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12.11.2019 Duisburgs Rache

Ein vollgekackter Taubenturm und die Hochburg der Neo-Nazi-Szene, das soll Dortmund sein?

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Sönke C. Weiss ist richtig sauer, und zu Recht meinen wir. Eines vorweg: Grundsätzlich ist die Serie „111 Orte in...“ aus dem Emons Verlag originell und empfehlenswert. Autoren präsentieren Sehenswürdigkeiten in Städten, die sie offensichtlich schätzen.

Überzeugt hat mich beispielsweise die Neapel-Ausgabe, in der man spürt, wie sehr Natalino Russo diese Stadt liebt und einem zeigen möchte, so dass man sich ebenfalls darin verliert. Umso geschockter war ich - als Wahl-Dortmunder - bei der Lektüre dieser eher verstörenden Nummer, die Ralf Koss zu verantworten hat.

Ehrlich gesagt, ich war sprachlos. Beispielsweise versäumt Koss so wichtige Höhepunkte zu erwähnen wie etwa das Westfalenstadion. Heimat des BVB. Europas viertgrößtes Fußballstadion und - in der Tat - das Wahrzeichen der Stadt, in das jährlich unzählige Besucher aus der ganzen Welt strömen und immer ausverkauft ist.

Selbst auf Japanisch werden Touren angeboten. Dafür schickt er den Leser zu einem vollgekackten Taubenturm irgendwo in der Innenstadt. Zweites Beispiel: Statt über das Mahnmal Bittermark zu berichten, zu dem regelmäßig Hunderte pilgern, um den 300 Opfern der Nazis zu gedenken, die hier wenige Tage vor Kriegsende ermordet wurden, lotst Koss den uneingeweihten Leser zum einem beschmierten Friedrich-Ebert-Denkmal nach Dortmund-Hörde, an das regelmäßig Alkis pissen und das auch so aussieht.

(Pardon.) Der Phönix-See in unmittelbarer Nähe aber, einst ein Stahlwerkareal, heute ein beliebtes Wohn- und Naherholungsgebiet, scheint für ihn nicht zu existieren. Apropos Nazis: Allen Ernstes bewirbt Koss einen Kletterturm in Dortmund-Dorstfeld, Hochburg der Neo-Nazi-Szene, die jedem Besucher, der nicht ihrer Gesinnung nachkommt, potentiell als Feind betrachtet und dementsprechend behandelt.

Dorstfeld ist eine No-Go-Area, Herr Koss!

Auf der anderen Seite vernachlässigt er so wunderbare Dinge wie die Syburg, von wo aus man kilometerweit bis ins Sauerland blicken und in einem schönen Park spazieren gehen kann; den Rombergpark hat er auch unterschlagen, ein botanisches Kleinod für Forscher aus aller Welt; das Kreativzentrum Dortmunder U fehlt ebenfalls, wie das wunderbare Kreuzviertel, ein total cooles Szeneviertel; das Hoesch-Gelände wie das Hoesch-Museum, das dem Besucher die Geschichte des Industriestandortes Dortmund erklärt, und natürlich das ehrwürdige Café Strickmann im Zentrum, wo man sich an das Wien der Jahrhundertwende erinnert fühlt, um nur einige Beispiele zu nennen: alles fehlt oder wurde schlicht totgeschwiegen.

Ich meine: Entweder kennt sich der Autor in Dortmund nicht aus, vielleicht aber ist sein Buch auch nur die Rache dafür, dass er aus Duisburg kommt. Nun, die Reihe „111 Orte in...“ kostet übrigens 16,95 Euro. 

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Sönke C. Weiss

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