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09.03.2020 Wo jede Straße etwas Besonderes ist

Straßenfotografien von Thomas Struth und Polaroids

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

„Unconscious Places/Unbewußte Orte“ nennt der Fotograf Thomas Struth, 1954 in Geldern bei Düsseldorf geboren, schon seit jeher seine Straßenfotografien, die er von seiner Heimat aus über London, New York bis nach Japan immer wieder erweitert und die in dem gleichnamigen Fotoband bei Schirmer/Mosel (www.schirmer-mosel.com) für jetzt nur 29,80 Euro in einer Studienausgabe erschienen sind.

Struth, international bekannt und respektiert, geht es nicht um Prachtstraßen, sondern um urbane Räume, die wir als Betrachter meist vernachlässigen, weil sie einfach so da zu sein scheinen.

Seine Fotos sind streng und mit Bedacht komponiert und hinterlassen den Eindruck, als ob jede noch so banale Straßenecke etwas Besonderes sein will. „Unconscious Places/Unbewußte Orte“ hat 264 Seiten und zeigt 228 Aufnahmen in Farbe wie Duotone und ist für diese hervorragende Buchqualität in der Tat preiswert, was man von William Egglestons Fotobuch „Polaroid SX-70“ nicht unbedingt sagen kann.

Satte 75 Euro kosten die 56 Polaroidaufnahmen, die Egglestone in den 70er Jahren mit der Kultkamera SX-70 aufgenommen, übrigens die einzigen, die er damit fotografiert hat.

Außenaufnahmen aus Mississippi, USA, wo der Künstler auch auf einer Baumwollplantage in einer wohlhabenden Südstaaten-Familie aufgewachsen ist. (Geboren wurde er am 27. Juli 1939 in Memphis, Tennessee.)

Zeit seines Lebens hat Egglestone nichts anderes gemacht, als zu fotografieren; seine Ausstellung „Photographs“ 1976 in New York, von der Presse gnadenlos verrissen, gilt bis heute als der Anfang moderner Kunstfotografie und katapultierte den nicht mehr ganz so jungen Fotografen in den Olymp der Fotokünstler wie Diane Arbus oder Lee Friedlander.

„Polaroid SX-70“ zeigt Alltägliches: ein Straßenschild, leere Flaschen, eine Telefonzelle, eine Tankstelle und so weiter.

Doch je länger man sich die Bilder anschaut und auf sich wirken läßt, desto mehr transportieren sie Werte, Ansichten und Emotionen - ähnlich wie ein Hopper-Gemälde - und verzücken ungemein. Oder anders ausgedrückt:

Beim Anblick eines Egglestone-Fotos bleibt die Zeit stehen. Darüber hinaus ist der Druck des Buches, was an sich schon einem Kunstwerk gleichkommt, so wohl geraten, dass die Polaroids wie Originale wirken, das schwarze Hardcover wie Leder anmutet.

Der Preis, wenn auch hoch, ist gerechtfertigt, zumal eine ordentliche Portion Melancholie mitgeliefert wird. „Polaroid SX-70“ ist jüngst bei Steidl (www.steidl.de) erschienen. 

Sönke C. Weiss

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