Passagen, die der Novelle ihren eigentlichen Zauber verleihen. Die Gedanken an Richard geben Roman heute Zuversicht. „Früher war auch Richard jähzornig und fuhr schnell aus der Haut, aber nun war er milde geworden, er hatte sich in die Kontemplation zurückgezogen und schaute dem Lebenstreiben vom Seitenaus zu“.

Strebt auch Roman, unzweifelhaft Matusseks Alter Ego, nach Milde und Kontemplation? Ganz gewiss. Und so wird „Die Apokalypse nach Richard“ zur Standortbestimmung eines nachdenklichen und durchaus auch selbstkritischen Autors, der eben nicht (nur) der „Krawallkatholik“ ist, der er sicher auch einen Moment lang sein mochte, aber heute nicht mehr sein will und kann.

„Matussek ist Rock’n’Roll“ – wird gerne mal gesagt. Und ja, auch daran muss man denken, wenn Roman in der Erzählung wie folgt beschrieben wird: „Der Steppenwolf“, „Roman war ein Erregungsschreiber, die Gedanken kamen erst später“, „ein Traditionskatholik als Hippie“, „Katholikenpunk“. Eine ebenso sensible wie laute Seele eben. Eine, die sich mit Leidenschaft und manchmal auch mit Furor und heiligem Zorn für das einsetzt, an das sie glaubt. Katholisch glaubt.

Roman reflektiert, nimmt den Leser mit in seine Gedanken-, Glaubens- und Gefühlswelt, erklärt alles aus seiner Sicht. Ein Versuch, von Matussek, seine TV-Zornesausbrüche zu erklären? Eine Art Beichte, eine Bitte um Verständnis? Kann ja alles sein, aber viel mehr scheint das eine ehrliche, sensible Zeichnung der eigenen Gedanken und Gefühlswelt zu sein, der nichts Eitles, nichts Selbstgefälliges anhaftet. Roman beschönigt nichts mehr. Zeit für Wahrheiten. Zeit für den berühmten Strich unter allem.

Wiedervereinigung und Apokalypse an Heiligabend

Am 24. Dezember finden sich alle schließlich in Hamburg bei Richard und Waltraud ein. Und „alle“ sind plötzlich ein paar mehr Teller an der Weihnachtstafel als geplant. Denn auch Rita und Nick sind dabei. Kurzerhand. Rita, nachdem sie die Untreue des neuen Manns entdeckt hat, Nick nachdem die Sehnsucht nach dem Großvater so groß wurde, dass er sich per Zug und Anhalter durchgeschlagen hat.

Und man kann dann tatsächlich sagen: Ein schlichtes anrührendes Wunder. Die Kleinfamilie ist wiedervereint. Und Roman und Richard spüren auf einmal, wie sich ihre längst verloren geglaubte Liebe wieder regt. Und auch der Humor kommt nicht zu kurz. Die Gans misslingt, ausgerechnet die Gans! Ein Desaster? Nicht in der Oberstraße. Matussek will sagen: Wo Wunder die Risse kitten, Erlösung bringen, hängen Glück und Weihnachtszauber nicht vom Weihnachtsbraten ab.

Ein Festmahl von McDonald‘s tut’s auch, selbst wenn Gänsebratenkönigin Waltraud das nicht ganz so famos findet wie Nick. Kitschig? Keine Sorge, wenn Matussek etwas nicht kann, dann ist es kitschig schreiben. Ein Segen für diese wunderliche und lesenswerte Geschichte. Und am Schluss dann zeigt sich die innere Erschütterung plötzlich ganz äußerlich: die Wände wackeln. Doch man möchte nichts verraten, nur so viel: Die Wunder, sie gibt es wirklich.

 

Matthias Matussek: Die Apokalypse nach Richard.

Eine festliche Geschichte.

 

Aufbau Verlag, Berlin 2012.

190 Seiten, EUR 16,99.

 

Dr. Liane Bednarz

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert. Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und schrieb für die "Westfalenpost Schwelm."

 

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03.12.2012 Lesung im Literaturhaus München

GFDK - Liane Bednarz - 3 Bilder

Lesung aus dem Bestseller „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ im Literaturhaus München.

„Die ‚Welt der Frau‘, eine Beilage der ‚Gartenlaube‘, meldet in Nummer 5: ‚Das Abendkleid dieser Saison zeichnet sich durch luxuriöse Gepräge und phantastische Drapierungen aus, die auch der geschicktesten Schneiderin manch harte Nuss zu knacken geben.‘ Man kann sich für die schönsten Kleider direkt Schnittmuster bestellen. Interessant sind die möglichen Hüftbreiten: 116, 112, 108, 104. Darunter ist nichts denkbar. Erst in der Nummer 9 hat dann die Redaktion ein Erbarmen und kündigt groß an: ‚Mode für schlanke Damen‘!“ Rund 99 Jahre später, im November 2012 nämlich, sorgt diese Meldung aus dem Jahr 1913 für große Heiterkeit. Ja, es war anders, das Leben damals, in das uns Florian Illies in seinem neuen und rasant auf die Bestsellerlisten geschossenen Buch „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ hineinzoomt.


„Berlin, Paris, München, Wien. Das waren die vier Frontstädte der Moderne 1913“, heißt es in Illies' bei S. Fischer erschienenem Buch. In München nun las der Autor daraus. Eingeladen dazu hatte das Literaturhaus. Zu einem Podiumsgespräch mit Illies ebenfalls eingeladen: Michael Krüger, Geschäftsführer des Münchner Hanser-Verlags.

Ein Jahr des geistigen Umsturzes: Avantgarde vs. Tradition

Illies, ehemaliger Feuilletonchef der ZEIT, ist heute geschäftsführender Gesellschafter des Auktionshauses „Villa Grisebach“. Sein als Sachbuch eingestuftes neuestes Werk erntete flächendeckendes Lob von der taz bis zur WELT, von der FAZ bis zur SZ, vom SPIEGEL und vom Deutschlandradio Kultur.


Was ist so interessant am Jahr 1913? Zunächst einmal war es das letzte Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs. Ein „Schlüsseljahr“ also, gewissermaßen das „Gipfeljahr der neueren Kulturentwicklung Europas“, wie Reinhard G. Wittmann in seiner Begrüßung hervorhob. Für den Leiter des Literaturhauses ist 1913 ein „Jahr des geistigen Umsturzes“ und ein „Gegeneinander“ avantgardistischer Bestrebungen einerseits und konservierender Kräfte andererseits. Nicht nur in den Künsten, auch in den Wissenschaften und in Alltagsphänomenen. Fortschrittsbegeisterung traf auf den Untergang der Titanic als „Menetekel“.

Die Lust am Verfall und am Untergang

Hoffnung also traf auf Verfall. Bestens illustriert durch Michael Krüger, der seine Einführung mit einem Schlüsselsatz Thomas Manns begann: „Mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall, und das ist es wohl eigentlich, was mich hindert, mich für den Fortschritt zu interessieren.“ Ach ja, die Lust am Verfall, die Lust am Untergang. Man gefiel sich darin, anno 1913: „alle wollen jetzt kompliziert und geheimnisvoll sein“, zitierte Michael Krüger aus der Novelle „Am Südhang“ des verarmten baltischen Grafen Eduard von Keyserling, natürlich auch ein Protagonist in „1913“. Und dann war da natürlich jenes Leiden, das damals so viele Künstler peinigte, jenes Leiden, das irgendwo zwischen Weltschmerz und Depressionen angesiedelt war und sich wie ein roter Faden durch „1913“ zieht: die „Neurasthenie“, bei Musil etwa wie folgt diagnostiziert: „allgemeine Neurasthenie schweren Grades unter Mitbeteiligung des Herzens (Herzneurose). Illies schreibt dazu: „Schöner lässt sich das Leiden an der Moderne nicht zusammenfassen.“

„1913“ – „ein Schnitt durch die Zeit“

Was aber ist nun das Besondere an Illies „1913“? Für Krüger – mit dem Blick des Verlegers – ist es Illies‘ „Schnitt durch die Zeit“, mit dem er das Jahr in zwölf Monate unterteilt und in diesen wiederum die Geschehnisse in kurzen Sequenzen aneinanderreiht. Und so das „Disparate“, das „Zentrifugale“ zusammenfasst, ohne „dass ein großer Thesenapparat aufgebaut wird“. Vielmehr überlasse der manchmal süffisante, manchmal ironische Ton Illies‘ dem Leser die Interpretation dieser bisweilen „komischen Leidensgeschichten“. Gemeint sind die Leiden all jener Geistesgrößen, deren Namen uns bis heute elektrisieren: Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn, Oskar Kokoschka, Alma Mahler und viele andere mehr.

Duchamp und Malewitsch - Beginn statt Ende im Jahre 1913

Illies, klassisch elegant gekleidet mit rosa Hemd und dunklem Sakko, berichtete zunächst von zwei Kunstwerken, die 1913 entstanden und ihn zu seinem Buch inspirierten: Marcel Duchamps erstes „Ready-Made“ und Kasimir Malewitschs „Schwarzes Quadrat“. Urpunkte der Moderne, die Illies vor die zentrale Frage stellten: „Könnte es so sein, dass 1913 gar nicht alles zu Ende ging, sondern eigentlich alles begann?“ Illies, so erfuhren wir, interessiert sich nämlich nicht so sehr für den Verfall. Blickt also gewissermaßen Thomas-Mann-antipodisch auf die Welt. Und eben dieser Focus auf den Beginn, ohne schon die Ereignisse des Folgejahres 1914 im Blick zu haben, die ja auch die Künstler 1913 noch nicht kennen konnten, sei die eigentliche Herausforderung beim Schreiben gewesen. Dem Münchner Publikum versprach Illies einen Sprung durch die Monate, um so ein Gefühl für das „ungleichzeitige Gleichzeitige“ zu vermitteln, das das Buch in seiner Collagentechnik ausmache.

Humorvoller Parforceritt durch das Jahr 1913

Chronologisch korrekt begann der 42-jährige Autor am Anfang des Jahres 1913: „Es ist die erste Sekunde des Jahres 1913. Ein Schuss hallt durch die dunkle Nacht.“ Abgefeuert durch den damals Zwölfjährigen Louis Armstrong. In New Orleans. Das zentrale Jahr der kontinentaleuropäischen Moderne fängt bei Illies in New Orleans an. Mit der zweiten „Livetickermeldung“, wie die taz die einzelnen Passagen nannte, landet Illies im Herzen Europas, in Prag. Und im leidenden Herzen Franz Kafkas, der sich – wie auch das weitere Jahr 1913 hindurch - in an Skurrilität kaum zu toppenden Liebesbriefen nach Felice Bauer in Berlin verzehrt. Weiter geht es nach Paris. Dort wurde im Louvre die „Mona Lisa“ gestohlen.


Das Münchner Publikum im ausverkauften Literaturhaus erlebt einen Parforceritt durch das Jahr 1913. Und man muss immer wieder über den trockenen Humor Illies‘ lachen, wenn er seine spitzen ironischen Kommentare zu all den Begebenheiten vorliest, die das Buch so ungemein leichtfüßig machen. Man erfährt etwa, wie sehr sich Arnold Schönberg mit seiner Phobie vor der Zahl „13“ herumplagte. So sehr, dass er aus dem Titel seiner Oper „Moses und Aron“ das zweite „a“ von „Aaron“ strich, um bloß nicht 13 Buchstaben zu haben. Und was für eine Angst er hatte, an einem Freitag, den 13. zu sterben. Doch Illies-typisch heißt es sodann trocken: „Aber es half alles nichts. Arnold Schönberg starb an einem Freitag, dem 13.“ Schwarzer Humor at its best. Lachen im Publikum.


Wir begegnen Rilke, der „zeitlebens angewiesen war auf die Handlungsanweisungen reifer Damen“ und wiederum Kafka, der Felice in seinem „etwa zweihundertsten Brief“ fragt: „Kannst Du eigentlich meine Schrift lesen?“ Wieder muss man herzlich lachen. Wie sehr sich die Zeiten doch ändern. Denn heute schreibt man längst auch Liebesbriefe durchaus via Email oder Facebook.

München – die Gediegene unter den „Frontstädten der Moderne“

In München – wir erinnern uns: eine der „Frontstädte der Moderne“ - ging es, Frontstadt hin, Frontstadt her, alles einen Tick gediegener als andernorts zu, blies der Sturm der Moderne nicht ganz so orkanartig, wie Illies das Münchner Publikum wissen lässt: „München hingegen war stilvoll und doch etwas zur Ruhe gekommen – was am deutlichsten daran zu sehen ist, dass man in München bereits mit der Selbstglorifizierung anfängt (wofür in Berlin kein Mensch Zeit hat)“.


Wesentlich wilder war das Leben in Wien, für Illies die „Zentrale der Moderne anno 1913“. Zu erleben etwa an der zügellosen Leidenschaft, die Oskar Kokoschka für Alma Mahler - das „schönste Mädchen Wiens“ - ergriffen hatte und die ihn aus lauter Angst vor potentiellen Nebenbuhlern leiden lies, wie Illies mit hoher Stimme intonierte: „Almi, ich möchte nicht, dass irgendein Auge Deinen offenen Busen sieht, im Schlafrock oder Kleid.“ Alma wiederum war „besessen von seiner Besessenheit“.

Doch Illies nimmt dem Publikum schon im Februar jede Illusion und kündigt an, dass Alma dereinst nicht Kokoschka, sondern Gropius ehelichen wird: „Aber unter uns“ – Illies schaut direkt ins Publikum – „er ist es am Ende, der Alma heiraten wird, nicht Kokoschka.“ Im Juni begegnen wir wieder Kafka, der Felice Bauer mit einer pathetischen Selbstanklage in Briefform, „The Worst Heiratsantrag in the World“ macht. „Ein Heiratsantrag als Offenbarungseid“, wie Illies treffend vorliest. Das Jahr endet schließlich am 31. Dezember mit einem Tagebucheintrag Arthur Schnitzlers, in dem er über die Abendgesellschaft an jenem Tag schreibt: „Es wurde Roulette gespielt.“

LEIDENschaftliche Lieben

Unterbrochen wurde Illies' Ritt durch die Monate durch ein Gespräch mit Krüger, der immer wieder mit klugen Anmerkungen glänzte. Etwa damit, dass die Liebesgeschichten der Künstler in „1913“ nie gut ausgehen, egal ob bei Kafka, Rilke oder Kokoschka, der sich für Alma Mahler „abgemüht hat wie ein Depp“. Illies griff den Gedanken auf und beleuchtete das doch recht „freizügige Zusammenleben in der Avantgarde“, das weite Kreise bis in die bürgerliche Welt hinein zog und zu regelrechten „Zivilisationsbrüchen“ und Auflösungen vieler gesellschaftlicher Prägungen des 19. Jahrhunderts führte. Und der Autor erklärte weiter, dass die Maler jener Zeit für ihn besondere „Seismographen“ waren, was sich etwa bei Franz Marc zeige. Er, der sonst in „paradiesischen Tiervisionen“ schwelgte, in denen er Tiere fast unanimalisch zeigte, sei 1913 plötzlich hiervon abgerückt, habe in dem Bild „Die Wölfe (Balkankrieg)“ das Zerfleischen zum Thema gemacht.


Nach 90 fesselnden Minuten ging es zurück ins Jetzt. Zurück aus dem Jahr 1913 ins Jahr 2012. Und hin zu einem lang anhaltenden Beifall des Publikums. Und einer beeindruckenden Schlange am Signiertisch. Illies hat es ohne Zweifel geschafft, das Zentraljahr der Moderne dem postmodernen Publikum so nahezubringen, als wäre man selbst dabei gewesen.

 

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert. Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und schrieb für die "Westfalenpost Schwelm."

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27.11.2012 Carla Berling - "Die Rattenfänger"

GFDK - Heinrich Schmitz

Kurz nach unserer Hochzeit in den 80er Jahren erschienen nach telefonischer Anmeldung bei uns zu Hause zwei Herren in schicken Anzügen, angeblich auf Empfehlung eines Kommilitonen, unterhielten sich freundlich mit meiner Frau und mir - und zogen nach zweieinhalb Stunden mit einem Antrag für eine Kapitallebensversicherung von dannen. Da war ich noch Student. Unser Familieneinkommen reichte so gerade.

Hätte ich damals bereits Carla Berlings "Die Rattenfänger" gelesen, wäre mir das garantiert nicht passiert. Gab's aber leider noch nicht. In der ein oder anderen Form hat vermutlich nahezu jeder von uns einmal Kontakt mit einem oder mehreren Strukturvertrieben gehabt, mit mehr oder weniger großem finanziellen oder persönlichem Schaden, oft ohne es tatsächlich zu bemerken.

Wer meint, ein Roman über den Aufbau und die Methoden eines Strukturvertriebes, der zudem auch noch in den 80ern spielt, sei kalter Kaffee, überholt, überflüssig und langweilig, der irrt gewaltig. Carla Berlings Roman ist auch heute brandaktuell, notwendig, lebensnah, informativ. Trotz aller Not, die die beiden Protagonisten, Kellnerin Rena und DJ Mike, vor den Augen des Lesers erleiden, äußerst vergnüglich. Filmreif.

Noble Hotels, Seminare, Alkohol, Sex und Eitelkeiten

Rena und Mike, gerade frisch verheiratet, chronisch klamm und voller Träume, geraten an die JUNO, einen Strukturvertrieb des Pegasus-Konzerns. Sie erliegen schnell dem Sog der wunderbaren Versprechungen von Reichtum, Reisen und Luxus und geraten innerhalb kurzer Zeit in ein Netzwerk, dass fortan ihr Leben bestimmt und beinahe auffrisst. Noble Hotels, Seminare, Alkohol, Sex und Eitelkeiten.

Dieser Roman enthält zweifellos Insiderkenntnisse über Methoden, Argumentationsstrategien, Orgien, Provisionen und kleine und große Betrügereien. Informationen ,die mehr leisten als jede Verbraucherberatung. Informationen, die einen den großen Beschiss durchschauen lassen. Hier schreibt eine Autorin, die drin war, die weiß wie es läuft und das auch verrät.

Kein Satz Langeweile

Wie persönliche Beziehungen zwischen Menschen eiskalt dem Profit eines Strukturvertriebes geopfert werden, wie die nächste Stufe innerhalb der Struktur zum wichtigsten Lebensziel wird, wichtiger als ein Baby, wie arglose Mitarbeiter zu gewissenlosen Arschlöchern werden, die auch Freunden und Familienmitgliedern ohne mit der Wimper zu zucken unsinnige Finanzprodukte verkaufen, das erzählt Carla Berling unterhaltsam und trotz der ja eigentlich drögen Thematik spannend und folgerichtig. Kein Satz Langeweile.

Neben der verständlichen Darstellung der Geschäftspraktiken ist der Roman auch eine flotte Zeitreise in die 80er mit ihrer aus heutiger Sicht merkwürdigen Mode, ihrer Musik und ihrer Discoszene. Bei der Lektüre bekam ich "Money for nothing and chicks for free" nicht aus dem Kopf. Für diejenigen, die diese Zeit bewusst miterlebt haben, eine bildhafte Erinnerung, für die jüngeren ein kleiner Ausflug in die skurrile Vergangenheit ihrer Eltern.

Nach der Lektüre dieses Romans werden sie sich so schnell nichts mehr von freundlichen "Anlageberatern" aufschwatzen lassen. Sie werden bei entsprechenden Versuchen mit Freude feststellen, dass die im Buch beschriebenen rhetorischen Tricks immer noch angewendet werden und vielleicht werden sie manche davon selbst mit Vergnügen anwenden. Vielleicht legen Sie auch ab und zu einfach mal den Telefonhörer auf oder gar nicht erst ab.

Die Kommerzialisierung persönlicher Beziehungen

Heute nennt man Strukturvertriebe vielleicht nicht mehr Strukturvertriebe ,sondern MLM (Multi-Level-Marketing ), Netzwerk-Marketing oder auch weniger stylisch Mundpropaganda - am zynischen Vertriebssystem hat sich aber nicht viel geändert. Der pyramidenartige Hierarchieaufbau hat genauso überlebt wie die Kommerzialisierung persönlicher Beziehungen.

Die Feststellung, dass Carla Berling (http://www.carla-berling.de/) selbst das Prinzip des beschriebenen Mundpropaganda-Marketings äußerst geschickt für die Vermarktung ihrer Bücher z.B. bei facebook eingesetzt hat, sei gestattet. Aber, damit hat sie niemandem, der sich wegen der persönlichen Empfehlung von Freuden zum Kauf und zur Lektüre der "Rattenfänger" entschieden hat, geschadet. Das Gegenteil ist der Fall.

Ergo, die Anlage von 19,90 € für dieses Buch ist eine sehr gute Anlage, die Sie vor größerem Schaden bewahren wird und die Ihnen erheblichen Profit bringt.

Ich beglückwünsche Sie zu dieser Entscheidung, die ihr Leben verändern wird. Die beiden letzten Sätze werden sie nach der Lektüre der "Rattenfänger" vielleicht nochmal lesen und kritisch überdenken. Ganz falsch sind sie jedenfalls nicht.

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24.11.2012 vor dem Schmerz der Armut

GFDK -Heinz Sauren

Je größer eines jeden Angst, vor dem Schmerz der Armut, desto einfältiger sind seine Begründungen, dieser Armut zu entrinnen. Sie sind dem Wahn verfallen das Lebensqualität sich in Besitz bemisst und sehen nicht den eigenen Verlust an Leben, den ihr Besitz mit sich bringt.

Gehetzt und geschunden an Geist und Gemüt, zermürbt auf der nie enden wollenden Flucht, vor dem permanent lauernden Abgrund der Mittellosigkeit, ist ihr Leben ein beständiges Leiden, zum Nutzen der Gemeinschaft.

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

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20.11.2012 spanischer Minister mit Hirsch Hoden auf dem Kopf

GFDK - Rock the Nature Germany

Das ist Carlos Delgado, seines Zeichens Tourismusminister der Balearen. Von so einer Person sollte man Würde und Anstand erwarten können. Das, was Herr Minister Delgado auf dem unteren Foto auf dem Kopf trägt, das sind die Hoden des erlegten Hirsches. Ein Minister, der sich mit den Hoden eines Tieres schmückt. Wir können das nicht sonderlich bewundern.


Zu Herrn Delgado sei zu sagen, dass er öffentlich zur Vetternwirtschaft in der spanischen Politik Stellung nehmen musste. Er hatte seine Freundin Lourdes mit einem Jahresgehalt von 63.000 Euro in der balearischen Tourismusbehörde eingestellt. Schon damals war seine Entlassung gefordert worden. Ein König der Elefanten schießt und ein Minister mit Hoden auf dem Kopf. Lassen wir uns überraschen, was als Nächstes kommt.

Lieber Herr Minister Delgado, Sie können sich zusätzlich noch mit unserer Verachtung schmücken. Denn so viel Geschmacklosigkeit muss gewürdigt werden. Shame on you!

Rock the Nature – die Tierschutz Lobby

http://www.rock-the-nature.com/

 

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10.11.2012 Hirntod ist ein gefährlicher Begriff

GFDK - Heinz Sauren

Der Hirntod ist ein gefährlicher Begriff. Wer vor zehn Jahren, nach Stand der damaligen Meßtechnik Hirntod war, dürfte es heute bereits nicht mehr sein, da genauere Meßungen möglich sind. Wie immer auch der Stand der Technik sein wird, ist dieser Stand nicht mehr als ein "momentaner", und sagt wenig über den tatsächlichen Tod aus.

Das Gehirn steuert unsere Körperfunktionen. Sobald das Gehirn tatsächlich tot ist, zersetzen sich die neuralen Vernetzungen. In diesem Fall wäre auch eine künstliche Lebenserhaltung nicht mehr möglich, da es auch keinen Stoffwechsel mehr geben würde. Solange ein Mensch künstlich am Leben gehalten werden kann, mögen gewisse Funktionen (noch) nicht mehr meßbar sein, aber er ist nicht tot. Auch wenn es unserem Glauben an eine allwissende Medizin widerspricht, eine Organspende eines Toten ist nicht möglich.

Der Tod ist kein plötzlich eintretendes Ereignis, ähnlich einem Lichtschalter den man ausknippst. Er ist wie alles in unserem Leben ein Prozess, der seine Zeit braucht und erst abgeschlossen ist, wenn sich alle Organe durch mangelnde Versorgung zersetzen und ihre Funktion verlieren. Dann aber sind sie auch für eine Transplantation nicht mehr zu gebrauchen.

Nach dem Herztod bleibt das Gehirn noch mehrere Minuten funktinonstüchtig, bis dann der Hirntod festgestellt werden kann. Auch nach dem Hirntod ist das Gehirn noch aktiv, hat noch Kontakt mit den Nervenbahnen, reagiert nur nicht mehr auf äussere Stimulation.

Ich muss davon ausgehen, das mein "ich" sich mit meinem Tod auflöst, aber erst aufgelöst ist, wenn das Gehirn zu 100% seine Tätigkeit eingestellt hat und nicht wenn noch x% verbleiben die aber noch nicht meßbar sind.
Eine große Problematik sehe ich auch in dem entnohmenen Organ. Wir alle wehren uns gegen Gen manipulierte Nahrung, weil wir nicht wissen, welche Folgen sich für unseren Körper daraus ergeben. Bei einer Transplantation lassen wir uns Gewebe oder Organe eines anderen Menschen einpflanzen.

Unser Körper wehrt sich gegen fremdes Gewebe, den fremden Gen-Code, daher müssen Transplantionspatienten den Rest ihres Lebens Medikamente schlucken, die diese Abwehrreaktion unterdrücken sollen. Ich glaube nicht, dass unser Körper das aus ideologischen Gründen tut, sondern weil es ein Schutzfunktion ist.

Sie dürfte uns vor etwas bewahren wollen, was wir wohl erst bennenen können, wenn unsere Medizin es entdeckt hat und dann auch noch propagieren will. Wir sollten nicht vergessen, das unsere medizinischen Systeme nicht dazu dienen möglichst vielen Menschen zu helfen, sondern wie jedes andere Wirtschaftssystem auch, Gewinne machen will und muss.


Ich lehne für mich jegliche Organtransplantation ab, als Spender und Empfänger.

 

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno


 

 

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08.11.2012 Ehemaliger EBS-Chef weist Untreue-Vorwürfe zurück

Marco Kreuter

Der frühere Chef der privaten Wiesbadener Elite-Universität European Business School (EBS), Christopher Jahns, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Wiesbadener Staatsanwaltschaft, von der er sich zu Unrecht verfolgt sieht. Jahns wirft der Staatsanwaltschaft vor, einseitig ermittelt zu haben. In der Sendung „defacto“ im hr-fernsehen sagt Jahns: „Ich habe zu keiner Zeit im staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren Fairness erfahren.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben mir die existenzielle Grundlage entzogen in wesentlichen Teilen. […] Ich hab meine Autos verkauft. Ich habe das Haus verkauft.“

Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden hat Jahns wegen des Verdachts der Untreue zu Lasten der EBS angeklagt. Die Anklagebehörde wirft dem früheren Hochschul-Chef vor, auf Kosten der EBS Scheinrechnungen über rund 180.000 Euro an ein Unternehmen beglichen zu haben, an dem Jahns damals selbst beteiligt war. Jahns weist das zurück: „Zu den Vorwürfen kann ich ganz klar sagen, dass ich von meiner Unschuld zu einhundert Prozent überzeugt bin.“

Erstmals seit der Eröffnung des Ermittlungsverfahrens äußert sich Jahns im hr-fernsehen auch dazu, was die massiven Vorwürfe für ihn persönlich bedeuteten. Bis zu dem Ermittlungsverfahren galt Jahns als schillernde Figur in der hessischen Hochschulszene. Danach kam ein tiefer Absturz. In der Sendung „defacto“ berichtet er, er habe zwischenzeitlich Selbstmordgedanken gehabt: „Es gab einen Morgen, da hat meine Partnerin mich auf dem Balkon gefunden. Ich kann mich da nicht mehr so richtig dran erinnern. Und da wollte ich wohl vom Balkon springen. Aus der sechsten Etage.“

Unterdessen hat Jahns eine eigene Klage gegen das Land Hessen angestrengt und vor wenigen Tagen nochmals erweitert. Er fordert mindestens 155.000 Euro Entschädigung plus Schadensersatz wegen schwerwiegender Rechtsverstöße. Jahns wörtlich: „Ich wurde beschuldigt und in der Öffentlichkeit vorverurteilt, brutal vorverurteilt von der Staatsanwaltschaft.“

Dem hr-Magazin „defacto“ gegenüber verteidigte Jahns auch die rund 600.000 Euro teure Feier zur Eröffnung der EBS-Universität in Wiesbaden. Jahns: „Ich denke diese Universitätsfeier war richtig. Mit tausend Leuten das zu feiern. Mit der Wirtschaft, mit den Förderern, mit zukünftigen Förderern. Das ist nicht aus Steuergeldern bezahlt worden, sondern aus dem Budget der EBS.“

Jahns gibt erstmals auch eigene Fehler zu: So sei es nicht richtig gewesen, nach der Umwidmung der EBS von einer privaten Business School in eine Universität, den Chefposten behalten zu haben. Jahns: „Dann kamen bei der Unigründung die Steuergelder dazu. Und das würde ich im Nachhinein anders machen. Weil: Ich hätte, glaube ich, damals als Präsident auch sagen müssen: Okay, ich habe das alles hingebracht und jetzt konzentriere ich mich wieder ganz auf mein Unternehmen. Ich glaube nicht, dass das in Deutschland richtig möglich ist: Präsident einer Hochschule zu sein - auch wenn es eine private ist - und gleichzeitig Unternehmer.“

Eine Rückkehr an die EBS schloss Jahns auch für die Zukunft aus: „Ich denke das Thema EBS und Jahns, das Kapitel ist abgeschlossen. Ja, und das ist auch gut so.“

Die Anklage gegen Christopher Jahns liegt derzeit beim Landgericht Wiesbaden. Dort wird nun entschieden, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. Jahns: „Ich bin voller Hoffnung, dass gerade die jetzt mit der Sache beschäftigen Gerichte absolut fair und rechtsstaatlich entscheiden werden.“

Das komplette Gespräch wird in der Sendung „defacto“ am Sonntag um 18 Uhr im hr-fernsehen ausgestrahlt.

Untreue-Verdacht EBS-Präsident Jahns festgenommen

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region/untreue-verdacht-ebs-praesident-jahns-festgenommen-1622181.html

Eliteschmiede EBS Hochschule durchsucht, Präsident verhaftet

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/eliteschmiede-ebs-hochschule-durchsucht-praesident-verhaftet-a-755002.html

 

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06.11.2012 also rechtlich eine Leiche

GFDK - Prof. Dr. med. Axel W. Bauer

Der Hirntod wurde 1997 im deutschen Transplantationsgesetz (TPG) aus drei Gründen verankert, die nichts mit der medizinischen, philosophischen oder theologischen Korrektheit dieses neuen Todeskriteriums zu tun hatten. Vielmehr nahm der Gesetzgeber Bezug auf Probleme, die eintreten könnten, wenn man den Hirntod nicht als den Tod des Menschen betrachten würde:

1. Der Arzt würde den Patienten bei der Organentnahme töten; 2. die aktive Sterbehilfe könnte begünstigt werden; 3. die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung könnte abnehmen.

Die Begründung des Hirntodkriteriums leitete sich also nicht aus der Sache an sich, sondern aus den unerwünschten Folgen einer Zurückweisung eben dieses Kriteriums ab. So entstand nicht zu Unrecht der Eindruck, der Staat wolle schwer kranke und am Beginn des Sterbeprozesses stehende Menschen nur deshalb rechtlich für tot erklären, um ihnen Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können.

Die daraufhin vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer formulierten Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes sehen deshalb auch vor, dass durch die entsprechende Diagnostik „nicht der Zeitpunkt des eintretenden, sondern der Zustand des bereits eingetretenen Todes“ festgestellt werde. Als Todeszeit wird die Uhrzeit registriert, zu der die Diagnose und Dokumentation des Hirntodes abgeschlossen sind.

Eigentlich wäre der Hirntote nun also rechtlich eine Leiche. Aber noch niemand ist auf die Idee gekommen, einen solchen Menschen zu bestatten. Denn für eine Bestattung ist der Hirntote längst noch nicht tot genug. Er lebt nämlich noch! Zunächst müssen also die intensivmedizinischen Maßnahmen abgebrochen und die künstliche Beatmung beendet werden, damit der Hirntote nach einer Weile tatsächlich sterben kann. Und erst dann, wenn der Tod des gesamten Organismus nach dem irreversiblen Herz- und Kreislaufstillstand eingetreten ist, kann die Bestattung des Verstorbenen erfolgen.

Das Hirntodkriterium wurde von Anfang an instrumentalisiert, um einem Sterbenden lebende Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können.

Das Transplantationsgesetz wurde auf juristisch raffinierte Weise dazu benutzt, diesen Zusammenhang zu vernebeln. In den Organspendeausweisen ist nur davon die Rede, dass „nach meinem Tod“ bzw. „nach der ärztlichen Feststellung meines Todes“ Organe entnommen werden dürfen. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass mit dem Tod nur der Ausfall der Gehirnfunktionen gemeint ist.

Bewusste Irreführung der Öffentlichkeit

Diese bewusste Irreführung der Öffentlichkeit wird durch das Transplantationsgesetz formal legitimiert, denn § 3 Absatz 1 Nr. 2 TPG sagt ausdrücklich, dass die Entnahme von Organen oder Geweben nur zulässig ist, wenn „der Tod des Organ- oder Gewebespenders nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist“.

Mit anderen Worten: Wann wir tot sind, entscheidet autoritativ der Mainstream der medizinischen Wissenschaft in eigener Regie. Und dieser Mainstream, der natürlich vorrangig auf die Interessen der einflussreichen Transplantationsmediziner Rücksicht nimmt, hat sich eben derzeit auf den Hirntod als das entscheidende Todeskriterium geeinigt. Der Gesetzgeber selbst hat dies in kluger, aber auch raffinierter Weise nicht selbst getan.

Er hat lediglich in § 3 Absatz 2 Nr. 2 TPG festgelegt, dass Organe und Gewebe frühestens dann entnommen werden dürfen, wenn „der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist.“

Sowohl der Staat als auch die Kirchen vertreten seit mehr als 20 Jahren die verfehlte Auffassung, dass die Kriterien für die Feststellung des Todes von der medizinischen Wissenschaft nach medizinisch-naturwissenschaftlichen Regeln zu definieren seien. Die Definition des Todes sei keine Aufgabe der Politik oder des Gesetzgebers.

Allein die natur­wissenschaftliche Forschung könne für alle Menschen in gleicher Weise feststellen, welche körperlichen Befunde Leben und Tod voneinander abgrenzen, unabhängig von einem be­stimmten Menschenbild oder einem subjek­tiven Verständnis von Leben und Tod. So hat diesen Grundgedanken der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 25. Juni 1997 formuliert.

Vom Mainstream der Medizin gewünschte Kriterien

Verfehlt ist diese Auffassung aber deshalb, weil es zwar die medizinische Wissenschaft ist, mit deren Methoden ein Arzt feststellen kann, ob die für die Bestimmung des Todes geltenden Kriterien im Einzelfall tatsächlich vorliegen oder nicht. Es kann aber nicht der Medizin überlassen werden, welche gerade aktuellen, vom Mainstream der Medizin gewünschten Kriterien für den Tod herangezogen werden.

Eine derartige Autonomie der Medizin darf es in einem Rechtsstaat nicht geben.  Hier geht es um eine Grundfrage des menschlichen Lebens und seines vom Staat zu gewährleistenden Schutzes. Der Hirntod ist nicht der Tod des Menschen, sondern er markiert das vorzeitige Ende des seinen Bürgern vom Staat garantierten Rechts auf Leben.

 

Prof. Dr. med. Axel W. Bauer
Mitglied des Deutschen Ethikrates

von April 2008 bis April 2012

http://www.ethikrat.org/

Organtransplantation - Von der Gesundheits- zur Tötungsindustrie ?

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/reden-ist-silber/meinung/organtransplantation-von-der-gesundheits-zur-toetungsindustrie.html

 

 

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