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24.10.2019 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse

Norwegischer Literaturherbst von Sönke C. Weiss

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Wie bereits berichtet, war Norwegen ja dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Auch haben wir in der Vergangenheit schon einige norwegische Autoren vorgestellt. Wie Johan Harstad (Max, Mischa & die Tet-Offensive) und Jon Fosse (Der andere Name). Vier weitere Schriftsteller und Werke möchte ich an dieser Stelle erwähnen, so sie mich doch sehr berührt haben.

Da ist zum einen Merethe Lindstrom, die mit „Tage in der Geschichte der Stille“ einen Roman über das Schweigen und die Liebe zweier Menschen geschrieben hat, die sich im Laufe ihres Lebens eingestehen müssen, dass es in der Tat Dinge gibt, die man besser nicht ausspricht, weil ansonsten die heile Welt, die man sich mühsam erschaffen hat, in kleine Stücke zerbricht.

Wie sehr sich Wahrnehmung und Wirklichkeit in einer Ehe voneinander trennen, beschreibt Lindstrom haargenau und immer kurzweilig. Fast glaubt man, einen Krimi zu lesen, dabei geht es auf den 221 Seiten um eine Familiengeschichte; aber sind diese nicht meist auch Thriller? Das Buch ist bei Matthes & Seitz erschienen und kostet 22 Euro.

Ebenfalls bei Matthes & Seitz für 22 Euro ist Tomas Espedal Buch „Das Jahr“ erschienen und ist weder ein Roman noch eine Erzählung oder gar ein Gedichtband, obwohl Espedal auf 196 Seiten fast versartig erzählt, poetisch, von den großen Erfahrungen des Lebens: Liebe, Verlust, Krieg, Tod, Krankheit und dass wir oftmals in einem Kreislauf gefangen sind, der nur mit größter Kraft zu durchbrechen ist.

„Das Jahr“ ist zart und sensibel und lädt einen immer wieder zum Reflektieren des eigenen Selbst ein. Das gelingt auch Jostein Gaarder mit seinem Buch „Genau richtig - die kurze Geschichte einer langen Nacht.“ Erschienen bei Hanser für 16 Euro erzählt uns der Autor auf 125 Seiten die Geschichte von Albert, dem die Ärzte eine tödliche Krankheit diagnostizieren und der nun überlegt, ob er sich das Leben nehmen soll.

In einem Tagebuch läßt er zunächst aber seine Vergangenheit Revue passieren: die große Liebe, die ernüchternde Ehe, die unerfüllten Erwartungen an das Kind. Albert schreibt und schreibt, bis plötzlich ein Fremder auftaucht und etwas Wunderbares mit unserem Helden passiert. Es lohnt sich, das herauszufinden.

Ähnlich gestrickt ist auch Per Pettersons Roman „Männer in meiner Lage“, für 22 Euro ferner bei Hanser erschienen. Wie der Titel schon sagt, geht es um Männer, beziehungsweise in erster Linie um einen Mann, Arvid, dessen Leben einer nie enden wollenden Katastrophe gleicht. Die Ehe ist hin, die Eltern und der Bruder sind bei einem Unglück ums Leben gekommen, die Töchter völlig entfremdet.

Männerschmerz ohne Selbstmitleid auf 285 Seiten, von denen wirklich keine einzige langweilig ist. Denn Petterson gelingt es, die Seele des Mannes genauestens zu beschreiben. Diskret und behutsam, ehrlich und zügellos.

Ein Autor, an dem ein Psychologe verloren gegangen ist und der mit Recht zu den erfolgreichsten Schriftstellern Norwegens gehört. Bemerkenswert ist: moderne deutsche Autoren lassen ihre Geschichten eher im Außen spielen, ihre norwegischen Kollegen gehen direkt unter die Haut. So kann der literarische Herbst wohl beginnen.

Sönke C. Weiss

Foto: commons.wikimedia.org/wiki/User:Clemensfranz

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