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Präsentation von Künstlern und ihren Werken

11.07.2019 Wasser ist der Ursprung allen Lebens

GFDK - Werk der Woche - Helge Baumgarten

Ein Moment, den jeder kennt und schon einmal erlebt hat. Wenn sich der Kopf langsam unter Wasser senkt bis die Augen auf Höhe des Wasserspiegels sind, der den Blick teilt und man buchstäblich zwischen den Welten schwebt. Unten die Stille des Meeres, oben das ganze Diesseits der Welt, Wind, der Wellen kräuselt, Sonnenstrahlen, Licht.

Giuseppe Gonella nennt das Bild, das diesen Moment festhält Unter the Skin of the Sea, und in ihm ist das Thema der Ausstellung gefasst: De aeterno reditu, von der ewigen Wiederkehr.

Wasser ist der Ursprung allen Lebens, und so ist es bezeichnend, dass unter jener Haut in Form von fluoreszierenden Partikeln, die als Kleinstlebewesen den Beginn der Evolution darstellen, Lebendigkeit pulsiert, während gleichzeitig in der sich aus demselben Wasser erhebenden diesseitigen Ferne die Insel Pontikonisi abzeichnet, vermutlich das Vorbild zu Arnold Böcklins Die Toteninsel.

Zeit, Leben, Tod und Neubeginn

Die großen Urthemen Zeit, Leben, Tod und Neubeginn, die Gonella in jedem seiner Bilder verhandelt, sind der kontextuelle Bezug, der die Ausstellung zusammenhält und sie zu einem Ganzen gestaltet. Ausgangspunkt seiner Betrachtungen ist die direkt auf die größte Galeriewand aufgetragene Wandmalerei, die eine monumentale Ruinenlandschaft zeigt:

Umgestürzte Säulen, Jahrhunderte alte Zeugen, die bereits alle Bilder der Lebenserzählung gesehen haben, die in den Gemälden aufgefächert wird. Auch jene Bilder, die diese Lebenserzählung bis zu ihrem Ende noch bereithalten wird, werden sie begleiten. Vom Wandgemälde eingefasst sind zwei kleine Leinwände:

Dem Guardian of the Sun, einem gelben Vogel, der mehrfach in den Bildern auftaucht, ist der Guardian of the Night entgegen gesetzt, eine unheimliche, in sich ruhende Figur ohne Gesicht, umhüllt von einem verzerrten Schachbrettmuster.

Es wundert nicht, dass Giuseppe Gonella auf das Schachspiel verweist, Paraphrase auf die Gesellschaft zugleich, auf Partien um Leben und Tod, um das Dunkle der Nacht zu versinnbildlichen.

Solche Gegensätze, wie sie sich in Unter the Skin of the Sea andeuten, finden sich im Zusammenspiel der Gemälde häufiger. Jeder dieser Gegensätze lädt dazu ein, sich seinem Spannungsfeld auszusetzen.

Hier eine stillende Mutter, Sinnbild der Lebensspenderin, doch eine Art Cyberkreatur, dort die Andeutung des mythischen Fabelwesens Ouroboros, das sich selbst genügt: "Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz".

Eine trostlose Endzeitlandschaft

In einem anderen Gemälde, Reassuring Horizons, schreitet eine in ein transparentes Regencape gewandete Gestalt durch eine trostlose Endzeitlandschaft, während sich in Sunny Side Up mehrere Menschen in paradiesischer Nacktheit um einen mächtigen Baumstamm gruppieren.

Einer DNA gleich durchziehen neonfarbene Leuchtspuren die Bilder, die Erinnerungen und Emotionen evozieren. Manchmal erwachsen aus diesen Linien grelle Flächen, Farbfragmente, die zusammengesetzt den Grund ergeben, auf dem Gonella Figuratives zumeist nur andeutet.

Die Menschen in seinen Bildern sind selten komplett ausgearbeitet, stattdessen sind sie häufig sich selbst überlappend und durchscheinend dargestellt, wie in den beiden Gemälden In the Same Breath #1 und #2, als seien sie nicht wirklich gegenwärtig, sondern im Übergang zwischen den Zeiten begriffen.

So vereinen die meisten Bilder Giuseppe Gonellas mehrere Momentaufnahmen, die zeitlich nicht zu fassen sind. Dieses Wechselspiel aus Endlichkeit und Unendlichkeit erweitert das Spannungsfeld der inhaltlichen Gegensätze um eine apokalyptische Dimension

In seinen Bildern gibt es ein Überleben

Stellvertretend für den Betrachter ist es der Hofnarr in Portrait of the Court Jester Gonella – Tribute to Jean Fouquet, der sich der Wucht dieser Bilder aussetzt, und dem der Schrecken buchstäblich ins bleiche Gesicht gezeichnet ist.

Es ist – wie auch in Mente locale, wieder eine verstörende Landschaft – kein gutes Ende, das Gonella andeutet, und es fällt nicht leicht, sich dem zu stellen.

Einziger Trost: In seinen Bildern gibt es ein Überleben, auch wenn es nicht das der Menschheit zu sein scheint.

Man wünscht sich zurück unter Wasser, Under the Skin of the Sea, in die traumverlorene Stille mit ihren bunten, pulsierenden Partikeln, aus der das Leben entsteht, in der Hoffnung, dass die Evolution einen anderen Weg einschlägt und sich die friedliche, paradiesische Vision, die Giuseppe Gonella ebenfalls darzustellen vermag, durchsetzt.

© Helge Baumgarten, Berlin

Giuseppe Gonella – De aeterno reditu, Malerei

Egbert Baqué Contemporary Art

Fasanenstraße 37

10719 Berlin

 

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09.06.2019 Mensch Macht Maschine

GFDK - Werk der Woche

Mensch Macht Maschine - Nik Nowak präsentiert - „DELETHE“

Nik Nowak ist Künstler, Musiker und Kurator. Seine medienübergreifende künstlerische Arbeit befasst sich häufig mit der Wirkung von Sound, so wie mit der Rolle von Soundsystemen als kulturelle Transmitter oder akustische Waffen. Soundobjekte wie „Mobile Booster“, „Panzer“ und die „Echodrohnen“ verschafften ihm weltweite Aufmerksamkeit.

Neben seiner Ausstellungstätigkeit geht er dem Phänomen der mobilen Soundsysteme seit Jahren auch wissenschaftlich nach und hält Vorträge zu diesem Thema. Außerdem tritt er regelmäßig mit Live- und DJ-Sets alleine oder mit seiner Band Schockglatze als Musiker auf.

Das Langzeitprojekt DELETHE wurde 2012 als Projekt des Künstlers Nik Nowak, des Rechtsanwalts Philipp Brandt und des Kurators Peter Lang (✝) gegründet.

2014 kamen die Kommunikationsdesigner VERBALVISUAL als Kollaborateure hinzu. DELETHE befasst sich mit der Frage nach dem Umgang und der Löschung von Daten nach dem Tod.

Es ist Forum, Selbstversuch und Service zugleich und möchte den aktuellen Stand der Rechtslage mit der praktischen Umsetzbarkeit von Löschung persönlicher Daten nach dem Tod abgleichen.

Mit dem Tod eines Menschen ergeben sich persönliche und rechtliche Fragen zum Umgang mit den Daten in der virtuellen Realität. Profile in den sozialen Netzwerken, Avatare, Accounts bestehen weiter.

Wem gehören die Daten nach dem Ableben, gibt es einen Rechtsanspruch auf Löschung und was bedeutet der Kontrollverlust über die Daten? Gibt es ein Recht auf das Vergessenwerden?

In der begehbaren Installation DELETHE spielen künstlerische Reflektionen zum Wandel unserer Zeit sowie das Verhältnis konkreter zu virtueller Realität in Bezug auf die Speicherung und Löschung von Daten, Vergessen und Archivieren eine Rolle.

Nowak (*1981 in Mainz, lebt in Berlin) studierte von 2002 bis 2007 Kunst an der Universität der Künste, Berlin, war Meisterschüler von Prof. Lothar Baumgarten und besuchte 2007 die Bildhauerklasse von Xiang Jing an der Shanghai Normal University.

2007 wurde ihm das Georg-Meistermann-Stipendium verliehen. 2014 kuratierte er in Zusammenarbeit mit dem Museum Marta die internationale Ausstellung „BOOSTER Kunst Sound Maschine“ und wurde mit dem GASAG Kunstpreis ausgezeichnet, der herausragende künstlerische Position an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technik ehrt.

Begleitprogramm

Künstlergespräch am Freitag, 06. September 2019 um 18:00 Uhr

Städtische Galerie Wolfsburg

Im Anschluss um 20:00 Uhr Filmvorführung im Hallenbad – Kultur am Schachtweg

„WAR of ART“ mit Nik Nowak als Gast

Im Gespräch gibt der Künstler Auskunft über seine Reise nach Nordkorea und die Hintergründe zum Film.

 

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03.06.2019 Einfluss der Pop Art

GFDK - Werk der Woche - Angelika Blaeser

Nina Nolte, geboren 1957 in El Salvador, beschwört mit ihren Licht durchfluteten Swimmingpool-Bildern den immerwährenden Sommer herauf. Leuchtendes, klares Wasserblau bildet die Folie für Szenerien, die auf den ersten Blick Schnappschüssen aus einem Urlaubsalbum gleichen.

Malerei von Nina Nolte

Die Malerei der aktuell in Düsseldorf lebenden Künstlerin ist fotorealistisch, der Einfluss der Pop Art vor allem an der satt leuchtenden Farbpalette unverkennbar. Fotografien sind das Ausgangsmaterial für ihre Bilder, jedoch folgen die Kompositionen einer eigenen, innerbildlichen Logik, die auf absolute Stimmigkeit aller Elemente zielt.

Das überraschende Resultat ist eine Wirklichkeit, die auf minutiöse Hyperrealismen verzichtet und doch die Schönheit des Körpers, seine Würde und Eleganz darstellt oder Momente reiner Lebensfreude spiegelt (Pool-Paintings). 

The best is yet to come, das Titel gebende Bild der Ausstellung, ist Teil einer Serie von Arbeiten, die Frauen mittleren Alters zeigen, im Wasser stehend, rauchend, plaudernd, sich schminkend, die einfarbigen oder ornamental gemusterten Turbane kunstvoll um den Kopf gewunden. Die Frauen sind mit sich beschäftigt, schauen den Betrachter nicht an, feiern sich selbst, stolz und in sich ruhend.

Nina Nolte Biografie

Ausbildung  

1957 geboren als Kind deutscher Eltern in San Salvador, El Salvador

1959 – 1964 Übersiedelung nach Deutschland und Einschulung in die Grundschule in Mannheim/ Feudenheim

1964 – 1972 Umzug nach Barcelona, Grundschule und Gymnasium an der Deutschen Schule Barcelona

1972 – 1976 Fortsetzung der Gymnasialzeit am Max Planck Gymnasium in Ludwigshafen am Rhein, Abitur

1976 1976 – 1991 Deutsche Lufthansa, Frankfurt am Main und München, erste Arbeiten auf Papier mit Acryl- und Aquarellfarben, autodidaktischer Erwerb der Maltechniken, erste Ausstellung

1991 - 1997 freiberufliche künstlerische Tätigkeit in München, erste Ausstellung in einer Galerie

1991 1997 – 2010 Übersiedelung nach Andalusien, San Pedro Alcántara, und zunehmend großformatige Arbeiten mit Acryl auf Leinwand, Weiterentwicklung zur gegenwärtigen künstlerischen Position

Einzelausstellungen  

1991 - 1993 Galerie Inter Art/ München

1992 Galerie am Theater, Aachen

1994 Galerie Art Forum/ Mexico City

         Galerie Perplex/ Berlin

1995 Galerie Espace Suizze/ Strasbourg Haupthaus von Mercedes-Benz/ Berlin

1996 University Club/ Washington D.C.

         Art Trust International Gallery/ Sarasota, Florida

1997 Fabien Fryns Gallery/ Marbella

         Mercedes-Benz/ Dresden

1998 vier Wanderausstellungen mit der Diputación de Málaga, Área de Cultura y Educación (der Abteilung für Kultur und Erziehung der Provinzregierung von Malaga) in Fuengirola, Antequera, Pizarra und Casabermeja Galerie Rina Bouwen/ Madrid

1999 Galerie Art Forum/ Mexico City

         Galerie Minkner/ Palma de Mallorca

2000 Galerie Espacio/ San Salvador (El Salvador)

2002 Art Seasons Gallery/ Singapur

2003 Pablo Goebel Fine Arts/ Mexico City

         Galerie Espacio/ San Salvador (El Salvador), Portrait für die Gattin des

         salvadorenischen Staatspräsidenten

(1999 – 2004) Francisco Guillermo Flores Pérez Art Thiess/ München

2004 Thomas Punzmann Gallery/ Marbella

2006 Galerie Carmen del Campo/ Cordoba Art Thiess/ München

2007 Sara Nightingale Gallery/ Water Mill, Long Island NY

          Casino de Marbella

2009 Sara Nightingale Gallery/ Shelter Island NY

          Galerie Jorge Alcolea/ Madrid

          Thomas Punzmann Gallery/ Marbella

 

Gruppenausstellungen (Auswahl ab 2008)

2008 Galerie Jorge Alcolea/ Madrid

         Galerie Elizabeth Budia/ Barcelona

         Sara Nightingale Gallery/ Water Mill NY

         Art Thiess/ Muenchen

         Berliner Liste, mit Thomas Punzmann

         Gallery MIArt/ Mailand, mit Galerie Jorge Alcolea

         Bridge Art Fair/ New York, mit Galerie Jorge Alcolea

2009 Janine Bean Gallery/ Berlin

         Galerie Jorge Alcolea/ Madrid

         Berliner Liste/ Berlin, mit Thomas Punzmann Gallery

2010 Galerie Angelika Blaeser, Duesseldorf

          Galerie Jorge Alcolea/ Madrid

          Rivera & Rivera Gallery/ Los Angeles

          Anya Tish Gallery, Houston

          Janine Bean Gallery/ Berlin

          PAN Amsterdam, mit Willem Kerseboom

         Gallery Berliner Liste, mit Thomas Punzmann

         Gallery Hot Art Fair/ Basel, mit Thomas Punzmann

         Gallery Art Antique/ Utrecht, mit Willem Kerseboom

         Gallery ART Amsterdam, mit Willem Kerseboom

         Gallery ART-Fair 21, mit Thomas Punzmann Gall

Galeriekontakt:

Galerie Angelika Blaeser

modern & contemporary art

Bastionstr. 10

40213 Düsseldorf

+49 (0)211 877 44 582

+49 (0)172 977 44 00

info@remove-this.galerie-angelika-blaeser.de

 

Öffnungszeiten: Di. – Fr. 11 – 18 Uhr, Sa. 11 – 15 Uhr, sowie nach Vereinbarung

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03.06.2019 das wesen der natur

GFDK - Birgit Enge

Seine Leidenschaft gilt den Bergen: Peter Mathis, geboren 1961, lebt in Hohenems, wenn er nicht gerade an den unterschiedlichsten Orten der Welt fotografiert. Seit 1986 gilt er vor allem als Spezialist für atemberaubende und naturgetreue Sport- und Outdoor-Bilder, vom Klettern über Schi bis zu Motorsport.

Zahlreiche internationale Firmen wie Adidas, HellyHansen, Red Bull, Daimler Benz, Lufthansa oder auch die Österreich Werbung zählen zu seinen Kunden. Viele Magazine und Werbeagenturen weltweit setzen ebenfalls auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten und die strikte Philosophie des Peter Mathis.

Seit 1998 gewann er verschiedene Auszeichnungen bei Wettbewerben und Festivals von Kanada bis Italien. 2007 wurde ihm in Schweden der Titel eines Hasselblad Masters verliehen. 2008 zeichnete ihn die Vereinigung der Europäischen Berufsfotografen in Belgien zum Master of European Photography aus.
 

Mehr als ein Dutzend Bücher hat der Vorarlberger bisher veröffentlicht, sein jüngstes Werk „Visual Dualism – Dolomites“ wird im Rahmen der Ausstellung im Atelier Jungwirth erstmals vorgestellt. In Graz werden vor allem die Naturfotografien aus den Dolomiten zu sehen sein, die Peter Mathis in den Jahren seit 2009 speziell für dieses Buch aufgenommen hat.

Die Dualität von hell und dunkel, Linien, Strukturen, Licht und Schatten ist einzigartig; bei Mathis wird nichts dem Zufall überlassen.

Peter ist kein Jäger des ‚schönen Motivs’, nicht auf der Suche nach der dekorativen Szenerie oder dem spektakulären Moment. Ihm geht es stattdessen um den Kern der Natur, um ihr Wesen und ihre Schönheit, die sich in jedem Detail offenbaren kann – wenn man es nur richtig zu sehen vermag“, schreibt die Kunsthistorikerin Christiane Schmieger.


Ein Bild ist bei Peter Mathis folglich nicht einfach die Wiedergabe eines Augenblicks, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Auseinandersetzung mit Motiv, Licht und Umgebung. Spätere Eingriffe mit dem Computer oder banale Effekthascherei lehnt der Fotograf explizit ab.

Wenn er Sportler fotografiert, so achtet er stets darauf, dass die Natur nicht zu Schaden kommt. Neben den Landschaften werden Portraitaufnahmen immer wichtiger in seinem Werk. Auffallend auch ein immer stärkeres Faible für Schwarzweiß-Bilder.

Birgit Enge, Atelier Jungwirth, Opernring 12, A-8010 Graz. Tel. +43/(0)316-815505 - mail@atelierjungwirth.com, www.atelierjungwirth.com
 

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03.06.2019 Hund, Katz und Maus

GFDK - Werk der Woche

Geliebte Gefährten - Künstlerin Anne Kückelhaus stellt Herrchens bester Freund und Frauchens Schmusekatze – unser aller Lieblinge -in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens. Zu sehen sind die tierischen Installationen aktuell im Kunstverein Trier.

Geschichten, die ich in meinen Arbeiten erzähle, haben ihren Ursprung im täglichen Leben -
die kleinen Komödien und Tragödien des Alltags werden in ihrer Überführung in eine Skulptur oder Installation bisweilen kritisch, immer aber humorvoll kommentiert.


In der Überzeichnung der Figuren und der Neuordnung ihres Kontextes, zeigen meine Arbeiten ihre erzählerische Kraft.

[…] Das gemischte Material wie auch die reduzierte Oberflächengestaltung korrespondieren mit [Anne Kückelhaus‘] Hang zur Abstraktion, und es ist der Künstlerin nie um naturalistische Abbildlichkeit zu tun: Die keramischen Kückelhaustiere haben kein Fell, kein Gefieder - oft nicht einmal die Andeutung eines solchen - es sind gespachtelte, geknetete Oberflächen; plastisch ja, körperlich anwesend, aber haptisch nicht greifbar. Und ganz bestimmt: Kein Streichelzoo.


Überhaupt hat man vor Kückelhaus’ Skulpturen den Eindruck, sie wollten stets auf ihr Ursprungsmaterial hinweisen, auf den formbaren Ton - so als besäßen alle Wesen, aber eben auch die Gegenstände noch metamorphotisches Potential; wenn nicht aus sich selbst heraus, dann doch unter den Händen ihrer Schöpferin, so als könnten sie sich jederzeit in etwas völlig anderes verwandeln. […]

Durch das Arrangement der Einzelkomponenten provoziere ich bewusst die Projektion menschlicher Eigenschaften auf die Tiere und Situationen und spreche die Empfindungen des Betrachters gezielt an, so dass die vom Tier gezeigten Handlungen und Verhaltensweisen doch auch zugleich vom Menschen erzählen.

[…]Es ist grundsätzlich einer der spannenden Züge an der Kunst von Anne Kückelhaus, dass sie – mal offensichtlich, mal unterschwellig - einen starken Zug ins Narrative aufweist.

Und zwar dergestalt, dass nicht etwa in Bildern und Figuren Geschichten erzählt werden, sondern dass wir Motiven begegnen, die Erzählerisches, aufs höchste verdichtet, im Keim enthalten: Wir müssen sie nur noch mit dem Wasser unserer Phantasie begießen, um Geschichten daraus sprießen zu lassen. […]

In meinen Arbeiten konfrontiere ich den Betrachter mit bekannten und doch unerwarteten Bildern. Vertraut Geglaubtes wird zum Denkanlass, in der Reflexion werden individuelle Sichtweisen vielfach beleuchtet, divergente Sichtweisen durchgespielt, vielleicht Verbindendes gefunden und so Geschichten erzählt/gefunden.

Kunst von Anne Kückelhaus

Ich präsentiere meine Figuren häufig in installativen Zusammenstellungen. Dabei finden unterschiedliche Materialitäten in meinen Arbeiten zusammen (Keramik, Textil, Zeichnung, …) und erweitern die meist keramische Grundkomponente.

Jedes Material mit seinem erzählerischen Potential wird ein wichtiger Bestandteil der Gesamtarbeit – so nutze ich beispielsweise in der Arbeit „Verkündung“ fluoreszierende pinke Sprayfarbe zur Verstärkung des Ausdrucks der tierischen Aggression.

Neben dem erzählerischen Zusammenspiel der unterschiedlichen Materialien, trägt auch der Präsentationsraum mit seiner eigenen Geschichte, seinen architektonischen Besonderheiten und seiner Stimmung zur Gesamtwahrnehmung meiner figürlichen Arbeiten bei.

Diese werden vielfach für bestimmte Orte entwickelt, oder in ihrer Ausarbeitung und Präsentation an gegebene Raumsituationen angebunden. Ausstellungen folgen oftmals einem übergeordneten Thema – die Geschichten der Einzelarbeiten ergänzen sich und verflechten sich so zu einem größeren Gesamtbild.

Kursiv: Auszüge aus: Dr. Stephan Trescher: „Frei & Wild“

Ausstellung in Trier

Die Arbeit von Anne Kückelhaus war bis 2018 im Kunstverein Trier zu sehen:

Anne Kückelhaus, Geliebte Gefährten, 2. 12. 2017 bis 13. 1. 2018

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24.05.2019 Europa als todkranke Patientin

GFDK - Werk der Woche

Unser Ziel ist es, dass Europa einmal ein großes, gemeinsames Haus für die Europäer wird, ein Haus der Freiheit. Konrad Adenauer

Brexit, Geflüchtete, zunehmender Nationalismus, die EU droht auseinanderzubrechen. Die Düsseldorfer Künstlerin Johanna Wiens, Schülerin von Jörg Immendorff und Meisterschülerin der Kunstakademie Düsseldorf, hat ein Kunstwerk geschaffen, mit dem sie ihre Sorge um die europäische Gemeinschaft ausdrückt. In ihrem Gemälde Aneurysma zeigt sie Europa als todkranke Patientin, die gerade operiert wird.

Mit ihrem Bild will Johanna Wiens eindringlich dazu aufrufen, am kommenden Sonntag zur Europawahl zu gehen. Unser gemeinsames Europa steht für Werte wie Freiheit, Rechtstaatlichkeit und Solidarität. Die dürfen wir unter gar keinen Umständen aufs Spiel setzen, betont die gebürtige Polin.

Angesichts des Machtzuwachses nationalistischer Parteien in vielen europäischen Ländern plädiert die Künstlerin für eine vernünftige Entscheidung in der Wahlkabine: Wir sollten nicht zulassen, dass sich Kräfte, die strikt gegen die EU sind, im Europaparlament durchsetzen. Das wäre so, wie wenn ich mich von Ärzten operieren lasse, denen es nicht um meine Gesundheit geht.

Johanna Wiens, geb. 1976, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf als Schülerin von Jörg Immendorff und Meisterschülerin von Gerhard Merz.

Sie lebte nach dem Studium einige Jahre in China, Taiwan und Japan und beschäftigte sich mit den dortigen Geistes - und Kulturformen. Seit ihrer Rückkehr beschäftigt sie sich mit der geschichtlichen und europäischer Identität.

 

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17.05.2019 Motive der Berliner Großstadt

GFDK-Werk der Woche

Bereits Ernst Ludwig Kirchner und dessen expressionistische Kreise entdeckten das Motiv der Berliner Großstadt als einen facettenreichen und faszinierenden Ausdruck menschlichen Lebens.

Anders jedoch als bei den lebendigen und kraftvollen Gesamtdarstellungen der Expressionisten wendet sich Renata Tumarova in ihren Bildern spezifischen Stadtszenarien zu.

Zunächst verborgen hinter einem Schleier aus großstädtischer Geschwindigkeit oder glänzenden Regenwänden treten in ihren nächtlichen Szenen immer wieder einzelne Menschen oder Personengruppen hervor.

Während diese für einen Moment aus ihrem Alltag herausgerissen werden und wie im Zeitlupentempo verharren, fliegen die Lichter und Reflexe der Stadt an ihnen vorbei und erwecken den Eindruck tiefer Melancholie und Einsamkeit.

Der Betrachter selbst findet sich dabei unweigerlich in den oftmals großformatigen Bildern der Künstlerin wieder, wenn er beispielsweise in "After midnight" einer jungen Frau mit rotem Mantel und gelbem Regenschirm gegenübersteht, ganz so, als wäre er Teil jener zeitlichen Verkürzung, welche die Grenzen zwischen Bild und Betrachter auflöst.

Im Gegensatz dazu begibt sich die Künstlerin in Gemälden, wie "I thought I could join them" oder "Moll Gree - The arriving of the gambas" an die Küsten Venedigs und Spaniens. Sie entfernt sich von den düsteren Motiven der Großstadt und wendet sich statt dessen dem bunten und temperamentvollen Leben jener südlichen Regionen zu.

Auf ihren Reisen zu den Orten ihrer Bilder fängt sie deren Charakteristiken ein. Atmosphärische Lichtwirkungen und natürliche Impressionen spielen dabei ebenso eine Rolle, wie das Leben der Menschen und deren offene Mentalität.

Fast schon virtuos vermag es die Künstlerin dabei mit den Ölfarben umzugehen und die Zustände verschiedener Stofflichkeiten, wie die schimmernde Transparenz des Regens, die spiegelnden Reflexe einer Wasserpfütze oder die Leuchtkraft von Scheinwerfern und Laternen, wiederzugeben.

Durch eine bewusst gewählte Ausschnitthaftigkeit, die an die Anfänge der amerikanischen street photography erinnert, lenkt Renata Tumarova den Blick immer wieder auf bestimmte Situationen.

Gleichzeitig implizieren jene Ausschnitte, dass der Betrachter stets nur den kleinen Teil eines großen Ganzen vor Augen geführt bekommt und, dass das Weiterdenken über die Grenzen des Bildträgers hinaus durchaus erwünscht ist.

Ein gedanktlicher Spielraum ist es schließlich auch, welcher die Konturen der Motive verschwimmen lässt und einzelne Personen, wie das junge Mädchen in "Wieder am See" in einen dunklen Schatten verwandelt, der lediglich das platonische Abbild einer verborgenen Realität darstellt.

Renata Tumarovas Bilder unterliegen dabei einem stets unvollendeten Charakter, welcher die nicht immer ganz eindeutigen Orte zu fragmentarischen Ausschnitten der menschlichen Existenz erweitert.

Die Redaktion GFDK vergibt 5 Sterne für die Künstlerin. (Kaufen)

Preise von 750 bis 7000 Euro.

 

galerie gerken                         

auguststraße 49

10119 berlin

tel.: + 49 30 978 940 66            

www.galerie-gerken.de          

 

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06.05.2019 ein Spiegel für die Seiten des Lebens

GFDK - Werk der Woche

Die Welt meiner Bilder sind Innen- und Aussenräume bei Tag und auch bei Nacht. Sie sind Wiedergabe meines alltäglichen Lebens und meiner erlebten Umwelt. Vordergründig scheinen sie eine heile, bürgerliche und vergnügliche, betriebsam, fleißig aufstrebende, menschliche Umwelt darzustellen, aber bei genauer Betrachtung werden alltägliche Gegenstände zu Metaphern der realistischen, oft aggressiven "Lebenswelt".

Die Räume sind angefüllt mit den nützlichen, aber unscheinbaren Gegenständen des täglichen Gebrauchs, die für uns oft nur zweckdienlich sind und uns daher nicht beachtenswert, eher unschön erscheinen.

Aber gerade die Hervorhebung dieser unscheinbaren Gegenstände mit ihrer diffizilen Vielfältigkeit, den Ecken und Kanten im Spiel mit Licht, Schatten und Farbe erlangen so einen starken Reiz.

Sie sind auf einmal ein fester Punkt im Bild, nicht wegzudenken aus der kompositionellen Gesamtheit des Bildes. Ein dichtes Farbgewebe, aus akzentuierten Punkten zu gedämpften, feinen Nuancen und Flächen.

Es sind Dinge, die durch Skizzen schnell festgehalten wurden. Auf der Leinwand ist es dann nicht nur ein Prozess des Übertragens der flüchtigen Momente, sondern diese flüchtigen Momente werden bewusst zu einer neuen Komposition verändert.

Dinge erhalten so neue gegenseitige Beziehungen und somit eine neue Inhaltlichkeit, die in den nachträglich gegebenen, oft ironischen, Titeln wie z. B. „Love to Love“ angedeutet werden.

Das Hell-Dunkel ist ein Spiel zwischen dem Gegensatz Tag/Nacht. Ist es noch Nacht? Ist es schon Tag? Ist es ein künstliches oder ein natürliches Licht? Das Prinzip der Gegensätzlichkeit der Welt und deren Beziehungen und Probleme miteinander werden so zu einem zentralen Bildthema.

Für uns eher markante Dinge wie z.B. ein Stuhl oder ein Tisch treten in ihrer Prägnanz zu Gunsten gewisser "Undinge", wie z.B. Lichtflecken zurück. Ein Dialog zwischen den einzelnen Gegenständen entsteht. Manche befreien sich von Ihrer ursprünglichen Funktion und werden so zu Protagonisten für deren Benutzer.

Verstärkt wird diese „neue“ Funktion durch die Komposition. Oft diagonale Bildkompositionen erzeugen eine starke Dynamik, einhergehend mit einer nun herrschenden starken Lebendigkeit der ehemaligen "nature morte".

Die Dynamik erhält eine zusätzliche Beschleunigung durch die oft extremen Vogel- als auch Froschperspektiven. Die Starre, die diese gewählten Gegenstände hervorrufen können, wird aufgehoben und kann bis zu einer angreifenden Aggressivität gesteigert werden.

Die subjektive Beobachtung der Gegenstände im Spiel des Lichtes ermöglicht eine freie malerische Umsetzung, die eine Metarmophose der Objekte zu neuen Eigenformen zuläßt. Bei diesem Wechsel werden innerhalb eines minimalen Zeitraumes die räumlichen Betonungen und die Farbnuancen neu verteilt.

Statik wird zu Bewegung und die Objekthaftigkeit eines Gegenstandes wechselt zu einer starken Subjektivität. Somit ist auch der Wechsel von der mathematisch, objektiven Perspektive zu einer im Bild wechselnden, teilweise aufgelösten, subjektiven Perspektive möglich.

So entstand das Bild 'Devil's Garden' nach einer Skizze, die im bekannten Biergarten 'Schleusenkrug' am Landwehrkanal im Tiergarten entstanden ist. Städtisch und doch im Grünen. Das nächtliche Ambiente ist ein Mischung aus erster Nachkühle und auch Dampf von der vergangenen Hitze des Tages. Eine Vorahnung, was in den nächsten Tagen passieren könnte. 

In den Bildern entstehen Beziehungen, Rückantworten, Abtrennungen als auch Brüche. Sie sind ein Spiegel für die frohen, leichten, beschwingten ebenso wie für die düsteren, beängstigenden, verzweifelten und verlorenen Seiten des Lebens.

BIOGRAPHIE:

Dorothea Schüle lebt und arbeitet in Düsseldorf und Berlin.

Dorothea Schüle, 1970 geboren in Pforzheim, 1990 Studium an der Freien Kunstschule Stuttgart, 1991 Beginn des Studiums an der Kunstakademie Münster und an der Westfälischen Wilhelms Universität, 1999 1. Staatsexamen für Bildende Kunst und Geographie, Akademiebrief.

PREISE UND AUSZEICHNUNGEN:

1993 1. Platz des Xaver-Fuhr-Preises

1995 Ernennung zur Meisterschülerin von Prof. Hermann Josef  Kuhna,  Akademiestipendium Rom

2002 Stipendium des Glückstadt Destination Managment

2003 Gaststipendium in der Villa Romana, Florenz

2007 Kaiserswerther Kunstpreis, Gesellschaft Freunde der Künste - GFDK

2015 Burg Kniphausen, „West sieht Nord“, Plein Air an der Küste

 

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06.05.2019 weg von oberflächigen Posen

GFDK - Werk der Woche- Enno Kaufhold und Andreas Kesberger

INNER SPACES. Surreale Welten - Ganz haben die fotografischen Bilder die figürlichen Darstellungen in der Malerei, der Grafik oder der Skulptur wohl nicht verdrängt, gemessen aber an den vielfältigsten figürlichen Darstellungen, wie sie das 19. Jahrhundert noch mit seinen unzähligen christlichen, mythologischen, Genre- und Historienbilder kannte, ist das Figürliche heute in diesen traditionellen Medien nur vereinzelt anzutreffen.

Figürliches finden wir vor allem in der Werbung und in der Fotokunst, in der überwiegenden Mehrzahl in inszenierten Bildern. In ihrem Raffinement und ihrem Realismus sind sie den historischen Bildern inzwischen weit überlegen.

Dass nur das fotografiert werden kann, was faktisch vor dem Objektiv existiert, diese Zeiten sind vorbei. Die digitale Technologie macht die szenischen Möglichkeiten inzwischen grenzenlos. Am Computer lassen sich alle nur denkbaren Szenarien generieren und dann in eine fotografisch anmutende Form übertragen.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die von Dirk Hanus inszenierten Bilder seiner Serie „inner spaces“ Bedeutung. Denn sie weichen entschieden von unseren Seherfahrungen ab: Wir erblicken Frauen und Männer, Mädchen und Jungen, die in Räumen agieren, wie wir sie zwar kennen, doch erscheinen die Handelnden in rätselhaften und nicht eindeutigen Arrangements.

Bei aller fotografischen Detailgenauigkeit und Wiedererkennbarkeit, sei es der Kleidung oder der Interieurs, also dem Vertrauten, sind es vor allem die Körperhaltungen der Personen und dann die hinsichtlich ihrer Quellen mysteriösen Beleuchtungen, die uns gleichermaßen irritieren. Mit anderen Worten, Dirk Hanus’ Inszenierungen wirken surreal.

In ihrer Surrealität beziehen sie sich jedoch nicht auf die Bilder der Surrealisten der zwanziger Jahre und deren Insistieren auf den psychischen Automatismus, sondern reihen sich in die Tradition surrealer Motive ein, wie sie die Kunstgeschichte seit Jahrhunderten als Ausdruck der Fantasien und Empfindungen einzelner Künstler kennt.

Insofern sind sie kunsthistorisch verankert und zeigen zugleich deutliche Bezüge zur aktuellen figurativen Fotokunst. Denken wir an Jeff Wall, der das Momenthafte der Straßenfotografie inszeniert, oder Philip-Lorca diCorcia, der seine Straßenmotive mit dem Studioblitz ausleuchtet und auf diese Weise verfremdet. In dem bewussten Inszenieren der Personen und der verfremdenden Lichtgestaltung zeigen sich methodische Parallelen, die Bildgestaltungen haben aber einen eigenen, originären Charakter.

Dirk Hanus’ Inszenierungen folgen, wie schon in seinen früheren Bildern, ganz seinen Fantasien und Intuitionen, sie sind einerseits in der Wahl der Modelle, der Räume und deren Interieurs dramaturgisch genauestens geplant und leben andererseits von spontanen Entscheidungen bei der praktischen Umsetzung.

Wenn seine Bilder in der Folge in ihrem digital bearbeiteten Erscheinungsbild von der Realität abweichen, dann geschieht das in der Überzeugung, dass unser unmittelbarer Alltag wie die Fülle der medial vermittelten Ereignisse aus allen Regionen unseres Globus’ mittlerweile in einem Maße Kuriositäten und Absonderlichkeiten bereithalten, die all unsere Vorstellungen übertreffen.

Soziologisch gefasst zeigt uns Dirk Hanus in seinen Licht- und Farbräumen die Welt des bürgerlichen Mittelstandes in Europa. Dass die Handelnden durchgehend allein in Innenräumen zu sehen sind, suggeriert eine gewisse Einsamkeit und Verlorenheit.

Ungeachtet der körpersprachlichen Vielfalt verharren die abgebildeten Personen in quasi traumhaften oder filmischen Szenen, von denen wir nicht wissen, was davor passiert ist und was noch folgen wird. Dem Bildbetrachter obliegt es, eine eigene Geschichte zu entwickeln. Das macht die surrealen Szenen zu Quellen unserer realen Emotionen und Fantasien.

Dr. Enno Kaufhold

Die Bilderflut ist Alltag. Eine Antwort darauf ist keine Zeit. Wenn der Mensch noch hinschaut, dann nur ganz kurz. Dazu muss die Botschaft schnell entschlüsselbar sein. Hier setzen auch die Bilder von Dirk Hanus an. Handwerklich perfekt, erinnern sie an die glatte Werbeästhetik unserer Tage. Die Einrichtungen kennen wir alle, die Menschen darauf meinen wir auch zu kennen.

Doch genau in dem Moment, in dem das Auge eigentlich schon weiter will, greifen die Widerhaken. Das Licht ist nicht logisch. Oft unklar geführt. Unschärfen, dunkle Bereiche, offene Türen, seltsame Schränke. Überstrahlungen.

Diese Irritationen finden sich wieder im Zentrum eines jeden Bildes der Serie. Im Zentrum steht, liegt, hockt der Mensch. Meist in reichlich seltsamen Körperhaltungen. Immer allein, gefangen (verloren?) - in einer Situation, die sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick erschließt. Vielleicht nicht einmal auf den zweiten oder dritten.

Vielleicht auch nie. Was passiert außerhalb unseres Blickfeldes, was geht über den Bildrand hinaus? Wir wissen es nicht, aber wir wollen es wissen. Und schon sind wir selbst in ihnen gefangen, in den surrealen Inszenierungen der „Inner Spaces“.

Andreas Kesberger, Berlin

www.dirkhanus.de

Galerie am Markt 21
D-99423 Weimar
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06.05.2019 Förderpreis 2008 für Sala Lieber

GFDK - Werk der Woche - Elmar Zorn

Lust auf alte Techniken für neue Bilder

Wie stimulierend Maler wie Fragonard, Boucher und Tiepolo auf heutige Maler zu wirken imstande sind, lässt sich am erstaunlichen Werk der ungarischen Malerin Sala Lieber, die nach dem Dresdner und Düsseldorfer Studium u.a. bei Jörg Immendorff und Gerhard Merz sowie bei Brandl abschloss und jetzt post gra-duate weiter studiert, erkennen wie bei keinem anderen Künstler der Gegenwart.

Ihre erklärte Liebe zum Dekor entfaltet sich in detailtreuen Nachempfindungen von Barock- und Rokoko-Ornamenten in ihren Zeichnungen und Malereien von Brokatstoffen, Samt und Seide, Verzierungen, Arabesken, Bordüren, Rocaille-Muschelformen, Lüstern, Perücken.

Kaum ein bekanntes dieser Muster entgeht der Wiedererweckung durch die Künstlerin. Sala Lieber bringt geradezu ein Manifest des Ornaments auf die Leinwand - das genaue Gegenteil also des Manifestes gegen das Ornament, verfasst vom Wiener Architekten Adolf Loos in seinem Essay „Ornament und Verbrechen" von 1908, wo der Höhepunkt einer Kultur am Fehlen der Ornamente gemessen wird.

In der Platzierung ihrer Ornamente meint Sala Lieber jedoch keine Oberfläche, die zu verschönern ist. Ihre floralen und dekorativen Konstruktionen auf der Leinwand zielen auf das innerste Wesen der Form, deren Element die zur Wirbelbewegung gerundete Linie darstellt.

Die schöne Form soll im Kürzel des Ornaments alle Aspekte des Lebens und der Kunst umfassen, auch das Hässliche dieser universellen Sprache, die heute zwar wieder allenthalben gesprochen wird, doch eher in der Reklamewelt und zu wenig auf der Ebene ästhetischen Diskurses.

Es geht also bei Sala Liebers Kunst, ihrer Zeichnung, ihren Siebdrucken und ihrer Malerei durchaus nicht um die „süße" Oberfläche bei der dekorativen, arabesk ver-spielten Form- und Farbgebung, sondern um die Entwicklung einer neuen Bildsprache im Rückgriff auf die altmeisterliche des Rokoko.

Die Einzigartigkeit ihrer Bilderfindungen besteht dabei nicht in der Gestalt der Elemente, die sie gebraucht, sondern in ihrem Einsatz, ihrer Konstruktion auf der Bildfläche.

Wir entdecken, dass die Künstlerin in der Art und Weise, wie sie die nackten Leiber im oft leeren Raum in abenteuerlichen Drehungen und Verrenkungen in Beziehung setzt und gemeinsam fliegen lässt, eigentlich eine Reise in die Welt barocker Bilderfindungen darstellt, mit ihren durch die Moderne und die Zeitgenossenschaft geschulten Wahrnehmungsinstrumenten.

Diese Reise lässt sich auch als eine Reise in einen undefinierbar fernen, geradezu unendlichen Bildraum verstehen, den sie auf der zweidimensionalen Fläche der Leinwand errichtet.

Die Grundsituation der in den Raum geworfenen und ins Bodenlose stürzenden Figuren, die sich im Sturz noch navigierend in Beziehung setzen (etwa in erotische), gewissermaßen ein Tiepolo-Fresko ohne Kuppel evozierend, löst aber nicht nur Engel-Seligkeit aus, sondern deutet auch auf eine womöglich existentielle Einsamkeit der konstruierten Distanzen zu fernen Zeiten und fernen Räumen hin.

Es ist sicher kein Zufall, dass wir solche Zeit- und Raumphantasien aus dem Geiste unseres heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes über Raumkrümmung, Vervielfachung der Raum-Zeit-Dimensionen, Auflösung der Materie in unvorstellbar kleinen Nano- und unvorstellbar großen Weltraumbereichen, als befremdliche, subtil bedrohliche Konnotationen, die im Dekorativen und im Bukolischen schlummern, und ja auch gerade in der Malerei des Rokoko als ihr moderner Aspekt der Tendenzen zur Entgrenzung und Auflösung wiederentdecken.

Exemplarisch nicht nur bei Sala Lieber, sondern auch bei dem in Berlin und Peking gefeierten, vom Galeristen-Trendsetter Alexander Ochs vertretenen Maler Maio Xiaochin, dessen Zyklus „The Last Judgment in Cyberspace" der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Zielinski einen Essay unter dem Titel „Neues im Alten entdecken" widmete.

Vergleichbare Visionen sehen wir eben auch bei Sala Lieber, durch die rokokohafte Leichtigkeit des Seins ihrer Figurinen hindurch, die wie ihre Dekorationen so meisterhaft in Farbe und Komposition im kunstgeschichtlich erinnerten Ambiente gesetzt sind, aber gerade durch ihre tiepolohaften Entgrenzungen und Auflösungen im Bildraum in Bann ziehen, zu einer anderen Art von Cyberspace-Reisen, mit alten Mitteln.

Elmar Zorn

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