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16.05.2020 eine Traumreise zum Albtraum

Traumreise oder Albtraum - Zwei Bücher übers Träumen

von: GFDK - Reden ist Silber - Sönke C. Weiss

Wie eine Traumreise zum Albtraum wird zeigt uns der niederländische Autor Gerwin van der Werf in seinem neuen Buch „Der Anhalter“, das bei S.Fischer (www.fischerverlage.de) erschienen ist, 286 Seiten hat und 20 Euro kostet. Zum Inhalt: Tiddo, Isa und ihr Sohn Jonathan fahren mit dem Wohnmobil durch Island.

Tiddo erhofft sich von der Reise nicht weniger, als seine zerrüttete Ehe zu retten. Irgendwann nehmen sie einen seltsamen Anhalter mit, der immer wieder neue Gründe findet, sie weiter zu begleiten.

Bis das neue geschaffene Gleichgewicht der noch immer fragilen Familie endgültig wieder zu kippen droht und Tiddo eine folgenschwere Entscheidung trifft.

Van der Werf hat glaubwürdige Figuren erschaffen, in denen ich mich immer wiedergefunden habe. Insbesondere Tiddo, ein entgleister Vater, hatte von Anfang an an meine ernsthafte Zuneigung, weil dieser immer wieder versucht, ein guter Vater zu sein.

Wer kennt diese Herausforderung nicht? „Der Anhalter“ ist ein ganz famoses Buch, wie es auch „I Seem To Live. The New York Diaries, 1950 - 2011“ von Jonas Mekas ist

Dieser unglaubliche Filmschaffende zählte zur Speerspitze der amerikanischen Filmkunst. 1922 in Litauen geboren, kam er nach dem Zweiten Weltkrieg mittel- und staatenlos in New York an und wurde dort bald Teil der Szene um Andy Warhol.

In der Tradition des Amateurregisseurs illustrierte er sein unmittelbares Umfeld wie einen nie enden wollenden Traum, der trotzdem wahr zu sein scheint. „I Seem To Live. The New York Diaries, 1950 - 2011“ ist sein literarisches Schlüsselwerk.

Der erste Band dieses Magnum Opus, der die Zeit von 1950 bis 1969 umfasst und 38 Euro kostet, ist jetzt posthum ein Jahr nach Mekas’ Tod 2019 bei Spector Books in Leipzig (www.spectorbooks.com) auf Englisch erschienen.

Er umfasst 824 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Dieses fulminante Werk - nicht verwunderlich, sind Jonas Mekas’ Filme nicht selten drei oder vier Stunden lang - steht gleichberechtigt neben seinem filmischen Schaffen.

Es ist ehrlich, berührt und spiegelt eine Zeit des Aufbruchs und der Veränderung. Die totale und unverfälschte Reflexion des Lebens manifestiert den Anspruch Jonas Mekas’ Kunst, die er neben seiner wöchentlichen Kolumne in der New Yorker „Village Voice“ und seinem Magazin „Film Culture“ kultivierte.

Für mich war und ist Jonas Mekas immer schon das wahre amerikanische Kino gewesen, aus dem Regisseure wie Martin Scorsese oder Francis Ford Coppola wuchsen, bevor sie zu bezahlten Gehilfen Hollywoods wurden.

Insbesondere seine Meisterwerke „As I was moving ahead, I saw brief Glimpses of Beauty“ (2000) und „Lost, Lost, Lost“ (1976) sind gefilmte Selbstporträts, die jedem Cineasten unvergesslich bleiben werden.

Leider blieb diese Ikone einem breiten Publikum so gut wie unbekannt. Vielleicht hilft dieses Buch und die folgenden Bände, dass Mekas unverkennbare Filmsprache nie ein Ende erfährt.

Sönke C. Weiss

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