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22.01.2019 Roman von Michel Houellebecq

Serotonin - Der Roadtrip mit Muschi ist einfach ein Hammer

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Sönke C. Weiss schreibt uns: Im Allgemeinen lese und schreibe ich keine Literaturkritiken. Meiner Überzeugung nach dienen diese meist, die Kulturkenntnis des Verfassers zu preisen und, um ehrlich zu sein, schreiben die doch eher für ihre Kollegen/Mitbewerber und/oder Neider.

Ein Buch wie ein Hammer

Schlußendlich geht es bei jedem Kunstwerk aber um nur eines: es soll verflixt nochmal nicht langweilen, was schon die Maxime des Filmgenies Billy Wilder war. Und somit komme ich zum Punkt und verlaute: „Serotonin“, das neue Buch des französischen Bestsellerautoren Michel Houellebecq (MH), ist einfach der Hammer und sein bislang bestes Buch. Weil es genau das nämlich nicht ist, je langweilig.

Zum Inhalt: Florent-Claude Labrouste (46), der Held des Romanes (335 Seiten), der sein Geld im Landwirtschaftsministerium von Frankreich verdient, hat endgültig genug von der Mittelmäßig- und Sinnlosigkeit seinem nichtssagenden Daseins, knallt sich mit Alkohol und einem neuen Antidepressiva zu - mit der Konsequenz, dass sein Libido nunmehr auch noch versagt und ihm gar nichts mehr bleibt, als alles in seinem Leben aufzulösen, Beziehung, Job, Wohnung, und sich auf einen Roadtrip zu machen, um ins Innere seiner bedauernswerten Existenz zu gelangen.

Alkohol und „Muschi, Muschi und noch mehr Muschi“

Was er dort findet, soll hier nicht verraten werden, nur soviel: die Reise dorthin lohnt sich Seite für Seite. MH hält - insbesondere - dem männlichen Geschlecht den Spiegel vor und darüber hinaus der Gesellschaft, aber nie mit erhobenen Zeigefinger, so klein-klein macht sich MH nie.

Aber: In „Serotonin“ bedient MH seine Leser aufs Feinste, er enttäuscht sie nie, weiß er doch genau, was sie mittlerweile von ihm verlangen, 24 Euro wollen wohl investiert sein. Also: 1. Der Held ist wie immer bei MH eine arme Wurst, die sich nur durch Alkohol und „Muschi, Muschi und noch mehr Muschi“, mit eines der Lieblingsworte von MH, am Leben hält.

(Dabei wage ich zu behaupten, dass MH einer der wirklich wenigen wahren feministischen Autoren ist, strahlen seine Frauen, auch wenn sie kurz vor dem äußeren Verfall sein mögen, Würde und Authentizität aus. Seine Männer nie.)

2. Das Leben ist sinnlos, gerne zitiert MH die großen Philosophen - Schopenhauer, etc. - die man aber nicht gelesen haben muß, um seine Anspielungen zu verstehen. Dafür gelingt es MH zu elegant, Hoch- Mittel- und Tiefkultur miteinander zu vereinen, es ist für jeden etwas dabei, Angst vor Unterhaltungsliteratur hat der Autor nicht.

(3. Eigentlich MHs Umgang mit dem Islam, um es ganz vorsichtig auszudrücken, aber der spielt hier keine wirkliche Rolle.)

4. Dafür die unendliche Bürokratie seitens der EU und der Länder im Großen und Ganzen. Dafür wurde MH schon oft kritisiert, gar als EU-Feind deklariert, als Rechter auch, was Unsinn ist, MH ist weder rechts noch links, sondern in seiner eigenen Kunstwelt unterwegs, was ihn ja als Autoren so faszinierend macht, weil er eben in keine Schublade passt und einen Humor hat, mit dem sich viele Deutsche schwertun, leider, ist er doch so subtil, wie man es von deutschen Autoren erhoffte, statt sich bei ihnen zu langweilen, weil es ihnen oftmals an Fantasie und eben Humor fehlt. (Die Liste ist lang.)

Chaos und Gewalt und kein Hoffnungsschimmer auf Liebe

Die Übersetzung von Stephan Kleiner aus dem Französischen ist wohl gelungen und schafft es immer wieder zum Ausdruck zu bringen, wonach sich die Menschen in MHs Buch - wie auch in seinen anderen Werken - sehnen: nach Liebe nämlich, wie sie immer wieder enttäuscht werden, sich selbst täuschen und täuschen lassen oder wie die Welt um sie herum im Chaos und Gewalt versinkt, und jeden kleinen Hoffnungsschimmer auf Liebe im Keim erstickt.

Nichtsdestotrotz, MH ist kein Nihilist, vielleicht ein Agnostiker, und schon gar kein Misanthrop, vielleicht eher ein Romantiker, ein wenig desillusioniert und sogar viel. Und so hofft der Leser auch bei „Serotonin“, dass alles auf ein happy ending hinausläuft. Ich finde das tut‘s. Auf die gewisse MH-Weise, unverwechselbar eben. Und darauf einen Dujardin...

„Serotonin“ ist im DuMont Buchverlag, Köln, erschienen.

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