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08.04.2017 VIVA LA VIDA – Es lebe das Leben - was für ein Leben?

Vorgestellt - Kristin Dembny - Malerin geb. in Dresden - Lebt und arbeitet in Düsseldorf

von: Gottfried Böhmer

VIVA LA VIDA – Es lebe das Leben - was für ein Leben? Was hat diese Frau so berühmt gemacht? Wie wurde sie zur Ikone, zum Mythos?

War es wirklich die Künstlerin, über die André Breton schrieb, „ihre Kunst ist wie ein farbiges Band, um eine Bombe“ oder Picasso, der an ihren berühmten Mann Diego Rivera schrieb, „weder Derain, noch Du oder ich, keiner von uns kann einen Kopf so malen wie Frida Kahlo.“

Kristin Dembny, die aus Dresden stammende Künstlerin und diesjährige Preisträgerin des Kaiserswerther Kunstpreises, meint die Malerin Frida Kahlo reiche nicht zum Mythos.

Dazu hätten die gerade mal 200 Werke, die sie malte und nur 3 Ausstellungen nicht gereicht. Das ihre Bilder nach ihrem Tod von der mexikanischen Regierung offiziell zum „nationalen Kulturgut" erklärt wurden, ist auch keine Erklärung für den Mythos.

Auch ist der wesentliche Teil ihrer Bilder im Privatbesitz und somit dem Publikum unbekannt. Die Künstlerin war bis zu ihrem frühen Tod nur einer kleinen Szene bekannt.

Noch vor ihrer ersten Ausstellung in New York bei dem berühmten Galeristen Julian Levy, meinte Frida Kahlo: „Es gibt höchstens vier oder fünf Leute, die meine Bilder gut finden, alle anderen halten sie für verrückt.“

Auch rückte die Malerin ihre Bilder bewusst ins Reich des „hübschen und reizvoll exotischen“, um ernstzunehmender Kritik oder Konkurrenz zu entgehen, wenn man der Biographie von Hayden Herrera Glauben schenkt.

Wollte sie wirklich als bezaubernde Person wirken statt als Malerin beurteilt zu werden?

Erst jüngst fand in Hamburg eine Ausstellung statt, die der Künstlerin zu ihrem Recht verhelfen sollte und es werden mal wieder die alten Plattetüden wie die Schmerzensmalerin verwendet.

Eventuell liegt der Schlüssel für ihre spätere Popularität in der Aussage von Diego Rivera, der nach ihrem Tod folgendes schrieb: „Frida ist die erste Frau, in der Geschichte der Kunst, die mit absoluter und schonungsloser Aufrichtigkeit die allgemeinen und besonderen Themen behandelt, die ausschließlich Frauen betreffen."

Das könnte „die Geburt des Phänomens Frida Kahlo sein“. Was nun folgte, ist nicht erklärbar, nicht voraussehbar.

In den 70er Jahren wurde Frida Kahlo zum Symbol der Frauenbewegung und der Frauenemanzipation. In schneller Folge erschienen Biographien und unzählige Publikationen sowie Ausstellungen der wenig verfügbaren Werke. Auch Hollywood machte keinen Halt mehr vor Frida Kahlo. Insgesamt wurde ihr Leben viermal verfilmt.

Weltweit bekannt machte sie erst der in 2002 erschienene Film mit Salma Hayek in der Hauptrolle. Da der Film sich fast ausschließlich mit ihrer Ehe und die ständig wechselnden Liebschaften ihres Mannes Diego Rivera beschäftigt, bleibt das Phänomen Frida Kahlo weiter unbeantwortet.

Ein weiterer Ansatz für den Mythos der Kahlo könnte folgender sein: auf den Punkt gebracht, „ein Künstler, der nicht leidet hat den Ruhm nicht verdient“.

Oskar Wilde musste erst ins Gefängnis und mit 46 Jahren sterben, um den Ruhm zu erlangen. Die vermeintliche Armut und das abgeschnittene Ohr machten Van Gogh bei einer breiten Öffentlichkeit berühmt. In der Literatur und Kunstgeschichte gibt es unzählige Beispiele für derartige Karrieren, die erst nach dem Tod postum begannen.


Frida Kahlo legte aber noch einiges oben drauf. Ihr einmaliges Künstlerschicksal, dass sie zum großen Teil mit inszenierte, in dem sie in vielen ihrer Bilder die Tragik ihres Lebens darstellte, bewegte das Publikum und machte sie zu einer beispiellosen Kultfigur.

VIVA LA VIDA – was für ein Leben!

Die Künstlerin Kristin Dembny sieht den Schlüssel für die Popularität und den Mythos der Kahlo aus ihrer ganz eigenen Sicht. Der Ansatz ihres Werkes lässt das vorher beschriebene vollkommen außer acht, nur in 2 Werken ihres Zyklus Frida – VIVA LA VIDA - geht Dembny subtil darauf ein.

So zum Beispiel in dem Werk VIVA LA VIDA. Eine Woche vor ihrem Tod malte Frida Kahlo ihr letztes Bild, ein Stillleben. Sie tauchte den Pinsel in blutrote Farbe und schrieb ihren letzten Gruß an das Leben, darunter VIVA LA VIDA.

Kristin Dembny greift dies auf, in dem sie Frida mit dem Tod tanzen lässt, so wie auch ihr Leben ein großer, berauschender Tanz war.

Auch beschäftigt sich Kristin Dembny mit der exotischen und betörenden Schönheit der Malerin, die gerade auf die Amerikaner und vor allem auf die Europäer nicht ohne Wirkung blieb.

Ihre großen Auftritte in landestypischer Tracht und blumenverzierten Flechtfrisuren in New York und Paris waren beeindruckend und sorgten für Gesprächsstoff.

Aber viel mehr noch sind es die Menschen, ihre Freunde, ihre lebenslangen Freundschaften zu fast allen Berühmtheiten ihrer Zeit, worin Kristin Dembny den Schlüssel ihres Mythos sieht.

Ihre heimliche Liebschaft zu Heinz Berggruen, mit dem sie quasi inkognito in getrennt fahrenden Zügen nach New York reiste und sich ins Hotel Barbizon-Plaza einquartierte. Oder ihre gespaltene Beziehung zu Leo Trotzki alias David Bronstein, den sie erst verehrte, dann zu ihrem Liebhaber machte und sich später von ihm distanzierte.

In dem Gemälde  Nr. 2 „Taube und Elefant“ geht Kristin Dembny auf einen Brief von Frida Kahlo ein. Zu der bevorstehenden Hochzeit mit Diego Rivera, meinten die Eltern:

“Es wäre wie die Hochzeit zwischen einem Elefanten und einer Taube.“ Bei Dembny wird aus dem „vollgefressenen Kommunisten“ ein Buddha mit Bet-Kette und den Insignien des Kommunismus „Hammer und Sichel.“

In dem Porträt mit Leo Trotzki stellt sich Dembny die Frage, wer wohl der größere Revolutionär ihrer Zeit war, die zierliche, emanzipierte, weltgewandte Frida oder der zum Cafehaus-Revolutionär heruntergekommene Trotzki.

In ihrem Werkzyklus zu Frida Kahlo geht Kristin Dembny nicht auf die Aussagen, Begründungen und Vermutungen ihrer zahlreichen Biografen und Zeitgenossen ein. Biografen treten nun mal erst auf den Plan, wenn die Schlüsselfigur schon das Zeitliche gesegnet hat. Oftmals entstehen so Zerrbilder, die leicht zur Verklärung führen.

Kristin Dembny konzentriert sich in ihrem Werk auf den privaten Briefwechsel, den die Kahlo zu ihren zahlreichen Freunden und Liebhabern unterhielt. Da wo sie nichts findet, lässt sie ihrer Phantasie freien Raum. So wie im Gemälde Nr. 6 „Agreement“, wo sie die Liebhaberinnen ihres Mannes, Pita Amor und Maria Felix zu ihren Verbündeten macht.

Der gesamte Werkzyklus umfasst cirka 30 Arbeiten, von denen mehr als die Hälfte zum diesjährigen Kaiserswerther Kunstpreis 2006 gezeigt werden können. Anschließend findet eine Museumsausstellung im Kaiserswerther Museum statt.

Gottfried Böhmer

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