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Reden ist silber...Schreiben ist gold

08.11.2012 Ehemaliger EBS-Chef weist Untreue-Vorwürfe zurück

Marco Kreuter

Der frühere Chef der privaten Wiesbadener Elite-Universität European Business School (EBS), Christopher Jahns, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Wiesbadener Staatsanwaltschaft, von der er sich zu Unrecht verfolgt sieht. Jahns wirft der Staatsanwaltschaft vor, einseitig ermittelt zu haben. In der Sendung „defacto“ im hr-fernsehen sagt Jahns: „Ich habe zu keiner Zeit im staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren Fairness erfahren.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben mir die existenzielle Grundlage entzogen in wesentlichen Teilen. […] Ich hab meine Autos verkauft. Ich habe das Haus verkauft.“

Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden hat Jahns wegen des Verdachts der Untreue zu Lasten der EBS angeklagt. Die Anklagebehörde wirft dem früheren Hochschul-Chef vor, auf Kosten der EBS Scheinrechnungen über rund 180.000 Euro an ein Unternehmen beglichen zu haben, an dem Jahns damals selbst beteiligt war. Jahns weist das zurück: „Zu den Vorwürfen kann ich ganz klar sagen, dass ich von meiner Unschuld zu einhundert Prozent überzeugt bin.“

Erstmals seit der Eröffnung des Ermittlungsverfahrens äußert sich Jahns im hr-fernsehen auch dazu, was die massiven Vorwürfe für ihn persönlich bedeuteten. Bis zu dem Ermittlungsverfahren galt Jahns als schillernde Figur in der hessischen Hochschulszene. Danach kam ein tiefer Absturz. In der Sendung „defacto“ berichtet er, er habe zwischenzeitlich Selbstmordgedanken gehabt: „Es gab einen Morgen, da hat meine Partnerin mich auf dem Balkon gefunden. Ich kann mich da nicht mehr so richtig dran erinnern. Und da wollte ich wohl vom Balkon springen. Aus der sechsten Etage.“

Unterdessen hat Jahns eine eigene Klage gegen das Land Hessen angestrengt und vor wenigen Tagen nochmals erweitert. Er fordert mindestens 155.000 Euro Entschädigung plus Schadensersatz wegen schwerwiegender Rechtsverstöße. Jahns wörtlich: „Ich wurde beschuldigt und in der Öffentlichkeit vorverurteilt, brutal vorverurteilt von der Staatsanwaltschaft.“

Dem hr-Magazin „defacto“ gegenüber verteidigte Jahns auch die rund 600.000 Euro teure Feier zur Eröffnung der EBS-Universität in Wiesbaden. Jahns: „Ich denke diese Universitätsfeier war richtig. Mit tausend Leuten das zu feiern. Mit der Wirtschaft, mit den Förderern, mit zukünftigen Förderern. Das ist nicht aus Steuergeldern bezahlt worden, sondern aus dem Budget der EBS.“

Jahns gibt erstmals auch eigene Fehler zu: So sei es nicht richtig gewesen, nach der Umwidmung der EBS von einer privaten Business School in eine Universität, den Chefposten behalten zu haben. Jahns: „Dann kamen bei der Unigründung die Steuergelder dazu. Und das würde ich im Nachhinein anders machen. Weil: Ich hätte, glaube ich, damals als Präsident auch sagen müssen: Okay, ich habe das alles hingebracht und jetzt konzentriere ich mich wieder ganz auf mein Unternehmen. Ich glaube nicht, dass das in Deutschland richtig möglich ist: Präsident einer Hochschule zu sein - auch wenn es eine private ist - und gleichzeitig Unternehmer.“

Eine Rückkehr an die EBS schloss Jahns auch für die Zukunft aus: „Ich denke das Thema EBS und Jahns, das Kapitel ist abgeschlossen. Ja, und das ist auch gut so.“

Die Anklage gegen Christopher Jahns liegt derzeit beim Landgericht Wiesbaden. Dort wird nun entschieden, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. Jahns: „Ich bin voller Hoffnung, dass gerade die jetzt mit der Sache beschäftigen Gerichte absolut fair und rechtsstaatlich entscheiden werden.“

Das komplette Gespräch wird in der Sendung „defacto“ am Sonntag um 18 Uhr im hr-fernsehen ausgestrahlt.

Untreue-Verdacht EBS-Präsident Jahns festgenommen

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region/untreue-verdacht-ebs-praesident-jahns-festgenommen-1622181.html

Eliteschmiede EBS Hochschule durchsucht, Präsident verhaftet

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/eliteschmiede-ebs-hochschule-durchsucht-praesident-verhaftet-a-755002.html

 

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06.11.2012 also rechtlich eine Leiche

GFDK - Prof. Dr. med. Axel W. Bauer

Der Hirntod wurde 1997 im deutschen Transplantationsgesetz (TPG) aus drei Gründen verankert, die nichts mit der medizinischen, philosophischen oder theologischen Korrektheit dieses neuen Todeskriteriums zu tun hatten. Vielmehr nahm der Gesetzgeber Bezug auf Probleme, die eintreten könnten, wenn man den Hirntod nicht als den Tod des Menschen betrachten würde:

1. Der Arzt würde den Patienten bei der Organentnahme töten; 2. die aktive Sterbehilfe könnte begünstigt werden; 3. die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung könnte abnehmen.

Die Begründung des Hirntodkriteriums leitete sich also nicht aus der Sache an sich, sondern aus den unerwünschten Folgen einer Zurückweisung eben dieses Kriteriums ab. So entstand nicht zu Unrecht der Eindruck, der Staat wolle schwer kranke und am Beginn des Sterbeprozesses stehende Menschen nur deshalb rechtlich für tot erklären, um ihnen Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können.

Die daraufhin vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer formulierten Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes sehen deshalb auch vor, dass durch die entsprechende Diagnostik „nicht der Zeitpunkt des eintretenden, sondern der Zustand des bereits eingetretenen Todes“ festgestellt werde. Als Todeszeit wird die Uhrzeit registriert, zu der die Diagnose und Dokumentation des Hirntodes abgeschlossen sind.

Eigentlich wäre der Hirntote nun also rechtlich eine Leiche. Aber noch niemand ist auf die Idee gekommen, einen solchen Menschen zu bestatten. Denn für eine Bestattung ist der Hirntote längst noch nicht tot genug. Er lebt nämlich noch! Zunächst müssen also die intensivmedizinischen Maßnahmen abgebrochen und die künstliche Beatmung beendet werden, damit der Hirntote nach einer Weile tatsächlich sterben kann. Und erst dann, wenn der Tod des gesamten Organismus nach dem irreversiblen Herz- und Kreislaufstillstand eingetreten ist, kann die Bestattung des Verstorbenen erfolgen.

Das Hirntodkriterium wurde von Anfang an instrumentalisiert, um einem Sterbenden lebende Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können.

Das Transplantationsgesetz wurde auf juristisch raffinierte Weise dazu benutzt, diesen Zusammenhang zu vernebeln. In den Organspendeausweisen ist nur davon die Rede, dass „nach meinem Tod“ bzw. „nach der ärztlichen Feststellung meines Todes“ Organe entnommen werden dürfen. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass mit dem Tod nur der Ausfall der Gehirnfunktionen gemeint ist.

Bewusste Irreführung der Öffentlichkeit

Diese bewusste Irreführung der Öffentlichkeit wird durch das Transplantationsgesetz formal legitimiert, denn § 3 Absatz 1 Nr. 2 TPG sagt ausdrücklich, dass die Entnahme von Organen oder Geweben nur zulässig ist, wenn „der Tod des Organ- oder Gewebespenders nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist“.

Mit anderen Worten: Wann wir tot sind, entscheidet autoritativ der Mainstream der medizinischen Wissenschaft in eigener Regie. Und dieser Mainstream, der natürlich vorrangig auf die Interessen der einflussreichen Transplantationsmediziner Rücksicht nimmt, hat sich eben derzeit auf den Hirntod als das entscheidende Todeskriterium geeinigt. Der Gesetzgeber selbst hat dies in kluger, aber auch raffinierter Weise nicht selbst getan.

Er hat lediglich in § 3 Absatz 2 Nr. 2 TPG festgelegt, dass Organe und Gewebe frühestens dann entnommen werden dürfen, wenn „der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist.“

Sowohl der Staat als auch die Kirchen vertreten seit mehr als 20 Jahren die verfehlte Auffassung, dass die Kriterien für die Feststellung des Todes von der medizinischen Wissenschaft nach medizinisch-naturwissenschaftlichen Regeln zu definieren seien. Die Definition des Todes sei keine Aufgabe der Politik oder des Gesetzgebers.

Allein die natur­wissenschaftliche Forschung könne für alle Menschen in gleicher Weise feststellen, welche körperlichen Befunde Leben und Tod voneinander abgrenzen, unabhängig von einem be­stimmten Menschenbild oder einem subjek­tiven Verständnis von Leben und Tod. So hat diesen Grundgedanken der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 25. Juni 1997 formuliert.

Vom Mainstream der Medizin gewünschte Kriterien

Verfehlt ist diese Auffassung aber deshalb, weil es zwar die medizinische Wissenschaft ist, mit deren Methoden ein Arzt feststellen kann, ob die für die Bestimmung des Todes geltenden Kriterien im Einzelfall tatsächlich vorliegen oder nicht. Es kann aber nicht der Medizin überlassen werden, welche gerade aktuellen, vom Mainstream der Medizin gewünschten Kriterien für den Tod herangezogen werden.

Eine derartige Autonomie der Medizin darf es in einem Rechtsstaat nicht geben.  Hier geht es um eine Grundfrage des menschlichen Lebens und seines vom Staat zu gewährleistenden Schutzes. Der Hirntod ist nicht der Tod des Menschen, sondern er markiert das vorzeitige Ende des seinen Bürgern vom Staat garantierten Rechts auf Leben.

 

Prof. Dr. med. Axel W. Bauer
Mitglied des Deutschen Ethikrates

von April 2008 bis April 2012

http://www.ethikrat.org/

Organtransplantation - Von der Gesundheits- zur Tötungsindustrie ?

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/reden-ist-silber/meinung/organtransplantation-von-der-gesundheits-zur-toetungsindustrie.html

 

 

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05.11.2012 Zarathustra-Hedda triumphiert – und scheitert

GFDK - Liane Bednarz

Sie hat schwarze Hände. Voller Ruß von den Ascheresten eines Manuskripts, das sie im lodernden Feuer verbrannt hat. Als sie eine weiße Wand berührt, hinterlassen ihre Hände merkwürdigerweise jedoch keine Spuren. Nichts bleibt von Hedda Gabler - ihr gehören die Hände. Weder im Leben, noch im Tod. Dieses besonders eindringliche Bild prägt Intendant und Regisseur Martin Kusej dem Publikum im Residenztheater München ins Gedächtnis ein.

„Hedda Gabler“ im „Resi“. Da erwartet man Großes, Neues. Denn hier wurde Ibsens Meisterwerk am 31. Januar 1891 uraufgeführt. Also Chance und Herausforderung für Martin Kusej zu Beginn seiner zweiten Spielzeit am Bayerischen Staatsschauspiel. Und der gebürtige Kärtner ist mutig ans Werk gegangen: So düster, so abgründig, so niederträchtig hat man Ibsens Antiheldin in den letzten Jahren selten auf deutschen Bühnen gesehen. Hedda Gabler in der Lebensgruft, tot schon zu Lebzeiten.

Düsterfrau im fahlen Licht

Ibsens dramatischer Vierakter erzählt die Geschichte einer Generalstochter, die sich mehr von einer Ehe erhoffte, als sie bekam, damit furchtbar hadert und sich in Allmachtsphantasien flüchtet. Noch vor dem ersten Wort aus Ibsens Feder hört man aus dem Off Worte aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“: „Einst blickte die Seele verächtlich auf den Leib: und damals war diese Verachtung das Höchste.“ Zarathustra als Opener für „Hedda Gabler“? Übermensch und Übermenschin?

Die Inszenierung beginnt düster-puristisch, und düster-puristisch bleibt sie (Bühne: Annette Murschetz). Kaum Weiß im dominierenden Schwarz. Harte, klare Schnitte trennen die einzelnen Szenen voneinander: völlige Dunkelheit, untermalt von dissonanten Tönen (Musik: Jan Faszbender). Die teure Villa, in die Hedda mit Ehemann Jørgen Tesman kurz nach der ebenfalls teuren Hochzeitsreise einzieht, ist links nur durch eine strahlend weiße, stuck-verzierte Wand und Tür angedeutet. Der Rest der weit nach hinten reichenden Bühne bleibt schwarz. An den seitlichen Wänden dunkelgraue, schieferartige Platten, rechts ein fahl angeleuchteter Haufen aufeinander geworfener schwarzer Bistro-Stühle.

Leere Villa, leere Seelen, leere Ehe

Barbara de Koy als Juliane, die Tante Tesmans, lässt durchblicken, was es mit den Lebensumständen der Tesmans auf sich hat. Die in Michigan geborene Schauspielerin zeichnet spielsicher eine hysterische und besitzergreifende eifersüchtige alte Jungfer. Alles ist auf Pump finanziert, alles auf einen nahenden beruflichen Erfolg Tesmans gesetzt. Er, der Kulturwissenschaftler, soll bald zum Professor ernannt werden. Aber Alternativen gäbe es sowieso keine, denn Generalstochter Hedda verlangt nach einem standesgemäßen Leben. Kleinbürgertum kommt für sie nicht in Frage. Das war, sozusagen, der „Deal“ einer Ehe, die Hedda nicht aus Liebe eingegangen ist.

Aber was soll man schon machen, wenn man selbst älter und der Heiratsmarkt langsam leerer wird? Dann tut es notfalls auch ein Tesman, jedenfalls dann, wenn er vielversprechende Karriereaussichten zu haben scheint. Man ahnt: das kann nicht gut ausgehen. Und Norman Hacke spielt ihn wunderbar, diesen ahnungslosen, hoffnungslos verliebten, braven Deppen. Ständig ist Tesman bemüht, Hedda bei Laune zu halten, ihr alles recht zu machen. Seine Unterwürfigkeit erntet indes nur eines: Verachtung.

Ennui und Verachtung einer toten Lebendigen

Hedda macht keinen Hehl daraus, dass sie Tesman, die Tante und das „lächerliche“ Leben, das sie nun führt, verachtet. Birgit Minichmayrs Darstellung der Hedda lässt das Blut in den Adern gefrieren. Fleischgewordene Verachtung. Gelangweilt und angewidert von einer Kleinbürgeröde innerhalb einer viel zu großen Villa. Für Möbel reichte selbst das geborgte Geld nicht mehr aus. Man wohnt in fast leeren Räumen einer potemkinschen Edelbehausung.

Heddas einziger Zeitvertreib ist das Herumschießen mit ihren Pistolen – Erbstücke des General-Vaters. Ihr bleiches und gefühlloses Gesicht könnte direkt aus einem Wachsfigurenkabinett entstammen. Keine Spur einer menschlichen Regung, die über Gefrierschranktemperatur hinausreichen würde. Minichmayrs reduziertes Mimikspiel könnte kaum präziser sein.

Wie alle Figuren erscheint auch Martin Kusejs Hedda im historischen Kleid der Ibsen-Zeit (Kostüme: Heide Kastler). Ihr langer schwarzer satinartiger Rock und die cremefarbene Bluse, die später einem schwarzen, ebenfalls satinartigen Oberteil weicht, haben nichts Verspieltes an sich. Steife Korsettartigkeit. Das für diese Zeit eigentlich untypische, kurze Haar passt indes nicht ins Bild. Oder soll es ihre strenge Erscheinung unterstützen, sie abgrenzen?

Auch ihre Stimme ist rauh und hart. Mit klirrenden Worten und giftigen Blickpfeilen spießt Hedda ihre Mitspieler auf und treibt diese mit der Macht der Verachtung vor sich her. Deklassierend. Man erlebt einen fast asexuellen Zombie. Ein Rätsel, wie diese Hedda überhaupt schwanger werden konnte. Aber der Bauch, über den sie sich jedes Gespräch verbietet, ist unübersehbar.

Ibsenesker Wiedergänger aus der Vergangenheit

Ibsen-gemäß bricht nun in diese Ehehölle unvermittelt die Vergangenheit ein und lässt keinen Stein auf dem anderen stehen. Anders als etwa in den „Gespenstern“ oder der „Wildente“ deckt Ibsen in „Hedda Gabler“ jedoch keine Lebenslügen auf, entlarvt keine streng verheimlichten Vaterschaften. Sondern bringt mit Ejlert Løvberg – ebenfalls Kulturwissenschaftler und Studienkollege Tesmans – eine Figur ins Spiel, die die Ehe endgültig zur Komplettfarce degradiert.

Zur Erklärung: Ejlert Løvberg war einst Heddas Verehrer, und vertraute ihr seine dionysisch-satyrischen Ausschweifungen an. Eben jene stoppten jedoch auch seine Karriere. Nun steht er plötzlich wieder vor ihr. In der Villa. Geläutert. Nicht nur den Exzessen hat er abgeschworen, er hat obendrein einen kulturgeschichtlichen Bestseller geschrieben und bereits nachgelegt mit einem neuen Manuskript, ebenfalls bestsellerverdächtig. Sebastian Blomberg spielt Løvberg so bemüht selbstkontrolliert – das wilde Tier in ihm scheint nur auszuruhen –, dass man schmunzeln muss. Er wirkt wie ein Gummibaum, der sich als harte Eiche verkleidet hat. Ja, es gibt durchaus auch Amüsantes.

Die Vernichtung

Durch Løvbergs Ruhm wirkt nun also Tesmans Werk über den „Hausfleiß im Brabant des Mittelalters“ noch lächerlicher. Bestsellerpotential null. Das erkennt auch Hedda überdeutlich und holt zum Vernichtungsschlag aus, indem sie Løvbergs Schwachstelle bearbeitet: Seine dionysisch-satyrische Natur. Auch Thea Elvsted kann ihn davor nicht retten, ein scheinbar naiv-liebes, zugleich aber enorm enervierendes Frauchen, das Løvberg aus der Provinz nachgereist ist.

Die gerade aus Hannover ans Residenztheater verpflichtete Schauspielerin Hanna Scheibe schafft es meisterhaft, den Spagat zwischen platt-motivierender Künstlermuse und nervigem Dummchen dazustellen. Ständig plappernd, ständig Løvberg betüddelnd, ständig bemüht, ihn vor sich selbst zu schützen. Dabei so unaufgeräumt und fahrig wie ihre dauerzerzausten Haare. Aber ihre Besorgtheit ist durchaus ambivalent. Je mehr es mit Løvberg bergab geht, umso mehr bejammert Elvsted sich selbst. Løvbergs Karriere war auch ihr „Kind“. Kusej führt Elvsted so als Paradebeispiel des Menschen mit Helfersyndrom vor, dessen Antrieb vor allem eines ist: das eigene Ego.

Zarathustra-Hedda triumphiert – und scheitert.

Als Løvberg sein unveröffentlichtes neues Manuskript in einer durchzechten Nacht, die im Bordell endete, verliert, sieht Hedda ihre Chance kommen. Jene Hedda, die, da ausgerechnet ihr Ehemann das Manuskript auf der Straße gefunden hat, genau dieses längst selbst in den Händen hat. Von da an spielt Hedda – wie Nietzsches Übermensch – Schöpfer(in): „Ja! Ein einziges Mal in meinem Leben möchte ich Macht haben über das Schicksal eines Menschen.“ Und für Hedda heißt das: Ejlert Løvberg zum Suizid, also zur Selbstvernichtung zu überreden. Und zwar „in Schönheit“, unbedingt und bitte bitte „in Schönheit“, also mit einem präzisen Schuss aus einer ihrer Pistolen. Erbärmliche Machtphantasien einer gescheiterten Frau.

Aber es kommt es, wie es kommen muss. Nichts ist es mit der erträumten Schönheit der Tat des Suizidenten. Nein, nur ein hässlicher Unfall geschieht. Ausgerechnet bei einem weiteren Bordellbesuch Løvbergs löst sich ein Schuss aus der Pistole unter seiner Jacke und lässt ihn qualvoll verenden. Als Hedda die Nachricht vom schäbigen, so nicht geplanten Ende erhält, ist ihre Wut so groß, dass sie nur noch hilflos heiser fauchen und schreien kann.

Richter Brack, Überbringer der Nachricht, ist ein korpulenter, schmieriger Mann mit fettigem Haar. Von dem herausragenden Oliver Nägele wird er so treffend gezeichnet, dass man Heddas Ekel vor ihm förmlich selbst spüren kann. Und ausgerechnet der lässt dann auch noch durchblicken, dass er um alles weiß und die Polizei leicht dazu bringen könnte, Fragen nach dem Eigentümer der Pistole und dem Warum und Weshalb zu stellen. Könnte, aber nicht müsste. Solange Hedda eben, na ja, sie wisse schon. Als Vorgeschmack auf Kommendes knutscht er sie schon einmal ab.

Und Hedda? Erkennt ihre Nicht-Macht. In der Hand eines anderen sein? Niemals! Sie geht nach hinten ab. Und drückt ab. Ende einer Pistolenfrau. Derweil versuchen Tesman und Thea, Løvbergs Manuskript zu rekonstruieren, das Hedda in einer schon dem Wahnsinn anheimfallenden Allmachtsphantasie zuvor im offenen Feuer verbrannt hatte. Ab da hatte sogar Ehemann Tesman genug. Vom Suizid Heddas ein paar Meter weiter sind Tesman, Thea und Brack demgemäß lediglich kurz indigniert. Ungerührt gehen sie weiter ihrem Tagwerk nach. Vorhang.

Hedda Gabler hinterlässt keine Spuren. Sie ist nicht Zarathustra. Sie wollte nur wie Zarathustra sein. Aber dieser großartige Abend in München geht an den Zuschauern nicht spurenlos vorbei. Die düstere Inszenierung wirkt nach. Hier wurde man Zeuge eines Abstiegs in die Untiefen einer verlorenen Seele. Zurückgekehrt an den Ort, an dem das Stück einst uraufgeführt wurde.

Dr. Liane Bednarz

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert. Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und schrieb für die "Westfalenpost Schwelm."

Spielplan:

http://www.residenztheater.de/inszenierung/hedda-gabler

 

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03.11.2012 Wie steht die Kirche zum Töten eines Hirntoten?

GFDK - Eva Horstick-Schmitt

Wenn Ärzte nach dem Organspendeskandal mit anschließend dramatischem Rückgang von Organspenden nunmehr für größeres Vertrauen in die Organisation der Transplantationsmedizin eintreten und ich mich jetzt gegenüber meiner Versicherung erklären soll, ob ich den beigefügten Organspendeausweis ausfülle- oder es lasse, möchte ich wissen, warum diese Ärzte nicht mehr Vertrauen , Transparenz und Ehrlichkeit an den Tag legen.

Haben diese Ärzte selbst einen Organspende-Ausweis und wenn -würden sie diesen in einer Anzeige veröffentlichen , um Vertrauen bei den "human ressources" zu gewinnen? Haben Ärzte und Krankenschwestern, die selbst in der Transplantationsindustrie arbeiten, also selbst einen Organspendeausweis ? Und wie hoch ist deren prozentualer Anteil im Vergleich zu nicht in der Transplantationsmedizin Tätigen im sonstigen medizinischen Bereich und auch zur Bevölkerung, die nicht in dieser Industrie arbeiten und um deren Umstände wissen.

Wie steht die Kirche zum Töten eines Hirntoten?

Wir lesen nichts darüber. 

Der biologische Tod ist sicher nicht eingetreten beim Hirntod, sonst gäbe es nicht so bekannte Fälle wie die Geburt eines Kindes einer schon seit Monaten für "hirntot" erklärten Schwangeren oder die Behauptungen, dass "Hirntote" noch Stunden lang hören, was in ihrer Umgebung geschieht?! 

Wann ist der Mensch wirklich gestorben?

Das weiss niemand so genau!

Verlässt die Seele den Körper mit Feststellung des Hirntodes oder erst nach 8-10 Stunden einen Körper?  Ist der Mensch für uns erst gestorben , wenn seine Seele den Körper verlassen hat? 

Töten Ärzte einen Menschen , um ein Organ zu bekommen, mit dem man einerseits anderes Leben retten kann, andererseits gut Geld machen kann ?

Tötet man eine Sterbekultur , die es mal gab, im Namen der Fortschrittsmedizin weiter ab und verlässt den Pfad des Humanismus? Vom "homo sapiens" zum "homo oeconomicus" (jetzt weiß ich endlich, was damit gemeint ist)!

Würdevolles Sterben heisst für mich jedenfalls, nicht dem gerade am "Hirntod" festgemachten Tod dem Menschen  die Organe zu entnehmen, auch wenn dadurch anderes Leben gerettet werden kann.

Der Hirntote hat Anspruch auf ein würdevolles biologisches und (!) seelisches Sterben. Er kann nichts dafür , dass auf der anderen Seite des Globus ein anderer sterben muss, weil vielleicht das Schicksal dieses so gewollt hat?! 

Wir werden geboren um zu sterben. Dank der Medizin haben wir grosse Chancen uralt zu werden, aber um den Preis anderen die Würde zu nehmen, um selbst weiter zu leben?

Wie gehe ich selbst damit um, wenn ich ein Organ benötigen würde? 

In dieses Situation kann ich mich nicht herein denken. Was ich aber für mich beantworten kann ist die Tatsache, dass ich von einem Menschen, der nicht würdevoll gestorben ist - kein Organ möchte. 

Wo ist die Seele dieses Menschen ? Sie ist dann in meinem Körper oder fliegt sie derweil durch den Orbit. Was sagen die irdischen Interessenvertretungen der Seelen dazu? ( christliche Kirchen, jüdische, moslemische Glaubensrichtungen oder buddistische und hinduistische)

Fazit: 

Die Politik - Gesellschaft (Kirchen und Religionsgemeinschaften) sollten sich endlich mit der Frage auseinandersetzen wann ein Mensch tot ist und was würdevolles Sterben bedeutet, denn die Würde des Menschen endet nicht mit der Feststellung des Hirntodes.

Eva Horstick-Schmitt

Dipl.-Fotodesignerin

Eva Horstick-Schmitt: Ausschnitt / Vita

" zurück ins Leben"
2012                 Cancer - Soest Klink Paradiese
AAART Foundation Österreich "What a wonderful world"
2011                 "Unretuschiert" Familien im Revier 1999- 2010
2010                 Ausstellung gegen Brustkrebs - cancer positiv - Museum für Kunst und Kulturgeschichte
Hoesch Museum Missing Steel
2008/9/10        Eva jenseits von Eden / Ausstellungen gegen häusliche Gewalt und Zwangsprostitution u.a. in der Galerie Camera Obscura, Deutsches Haus NYC ( 2009 ), Torhaus Rombergpark, Museum Hattingen
2008                 NYC Jüdisches Center von Manhatten  mit WAR "woman artist rock" gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution
2006                 Frauenmuseum Bonn, Kunstverein Dortmund, Essen CAR, Art Fair Köln
2005-2012      mehr als 130 Ausstellungen mit TDF in DE, Schweiz, Österreich gegen Zwangsprostitution "ohne Glanz und Glamour"
2002                 Aufenthalte im Kosovo - Film und Reportageprojekte
Nationale und internationale Ausstellungen u. a. im Bereich non profit.

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31.10.2012 eine gemäßigte Diktatur

Konstantin Wecker

Liebe Freunde, auch wenn ihr euch immer schon danach gesehnt habt - bitte springt nie aus der Stratosphäre zurück auf die Erde! In seinem nicht genug zu würdigenden, aufopfernden Selbstversuch hat der Sport - Extremist Felix Baumgartner nun bewiesen, dass sich das Durchbrechen der Schallmauer trotz Sturzhelm schädlich auf das darunter liegende Gehirn auswirkt.

„Super Felix“ verkündete - immerhin frisch aus dem Himmel gefallen - der Welt:
"Du kannst in einer Demokratie nichts bewegen. Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen, wo es ein paar Leute aus der Privatwirtschaft gibt, die sich wirklich auskennen."


Die "Kronen Zeitung" wartete Sonntag mit der Schlagzeile auf: "Mozart, Schwarzenegger - und jetzt er! Teufelskerl!“


„Wo bleibt da Hitler“ fragt sich Günter Traxler vom Standart zu Recht.
Nun wurde ihm angeboten Uno-Botschafter für die Jugend zu werden.
Botschafter der gemäßigten Diktatur.


Red Bull verleiht anscheinend nicht nur Flügel....

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27.10.2012 Bedingungslose, passionierte Beziehungen

GFDK - Stefanie Tendler

Wir meinen uns selbst finden zu müssen und schmettern konsequent alles ab, was uns auf dieser radikalen und egoistischen Reise etwas zu nahe kommt, da wir nach einer Illusion streben...Einer Illusion, die sich im Laufe unseres Lebens in unserem Geist manifestiert hat.

Die konstante Reizüberflutung der wir uns im Rahmen von zwischenmenschlichen Begegnungen, Beziehungsgeflechten oder Affären aussetzen, lässt uns immer fester an einem Imaginerium, einem geistigem Fixum von Liebe festhalten, die allerdings ohne unser eigenes Zutun, ohne unsere Bereitschaft uns zu öffnen und uns auf einen anderen Menschen einzulassen unerreichbar bleibt.

Gibt es diese Wahnvorstellung, die wir uns erschaffen haben? Liebe ist oft leise und benötigt einen Zuhörer, der geduldig seine Ohren spitzt, bis er sie wahrnehmen, aufsaugen und annehmen kann! Sie bedarf zweier Menschen, die bereit sind ihr zu begegnen, ihr Geist, Seele, und Herz öffnen. Ihre Entwicklung ist niemals gleich oder statisch, dennoch meinen wir vorschnell Schlüsse ziehen zu können, wenn sie sich wider unserer Illusion gestaltet.

Bedingungslose, passionierte Beziehungen entstehen wenn zwei Herzen auf einer Welle reiten und im Takt schwingen. Ein Garant, dass sie aufgrund idealer Parameter überdauern werden gibt es dennoch nicht. Beide Partner müssen bereit sein ihre Beziehung zu leben, Energie, Zeit und Ausdauer in sie zu investieren... Eine Beziehung kann für manch einen, eine Flucht vor der eigenen Person bedeuten, oder vor der Angst mit sich allein sein zu müssen.

Die wenigsten von uns sind im reinen mit sich selbst, wenn sie sich auf einen anderen Menschen einlassen und gerade deswegen scheitern sie oftmals kläglich. Der andere sollte nicht als Auffangbecken für ungelöste Angelegenheiten mit unserer eigenen Person missbraucht werden, sondern die Rolle eines Wegbegleiters einnehmen, der uns reflektiert und das zwischenmenschliche Ping-Pong-Spiel beherrscht...

Halbherzige Beziehungsgeflechte und Zweckgemeinschaften sind eine gesellschaftliche Gepflogenheit, die uns immer nur kurz bereichern werden aber uns auf Dauer sozial verarmen und verkrüppeln lassen...

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23.10.2012 Bezahlmodelle müssen günstig und einfach sein

GFDK - Jens Meyer-Wellmann

Es war Claus Strunz, der als erster prominenter deutscher Journalist aussprach, was viele Kollegen in unserer bedrohten Zunft denken und fühlen. Bei der Verleihung der „Lead Awards“ im Frühjahr forderte der Chefredakteur des „Hamburger Abendblattes“ von den Verlagsmanagern, endlich Ideen für neue Geschäftsmodelle vorzulegen, um den Qualitätsjournalismus auch online profitabel zu gestalten.

„Wir Journalisten haben in den vergangenen Jahren mühsam unsere Lektionen in Sachen Online gelernt und machen heute weithin gute Angebote“, sagte Strunz laut Kress. „Was haben währenddessen die Verlagskaufleute getan, außer auf Podien zu erzählen, damit lasse sich kein Geld verdienen?“ Es sei nicht an den Journalisten, diese Zukunftsfrage zu beantworten.

Tatsächlich haben viele Verlagsführungen ja außer Achselzucken zur Diskussion um die überlebenswichtige Frage nach der Finanzierung von Qualitätsjournalismus bisher nur wenig beigetragen. Zu wenig. Sie haben die Strategie verfolgt, das Wertvollste, das sie haben, zu verschenken: die Arbeit ihrer Journalisten.

Die Arbeit von Journalisten ist mehr wert als nichts

Journalistinnen und Journalisten dagegen haben sich seit Jahren den Veränderungen gestellt. Sie beliefern in vielen Redaktionen heute Online und Print gleichermaßen, was faktisch zu einem permanenten Redaktionsschluss führt. Sie haben sich zu Videojournalisten fortgebildet oder schreiben nebenher Blogs, und sie lernen mit Hilfe der neuen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters immer stärker in einen offenen Dialog mit ihrem Publikum zu treten. All das kostet natürlich Zeit und Kraft und letztlich Geld, und doch sind die Redaktionen keinesfalls besser ausgestattet worden.

Im Gegenteil: Angesichts der gesunkenen Auflagen der meisten Printtitel und der „lousy pennies“, die die Online-Werbung bisher einbringt, haben sie massiven Personalabbau und regelmäßige Sparrunden erduldet. Tatsächlich gibt es trotzdem nicht nur Grund zu jammern, denn die neue Welt des Internet bietet gerade den Kommunikationsprofis, die Journalisten nun mal sind, ungeahnte Chancen. Dazu aber braucht es endlich ein Geschäftsmodell. Und in einem will ich Strunz hier doch widersprechen: Es ist durchaus auch an den Journalisten selbst, sich Gedanken über diese Zukunftsfrage zu machen.

In Wahrheit ist es an der Zeit, endlich Bezahlmodelle einzuführen. Die seit Jahren wiedergekäute Behauptung, Bezahlinhalte ließen sich im Netz nicht durchsetzen, ist längst widerlegt. Wenn die Menschen bei Netzwerken wie Xing schon für eine verbesserte Suchfunktion fast 20 Euro im Quartal bezahlen, bei iTunes ihre Musik kaufen oder für die Partnersuche Geld im Internet ausgeben – warum sollten sie dann nicht bereit sein, für hochwertigen Journalismus, exklusive Nachrichten, kluge Kommentierungen oder beeindruckende, multimedial gestaltete Reportagen ein paar Euro im Monat zu bezahlen? Ich bin überzeugt davon, dass sie das tun werden – wenn ein paar Voraussetzungen erfüllt sind.

Bezahlmodelle müssen günstig und einfach sein

Damit Bezahlmodelle funktionieren, müssen sie aber vor allem drei Kriterien erfüllen: Sie müssen günstig sein, sie müssen einfach sein – und die angebotenen Inhalte müssen hochwertiger sein als Gratisangebote. Man  muss hier dem Google-Grundsatz folgen, nicht maximalen Profit anzustreben, sondern so günstig zu sein wie möglich – zumal man ja keine Druck- und kaum Vertriebskosten hat. Zugleich muss das Modell simpel sein.

Wieso eigentlich sollte es keine Medienflatrate geben, bei der die Nutzer, sagen wir, zehn oder 15 Euro im Monat zahlen, und dafür z. B. drei Medienportale ihrer Wahl vollständig nutzen können – etwa ein überregionales Magazin-Portal wie Spiegel Online, Stern.de oder Focus Online, dazu die Seite einer überregionalen Qualitätszeitung ihrer Wahl wie sueddeutsche.de oder WELT ONLINE und eine Regionalzeitung. Die Einnahmen aus der Flatrate könnten dann gemäß der Nutzungshäufigkeit der Portale verteilt werden, so dass die Konkurrenz erhalten bliebe.

Um so ein Modell umzusetzen, müssten die Verlage sich auf ein gemeinsames Vorgehen einigen – was allemal besser wäre, als wenn alle abwarten, dass der andere zuerst mit Bezahlinhalten kommt, um ihm dann die Kundschaft abzujagen. Denn das führt nur dazu, dass wir am Ende alle gemeinsam untergehen. Was also steht einem Flatrate-Modell entgegen?

Verlagsmanager argumentieren gerne damit, dass es kartellrechtliche Probleme geben könnte, weil es sich letztlich um verbotene Preisabsprachen handle. Natürlich muss diese Frage geprüft werden. Wenn aber die Verlage sich einmal auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt hätten, wäre es an der Politik, das Kartellrecht so zu modernisieren, dass es nicht zum Sargnagel für den Qualitätsjournalismus wird. Solange sich aber die Verlage in dieser Frage nur gegenseitig belauern, anstatt gemeinsam etwas zur Rettung der Branche zu tun, wird die Politik kaum tätig werden.

Die Qualität muss deutlich über den Gratisangeboten liegen

Durchsetzbar ist ein Flatrate-Modell natürlich nur, wenn die Qualität des Bezahl-Journalismus langfristig deutlich über Gratis-Angeboten liegt. Dazu gehören exklusive Inhalte (wobei dann auch Regionalzeitungen irgendwann begreifen müssen, dass sie nur regional Exklusives bieten können und aufhören müssen, ständig mit Weltpolitik ihre Seiten aufzumachen), aber eben auch hochwertige Analysen und spannende Interviews, ebenso wie schöne Reportagen und exklusive Fotos und Videos. Um sich von Gratisangeboten abzusetzen, muss mit Hilfe der neuen Einnahmen wieder stärker in die Redaktionen investiert werden. Mit Billigheimer-Journalismus, den man nur noch an den Leser bringt, wenn man zusätzlich eine DVD mit einem alten Stallone-Film oder ein Paar Badelatschen beilegt, ist weder im Print noch sonstwo die Zukunft zu gewinnen, wie der Kollege Michalis Pantelouris auf seinem Blog „Print würgt“ zu Recht schreibt.

Eines jedenfalls ist sicher: Journalisten (und Verleger) dürfen sich nicht weiter einreden lassen, ihre Arbeit sei so wenig wert, dass man nicht anders könne, als sie zu verschenken.

Der Artikel erschien am 2. August 2009 und hat an Brisanz nichts verloren.

Seit Anfang 2009 arbeitet Jens Meyer-Wellmann als stellvertretender Redaktionsleiter von WELT, WELT AM SONNTAG, WELT KOMPAKT und WELT ONLINE in Hamburg.

Meyer-Wellmanns Netzigkeiten

Ein Blog über Hamburg, Familie, Politik und den Journalismus von morgen

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20.10.2012 richtig und falsch

GFDK - Stefanie Tendler

Wie die Sonne von einem Tierzeichen zum anderen zieht, wechselt die Menschheit von einem Massenwahn zum anderen. Welchen Stellenwert erhalten im Rahmen dieser These die beiden Wertungen richtig und falsch? Wer vermag das richtige Richtig und das falsche Falsch zu definieren?

Bereits im Althochdeutschen des 11. Jahrhunderts existierte das uns heute als „richtig“ bekannte Adjektiv in Form von „rihtig“, hatte allerdings ursprünglich die Bedeutung von „gerade, nach der Richtschnur ausgerichtet“ und nimmt auf richten Bezug, nicht aber unmittelbar auf recht. Im heutigen Sprachgebrauch wird richtig als das Gegenwort von falsch verwendet. Eine Handlung wird als falsch bewertet, wenn sie einer gegebenen Moral zufolge abzulehnen ist. In diesem Sinne ist „falsch“ ein Synonym für „böse“ oder „schlecht“.

Was ist Moral und wie berührt sie uns in unserem alltäglichen Leben? In deskriptiver Verwendung beschreibt „Moral“ eine leitende Handlungsregelung, die auf Erfahrungen, Wertvorstellungen bzw. Tugenden basieren, die unsere Menschheit im Laufe ihres Daseins gewonnen hat. Sie soll Orientierung geben und gibt Normen vor, anhand derer Menschen ihr Handeln ausrichten und bewerten können, und soll ihnen dabei helfen, schnell über „richtig oder falsch“ zu entscheiden.  

Wird das Leben in der Gemeinschaft durch dieses Sammelsurium an Verhaltensregeln, die im Umgang mit dem Seinesgleichen angewendet werden sollen ein Leichteres? Der Mensch urteilt und handelt keineswegs auf Grund seiner eigenen Wirklichkeit, sondern nach dem, was er für die Wirklichkeit hält. Nur im Bereich unmittelbarer Anschauung decken sich Schein und Sein allenfalls noch weitgehend. Kann der ein Mensch demzufolge in seinem Leben an den Punkt angelangen, an dem er sein richtig oder sein falsch greifen kann?

Ist es für den einzelnen überhaupt möglich sein eignes richtig zu finden, oder ist der äußere Einfluss des gesellschaftlichen Werte-Leitfadens und den auferlegten Moralvorstellungen so mächtig, dass man einen permanenten innerlichen Konflikt ausfechten müsste, wenn man sich diesem widersetzen wollte. Ferner werden dem moralischen Ausreißer seine Grenzen aufgezeigt und er wird durch seinen innerlichen Wertekodex gebändigt und in Ketten gelegt, da er dem Druck des auferlegten „richtigs“ nicht standhalten oder gar mit seinem Gewissen ausmachen könnte.  

Das Gewissen wird im Allgemeinen als eine besondere Instant im menschlichen Bewusstsein angesehen, die sagt, wie man urteilen soll. Es drängt, aus ethischen bzw. moralischen und intuitiven Gründen bestimmte Handlungen auszuführen oder zu unterlassen. Entscheidungen können als unausweichlich empfunden oder mehr oder weniger bewusst- im Wissen um ihre Voraussetzungen und denkbaren Folgen getroffen werden. Das einzelne Gewissen wird meist als von Normen der Gesellschaft und auch von individuellen sittlichen Einstellungen der Person abhängig angesehen.

Ohne eine ethische Orientierung bleibt das Gewissen „leer“, „ohne Verantwortung ist das Gewissen blind“.   Üblicherweise fühlt man sich gut, wenn man nach seinem Gewissen handelt; das ist dann ein gutesoder reines Gewissen. Handelt jemand entgegen seinem Gewissen, so hat er ein subjektiv schlechtes Gefühl; ein schlechtes, nagendes Gewissen oder Gewissensbisse.  

Das Strukturmodell der Psyche nach Sigmund Freud beruht auf der Unterscheidung von Es, Ich und Über-Ich. Seiner Vorstellung nach wird das unbewusst-triebhafte Es in seinen Äußerungen durch das Über-Ich hemmend kontrolliert. Dabei wird das Über-Ich verstanden als Introjekt, also Verinnerlichung der elterlichen und gesellschaftlichen Autorität, wodurch sich das Gewissen herausbildet. Es veranlasst das Kind, gesellschaftlich übliche oder erwartete Verhaltensweisen und Erwartungen einzuhalten.

Das reife Ich, die individuelle Persönlichkeit mit ihren aus Erfahrung gewonnenen bewussten Wertsetzungen, bildet sich in der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner gesellschaftlichen Umwelt und durch Überwindung der Anforderungen des Über-Ichs. Niklas Luhmann interpretiert das Gewissen als eine Funktion im Dienste der Identitätsbildung:

Die Möglichkeiten, die ein Mensch hat, sich zur Welt zu verhalten, sind weit größer als die Fähigkeit, sie (alle auf einmal) zu realisieren. Ich kann ein Schurke sein, ein Heiliger, ein Feigling, ein Held – aber nicht alles auf einmal. Der Mensch wählt bestimmte Optionen und schlägt andere aus und bildet so eine Persönlichkeit aus, d.h. er wird zu einer selektierenden Struktur, die typischerweise so und nicht anders handelt.“  

Jedes Leben wird durch die äußeren Einflüsse und Erkenntnisse unserer Menschheit unterjocht und jeder einzelne von uns vermag vielleicht für kurze Zeit vor ihnen die Flucht ergreifen zu wollen, dennoch leben wir mit dem richtigen richtig und dem falschen falsch unserer an Erfahrungen reichen Vorlebnern.

Bangkok/Berlin - Mit dem gereiften Blick einer Wiederkehrenden fallen Stefanie Tendler Ähnlichkeiten auf

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/reden-ist-silber/meinung/bangkokberlin-mit-dem-gereiften-blick-einer-wiederkehrenden-fallen-stefanie-tendler-aehnlichkeit.html

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04.10.2012 ein anwidernder Fall von brüderlicher Politmauschelei

GFDK - Sascha Lobo

Die aktuelle Epetition gegen das Leistungsschutzrecht ist so lebendig und überzeugend formuliert wie die Steuererklärung von Thilo Sarrazin. Trotzdem ist es wichtig, bis zur Deadline am 10. Oktober mitzuzeichnen.

134.014 ist hauptberuflich keine Zahl. 134.014 ist ein Symbol, und zwar in meinen Augen das zweitwichtigste Symbol der deutschen Netzbürger. Das erstwichtigste Symbol besteht aus mehr als einhunderttausend Leuten, die Anfang 2012 allein in Deutschland gegen ACTA auf die Straße gegangen sind. Aber bis dahin war die 134.014 für Medien, Politik und Gesellschaft entscheidend: so oft wurde im Jahr 2009 die E-Petition gegen Netzsperren gezeichnet.

Warum sind diese Zahlen überhaupt relevant?

Politik ist zweigeteilt, sie besteht aus Worten und Wirkungen. Worte sind toll, aber haben eine geringe Halbwertszeit: ein lauter Protestschrei tut nur ein paar Minuten lang in den Ohren weh. Deshalb entscheidet in der Politik die Wirkung – und zwar die in der Öffentlichkeit. Dafür gibt es ein Zauberwort: es heißt Mobilisierung. Mobilisierung ist eine politische Messgröße dafür, bei welchen Themen nur viel geredet wird. Und wo Taten folgen.

Der ACTA-Protest war so erfolgreich, weil eine Mobilisierung enormen Ausmaßes stattfand, es verwandelten sich vielen Worte im Internet in bundesweite Demonstrationen in touchscreenfeindlichem Frost. Die 134.014 war 2009 der ausschlaggebende Grund, weshalb der deutsche Netzaktivismus erstmals ernstgenommen wurde. Die Petition war die Schnittstelle, wo sich das Wortgetöse auf Twitter in messbare Wirkung verwandelte.

Ein solches Mobilisierungsymbol ist notwendig. Denn die sozialen Medien sind ein Dampfplauderbad: wer drin ist, spürt die Hitze. Wer nicht drin ist, spürt auch keine Wirkung. Und eine noch so eindrückliche Beschreibung von 90° Celsius ist viel entspannter auszuhalten als 90° Celsius. Eine Epetition auf den Servern des Bundestags aber macht die Empörung messbar und verleiht ihr eine politische Wirkung.

Was uns zur aktuellen Epetition gegen das Leistungsschutzrecht bringt. Bruno Kramm von der Piratenpartei hat sie geschrieben eingereicht. Leider ist sie formuliert, als wolle er beweisen, dass er mit den großen Juristenkindern mitspielen kann. Das war kontraproduktiv, entsprechend haben bis jetzt kaum 10.000 Leute mitgezeichnet. Dabei geht es – Mobilisierung! – um die Breitenwirkung, um die Überzeugung derjenigen, die gegen das Leistungsschutzrecht sind, aber noch nicht wissen, dass sie gegen das Leistungsschutzrecht sind.

Zur Erinnerung: das Leistungsschutzrecht soll Verlagen ermöglichen, für den Gebrauch von kleinsten Textschnipseln Geld zu verlagen. Zum Beispiel von Weltkonzernen wie Google, Rivva oder dem Perlentaucher. Das Gesetz wird von einigen Verlagen vehement gefordert, und zwar aus Verzweiflung, weil mit journalistischen Inhalten im Netz nur schwer Geld zu verdienen ist.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung lässt sich von diesen Verlagen – allen voran dem Axel-Springer-Verlag – zur Einführung eines Leistungsschutzrecht drängen: es steht unmittelbar bevor. Allerdings wird es nicht die Wirkung haben, die Verlage sich erhoffen, nämlich Geld von Google. Stattdessen gibt es jede Menge schädlicher Nebenwirkungen – und die betreffen fast alle.

• Das Leistungsschutzrecht erhöht für Internet-Nutzer die Chance, abgemahnt zu werden. Es schafft nämlich Unklarheit, was für wen unter welchen Umständen lizenzfrei erlaubt ist und was nicht – eine Unklarheit, die langwierig und damit teuer gerichtlich zu klären sein würde.

• Wegen des Leistungsschutzrechts könnte Google aufhören, alle Seiten von Verlagen zu durchsuchen. Wie sollen Nutzer Presseartikel etwa zum Thema Finanzkrise finden – wenn nicht über Google? Es droht die völlige Unauffindbarkeit des deutschen, professionellen Journalismus im Netz.

• Wegen des Leistungsschutzrechts dürfte Google aber auch sämtliche Seiten auslisten, die auch nur im Zweifel lizenzpflichtig sein könnten. Und das kann sehr viele treffen – zur Erinnerung: in Deutschland kann ein Blog bereits als kommerzielle Publikation gelten, wenn es Affiliate-Links von Amazon einbindet.

• Im einem Entwurf des Leistungsschutzrechts ist von “Aggregatoren” die Rede. Es ist juristisch völlig unklar, ob davon auch Facebook und Twitter betroffen sind, die teilweise aggregatorisch funktionieren. Das könnte bedeuten, dass alle Seiten, die irgendwie verlagig riechen, auch dort ausgelistet werden. Mark Zuckerberg wird niemals dafür bezahlen, wenn ein Facebook-Nutzer eine Seite verlinkt und deshalb ein Textschnipsel auf Facebook erscheint.

• Wenn das Leistungsschutzrecht kommt, könnte es – je nach Googles Entscheidung – den Suchkonzern sogar stärken. Denn nur Google könnte sich Lizenzgebühren überhaupt leisten, der monopolhafte Such-Marktanteil von 96% wäre auf ewig zementiert. Und das, wo es mit dem Übernetzkonzern Google eine Vielzahl von drängenden Problemen gibt – auch solche, die politisch dringend geklärt werden müssten: Transparenz, Marktbeherrschung, Abhängigkeit ganzer Branchen von einer handvoll Google-Ingenieure, Privatsphären-Probleme und vieles mehr.

• Es ist völlig ungeklärt, welche Rolle die Brüder von Klaeden beim Leistungsschutzrecht gespielt haben: Eckart von Klaeden ist im Kanzleramt angesiedelt, dort wurde dieses Thema maßgeblich vorangetrieben. Sein Bruder Dietrich von Klaeden ist beim Axel-Springer-Verlag dafür abgestellt, das Leistungsschutzrecht herbeizulobbyieren. Ist da ein anwidernder Fall von brüderlicher Politmauschelei im Gang?

• “Vor einem Wahljahr legt sich niemand mit der Springer-Presse an”, dieser Satz eines hochrangigen Politikers ist in meinem Beisein wörtlich gefallen – und gedacht wird er überall. Zu plastisch ist der genüssliche Wulff-Abschuss der “BILD-Zeitung” in Erinnerung. Wo fängt Erpressung an? Ab welchem Punkt kuschen demokratisch gewählte Volksvertreter vor einer Boulevard-Macht, weil sie Angst vor wahlentscheidender Vergeltung haben? Und wie erbärmlich rechtsstaatsunwürdig wäre das bitte? Steckt denn in den bürgerlichen Parteien kein Funken Law-and-Order-Bewusstsein mehr?

Deshalb: Zeichnet die Petition mit, auch wenn sie getextet ist wie von marsianischen Katasteramtsleuten. Zeichnet sie mit, damit ein Symbol entsteht, damit die wütenden Worte sich in wuchtige Wirkung verwandeln. Ja, auch ihr seid davon betroffen, wenn Euch ein wesentlicher Teil der Informationswirkung des Netzes amputiert wird – weil ihr zum Bürgerkrieg in Syrien keine professionellen Artikel mehr finden könnt auf Google. Sondern nur noch wirre Verschwörungstheorien in seltsamen Foren. Zeichnet die Petition mit, um die Regierung davor zu bewahren, sich dem Druck der Springer-Presse zu beugen. Zeichnet sie mit – nicht, weil Google betroffen ist, sondern obwohl Google betroffen ist. Zeichnet sie zähneknirschend mit, obwohl sie aus einem misslungenen piratigen Alleingang entsprungen ist – aber zeichnet sie mit.

Wir brauchen das Symbol. Und mit “wir” ist hier nicht die Netzgemeinde gemeint – sondern alle, die das Netz nutzen.

Fünf entscheidende Fragen zum Leistungsschutzrecht

Man muss sehr lange suchen, um Gemeinsamkeiten zu finden zwischen dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Linkspartei. Intensive Recherche aber hat zu einer Liste aus drei Punkten geführt:

• Luft atmen
• Wasser trinken (manchmal)
• Ablehnung des Leistungsschutzrechts

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, wenn sich so völlig unterschiedliche Teile der Gesellschaft gegen ein Gesetz stellen. Vor allem, weil BDI und Linkspartei ja nicht die einzigen sind. Der Bitkom, die Grünen, die Junge Union, die SPD, ungefähr alle Internetverbände, die “Netzgemeinde” in Komplettbesetzung, Netzpolitiker in der CSU, der Verband der Automobilindustrie, der DJV Berlin-Brandenburg, die Freischreiber, noch zwei Dutzend andere Verbände sowie naheliegenderweise die in Deutschland tätige Internet-Wirtschaft in toto. Schon rein statistisch erhöht sich dann die Chance, dass das Gesetz falsch ist.

Der Hintergrund für Leute, die soeben aus einem dreijährigen Koma erwacht sind oder sich für politische Scherze der schildbürgerlichen Parteien erst interessieren, wenn es ernst wird (was es gerade wird): das Leistungsschutzrecht ist eine Subvention für Verlage, die so tut, als sei sie keine Subvention für Verlage. Meiner Meinung nach könnte oder müsste man übrigens nachdenken über eine staatliche oder anders organisierte Förderung von professionellem Journalismus.

Aber wer wie ärgerlich viele private Medienunternehmen seit Jahren sowohl die Konstruktion der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten nur durch eine stuhlfarbene Brille betrachtet und sich lange als Prediger einer reinen Marktlehre aufgespielt hat, der ist natürlich in einer so mittelsuperen Position zuzugeben, dass Journalismus sich im Netz ohne Hilfe (derzeit) nur schwer refinanzieren lässt. Das ist noch nicht einmal ausschließlich die Schuld der Verlage.

Denn das Konzept “Schuld” eignet sich nicht, um herauszufinden, warum Journalismus im Netz zwar gut funktioniert, aber schlecht zu bezahlen ist. Lösungen für dieses echte und komplexe Problem müssten dringend diskutiert werden, denn eine Welt ohne professionellen, organisierten Journalismus wäre eine schlechtere.

Aber die Diskussion wird kaum öffentlich geführt, offenbar weil allzuviele Verleger zu glauben scheinen, dass mit dem Leistungsschutzrecht endlich alles gut würde. Es wird aber nicht gut. Weil nicht Digitalkonzerne wie Google oder sonst ein einzelnes Unternehmen hinter dem Problem stehen. Stattdessen handelt es sich um die Folgen der digitalen, vernetzten Technologie und ihrer massenhaften Benutzung.

Und trotzdem wird ein so kauderhaftes, kringsiges Gesetz eingeführt, obwohl eine so breite, gesellschaftliche Front dagegen opponiert. Obwohl ganz offensichtlich vorher eine öffentliche Diskussion notwendig wäre. Das ist mehr als nur merkwürdig, das ist schon verräterisch. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, Fragen zu stellen. Und zwar solche, die aus meiner Sicht die entscheidenden sind – auf die Tatsache bezogen, dass das Gesetz auf dem besten, bzw. schlechtesten Weg ist, zustande zu kommen.

1. Welche Rolle haben die Brüder von Klaeden bei der Entwicklung des Leistungsschutzrechts gespielt?


Es sind ja nicht alle Unionsabgeordneten ahnungslos, was das Netz angeht. Wenn man in den vergangenen anderthalb Jahren gefragt hat, wieso das diffuse, sinnlose Leistungsschutzrecht denn kommen solle – dann folgte in der Regel eine Sekunde des Schweigens. Und dann ein vielsagender Kommentar: das kommt von oben. Von ganz oben. Direkt aus dem Kanzleramt nämlich. Und damit eröffnet sich eine wichtige Frage. Dort, im Kanzleramt, ist der Staatsminister bei der Bundeskanzlerin mit beratender und unterstützender Funktion: Eckart von Klaeden.

Der völlig zufällig der Bruder ist von Dietrich von Klaeden, der beim Axel-Springer-Verlag die Leitung der Regierungsbeziehungen für Deutschland innehat und öffentlich vehement das Leistungsschutzrecht vorantreibt. Brüder. Und der eine Bruder hätte schon durch die enge Beziehung zur Fraktion die Macht, ein Gesetz voranzutreiben, dessen Verwirklichung die berufliche Aufgabe des anderen Bruders wäre. Das war nicht gemeint mit der Brüderlichkeit “mit Herz und Hand”, die in der Nationalhymne besungen wird.

Es wäre natürlich Unsinn, hier von Vetternwirtschaft zu sprechen, die beiden sind ja viel näher verwandt als Vettern. Man muss also fragen: War Eckart von Klaeden bei der Erstellung des Leistungsschutzgesetzes beteiligt? Wenn ja, wie? Und vor allem – warum? Und welche Qualität hatte (und hat) der Informationsaustausch zwischen den beiden Brüdern?

Diese Frage stellt sich sogar noch vor der Frage, welche die bekannte, besondere Verbundenheit zwischen Friede Springer und Angela Merkel betrifft. Es ist ausgesprochen schade, geradezu bizarr, dass viele derjenigen Institutionen, die investigative Recherche zu ihren Stärken zählen, an diesem Punkt ein Eigeninteresse haben, nicht tätig zu werden.

2. Warum lassen sich die Verlage von Axel Springer so sehr in Gefahr bringen?


Axel Springer hat sich in der Öffentlichkeit (mit gelegentlichen Einwürfen burdaerseits) zum Sprachrohr einer ganzen Branche gemacht. Das geht nur, wenn die Branche das irgendwie akzeptiert, ob zähneknirschend oder nicht. Dabei scheinen zumindest einzelne Vertreter des Axel Springer Verlags mit Halbwahrheiten und Schlimmerem zu arbeiten: als Stefan Niggemeier Konzerngeschäftsführer Keese “Lügen fürs Leistungsschutzrecht” vorwarf, “konterte” der mit der labberigstmöglichen Gegenargumentation mit der argumentatorischen Härte einer aufgewärmten Götterspeise.

Axel Springers quasireligiöser Kampf für das verquere Gesetz – man bekommt ja fast den Eindruck, als sei das Leistungsschutzrecht für Springer die neue Wiedervereinigung – ist für viele andere Verlage vor allem aus wirtschaftlichen Gründen schädlich. Es ist sehr, sehr stark umstritten, dass das Leistungsschutzrecht am Ende tatsächlich Geld bringt. Es gibt wesentlich mehr Anzeichen, dass die Einführung den Verlagsangeboten dramatisch schadet.

Der oft zitierte Fall der Copiepresse in Belgien ist nur ein Aspekt – Google listet Verlagsangebote wegen juristischer Unklarheit aus, der Traffic bricht ein und damit auch die Werbeumsätze, Millionen Euro Googleoptimierung waren für die Tonne. Ein anderer, ebenso wichtiger Apsekt ist: Ist es nicht unglaublich leichtsinnig, wenn die nächsten drei Jahre damit verplempert werden, die Zukunftshoffnung verbissen auf ein Leistungsschutzrecht zu konzentieren, das beinahe völlig sicher nicht funktionieren wird? Sollen dann nochmal drei Jahre Geschwisterlobbyismus investiert werden, um Google zu zwingen, die Verlagsangebote zu listen UND zu bezahlen?

3. Wie sollen überhaupt noch die echten Probleme mit Google angegangen werden?


Ein ebenfalls selten beleuchteter Aspekt: der digitale Weltkonzern Google ist in vielen, vielen Punkten ausgesprochen kritikwürdig. Allein schon 96% Marktanteil am Suchmarkt in Deutschland – eine solche unfassbare, gesellschaftsprägende Monopolstellung wäre selbst dann fatal, wenn Google ein nonkommerzielle Kuschelgruppierung mit Blumen im Haar wäre.

Und dann die realitätsferne Argumentation (von Googleanwälten in den USA), dass die Reihenfolge der Suchergebnisse Meinungsfreiheit seien. Das Echo dieser Haltung findet sich in der offensichtlichen Nutzung der Suche zur Vermarktung eigener Produkte wie Google Plus, dessen versprochene pseudonyme Nutzung übrigens noch immer nicht angemessen angeboten wird. Es gibt also viele Bereiche, in denen Google angegangen werden sollte, nein: muss, und wo Kritik und im Zweifel auch gesetzliche Aktion gefragt ist.

Und dann investieren Verlage unglaublich viel Energie, politischen Druck in einem Bereich, der Google am Ende stärker, alternativloser machen wird. Denn genau das wird passieren: würde dieses Gesetz eingeführt, wäre nach wenigen Monaten überdeutlich, wer hier am längsten Hebel der digitalen Welt sitzt. (Mittel- und langfristig führt aus diesem und mehreren anderen Debakeln übrigens nur der Weg, dass digitale Quasimonopole wie Google, Facebook, in manchen Bereichen Apple, durch anständig funktionierende Marktalternativen ergänzt werden.)

4. Welche Rolle spielt der Fall Christian Wulff?


Hä? Wulff? Ja. Wulff hat zweifellos unglaublich viel falsch gemacht. Ob er sich auch strafbar gemacht hat, wird von der Staatsanwaltschaft geklärt oder auch nicht – aber glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfehlungen von Christian Wulff ohne Beispiel sind in der Politik? Dass alle anderen kein auch nur graues Stäubchen auf ihren chlorbleicheweißen Westen haben? Natürlich nicht. Politik ist voller Graubereiche, vielleicht lässt sich das kaum vermeiden.

Die BILD-Zeitung hat gezeigt, dass sie selbst einen Bundespräsidenten aus dem Amt kegeln kann – und jetzt ist die Furcht groß, sehr groß, bei all denen, die Angriffspunkte bieten. Dafür muss ein Politiker sich nicht einmal so grobe Verfehlungen leisten wie Wulff, ein Blick auf das BILDblog ist genug, um festzustellen, dass an Springers Boulevard-Front Willkür Trumpf ist. Selbst ohne ein konkretes, drohendes Wort reicht das aus, um eine sehr unangenehme Form von politischem Druck zu erzeugen: Angst.

5. Ist die Bundesregierung erpressbar?


Das ist die schlimmste Frage, aber sie muss gestellt werden. Lobbyismus ist eine wichtige Art von Beteiligung an der Demokratie, was die diffuse, aber schlagkräftige Netzgemeinde tut, ist zum Beispiel auch Lobbyismus. Aber obwohl die Grenze zwischen legitimem politischem Druck und Erpressung fließend ist, wäre die Überschreitung fatal. Bundestagswahlen stehen an, was die politische Abhängigkeit von der Berichterstattung von Verlagen noch stärker erhöht.

Nutzt hier die Vierte Gewalt in Form des Axel-Springer-Verlags ihr Drohpotenzial, ihre Kontakte und die frisch erlegte Trophäe eines Bundespräsidentenkopfes, um ein unsinniges, sogar für die Verlage selbst gefährliches Gesetz herbeizupressen?

Und wenn das so wäre: Wo sind die Koalitionspolitiker, wo sind die Verleger, die dagegen aufbegehren? Ist da nur Kadavergehorsam, weil das Kanzleramt es so will, aus Angst? Ist da nur Branchenzusammenhalt, weil der selbsternannte, aber schmuddelige Klassensprecher so fest an seine eigene Rettungsidee glaubt, dass sie ja wohl funktionieren MUSS?

Hier ist die schlechteste aller Nachrichten für diese Leute: Euer Kampf ist umsonst, und dabei noch nicht mal kostenlos. Das Leistungsschutzrecht löst nicht die Probleme der Verlage. Das Leistungsschutzrecht ist eine teure Baugenehmigung für ein Mondgrundstück.

saschalobo.com/hier/

http://de.wikipedia.org/wiki/Eckart_von_Klaeden

http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2012/03/lobbyisten-erfolgreich-leistungsschutzrecht-soll-kommen/

 

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03.10.2012 Ein Tag wie jeder andere? Nein

GFDK - Heinz Sauren

Ein Tag wie jeder andere? Nein, ein Feiertag. Politisch verordnet und zur Beweihräucherung der noch lebenden „Helden“ der Einheit zelebriert. In all dem Glanz der Selbstdarstellung, der Protagonisten von einst, scheint es Kritik an der Wiedervereinigung nicht zu geben. Die wenigen die ihre kritischen Stimmen erheben sind unerwünscht. Kritik vor dem Hintergrund dieser völkischen Großtat wird von den gesellschaftlichen Antreibern der Jubelfraktion, als blasphemische Verunglimpfung der Volksseele empfunden.

Zwei Jahrzehnte konnten sich Politiker in dem Schein dieses geschichtsträchtigen Ereignisses sonnen, doch 21 Jahre danach, ist der Blick bei vielen Bürgern nicht mehr emotional verklärt und die Sicht wird frei, auf eine etwas andere Einheit, als die der Gedenk- und Festtagsreden.

Unbestritten gab es viele Menschen in diesem Land, die von der Deutschen Wiedervereinigung profitierten und das Leben vieler, wie sie es heute führen, wäre ohne die Einheit nicht denkbar. Ohne Zweifel hat die Einheit ein Regime stalinistischer Betonköpfe, deren verbohrte Ideologie, gepaart mit einem Polizeistaat in deutschester Gründlichkeit, hinweg gefegt und viele von ihrer Unterdrückung befreit.

Zwei Dekaden danach, darf aber auch festgestellt werden, dass jene denen die Einheit im Grunde geschuldet ist, nicht jene waren, die sie wollten. Die berühmten Montagsdemonstrationen zu denen ein Volk seine Stimme erhob, die kurzfristig die Anarchie in der DDR brachten und die all ihre Teilnehmer nach geltendem Recht zu Terroristen machten, waren das eigentliche Wunder, die wirkliche geschichtliche Großtat. Der Ruf der Zeit war: „Wir sind das Volk.“

Das Volk der DDR erhob sich gegen sein Regime, das es ersetzen wollte, aber es forderte nicht die Einheit. Der Gedanke der Einheit wurde in Bonn geboren. Herr Kohl als gelernter Historiker, sah eine Hintertür aus seiner verkorksten Kanzlerschaft und tauschte die absehbar kommende Bundestags Wahlniederlage gegen einen Eintrag ins Geschichtsbuch. Als die Mauer fiel stürmten die Menschen, ein Menschen verachtendes Bauwerk welches sie einsperrte, als Beweis ihrer gewünschten Freiheit und man musste die Geschichtsbücher schon selber schreiben, um darin später darin lesen zu können, dass dies ein völkerrechtlichen Wiedervereinigungswille war.

Der Wille zur Einheit kam auf, als die Bundesregierung jeden DDR Bürger mit Begrüßungsgeld lockte und die DM für alle versprach. Dies mündete in einem zur Einheit angepriesenen, völlig unrealistischen Umtauschkurse von Ost – zur West Mark. Die DM war der Antrieb zur Einheit. Die DDR wurde mit einem Blanko – Scheck gekauft. Völkerrechtlich lassen sich die Ereignisse von damals nicht als Wiedervereinigung beschreiben, sondern waren die bedingungslose Kapitulation der DDR, vor der Wirtschaftsmacht der BRD.

Es folgte auch kein Zusammenschluss zweier Staaten, wie das Wort Wiedervereinigung vermuten lässt und die eine verfassungsrechtliche Grundlage zu einem vereinten Deutschland hätte bilden können, sondern die Selbstauflösung der DDR mit anschließender völliger Assimilation durch die BRD. Der zwingende Auftrag in unserem Grundgesetz, uns im Falle einer Wiedervereinigung eine neue Verfassung zu geben, wurde seitens der Bundesregierung ignoriert und das deutsche Volk somit um eine frei bestimmte Verfassung betrogen.

Weder das Völkerrecht noch der Wille eines Volkes führten zur Wiedervereinigung, so ist sie es auch heute, 21 Jahre und viele Billionen Euro Hilfszahlungen später das Geld, dass die Gewinner und Verlierer der Einheit bestimmt. Viele erinnern sich noch an die große Einheitslüge, des ebenso großen Einheitskanzlers, dass die Einheit niemanden auch nur einen Pfennig kosten und in wenigen Jahren zu blühenden Landschaften führen werde.

Die Einheit war der Grund für den ersten großen Sozialabbau in diesem Land. Sie kostete Billionen Euro, eine Summe die sich weiterhin erhöht, da voraussichtlich noch bis 2019 Monat für Monat Milliarden in die neuen Bundesländer transferiert werden. Sie war auch der Grund für die Zwangseinführung des Euro. Ohne das Versprechen seiner Einführung, hätten Großbritannien und Frankreich, ihre damals als Siegermächte notwendige Zustimmung verweigert.

Eine Folge der Einheit ist auch noch heute, das verarmte westdeutsche Kommunen Kredite aufnehmen müssen, dessen Zinsen sie nicht zahlen können um schuldenfreien und wohlhabenden ostdeutschen Kommunen, das Geld zu überweisen. Ergebnis der Einheit ist auch, das ostdeutsche Kleingemeinden über Infrastrukturen verfügen, die manche westdeutsche Großstadt bräuchte, aber nicht hat, da sie aufgrund des Geldmangels zusammen gebrochen ist.

Politiker kritisieren gerne die immer noch in den Köpfen der Menschen vorhandene Teilung, in Ost und West. Ein Umstand der gerade durch die Politik aufrecht erhalten wird, da in den neuen Bundesländern auch heute noch nicht und das per Gesetz genehmigt, gleiche Löhne oder gleiche Renten, wie in den Westlichen Bundesländern gezahlt werden. Die Neuen Bundesländer sind heute das Armenhaus der Republik und werden von den westlichen Bundesländern alimentiert.

Die Dämagogisierung alles „sozalistischen“ durch unsere Bundesregierung zur und nach der Einheit, ist eine von der politischer Seite gewünschte Erblast der Wende, die heute und auch wohl in absehbaren Zukunft verhindert, das politische „linke“ Gedanken und Parteien Einfluss in diesem Land gewinnen, obwohl dieses unter den Aspekten der heutigen Zeit mehr als notwendig wäre.

Die Politik manifestierte ein Feindbild anstatt sich mit ihm inhaltlich auseinander zu setzen. Dieses Land hatte die Chance neutral zu werden und mit Schweden und der Schweiz eine neutrale Achse in Europa zu bilden, die sicher um vieles Friedenserhaltender gewesen wäre, als das Bekenntnis zu einem Bündnis. Auch diese vergebene Chance, ist kein Ruhmesblatt im Blick auf die Einheit.

Die Einheit begann in einem bewundernswerten Aufstand der Bürger der DDR und wurde von westdeutschen Politikern zum Zwecke der Mehrung von Macht und Ruhm instrumentalisiert, auf Kosten eines ganzen Volkes und insbesondere derer, die sie einst ermöglichten. Die Wiedervereinigung war nicht der Wille des deutschen Volkes, wurde es aber durch Täuschung, List und Lüge. Die Einheit war kein Ruhmesblatt und wird es auch wohl nicht werden, solange sie Teil einer Selbstbeweihräucherung, der Vita machtpolitischer Größen ist.

Der Tag der Deutschen Einheit ist ein Feiertag, aber er ist kein Tag zum Feiern. Er sollte ein Tag des Gedenkens an die vielen Chancen sein, die unsere Wiedervereinigung mit sich brachte und die in bemerkenswerter politischer Kurzsichtigkeit ungenutzt verstrichen.

Ich verbleibe in diesem Sinne

Heinz Sauren

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

Kontakt zu mir

E-mail: HeinzSauren@gmail.com

 

Frigga Tiletschke"Die Einheit war der Grund für den ersten großen Sozialabbau in diesem Land." - Stimmt, aber der 2. noch viel härtere Sozialabbau kommt erst noch, wenn durch das Beharren auf dem nicht währungsflexiblen Euro in so divergierenden Volkswirtschaften eine wirtschaftliche Einigung und schließlich eine politische Einigung erzwungen werden sollte. Auch hier sind kritische Stimmen unerwünscht, obwohl sich jeder die Zahlen per Mausklick googeln kann. In einem Staat funktionieren die Sozialsysteme nun mal nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren. Das galt für die Eingemeindung der DDR und den Aufkauf der DDR-Konkursmasse genauso wie es zukünftig für die Schaffung eines europäischen Zentralstaates - und sei er noch so förderalistisch organisiert - gelten wird. Der West-Ost-Transfer wird dann um den einen offenen - statt wie heute den versteckten - Nord-Süd-Transfer "bereichert". Irgendwie komisch, der "Titanic" beim langsamen Sinken zuzuschauen. Die Ossis haben da ja schon mehr Erfahrung als der Westen. Bisher war so was für uns ja nur Geschichte, die Tragik grauer Vorzeiten oder die gerechte Strafe für "Unrechtsstaaten".

 

Axel W. BauerNach meiner Rechnung sind es 22 Jahre und nicht 21 Jahre seit dem 3. Oktober 1990. Vieles ist damals nicht optimal gelaufen, vor allem der rüde Umgang mit den ehemaligen DDR-Biografien entsetzt mich noch heute. Es wurde Sieger und Besiegte gespielt. Wie genau aus dem Ruf "Wir sind das Volk" rasch der Ruf "Wir sind ein Volk" wurde, angeblich mithilfe der Jungen Union (?) , wie also aus einem Ruf nach mehr Demokratie in der DDR der Ruf nach einem einheitlichen Nationalstaat wurde, ist historisch wohl noch nicht ganz aufgeklärt.

Ich glaube aber nicht, dass 1990 wirklich eine Chance gegeben war, eine demokratische DDR in politischer Konkurrenz zur BRD aufzubauen. Die meisten Menschen wollten zunächst einmal am westlichen Wohlstand teilhaben und die D-Mark bekommen. Das mag kurzsichtig gewesen sein, aber zu verhindern war es nicht. Helmut Kohl hat das realistischer gesehen als ich es damals mit 35 Jahren und West-Biografie eingeschätzt habe.

Der Umstand, dass unser Grundgesetz heute sogar von den meisten Mitgliedern der LINKEN geschätzt und geachtet wird, belegt für mich, dass eine neue Verfassung damals nicht gut gewesen wäre. Schließlich war die DDR nun einmal ökonomisch und in der Folge auch politisch am Ende, nicht jedoch die Bundesrepublik Deutschland.

 

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