hamburger-retina
09.07.2019 unser rassistisches Erbe

Tipps für die Stunden im Strandkorb von Sönke C. Weiss

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Leider gibt es viel zu wenige deutsche Journalisten, die sich auf dem afrikanischen Kontinent auskennen. Die meisten reisen für eine Story an, hinterlassen bei ihren Recherchen verbrannte Erde, weil sie eh nicht gedenken zurückzukehren, und schreiben dann oftmals Unfug.

Bartholomäus Grill ist eine Ausnahme. Jahrelang berichtete er als Zeit-Korrespondent aus Afrika, seit 2013 für den Spiegel, sein jüngstes Afrika-Buch heißt „Wir Herrenmenschen“ (24 Euro, Siedler Verlag).

Auf 304 Seiten schreibt Grill über unser rassistisches Erbe, nimmt uns mit auf eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte zwischen Vergangenheit und Gegenwart, bleibt dabei immer beunruhigend aktuell und zeigt anschaulich, wie sehr uns unser rassistisches Erbe immer noch anhaftet. Ein packendes Buch, das sich wie eine spannende Reportage liest, klug, ausgewogen und authentisch.

Ein ganz anderes Leseerlebnis bietet Isaac Bashevis Singer auf 464 Seiten in seinem Roman „Jarmy und Keila“ (26 Euro, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag).

Singers Story, dem 1978 der Nobelpreis für Literatur verliehen und der sehr wohl von Christa Krüger ins Deutsche übersetzt wurde, dreht sich um Keila, die bereits in drei Bordellen gearbeitet hat und Jarmy, einem ehemaligen Häftling, der zu ihrer großen Liebe wird.

Die Zeit: 1911. Der Ort: Warschau, um genauer zu sein, ein jüdisches Getto, geprägt von Armut, Angst vor Pogromen und dem Traum von einem besseren Leben in Amerika.

Singer, der „Jarmy und Keila“ bereits als Fortsetzungsroman zwischen 1976 und 1977 veröffentlicht hat, erinnert in seiner Epik an Dickens oder Dostojewski und spiegelt eine Gesellschaft, die bereit ist, mit Konventionen zu brechen, um endlich ihr Glück zu finden.

Freunden des „visuellen Buches“, leider wird dem illustrierten Roman in Deutschland nach wie vor viel zu wenig Bedeutung beigemessen, empfehle ich die Comic-Biografien von Willi Blöss im gleichnamigen Aachener Verlag (www.kuenstler-biografien.de).

Blöss war unter anderem Architekt, Übersetzer, Werbetexter und Illustrator. Seit 2000 konzentriert er sich ausschließlich auf den Aufbau seiner Comic-Biografien. In seinem Verlag, ein Familienbetrieb mit Ehefrau Beatriz) erschienen bislang 32 Bände.

Von Pablo Picasso über Frida Kahlo bis Edward Hopper und Goya. Blöss schafft es, komplexe Geschichten innovativ darzustellen und einem erwachsenen wie auch jugendlichen Publikum nahezubringen.

Die kleinen Büchlein, DIN A6, je 32 Seiten, 3 Euro, sind ganz famos verarbeitet. Es gibt sogar Sammelboxen. Fazit: Ein grafisches Erlebnis, nicht nur für die Stunden im Strandkorb.

Sönke C. Weiss

Hier geht es zu unserem Feuilleton, Reden ist Silber....Schreiben ist Gold

GFDK ist ein unabhängiges Nachrichtenportal mit einer etwas anderen Sichtweise auf das Weltgeschehen.

Nachrichten, Stories, Meinungen und Unterhaltung

Freunde der Künste,
das Sprachrohr der Kreativwirtschaft

 

 

 

 

Top