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30.12.2018 Claas Relotius ist kein Betrüger

Fall Relotius: Die Leser und die Medien sind nicht Opfer sondern Täter

von: Reden ist Silber - Gottfried Böhmer

Oh ho, das Gejammer ist groß. So soll ein Reporter des Spiegel jahrelang die Leser und den Spiegel und andere Medien betrogen haben, mit Geschichten und Personen, die seiner Fiktion entsprungen sind.

Er schrieb über Leute, die er nicht getroffen oder sogar erfunden hatte. Er beschrieb Szenen, die es so nie gab, räumte der Spiegel ein. Der Reporter Claas Relotius hat also etliche Geschichten und Personen komplett erfunden und nun sind alle empört, das ist pure Heuchelei.

Claas Relotius ist kein Betrüger

Aber hat Claas Relotius die Leser wirklich betrogen? NEIN, er hat mit seinen Geschichten das Weltbild seiner Leser und des Spiegels bestätigt, genau diese Geschichten wollten sie lesen. Die armen Füchtlingskinder aus Syrien in der Reportage "Königskinder"  hat sie bestätigt, dass sie das Richtige tun, das Richtige denken und richtig handeln. Wir sind die Guten.

Super geil war auch seine Reportage "Löwenjungen" über zwei minderjährige Brüder, die im Irak vom IS angeblich zu Selbstmordatentätern ausgebildet worden sind. Leider war das zwar eine tolle Geschichte, nur war die auch frei erfunden. Und was war das Ziel? Mitleid für die Flüchtlingskinder erregen, das gefiel den Spiegel-Machern und ihren Lesern auch sehr gut.

Als ein Reporter von Spiegel TV einige Wochen später allerdings im Nordirak nachforschte, um die Geschichte zu verfilmen, stieß er auf massive Widersprüche schreibt ZEIT-Online.

Vorsicht, meinungsstarker Journalismus

Ein Kracher war gleich zu Beginn der Flüchtlingskrise 2015 sein Artikel "Verlust".  Ein Flüchtling aus Syrien findet 1.000 Euro auf der Straße und übergibt das Geld der deutschen Polizei und will keinen Finderlohn, so seine rührende Geschichte. Und der Flüchtling gibt für sein Handeln folgende Erklärung ab, so Claas Relotius, Zitat: "Abdullah ging noch am selben Tag zur nächsten Polizeiwache und gab das Sparbuch mit dem Geld ab. Bald darauf meldete sich der Besitzer des Sparbuchs, er wollte einen Finderlohn zahlen, aber Abdullah lehnte das Angebot freundlich ab."

Die Botschaft - Flüchtlinge sind gute und gerechte Menschen

Da, wo er herkomme, sagt er, sei man nicht ehrlich, um eine Belohnung zu bekommen, "sondern um ein guter und gerechter Mensch zu sein". Da hat sich Relotius selber übertroffen, rührender kann man so eine Geschichte nicht noch besser bringen. Leider auch erfunden, die Leser und der Spiegel waren begeistert.

Preisregen

Und Claas Relotius wurde für seine Geschichten umfangreich bestätigt und mit Preisen überhäuft, warum hätte er damit aufhören sollen?

Stefan Winterbauer schrieb auf meedia.de

"Zu allererst ist der Fall Relotius ein trauriger Höhepunkt beim fatalen Hang von Qualitätsmedien, Geschichten zu erzählen, zu pointieren, zu drechseln. Und zwar so lange, bis am Ende ein geschliffener Text da steht, der möglichst einen Henri-Nannen-Preis oder einen Reporterpreis oder sonst einen Preis gewinnt, von denen es viele gibt. Solche Preise sind schon lange eine Währung in der Kaste der Edelfedern und Qualitätsmedien geworden.

Geschichten werden mit Blick auf mögliche Preise hin in Auftrag gegeben und geschrieben. Einer wie Claas Relotius, der in dieser Disziplin ganz groß abgeliefert hat, ist für die Redaktion ein Held."

Weder die Leser noch der Spiegel sind Opfer

Nun stellt sich noch die Frage, ist der Spiegel ein Opfer von Claas Relotius? NEIN. Auch der Spiegel konnte die Geschichten gut gebrauchen. Angela Merkels Flüchtlingspolitik konnte man so in unzähligen Leitartikeln rechtfertigen und die politischen Gegner zum Schweigen bringen.

Wiederkäuen der herrschenden Meinung

Claas Relotius ist kein Betrüger, er hat geliefert, geliefert für die Leser, geliefert für den Spiegel, geliefert für die Kollegen in den weiteren Leitmedien (Herdentrieb), geliefert für die Politik und das Gesellschaftsbild, dem sich Deutschland verschrieben hat, und alle waren damit glücklich.

Bernd Ziesemer, Publizist und Ex-Handelsblatt-Chefredakteur schreibt: "Der Fall Relotius zeigt, dass der Blick für die harte Recherche verlorengegangen ist. Der Fall Relotius beim Spiegel sollte Anlass für die Branche sein, etwas über sich selbst nachzudenken. Seit vielen Jahren beobachte ich in vielen Medien eine Verschiebung weg von der harten Recherche und hin zur Inszenierung."

Eine Bombe für die ganze Branche?

NEIN - Die berühmten W-Fragen. Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? werden schon seit Jahren von den Journalisten aller Medien mit Füssen getreten. Da werden zum Beispiel Geschichten und Nachrichten der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London, wo ein einziger Mann, Eigner eines Bekleidungsgeschäftes sitzt, von allen Leitmedien und TV-Sendern als Wahrheit verkauft.

Erst nachdem Russland die Glaubwürdigkeit der Beobachtungsstelle angezweifelt hat, wies die Tagesschau darauf hin, dass „die Informationen der Beobachtungsstelle sich nicht unabhängig überprüfen“ lasse.

„Die Beobachtungsstelle und jeder andere Berichterstatter aus Syrien haben das gleiche Problem. Es bleibt ein Rest Unsicherheit." Da möchte man doch gleich sagen, wenn ihr es nicht überprüfen könnt, dann verbreitet doch bitte diese Meldungen nicht.

Und wie sieht das mit den Kriegs-Reportagen aus, die uns sieben Jahre aus Syrien geliefert wurden? Wie glaubhaft sind die, wenn der Kriegsreporter allein unterwegs ist und uns seine Geschichten erzählt, die keiner überprüfen kann?

Aber das ist auch ganz einfach zu durchschauen. Wenn alle Medien in Deutschland den gewählten Präsidenten von Syrien als "Machthaber und Diktator" bezeichnen, was glaubt ihr, wird der Reporter wohl für einen Artikel abliefern. Er liefert genau das, was die Redaktion von ihm erwartet, aber mit der Wahrheit hat das nichts zu tun.

Die "Salonkolumnisten" bringen es schön auf den Punkt: "Die Karriere des Reporters Claas Relotius wurde von einer Form von Journalismus ermöglicht, vielleicht sogar gemacht, die Fiktionen und Fakten miteinander vermischt und die Rolle des Erzählers über die des Rechercheurs stellt.

Eine Form des Journalismus, die sich mit Reporterpreisen selbst feiert, die politische Aktivisten wie Michael Moore mit Dokumentarfilmern verwechselt und die es für eine besondere Leistung hält, den Nachrichtenkern von Enthüllungen wie den „Panama-Papers“ unter Abertausenden von schön formulierten Sätzen zu vergraben. Fühlen, was sein könnte – statt sagen, was ist."

Zum gutem Schluß: Claas Relotius ist ein hervorragender Geschichtenerzähler, Geschichten die sich gut lesen lassen, er ist nur kein Reporter oder Journalist. Er hätte Schriftsteller werden sollen, und das kann er ja auch noch, nachdem der Spiegel ihn öffentlich hingerichtet hat, noch werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich seine Romane prima verkaufen lassen, er müßte nur unter einem anderen Nahmen schreiben.

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