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30.06.2021 Roland Topor war ein Universalgenie

Das vergessene Genie - eine kalte Dusche auf das Haupt des Spießers

von: Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Eine für mich wunderbare Neuentdeckung habe ich vor einigen Wochen in der Galerie meines Freundes Klaus Kiefer in Essen (www.galerie-kk.de) gemacht. Und zwar die des Künstlers Roland Topor, den er bis heute repräsentiert.

Das Universalgenie, leider völlig unterschätzt und (fast) in Vergessenheit geraten, war Maler, Dichter, Zeichner, Bühnenbildner, Dramatiker, Regisseur, Schauspieler, Liedermacher, Filmemacher und vor allem eines: ein echter Typ.

Geboren 1938 in Paris als Kind polnisch-jüdischer Eltern, überlebte er die deutsche Besatzung versteckt auf dem Land. Nach dem Krieg schrieb er sich an die Kunstakademie Ècole des Beaux-Arts ein und begann schon bald erste Zeichnungen zu verkaufen und die Karriere nahm schnell ihren Lauf.

So trat er als Schauspieler auf in Werner Herzogs „Nosferatu“ und Volker Schlöndorffs „Eine Liebe von Swann“, entwarf das Filmplakat zur „Blechtrommel“; seinen Roman „Der Mieter“ hat Roman Polanski verfilmt. Zwei seiner Bücher möchte ich hier unbedingt empfehlen.

Zum einen „Memoiren eines alten Arschlochs.“ In dieser fiktiven Autobiografie begegnet er fast jeder Berühmtheit seiner Zeit und macht sich so über das inflationäre „name dropping“ lustig.

Die 197 Seiten sind an Humor kaum zu überbieten. Preis: 12 Euro. Zum anderen seine Erzählungen in dem Band „Tragikomödien.“ Hier versammeln sich viele seiner Geschichten, die meisten zum ersten Mal auf Deutsch übersetzt, die wenigsten mit einem Happy-Ending.

Es geht um den alltäglichen Wahn, um Nachbarn und Liebhaber, kleine wie große Tode, um Provokationen und Blasphemie, kurzum: Leben. Ein einzigartiges Werk. Gellender Witz, schwarzer Humor, abstruse Ideen, schlimmstmögliche Wendungen:

Wer Topor liest, kann sich auf ein Wechselbad der Gefühle gefasst machen – und auf eine kalte Dusche auf das Haupt des Spießers, der in jedem von uns steckt auf 352 Seiten für 21,90 Euro. Beide Bücher sind bei Diogenes (www.diogenes.ch) erschienen.

Roland Topor starb 1997 in Paris und liegt auf dem Friedhof Montparnasse. Besucher sicher willkommen.

Sönke C. Weiss

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