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10.12.2019 Bücher, des Menschen größtes Geschenk

Ein Sechser für den Gabentisch - Buchempfehlungen von Sönke C. Weiss

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Hier noch sechs hübsche Buchempfehlungen für den Gabentisch. Fangen wir mit etwas Leichtem an und arbeiten uns vor: Wo ist das Glück? Immer da, wo du nicht bist. So läßt sich Otto Jägersberg Kurzprosaband „Liebe auf den ersten Blick“ wunderbar zusammenfassen. Auf 274 Seiten streift der Blick des Autoren des Menschen größtes Geschenk, die Liebe.

Beim Lesen darf gerne gelacht und geweint werden, denn diese Mini-Essays sind geistreich, komisch, immer tief und halten, was das Buch verspricht, pures Leseglück für 24 Euro. Fünf Euro weniger kostet Ian McEwans Roman „Die Kakerlake“, die ähnlich beginnt wie eines der größten Werke der Literaturgeschichte:

„Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“ Eben noch eine Kakerlake, ist Jim nun als Mensch aufgewacht, aber nicht irgendein Mensch, nein, als der britische Premierminister.

In dieser bitterbösen politischen Satire, Jim soll Boris Johnson spiegeln, verneigt sich McEwans, der große englische Erzähler vor Kafka, um eine Welt zu zeigen, die kopfsteht. „Die Kakerlake“, stramme 133 Seiten kurz, hat entsprechend Biß und wird fraglos das Buch werden, das die Brexit-Ära am Genauesten reflektiert und ist wie „Liebe auf den ersten Blick“ bei Diogenes erschienen.

Aus dem Hause Hanser kommt Botho Strauss’ neuestes Buch mit dem schönen Titel „zu oft umsonst gelächelt“, das 22 Euro kostet und auf 213 kurzweiligen Seiten die Unbestimmtheit zwischen Mann und Frau zeichnet.

Strauss schenkt uns kleine Episoden, die mal wie eine Nahaufnahme, mal wie eine Totale anmuten, gleichbleibend präzise sind, die Strauss wie ein Forscher auf Spurensuche ausgewählt hat, um uns stetig zu ermahnen: laßt die Liebe nicht aussterben. Ein kleines Buch eines großen Schriftstellers, der auch mit 75 Jahren noch ein Meister seiner Kunst ist.

Vortrefflich geschrieben ist auch Ronan Farrows Enthüllungsbuch „Durchbruch“, in dem er auf 504 nicht im Geringsten langweiligen Seiten schildert, wie er den Weinstein-Skandal (#metoo) enthüllt und den mächtigsten Mann Hollywoods zu Fall bringt.

Hammer! Konkret geht es um Missbrauch, Vertuschung und Einschüchterung, insbesondere aber um den Zeitgeist der Epoche Trump, die solch eine in großen Teilen verrohte Gesellschaft überhaupt zuläßt. Farrow ist übrigens der Sohn von Mia Farrow und Woody Allen. Das Time Magazine hat ihn kürzlich mit in die Liste der 100 einflussreichsten Personen der Welt aufgenommen.

„Durchbruch“ kostet 24 Euro und ist bei Rowohlt erschienen. Ebenso wegweisend ist Jonathan Safran Foers jüngstes Werk „Wir sind das Klima!“, das für 22 Euro bei Kiepenheuer & Witsch zu haben ist. Bereits mit seinem Buch „Tiere essen“ hat Foer einen globalen Bestseller geliefert, hier widmet er sich auf 328 Seiten dem komplexen Thema des Klimawandels und unserer Angst vor den Konsequenzen, liefert darüber hinaus gleichwohl Lösungsvorschläge, die bereits beim Frühstück anfangen.

„Wir sind das Klima!“ hebt nie den moralischen Zeigefinger, und ich brauchte mich beim Lesen auch nicht zu schämen. Im Gegenteil. Ich fühlte mich auf der Stelle motiviert, mit einem wacheren Blick durch die Welt zu gehen. Ein unerläßliches Buch für unsere fragile Zeit, in der die persönliche Freiheit immer wieder als Maßstab aller Dinge genommen wird, was mich zu meiner letzten Empfehlung dieser Kolumne bringt:

Klaus Viewegs Biographie „Hegel.“ Auf 673 Seiten plus Anhang erfahren wir, wie das Grundmotiv der Freiheit den gesamten Denk- und Lebensweg des 1770 geborenen Philosophen durchzogen hat und uns bis dato beeinflußt. Es ist die erste umfassende deutschsprachige Hegel-Biografie seit 175 Jahren, die mich eines gelehrt hat: ohne Hegels Geist ist die Moderne nicht zu fassen.

Wirklich begrüßenswert an der Biografie ist, dass sie aus Dutzenden von kleinen Kapiteln besteht, die den Leser nicht überfordern, sondern das Leben Hegels wie ein Puzzle zusammenfassen und vor allem würdigen. „Hegel“ gibt’s bei C.H. Beck und kostet famose 34 Euro. So, ich hoffe, für jeden Geschmack ist hier heute etwas dabei.

Sönke C. Weiss

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