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Reden ist silber...Schreiben ist gold

13.04.2013 ein Stück über zerplatzte Illusionen und Langeweile

GFDK - Liane Bednarz

Enge. Engstirnigkeit. Erstarrung. Das sind die ersten, das sind die bleibenden Eindrücke der neuen, humorvollen Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja“ an den Münchner Kammerspielen. Man erlebt eine tunnelhafte Visualisierung des bedrückenden Klassikers um nicht gelebte Träume, lethargisches Selbstmitleid und unendliche Langeweile. Die dunkle Bühne (Muriel Gerstner) ist abgetrennt, die Zuschauer blicken auf eine schwarze Wand, aus der mittig ein schmaler rechteckiger Kasten herausgeschnitten ist.

Gerade hoch genug, um darin zu stehen. Gerade breit genug, um alle Schauspieler gleichzeitig auftreten zu lassen. Ein Schaufenster. Nicht mehr. Bis auf die später zum Einsatz kommende Pistole gibt es keine Requisiten. Davor, unter dem Guckkasten ein schmaler Bühnenrand. Düster-Purismus par excellence.

Die minimalistische Inszenierung trägt Karin Henkels Handschrift, wurde aufgrund einer Erkrankung der Regisseurin aber von Intendant Johan Simons würdig zu Ende geführt. Sie nimmt die Bewegungslosigkeit ins Visier, die das Leben von Tschechows Figuren kennzeichnet. Und verdeutlicht durch die räumliche Nähe, wie sehr sich die einzelnen Charaktere wechselseitig auf die Nerven gehen. Man entkommt einander nicht. Dazu muss man schon abreisen von dem Landgut, auf dem das Stück spielt. Und das alles erzählt Tschechows 1899 uraufgeführtes Drama mit einer Ironie, die in München bis in die klitzekleinste Ecke ausgeleuchtet wird.

„Onkel Wanja“ – ein Stück über zerplatzte Illusionen und Langeweile

„Onkel Wanja“ handelt von Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Wanja), der seit Jahren das Gut seiner verstorbenen Schwester bewirtschaftet, um damit vor allem den Lebensunterhalt ihres Witwers, des Professors Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow zu finanzieren. Unterstützung erfährt er dabei von seiner Nichte Sofja Alexandrowna, genannt Sonja, der Tochter des Professors aus der Ehe mit Wanjas Schwester.

All die Jahre über haben Wanja, Sonja und vor allem Wanjas Mutter Marija Wassiljewna Wojnizkaja den Professor glühend verehrt, nächtelang seine Werke übersetzt. Nun ist der inzwischen gebrechlich gewordene Hochschullehrer in den Ruhestand eingetreten und – da das Leben in der Stadt zu teuer wurde - zusammen mit seiner zweiten und 40 Jahre jüngeren Frau Jelena Andrejewna zu Wanja und den anderen auf das Landgut gezogen.

Einmal dort angekommen, bricht die ganze Illusion um den vermeintlichen Weltruhm des Professors in sich zusammen, löst sich wie eine Fata Morgana auf. Wanja erkennt, dass Serebrjakow in Wahrheit ein wissenschaftliches Nichts geblieben ist und fühlt sich um sein eigenes Leben betrogen. Er resigniert, verfällt in völlige Lethargie. Als der Professor schließlich ankündigt, das Gut verkaufen zu wollen, kommt es zum Showdown. Wanja versucht ihn zu erschießen, was jedoch wie alles andere in seinem Leben misslingt.

Wanja, der kleine dicke Jammerlappen

Wanja und der Professor. Der Professor und Wanja. Rein optisch könnten beide kaum unterschiedlicher sein. Wanja (Benny Claessens) - wie alle Gutsbewohner in unscheinbaren beige-grau-olivgrünen Tönen gekleidet - ist ein kleiner schäbig aussehender Kerl, der seinen dicklichen Körper in einen viel zu engen scheußlichen Herrenpullover mit Rautenmuster gestopft hat.

Der typische Außenseiter, den wohl nie eine Frau attraktiv fand und der nun, da er urplötzlich die Mittelmäßigkeit des jahrelang bewunderten Serebrjakows erkannt hat, jammert und jammert und ja: jammert. Voller Wut und Trotz sitzt er meistens am Rande des Schaukastens – stehen ist offenbar schon zu anstrengend -, lässt die Beine lustlos hängen und sondert boshafte Monologe über das „Gicht-Gerippe“ ab, den Professor, den keiner kennt und der, wie er nicht müde wird zu behaupten, sein Leben verpfuscht hat.

Benny Claessens spielt es großartig, dieses selbstmitleidige, verbitterte und mit finsterer Miene näselnde 47jährige Pummelchen, das ernsthaft glaubt, aus ihm hätte ein Schopenhauer oder Dostojewski werden können. Und so ist er nun widerborstig wie ein kleiner Junge, dem man sein Spielzeug weggenommen hat. Die monotonen Klageverse Wanjas intoniert Claessens gekonnt mit jener Messerspitze Übertreibung, die immer wieder zu Lachern im Zuschauerraum führt. Und entlarvt seine Figur gerade dadurch als egozentrische, lächerliche Nervensäge.

„Alexandre“ und der vermeintliche Ruhm

Die größte Bewunderin des Professors hingegen ist und bleibt Wanjas Mutter, an der sich zeigt, wie durchdacht diese Inszenierung mit ihren vielen ironischen Elementen ist. Denn Tschechow durchschaut diese Gestalten, die niemals echte Not erleiden mussten, in all ihrer selbstgeschaffenen Lethargie, all ihrem Hang zur Theatralik und Übertreibung. Zu letzterer, nämlich zur unerschütterlichen Bewunderung, nein zum absoluten Anhimmeln des Professors neigt auch Wanjas Mutter Marjia, die hier von Hans Kremer im hochgeschlossenen schwarzen Taft und mit grauem Dutt imposant verkörpert wird.

Sie ignoriert ihren Sohn Wanja, zupft ihm bestenfalls noch den Pulli zurecht. Aber schimpft mit ihm, sobald er ihren „Alexandre“ diskreditiert oder diesem auch nur widerspricht. Die Art und Weise, wie Kremer als Marija den Professor bei gleichzeitiger Verachtung des eigenen Sohns fast weihevoll „Alexandre“ nennt – bei Tschechow heißt er Alexander – ist wunderbar überzeichnet und gerade deshalb für dieses Stück, in dem alle irgendwie aneinander vorbeileben, so passend.

Und der Bewunderte? Ist tatsächlich ziemlich medioker. Elegant gekleidet zwar, das gewiss, im hellblauen Tuch. Mit Krawatte und Einstecktuch sichtbar aus der Stadt kommend, bestrebt, qua Wortwahl unbedingt den Anschein eines akademischen Genies aufrechtzuerhalten. Zugleich aber vollkommen hypochondrisch, larmoyant und über alle Maßen leidend an seiner Gicht oder seinem Rheuma, genau weiß man es nicht. Und natürlich, wie er ständig betont, am Alter. Stephan Bissmeyers spielerische Leistung ist glänzend, er zeigt die Selbstzentriertheit, die das Alter so oft mit sich bringt, das ewige Kreisen um die eigene Gebrechlichkeit und das Zutexten der Umgebung mit den eigenen Krankheiten.

Das Glamourgirl und der Greis

Darunter leidet vor allem die schöne Jelena (Wiebke Puls), seine gerade einmal 27jährige Frau. Sofern diese überhaupt leiden kann. Denn die Jelena, welche die Regie hier zeichnet, ist eiskalt und voller Verachtung für alle anderen. Wie ein Reptil gleitet sie immer wieder mit ihren Händen und pink lackierten Nägeln an der Rückwand des Schaukastens entlang. Optisch eine schillernde Hollywood-Diva der 40er/50er Jahre, mit roten Wasserwelle à la Rita Hayworth und imposanter pinkfarbener Tüll-Robe mit silbrig-funkelnden Strasssteinchen, ist sie charakterlich indes ein recht simples Wesen, das den Professor des vermeintlichen Ruhms wegen, also zwecks Flucht aus der eigenen Mittelmäßigkeit geheiratet hat.

Jelena verwechselte Bewunderung mit Liebe, wie sie selbst zugibt. Nichts ist es nun mit dem erträumten „life of leisure“ als Frau an der Seite eines berühmten Mannes. Aus Goldmarie wurde Pechmarie, und aus dem erträumtem Edel-Ehemann ein unglamouröser Frühvergreister. Diese Akzentuierung von Henkel und Simons trifft ins Heute. Ja doch, auch im 21. Jahrhundert wird noch hochgeheiratet – Feminismus hin, Emanzipation her.

Sonja – Fixstern und Kontrapunkt

Aber es gibt Hoffnung in all der Egozentrik, in diesem Sumpf einer fast schon refrainartig beschworenen Langeweile. Sie heißt Sonja. Gespielt von Anna Drexler, einer erst kurz vor der Premiere eingesprungenen Absolventin der Otto-Falckenberg-Schule. In Tschechows Originaltext ist Sonja ein hässliches Mädchen. Und genau ein solches ist auch im Schaukasten an der Maximilianstraße zu sehen: graues sackartiges Kleid, unförmige schwarze Stiefel, kein Make-Up, fettiges mittelblondes Haar.

Aber oh ha: Drexlers Sonja wird zum Fixpunkt der Inszenierung. Mit witzigen, das Elend stets durchschauenden, aber nie daran verzweifelnden Kommentaren, ist sie der Kontrapunkt zur Tristesse um sie herum. Sie lacht sogar über ihre eigene Hässlichkeit, fest entschlossen, nicht unterzugehen und der Langeweile die Stirn zu bieten. Und das, obwohl sie weiß, dass gerade ihre Hässlichkeit der Grund dafür ist, dass das Objekt ihrer Begierde, Doktor Astrow (Maximilian Simonischek), sie niemals lieben wird.

Drexler schafft es meisterhaft, Sonja zwischen verblüffender Lebensklugheit und kindlichen Zügen hin- und her schwingen zu lassen. Sobald sie Astrow anblickt, ist sie ganz verliebter Teenie, der sogar dann selig lächelt, wenn Astrow ihr achtlos in bester Kumpelmanier über den Kopf streicht und das Haar zerzaust.

Pollyester am E-Bass – so klingt russische Melancholie

Doktor Astrow selbst ist die einzige Schwachstelle an diesem Abend. Eindimensional gezeichnet. Schmierig. Ein heruntergekommener Säufer. Die bei Tschechow angelegte intellektuelle Brillanz und Liebe zur Natur gehen hier leider etwas unter. Auch sein Flirt mit Jelena wirkt nicht recht überzeugend. Ein gut gesetztes Highlight gelingt der Regie hingegen in Gestalt von Polina Lapkovskaja (genannt „Pollyester“), die als Marina über weite Strecken der Inszenierung hinweg im schwarzen Paillettenkleidchen und mit schneewitchenartigem Gesicht und Haar am rechten Bühnenrand steht. Dort zupft sie ihren E-Bass und singt wunderschöne melancholische russische Weisen.

Die optische Begleitkulisse steuert der Fluxus-Künster Robert Filou bei. Die ganze Zeit über laufen Spruchbänder wie „What are you afraid of?“, „Why did you get up this morning?“ oder “Why not work?” wie der Newsfeed eines TV-Nachrichtensenders von rechts nach links horizontal über dem Schaukasten entlang. Diese sollen wohl eine Brücke ins Leben der Zuschauer bauen, wirken bisweilen jedoch etwas gewollt. Aber auch das kann diesen großartigen Abend nicht schmälern.

Mit dieser Inszenierung haben Henkel und Simons den ironischen Röntgenblick des studierten Mediziners Tschechow aufgenommen und die verkorksten Charaktere auf dem Landgut messerscharf seziert. Selten wurde Selbstmitleid so treffend der Lächerlichkeit preisgegeben. Frenetischer Applaus des Premierenpublikums.

 

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert und arbeitet als Rechtsanwältin im Bereich "Mergers & Acquisitions". Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

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07.04.2013 NORD KOREAs Säbelrasseln

GFDK - Georg Wilhelm von Fürstenberg

Nord Koreas Diktator Kim Jong-uns, das Säbelrasseln und die berechtigte Frage ob da ein wahnsinniger Politiker agiert.

Auf Grund einer Facebook Diskussion, werde ich nochmal versuchen meine rein persönliche Meinung zur aktuellen Lage zusammen zufassen.

Bei dem „großen“ Diktator Kim deutet für mich nichts auf Wahnsinn hin. Eher ist klar, das er durchaus weis, was in der Welt passiert und sich dessen, was er tut sehr bewusst ist. Er wurde in Schweizer Internaten grundsätzlich geschult und ausgebildet. Sein Kontakt zu westlichen Schülern war sicher gut genug, um sich ein grobes Bild über die Welt zu machen.

Seinen Universitätsabschluss kann man nicht bewerten, allerdings hat er fünf Jahre studiert und das koreanische Bildungssystem hat nachweislich eine gute Qualität. Es wird Kim nachgesagt, ein guter Militärstratege zu sein. Also dürfte ihm im völlig klar sein, das seine Truppen wohl in der Lage wäre Süd Korea zu überrennen (Nord Korea hält immer hin ca 1mio Mann unter Waffen), nicht aber dessen Verbündete. Seine wenigen Atomwaffen taugen nur zur Abschreckung.

Vielmehr war zu beobachten, das Kim nach Amtsantritt einen moderateren innenpolitischen Kurs einschlug. Eine vorsichtige marktwirtschaftliche Öffnung und die Abwendung von marxistisch-leninistischen Dogmen. Im westlichen Staaten wohl dieser Fakt zwar willentlich ignoriert, aber im inneren Nord Koreas ist das fast revolutionär. Was beweist, das Kim sicher nicht das System umkrempeln wollte, aber doch allgemeine Notwendigkeiten der Modernisierungen erkannt hat.

Bis Ende 2012 war dieser Kurs auch klar erkennbar. Provokationen nach außen waren eher eine Ausnahme und als innenpolitische Inszenierung zu betrachten. Ein Kurswechsel der im Moment in gute, alte kalte Kriegsrethorik ausartet, ist erst seit Januar 2013 zu beobachten.

Dafür gibt es mindestens zwei Gründe und diese sind einfach zu erklären. Der erste Grund ist natürlich die Südkoreanisch – amerikanischen Truppenmanöver vor der Haustür. Ein Macht bewusster Führungskader, der sich als letztes Bollwerk gegen die imperialistischen Gefahr darstellt, muss wohl so handeln. Kim muss seinem Volk zeigen, das sie Alle den richtigen Weg gehen.


Der innenpolitisch jedoch wichtigste Grund sollte sein, das lt. Geheimdienst Quellen im Frühjahr ein Attentat auf Kim verübt wurde. Vermutlich aus den eigenen Reihen heraus. Was darauf schließen lässt, das sein zaghafter Versuch, eines moderater innenpolitischer Kurs, bei Hardlinern innerhalb des Militärs und der Koreanischen Arbeiter Partei nicht unbedingt nur Freunde fand.

In diesen Kontext ist das augenblickliche Gebaren Kims recht gut nachvollziehbar. Einerseits dem eigenen Volk zeigen, das man in der Lage ist außenpolitisch Stärke zu zeigen und sich notfalls verteidigen zu können, andererseits innenpolitisch Führungsstärke zu demonstrieren und die eigenen Reihen zu schließen. Vermutlich auch mit dem Ziel eigene Kritiker unauffällig auszuschalten. Er ist letztendlich ein Diktator.

Daran lässt sich wohl kaum Wahnsinn zu erkennen, sondern eher bestmögliche innenpolitische Strategie zum Machterhalt. Was Kim wiederum, als einen klugen, kaltblütigen Strategen zeigt.

Die Spekulation, das dieser Mann tatsächlich Atomraketen auf Süd Korea oder US amerikanische Stützpunkte abschießen würde und sich somit praktisch selbst aus der Geschichte tilgt, ist schon eher dumm.
Warum sollte Kim einen Anlass geben, Nord Korea anzugreifen? Was ohne Zweifel das Ende des „großen“ Diktators wäre. Er zündelt bewusst mit brutalst möglicher kalter Kriegsrethorik, hat ab die Lunte nicht angezündet. Kim beweist sich als geschickter innenpolitischer Populist. Sein Erscheinungsbild nach außen, dürfte ihm vermutlich relativ egal sein. Da er außenpolitisch praktisch isoliert ist.


Laut Geheimdienst Quellen, hat er zwei Atomwaffen fähige Mittelstreckenraketen an die Küste verlegt, die strategische Ziele in Süd Korea erreichen können und US Militärstützpunkte. Doch es wurde von keiner Mobilisierung berichtet. Was ein Indiz für praktische Kriegsvorbereitungen wäre, aber auch noch kein handfester Beweis, für eine Kriegsvorbereitung. Das würde bestenfalls beweisen, das der Verteidigungszustand hergestellt ist.

Natürlich ist eine solche politische Lage kritisch zu betrachtet, da von außen nicht zu 100% beurteilt werden kann, ob sich die Lage nicht zuspitzt. Aber ich sehe im Moment nur gezielte Panikmache. Die westliche Politik legitimieren soll und auch hervorragend geeignet ist, von wirklichen Problemen in der westlichen Welt abzulenken.

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03.04.2013 Dummheit ist der Schlüssel zu Horváths Stück

GFDK - Dr. Liane Bednarz

Die Türen schließen sich, das Licht erlischt. Doch plötzlich dimmt das Licht im Zuschauerraum langsam wieder hoch. Leise erklingen dazu die ersten Takte von Johann Strauß‘ Walzer „An der schönen blauen Donau“. Die Schauspieler betreten die völlig dunkle Bühne und setzen sich auf ein paar Stühle weit hinten. Und die bilden zusammen mit einem Tisch bereits das komplette Bühnenbild. Die Schauspieler blicken das Publikum frontal an.

Das Licht wird immer heller, immer stärker funkeln die Kristalle des gigantischen Kronleuchters an der Decke. Und im Gleichklang mit diesem Lichtcrescendo wird auch der Walzer immer lauter. Ein schöner irritativer Moment. Wer ist hier Zuschauer, wer beobachtet wen?

„Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit“

Will Michael Thalheimer dem Publikum mit seiner Inszenierung von Horváths Erfolgsdrama einen Spiegel vorhalten? Hier, am Deutschen Theater Berlin, an der Stätte der Uraufführung anno 1931? Die Erwartungen nach diesem überraschenden Auftakt sind jedenfalls effektvoll hochgeschraubt.

Und werden nicht enttäuscht. Dem Leitenden Regisseur des Hauses gelingt es, die Dummheit der einzelnen Figuren Schicht um Schicht freizulegen. Ja, Dummheit ist der Schlüssel zu Horváths Stück, das im kleinbürgerlichen Wien und in der Wachau in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen angesiedelt ist, auch wenn es in Berlin recht zeitlos gezeigt wird. Horváth hat seinem Drama den Satz „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit“ vorangestellt.

Aus Dummheit denkt jeder nur an sich, versucht, das Maximum aus seinem kleinen miesen Leben herauszuholen. Zusammen alleine ist man hier. Die Inszenierung setzt das visuell um: Alle Figuren bleiben stets in Bühnenhintergrund sitzen, treten nicht ab. Man kommt stattdessen für die eigenen Szenen vor an die Rampe. Und geht dann wieder zurück. Vor und zurück. Zurück und vor.

Die Handlung

Die Handlung ist schnell erzählt. Marianne, ein unbedarftes und ungelerntes Mädchen aus der Vorstadt, soll auf Geheiß ihres Vaters, des „Zauberkönigs“, den Fleischhauer Oskar ehelichen. Die völlig unverliebte Marianne trifft indes am Tag ihrer Verlobung den Frauenheld und Strizzi Alfred, sieht in ihm die Erfüllung all ihrer romantisch-naiven Träume, verlässt für ihn den Verlobten, wird schwanger und – natürlich – sitzengelassen. Zuvor musste sie das gemeinsame Baby Leopold auf Befehl Alfreds zu dessen Mutter und Großmutter in die Wachau geben.

Marianne legt schließlich einen sozialen Abstieg zur Revuetänzerin hin. Die Großmutter sieht Alfred durch das Kind um seine Zukunft gebracht und setzt jenes dem Kältetod aus. Schließlich sieht Oskar seine Chance gekommen und holt Marianne zurück, deren Widerstand gegen den ungeliebten Mann inzwischen völlig gebrochen ist.

Horváths Gebrauchsanweisung: „Synthese aus Ernst und Ironie"

Michael Thalheimer dringt tief in die abgründigen „Geschichten“ ein, inszeniert sie in einer Mischung aus äußerst komischen, bisweilen slapstickartigen Elementen und ernsten Szenen. Horváth hätt's gefreut, denn der bat in seiner berühmten „Gebrauchsanweisung“ für seine Stücke um eine "Synthese aus Ernst und Ironie." Mit komödiantischen Elementen betont Thalheimer die Derbheit, die Plumpheit der Figuren.

Fleischhauer Oskar (Peter Moltzen) tritt durchgehend im schwarzen Traueranzug auf und kontrastiert damit plakativ seinen Gehilfen Havlitschek, der in blutüberströmter Fleischerschürze und mit Messer in der Hand stets den wurstfressenden Grobian gibt, der denjenigen verflucht, der seine Würste kritisiert.

Anzug hin, Anzug her, Oskar ist und bleibt unbeholfen und plump. Und sieht dank beeindruckender Unterbauch-Wampe auch so aus. Für besonders viele Lacher sorgt die Szene, in der Oskar vergeblich versucht, Marianne eine Schachtel Pralinen zu überreichen. Die Schachtel hatte er nämlich blöderweise in seiner Anzugtasche untergebracht. Und beim Versuch, jene herauszuziehen, kommt es, wie es kommen muss. Der Schussel hat sich die Hand in der Anzugtasche zusammen mit der Pralinenschachtel eingeklemmt. Oskar zupft und zieht und reißt.

Es hilft zunächst alles nichts. Erst Minuten später sind Hand und Schachtel befreit. Wer gerade Thalheimers „Sommernachtstraum“ am Münchner Residenztheater gesehen hat, ist von so viel Komik nicht überrascht. Die dortigen Szenen der Schauspieltruppe im Wald sind ebenfalls witzig, auch wenn die Inszenierung ansonsten recht brutal ist.

Goodbye plumper Mann, hello Hallodri

Marianne (Katrin Wichmann) erscheint als zarte Elfe im lachsfarbenen Chiffonkleid und mit blondem mädchenhaften Haar. Der Kontrast zu Oskar könnte kaum größer sein. Leider aber fallen solche Mädchen gerne auf die Hallodris rein, auf diese oberflächlich attraktiven Halbstarken. Und als solchen zeigt Thalheimer Alfred (Andreas Döhler). Mit seinem dunklen Haar, seinen Macho-Posen, seinem karierten Anzug, seiner offen frauenverachtenden Art erinnert er an den Ultra-Macho Andreas Baader, jedenfalls an den, den Bernd Eichinger im „Baader-Meinhof-Komplex“ zeigt, oder an die Typen, die der junge Alain Delon einst spielte.

Andreas Döhler arbeitet ihn gut heraus, diesen Aufschneider, diesen Wannabe, dessen Begeisterung für Marianne endet und in eisige Kälte umschlägt, als ihm inmitten der desolaten wirtschaftlichen Lage plötzlich klar wird, was für eine schlechte Partie das mittellose Mädel doch ist. Und so ist eine Äußerung Alfreds zugleich eine der Schlüsselszenen des Stücks: „Ich kann dir nur flüstern, eine rein menschliche Beziehung wird nur dann echt, wenn man etwas voneinander hat.“

Freilegung der Verdorbenheit – Schicht um Schicht

So weit, so tragisch. Aber das ist nur die Oberfläche. Thalheimer dringt viel weiter in die seelischen Schächte der Figuren ein, schält noch die letzten Schicht eines menschlichen Anlitzes ab und legt vor allem bei Oskar eine verdorbene Seele frei, die nur einen Antrieb kennt: das eigene Ich. Oskar ist nicht bloß der arme Verlassene, der seine Marianne sehnsüchtig weiter liebt. Schon kurz nach dem Davonlaufen Mariannes spricht er jenen berühmten Satz, wonach Marianne ihm und seiner Liebe nicht „entgehen“ wird.

Bei Thalheimers Oskar wird dieser Satz kurz darauf zur bedrohlichen Gewissheit. Nunmehr beschwört er seine fortwährende Liebe keineswegs mehr in traurigem Moll, sondern mit einer diabolischen Stimmlage, krächzend und laut, wie man sie aus Horrorfilmen kennt, mit schwarzen Balken unter den Augen und starrem, maliziös-gestörtem Blick. Man erschaudert. Man spürt Beklemmung. Ein Dämon zeigt sich. Ein Quasi-Stalker.

Arme Marianne, denkt man sich. Katrin Wichmann spielt sie großartig, diese tragische Vorstadtschönheit, die bei der Flucht aus der ihr vorbestimmten Tristesse an den Falschen gerät, schließlich im Revuetheater landet, aber dabei doch immer etwas Unverdorbenes, ein kleines bisschen Restgrandezza behält. Sogar dann, als alle sie plötzlich im Nachtclub „Maxim“ sehen, mit entblößter Brust, mit einem bonbonfarbenen und sahnebaiserartigen Tütü.

Und sie mit schwacher Stimme und schiefen Tönen „Das Mädchen aus der Wachau“ singen hören. Ganz einsam steht sie dort, in einem nicht enden wollenden Schneefall aus Konfetti, als sich auf einmal die Bühne um sie herum zu drehen beginnt, und die anderen auf ihren Stühlen sitzend um sie herumkreisen. Mit starrem Blick auf die vermeintlich Gefallene, die aber als einzige noch steht. Ein treffendes Bild!

Die Aussöhnung mit dem entsetzten Vater, dem „Zauberkönig“ misslingt. Michael Gerber spielt ihn als gestrengen und ungemein verbitterten, in Selbstmitleid ertriefenden Greis. Die narzisstische Kränkung durch den sozialen Abstieg der Tochter ist unüberwindbar. In all ihrer gefrierschrankkalten Boshaftigkeit stilisiert Thalheimer auch Alfreds Großmutter (Simone von Zglinicki), die den kleinen Leopold – für sie nur ein störender Bastard - eiskalt in den Tod durch Erkältung schickt. Eine kleinbürgerliche Hexe im Blümchenkittelkleid, die noch ihr übelstes Tun und Handeln völlig normal findet.

Valérie – die kanariengelbe Möchtegern-Madame aus der Vorstadt

Schrill und überzeichnet hingegen erscheint die alternde Tabak-Trafikantin Valérie, der Almut Zilcher eine enorme Bühnenpräsenz gibt. Man sieht eine dunkelhaarige Möchtegern-Madame aus der Vorstadt, die mit ihrem kanariengelben Jackett, ihrem grellem Make-Up und ihren übertriebenen Bewegungen Züge einer Comic-Figur hat. Dem Techtelmechtel mit Alfred folgt ein Flirt mit dem deutschen Studenten Erich aus Kassel, einer verklemmten Type mit Nazi-Attitüde (Moritz Grove).

Valerie hat bisweilen Anflüge echter Empathie, kommentiert derb das Handeln der anderen, ist fast immer schrill, fast immer laut, fast immer überdreht. Thalheimer wahrt hier so gerade noch die Balance, bleibt so eben noch im Rahmen der Stilisierung und überschreitet die Grenze zur Parodie, zur Karikatur nicht. Jene nämlich verbat sich Horváth in der eingangs zitierten Gebrauchsanweisung.

Mit jeder Szene wird die Dummheit der Figuren offensichtlicher. Immer wieder untermalt von den Anfangsklängen des stückprägenden Walzers „An der schönen blauen Donau“. Thalheimer visualisiert diese Entwicklung durch einen besonderen Twist. Nach und nach ziehen sich immer mehr Figuren immer öfter Pappquadrate vor ihr Gesicht, die nur kleine Öffnungen für Mund, Augen und Nase lassen. Sichtbar gemachte Entmenschlichung.

Demaskierung durch Masken. Nur Marianne wird nicht zum Pappgesicht. Zunächst jedenfalls nicht. Bis Oskar auch ihr am Ende ein Pappquadrat gibt. Seine Drohung ist also wahr geworden. Sie ist seiner „Liebe“ nicht entgangen. Statt Zärtlichkeiten gibt es Pappe. Die Resignation und die Tristesse sind perfekt. Und so setzt Michael Thalheimer mit seiner glänzenden Inszenierung Maßstäbe.

Dr. Liane Bednarz studierte Rechtswissenschaften in Passau, Genf und Heidelberg. Sie wurde 2005 zum Dr. iur. promoviert und arbeitet als Rechtsanwältin im Bereich "Mergers & Acquisitions". Liane Bednarz war Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

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25.03.2013 Eigeninitiavite ist gefragt

GFDK - Rebekka J. Chapman

Wir sind ein Volk der Empörten und Wütenden, ein Volk der Gelähmten und Gleichgültigen. Doch weder die Empörung, noch die Wut werden "retten" oder verändern, bleibt jeglicher Drang zur Tat lediglich ein solcher, bleibt das Handeln bloß Vorstellung ohne Antrieb. Wer nicht wegschaut, schaut nahezu gelähmt hin, erbost, fassungslos und wütend. Doch nichts davon wird verändern, gehen wir nicht gemeinsam über in die Tat.

Um Aufklärung kann sich der Empörte unter seinen Mitmenschen noch so sehr bemühen, um Ermunterung und Antriebskraft. Kommt sie nicht von den Einzelnen selbst und wird sie nicht mehr als solches, so wird die Aufklärung alleine nichts sein als der Tropfen auf einem Stein. Nur gemeinschaftliches Handeln kann durch Tun Veränderung bewirken. Unsere Politik wird uns nicht erretten, noch wird sie die Zukunft menschen- und lebenswürdiger machen. Wer auf Rettung durch die Regierung hofft, der wird vergeblich darauf warten.

Eigeninitiative ist gefragt ― mehr denn je. Nicht hoffen auf Verantwortung und Handeln durch die Politik, sondern Handeln in Eigenverantwortung. Unsere Untätigkeit zur Einflussnahme und Veränderung sind nichts als gezielt verpflanzte Illusionen seitens der politisch Machthabenden. Ein sich machtlos fühlendes, untätigesVolk kommt ihnen lediglich entgegen.

 

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25.03.2013 Der Tabubruch der Enteignung

GFDK - Heinz Sauren

Ein finanztechnischer Tabubruch ist es auf jeden Fall und ein politischer Dammbruch ist wohl auch. Zwangsenteignung sind ab heute ein legitimes Mittel der europäischer Politik. Die Regierungschefs Europas haben beschlossen dem notleidenden Zypern einen Kredit in Höhe von 10 Milliarden Euro zu gewähren, unter der  Auflage die Privatkonten zu teilenteignen.

6,75 % vom Kontoguthaben bis 100.000,- Euro und darüber hinaus 9,99 %, werden mit sofortiger Wirkung eingefroren um eine Kapitalflucht zu verhindern, um sie dann anschließend auf staatliche Konten zu transferieren.

Finanztechnisch ist hier eine heilige Kuh geschlachtet worden, das Tor ist nun offen. Politisch ist der Beweis erbracht worden, dass jedes Konto, in jedem Land zu jeder Zeit gesperrt und geplündert werden kann, ohne Schuld und ohne Ermittlung, einfach auf Geheiß der Regierung, wenn sie es für nötig erachtet. Auch der Einwand, dass es für so etwas eine gesetzliche Grundlage geben müsse, gilt nicht mehr. Es gab in Zypern keine gesetzliche Grundlage, aber bevor in Zypern der erste Bankschalter öffnet, wird es sie geben. Sie wird mal eben während eines Wochenendes durchgepaukt.

Jeder Bürger in Europa sollte diese Botschaft verstehen, denn morgen kann es sein Konto sein, egal in welchem Land er lebt. Niemand kann sich von heute an, seines Geld auf einem Konto sicher sein.

Dabei war das Ergebnis abzusehen. Die EZB hatte ihren Zinssatz auf null gefahren um Banken die Möglichkeit zu geben, sich billiges Geld zu verschaffen. Das taten die Player im Finanzcasino und investierten das Geld, was sie sich zu null Prozent geliehen hatten, in europäischen Krisenländern um Märchenzinssätze von sieben Prozent zu bekommen. Zyperns Banken ersticken förmlich im Geld internationaler Anleger, können aber die Zinsen ihrer Gläubiger nicht erwirtschaften.

Ein gutes Geschäft für den Anleger, welches zwangsläufig mit der Pleite der Bank endet. Auch diesmal tragen die Investoren und Anleger kein Risiko. Sie können auf ihren Einfluss in der Politik zählen und so werden diesmal die Privatkunden teilenteignet. Es wurde offensichtlich bei der Formulierung sorgsam darauf geachtet, das keine Geschäftskonten betroffen sind. Das aber, wären die Verursacher, die Investoren und Anleger gewesen.

Zur Rettung des Finanzsystems und des Euros, haben wir gesehen wie bestehende Vereinbarungen ignoriert und Gesetze zurecht gebogen oder schlicht gebrochen wurden. Wir haben erlebt das Regierungen ohne demokratische Legitimation abgesetzt und durch eurohörige Technokraten ersetzt wurden. Wir mussten miterleben wie der südliche Teil Europas entrechtet wurde und an Sanktionen verarmte. Nun wurde die Enteignung legitimiert.

Wie viel muss noch zu sehen sein und wie viel muss noch ertragen werden, bevor dieses Volk darauf reagiert. Es ist offensichtlich, dass der Euro und sein gesamtes Finanzsystem nur noch mit Mitteln aufrecht erhalten werden kann, die allesamt noch vor wenigen Jahren strafbar gewesen wären.

Ich empfehle mich in diesem Sinne

Heinz Sauren

Heinz Sauren studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Rechtswissenschaften und Philosophie. Im weiteren bezeichnet er sich als Autodidakt.

Beruf: Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)

Berufung: Buchautor, Kolumnist, Essayist, Aphoristiker und Freigeist

Politische Ausrichtung
Politische Einstellungen sollten keinen Parteien-, sondern einen begründeten Sachbezug haben, daher reicht mein politisches Spektrum von rechtsliberal bis linkskonservativ und in Fällen empfundener Ungerechtigkeit, darf es auch mal etwas Anarchie sein.

Religiöse Einstellung
Die etwaige Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes ist nicht, von persönlichen Präferenzen, gesellschaftlichen Definitionen oder einem Glauben daran, abhängig.

Seine Lieblingszitate

” Die meisten Menschen haben einen Erkenntnisradius gleich null, das nennen sie dann ihren Standpunkt.” Albert Einstein

“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” Theodor Adorno

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25.03.2013 AGENDA 2010 Schall & Rauch

GFDK - Georg Wilhelm von Fürstenberg

Einst beweihräucherten sich ein Wirtschaftskrimineller Peter Hartz und ein Bundeskanzler Gerhart Schröder für ein Machwerk, das sie aus ihrer weltfremden Fernsicht auf Volk, der Realität in der Gesellschaft und wirtschaftliche Trends, als Innovation und gar noch als Revolution bezeichneten.

Unter den Eindruck entfesselter Finanzmärkte wurde die Agenda 2010 durch gepeitscht; um den Wohlfühlraum für das weltweit vagabundierende Kapital auch in Deutschland zu erweitern. Ein kurzsichtiger Blick für die Heilsbringer des Kapitals.

Dabei waren ihre Ideen so neu gar nicht, in dem sogenannten Lambsdorff Papier, wurde der Idee der Agenda 2010 bereits vorgegriffen. Wirtschaftskraft kontra sozialer Faktoren, insbesondere die Schwächung der Vertreter der Arbeiterschaft in der sozialen Marktwirtschaft, die Gewerkschaften waren das vorrangige Ziel. 1982 waren die Ideen des Wirtschaftsministers Otto Graf von Lambsdorff (FDP) praktisch der Vorreiter der Agenda 2010. Nach diesem Papier, war deutsche Politik immer mehr beseelt von dem Wahn der Liberalisierung der Wirtschaft mit Hilfe politischer Steuerung.

Das Lambsdorff Papier, was Helmut Schmidt noch ablehnte und mit den Worten kommentierte: „Dokument der Trennung“, welches als Wegweiser zu anderen Mehrheiten diene: „Sie will in der Tat eine Wende, und zwar eine Abwendung vom demokratischen Sozialstaat im Sinne des Art. 20 unseres Grundgesetzes und eine Hinwendung zur Ellenbogengesellschaft.“


Drei Wochen nach der Vorlage durch Wirtschaftsminister Otto Graf von Lambsdorffs und der Ablehnung des Papiers durch Bundeskanzler Schmidt, wurde Helmut Schmidt durch ein Misstrauensvotum gestürzt. Die Regierung Helmut Kohl übernahm. In Koalition von CDU/CSU und natürlich des „Kanzlermörders“ die FDP.
Nach diesen Papier, war deutsche Politik immer mehr beseelt von dem Wahn der Liberalisierung der Wirtschaft mit Hilfe politischer Steuerung.

Der Neoliberalismus übernahm die Herrschaft. Es folgten 25 Jahre konsequentes zusteuern auf die Demontage des Konzeptes der sozialen Marktwirtschaft. Das die Agenda 2010 nun nicht von einer CDU/CSU/FDP Koalition initialisiert wurde, sondern von einer Rot Grünen SPD Regierung, mag vielleicht überraschen. Doch im Kontext mit der neoliberalen Grundstimmung in der Politik eher leicht verständlich.

Der Preis ist hoch und die Erfolge stehen nur auf dem Papier, in geschönten Statistiken und sich selbst huldigenden Reden vieler Politik Größen. Das einzige, was man für wahr sehen kann, ist die magische Arbeitslosen Marke von drei Millionen. Die ist relativ stabil, bis jetzt noch. Dabei ist zu berücksichtigen, das geschätzte 8 Millionen Menschen in Deutschland, seit der Agenda 2010 in sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen verbleiben, die nicht zum Leben reichen und somit teilweise auch ergänzend mit Hartz VI aufgestockt werden.


Viele dieser prekär Beschäftigten, die nicht in der Statistik als so genannte Aufstocker auftauchen, haben zum teil bis zu drei Jobs, um über die Runden zu kommen. Ein Fakt ist ob Aufstocker oder Einzelkämpfer, die Statistik der Arbeitslosen, ist um diese Bürger bereinigt.

Somit kann man die Zahl von 3 Millionen Arbeitslosen, wohl getrost vergessen. Da es sich hier nicht um Arbeit im alt hergebrachten Sinne handelt, die der Sicherung des Lebensunterhaltes dient.
Die Situation der 1-2 Millionen Leiharbeiter in Deutschland, den beliebt gewordenen Billig Arbeitnehmer zweiter Klasse, ist auch nicht, der einst gelobte deutsche Sozialstandards. Leiharbeiter sind rechtlich und im Bezug auf Vergütung, dem Festangestellten Betriebsangehörigen deutlich schlechter gestellt.


Die ca 5-6 Millionen Hartz IV Empfänger, die mit einen Dach über dem Kopf und Notgroschen für eher ungesunde Ernährung bei der Stange gehalten werden, sind durch drohende Sanktionierungen eingeschüchtert und handlungsunfähig gemacht worden. Diese Hartz IV Empfänger fallen natürlich auch aus der Statistik. Diese Bereinigung der Arbeitsmarktstatistik funktioniert. Der Bürger ist verunsichert und findet sich mit dem neuen Klima in der Bundesrepublik ab.

Man kann bei Betrachtung dieser Zahlen und den Fakten des Umfeldes, wohl ohne zu Übertreibung sagen. Eine ehrlich Arbeitsmarktstatistik in Deutschland, würde wohl eher 5-10 Millionen Arbeitslose ausweisen. Das kann man der erfolgreichsten Bundesregierung aller Zeiten in Deutschland schon mal sagen. Denn seit der Agenda 2010, sind echte Arbeitsplätze abgewandert, aber kaum neue echte Arbeitsplätze entstanden. Frühere Nebenjobs nennt man heute Minijobs. Das ist eine Neuerung. Ändert nur nichts an der Tatsache, das früher davon Niemand leben konnte und heute auch nicht.

Die Erfolgsgeschichte der Agenda 2010 ist nur für Unternehmen und Konzerne eine Erfolgsgeschichte. Das faktische Ende der Arbeitnehmerrechte, ihr Wohlfühlraum wurde tatsächlich deutlich erweitert.
Für den Bürger bedeutet diese Erfolgsgeschichte nur dies, der massive Abbau des Sozialstaates und die endgültige Verwässerung der Demokratie.

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22.03.2013 Eine Frage des Geschmacks

GFDK - Marie Allnoch

Lange ließ es sich erahnen, jetzt hat sich die Vermutung bestätigt. RTL ist nicht nur in der Lage, die Kulturlandschaft Deutschland vor dem intellektuellen Zusammenbruch zu bewahren. Nein, weitaus mehr.

Schon lange hat der Durchschnittsdeutsche (zumindest wird uns diese Wahrheit suggeriert) dank Supernanny und Peter Zwegat seine verzogene Gören und unverhältnismäßigen Katalogbestellungen in den Griff bekommen. Auch in seinen eigenen vier Wänden fühlt er sich dank den in zahlreichen Tiermessi-Reportagen zur Schau gestellten Normabweichungen wieder wohl.  Jetzt endlich hat sich der Sender auch in unser aller intimsten Bereich gewagt und das Allheilmittel gegen Lustlosigkeit entdeckt. Aufmerksam habe ich gelernt: Gegen das Ausbleiben ehelicher Zärtlichkeiten hilft nur eins. Eheliche Zärtlichkeiten. Diese weise Botschaft vermittelt das gewissenhaft recherchierte Format „Sieben Tage Sex".

Lernphase:

Das Einbüßen der Leidenschaft in einer langen Beziehung ist logische Konsequenz ebendieser und unumgänglich. Hierbei ist zu bemerken, dass das sexuelle Desinteresse am Partner gehäuft im Empfinden des passiven Parts der Beziehung auftritt. Diese Entwicklung ruft augenscheinlich Kommunikationsschwierigkeiten und Ignoranz gegenüber den Wünschen des Gespielen beim verschmähten Partner hervor. Merksatz: „Ich hab Lust auf Sex" – „Nein." – „Doch!" – „Nein." – Doch!"

Zur Begründung

Die Gründe für das Abflauen der sexuellen Anziehung sind einzig und allein im Vergehen der Zeit zu suchen. Vertrauensbrüche und Fremdgehen sind ebenso wie mangelnde Hygiene,  der liebevolle Kosename „Mutti" oder völlige Vernachlässigung der Beziehung lediglich unangenehme Randerscheinungen, die in keinerlei Verbindung zum Hauptproblem stehen. Daraus schließe ich meinen zweiten Merksatz: „Augen zu statt Haare waschen."

Fazit:

Nach Erkenntnis dieser komplexen Zusammenhänge bin ich dankbar für jegliche Hilfestellung, und so ziehe ich aus dem Format wichtige Schlüsse für mein zukünftiges Leben. Es ist nicht wichtig, ob Anziehung besteht. Das Einzige was wirklich zählt ist Durchhaltevermögen, sowohl körperlicher als auch mentaler Art. Zum Erreichen des scheinbar genügenden kleinsten gemeinsamen Nenners ist fleißiges Training ausreichend.

Niemand hat freiwillige Nähe oder etwa Spaß an der Sache verlangt. Diese Einstellung ist nicht neu. Vor Jahren hat sich der von mir hoch verehrte Komiker Loriot in seiner „Eheberatung" mit einer ähnlichen Problematik befasst. Es ist faszinierend, mit welch unterschiedlichem Anspruch ein Thema behandelt werden kann. Vicco von Bülow arbeitete stets mit dem nötigen Respekt vor menschlichen Wesen und einem Sinn für Ästhetik,  nie ging er einem anderen Anspruch als dem der Komik nach.

Ganz anders die Produzenten von „Sieben Tage Sex": es scheint als glaubten sie, unter dem Deckmantel des Helfersyndroms primitivste Szenen und Vulgärsprache salonfähig machen zu können und sich durch Spott und Selbstbeweihräucherung ihrer Zuschauer  - die sich selbstverständlich ganz anders als die gezeigten Protagonisten sehen – im Kampf um Einschaltquoten zu behaupten.

Marie Allnoch ist Redakteurin der Gesellschaft Freunde der Künste und zuständig für Literatur, Kino, und TV-Tipp

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21.03.2013 nachdenklich, bescheiden und reflektiert

GFDK - Christopher Lesko und Kai Sturm

Vox Chefredakteur Kai Sturm über die Bruce-Willis-Star-Doku

Manche Film-Zitate begleiten Generationen weit hinaus über die Filme, denen sie entstammen. Morgen nun macht VOX Zuschauern ein Angebot, dass sie nicht ablehnen können. Die sensible Begegnung mit einem beeindruckenden Mann, der viel mehr ist als “Yippie Ya Yeah, Schweinebacke!“: dem Menschen Bruce Willis. Im kurzen Gespräch mit Christopher Lesko erzählt Vox-Chefredakteur Kai Sturm, 52, von Entstehung und Nähe eines berührenden Portraits, von Programmierung und von künftigen Doku-Formaten.

Als in den 80ern neue Action-Heroes das Genre besetzten, bildete neben Arnold Schwarzenegger, Kurt Russel, Eddie Murphy und Mel Gibson ein junger Mann mit deutschen Wurzeln eine der zentralen Identifikationsfiguren für Fans: Bruce Willis.


Action-Freunde sollten über Jahre in mehrteiligen Movies von Schwarzenegger, Gibson und Willis ihren neuen Helden begegnen. Eine ganze Generation wuchs mit “Stirb langsam“ auf und wartete in Kinos und vor Fernsehschirmen auf jenen Satz, mit dem Willis Gangster ins Nirwana pustete: “Yippie Ya Yeah, Schweinebacke!“.

Man liebte Bruce Willis nicht nur, weil man wollte, dass die Guten gewinnen. Man liebte mit dem New Yorker Polizisten John McLane und anderen Willis-Figuren vernarbte Heldenfiguren mit kleinen Brüchen und mit ihnen Rollen, die vielleicht nur jene Schauspieler emotional glaubwürdig spielen können, deren eigene Entwicklung auch Täler und Kummer gesehen haben musste. Heroes, die berührbarer schienen als manche Stars des Film noir Jahre vorher.

In vielen Filmen begegnete man mit Willis einem Schauspieler mit deutschen Wurzeln. Einem Mann, der als Kind für seine Integration und gegen sein Stottern kämpfen musste. Einem Mann, der in seinen Rollen immer wieder Personen zeichnete, die Krisen und Niederlagen in einer Mischung aus Kampf, Humor, Selbstironie und leiser Traurigkeit verkörperten. Willis war nicht nur McLane: In Filmen wie “12 Monkeys“, “Last Man Standing“, “The Sixth Sense“ oder “Das fünfte Element“ fesselte er über Jahrzehnte Millionen von Zuschauern.

Gerade in Hollywood frisst der Erfolg viele seiner Kinder. Nicht wenige Kollegen des stillen Mannes verloren rasend schnell ihre Bodenhaftung. Exzentrische Fassaden millionenschwerer Kunstfiguren ließen häufig die Frage offen, ob und wo darunter noch ein Mensch zu finden sein mochte, der sich selbst wohl wirklich treu bleiben konnte. Bruce Willis bot diese Frage nie: Der Mann, der als nachdenklicher, bescheidener und reflektierter Mensch sein Privatleben stets zu schützten versuchte, bot der Öffentlichkeit ungern tiefe Einblicke in sein Leben.

Vox zeigt heute im Rahmen seiner besonderen Star-Doku-Reihe zunächst den Willis-Streifen “Stirb langsam 4.0“ und danach exklusiv und erstmalig im deutschen Fernsehen ab 22.40 Uhr eine sensible Dokumentation mit und über Bruce Willis: In Zusammenarbeit mit dem Sender und co-produziert von seiner Ehefrau Emma Heming, 34, gestatten Willis selbst, seine Familie und Kollegen Zuschauern eine sehr persönliche und intime Begegnung mit einem Großen der Filmwelt und einem bescheidenen, liebevollen Mann.

Im kurzen MEEDIA-Gespräch erzählt VOX-Chefredakteur Kai Sturm von der Doku, dem Kontakt zu Willis und seiner Frau Emma und künftigen VOX-Programmierungen:


Kai Sturm, erzählen Sie ein wenig über Entstehung und Niveau des Bruce-Willis-Portraits.
Bruce Willis hatte gestern seinen 58. Geburtstag. Dass annähernd zeitgleich unser Portrait bei VOX zu sehen sein wird, ist ein passender und schöner Zufall. Unsere Donnerstag-Reihe der Kombination Spielfilm und Star-Doku läuft mit Erfolg schon seit 2011 und wird auch nach dem Bruce-Willis-Abend fortgesetzt werden. Die Bruce-Willis-Doku allerdings hat aus unterschiedlichen Gründen ein absolutes

Alleinstellungsmerkmal:

Es ist paradox, aber man weiß insgesamt gar nicht so viel von diesem Weltstar. Wir hatten das große Glück, über das europäische Management von Bruce Willis und seiner Frau Emma Heming-Willis einen sehr engen Kontakt zu beiden direkt zu gewinnen: Unser verantwortlicher VOX-Executive Producer Christoph Richter konnte sich bei den Dreharbeiten zu “ A Good Day to Die Hard“ in Budapest mit beiden treffen und hier schon die Entstehung, den Ansatz, die Art und den Tiefgang der morgigen Dokumentation mit beiden persönlich und direkt besprechen. So privat und nah mit den Protagonisten arbeiten zu können, ist eine große Besonderheit.

Für unsere Doku konnten wir nicht nur mit beiden gemeinsam alle Aspekte besprechen und Möglichkeiten beleuchten, sondern Emma Heming-Willis hat eine Rolle als Co-Produzentin der Doku eingenommen. Wir berichten also nicht nur über den Weltstar, sondern Bruce Willis und seine Frau haben uns und damit den TV-Zuschauern viele Türen geöffnet und einen außergewöhnlichen Zugang ermöglicht: etwa die Premiere von Bruce Willis‘ Mutter Marlene, die erstmals überhaupt ein TV-Interview gibt und übrigens phantastisches Deutsch spricht. Wir kehren an den Ort seiner Kindheit zurück, haben in Idar-Oberstein gedreht und Zusammenhänge zur damaligen Zeit der Befreiung durch die Amerikaner aufzeigen können. Wir sprechen mit Menschen, die ihn von damals noch kennen und folgen ihm auf seinem Weg in die USA und in seiner außerordentlichen Karriere.

Dass Weltstars mit Zeit und Tiefgang einen Blick auf Person und Entwicklung zulassen, ist in der Tat nicht die Regel.


Ja: Kaum eine andere Doku hat jemals eine derartige Nähe zu einem Großen der Top-Five des Films hergestellt. Darüber sind wir sehr froh und darauf sind wir auch sehr stolz. Die für mich größte Überraschung war Bruce Willis selbst: Man kennt ihn ja als John McLane und in anderen Rollen als Draufgänger und man wird vielleicht überrascht sein, was für ein differenzierter, nachdenklicher, feiner Mensch hier in der Doku sichtbar wird.

Einer seiner größten Kassenerfolge war “The Sixth Sense“ vom in Indien geborenen Regisseur M. Night Shyamalan, 42. Als der hörte, dass Bruce Willis mit uns an der Doku arbeitet, war er sehr kurzfristig  bereit, seinen Teil dazu beizutragen und hat sein Interview selbst  aufgezeichnet und das Material unserer Doku zur Verfügung gestellt.

Bruce Willis gibt sein langes Interview ja an einem besonderen Ort.


Ja, wir haben nicht in irgendeinem Hotel bei einem Promo-Termin gedreht, sondern auf der kleinen Privatinsel “Parrot Cay“ in der Karibik, dem Rückzugsort der Familie. Dort haben Bruce und Emma auch geheiratet und ihre kleine Tochter wächst dort maßgeblich auf. Begonnen hat die Idee des gemeinsamen Projektes während der Dreharbeiten zu “A Good Day to Die Hard“. Im September 2012 haben wir uns getroffen und im Dezember letzten Jahres haben wir mit den Dreharbeiten begonnen. Seit vier Wochen ist der Film im Schnitt. Die deutsche Fassung wird übrigens sehr professionell vertont: “Blümchen“ Jasmin Wagner synchronisiert Emma Heming-Willis und Manfred Lehmann, seine deutsche Synchronstimme, spricht natürlich Bruce Willis.

Haben Sie selbst als Zuschauer denn früher gerne Bruce-Willis-Filme gesehen?


Ja, ich war immer und bin ein großer Fan von den “Die Hard“–Filmen. Ich mochte Bruce Willis sehr gerne in “The Sixth Sense“, ich liebte ihn als Taxifahrer in “Das fünfte Element“ und finde generell seine Darstellung von Heldenrollen als Underdog ganz besonders toll.

Was hat Sie denn in besonderer Weise bewegt, als Sie die Bilder der Doku sahen?


Die Mutter von Bruce Willis. Da zeigte sich mir viel Menschliches, gerade in Verbindung mit der deutsch-amerikanischen Geschichte der damaligen Zeit. Seine Mutter spricht nicht nur hervorragend Deutsch, sie schlägt auch eine Brücke, die so viel mit unserer eigenen Geschichte zu tun hat und die mich wirklich sehr berührt hat. Eine Brücke zur Entwicklungsgeschichte eines kleinen Jungen, der aus seiner Heimat gerissen und in der Schule verprügelt wird. Der Stotterer ist, eigentlich gar keine Chance hat, sich durchkämpft und dann in den USA letztlich so eine wahnsinnige Karriere macht.

Das ist faszinierend und wird gerade durch die Art, in der seine Mutter über Vergangenheit und Geschichte spricht, sehr deutlich. Dass Bruce Willis auf seinem Weg eben nicht stumpf, verbissen oder hart geworden ist, spürt man etwa auch, wenn man seine Tochter Rumer hört, die ebenfalls in der VOX-Dokumentation zu Wort kommt:


Sie erzählt sinngemäß, dass für ihren Vater immer besonders wichtig war, seine Kinder zum Lachen zu bringen, mit ihnen Spaß zu haben und immer für sie da zu sein. Da bekommt man ein gutes Gefühl dafür, was für ein Mensch Bruce Willis ist. Aber auch Kollegen und Freunde kommen zu Wort, selbst das Thema seiner Scheidung von Demi Moore wird nicht ausgespart.

Sagen Sie doch - über die Bruce-Willis-Doku hinaus  - ein paar Sätze zum Erfolg der Dokus und zu Elementen künftiger VOX-Programmierungen.


Insgesamt ist die Zuschauer-Resonanz wirklich herausragend. Darüber freuen wir uns sehr. Am 18.04. werden wir die Reihe der Kombination aus Spielfilm und Doku am Donnerstagabend mit einer Will-Smith-Kombination fortsetzen: Wir zeigen “Men in Black“ und danach eine Will-Smith-Dokumentation.

Neben diesen Star-Dokus haben wir mit den vier- und zwölf – stündigen Dokumentationen am Samstagabend eine ganz besondere Reihe einer eher ungewöhnlichen Programmierung historischer, populärwissenschaftlicher und spezieller Musik-Themen bei VOX. Auch damit haben wir große Erfolge erzielen dürfen. Wie unsere Star-Dokus werden auch diese Formate in diesem Jahr fortgesetzt:

Zum 50-jährigen Bühnenjubiläum der Bee Gees werden wir etwa im Sommer eine große Dokumentation zeigen.. Auch hier sind wir ganz nah herangekommen: Barry Gibb, 66, der letzte noch lebende Bruder der Bee Gees, hat uns sehr viel Nähe ermöglicht und wir konnten sehr privat mit ihm drehen. Das war für uns - und das wird für Zuschauer – wirklich sehr schön.

VOX zeigt am 21.03. um 20.15 “Stirb langsam 4.0“ und um 22.40 die Doku: “Bruce Willis - Warum die Legende niemals stirbt“


Mehr über den Autor Christopher Lesko
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20.03.2013 Leidenschaft für Heimat und Kultur

GFDK - Stefanie Tendler - 6 Bilder

Regina Dwomoh wurde in Kumasi geboren und wuchs in Mönchengladbach auf. Dort machte sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester. 2002 kam sie nach Berlin, um hier eine Ausbildung an der Schauspielschule Charlottenburg zu absolvieren.

Sich stets als sehr heimatverbunden fühlend, wurde der Wunsch in ihr immer größer sich mehr mit der kulturellen Vielfalt ihres Heimatlandes Ghana zu beschäftigen zu denen vor allem die bunten Stoffe gehören und so entschloss sie sich dazu Serwaa zu gründen.

Schnell wurde ihr bewusst, dass sie sich intensiver mit dem Thema Unternehmensgründung auseinander setzen musste und  vor zwei ein halb Jahren nahm sie deshalb ein Wirtschaftsstudium auf, das sie im Juli abschließen wird. Serwaa ist ein Modelabel dessen Fokus auf Bettwäsche liegt, die aus hochwertigen afrikanischen Stoffen handangefertigt wird.

Regina’s Wunsch ist es mehr Aufmerksamkeit auf die afrikanischen Stoffe und ihre Geschichten zu lenken. Afrika, den immer noch als exotisch angesehenen Kontinent, einen anderen Stellenwert zu geben und mehr Verständnis für die vielen kulturellen Nuancen der Kultur zu schaffen.

Bisher produziert Regina Serwaa mit ihrem Team in Ghana In kleinem Rahmen. Doch nach abgeschlossenem Studium möchte sie nach Ghana auswandern, um sich dort ihrer Idee Serwaa- African Home ganz zu verpflichten.

MADE IN GHANA -Bewusst wählt sie Ghana als Produktionsort um die Produkte durch die Stoffwahl authentisch gestalten zu können. Zudem ist es ihr wichtig im Laufe der Zeit eine vergütete Schneiderausbildung in Ghana zu etablieren. Der Status Quo sieht aktuell anders aus. In Ghana muss man für seine Lehre bezahlen. Damit sie diese Wege ebnen kann, will sie ihr Geburtsland in allen Facetten verstehen, um unterstützend wirken zu können.

Regina Dwomoh ist der persönliche Kontakt zu den Kunden sehr wichtig, da sie nicht nur Bettwäsche verkaufen möchte, sondern auch ein Stück ihrer Kultur. Sofern es ihr möglich ist,  trifft sie sich persönlich mit ihren Käufern. Bei Fragen oder Bestellungen kann sie unter: serwaa.bettwaesche@remove-this.googlemail.com kontaktiert werden oder über ihre Facebook Seite:

Serwaa Bettwäsche- afrikanische Inneneinrichtung

„Serwaa steht dir gut", so lautet der Slogan von Serwaa-African Home. Um herauszufinden was Serwaa ist, habe ich mich mit Regina Dwomoh getroffen.

Wie würdest du Serwaa beschreiben?

Mit Serwaa bist du ganz sicher kein Mauerblümchen. (beschreibt Regina keck ihr „Baby") Serwaa ist frech, stolz und selbstbewusst. Für mich ist es eine weibliche Schnittstelle der Kontinente, die räumliche Grenzen überschreiten möchte.

WelcheBedeutung hat Serwaa für dich?

Serwaa steht für meine persönliche Selbst­verwirklichung. Wünsche, Hoffnung und Neugier, gepaart mit Leidenschaft für Heimat und Kultur.

Gibt es etwas, dass du anderen Menschen mit auf den Weg geben würdest, wenn es um ihre Ideen geht?

Eine Idee kann zum Lebenselixier werden und da ein solches Rezept selten vom Himmel fällt, ist es wichtig geduldig zu sein und die Umsetzung mit Liebe und Ehrgeiz zu verfolgen.

Wann kam für dich der Schlüsselmoment, um mit Serwaa zu beginnen?

Das Leben kann dich ganz plötzlich wie ein Lastwagen überrollen, nur dass er dich nicht umbringt! Vor ca. 3 Jahren hatte ich dieses Erlebnis! (Regina lacht laut-natürlich mein ich das im übertragenen Sinne.) Ich wollte selbstständig sein, etwas gründen, das Freude macht, kreativ und vielseitig ist. Mein Hauptaugenmerk galt und gilt vor allem aber der Gestaltung eines fairen Unternehmens.

Hast du ein langfristiges, nachhaltiges Ziel, dass du mit Serwaa erreichen möchtest?

(Runzelt die Stirn) Nachhaltig: dieses moderne, auf alles übertragbare Wort ist immer sehr irritierend für mich.

Mein Ziel ist es mit Serwaa zu wachsen. Der Gesellschaft in Ghana möchte ich gerne etwas zurückgeben. Einen vergüteten Ausbildungsberuf für Schneider schaffen, statt dass sie landesüblich für die Ausbildung bezahlen müssen. Ich finde es schade, dass die afrikanischen Stoffproduzenten immer mehr an Wert verlieren. Die Globalisierung hat hier viel kaputt gemacht und die Wertschätzung für Kultur ist verloren gegangen.

Warum hast du dich für Bettwäsche entschieden und nicht vorrangig für Kleidung?

An Kleidern versucht sich irgendwie jeder! Bettwäsche haucht einem Schlafzimmer Leben ein, weg von dem Lifestyle: „außen hui innen pfui" – Schlafen mit Stil.

Wie finanziert sich Serwaa?

Eigenfinanzierung - im kleinen Rahmen!

Welche Bedeutung hat Schlafen für dich?

Ca. 1/3 meiner Lebenszeit verbringe ich im Bett, deshalb bin ich der Meinung, dass gerade dies ein Ort der Freude und  des Wohlfühlens sein sollte.

Worum geht es dir mit "Serwaa steht dir gut"?

Für mich ist die Kombination mit dem Bunten ausschlaggebend, denn Serwaa – die bunte Eleganz bedeutet nicht, dass man aussehen muss wie ein Paradiesvogel, es sei denn man steht darauf. Serwaa ist stillvoll und stolz und macht Spaß.

Wie wählst du die Stoffe aus, die du für deine Bettwäsche und deine Kollektion nutzt?

Die Geschichten der Stoffe sowie die Muster und Farbzusammensetzungen sind ausschlaggebend.

Worüber erzählen manche Stoffe?

Einer meiner liebsten Stoffe heißt „Familienmitglied": Kleine Steinchen sind hierauf zu sehen, die man unter seinen Schuhsohlen von den Straßen mit nach Hause trägt. Sie gehören zum Alltag dazu -sind ein Teil der Familie.

Was möchtest du Menschen, die mit Serwaa das erste Mal in Berührung kommen mit auf den Weg geben?

Ein entspanntes, buntes Aufstehen ist wie ein gutes Frühstück! Unersetzlich!

Stefanie Tendler schreibt für die Freunde der Künste Berliner Geschichten

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16.03.2013 Cicero-Kulturchef im Gespräch mit Christopher Lesko

GFDK - Christopher Lesko

Er gilt als einer der schärfsten Kritiker des RTL-Erfolgsformates “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“: Medienwissenschaftler und Kulturjournalist Dr. Alexander Kissler, 42, leitet das Kulturressort, den “Salon“, beim Monatsmagazin Cicero. In Berlin traf er mit MEEDIA-Autor Christopher Lesko einen Gesprächspartner, der zum Dschungelcamp eine gegensätzliche Haltung vertritt: Begegnung zweier Männer und Haltungen für ein langes Gespräch über Ekel und Moral, über Niveau, Erfolg und Handwerk.

RTL-Dschungel - widerlich oder lebensnah?

Alexander Kissler, wir sind zusammen gekommen, um uns auseinander zu setzen. Mit welcher Stimmung und welchem Ergebnis werden wir beide aus Ihrer Sicht nach Ende unseres Treffens in etwa zwei Stunden auf das vor uns liegende Gespräch zurückblicken?

(Lachend:) Es könnte sein, dass wir voneinander genug haben oder vom Dschungelcamp genug haben. Vielleicht haben wir eine neue Sichtweise kennen gelernt, Ich fürchte eher, dass wir gemerkt haben werden, dass das Thema nicht so lange trägt.

Ich bin optimistischer, weil ja auch wir das Thema tragen. Was am Thema des Dschungelcamps trägt denn nicht so lange?

Na ja, das Meiste ist schon gesagt worden. Auch von Ihnen und von mir erschöpfenderweise. Man arbeitet sich schnell an Typen und Charakteren ab, und damit ist man doch schneller zu Ende, als es uns eine intellektualisierende Kritik einreden will.

Sie haben ja in Ihrer Kolumne “Kisslers Konter“ bei Cicero online RTL und das Dschungelcamp scharf kritisiert, und Sie kennen ja auch meine an einigen Stellen diametrale Haltung. Fassen Sie doch bitte Ihre Sichtweise auf “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“ noch einmal kurz zusammen.

Das ist ein widerliches Format. Das Widerliche ist die Geschäftsgrundlage des Formates: Wir sollen Menschen dabei zuschauen, wie sie eklige Dinge tun, zu denen eigentlich kein Mensch bereit ist. Diese Menschen tun es dennoch, weil sie gierig sind nach Aufmerksamkeit und/oder Geld. Und wir schauen dennoch zu, weil wir einen gewissen angenehmen Schauder spüren, wenn wir sie bei Verrichtung dieser ekelhaften Dinge beobachten.

Insofern bringt das Format - bei dem die einen mitmachen und die anderen zuschauen - eigentlich nur schlechte Eigenschaften zum Vorschein: Schadenfreude und Unterwerfungsbereitschaft. Es ist es ein Format, vor dessen wachsendem Interesse ich mit Staunen stehe und dessen Auswirkungen nichts Gutes bergen.

Welche Auswirkungen?

Natürlich gibt es keine empirischen Untersuchungen über etwa Verrohung als Auswirkung bei den Betrachtern. Aber man gewöhnt sich doch daran, dass man Menschen widerwärtige Dinge zumuten kann. Das halte ich für keinen guten Zug. Die Dinge sind einfach ekelhaft und widerlich, egal unter welchen Bedingungen sie zustande kommen. Sie sehen das ja anders.

Ja, für mich ist der Dschungel  ein an vielen Stellen unterhaltsames, professionell gemachtes Format. Ich selbst ängstige mich nicht, durch Betrachten des Formates roher zu werden als ich ohnehin möglicherweise schon bin. In mir löste manche hohle Politiker-Laberei in redundanten Talk-Shows mehr Aggression aus als dynamische Prozesse im Dschungel mit Campern, die in Kontakt mit Grenzen geraten.

Die RTL-Psychologen argumentieren ja, die Teilnehmer seien alle Medienprofis, die genau wüssten was sie tun: Nein, das sind sie eben nicht! Ein 19-jähriger Joey, der mal in einer Casting-Show war, ist ebenso wenig ein Medienprofi wie eine Iris Klein oder andere. Man lässt dort Menschen in eine Situation kommen, die viele von ihnen nicht überblicken.

Ich finde das Psychologen-Argument auch falsch, wenn auch aus haarscharf anderen Gründen. Jeder Teilnehmer, der vorher den Dschungel im Fernsehen gesehen hat, ist als Teilnehmer plötzlich in der Situation eines Sportkommentatoren, der seine Kabine verlässt und plötzlich im Spiel den Elfmeter versenken muss. Zentral Beteiligter zu sein, ist es etwas völlig anderes, als die Dinge vorher von außen betrachtet zu haben. Wie viele Staffeln von “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ haben Sie denn gesehen?

Ich habe mich ja im Zuge meines Buches “Dummgeglotzt“ mit dem Format beschäftigt. Da habe ich die komplette Staffel gesehen. Von allen anderen Staffeln sah ich immer wieder einige Folgen, auch wenn mein Interesse abnahm.

Sie nutzen für Ihre Kritik vordringlich den Blick auf ethisch-moralische und humanitäre Aspekte. Dies ist aus meiner Sicht jederzeit ehrenwert, aber auch eindimensional. Teilen Sie meine Haltung, dass Art und Zugänge unserer Bewertungen und Beobachtungen wesentlich von Aspekten unserer eigenen Entwicklung, Sozialisation und Erfahrungen bestimmt sind?

Ein Serienkiller wird Schusswaffen anders wahrnehmen als jemand, der als Bankkassierer Opfer eines Überfalls war. Und, um in meinem gewöhnungsbedürftigem Bild zu bleiben: Einem Serienkiller immer wieder nahe zu bringen, es sei doch irgendwie lausig Menschen umzupusten, ignoriert eben auch vorhandene Fähigkeiten: Präzision der Schusstechnik, Kontrolle des eigenen Blutdrucks, oder sich nicht erwischen zu lassen.

Ein Serienkiller hätte all diese Fähigkeiten besser nicht. Dann würden mehr Menschen am Leben bleiben. Was den Rest angeht: Das ist völlig richtig, und als Medienjournalist muss ich natürlich zunächst einmal zur Kenntnis nehmen, dass das Format gut gemachte und wirkungsvolle Unterhaltung ist, die ihren Zweck erfüllt, maximales Interesse auf dem Weg von Unterhaltung zu entfachen. Dieser Zweck wird erreicht. Insofern muss man sagen, die Produktion erfüllt die formalen Kriterien gut gemachter Unterhaltung.

Ich denke allerdings, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Diesen Ansatz der Betrachtung finde ich sehr bedenklich. Folgte man ihm, gäbe es wahrscheinlich noch ganz andere Formate, die deutlich stärkeres Interesse bekämen: Unterhaltungsformate, in denen es noch stärker um körperliche Demütigung, Schmerz-Situationen oder Grenzerfahrungen ginge. Die Frage ist doch, warum gewöhnen wir uns in kürzester Zeit so schnell an ein Format, dessen Kern es ist Menschen in widerwärtige Situationen zu bringen? Meine These ist eben auch: Wir stumpfen ab.

Ich sehe den Kern des Formates darin, in einer verdichteten Situation unterhaltsam Themenfelder zu vermitteln, denen wir alle letztlich immer begegnen. Abzustumpfen ist aus meiner Sicht ein komplexes Phänomen unserer Zeit, in welcher sich tradierte Werte insgesamt ändern und flüchtiger werden. Einer Zeit, in der Kontakt und Information auch deshalb wertloser und beliebiger werden, weil sie auf allen Ebenen scheinbar unendlich verfügbar sind.

Auch in dieser Frage ist der Dschungel ein vitales Gegenmodell. Ich widerspreche dem Abstumpfen nicht. Ich glaube nur, es hat andere Gründe. Was an Ihrer Entwicklung auf Ihrem Weg zum Erwachsen-Werden war für Sie so kräftig, dass es den erwachsenen Medienjournalisten Alexander Kissler so hartnäckig seinen Fokus von Ethik und Werten wählen ließ?

Weiß ich nicht.

Es gäbe schon auch die Möglichkeit darüber nachzudenken.

(Lachend) Vielleicht aber nicht in diesem Forum. Ich glaube auch nicht, dass alles biographisch begründbar ist.

Unser Leben irgendwie schon.

Ich denke, das wird häufig überschätzt, und ich denke auch, dass man zu Einschätzungen bestimmter Situationen kommen kann, ohne sie durch einen geraden oder krummen Lebensweg herleiten zu müssen. Mit Sicherheit würde mir beim längeren Nachdenken das eine oder andere einfallen, und Sie haben auch Recht, dass es in der Betrachtung von Medien der menschliche Faktor ist, der mich am meisten umtreibt. Welches Bild von Menschen gezeichnet wird, interessiert mich in allen Feldern: in der Politik, im Show-Geschäft, der Unterhaltung und im Sport. Ich denke, was wir für ein gutes Mensch-Sein halten, hat sich in kurzer Zeit sehr schnell geändert.

Vielen Dank für Ihre ausführliche Beschreibung Ihres Lebensweges. Wenn Sie von Menschen sprechen, fokussieren Sie primär den humanistisch edlen Teil des emotionalen menschlichen Spektrums.

Mich interessiert der Mensch an sich, wie er erscheint, wie er anderen erscheint. Auch in meiner Zeit als Regisseur am Theater hat mich diese Frage stets interessiert: Wie ist der Mensch beschaffen, was zeichnet ihn aus, wo gibt es Grenzen, und wo wird es unmenschlich. Das ist, so glaube ich fest, die Frage unserer Stunde heute.

Wenn wir beide nun als zwei Menschen mit möglicherweise sehr unterschiedlichen Lebenswegen, Erfahrungen und inneren Zugängen zur Betrachtung des Dschungelcamps miteinander reden: Wo bleibt in Ihrer Betonung  von Menschen und Menschenbild die dunkle Seite von uns, die wie die verdeckte Seite eine Münze untrennbar zu uns und unseren edlen Seiten gehört? Eine Seite, die ungerecht, grausam, hilflos, ignorant und gar nicht edel ist?  Beide Seiten werden vom Camp gezeichnet.

Natürlich gibt es diese Seiten und diesen Zusammenhang. Meine Frage ist, ob es denn die Aufgabe von Unterhaltung sein darf, diese schlechten Seiten ans Licht zu zerren. Und da sage ich: Nein, das ist nicht die Aufgabe von Unterhaltung! Da überschätzt sich das Dschungelcamp. Da wird es maßlos und anmaßend. Da meint es, und es funktioniert ja auch leider Gottes, auf bestimmte Knöpfe drücken zu müssen, um bestimmte Effekte zu erzielen, und schon gehen sich die Leute an die Wäsche. Ja, es funktioniert. Aber es ist traurig, dass es funktioniert. Letzten Endes hat das Format einen sehr diktatorischen Blick auf die Menschen. Sie werden wie Versuchstierchen behandelt, man steckt sie in ein künstliches Ambiente, entzieht ihnen die Nahrung, und schon gehen die Leute aufeinander zu.

Sie meinen “los“. Aber “zu“ stimmt eben auch. Haben Sie persönlich Erfahrungen in ihrem Leben mit Krisen und der Konfrontation mit Ihren Grenzen je gemacht?

Natürlich. Mit gesundheitlichen oder beruflichen Krisen.

Wenn Sie Ihren bevorzugten Blick um andere Aspekte erweitern, die das Format ausmachen: Wie finden Sie etwa die Produktion, Dramaturgie, Intelligenz und Witz der Autoren-Texte oder die Art und Weise, in welcher die Moderatoren durch die Sendung führen? Also neben Licht, Schnitt, Bildern, Musik und Ton handwerkliche Facetten.

Ja: Die handwerklichen Fähigkeiten, die die Macher entwickeln, sind in der Tat sehr groß. Aber sie werden in ihrer Betrachtung weit überschätzt. Man ist zu einem hohlen Ästhetizismus bereit, betrachtet die Mache und nicht mehr das Material. Die Mache ist selbstverständlich sehr gut. Natürlich funktioniert es, verschiedene Leute in verschiedene Rollen zu setzen und sie durch Anreize dazu zu bringen, der Rolle gemäß zu handeln. Jemanden festzulegen auf die Zicke, das Dummchen oder den Macho, die eitle Schöne oder die schwachbelichtete Frau reiferen Alters.

Da haben Sie aber nett über Iris gesprochen.

All dies funktioniert hier sehr gut: aber eben in einem Medium, das ich für zu abgründig halte. Man darf sich bei allen Beobachtungen nicht darüber hinweglügen, dass wir es mit einer Zur-Schau-Stellung von Fäkalsprache und ekelhaften Vorgängen zu tun haben. Man muss gerade dies auch mal erwähnen.

Die Idee, Produktion und Sender bestimmten Rollenbesetzungen umfänglich, unterschätzt meiner Ansicht nach die Eigendynamik gruppendynamischer Prozesse in Belastungs-Kontexten. Wenn Sie also der Produktion von “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ große handwerkliche Fähigkeiten zusprechen, wieso schreiben Sie dies nicht? Reduzieren Sie komplexe (Format-) Wirklichkeit in Ihrer Kritik nicht auch auf einen bestimmten Aspekt und verfahren dadurch genau so, wie Sie es den Dschungel-Machern im Umgang mit ihrem Format vorwerfen?

Nein, das tue ich nicht. Natürlich schreibt man immer im Echoraum derer, die schon geschrieben haben. Kein Text kann eine Debatte mit allen Verästelungen noch einmal aufgreifen. Und über die handwerklichen Aspekte öffentlich positiv zu schreiben, das tun doch andere nun wirklich genug. Da muss ich es nicht auch noch schreiben. Der allgemeine Tenor ist: Das Dschungelcamp ist eine sehr gut gemachte Unterhaltung, vor der wir alle geschlossen den Hut ziehen.

Meine Frage, wie sehr Sie selbst den Zielen Ihrer Kritik möglicherweise gleichen, hat Ihren freudigen Zuspruch nur ungelenk finden können.

(Lachend) Ich bitte um Wiederholung: Vielleicht war Ihre Frage nicht ausreichend präzise formuliert.

So kenne ich mich. Ich habe als Nichtswürdiger auch meine Grenzen. Ich bot Ihnen die strategische Nähe zu den Dschungelcamp-Machern an: Die reduzieren Ihrer Meinung nach Menschen auf inhumane Zerrbilder, und Sie reduzieren Ihre Kritik am Format auf moralische Gesichtspunkte – ein identisches Vorgehen mit den ethisch attraktiveren Zielen auf Ihrer Seite.

In meinem Buch “Dummgeglotzt“ habe ich dies nicht getan. In manchen Kommentaren allerdings, da gebe ich Ihnen Recht. Ich tue es bewusst. Mit Absicht. Nur im Streit, in der Debatte, kommt man in der Wahrheitsfindung voran, und dazu ist es nötig, einen Return zu setzen.

Streit - haben Sie denn Ihrer Einschätzung nach dafür die nötige innere Beweglichkeit?

Ja! Ich habe zumindest die Beweglichkeit derer, die mich interviewen.

Langsam wird es mit unserem Kontakt, das gefällt mir. Über Ihre Entwicklung wollten Sie ja nicht so richtig sprechen?

Das ist richtig.

Was ist denn nicht in Ordnung mit Ihrer Entwicklung?

(Lachend) Das ist ein rhetorischer Trick. Herr Lesko. Sie sind angezogen: Was ist mit Ihrem nackten Körper nicht in Ordnung?

Ich möchte diese widerlichen Dschungelcamp-Aspekte aus unserem beschaulichen Austausch heraushalten. Auch wenn ich ein wenig bewundere, wie fein Sie den wesentlichen Aspekt  unseres bisherigen Gespräches mit Ihrer Bemerkung noch einmal herausgearbeitet haben.

Das Dschungelcamp ist ein Körperformat.

Immerhin beobachten wir beide, dass über eine lange Zeit Kritik und Journalisten-Kommentare den Dschungel – wie Sie aktuell – durchgängig als Ekel- oder Trash-TV zur Zielscheibe von Kritik machten, um dann wie Fähnchen in Winden dasselbe Format zu Comedy, Kunst oder Kult zu erklären.

Genauso ist es. Einerseits gehorcht dies dem journalistischen Gesetz, nur die Abwechslung erfreue. Dafür habe ich in gewissen Grenzen auch Verständnis. Andererseits werden Fronten gezeichnet. Wenn ich gerade beim geschätzten Kollegen Poschardt lese, es sei wohlfeil, das Dschungelcamp zu kritisieren: Das Gegenteil ist der Fall! Es ist wohlfeil, es zu belobigen und es quasi heilig zu sprechen. Es gibt kaum noch fundamentale Kritik an diesem Format, das über die Jahre noch ekliger geworden ist. Das zu beobachten ist sehr erstaunlich.

Welche Erklärung haben Sie denn dafür?

Neben dem Gebot der Abwechslung: Man muss Themen eine Zeit lang kritisch in den Fokus nehmen, um sie später positiv beurteilen zu können. Und dann: Populismus! Ein Format, das über Jahre hinaus hohe Popularität qua Quote bewiesen hat, weiter vordringlich kritisch zu betrachten, ist für viele Journalisten nicht mehr sexy.

Wie viele Journalisten haben Sie gefunden, die nach dem Wechsel ihrer Haltung schrieben, sie hätten sich geirrt und wären nun anderer Meinung?

Niemanden. Man schreibt heute in denselben Foren und Formaten unkommentiert anders über den Dschungel. Ihre Frage müssten Sie denjenigen selbst stellen. Es ist ein dauerhaft erfolgreiches, journalistisches Phänomen, die Dinge auch einmal von der berühmten anderen Seite sehen zu wollen. Journalisten und Autoren sehen sich ja ständig mit dem Vorwurf konfrontiert, sie pflegten ihre abgehobenen Vorurteile. Von Neurosen will ich gar nicht sprechen.

Sich diesem Vorwurf nicht aussetzen zu müssen, ist ein starkes Motiv. Man will also zeigen: Wir können auch lustig. Wir können Derbes, Lustiges, Grenzwertiges gut finden. Damit spricht man sich auf angenehme – und seinerseits intellektuelle – Weise vom Vorwurf des Intellektualismus frei. Wir beschreiben Trash so, als würden wir Trash gut finden. Für mich jedoch bleibt Trash Trash.

Die Bereitschaft zur Flexibilisierung von Standing und Position ist sicher häufig eine Form professioneller, journalistischer Deformation. Ich schätze dies auch nicht.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die politische Kommentierung: Zwei, drei Landtagswahlen genügen, um aus ewigen Bremsklötzen Hoffnungsträger zu machen und umgekehrt. Bis zum nächsten Anlass. Dann geht es wieder in die andere Richtung, und exakt dieselben Protagonisten werden wieder als Versager durch die Arena geführt. Der Journalismus ist heute an vielen Stellen meinungsgetrieben und setzt viel zu sehr auf Aufmerksamkeit.

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