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06.08.2019 Den Heiligenschein poliert

Wahrnehmung und Wirklichkeit - was Sie über Hilfswerke wissen sollten

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Immer wenn wir uns mit dramatischen Geschichten aus der sogenannten Dritten Welt befassen, mitfiebern, aufgewühlt sind, zornig oder traurig, dann kommt sie irgendwann, die Frage:

Wie soll sich das alles ändern? Was läuft alles falsch, woran liegt es, das millionenfache Elend? Und warum haben eigentlich 50 Jahre Entwicklungshilfe so wenig gebracht?

In ihrem provokanten Sachbuch „Das NGO-Spiel“ stellt die US-amerikanische Autorin und Politikwissenschschaftlerin Patrice C. McMahon die These auf, dass NGOs, also Hilfswerke oder Nichtregierungsorganisationen, nicht so sehr eine Hilfe bei der Schaffung dauerhaften Friedens und Wohlstands sind, sondern vielmehr Teil der anhaltenden Probleme in Gesellschaften, die aus Konfliktsituationen kommen.

Die Idee zu diesem Buch, das jetzt auf Deutsch im Verlag Hamburger Edition erschienen ist und 35 Euro kostet, entstand Ende 2000, als die Autorin zum ersten Mal Bosnien besuchte und über Jahre recherchierte, wie NGOs auch in der internationalen Politik eine steile Karriere gemacht haben und von unbedeutenden Spielfiguren zu maßgeblichen Kräften in der Friedenskonsolidierung wurden.

So ist McMahon der Überzeugung, dass wir, die Öffentlichkeit, die Spender, nicht viel über diese Akteure wüßten und es an der Zeit sei, sich mit der Realität von NGOs, die zum Teil mehr für Hilfsleistungen ausgeben, als viele europäische Staaten, näher zu befassen.

Denn mit Geld kommt Macht und mit Macht Einfluß auf die Politik, ob auf dem Balkan oder in Afrika, was ich nur unterschreiben kann, da ich selbst sechs Jahre für eines weltweit größten Hilfswerke international in der Kommunikation tätig war.

Meine Meinung: Weg mit der Unterstellung, Entwicklungshilfe könne die Welt retten. Gier, Hass und Korruption werden durch NGOs nicht verschwinden.

Unfaire Handelssysteme übrigens auch nicht, und auch nicht der heute so beliebte Landraub, der aus dem Kontinent Afrika mal wieder eine weltweit knapp gewordene Ressource herauspresst, um den Energie- und Fleischhunger Europas und Asiens zu befriedigen.

Für das Beseitigen dieser Ungerechtigkeiten ist nicht Entwicklungshilfe notwendig, sondern politischer Mut, Weitblick und Empathie, weil globaler Hunger und globales Elend schon längst bei uns angekommen sind.

Ich sage immer Menschen, die insbesondere gerne zur Weihnachtszeit spenden: Misstrauen Sie dem Entwicklungshelfer, der nur noch Brunnen bohrt. Fragen Sie ihn, wie er sicherstellt, dass dies der letzte Brunnen ist, der dort jemals mit ausländischer Hilfe gebohrt werden muss.

Auf 309 Seiten untersucht McMahon den ehemals großen NGO-Boom, der mehr und mehr zu verblassen scheint, auch wenn Hilfswerke in absehbarer Zeit nicht verschwinden werden.

Immer öfter werden internationale wie lokale NGOs kritisiert, die Öffentlichkeit verlangt nach mehr Transparenz, Rechenschaftslücken aufgedeckt, ihre scheinbare Immunität in Frage gestellt.

NGOs und der Mythos, dass Geld an solche Organisationen zu geben automatisch bedeute, Gutes zu tun, können in die Irre führen, schreibt McMahon. Mit schlimmen Folgen, wie auch ich meine.

Das NGO-Spiel“ ist wie gesagt ein Sachbuch und eine in der Tat wissenschaftliche Abarbeitung; doch spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Apropos:

Leider findet sich in der Sekundärliteratur dieses Buches kaum ein deutscher Autor wieder, der sich diesem Thema gewidmet hat. Schade, gehört doch gerade Deutschland mit zu den größten Geberländern mit den großzügigsten Spendern. 

Sönke C. Weiss

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