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15.01.2020 „Allein und frei“ von Vivienne de Watteville

Vergesst Hemingway, lest Vivienne de Watteville - jeder ist Satz wahr

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Seit über 20 Jahren bereise ich Afrika, habe dort viele Jahre lang gelebt, Bücher über den Kontinent geschrieben, Filme gemacht und mit Hilfe von Fotos versucht, die Menschen in ihrer Alltäglichkeit einen Augenblick lang festzuhalten.

Ehrlich und mit Respekt. Diese Aufrichtigkeit, die ich mir zur Maxime gesetzt habe, ist mir in einem Buch begegnet, das jetzt zum ersten Mal in deutscher Sprache in der Edition Erdmann (www.verlagshausroemerweg.de) erschienen ist. Der Titel: „Allein und frei“.

Die Autorin: Vivienne de Watteville. Der Inhalt: 1923 bricht Vivienne mit ihrem Vater, einem passionierten Großwildjäger, zu einer anderthalbjährigen Safari nach Kenia, Uganda und dem ehemaligen Belgisch-Kongo auf, an deren Ende dieser von einem Löwen getötet wird.

1928 kehrt Vivienne zurück, dieses Mal ohne Gewehr, aber mit einem Fotoapparat. Denn sie will nicht mehr jagen, sondern dokumentieren, sich mit der Natur und den Tieren versöhnen und über eine Welt berichten, in der der Mensch genauso Teil des Universums ist wie jede Pflanze, jede Kreatur.

In ihrem Tagebuch, das im Druck 301 Seiten lang ist und 22 Euro kostet, bricht sie mit den Verhaltensmustern der Kolonialzeit und liefert ein faszinierendes Werk, in dem jeder Satz wahr klingt und aus der Seele zu kommen scheint: „Der Natur kannst du dich auf zweierlei Weise nähern.

Du kannst bewaffnet und als Feind in den Urwald gehen - oder dich freundlich in etwas hineinbegeben, das nicht nur dir, sondern auch allen anderen Lebewesen gehört. Dazwischen gibt es nichts.“

Viviennes Reise ist ihre schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit, der Tod des geliebten Vaters, und gleichzeitig und wichtiger noch eine Abbitte gegenüber den Tieren, die er und sie so hemmungslos gejagt hatten, und dem Kontinent Afrika, den sie nun zum ersten Mal in seiner untrüglichen Pracht begreift.

Wir begegnen einer Frau, die darum ringt, unabhängig zu sein, die lernt, auf eigenen Beinen zu stehen, den heikelsten Situationen mutig zu begegnen und der es allmählich gelingt, ihre Einsamkeit auszuhalten und aus dieser schließlich Bewusstsein und Lebensfreude zu schöpfen, was das Geschilderte, selbst wenn es schon bald 100 Jahre her ist, sehr aktuell wirken läßt, insbesondere in seiner Sprache und Übersetzung von Klaudia Ruschkowksi, die den inneren Ton der Autorin haargenau trifft.

„Allein und frei“ ist ein ungewöhnliches und mutiges Buch, das mir weiß Gott den Atem geraubt hat. Leider ist Vivienne, die 1930 geheiratet und zwei Töchter bekommen hat, 1957 mit nur 57 Jahren viel zu jung an Krebs gestorben.

Ihre Erlebnisse und Eindrücke indes werden ewig leben. Ich wünschte, es gäbe mehr Bücher wie dieses. Vergesst Hemingways Macho-Afrika-Männerphantasien, lest über Vivienne de Wattevilles Rückkehr nach Afrika, ein unvergessliches Erlebnis.

Sönke C. Weiss

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